Archiv des Monats: März 2026

Briefe an die nahe Ferne ( 8 )

Ganz hinten im kleinen Büchlein „Weihnachten in Prag“ dankt Jaroslav Rudiš ein paar Leuten und sagt: Wir sehen uns dann im „Ausgeschossenen Auge“. Da hatte ich so eine große Sehnsucht, und hab sie immer noch, mich dazusetzen zu können in dieser Kneipe, die auch in der unglaublich liebenswerten und etwas mysteriösen Geschichte vorkommt. Und dort dann mit Menschen, die ich mag, schwarzes Bier zu trinken und auf den „König von Prag“ zu warten.
Und jetzt ist es wieder soweit, das Buch „Winterbergs letzte Reise“ nimmt mich mit nach Königgrätz, dort erfahre ich, daß auf dem riesigen Schlachtfeld, wo 400000 Soldaten gekämpft haben und mindestens 100000 Tote liegen mit ihren Pferden, die Erde immer noch und immer wieder die Reste ausspuckt, die sie nicht verarbeiten kann. Eine sehr merkwürdige Bahnreise mit zwei merkwürdigen Männern, die mit Hilfe von einem Baedecker Reiseführer aus dem Jahr 1913 einer Spur folgen, die ins heutige Nirgendwo führt, oder ist es die Sehnsucht nach einer brennenden großen Liebe, die lange verweht ist aber niemals erloschen … ein Sog ist es, der mich hineinzieht in die Geschichte, ich reise mit, der Ausgang ist ungewiß wie so Manches, was man tut und nicht weiß, wohin es führt. Aber was ich sicher weiß ist, wenn ich das Buch ausgelesen habe, werde ich dieser Reise gerne nachreisen wollen. Es ist nicht nur die merkwürdig vertraute Sprache von Rudiš, die mir aus der Seele spricht, Seite für Seite. Ich spüre Erinnerungen in mir, die ich selber gar nicht haben kann. Die Erinnerungen meiner Mutter, die anscheinend auf geheimnisvolle Weise auch in mich hineingelangt sind, lösen in mir ein wehmütiges Zurücksehnen nach einer verlorenen Heimat aus, die womöglich gar nicht existiert hat.

Vor Jahren bin ich schon einmal in Karlsbad herumgeirrt und auch in der Kirche an ihrem Geburtsort vor dem Taufstein gestanden, ich habe nichts gefunden, konnte keine Spur von meiner Mutter entdecken, auch nicht wirklich ein Gefühl für sie, die Orte und mich. Beim Lesen dieses Buches streifen mich ihre Erinnerungen, das ist seltsam, aber Worte gibt es dafür  nicht.

Manchmal sitze ich da und die Zeit oder das Leben saust wie im Zeitraffer um mich herum, irrsinnig schnell und ich komme nicht hinterher, sondern lasse es geschehen … die Tage, Wochen, Monate rasen dahin, die Jahreszeiten fliegen um meine Ohren … vorgestern war Winter, gestern Frühling, heute Schneesturm, es hagelt Unmengen weiße Körner, die aussehen wie Styroporkugeln.

Ich sitze am Stubentisch und schäle Erdäpfeln, im Radio laufen die Brandenburgischen Konzerte Nr. eins und zwei. Meine wirren Gedanken ordnen sich und werden zu einem Wunschtraum: Ich möchte gerne einen Club alter Weibsbilder gründen! Und als erste Clubregel würde ich einführen: Das unliebsame Wort „NOCH“ wird vernichtet.

„Ohne von anderen Gestirnen beleuchtet zu werden, leuchtet mein Mond nicht“. – soll er gesagt haben, –  jetzt ist er gestorben: Alexander Kluge.
Ich bin sicher, alle Gestirne sind ihm wohlgesonnen und erleuchten seinen Weg in die ewige Glückseligkeit.
Ruhe sanft und in Frieden großer, alter und weiser Mann.

 

Aus dem Schneekugerlland in der fernen Nähe schicke ich liebe Grüße in die frisch ergrünte Stadt und an die Kraulquappe!

 

 

Briefe an die nahe Ferne ( 7 )

Immer gibt es Filme, auf die ich warte und hoffe, daß sie aus den Städten doch bitte auch in die Provinz vordringen. Manchmal gibt es das und die Betreiber der kleinen Kinos wagen auch mal einen außergewöhnlichen Film. Auf den Film: „Jetzt. Wohin. Meine Reise mit Robert Habeck“ von Lars Jessen habe ich vergeblich gewartet, leider. Bei dem Film über Siri Hustvedt: „Dance Around The Self“ wird es mir ähnlich ergehen, fürchte ich und ob der neue Film von Jim Jarmusch: „Father Mother Sister Brother“ in erreichbare Nähe rückt, ist auch ungewiß.

Königgrätz

Bei den mindestens fünf Büchern, die ich gleichzeitig lese,  wird in den nächsten Wochen eines die anderen verdrängen: „Winterbergs letzte Reise“ von Jaroslav Rudiš.
„Die Schlacht bei Königgrätz geht durch mein Herz“, sagt Winterberg als ersten Satz im Buch.
Jan Kraus kommt ursprünglich aus Böhmen und arbeitet in Berlin als Begleitperson von Schwerkranken in den letzten Tagen, Wochen, Monaten ihres Lebens und erfüllt ihnen Wünsche. Er nennt es „Überfahrt“. Für so eine Überfahrt wird er von einem uralten Mann gebucht, Winterberg, um mit ihm eine Eisenbahnreise durch Mitteleuropa zu machen, tief hinein in die Vergangenheit auf der Spur lange verdrängter Geheimnisse.
Eine 500 Seiten Roadnovel, wo wird sie mich hinführen? Ich freue mich auf die Weiterreise immer weiter hinein in das fremde Europa, in dem ich lebe.
Ich kenne Rudiš schon lange, habe ihn im Literaturhaus Salzburg erlebt, äußerst sympathisch, perfekt deutsch sprechend und ich liebe seine „Kafkaband“, in der er mit seinen Bandkollegen Texte von  Kafka vertont hat.

Zum Einkaufen mache ich trotz hoher Spritpreise einen Umweg, weil dieser Schleichweg, eine kleine Straße neben der dichtbefahrenen Autobahn, die Kulisse der Berge in Sichtnähe, so wahnsinnig schön ist. Beim Heimfahren leuchtet der feuerrote Ball der untergehenden Sonne im Rückspiegel und dann stehen da die noch schneebedeckten Gipfel dieser Berge, wie grandios erhaben und majestätisch sie doch sind, diese riesigen Felsbrocken, von tiefen Furchen und Adern durchzogenen Steinwesen.

Gschnas

Und am Lieblingssender im Radio  läuft das Lied der gleichnamigen neuen Scheibe von Voodoo Jürgens und ich muß gleich losheulen, weil es so schön ist, von was er da singt, dieser blutjunge Kerl, so ein zartes, schmächtiges Zigarettenbürscherl, wie wir früher gesagt hätten, mit klitzeblauen Augen und einem Lächeln, hinter dem immer ein bisserl Wehmut herausschaut. Die Poesie seiner Texte trifft  mich ganz tief unten am Meeresgrund, dort, wo die Sehnsucht am größten ist, oder auch draußen im Straßenstaub oder nachts, wenn man die Kneipentür hinter sich geschlossen hat und alleine heimgeht, oder was weiß ich, es ist eh am gscheitesten, man hört sie sich an, diese wunderbar leichtschweren Lieder. Bei dieser Musik spielt es keine Rolle mehr, daß ich alt bin und er jung, denn wir sind sowieso alt und jung zugleich und der Seele ists eh wurscht, wie jung oder alt der jeweilige Leib ist, der sie umgibt.

Ja, ich wünsch mir auch sehrsehrsehr, daß alles ein Riesengschnas is!

Das erste dicke Hummerl heuer ist von Kikeriki(Lerchensporn) zu Kikeriki geflogen und hat sich vollbepackt mit süßem Nektar. Morgen muß ich unbedingt nachschauen, ob zwischen den Wurzelarmen der Kiefer wieder die Veilchen wachsen. Das ist ihr Platz schon viele Jahrzehnte lang, aber nicht in jedem Jahr lassen sie sich blicken, warum auch immer, auch sie kommen und gehen, wann sie wollen.

Grüße vom Meeresgrund aus der fernen Nähe, liebe Kraulquappe!

Briefe an die nahe Ferne ( 6 )

„It´s better to have loved“

Letzte Nacht habe ich von einem geträumt, den ich früher mal kannte. Er sah vollkommen anders aus und trotzdem wußte ich, daß er es war. Vor ein paar Jahren hätten wir uns zufällig in einem Supermarkt begegnen können, wenn ich nicht geflüchtet wäre. Er sollte nicht in meinen Augen mein Entsetzen über seine Verfassung sehen. Es war früher schon zu ahnen, daß sein Weg in Suff und Elend führen würde, wenn er nicht die Richtung änderte, aber ich bin dann doch heftig erschrocken darüber, wie ein Gesicht in Abgründe und tiefe Schluchten stürzen kann und dann irgendwo liegenbleibt auf dem grauen Schotter. Im Traum war er in eine ganz andere, ziemlich belanglose Gestalt geschlüpft … belanglos, wie unsere Gespräche damals. Das, was wir uns sagen wollten, haben wir aus der Musik herausgehört, die wir uns vorspielten und aus ein paar schönen Briefen. Aber alles, auch das, was nicht geschah, ist lange schon vorbei.

Vor kurzem bin ich am Abend durch ein Tal gefahren, das eigentlich eine tiefe Schlucht ist, mit einem kleinen Fluß und einer Straße daneben. Meine Heimat ist durchzogen von Abgründen, das sind Furchen in den Seitenmoränen des Gletschers, der sie bei seinem Rückzug hinterlassen hat. Wir sind umgeben von diesen Einkerbungen und nennen sie entweder „Graben“ , wenn sie sich durch die Wälder schlängeln, meist gemeinsam mit einem Bach; oder man nennt sie Tal.
Das erwähnte Tal erscheint mir meistens dunkel, auch wenn die Sonne scheint, und am Abend wird es dort stockfinster. Anscheinend saßen alle schon daheim am Nachtmahltisch, niemand war mehr unterwegs. Die Straße lag schwarz vor mir und glänzte matt im Scheinwerferlicht und plötzlich erschien oben über den schwarzen Wipfeln der Bäume der Mond und schob sich von irgendwoher wie eine riesige Goldmünze langsam … sehr langsam … ins Bild.

Und da gibt es noch immer eine halb verfallene alte Scheune und da hab ich geparkt und mir eins meiner Lieblingslieder angehört und habe es seitdem ständig im Ohr. Ich glaube, es ist nicht besonders berühmt und hat keine große Bedeutung und der Interpret wäre dadurch wahrscheinlich nicht zu Ruhm und Ehre gekommen.
Es erzählt die Geschichte von einem, der eine schwarze Straße im Nirgendwo zurück zu einem Ort fährt, der jetzt verfallen ist und wo durch die Risse im Beton der Löwenzahn wächst. Mit Brettern vernagelt und wie ein altes Sommerlied verschwunden, aber da war mal was, ein Anfang in einem verschlafenen Eckzimmer, der Geschmack von Lippenstift und ein warmer Atem am Ohr … der Anfang ist lang schon ein Ende … jetzt wacht er  in seinem Bett auf und ist einsam …
aber er erinnert sich, daß damals jemand sagte, daß es besser ist, geliebt zu haben.

„Yeah it´s better to have loved“

Und dann stellt er sich auf denselben Parkplatz wie früher und dann holt er aus der Papiertasche eine Flasche Jack … und dann … einen für sie, einen für ihn und einen auf den Parkplatz … vom Moonlight Motel.

Ringsherum blüht alles, was blühen kann. Die Igel schlafen anscheinend noch, also lassen wir alles liegen, worunter sie womöglich ihre Winterquartiere haben. Das Leben lebt sich so dahin und ich sitze da und schaue ihm dabei zu.

Liebe Grüße an die Kraulquappe und: Sag Bescheid, wenn Du in Helgoland angekommen bist, wir trinken einen auf Deinen Papa und seine Überfahrt ins Meer der Unendlichkeit … Du mit einem Klaren vom Norden und ich mit einem Enzian vom Grassl in Berchtesgaden und nicht vergessen: Du mußt natürlich auch den für Deinen Papa trinken, eh klar, und einen für den Blanken Hans!

 

Briefe an die nahe Ferne ( 5 )

William the conqueror, 1066 … so ist er gespeichert, ein Leben lang, aber auch nur, weil wir von seinen Eroberungen und gewonnenen Schlachten sowohl im Geschichts- wie auch im Englischunterricht hörten und weil „tensixtysix“ sich einfach nicht mehr aus dem Hirn bringen läßt. In meinen Schulzeiten erzählten sie uns von großen Heer- und Schlachtführern, von großen Helden, daß manch einer ein körperlich kleines Männlein war wie Napoleon, spielte dabei keine Rolle. Ehrfürchtig haben die Geschichtslehrerinnen von diesen Herrschern gesprochen und wir mußten dann die Daten der siegreichen Eroberungen auswendig lernen. Reichtum, Ruhm und Ehre erlangten die, welche hunderttausende von leibeigenen Soldaten aufeinandergehetzt hatten, um sich gegenseitig abzuschlachten. Die paar, die überlebten, humpelten nachhause, dort war die Armut nicht weniger geworden, aber der der Befehlshaber ging in die Geschichte ein als großer Eroberer.
Es hat sich nicht viel geändert, immer noch gilt die primitivste aller Regeln: Ich will das, was du hast und wenn du es mir nicht freiwillig gibst, dann schick ich meine Soldaten und die bringen dich um. Ja, so einfach ist das. Derjenige, der die meisten Soldaten hat für das große Abschlachten, der wird als siegreicher Feldherr in die Geschichte eingehen.
Manchmal frag ich mich, was wohl die Mütter und Töchter, die Ehefrauen und Geliebten über die Machenschaften dieser Männer denken. Rußlands Präsident soll ja eineTochter haben und die hat eine Mutter. Was geht wohl in so einer Tochter vor? P. kann ja durchaus ein liebender Vater und Ehemann sein, das geht ohne weiteres gleichzeitig, hunderttausende abschlachten lassen und daheim liebevoll mit den Kindern spielen, das hat die Geschichte mehrfach bewiesen. Wo ist die Tochter, muß sie irgendwo versteckt leben, um ihren Vater nicht erpressbar zu machen? Oder ist sie sozusagen aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihr Vater?

In den Nächten nehme ich meine Geschichten und gehe mit ihnen in fremden Geschichten herum. Ich betrete sie mit dem Auge der Kamera wie durch die Türe in einen Garten, fremd und verzaubert und ich sehe zu, was sich ergibt. Oft bleibe ich erstmal gleich in der Nähe der Türe stehen, um gleich hinauszulaufen, wenn mir Feindseligkeit oder große Langeweile entgegenschlagen.

In aufeinanderfolgenden Nächten hatte ich das große Glück, vier außerordentlich wunderbare Filme zu sehen. Alle würde ich natürlich viel lieber im Kino ansehen, aber da ARTE wie ein Programmkino wirkt und Filme zeigt, die ich sonst nicht sehen könnte, bin ich auch für diese Möglichkeit dankbar. Und da ich meine, daß sie alle noch eine Zeitlang in der Mediathek laufen, möchte ich sie hier, zwischen Himmel und Erde wenigstens erwähnen, sie haben es verdient, gesehen zu werden.

1. Film: „Fallende Blätter“ von Aki Kaurismäki, wie schon beschrieben.

2. Film: „Der große Wagen“ ( Le grand chariot ) von Philippe Garrel
Drei Geschwister, ein Vater, eine Großmutter, führen ein fahrendes Puppentheater. Dann stirbt der Vater und sie müssen versuchen, das Theater weiterzuführen.

3. Film: „The quiet girl“ ( An Cailín Ciúín ) von Colm Bairéad
1981 irgendwo in Irland wird ein neunjähriges Mädchen in den Ferien zu Verwandten geschickt, weil daheim  zu viele Kinder sind und zuviel Not … und das Kind erfährt zum ersten Mal im Leben Zuwendung, von der es bisher nicht wusste, daß es sie gibt.

4. Film: „Im Herzen jung“ ( Le Jeunes Amants ) von Carine Tardieu
Dieser Film ist die Steigerung (wenn es sie denn überhaupt gibt) von allen. Fanny Ardent ist selbst schon über siebzig Jahre alt und spielt eine siebzigjährige Architektin, die auf einen fünfundvierzigjährigen Arzt trifft und mit ihm in eine große Liebe hineinfällt, ohne Netz und doppelten Boden und trotz heftiger Versuche nicht mehr hinausfindet. Die Liebe kann nichts dafür, sie richtet auch kein Unheil an, sie kann nichts anderes als zu lieben.  Fanny Ardent ist so unglaublich schön als alte Frau, aber dieses Gesicht einer Göttin allein hätte den Film nicht getragen. Es gibt Nahaufnahmen von ihren Augen, von seinen Augen und zärtliche Nahaufnahme von ihren alten Händen … ach, es ist wie in allen vier Filmen einfach die Poesie des Lebens zu spüren, das diese Geschichten sich ausdenkt, oder gibt es Geschichten, die sich das Leben ausdenken … irgendwer hat sie aufgeschrieben, irgendwer hat sie gespielt und irgendwer sitzt davor, heult  Rotz und Wasser und  ist glücklich und dankbar, diese wunderbare Zeit in diesen nächtlichen Gärten der Lichtspiele verbringen zu dürfen.

Und hiermit schicke ich diesen Brief aus der fernen Nähe hinaus in das Irgendwo und Nirgends der Galaxie und Dich, liebe Kraulquappe, grüß ich herzlich!