Kategorie-Archiv: Miteinander

„Das Europa der Muttersprachen“, Ukraine 2

 

Gestern habe ich zum zweiten Mal in meinem ganzen Leben als filmbegeisterter Mensch den Kinosaal während der Vorstellung verlassen, weil ich den Film nicht mehr aushalten konnte. Das erste Mal war bei dem Film : „In einem Jahr mit 13 Monden“ von Rainer Werner Fassbinder. Damals musste ich raus, weil ich die Gesichter und die Hände derer, die im Schlachthof  töteten und das Geräusch der stürzenden Tiere nicht mehr ertrug…

Und gestern den Film zu Beginn des zweiten Tages des Festivals: „The Tribe“ von Myroslaw Slaboschpyzkyj  bei der Szene, in der ein Mädchen mit einer „Engelmacherin“ (eine, die illegal Abtreibungen durchführt) in deren Küche kurz um den Preis feilscht, dann drückt die Frau ihre Zigarette aus und holt ihr „Besteck“ aus dem Kasten und kocht es aus über der Gasflamme vom Küchenherd, dann geht sie raus und holt eine Strick und bindet dem Mädchen die Arme und Beine so zusammen, daß diese sich nicht mehr rühren kann, auf einem Tisch hockend mit gespreizten Beinen im winzigkleinen Clo…da mußte ich rausgehen, denn ich bekam so starken Würgereiz und …es ging nicht mehr.

Der Film spielt in Jetztzeit in einem Taubstummeninternat, es fällt kein Wort, jegliche Kommunikation läuft über Gebärdensprache. Er dauert über zwei Stunden und bis dahin, wo ich rausgegangen bin zeigte er ein Leben in Anarchie, roher Gewalt, Brutalität und Kälte und danach, so habe ich erfahren, wurde es noch viel schlimmer.Ich stehe noch immer unter dem Einfluß dieser Bilder und ich denke nach darüber, was die Aussage dieses Films denn ist…was will er mir sagen?

Junge Männer werden zu Handlangern der Mafia abgerichtet und tun alles, was ihnen befohlen wird, alle Erwachsenen sind entweder Bosse bei der Mafia oder selber deren Handlanger. Die Mädchen werden als Fleischstücke an LKW – Fahrer verkauft, die mit ihnen machen, was sie wollen. In diese Welt gerät ein junger Bursche, der in der ersten Szene mit einem schäbigen Bus durch eine schäbige Gegend fährt und an einer heruntergekommenen Haltestelle aussteigt und mit seinem Koffer zu diesem Internat geht.

In dieser ersten Szene wusste ich schon, daß ich diesen Film nicht ertragen konnte. Am Straßenrand war ein kaputtes Auto zu sehen, gleich ganz am Anfang. Ich habe bei Gott in meinem Leben schon unzählige Schrottautos gesehen, aber noch niemals so ein trostloses braunes Autowrack. Es lag, schon ziemlich von Unkraut überwuchert da und war so lähmend tot und trostlos…kaum auszuhalten dieses Zeichen des gleichgültigen Verderbens.

Was soll dieser Film aussagen über die heutige Situation in der Ukraine?

Ich bleibe ratlos zurück.

Auch, daß zwischen zwei jungen Menschen ein zartes Gefühl entsteht inmitten dieses Schlachtfeldes der Bestie Mensch, soll es heißen: Schau her! Trotzdem gibt es Hoffnung, trotzalledem gibt es die Liebe…ich weiß nicht, was ich denken soll. Vorhin hab ich noch den wie immer brilliant geschriebenen Blogeintrag von Madame Filigran gelesen über das Böse…ich mag es nicht glauben, daß es „Das Böse“ gibt, obwohl mir das meine christlich-abendländische Erziehung mit allen Mitteln der Gehirnwäsche eingetrichtert hat…nein, ich mag mich dieser angeblichen Existenz des Bösen nicht ergeben…noch dazu, weil es ja angeblich von einer Frau in die Welt gebracht wurde, dadurch, weil sie (Eva , aber noch schlimmer die wilde Lilith) den Mann dazu verführte, zu Erkenntnis über das eigene Tun zu gelangen…

Aber das alles führt jetzt viel zu weit, ich glaube, jede / r  sollte unbedingt zumindest versuchen, diesen Film sich anzusehen und dann darüber zu sprechen…denn genau dazu sind doch so extrem anstrengende Festivals da, daß man miteinander ins Gespräch kommt über alle Grenzen und Barrieren hinweg, oder? Es gibt den Film auf DVD.

Ich werde mich jetzt in das abschließende Programm hineinstürzen und in den nächsten Tagen mit ein wenig Abstand nochmal berichten von diesem Glücksfall eines Verständigungsversuchs innerhalb der Kulturen.

Fallwind…

gretl-repro-84727

Die alte Katze Mimi geht hinter mir im Haus die Stiege runter. Sie ist sehr schwach geworden in den letzten Tagen und das bisschen Kraft, das sie noch hat, verschwendet  sie nicht dafür, zu essen oder sich zu waschen, sondern, um jetzt zur Haustüre hinauszukommen, in die Sonne.

Als ich mich umdrehe, schaut sie mir lange in die Augen und ich sehe in die dunkle Unendlichkeit des Universums. Uferlose Weite im Blick eines Wesens, das sich anschickt zu sterben.

Am Abend wankt sie  mit letzter Kraft ins Haus und bleibt liegen, wo ich sie hinbette.

Heute trage ich sie auf den Balkon, da liegt sie in der Sonne, wie so oft in ihrem Leben.

Gnadenloser Föhn , warmer Fallwind, weht sanft ums Hauseck und sorgt dafür, wie unter einem Vergrößerungsglas die Dinge des Lebens neu zu betrachten und mit Wehmut erkennen zu müssen, daß manch ein Traum längst weggeflogen ist und manch eine Wahrheit brüchig wird, wenn ich genauer hinsehe.

Dieser blöde Föhn, immer wieder kehrt er mir das Innerste nach außen und besteht  darauf, genauer, noch viel genauer hinzusehen, was wirklich zählt.

Manch eine hinausgeschobene Entscheidung will endlich getroffen werden, um sich von Vergangenenem zu lösen und Freiheit für die Zukunft zu bekommen.

Welche alten Verbindungen halten noch…gibt es neue, die schon halten?

Was bleibt übrig?

Die Berge verringern dramatisch ihren Abstand, rücken näher, färben sich nachtblau am hellichten Tag, der Himmel steht in Flammen…

Letztendlich bleibt nur die Erkenntnis übrig, daß ich umso reicher werde, je mehr ich verschenke, daß nur das bleibt, was ich loslasse, und daß Liebe dann entsteht, wenn ich liebe…so einfach ist es.

Warum, frage ich mich, kommen seit Jahren alle Katzen zu mir und wollen in meiner Nähe bleiben, wenn es zum Sterben ist? Wilde werden plötzlich zahm und Katzen, die normalerweise nie so unhöflich wären, jemand lange in die Augen zu schauen, suchen meinen Blick und dann sprechen sie mit mir, jammern und klagen in einer Sprache, die ich zwar erahne aber nicht dechiffrieren kann.

Die alte Katze Mimi liegt ruhig da und atmet sich leise dem Tod entgegen, nein keine dramatischen Lebensrettungsaktionen mehr, keine Fahrt zur Tierklinik und schon gar keine Todesspritze.

Sie darf in ihrem eigenen Tempo auf die letzte Reise gehen, in der Nähe von uns, ihren Lebensmenschen, immer wieder sehen wir nach ihr, das Leben vollendet sich…ja, natürlich weine ich ein wenig, aber ich werde sie gehen lassen, dorthin, wo Fragen und Antworten aufhören… und ich lasse das Mantra leise laufen, von dem es mal geheissen hat, daß es der Dalai Lama für einen Freund gesungen habe, um ihm das Sterben leicht zu machen.

Ein Gesang, den ich seit Jahren erfolglos gesucht habe, merkwürdig, plötzlich ist er einfach da…er soll sowohl beim Sterben als auch beim Leben helfen …vielleicht deshalb, weil beides ja eigentlich eins ist

oder

wir womöglich das eine und das andere eh nur träumen?

Wer weiß das schon, nicht wahr?

 

Während ich an diesem Text schrieb und das Mantra lief ist sie gestorben, weggegangen auf leisen Pfoten…

Gute Reise Mimi.

Dank an meine Schwester, das Felltier, für alles.

Ruhe in Frieden.

Reich

Am 24. Juli um halb zehn Uhr abends, vor unglaublichen 64 Jahren, ist mein Vater mit dem Motorrad heimgekommen und hat glücklich und aufgeregt ins alte Haus hineingerufen:
„a Dirndl hamma, jetzt mog i a Halbe!“

Am Tisch sitzen zwölf Leute im alten Getreidekasten, mit vielen Kerzen, denn es gibt dort keinen Strom. Alle sind gekommen, um mit mir in mein neues Lebensjahr hineinzufeiern. Wir teilen alles, den Braten, den Wein, das Bier und unsere Geschichten. Mit vielen verbindet mich jahrzehntelange Herzensfreundschaft. Es wird durcheinander geredet, laut palavert über Sorg und Leid aber auch über die ganzen „wisst Ihr noch, als wir damals…“ und was wir alles schon miteinander erlebt haben, wo wir schon überall auf Exkursion waren, weil ich wieder einer geheimnisvollen Geschichte auf der Spur war, die in Radlkeller statt Kulthügel endete. Und auch darüber, daß überall auf der Welt sich die Menschen gegenseitig totschießen. Und wir sitzen hier und uns laufen die Tränen runter, weil wir so viel lachen. Ja, es gibt immer diese Gleichzeitigkeit. Irgendwo wird immer geschossen und woanders gelacht.
Ich fühle mich so beschenkt, ich sehe diese freundlich lachenden frohen Gesichter und ich frage mich:  Würden wir es erkennen, wenn einer von uns verlorenginge, depressiv würde und droht, abzustürzen…ja, ich bin sicher, wir würden uns suchen und da sein füreinander und uns halten.
Was für ein Glück, zu wissen, es sind Menschen da, auf die ich mich tausendprozentig verlassen kann.
Wir verändern die Welt nicht, wir sind nur wenige, aber  wir halten zusammen und wenn ein paar neue dazukommen, wird der Kreis einfach erweitert.  Wie selbstverständlich das junge afghanische Paar mit Baby dabeisitzt und mitlacht, wir sprechen nicht die gleiche Sprache und doch verstehen sich alle prächtig.
Augenblicke des Glücks. Irgendwann wird die Gitarre ausgepackt und die ersten Klänge jagen mir einen Freudenschauer über den Rücken. Heute darf ich mir aussuchen, was gesungen wird und wie oft und alle singen gutmütig mit, um mir eine Freude zu machen…unzählige Male mein Lieblingslied „an der Saale hellem Strande“, und nicht mehr zu zählen, wie oft wir  „Wilde Gesellen, vom Sturmwind umweht singen, weil mir
„…uns geht die Sonne nicht unter“ so gut gefällt…

…alles, alles wird gesungen, alles darf ich mir wünschen, meine Güte , wie reich ich doch bin!

„Whatever you want“…bis hin zum „Schuld war nur der Bossa Nova“…zwischendurch wird geblödelt bis zum Abwinken, manche Töne liegen nicht mehr ganz exakt, aber wir singen mit Inbrunst und aus Freude…aus purer Lebensfreude.

Beim vierstimmigen, magischen „Alperer“ – Jodler bekommen wir nasse Augen.

Und dann ist Mitternacht und Irm singt das wundervolle Lied: „Mir gehts ähnlich“ und da ich nicht genug kriegen kann davon, singt sie es halt mehrere Male.

Schade, ich hab es nirgendwo gefunden, sollte es jemand haben, tät ich mich so freuen, wenn ich es hier erklingen lassen könnte! Ich hoffe ja, daß der wunderbare Herr Ärmel das liest und…

Na, was sag ich denn, hier isses schon! (Herr Ärmel,Sie haben was gut bei mir! )

 

Ja, und irgendwann gehen alle heim oder liegen auf dem Sofa in der Stube und ich sitze vor meinen Geschenken und fühle mich vom Glück umarmt. Ich bin so reich beschenkt mit Gutscheinen für Ausflüge an geheimnisvolle Orte, Zaubergeschichten, Rosen, ein Freund schenkt in wissender Vorausschau eine Schachtel Blues vom Feinsten, um mich für das neue Lebensjahr musikalisch gut zu versorgen und stark zu machen für alles, was so kommt…einer schickt mir einen Wunsch durch die Nacht, der mir Glanz in die Augen zaubert und ein Seelenverwandter sagt, daß jetzt die beste Zeit wäre, um so richtig neu durchzustarten…soviele gute Wünsche fliegen durch alle Welten, analog und digital,

als ich um fünf Uhr am Geburtstagsmorgen ins Bett falle, bin ich nur noch dankbar und trunken vor Glück und ich denk mir, wenn ich in diesem Moment stürbe, tät ich es als reichste Frau der Welt!

Morgen werde ich zum Vater Rhein fahren, freue mich so sehr darauf, an den Großen Fluß zu kommen.

Aber heute gehe ich noch zu meiner wilden Mama und lege ihr meinen Herzensdank und eine rote Rose auf ihr Grab. Denn sie hat mir das allergrößte Geschenk gemacht:

Mein Leben.

„Schlachtfeld Mensch“…?

Für einen Augenblick möchte ich hier zwischen Himmel und Erde die gerade entstehende wundervolle Geschichte am Feuer unterbrechen, um eine Geschichte zu erwähnen, die gerade erst in Echtzeit geschah und zu einem sehr traurigen Ende kam.

Ich bedauere sehr, daß @lz, „Der versteckte Poet“ in so eine bedrängte Lage geraten ist , hier in diesem „Bloghausen“, wie wir das immer so nett nennen, daß er keinen anderen Weg mehr für sich sah, als seine komplette Internetexistenz zu löschen.

Daß Menschen sich gegenseitig in große Not bringen, wissen wir natürlich, das kommt ja täglich aus den Kriegsgebieten zu uns. Hier passiert es auch, hier im Netz, unter uns freundlichen BloggerInnen, vor unseren Augen, sozusagen, und es geht schneller, als wir denken.

Ich kenne nicht alle Einzelheiten und nicht die Argumente beider verfeindeter Lager, um mir ein Urteil erlauben zu können und ich will mich auch nicht einmischen, trotzdem

finde ich es empörend, daß es dazu kommen muß,

daß ein Mensch keinen anderen Ausweg mehr hat, als alles, was er sich im virtuellen Raum geschaffen hat, auszulöschen, um Ruhe zu haben.

 

Ich bin sehr traurig über solche Geschichten und ich bin traurig über die Tatsache, daß einer der schönsten Blogs, eine feingeistige, freidenkende, freudeschenkende Oase der Kunst nicht mehr existiert. Ich vermisse den wunderbaren „Versteckten Poeten“ und möchte ihn bitten, wieder zu kommen, dennoch, trotzalledem…

Ich danke Dir tausend Mal, lieber versteckter Poet, für alles Wunderbare, was ich durch Dich an erweiterter Sicht über die Kunst erfahren durfte.

Ich grüß Dich herzlich

Deine Graugans, nicht mehr so aufgeregt schnatternd…denn was,  zumindest hier im Virtuellen, gelöscht wurde, kann jederzeit woanders in Ruhe wieder aufgebaut werden!

 

An Alle!

Ihr Alle in näheren oder ferneren Galaxien, die Ihr grad mit fiebrigen Grippeköpfen, laufenden Nasen, wirren Träumen, schmerzenden Schädeln und Husten zum Erbarmen herumsitzt oder liegt – die Ihr schiefer in der Welt hängt, als beabsichtigt, weinerlich, voll Jammer über irgendwas Blödes oder vielfältigstes plagendes Malaisentum:

Ich wünsche von Herzen gute Besserung, daß Ihr alles ertragt, was nicht abzuwerfen geht und alles andere runterschmeissen könnt, wie die Sandsäcke aus einem Ballon…

Ich versuche, die Große Virtualie zu durchdringen, schicke Kamillendampf, heisses Ingwergewässer, Tee von der Frau Holla und puste Euch eukalyptische Gerüche in die Nase, versende so gut wie möglich, warme Gedanken und verspreche heiß und innig, daß der Frühling in ein paar Wochen kommen wird, glaubt mir, denn bisher hat es immer funktioniert! Ich geb Euch allen die Hand, irgendwie kommen wir schon klar, und jetzt mummelt Euch schön ein, macht ein warmes Fußbad und werdet wieder gesund!

Liebe Grüsse und Arvo Pärt zum Rekonvaleszieren!

Sollte jemand weitere musikalische Argumente gegen virale Übergriffe und als Schnupfnasentherapie vorrätig haben, bitte gerne hier abgeben!

 

Einladung!

Am Donnerstag, dem 24. September um 19.00 Uhr wird hier, im KunsTRaum der Graugans, zwischen Himmel und Erde, die Ausstellung

: Flüchtling

eröffnet und beinhaltet die Ergebnisse unserer heurigen, auf dem heimischen Marxenhof veranstalteten Sommerakademie. Für die Videopräsentation unserer Arbeiten wurde bewusst der virtuelle Raum gewählt, denn wir hoffen natürlich, daß wir in diesem offenen Raum möglichst viele BesucherInnen aus irdischen, sowie interstellaren Räumen, und auch Reisende aus ferneren Galaxien begrüssen dürfen!

Wir werden am 24. pünktlich um 19.00 Uhr an den Rechnern sitzen und ziemlich aufgeregt abwarten, ob sich wohl welche einfinden, die sich mit einem Klick oder einem Kommentar bemerkbar machen und damit an diesem Experiment teilnehmen wollen.

Also, bitte Termin vormerken und Fluggeräte bereitstellen, ich würd mich wirklich wahnsinnig freuen, wenn jemand vorbeischaut hier in diese luftige Verortung, zur virtuellen Vernissage und zum gemeinsamen Weben am Großen Netz…seid Alle herzlich gegrüßt und freudig erwartet!

Menschenschwärme

Daß die toten Menschen im Lkw auf irgendeinem Parkplatz an der Autobahn erst entdeckt wurden, als sie sich bereits in stinkender Brühe aufzulösen begannen, die heruntertropfte, das hat mich in eine abgrundtiefe Traurigkeit versetzt und den kleinen Buben, der tot am Strand liegt, bringe ich nicht mehr aus dem Kopf. Wenn es stimmt, was im Talmud steht, daß, wer ein Menschenleben rettet, die ganze Welt rettet – dann stimmt auch der Umkehrschluß, dann geht die Welt bei jedem vergeudeten Leben unter.

In der Zeitung steht neben einem Spendenaufruf: „Jedes Kind ist ein Zeichen der Hoffnung für diese Welt.“ Ja, und der Kleine, der da im Sand liegt, ertrunken, weil es bei uns nicht möglich ist, legal ins Land zu kommen, der war wohl auch mal ein Zeichen der Hoffnung, und was ist er jetzt?

Der Kapitalismus und damit seine Eliten hätten abgewirtschaftet, schreibt der Philosoph Armen Avanesian in seiner „Kampfschrift“, einem blitzgescheiten Aufsatz zum gegenwärtigen Durcheinander der ins Land drängenden „Menschenschwärme“ und die verachtenden „Lösungsvorschläge“ für die „Flüchtlingsproblematik“.

Das Land ist reich, sehr reich sogar und alle haben Angst, der Reichtum könnte weniger werden und wir wären in irgendeiner Weise nicht mehr abgesichert. Und dann kommen da Hunderttausende und wollen uns alles wegnehmen. Was wir nicht gerne denken ist die Tatsache, daß Kapitalistische Wirtschaftssysteme weltweit nur funktionieren, wenn sie auf systematischer Ungerechtigkeit und Rassismus aufbauen und auf Ausbeutung angelegt sind, von liberaler Freiheit und Gleichstellung kann keine Rede sein. Und dies führt zweifellos irgendwann zu Abwanderung von denen, die grad am meisten darunter leiden. Höchstwahrscheinlich ist eh immer der der Mächtigste, der über den Transit herrscht. Und die Kriege, die in „diesen Ländern“ von den ganz Bösen angezettelt werden – deren Kriege sind immer auch unsere Kriege, das sollte mal in unser Denken einsickern.

Was tun? Momentan einfach alles, was wir können, um Symptome zu lindern, unterbringen, versorgen…aber das wird auf Dauer nicht reichen, daß wir Millionen von Menschen irgendwo in abgelegenen Asylantenheimen als Randproblem unserer Gesellschaft verstecken? Wird es zur radikalen Transformation unseres Wirtschaftssystems kommen wie Avanessian voraussieht, und „das Fass der postdemokratischen Ignoranz zum Überlaufen und uns alle gemeinsam einer Lösung näherbringen“?

Was weiß ich. Ich sehe im Fernsehen Bilder von Menschenmassen im Münchner Hauptbahnhof, die einen kommen übermüdet aus den Zügen und die anderen versuchen ihnen durch Aufstapeln von Stofftieren und Altkleidung zu vermitteln, daß wir durchaus geruhen, so gnädig zu sein, sie aufzunehmen, wenigstens so lang, bis geklärt ist, wer tatsächlich würdig ist, in diesem heiligen Lande weiterhin leben zu dürfen. Alle scheinen für einen Augenblick glücklich zu sein, am Münchner Hauptbahnhof. Ein kleiner Bub saust schnell von der Hand seines Vaters weg, schnappt sich von einem Plüschtierhaufen einen Teddybären, klemmt ihn unter seinen Arm und geht an der Hand seines Vaters weiter, einem Ausgang zu.

Im Aldi bewegen sich die Leute, die auf dem Parkplatz die teuren Automarken stehen haben, langsam in der Schlange vor dem begehrten Backautomaten vorwärts. „Bitte gedulden sie sich einen Moment, unser Produkt wird ofenfrisch für sie zubereitet!“ – sagt eine sehr freundliche Stimme aus dem Nichts.

Es fällt mir das Bild wieder ein, ein Foto, irgendwo in Syrien, ein Kind liegt mitten auf der Straße, es ist an einem Bauchschuß verblutet. Die Mutter hatte es losgeschickt, es sollte ein Brot holen vom Bäcker auf der anderen Seite.

…da waren´s zwölfe…

Die zugelaufene Katze hatte mehrmals Junge, die aber anscheinend von irgendwem oder irgendwas „entsorgt“ wurden, denn wir bekamen sie nicht zu sehen. Vor einem Jahr brachte sie drei mit, die ließen sich nicht fangen, so konnten wir sie nicht sterilisieren lassen, die Kater heulten schon im Winter um´s Haus und so wurde eine nach der anderen schwanger, auch die Mutter, die wir auch nicht rechtzeitig erwischt hatten. Alles nahm seinen mehr oder weniger naturgemäßen Lauf. Die Alte verschwand hochschwanger und tauchte kurze Zeit später blutüberströmt, voller Wunden und mit herausgebissenen Reißzähnen wieder auf, kinderlos und da sie den Bauch voller Milch hatte, ließ sie ihre große schwarze, längst verstossene Tochter wieder bei sich trinken. Die beiden lagen ständig beieinander, zwischendurch wurde ein kleines schwarzes Kind angeschleppt, das säugten sie abwechselnd und vergaßen es schließlich, eines Tages lag es wieder da, wurde von beiden abgeleckt, war aber schon verhungert. Als die Mutter wieder schwanger war, hat sie die große Tochter wieder verstossen. Dann tauchten zwei getigerte Junge auf, da waren es insgesamt, mit unseren zwei Stammkatzen immerhin schon acht.

Vor etlichen Wochen hat die schwarze Katze ganz oben im Haus, in der hintersten Ecke unter dem Dach vier Kinder hingelegt, alle dunkelgrau bis schwarz, so eine Art Halbangora. Jetzt haben wir also zwölf, bis jetzt.

Wir leben in einer örtlichen Befindlichkeit, die aus der Stadt sagen „am Land“ dazu. Hier wird das, was zuviel ist , gewinnbringend verkauft, das, was nichts wert ist, manchmal verschenkt, und das, was niemand braucht, meistens erschlagen. Dazu gehören Katzen.

Schwierig, das mit den Katzen.

Schwierig deshalb, weil alle Entscheidungen, die man trifft, irgendwie falsch sind, man macht sich schuldig, was immer man tut, um in diese wilden Naturverläufe einzugreifen, finde ich.

IMG_1413

Wer schon einmal gesehen hat, wie eine Katze ihre Jungen großzieht, mit welch bis ins kleinste Detail perfekt ausgeklügeltem pädagogischen System sie ihnen Schritt für Schritt, immer an die jeweilige Entwicklungsstufe angepasst, Kämpfen, Jagen, Selbstverteidigung, Anschleichen beibringt. Wie sie ihnen im Spiel lehrt, mit welchen präzise gesetzten Bissen die Beute erlegt wird, wie sie sie ausbildet zu perfekten Jägerinnen. Ja, Katzen sind wilde Tiere und das bleiben sie auch.

IMG_1452

Wenn wir ihnen das Geschlecht nehmen, sind sie nur noch Killermaschinen, ihr ganzes Urwissen über die Aufzucht und das Weitergeben von uralten Verhaltensweisen wird damit aus ihnen herausgeschnitten. Wir entscheiden über Leben und Tod. Domestizieren geht nicht bei diesen wilden Tieren, sie widersetzen sich jeglichen Versuchen. Aber sie nehmen halt unser Nahrungsangebot entgegen und das ist letztlich auch das Problem: Wenn wir sie füttern, müssen wir die Population irgendwie in den Griff kriegen.

IMG_1396

Natürlich weiß ich, wie es geht: Ich nehme die kleine Katze und werfe sie solange auf den Boden, bis sie tot ist. Der Natur ist das egal, der Mutterkatze auch, die hat für Begriffe wie Mutterliebe oder Sehnsucht nach den Kindern oder Traurigkeit kein Sensorium. Gesäugt wird, solang Milch da ist, wenn keine Milch mehr kommt, werden die Kinder verstossen.

Wenn wir nicht sterilisieren wollen, müssen wir töten oder wir füttern nicht mehr. Die Nacharin bietet uns die Hilfe ihres Mannes an, der würde die Katzen gleich „derschmeissen“, ja, ich weiß, der steckt die großen Katzen, die nicht mehr gebraucht werden in einen Sack und drischt mit dem Hammer auf die Köpfe ein, was nicht immer gleich gelingt. Nein, das ist kein böser Mensch, das ist ein sehr frommer Christenmensch, so wie viele ringsherum.

Also, wir wollen das nicht. Ich möchte es nicht tun, auch wenn es tausendmal das Beste wäre, dieses Töten würde an mir kleben, ich möchte nicht so werden, daß es mir nichts mehr ausmacht. Nein!

IMG_1678

So klein sie auch sind, sie haben, im Verhältnis zur Pfotengröße, mächtige Krallen.

IMG_1635

Es geht ganz schön zur Sache bei der Nahrungsaufnahme, es wird auch schon gebissen, getreten und gewürgt. Jedes Junge ist anders, es gibt ausgesprochene Schreihälse und ganz leise Kinder. Das Entwicklungstempo ist ganz unterschiedlich. Während die anderen noch blind herumliegen, hat eines schon die Augen offen und saust auf wackligen Beinen durch die Gegend.

IMG_1626

Im Moment verbringe ich mein Leben mit dem Schwerpunkt: Zuschauen, wie sie wachsen und zuhören, wie sie schon alle schnurren, wie sie sich balgen und kreuz und quer auf der Mutter herumpurzeln und sich anknurren oder wie am Spieß schreien, wenn es zu eng wird am Mutterbauch, und wie sich die Mutter, um alle peinlichst sauber zu halten einfach eins nach dem anderen unter die Pfote klemmt, um es mit nassem Spuckewaschlappen zu bearbeiten.

IMG_1582

Und sie lernen schnell, die Kinder, sie versuchen zu sitzen und sich zu waschen, so wie es sich gehört, mit der Pfote über das Fellgesicht. Ich mag es nicht immer nur als Problem sehen, die vielen Katzen. Ja, wir werden eingreifen und alle, die wir erwischen, sterilisieren müssen. Und von den kleinen Schwarzen werden wir welche verschenken, obwohl, wer mag schon Katzen haben, diese eigensinnigen Freigängerinnen?

Aber:  Trotz alledem! Nichtsdestoweniger! Dennoch! –  ist es so eine große Freude, diese Fellbande!  Ein großes Geschenk, dabei sein zu dürfen, wie sich auf der Weltenbühne das Leben aus sich selbst heraus lebt und gestaltet und zu sehen, wie sich vier so perfekte Wesen nebeneinander an Mutters Tankstelle  die Bäuche füllen…

IMG_1691

Land in Sicht?

Noch kurz vor seinem Tod hat Günther Grass –  (er möge in Glückseligkeit in der ewigen Heimat wohnen!) – für Aufruhr in den Medien gesorgt, nur weil er sagte, daß schon einmal jeder Haushalt Flüchtlinge aufnehmen musste hierzulande, und es sei auch gegangen. Ausgelegt wurde es ihm dann, als hätte er gesagt, daß es eine Verpflichtung zur Aufnahme geben müsse – heute! Ja, da haben sich dann alle aufgeregt…ja, natürlich sind wir wieder mal sehr „betroffen“ über die ertrunkenen Flüchtlinge, ja, das tut uns natürlich sehr leid…und? Was weiter? Wessen Problem ist das? Und was sollen wir tun dagegen? Ich frage mich schon, warum eigentlich darüber kein Shitstorm ausbricht, warum rennen jetzt nicht Hunderttausende auf die Straße und schreien ganz laut? Warum fahren wir nicht mit unseren teuren Autos an die Küsten und sammeln sie ein, diese Ärmsten der Armen? Ja, allen tut es so leid, aber was ist denn die Konsequenz? Ich glaube, wir müssen sie kommen lassen, ja, alle! Alle, die es in ihrer Heimat nicht mehr aushalten und ich bin mir sicher, wenn diese Entscheidung getroffen ist, dann werden die Menschen nicht mehr armselig auf dem Meer verrecken. Ja, ich höre sie schon alle, wie sie von denen reden, die angeblich nur wegen unserer sozialen Leistungen kommen täten und weil es angeblich bei uns ein Schlaraffenland gibt! Meint Ihr denn, die Menschen geben alles auf, verlassen ihre Heimat, wissend, daß die Chance, halbwegs lebend an irgendein Ufer zu kommen verschwindend gering ist, nur, weil sie bei uns krankenversichert sind oder was? Diese EU, unsere reichsten Länder der Erde, versucht alles, um die Grenzen abzuriegeln und das Elend draussen zu lassen…aber es wird trotzdem angeschwemmt. Wir wollen nicht akzeptieren, daß es längst eine Völkerwanderung gibt, nicht die erste und nicht die letzte. Es kann monatelang in Arbeitskreisen, Gremien und was weiß ich alles gequatscht werden, Ursachenforschung betrieben und Analysen in jeder Richtung, TalkTalkTalk über alles…letztendlich, um dieser himmelschreienden Schweinerei von Schleusern und Konsorten, die alle auch noch viel Geld verdienen am Elend der dann doch krepierenden Menschen im Meer ein Ende zu bereiten, werden wir sagen müssen: wir nehmen Euch auf! Alle!

Ja, es wird große Probleme geben, ja, die Not , Traumatisierung, Heimatlosigkeit werden die Menschen nicht edler machen, ja, wir werden Menschen aufnehmen, die kriminelle Handlungen begehen, ja, wir werden uns voreinander fürchten, die einen vor der schwarzen Haut und schwarzen Augen und die anderen vor weißer Haut und blauen Augen und ganz sicher werden wir pro Haushalt irgendwann kein Geld mehr kriegen, um die Flüchtlinge unterzubringen und zu verköstigen, denn, wenn einmal die wirklich großen Massen kommen, dann wird es vielleicht sogar bei uns knapper mit dem Geld…aber wenn ich mich auf dem Parkplatz beim A… umschaue, wo mein Auto immer das mit Abstand kleinste ist, und ich mir oft denke: der vor mir geparkte Wagen, der wäre ein neues Hausdach und dann könnten wir auch noch dies und das reparieren am Haus…wenn ich dann die Wägen vor und hinter mir noch dazu täte, dann hätten wir eine Heizung und könnten sogar noch den Keller trockenlegen lassen…also, wenn pro Haushalt nur noch ein Auto da wäre, dann würde in vielen Fällen auch eine 30qm große, beheizte Garage frei und da könnten wir schon unendlich viele Flüchtlinge jahrelang beherbergen und verköstigen, nicht wahr?

Ich verdanke mein Leben einem sogenannten „Flüchtlingsweib“, wie man sie damals (und heute!) nannte. Meine Mutter hatte es noch relativ gut, wenn man ihr Schicksal vergleicht mit denen im Meer, wurde sie doch „nur“ mit unzähligen anderen sogenannten „Vertriebenen“ in Viehwaggons gepfercht und ins Nirgendwo hingekarrt unter Bedingungen und mit Erlebnissen, die sich lebenslang eingebrannt hatten…irgendwann gestrandet bei einem Bauern, der sie gezwungenermaßen aufnehmen und verköstigen musste. Dort wurde sie von meinem Vater entdeckt, der sich unsterblich verliebte in sie, die so anders war, und der sie dort herausheiratete und zu sich in ihre neue, zweifelhafte Heimat holte. Bald darauf kamen noch weitere Flüchtlinge, die unserem Haus zugeteilt wurden. Und so hauste man miteinander, in ziemlicher Armut und ohne Glücksgarantie. Ja, aber es ging auch irgendwie. Was ist das, „Heimat“? Das frage ich mich mehr denn je! Ist es nicht dort, wo endlich mal „Land in Sicht“ ist? Also, wir halten die Tür auf und werden sagen: „Seid willkommen!“ Natürlich hab ich auch Angst davor, mit so sehr fremden Menschen in unserem alten Haus, wie soll das gehen, ja, leicht wirds nicht, viele Mißverständnisse werden uns plagen, trotzalledem glaube ich, daß es nur so sein kann, wenn nur viele genug dafür eintreten, viele müssen wir sein und HEIMAT müssen wir anbieten.

 

Epiphanie: Erscheinung, Offenbarwerden (griech. epiphaneia)

Heute das Fest der drei Königinnen:

Die Werdende.

Die Gewordene.

Die Seiende.

 

Die, die das Leben gibt,

die das Geschick zuteilt,

und die beides wieder zerreißt!

 

Eine Krone aufsetzen, Rauch zum Himmel steigen lassen und ein wenig tanzen, Perchta zu Ehren, Strahlende Wandlerin…in uns!

Wenn drei Frauen sich zusammentun, sieht man die Sterne am lichten Tage.

Weisheit aus Indien