Archiv für den Monat: Juli 2025

StadtLandFluß (K)

Wenn ich sagen sollte, welche Bücher, Filme, Musik und Bilder mich in meinem ganzen Sein am nachhaltigsten beeinflußt haben und mitgeholfen haben, der Mensch zu sein, der ich heute bin, dann käme ganz schön was zusammen und immer mehr noch, je länger ich darüber nachdenke. Wenn ich ohne nachzudenken sagen sollte, was mich am meisten erschüttert hat bis in die tiefsten Gründe meiner Seele, dann würde ich sagen: „Die tote Klasse“ von Tadeusz Kantor.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, welche Ausstellung in welchem Gebäude (Pinakothek der Moderne?) und wann genau es war, daß ich in einem kleinen Raum stand mit vier  Schulbänken, in denen acht Kinder saßen. Ich war ganz alleine in diesem Raum mit diesen Bänken und den lebensgroßen Puppen, deren Köpfe ungut nach hinten in den Nacken gepresst waren und alle mit starrem Blick nach vorne. Eine merkwürdig steife Haltung, wie von etwas Bedrohlichem zurückgeworfen. Ich wußte nichts über diese Skulptur und ich kann mich nicht erinnern, was mir bei ihrem Anblick durch den Kopf ging. Ob mir damals schon aufgefallen ist, daß diese Kinder merkwürdig greisenhafte Gesichter haben und wirre, spärliche Haare … daß sie barfuß sind und mit Lumpen bekleidet  und …

und … daß sie tot sind.

Erinnern kann ich mich nur an den Anblick der weit aufgerissenen Augen in diesen erstarrten Puppengesichtern, ja, mir war schon klar, daß da Puppen saßen, da gibt es keine Frage nach Leben oder Tod, es sind nur Puppen. Und doch, ich spüre es heute wie damals, das Gefühl, daß da was nicht stimmt, daß da eine Verlorenheit im Raum herrscht, die so stark und präsent ist, daß man schier in ihr untergeht. Etwas kaum zu Beschreibendes geht von dieser Skulptur aus, ich spüre es immer noch, wenn ich mir die Bilder der „toten Klasse“ im Netz ansehe. Was genau es ist, was eine direkt bedrohliche Beklemmung auslöst weiß ich nicht, aber ich weiß, daß sie kaum auszuhalten ist.

Tadeusz Kantor ist  am 6. April 1915 in Wielopole, einem jüdischen Schtetl geboren und am 8. Dezember 1990 während einer Theaterprobe  gestorben. Er hat während der Besatzung ein Theater im Untergrund geführt, das Theater „Cricot 2“. Er war einer der ganz Großen des Absurden Theaters. Diese Art des Theaters zieht mich magisch an, obwohl ich noch nie verstanden habe, um was es in diesen Stücken geht. Es fällt mir immer noch schwer zu begreifen, daß es nicht nur um das verstandesmäßige Erfassen geht, sondern um Nichts, dem man sich ergeben muß. Erklärungsversuche zum Absurden Theater sprechen von der Sinnfreiheit des Lebens, in dem Menschen orientierungslos herumirren … da liegt die Frage nahe, ob nicht das Leben selbst das absurdeste Theater ist …

Kantors Stücke sind wohl ohne ihn nicht mehr aufführbar, denn er war als Regisseur immer dabei und hat seine Stücke während des Spielens erfunden und weiterentwickelt. Die Schauspieltruppe hat er geführt, als seien es Puppen in seiner Hand, die ohne ihn als Puppenspieler nicht funktionierten.

Andrzej Waida hat 1976 eine Aufführung „Umarla Klasa“ (Die tote Klasse) von Kantor mit seiner Gruppe „Cricot“ gefilmt. Man kann den Film auf YouTube sehen. Leider gibt es weder Synchronisation noch Untertitel in Deutsch, das ist sehr schade, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dadurch mehr begreifen würde vom Inhalt.  Puppen werden von SchauspielerInnen herumgetragen, man weiß kaum, wer Mensch, wer Puppe ist. Erklären läßt sich da nichts, man muß es anschauen und man muß sich hineinfallen lassen, wenn man den Mut dazu besitzt. Immer dabei die hagere Gestalt Kantors, der alles genau beobachtet und dirigiert und in dessen tiefen dunklen Augen sich die Geschichte erfindet und in die sie wieder zurückgesaugt wird.

Ich wäre diesem großen polnischen Theatermann gerne begegnet, er hatte so eine tiefe Liebe zu dem, was er tat, sie schien durch alle scharfen Kanten dieses Gesichts hindurchzuquellen. Eins der wenigen Bücher, die es auf Deutsch über Tadeusz Kantor gibt, heißt „Er war sein Theater“ , wunderbar erarbeitet und geschrieben von Uta Schorlemmer.

Ein wenig erinnert mich Kantor an George Tabori, auf den hätte der Titel auch gepasst.

Würde ich ein paar wilde und leidenschaftliche Theaterversessene kennen, die sich in ein Spiel mit Puppen hineinwerfen täten … ein Theatervorhang ist schnell genäht und Puppen sind wir selber und absurd ist das Leben … also … was braucht es denn mehr, um zu spielen?

 

 

 

StadtLandFluß (I,J)

Der Igel, die Illusionen, und in Salzburg gibts wieder einen Jedermann.

Es war heiß, sehr heiß. Den Gedanken war es zu anstrengend, sich zu Wörtern zu formen, sie zogen durch mich hindurch und lösten sich auf im großen Flirren über der staubigen Straße. Im Schatten träumte ich von El Paso, vom Rio Grande und dann klang plötzlich die Stimme von Paul Simon in mir : “ The Mississippi – Delta was shining like a national guitar“… und ich dachte an die lebenslange Sehnsucht, auf dem Highway unterwegs zu sein in diesem freien weiten Land… ich habe sie geerbt, diese Sehnsucht, unzählige Western, doppelt und dreifach angesehn mit meinem Vater, haben diesen Keim in mir gelegt. Mein Vater war glücklich hier im Voralpenland immer in Sichtweite der Berge, und doch … sie war da, diese Sehnsucht, und wenn wir von den blauen Bergen gesungen haben, dann meinten wir die in Amerika … lebenslang ist diese Sehnsucht auf mich übergegangen, aber ich bin mir keineswegs sicher, ob es gar so sinnvoll wäre, sie zu stillen, indem ich mit ihr in einen Flieger steige.

Mit manch einer Sehnsucht muß man leben, glaub ich. Es ist eine Illusion zu glauben, daß der Mississippi noch der von Huck Finn ist und daß am Rio Bravo Dean Martin als versoffener Sherif mit Ricky Nelson dieses Lied singt: „my rifle, my pony and me“, zum Heulen schön … oder ähnlich unvergessliche Szenen aus unzähligen Western. Außerdem lähmt mich Hitze und der Sommer wird maßlos überschätzt und hält der Wirklichkeit nicht stand.  Aber als Illusion ist er wunderschön, die Welt ist in Ordnung, riecht nach Staub und wilder Kamille und auf den Wiesen blühen Margeriten und Glockenblumen und über der Straße schwebt dieses geheimnisvolle Flirren … „Trenne dich nicht von deinen Illusionen. Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren, aber aufgehört haben zu leben“, hat der wunderbare Mark Twain irgendwo geschrieben.

In der Nacht kühlt es ein wenig ab, die kleine Fledemaus ist wieder da und zieht Kreise um mich. Glühwürmer fliegen durch die Dunkelheit und suchen dringend liebesfähigen Anschluß zum Erhalten der Gattung. Im Schein der Hoflaterne glänzt eine kleine feuchte Schnauze, der Igel tippelt durch das Gras und sucht schnaufend die Stelle, wo das Pflaster so niedrig ist, daß er auf die Terrasse kommen kann, wo die Katzenteller stehen. Ich würde mich sehr gerne mt ihm unterhalten, aber als er merkt, daß da zwei Füsse stehen, macht er sofort kehrt und sucht einen anderen Zugang. Ich würde ihn gerne fragen, ob das Igelkind den Winter überlebt hat, was er so denkt über den Zustand der Welt und … warum er eigentlich immer den Teller über die ganze Terrasse schiebt und die Wasserschüssel umwirft.  Und, daß es einfach zu gefährlich ist, über die Bundesstraße zu gehen, denn eine stachelige Kugel zu machen ist keine Rettung vor Autoreifen.

Vor ein paar Tagen lagen eine schwarze Katze und dann ein Igel zerquetscht am Straßenrand und ein weiterer Igel lag ein paar Meter vor dem Baum, an dem sich erst kürzlich ein Autofahrer totgefahren hat. Am Baum ist die Rinde abgeplatzt und es schaut so aus, als hätte der Mann sein Auto auf den Baum zugelenkt, um dort zu sterben. So ist es dann auch gekommen. Möge er jetzt seinen Frieden gefunden haben.

Früher standen dort zwei Bäume und davor eine Bank. Meine beste Freundin und ich waren nach der Schule oft dort, um Theater zu spielen, abwechselnd stand eine auf der Bühne und die andere saß als Publikum auf der Bank. Wir haben uns nur lauter lustigen Blödsinn ausgedacht und lachten uns halbtot dabei, wir lachten und lachten, bis uns die Tränen runterliefen und der Bauch wehtat und bis wir nicht mehr konnten.

Eines Tages war alles vorbei, wir hatten unsere Geschichte auserzählt und leergelacht.

In Salzburg wird wieder das Mysterienspiel vom Jedermann geprobt. Ein kongenialer, für seine Passion lichterloh brennender Schauspieler (Philipp Hochmair) wird ihn darstellen. Letztendlich bleibt hinter dem ganzen Prominenzgehabe und diesem Festspielzirkus etwas als Essenz zurück, egal, wie sehr über den angeblichen Kitsch von Hofmannsthal auch die Nase gerümpft wird, was bleibt, ist die Frage: Wer geht mit, wenn die letzte Stunde gekommen ist? Auf einem großen protzigen Festgelage erscheint dem Jedermann ein dunkler Herr, der ihn bittet, mitzukommen. Es ist der Tod. Mit Müh und Not kann er von ihm eine einzige Stunde Verzögerung erbitten. In dieser Stunde versucht er, einen Freund zu finden, der ihn auf seinem letzten Weg begleitet und ihm vor dem Großen Gericht zur Seite steht.

Wer geht mit, wenn es soweit ist.

Der Igel kommt ums Eck, für Kommunikation hat er weder Zeit noch Lust, auf seinen Stacheln glitzern kleine Kugeln … es regnet.