Briefe an die nahe Ferne (14 )

Es hat endlich geregnet, viel zu wenig, der Boden ist noch immer bedenklich ausgetrocknet. Aber alles, was wachsen kann ist in den paar Tagen, fast verdurstet, den rettenden Tropfen entgegengewachsen und ganz schnell aufgeschossen. Das Gras steht kerzengerade da, der Löwenzahn reckt sich empor, aber es kommt nichts mehr, die Sonne scheint wieder gnadenlos und die letzten Tropfen sind schon wieder verdunstet, sozusagen im Herniederfallen.

Das Leben geht so dahin, der Frühling ist angeblich ein lang ersehnter Aufbruch, aber von woher nach wohin? Der Winter war angeblich lang, ich habe das gar nicht so empfunden. Wir mußten nur zweimal Schneeräumen und es war auch nie so richtig bitterkalt. Die Jahreszeiten kommen und gehen und bevor man halbwegs in ihnen angekommen ist, hat sich der Kreis längst weitergedreht. Ein paar Kilometer weiter brennt seit Tagen der Wald auf einer Bergkuppe und konnte bis jetzt nicht gelöscht werden.

Heute, am 8. Mai ist ein Jahrstag, den niemand so richtig wahrnimmt, ich auch nicht. Lutz
hat auf seinem Blog darüber geschrieben, vielen Dank dafür!

Der Tag der Befreiung vom Naziregime, am 8. Mai 1945.  60 – 70 Millionen tote Mensche hat dieser Krieg auf der ganzen Welt hinterlassen. Sich die Zahlen anzusehen ist kaum auszuhalten. Und wenn ich die Parolen höre,  die auch heute immer noch und immer wieder auf den Straßen geplärrt werden, dann kriecht mir die nackte Angst über den Rücken.

In den Nistkästen wird eifrig gebrütet, man füttert sich gegenseitig, der Vogel, der grad Brütdienst hat, wird vom anderen mit Nahrung versorgt, um bei Kräften zu bleiben. Zwischendurch ruft der Kuckuck. Ob es noch Kinder gibt, die  seine Rufe zählen? Wir haben sie  gezählt und in noch verbleibende Lebensjahre übersetzt und viel gelacht dabei, weil wir überhaupt noch kein Gefühl dafür hatten, wie schnell das Leben vorbeifliegt und wir mit ihm.

Ich durfte im Marienmonat fast täglich bei unserer damals jungen Nachbarin im weißen, immer frisch gewaschenen und polierten VW – Käfer mitfahren in die abendliche Maiandacht im Kirchdorf. Da wurden diese magischen Marienlieder gesungen, die ich heute noch liebe:

„Meerstern ich dich grüße, oh Maria hilf … Gottesmutter süße, o Maria hilf.
Maria hilf uns allen, aus unsrer bitt’ren Not.“

„Maria breit den Mantel aus,
mach Schutz und Schirm für uns daraus“

Wie naiv, sagen Manche. Ich sage, es gibt immer wieder Situationen im Leben, da ist es ein Trost, zur Himmelsmutter hinaufzusingen, und sich in den Falten ihres großen Mantels zu verkriechen.

Liebe Kraulquappe, ich grüß Dich herzlich aus der fernen Nähe!

 

4 Kommentare zu „Briefe an die nahe Ferne (14 )

  1. Liebe Margarete, vielen Dank für die liebe Erwähnung und Verlinkung.
    Gerade weil solche Daten drohen, aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden, gilt es daran zu erinnern und sie einzuordnen.
    Danke, dass Du Dich da anschließt.
    Liebe Grüße Lutz

    1. Vielen Dank, lieber Wolfgang, für dieses wunderbare Lied, es ist zum Weinen schön. Ich kannte Michael Moravek noch nicht, das ändert sich aber gerade. Ganz liebe Grüße an Dich! Margarete

  2. Liebe Margarete, mir gefällt dein Gedanke, dass man oft kaum in einer Jahreszeit angekommen ist, bevor sie sich schon wieder verabschiedet. Ich denke, dass vielleicht genau darin ihre eigentliche Wahrheit liegt: dass sie weniger feste Zustände sind als Bewegungen.
    Und deine Frage „Aufbruch – aber von woher nach wohin?“ trifft einen interessanten Punkt. Vielleicht erwarten wir von den Jahreszeiten manchmal zu viel Dramaturgie. Die Natur scheint da bescheidener zu sein: Sie verändert sich einfach, ohne ständig zu erklären, ob das nun ein Neubeginn oder nur die nächste Runde im Kreislauf ist 😉

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