Ich schiebe mein Radl den steilen Berg hinauf, setze mich auf die Bank am Waldrand und schaue einfach so vor mich hin. Auf der Bundesstraße rasen die Autos hin und her und hinter mir pfeifen und trällern die Vögel im Wald. Hohe Gräser wiegen sich im warmen Wind und streifen dabei sacht über meine Beine. Ich denke an Geschichten, die ich alle schon mal erzählt habe hier bei der Graugans, zwischen Himmel und Erde. Jetzt muß ich entweder die alten nochmal erzählen oder neue sammeln oder erfinden. Mir ist, als wäre alles schon mal dagewesen und auserzählt.
Und mir ist, als gäbe es noch eine andere Ebene, als würden hinter den Geschichten weitere Geschichten darauf warten, erzählt zu werden aus einer anderen Dimension oder eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit, tiefer, höher wahrhaftiger noch wie der Spiegel im Spiegel im Spiegel… es ist verwirrend aber es interessiert mich, die Spur aufzunehmen, egal, was dabei herauskommt. Sprache ist Leidenschaft, führen Buchstaben ein Eigenleben, wenn man sie losläßt? Aber wie finde ich da hinein und hinaus und entstehen da lesbare Texte? Wahrscheinlich ist das Beste, einfach weiter und weiter zu schreiben…
Am veredelten Rosenstock mit den tiefroten Blüten wächst ein Zweig süß duftend empor über und über voll mit dem hellen Rosarot der Wildrosen. Ich müsste ihn sofort ausreißen, aber ich bring es nicht übers Herz. Immer wieder mal bricht aus den gezüchteten Edelrosen die Wildnatur hervor, die immer in ihnen schlummert. Da ist in jeder Edelrose ein ewiger Drang, zurück zum Ursprung, zurück dorthin, wo sie herkommt und wonach ihr heimliches tiefstes Sehnen geht: zurück zur Wildnis, wohin sie gehörte, bevor sie von Menschenhand „kultiviert“ wurde, gezwungen, mehrmals zu blühen und schwere Blüten zu tragen . Sie wartet geduldig ab, läßt sich hegen und pflegen, aber sobald die Veredlungsstelle ans Licht kommt, bildet sie sofort einen Schößling, dem man beim Wachsen zusehen kann.
Sie möchte nur einmal ganz kurz blühen, zart und rosarot und sich mit ihrem ganzen Wesen hingeben und im Duft verströmen, Werden, Aufblühen, Duften und Vergehen, um dann als Hagebutten Nahrung für die Vögel zu sein, die sie weiter und weiter verbreiten.
Ich lasse Ihren Zweig verblühen, bevor ich ihn entferne.

Liebe Grüße an die Kraulquappe!
Das sind shöne Gedanken und ein gute Tat.
Geschichten hinter den Geschichten – irgendwann sitzen wir alle zusammen, auf der anderen Seite, da, wo man Zeit genug hat und dem anderen so nah ist, wie man möchte. Dann erzählen wir uns bei einer Tasse Tee oder Kaffee die Geschichten hinter den Geschichten. Es gibt sie, das glaube ich auch. Wer tief genug gräbt, findet sie.
Liebe Grüße, Reiner
Danke für Deine Worte- mir geht es grad ganz ähnlich. Herzensgrüße Susanne 💚
Oh wie schön, die wilde Rose bricht sich Bahn unter der aufgepfropften Edelrose! Ja, lass sie blühen. Vielleicht gibt’s Hagebutten, das schafft die Edelrose nie!