Wenn ich sagen sollte, welche Bücher, Filme, Musik und Bilder mich in meinem ganzen Sein am nachhaltigsten beeinflußt haben und mitgeholfen haben, der Mensch zu sein, der ich heute bin, dann käme ganz schön was zusammen und immer mehr noch, je länger ich darüber nachdenke. Wenn ich ohne nachzudenken sagen sollte, was mich am meisten erschüttert hat bis in die tiefsten Gründe meiner Seele, dann würde ich sagen: „Die tote Klasse“ von Tadeusz Kantor.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, welche Ausstellung in welchem Gebäude (Pinakothek der Moderne?) und wann genau es war, daß ich in einem kleinen Raum stand mit vier Schulbänken, in denen acht Kinder saßen. Ich war ganz alleine in diesem Raum mit diesen Bänken und den lebensgroßen Puppen, deren Köpfe ungut nach hinten in den Nacken gepresst waren und alle mit starrem Blick nach vorne. Eine merkwürdig steife Haltung, wie von etwas Bedrohlichem zurückgeworfen. Ich wußte nichts über diese Skulptur und ich kann mich nicht erinnern, was mir bei ihrem Anblick durch den Kopf ging. Ob mir damals schon aufgefallen ist, daß diese Kinder merkwürdig greisenhafte Gesichter haben und wirre, spärliche Haare … daß sie barfuß sind und mit Lumpen bekleidet und …
und … daß sie tot sind.
Erinnern kann ich mich nur an den Anblick der weit aufgerissenen Augen in diesen erstarrten Puppengesichtern, ja, mir war schon klar, daß da Puppen saßen, da gibt es keine Frage nach Leben oder Tod, es sind nur Puppen. Und doch, ich spüre es heute wie damals, das Gefühl, daß da was nicht stimmt, daß da eine Verlorenheit im Raum herrscht, die so stark und präsent ist, daß man schier in ihr untergeht. Etwas kaum zu Beschreibendes geht von dieser Skulptur aus, ich spüre es immer noch, wenn ich mir die Bilder der „toten Klasse“ im Netz ansehe. Was genau es ist, was eine direkt bedrohliche Beklemmung auslöst weiß ich nicht, aber ich weiß, daß sie kaum auszuhalten ist.
Tadeusz Kantor ist am 6. April 1915 in Wielopole, einem jüdischen Schtetl geboren und am 8. Dezember 1990 während einer Theaterprobe gestorben. Er hat während der Besatzung ein Theater im Untergrund geführt, das Theater „Cricot 2“. Er war einer der ganz Großen des Absurden Theaters. Diese Art des Theaters zieht mich magisch an, obwohl ich noch nie verstanden habe, um was es in diesen Stücken geht. Es fällt mir immer noch schwer zu begreifen, daß es nicht nur um das verstandesmäßige Erfassen geht, sondern um Nichts, dem man sich ergeben muß. Erklärungsversuche zum Absurden Theater sprechen von der Sinnfreiheit des Lebens, in dem Menschen orientierungslos herumirren … da liegt die Frage nahe, ob nicht das Leben selbst das absurdeste Theater ist …
Kantors Stücke sind wohl ohne ihn nicht mehr aufführbar, denn er war als Regisseur immer dabei und hat seine Stücke während des Spielens erfunden und weiterentwickelt. Die Schauspieltruppe hat er geführt, als seien es Puppen in seiner Hand, die ohne ihn als Puppenspieler nicht funktionierten.
Andrzej Waida hat 1976 eine Aufführung „Umarla Klasa“ (Die tote Klasse) von Kantor mit seiner Gruppe „Cricot“ gefilmt. Man kann den Film auf YouTube sehen. Leider gibt es weder Synchronisation noch Untertitel in Deutsch, das ist sehr schade, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dadurch mehr begreifen würde vom Inhalt. Puppen werden von SchauspielerInnen herumgetragen, man weiß kaum, wer Mensch, wer Puppe ist. Erklären läßt sich da nichts, man muß es anschauen und man muß sich hineinfallen lassen, wenn man den Mut dazu besitzt. Immer dabei die hagere Gestalt Kantors, der alles genau beobachtet und dirigiert und in dessen tiefen dunklen Augen sich die Geschichte erfindet und in die sie wieder zurückgesaugt wird.
Ich wäre diesem großen polnischen Theatermann gerne begegnet, er hatte so eine tiefe Liebe zu dem, was er tat, sie schien durch alle scharfen Kanten dieses Gesichts hindurchzuquellen. Eins der wenigen Bücher, die es auf Deutsch über Tadeusz Kantor gibt, heißt „Er war sein Theater“ , wunderbar erarbeitet und geschrieben von Uta Schorlemmer.
Ein wenig erinnert mich Kantor an George Tabori, auf den hätte der Titel auch gepasst.
Würde ich ein paar wilde und leidenschaftliche Theaterversessene kennen, die sich in ein Spiel mit Puppen hineinwerfen täten … ein Theatervorhang ist schnell genäht und Puppen sind wir selber und absurd ist das Leben … also … was braucht es denn mehr, um zu spielen?
