Kategorie-Archiv: 24 T (reloaded II)

T.23 / 24 der Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

Ich komme von irgendwo her und fahre nachhause. Es ist der Abend vor Weihnachten und stockdunkle Nacht. Dampfende Nebelsuppe füllt das Tal, ich sehe kaum ein paar Meter, die Scheinwerfer ersticken im Wasserdampf. Alle Autos  vor oder hinter mir biegen irgendwann ab und verschwinden, morgen ist Weihnachten, jeder möchte nachhause.

Nur ich fahre einfach weiter und immer weiter hinein in diese klebrig feuchte Nächtlichkeit. Ich gebe ihr nach, dieser Streunerin in mir, die sich herumtreiben will, wenn es dunkel ist und die Grenzen verschwimmen und die eine Welt sich mit anderen Welten vermischt und alles , was Orientierung gibt, verschwindet. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl von Freiheit durchströmt mich in diesem schier schwerelosen Gleiten durch Raum und Zeit…ich liege im Fluss und lasse mich mit der Strömung treiben…

Vor mir taucht eine Gestalt auf am Straßenrand, ein Mann mit einer Art Umhang und einem Hut. Mit Lederstiefeln watet er durch den Nebel und sieht aus wie ein Schäfer. Er kommt mir so bekannt vor und deshalb halte ich an, was ich sonst nie tue und frage, ob ich ihn irgendwohin mitnehmen kann. Sehr freundlich  schaut er mich an mit sehr hellen Augen und nennt mir einen Ort, den ich nicht kenne, ein paar Kilometer weiter.

Im Radio läuft ausnahmsweise schöne Weihnachtsmusik, die Stimmung im Auto wird feierlich, mir ist ein wenig sentimental zumute und der freundliche Fremde riecht nach nasser Wolle und ein wenig nach Zimt und Glühwein. Ich überlege ständig, wo ich diesen Mann schon mal getroffen haben könnte, aber da mir weder das noch sonst was halbwegs Intelligentes einfällt, sage ich nichts und wir schweben schweigend durch die Nacht.

Auf einmal weiß ich es wieder: „Sie sind doch der, der mich damals fragte, wo es denn zum Meer ginge und der, als ich ihm die Richtung gezeigt hatte, mir aus einem Buch vorlas…?“ „Man begegnet sich immer zweimal im Leben“, sagt er und lächelt. Dann deutet er zum Waldrand und ich halte an. Im Radio singt Freddy Mercury: „Thank God, its Christmas!“, und während ich den Fremden frage, ob er denn das Meer damals gefunden hätte, versuche ich nicht zu heulen bei diesem Lied…vergeblich, ich merke schon, wie meine Wange nass wird . Er sieht mich an und sagt: „Nein, damals nicht, aber jetzt habe ich es gefunden, es bilden sich erste Rinnsale, die Flut ist nahe“…und dann wischt er mir behutsam mit den Fingerkuppen die Tränen weg…die Autotür geht auf…was war das denn, hat er mir jetzt einen Kuss auf die Lippen gehaucht, kaum spürbar…nein, das war sicher der hereinquellende Nebel …

Der Fremde wird sofort von ihm verschluckt, dort vorne am Waldrand…wohin geht der denn eigentlich, da ist doch nichts, nur Wald, sehr merkwürdig, oder hab ich das alles nur geträumt…wenn da nicht am Beifahrersitz ein zerfletterter Zettel läge mit dem ersten Satz eines Gedichtes:
„Wenn man ans Meer kommt, soll man zu schweigen beginnen…(Erich Fried)

Im Radio singt immer noch Freddy Mercury mit engelsgleicher Stimme und ich singe mit ihm und dann fahre ich noch ein wenig im Nebel herum, aber irgendwann zieht es auch eine  Streunerin nachhause , dann ist nämlich Weihnachten, thank God!

 

Es ist Weihnachten!

Das diesjährige 24T- Projekt ist hiermit zu Ende.

Vielen vielen Dank an alle, die mitgemacht haben und an alle, die täglich in die Türen hineinsahen!

Es war eine große Freude für mich!

Ich wünsche allen wundervolle und glänzende Tage und, daß wir uns alle gegenseitig an unseren Herzen wärmen können!

Viele liebe Grüsse und auf Wiedersehen hier, zwischen Himmel und Erde…

Eure Graugans

T.21 der Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

Heute um 11.44 Uhr fand die Wintersonnenwende statt.

Nach der längsten Nacht geht es nunmehr wieder aufwärts, das heißt, die Tage werden länger, das Licht, ein kleines zartes Flämmchen noch, wurde wiedergeboren…der Kreis hat sich geschlossen und beginnt von Neuem sich zu drehen, kein Stillstand war dazwischen, alles vollzieht sich in einem ewigen Kreisen um die eigene Mitte.

Höchste Konzentration und Spannung ist spürbar, ich spüre die Gestirne um mich kreisen und ich um sie herum, kein Anfang, kein Ende sichtbar, es verändert sich nichts und doch bleibt es nicht wie es war.

Ich bin sehr dankbar für die langen und ruhigen Gespräche über Inwendigkeiten und kosmische Zusammenhänge…über Sehnsucht und Einsamkeiten, über Liebe und andere Mutmaßungen…ach, immer immer wieder sind es Menschen, um die mein gesamtes Dasein kreist, ja auch in dem Bewusstsein, daß ständig schreckliche Dinge auf der Welt passieren, ich wüsste nicht, für was es sich mehr lohnen könnte zu leben als dafür, das Herz füreinander aufzumachen und miteinander zu sprechen, zu lachen, zu weinen, zu schweigen, sich zu trösten und sich zu lieben…

Ich werde zum Bach gehen heute noch und auf seinen Gesang lauschen und in mich hineinhorchen und den „Alperer“ jodeln…ein uralter Gesang , um einem Geist der Berge zu huldigen, der christlich dämonisiert wurde, aber meiner Meinung nach, wie Knecht Rupprecht und viele mehr, eigentlich einmal als wilder grüner Mann der mächtigen alten Göttin gefolgt ist…

Die alte Göttin, auch dämonisiert, weil sie nicht nur gibt, sondern auch nimmt, ist auch bereits auf dem Weg übers Land und mit der wilden Jagd durch die Lüfte: Frau Percht, die  Göttin des Berglandes.

 

Es gibt über diese alten Geschichten viel zu lesen und zu spekulieren…ich meine, es ist am allerwichtigsten, einfach mal irgendwo anzukommen und ein wenig zu bleiben und zu horchen, zu schauen und alles weitere SEIN zu lassen.

 

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Bild: Luise Wittmann

 

 

Wintersonnenwende

Die Sonne schaue
Um mitternächtliche Stunde.
Mit Steinen baue
Im leblosen Grunde.

So finde im Niedergang
Und in des Todes Nacht
Der Schöpfung neuen Anfang,
des Morgens junge Macht

Die Höhen laß offenbaren
Der Götter ewiges Wort;
Die Tiefen sollen bewahren
Den friedvollen Hort.

Im Dunkel lebend
Erschaffe eine Sonne.
Im Stoffe webend
Erkenne Geistes Wonne.

Rudolf Steiner

 

 

T.20 der Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

Wir konnten nur glücklich sein, wenn es dem anderen gut ging. Daß es dem
anderen gut gehe, das war der größte Wunsch. Wir mussten einander nicht
fragen, fühlen genügte. Nicht einmal am selben Ort mussten wir dafür
sein. Ging es dem anderen schlecht, trübte sich das Licht. Dann saßen
wir beieinander, bis es vorüber war. Die Amsel sang wieder. Einmal war
ich sehr krank, und du hast mir etwas Bitteres eingeflößt, ich konnte
kaum einen Tropfen davon auf der Zunge ertragen. Du führtest den Löffel
an meinen Mund, einen Schluck nur, flehtest du, und deine Wärme
durchströmte mich. Was auch immer es war, es heilte mich. Es geht
besser, flüsterte ich und sah dich lachen und weinen. Dann lachten wir
beide, Tränen liefen uns über die Wangen. Und immer wieder sang die
Amsel. Bis zu dem Tag, da sie verstummte. Und das Licht trübte sich.
Aber immer fühle ich dich.

Vielen herzlichen Dank , liebe Madame!

T.19 der Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

3 Mutmaßungen über die L.I.E.B.E.

1
„Ein Mann mit gewissen Wunden geht hierher“, kommt mir unterwegs in den Sinn. Ich bleibe kurz stehen, um den Satz zu notieren, und als ich aufschaue, ist da dieser Baumstamm vor mir. In Augenhöhe stecken zwei blaue Heftzwecke in der Rinde, sie sind übrig geblieben von einer fotokopierten Suchmeldung, deren größter Teil abgerissen wurde, bis auf „gesucht wird der kleine Buddy“, das ist alles, was geblieben ist.
Ich reiße die Seite aus meinem Notizbuch, auf der ich „Ein Mann mit gewissen Wunden geht hierher“ geschrieben hab, und befestige sie am Baumstamm, mit den beiden blauen Heftzwecken, überm kleinen Buddy, und gehe weiter.
Einmal dreh ich mich noch kurz um und denke, aha.
Zwei Tage später. Der Satz hängt noch genauso da. Ein kleiner Steckbrief, den ich schon vergessen hatte, umso seltsamer berührt er mich jetzt. Man blickt sich automatisch um, weil man diesen Mann sehen möchte, der das geschrieben hat, das mit den eigenen Wunden. Ich fühle mich bloßgestellt, von mir selbst.
Erst als ich weiter gehe, den Hund an meiner Seite, fange ich mich allmählich. Mit jedem Schritt wird der kleine Zettel richtiger. Was ist Falsches daran, einen Satz aus seinem Kopf rauszuhängen wie ein Fähnchen aus dem Fenster, damit er einen nicht weiter verfolgt. Belästigt. Und wo ist so ein Satz besser aufgehoben als in der Natur, wo der Wind ihn jederzeit mitnehmen kann, nach Hause.
Das hat irgendwie mit Liebe zu tun.

2
Aus ihrer Kindheit hat Sanne ein schweres Knödeltrauma davongetragen, sozusagen. Ihre geliebte Großmutter Soest, die immer so lecker nach Essenmachen und Nivea roch, hat das Essen noch selbst zubereitet, und zwar komplett, sogar den Nudelteig. „Der hing immer über der Stuhllehne wie ein Fensterleder.“ Doch für die kleine Sanne gab es nichts Schöneres, als die knochigen Hände der Oma zu beobachten, wenn sie den Teig für die Kartoffelklöße knetete, die leckersten der Welt.
„Mit solch krummen Fingern konnte man ja nur gut kochen, da steckte der ganze Schmerz des Lebens drin.“
Sie bereitete die Mahlzeiten nicht nach Mengenvorgaben zu, sondern nur nach Gefühl, selbst wenn an hohen Feiertagen die fünfzigköpfige Familie zusammenkam und bekocht werden wollte.
„Fünfzig?“ frag ich erstaunt.
„Keine Ahnung. Aber die haben gefressen wie fuffzig.“
Dass die selbstgemachten Knödel die leckersten der Welt waren, geschenkt. Aber dass die Gräfin es heute einfach nicht schafft, die Klöße so lecker hinzukriegen wie Oma Soest in den späten 60ern, das hat tiefe Spuren bei ihr hinterlassen.
„Oje, wenn Oma mir jetzt zuguckt oben im Himmel, die schlägt wieder die Hände überm Kopf zusammen!“ schimpft Sanne, als sie es sonntags wieder einmal versucht, die Knödel wie Oma hinzukriegen. „Kind! Nun nimm nicht so viel Milch!“

3

Seit dem Frühlingstag 1987, als Sanne mit einem winzigen Knäuel Collie vor der Tür stand, habe ich die verschiedensten Hunde kennengelernt, darunter auch zwei, die immer wieder stiften gingen, die Spaß daran hatten, auf eigene Faust loszuziehen. Es ist ja bei Hunden nicht anders als wie bei Menschen. Entweder man gehört der Liebe oder man gehört der Freiheit.
Lothar war ein kauziger kleiner Mischling, der gelernt hatte, das Verhalten von Menschen zu deuten, die an Fußgängerampeln standen. Gingen sie los, konnte er die Straße ebenfalls überqueren, blieben sie stehen, blieb er auch stehen. Es war tagtäglich dieselbe Strecke, die Lothar zurücklegte, man konnte die Uhr nach ihm stellen. Vom Marmorhandel seines Herrchens am Ufergarten quer durch die Stadt zur Parkanlage am Hippergrund ging es immer brav den Bürgersteig entlang. Lothar war die Bürgersteig-Variante eines Streuners. Unterwegs sammelte er die belegten Brote auf, die Schulkinder achtlos weggeschmissen hatten und verdrückte sie samt der knisternden Butterbrottüten. Ein verfressener kleiner Kerl, aber immer top gebürstet und getrimmt, darauf legte Lothar Wert.
Mandy dagegen, schwarze Labradorhündin, war unberechenbar. Sie wäre gerne ein Lebewesen der Liebe gewesen, treu und anhänglich, doch sie nutzte jede Gelegenheit, um auszubüxen. Und wenn sie Tage später wieder auftauchte, dann in den entlegensten Hofschaften. Als Frau Moll noch Welpe war, gingen wir in Wuppertal-Cronenberg spazieren, und mitten im Wald kam dieser schwarze Hund auf uns zu. Er beschnupperte uns freundlich und trabte eine Weile neben uns her, wie ein gemütliches kleines Pony. An seinem Halsband hing ein Clip.
Ich heiße Mandy, und ich wohne Bertha-von-Suttner-Straße, Solingen.
„Wie..? Das ist doch ganz in der Nähe von uns“, sagte ich.
Also fuhren wir sie heim, die kleine Globetrotterin mit dem unschuldigen naiven Blick, voller Vertrauen an das Gute im Menschen und an die Nachgiebigkeit von Autokarosserien, mit denen man als Hund Bekanntschaft schließen kann.
Von-Suttner Strasse, Solingen. Flachdachbungalows, Familienkutschen vor der Tür, große umzäunte Grundstücke. Auf einem stand ein Mann im weißen Unterhemd, den spritzenden Wasserschlauch in der Hand.
„Ist unsere Dicke wieder ausgebüxt?“ rief er ungerührt und wässerte weiter seinen Rasen, während Mandy schwanzwedelnd durch die offene Küchentür trat, ohne sich noch mal umzudrehen.
Wir haben sie noch mehrfach getroffen, guten Tag gesagt und sie dann ihres Weges ziehen lassen, (einmal im tiefsten Widdert), doch seit zwei, drei Jahren ist sie von der Bildfläche verschwunden. Bis gestern, am späten Sonntagnachmittag, auf den Feldern am Theegarten. Die Sonne versank schon als blutroter Hüpfball am Horizont, als Mandy mit einem Mal vor uns steht, wie aus dem schwanzwedelnden Nichts. Erst erkennen wir sie nicht und denken, es wäre ein alter Hund, der keine Kraft mehr hat und hinter seinem Herrchen zurückgeblieben ist, schließlich ist Sonntag und eine Menge Betrieb auf den Feldern. Doch bald ist weit und breit kein Herrchen und kein Frauchen mehr zu sehen. Nein, der Hund ist allein unterwegs.
„Oder ist das etwa.. Mandy?“ Sanne schaut am Halsband nach. „Klar ist das Mandy. Mann, hat die abgenommen.. Ist die dünn geworden.“
Vielleicht ist sie krank gewesen, oder ihr Herrchen im weißen Unterhemd hat sie im fortgeschrittenen Alter auf Diät gesetzt, wer weiß. Frau Moll schnuppert desinteressiert an ihrem Hintern, Mandy lässt fröhlich den Schwanz kreisen, wie ein Lasso.
„Na, kleine Globetrotterin“, kraule ich ihr den Hals, und Mandy bedankt sich mit einem Blick aus ihrer tiefen und treuen Streunerseele.
„Ich kann doch nichts dafür, dass ich immer unterwegs sein muss“, sagt dieser Blick, bevor sie über die verschneiten Felder verschwindet, in die Richtung, aus der sie gekommen ist.

Tausend Dank an Andreas Glumm, den Dichter

T.18 der Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

„Mutmaßungen über die Liebe“ … viel habe ich über diesen Begriff nachgedacht … und die Graugans selbst war es, die mich mit der Nase darauf hingewiesen hat, dass meine Liebe zur Musik wohl schon ganz besonders ausgeprägt sei.
Da ist was dran und so vertiefte ich mich gedanklich und emotional in dieses Thema, machte mich auf eine kleine Spursuche durch meine Biographie und spürte der Frage nach, wie es eigentlich dazu kam, dass sich bei mir die Liebe zur Musik so stark geprägt hat.
Und natürlich, der alte Freudianer in mir suchte nach Spuren in der Kindheit … und siehe da: er fand auch welche.
Da war zum einen mein durch und durch musikalisches Elternhaus, allerdings war diese Musikalität im bildungsbürgerlichem Elfenbeinturm beheimatet … und dieser Elfenbeinturm war eng, sehr eng und auch noch katholisch … und dann trat mein 5 Jahre älterer Bruder auf den Plan … denn er entdeckte Anfang der 60er Jahre die deutsche Schlagerszene und etwas später dann die Beatmusik aus London & Liverpool … Da war das Geschrei groß … und ich schlich mich immer heimlich in das Zimmer meines Bruders um zu lauschen. Ich hatte nicht den blassesten Schimmer worum es in Songs wie „I Can´t Get No Satisfaction“ oder „Get Off Of My Cloud“ ging … aber ich spürte es intuitiv … das war sowas von verdammt wichtig … das war es!

Die vom Elternhaus verordnete klassische Musik erschien mir dagegen nur noch fad zu sein (erst viel später konnte ich sie dann wieder neu für mich entdecken).
Und dann gab es dann noch was, was mindestens so prägend war … das elterliche Singverbot an Weihnachten, denn womöglich sang ich ziemlich falsch. So stand ich dann stumm im weihnachtlich geschmückten Wohnzimmer und lauschte still, wie der Rest der Familie all die (für mich damals) herrlichen Weihnachtslieder sangen. Zu gerne hätte ich mitgeschmettert, gesungen … aber das war mir dann aufgrund des elterlichen Verbotes nicht mehr möglich.
Aber dann beschloss ich wohl irgendwann, irgendwie … allen zu zeigen, was ne Harke ist und ich begann, die Pubertät stand vor der Haustür, Gitarre zu üben, bis mir die Finger bluteten …und ich biss mich durch … gründete eine erste eigene Band und der Ritterschlag erfolgte, als mein Bruder mal beim sonntäglichen Kaffeeumtrunk verkündete, er habe uns ja gestern live gesehen und der einzige, der was getaugt hätte, sei sein kleiner Bruder gewesen …
Auf einen Schlag wurde ich um 10 cm größer … und wenn man weiss, dass mein Bruder das absolute Gehör hatte und ein wirklich mehr als talentierter Musiker war, dann ahnt man, wie sehr mich dieses Lob erfreut hat.
Und so kam es, dass ich dann Bassist in seiner Band wurde … über all diese dann folgenden Jahre (inklusive Studioaufnahmen und einem Liveaufritt, wo diverse Musiker von Embryo im Publikum standen) könnte ich heute noch schwärmen.
Nun, das sind wohl die Wurzeln meiner Liebe zur Musik.

Ein wenig später wurde mir dann noch was ganz anderes bewußt:
„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ (Friedrich Nietzsche, ja, genau der, mit der Peitsche) …
Mein Leben ist ohne Musik nicht vorstellbar und im Laufe der Jahre wurde mir immer mehr bewusst, wie sehr Musik mich in meinem Innersten trifft, denn für mich gab und gibt es eigentlich keine andere Kunstform, die es derart schafft mich emotional zu packen, einfach, weil Musik so oft in meinem Leben, zum Ausdruck meiner eigenen Gefühlswelt wurde.
Eigentlich unpassend, aber dennoch: Musik war und ist für mich wie eine Art Geschmacks(Gefühls)verstärker … gleichgültig, welche Emotionen mich umgetrieben haben … in der Musik fand ich dann eine emotionale Vertiefung meines selbst, in die ich dann so ganz eintauchen konnte … Emotionen auskosten … oftmals auch sehr schmerzlich, oftmals aber auch überschäumend, oftmals auch sehr gierig … aber auch protestierend-aufbegehrend … Und der kleine Archivar in mir (da hat mein Vater mit seinen Prägungen ganze Arbeit geleistet !) begann dann, ein Archiv für (Rock) Musik aufzubauen … und so einiges davon gebe ich seit geraumer Zeit auch wieder in die Gemeinschaft der Interessierten zurück …

Musik: Ein Vehikel, ein Begleiter, eine Liebhaberin meiner turbulenten Gefühlwelten … und das schon seit vielen Jahrzehnten.

Und wenn ich mal zu Grabe getragen werde, wäre es mir am liebsten, wenn die werte Trauergemeinde anschließend einen fidelen Abend mit meiner Musik verbringen würde.“

Graugans wünschte sich drei Beispiele für „Lebens – Lieblingsmusik“ von mir!
Gar nicht so einfach, aber dennoch:

Percy Sledge: „When A Man Loves A Woman“
Viel komprimierter geht es nicht, wenn man musikalisch jenen romantischen Aspekt der Liebe ausdrücken will … hier eine feine Live-Version aus den 60er Jahren

 

Mountain: Nantucket Sleighride
Einfach, weil ich das Gespann Leslie West/Felix Pappalardi für eines der genialsten Duos der Rockgeschichte halte, und die Story, die hinter diesem Lied steckt, einfach nur unglaublich ist … Ich erspare Euch die 32 Minuten Live-Fassung !

 

Whitesnake: „Here I Go Again“
Dieses Lied, war lange, lange Zeit Ausdruck meiner Lehr- und Wanderjahre durch das Leben … Und der Text (auch wenn er für mich nicht mehr aktuell ist) … bringt es auf den Punkt:

Tho‘ I keep searching for an answer,
I never seem to find what I’m looking for
Oh Lord, I pray
You give me strength to carry on,
‚Cos I know what it means
To walk along the lonely street of dreams
And here I go again on my own
Goin‘ down the only road I’ve ever known,
Like a hobo I was born to walk alone

Vielen Dank an den liebenswürdigen Riffmaster, seines Zeichens Archivar von bunten Musikalitäten und Glückshändler

T.17 der Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

Die Dunkelheit dringt durch die Fensterscheiben und füllt die Stube des alten Hauses. Ich zünde eine Kerze an, bleibe einfach sitzen und schaue so vor mich hin.

 

Das Kind ist noch ziemlich klein, so drei, vier Jahre alt, da kommen die Eltern eines Tages heim und bringen eine kleine rotkarierte Decke mit. Und weil der Stoff so weich und warm ist, breitet ihn die Mutter über das Kissen und von nun an darf das Kind jede Nacht mit seinem Kopf darauf liegen. Das Kind und diese warme rote Weichheit verschmelzen miteinander und werden ein einziges glückliches Spüren. Eins ohne das andere sind nicht mehr vorstellbar.

Eines abends, ein paar Wochen vor Weihnachten, ist das Kopfkissen leer.

Das Kind ist irritiert, will seine Schlafdecke, bekommt auf seine Fragen immer nur die Antwort, das Christkind hätte die Decke mitgenommen und würde sie an Weihnachten wieder bringen und es würde Augen machen, wie schön die Decke dann wäre…

Das Kind versteht die Mutter nicht, trauert um die verschwundene Weichheit, schläft mit schwerem Herzen  ein und wartet sehnsüchtig auf Weihnachten, weil ihm da ja das Christkind das Liebste, was es hat, wiederbringen wird.

Dann endlich kommt der Hl. Abend und die Tür geht auf…das Kind läuft lachend und voller Freude auf den Christbaum zu, unter dem seine geliebte Decke liegt…wie wundervoll doch die Farbe leuchtet. Aber als es danach greift und sie ans Herz drückt, da merkt es, daß etwas nicht stimmt, es fühlt sich anders an als früher…

Aus der Decke ist eine Winterjacke geworden.

Alle sagen, welch schöne Jacke das geworden sei und wie sie das Kind wärmen wird und es solle sich doch freuen!

Das Kind merkt sofort, daß ihm etwas gestohlen wurde, das es nie wieder zurückbekommen kann, es spürt zum ersten Mal den Verlust in seiner unwiderruflichen Schärfe und die ohnmächtig machende Verzweiflung über diesen Verrat seines tiefsten Vertrauens…ein Spalt tut sich auf, da hinein droht es zu stürzen, schier erstickend vor Schreikrämpfen und der immerwährend gestellten Frage:  Warum ?

Es nützt alles nichts, die weiche rote Decke kommt nicht wieder.

Es leidet lange lange unter dem Verlust, läßt sich die Jacke nicht anziehen und auch der Versuch, sie aufs Kopfkissen zu legen, scheitert kläglich, nie wird es wieder so sein wie früher.

Jetzt, sechzig Jahre später,  sitze ich  hier und spüre ihn immer noch, den Verrat an meiner Kinderseele. Soviel Zeit ist vergangen seitdem. Natürlich weiß ich, daß meine Eltern kein Geld hatten und deshalb musste halt damals dieser Stoff herhalten, damit ich ein Geschenk hatte vom Christkind.

Ja, und ich habe ihnen verziehen, sie haben es nicht gemerkt, daß sie mit dem Willen ihres Kindes etwas zerbrochen haben, was vorher unerschütterlich schien, dieses grenzenlose Vertrauen in die Zuneigung und das Wohlwollen eines Menschen.

Ich glaube nicht, daß ich ein mißtrauischer Mensch geworden bin und doch, in einer hintersten Nische meines Selbst sitzt diese kleine Unsicherheit, die mich manchmal auch die vertrautesten Menschen fragen läßt: Magst Du mich wirklich? Auch wenn ich nur ich bin und nichts dafür leiste? Und wirst Du mich womöglich gleich vergessen, wenn ich mich mal nicht melde?

Ach, meine kostbare Kinderseele, ich werde Dich beschützen und behüten und wir werden uns in eine rote weiche Decke schmiegen und Du darfst mir vertrauen, ich mache keine Jacke daraus.

Draußen brennt eine rote Kerze in der Laterne für alle Seelen, die sich manchmal etwas verloren fühlen.

 

 

T.16 der Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

Die Freundesstimme noch im Ohr, die mir mit eigener Einsicht und Lebensklugheit begegnet im Austausch über die Weisheit der Märchen, bereite ich Plätzchenteig. Da hinein knete ich die Freude darüber, daß es möglich ist, jetzt in dieser allgemeinen Raserei und all der lauten Hektik unseres sogenannten modernen Lebens sich die Zeit zu schenken, um über die innersten Dinge zu sprechen, über das „Schauen“ und das „Horchen“ und die alten starken Kräfte der Elementarwesen. Es tut gut, auf Menschen zu treffen, die , ohne daß ich mich erklären muß, verstehen, daß die vielen im Haus aufgestellten Wichtelmänner nichts mit Weihnachtsdekoration zu tun haben…

Ich bin keine , die irgendeinen Ehrgeiz besitzt, möglichst schöne oder außergewöhnliche Plätzchen zu machen, das, was mich reizt daran ist die magische Handlung…ich knete und backe Dankbarkeit und Freude über gemeinsam verbrachte  Zeit, Verständnis und Zuneigung mit hinein und dann verschenke ich sie an Menschen, mit denen ich Herzensangelegenheiten pflege.

An all dies denke ich, während ich Zitronenherzen aussteche und dann fällt mir plötzlich eine Begegnung ein…an einem heißen Sommertag in Heidelberg…

Es hat ein wenig geregnet, aber nicht abgekühlt, in der völlig überfüllten Kabine der Zahnradbahn, die sich ächzend den steilen Berg zum Schloß hinaufquält, steht die Luft wie in der Waschküche und läuft mir übers Gesicht und in den Nacken.

Ich bin irgendwo in einem Eck an die Wand geklebt, an der Kabinentür gibt es Tumult…ein winzig kleiner Mann versucht, seine noch kleinere Frau, die sehr wacklig auf den Beinen ist, samt Rollator in die Kabine zu bugsieren…gleichzeitig schreit er herum und wehrt alle Versuche, ihn am Einsteigen zu hindern lautstark ab… endlich sind beide drin und lehnen sich an den ständig davonrollenden Rollator an. Halblautes Gemurre , was denn wohl „solche Leute“ noch hier verloren hätten, wenn sie so gebrechlich sind, sollten sie doch gefälligst daheimbleiben und derlei Bemerkungen mehr, helfen tut niemand.

Als wir auf halber Höhe in eine andere Bahn wechseln,  zu der wir aber viele Stufen hinaufsteigen müssen, verliere ich die beiden aus den Augen im Strom der heraus- und hinaufdrängelnden Menschenschar.

Als ich mich auf der Treppe umdrehe, sehe ich gerade noch, wie der kleine Mann sich am Geländer festhält und seine Frau alleine zurückläßt, die zwischen Tür und Bahnsteig auf einem kippelnden Rollator sitzt und jeden Moment droht, abzustürzen…ich renne los, schreiend, es solle doch bitte jemand der Frau helfen…“die wollen keine Hilfe“ schreit einer zurück…meine Güte…als ich sie erreicht habe, fällt sie schon und ich kann sie grad noch auffangen. Ich halte ihn ein wenig in meinen Armen, diesen federleichten Körper aus Haut und Knochen, wie ein Vögelchen so zart…große alte Kinderaugen schauen mich an, erstaunt, verwirrt, glänzend.

Ich sage: „Wollen wir gemeinsam die Treppe da hinaufspringen und zusammenbleiben, bis wir oben angekommen sind?“ Da schiebt sich ein winziges kühles Händchen in meine große warme Hand und so bewältigen wir alle weiteren Schwierigkeiten gemeinsam, sie nimmt wagemutig die für die kleinen wackeligen Beine viel zu großen Stufen in Angriff, da wo es nicht  mehr geht, da schiebe oder trage ich sie ein wenig. Sie sagt: „Wissen Sie Fräuleinchen, ich bin 97 Jahre alt, da ist man nicht mehr so gut auf den Beinen!“ Der Ehemann scheint froh zu sein, den Rollator für sich zu haben und sich endlich mit beiden Händen festhalten zu können.

Oben an einem Drehkreuz angekommen, durch das man nur mit abgestempeltem Fahrschein gelangen kann, halten wir die ganze unleidlich werdende Menschenmenge auf, weil  ich irgendeinen Fehler mache und wir dadurch getrennt werden, eine Spannung baut sich auf unter den ganzen Touristen, die mich anglotzen, als käme ich vom Mars…letztendlich rettet die Lage ein ganz junger Mann, der tut, was es zu tun gibt, und die kleine zitternde Frau freundlich und ruhig herauslotst.

Endlich stehen wir also auf dem Schloßplatz, wo wir hinwollten und wir treffen den Ehemann, der schon mit dem Rollator wartet, auf den sich seine Frau gleich setzt und ich frage, ob ich noch was tun könne oder ob sie denn zurechtkämen jetzt, alleine auf sich gestellt?

Oh ja, sie kämen bestens zurecht, sagt der Mann und bedankt sich bei mir und die kleine Frau winkt mich nochmal zu sich und sagt: „Fräuleinchen, es ist unter den Menschen nicht selbstverständlich, sich zu helfen…Sie sind ein ganz besonderer und wertvoller Mensch und Sie werden für alles, was Sie heute für uns getan haben reich belohnt werden, glauben Sie mir!“ Und ich sehe dieses alte Kindergesicht mit den etwas zerzausten, langen grauen Haaren, die wohl mal ein Zopf sein sollten und diese Augen, so tiefblau wie unsere Berge bei Föhn…und ich bin gerührt und ein wenig beschämt und als ich gehe, werfen mir die beiden noch viele Kusshändchen nach und rufen ein paar Mal Danke…und dann sind sie verschwunden…

Und jetzt werde ich meine Zitronenherzen in den Ofen schieben und sie später mit Zuckerglasur überziehen und ganz viele bunte Liebesperlen draufstreuen!

 

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T.15 der Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

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Ich maße mir nicht an, über Liebe jemals ein Wort schreiben zu können, das selbst Sinn machen würde oder wenigstens einigermaßen sinnerklärend wäre, obwohl ich – und zwar seit ich denken kann – mich stets mit diesem Begriff auseinander setzte. Was war das: Liebe?
Später, nach einigen scheinbar missglückten Versuchen in Sachen „Liebe“ schrieb ich sogar eine Diplomarbeit zu diesem Thema, keine besonders wissenschaftliche Arbeit, wie mir bewusst wurde während des Schreibens. Die Liebe ist kein Objekt wie etwa ein Schmetterling, der sich einfangen und töten lässt, um ihn als … Beweismittel(?) in einem Glaskasten an einem Nagel aufzuspießen, damit nachfahrende Generationen noch dessen Schönheit bewundern könnten. Oder was auch immer mit solchen Aktionen gemeint worden war.
Ich driftete in dieser Arbeit immer ab in … ja, wohl in Mutmaßungen. Ich war ehrlich darum bemüht, zu begreifen, was das Wesen der Liebe wohl sein mochte. Tat dies wahrscheinlich auch. Das geschah jenseits aller Worte, Gewürzen und allerhand anderen Ingredienzen gleich, die ich in den Topf meines eigenen Lebens warf, um ein Süppchen zu brauen, das kochte und brodelte auf dem Herdfeuer … lauter Bilder, zu beschreiben, woran nicht einmal anzunähern ist.
Liebe ist vor allem ein Fühlen. Eine Kontaktaufnahme von Herz zu Herz. Es beginnt im eigenen. Irgendwann, vermutlich während der Zeugung, berührte etwas das noch nicht manifest gewordene Herz, welches als Sehnsucht über dem erotischen Spiel zweier Liebender schwebte, und rief es in diese Existenz, mit der Gebärmutter als Zwischenstation, dem Geburtskanal als Korridor in die menschliche Welt, wie wir sie kennen.
Dann war ich da. Und alles kam ganz anders.
Das, was dieses schwebende Etwas, eine Ahnung, eine Vermutung, eine ERFINDUNG sich erhofft hatte, fand ein Ende. Die Täuschung war: dass es zwischen den Liebenden so etwas wie bleibende Harmonie geben könnte. Diese Hoffnung wurde zerschlagen von der Wucht der Realität, in der ein äußerst gleichgültiger Vater sich nicht abwandte, sondern nicht einmal wahrnahm, was (ja, „was“) er da miterzeugt hatte. Die Mutter, welche keine Gelegenheit gehabt hatte, jemals wirklich Kind zu sein und demnach auch nie wirklich erwachsen werden konnte, war überfordert mit den Ansprüchen, die das Kind plötzlich, im Entdecken des eigenen Willens, stellte. Es hatte Glück gehabt: solange das Verhältnis ein symbiotisches war, herrschte zwischen Mutter und Kind Glückseligkeit. Das war mehr, so viel mehr als viele andere Herzen jemals erfahren konnten. Es bildete die Basis, auf der ein Gebäude errichtet werden konnte, in dem es zwar keine exakten rechten Winkel geben würde, aber doch bewohnbare, ja, wohnliche Räume.
Sie merken, ich glaube daran, dass wir uns unsere Existenz selbst wählen. Ich glaube, ohne zu glauben. Diese Bilder kommen einfach. Wie die Träume, die ich im Laufe meines Lebens immer wieder hatte, roten Fäden gleich, die mich durch das Labyrinth zu meiner Urangst, dem persönlichen Minotaurus, dem Ungeheuer, dem Ungeheuerlichen, nicht Gesellschaftsfähigen (alles nur scheinbar, alles nur scheinbar, das ist wichtig zu erwähnen!) führen würde.
Es ist ja auch völlig egal, ob das stimmt, was ich schreibe, oder nicht. Es handelt sich ja lediglich um Mutmaßungen über die Liebe. Keine … hier muss ich lächeln … wissenschaftlichen Beweise!
Ich liebte diese Arbeit, das wissenschaftliche Denken, das mir doch half, im Chaos meiner Gefühle so etwas wie Ordnung herzustellen, die wie alles im Leben nur so ungefähr sein konnte. Ich war eine spät Berufene, daher erwartete ich mir keine endgültigen Antworten, sondern lediglich Sprossen einer Leiter, die ich – um einen höchst angesehenen Mann der geistigen Wissenschaften annähernd zu zitieren – am Ende angekommen, wieder wegwerfen könnte, weil ich wusste … ich brauch‘ sie gar nicht. Wirklich. Eben nur annähernd.
Alles Zeichen. Chiffren. Geheimnisse, die zum Heim im Innersten führen sollten.
Während ich tat was ich liebte oder glaubte zu lieben verlor ich etwas Anderes, das ich ebenfalls geglaubt hatte zu lieben. Ich glaubte, dies verloren zu haben.
Eine Harmonie, die ich für ewig während hielt, zerbrach.
Eine neue Reise begann, nachdem ich mich – wieder einmal allein – aufs Meer des Ungewissen hinausschiffte. Ich wollte es ja so. Besser allein und kühn untergeh’n als noch mehr am Anderen zerstören, als unbedingt nötig (ja, auch daran glaube ich: das manche – eben nur MANCHE – Zerstörung wirklich not-WENDIG ist und die Bereitschaft dessen erfordert, der … ebenfalls sich einen Neuanfang ersehnt …). Der Krug war vom Tisch gefallen und zerbrochen, das Wasser in ihm sickerte in den Boden und vereinte sich mit dem Fluss, der unterirdisch floss, dem Meer entgegen. Auf das ich UNBEDINGT hinaus musste. Ich wollte mich vereinigen mit dem, was ich wirklich war, und ich glaubte daran, dass das ALLES war.
Ich kam bis über den weiten Ozean. In eine wirklich Neue uralte Welt. Und kam auch wieder zurück. Ich fand Inseln. Beging viele, viele Irrtümer. Wurde enttäuscht, verraten und verkauft, zurückgewiesen, „angemacht“, angezogen, geliebt, zurückgestoßen und wieder auf mich selbst zurückgeworfen. Alles macht keinen Sinn, solange man sich selbst nicht mag. Und dieser Selbsthass, der ist tückisch, verkleidet sich, betrügt, gibt sich aus als liebevolle Seele um im nächsten Augenblick einer Krise wieder hervorzubrechen als gäbe es kein Morgen. Bis zu dem Moment … in dem die Wende eintritt. Und du dir endlich selbst ins Gesicht des Gesichtes des Gesichtes des Gesichtes schauen kannst. Erkennst, wie schön du in Wahrheit wirklich bist, wenn du nur endlich bist, was du immer schon warst und jemals sein wirst können. Nicht mehr, aber verflixt noch mal keinesfalls auch nur ein Milligramm weniger. Und dabei nicht vergisst: was für dich gilt, gilt auch für alle anderen.
Es erlaubt dir, einfach zu sein und andere einfach zu lassen.
Es erlaubt dir, auch mal Fehler zu machen, ohne dich dafür gleich zu hassen.
Es erlaubt dir … in der Welt zu sein.
Es erlaubt dir. Zu lieben. Auch dich selbst. Und alle sowie alles, wer oder was dir jemals in diesem Leben begegnet ist. Auf einmal. Existiert: Sinn.
Wahre Liebe endet nie. Sie verändert lediglich ihre Form.

 

Starken Dank für diesen Text , liebe Silvia!