Archiv für den Monat: Januar 2017

Damals

Es war Schnee gefallen in der großen Stadt. Ich war Mitte Zwanzig und melancholisch am Leben entlangfröstelnd lief ich durch die Straßen um meine Wohnung herum, die keine Heimat wurde. Alles war anders  als erwartet, die Stadt  war mir nicht entgegengekommen, ich fühlte mich fremd und einsam.

Im Schaufenster einer heruntergekommenen Buchhandlung lagen stapelweise verstaubte Bücher, beim Eintreten bimmelte eine kleine Glocke. Ein wenig verloren stand ich da, es roch nach Mottenkugeln und Kohlefeuer, überall Bücherstapel bis zur Decke und an den Regalen lehnten düstere Ölgemälde.

Aus dem Dunkel hinter einem schweren Vorhang kam ein Mann, er trug ein verschlissenes Jackett, eine Art Baskenmütze auf weißen Haaren, zerlatschte Hausschuhe und er hatte leidenschaftliche und wilde Augen.

Er ließ mich in einem staubigen Fauteuil Platz nehmen, verschwand, brachte große Gläser mit zuckersüssem, angewärmten Rotwein, stellte ein paar Kekse hin, dann legte er mir einen Wollschal um die Schultern und rezitierte mit leiser Stimme ein Gedicht.

Wie eine Königin fühlte ich mich in einem Reich hinter der Welt, und als er das zweite Glas Rotwein brachte, ertönte ein Gesang, der schönste, den ich bis dahin gehört hatte und wir saßen da und lauschten.

Nie werde ich diese wilden, brennenden Augen vergessen und den festen warmen Händedruck. Und die Gedichte von Schiller, die er mir zum Abschied schenkte, stehen immer noch im Regal.

 

Dank an Ludwig Zeidler und an sein Schreibprojekt:

„abc etüden, kürzestgeschichten in 10 sätzen“

„O Königin, zu dienen Dir …“

Was für eine wunderbare Idee von Christiane, Balladen zusammenzutragen! Hier gleich eine meiner liebsten:

Thomas der Reimer
(Altschottische Ballade)

Der Reimer Thomas lag am Bach,
Am Kieselbach bei Huntly-Schloß,
Da sah er eine blonde Frau,
Die saß auf einem weißen Ross.

Sie saß auf einem weißen Ross,
Die Mähne war geflochten fein,
Und hell an jeder Flechte hing
Ein silberblankes Glöckelein.

Und Tom der Reimer zog den Hut
Und fiel ins Knie; – er grüßt und spricht:
„Du bist die Himmelskönigin
Und bist von dieser Erde nicht.“

Die blonde Frau, sie hält ihr Ross:
„Ich will dir sagen, wer ich bin,
Ich bin die Himmelsjungfrau nicht,
Ich bin die Elfenkönigin.

Nimm deine Harf und spiel und sing
Und lass dein bestes Lied erschalln,
Doch wenn du meine Lippen küsst,
Bist sieben Jahr du mir verfalln.“

Und Thomas drauf: „O Königin,
Zu dienen dir, es schreckt mich kaum.“
Er küsste sie, sie küsste ihn,
Ein Vogel sang im Eschenbaum.

„Nun bist du mein, nun zieh mit mir,
Nun bist du mein auf sieben Jahr.“
Sie ritten durch den grünen Wald,
Wie glücklich Tom der Reimer war.

Sie ritten durch den grünen Wald,
Bei Vogelsang, bei Sonnenschein,
Und wenn sie leis am Zügel zog,
So klangen all die Glöckelein.

Theodor Fontane

 

Erkenne Dich selbst!

img_2731

Ein sehr besonderer Ort liegt da in der Nähe von Steigra in Sachsen-Anhalt völlig unscheinbar und kaum zu erkennen neben einer viel befahrenen Straße.

In einen Kultplatzführer, den wir auf unserer Reise ostwärts dabei hatten, dürfte er deshalb hineingeraten sein, weil er uralte Rätsel birgt, die bis heute nicht wirklich entschlüsselt werden konnten.

Ein Grabhügel mit einer Art „Omphalon“, einem Felsbrocken, der den Nabel der Welt symbolisiert, ein steinernes Sonnenrad, Bäume, die wie ineinander verschlungene, verzauberte  Gestalten anmuten, eine Tafel mit der Beschreibung eines alten Mysterienspieles, das bis heute aufgeführt wird und ein großes Rasenlabyrinth.

Wer immer erwartet, daß so ein „Kraftort“ nach uns greift und uns zu glücklichen und heilen Menschen verwandelt, wird bitter enttäuscht, so auch hier.

Der Ort tut gar nichts.

Im Höchstfall spiegelt er das, was sich ihm nähert und die mitgebrachte Gemütslage potenziert sich unter Umständen drastisch, d.h. auch, daß das alles, was wir sehen, wenn wir uns selbst ins Gesicht schauen oder ins eigene Herz hinein, nicht immer gut zu ertragen ist…

Und doch werden wir reich beschenkt, wenn wir reinen Herzens sind…was das bedeutet, muß jeder selbst herausfinden, wir bekommen stets das zum Geschenk, was wir mitbringen.

In ein Labyrinth gehen, heißt, sich auf einen uralten Einweihungsweg zu begeben, der Weg des Lebens, des Stirb und Werde, er führt immer zur Mitte und wieder hinaus. Man kann sich niemals verirren.

Und irgendwann merken wir, daß wir im Labyrinth niemals dem Minotaurus begegnen, sondern immer nur uns selbst.

Es gibt viel Material über das Labyrinth zu lesen…

Ich finde, es reicht, einfach zu Fuß hindurchzugehen,  oder mit dem Finger die Linien nachzufahren, es ist erstaunlich, was man dadurch erkennen kann, je nachdem, wo man sich grad befindet…

Ich habe versucht, Schritt für Schritt ein Labyrinth zu erstellen, für alle, die das selber mal machen wollen.

 

Für uns alle wünsche ich mir ein Jahr mit Wundern, Abenteuern, schönen und tiefen Begegnungen und Freude, Freude, Freude im Herzen!

 

 

 

[slideshow_deploy id=’2864′]