Archiv des Monats: Mai 2026

Briefe an die nahe Ferne (14 )

Es hat endlich geregnet, viel zu wenig, der Boden ist noch immer bedenklich ausgetrocknet. Aber alles, was wachsen kann ist in den paar Tagen, fast verdurstet, den rettenden Tropfen entgegengewachsen und ganz schnell aufgeschossen. Das Gras steht kerzengerade da, der Löwenzahn reckt sich empor, aber es kommt nichts mehr, die Sonne scheint wieder gnadenlos und die letzten Tropfen sind schon wieder verdunstet, sozusagen im Herniederfallen.

Das Leben geht so dahin, der Frühling ist angeblich ein lang ersehnter Aufbruch, aber von woher nach wohin? Der Winter war angeblich lang, ich habe das gar nicht so empfunden. Wir mußten nur zweimal Schneeräumen und es war auch nie so richtig bitterkalt. Die Jahreszeiten kommen und gehen und bevor man halbwegs in ihnen angekommen ist, hat sich der Kreis längst weitergedreht. Ein paar Kilometer weiter brennt seit Tagen der Wald auf einer Bergkuppe und konnte bis jetzt nicht gelöscht werden.

Heute, am 8. Mai ist ein Jahrstag, den niemand so richtig wahrnimmt, ich auch nicht. Lutz
hat auf seinem Blog darüber geschrieben, vielen Dank dafür!

Der Tag der Befreiung vom Naziregime, am 8. Mai 1945.  60 – 70 Millionen tote Mensche hat dieser Krieg auf der ganzen Welt hinterlassen. Sich die Zahlen anzusehen ist kaum auszuhalten. Und wenn ich die Parolen höre,  die auch heute immer noch und immer wieder auf den Straßen geplärrt werden, dann kriecht mir die nackte Angst über den Rücken.

In den Nistkästen wird eifrig gebrütet, man füttert sich gegenseitig, der Vogel, der grad Brütdienst hat, wird vom anderen mit Nahrung versorgt, um bei Kräften zu bleiben. Zwischendurch ruft der Kuckuck. Ob es noch Kinder gibt, die  seine Rufe zählen? Wir haben sie  gezählt und in noch verbleibende Lebensjahre übersetzt und viel gelacht dabei, weil wir überhaupt noch kein Gefühl dafür hatten, wie schnell das Leben vorbeifliegt und wir mit ihm.

Ich durfte im Marienmonat fast täglich bei unserer damals jungen Nachbarin im weißen, immer frisch gewaschenen und polierten VW – Käfer mitfahren in die abendliche Maiandacht im Kirchdorf. Da wurden diese magischen Marienlieder gesungen, die ich heute noch liebe:

„Meerstern ich dich grüße, oh Maria hilf … Gottesmutter süße, o Maria hilf.
Maria hilf uns allen, aus unsrer bitt’ren Not.“

„Maria breit den Mantel aus,
mach Schutz und Schirm für uns daraus“

Wie naiv, sagen Manche. Ich sage, es gibt immer wieder Situationen im Leben, da ist es ein Trost, zur Himmelsmutter hinaufzusingen, und sich in den Falten ihres großen Mantels zu verkriechen.

Liebe Kraulquappe, ich grüß Dich herzlich aus der fernen Nähe!

 

Briefe an die nahe Ferne ( 13 )

Vor Jahren ist einer aus dem Sauerland  ins südöstlichste Eck der Republik gefahren. Mit ihm wurde viel Holz geliefert und mit dem, was er so brauchte und  zwei mächtigen Boxen bezog er den Dachboden einer Scheune hier in einem kleinen Marktflecken im Berchtesgadener Land. Hier hat er die letzten zwölf Jahre in einem winzigen Dachkammerl gehaust und ein Wikingerschiff gebaut. Er wollte das originale Gokstadschiff nachbauen. Das ist ca 23 Meter lang, aber in die Scheune passten nur 20 Meter, also hat er maßstabsgetreu ein Schiff mit 20 Metern gebaut. Er ist kein Zimmermann und schon gar kein Schiffsbauer, er hat immer wieder irgendwo irgendwas gearbeitet, aber wie er das viele Geld aufgebracht hat und von was er die Schulden abbezahlt, steht in den Sternen. Er wollte sich einen Herzenswunsch erfüllen und einen großen Traum Wirklichkeit werden lassen und hat sich keinen Millimeter davon abbringen lassen, auch nicht von diversen Rückschlägen.
Ob er sehr beliebt war im Ort möchte ich bezweifeln, allein schon die Lautstärke seiner Musik praktisch Tag und Nacht und sein Kampf um dieses irrsinnige Projekt, bei dem er ja oft Hilfe brauchte, die er sicher nicht bezahlen konnte und überhaupt alles, was dazugehört, um etwas eigentlich total unmögliches zu erschaffen, und sein mitgebrachtes Naturell haben ihm wohl nicht nur Freunde gemacht. Aber jetzt vor ein paar Tagen kamen alle und schauten zu, wie das Schiff vom Parkplatz, auf dem es zwischengelagert war nach Fertigstellung, auf einen Schwertransporter verladen wurde.
Die Spezialfirma für Schiffstransporte kam aus Norddeutschland und der Fahrer manövrierte unglaublich professionell das Wikingerschiff ums Eck herum und dann das enge Tal hinauf zur Autobahn. Wir sind auch dagestanden und haben es bewundert, dieses wunderschöne nachgebaute Gokstadschiff und haben uns so gefreut, daß es am nächsten Morgen in Pula am Hafen liegen würde und dann … endlich … ins Meer gleiten darf.
Wir sind ihm noch bis zum Grenzübergang nach Österreich auf der Autobahn gefolgt, haben gewunken und uns gewünscht, daß alles gut läuft und das Ergebnis eines Lebenstraums dicht bleibt und nicht absäuft. Du wunderbarer Wikinger, Spinner, Träumer, Denker, Konstruierer, selbst erschaffener Schiffsbauer ahoj und viel viel Glück bei allem, was jetzt kommt.

Ein merkwürdiges Nebeneinander zweier Geschichten, die total unterschiedlich und doch fast gleichzeitig passiert sind: Als die Kraulquappe auf dem großen Wasser der Asche ihres Papas hinterher schaute, da machte sich hier grad einer auch auf den Weg zum Meer, um seinen großen Traum dorthin zu bringen, wo er mit geblähten Segeln mit dem Wind auf dem Wasser tanzt, der Sonne folgend.

Letzte Nacht war Walpurgis, leider ist unser alter Reisigbesen nicht mehr flugtauglich, also bin ich daheim geblieben, sollen doch jetzt die jungen Hexlein fliegen, wohin sie wollen, ich bleib am Feuer sitzen, rühre im Kessel, über mir der Vollmond und wir singen zusammen die Lieblingslieder meiner Kinderzeit!

Grüß Gott, du schöner Maien,
da bist du wiedrum hier,
tust Jung und Alt erfreuen,
mit deiner Blumenzier.
Die lieben Vöglein alle,
sie singen all so hell,
Frau Nachtigall mit Schalle
hat die fürnehmste Stell.

Die kalten Wind verstummen,
der Himmel ist gar blau;
die lieben Bienlein summen
daher auf grüner Au.
O holde Lust im Maien,
da alles neu erblüht,
du kannst mir sehr erfreuen
mein Herz und mein Gemüt.

Liebe Kraulquappe, einen Enzian auf Deinen Papa, meinen Papa, den Wikinger, auf uns, die Berge und das große große Meer! Ich grüß Dich aus der fernen Nähe und aus dem Herz!