Kategorie-Archiv: Erlesenes

„Ich kenne ihn“, sagte die Kantorka

Eine alte sorbische Sage, als Nachdichtung  über Macht und Wahnsinn, Verführung und bitterste Armut. Und über Hingabe und grenzenloses Vertrauen darauf, daß das Gute im Menschen siegen wird.

In einer Welt voller Krieg und Elend gerät ein armer Bursche in die Fänge eines Müllers, der seine Seele verkauft hat, und wird in Schwarzer Magie ausgebildet. Alles nimmt einen sehr tragischen Verlauf. Es geht um Leben und Tod, und am Ende bleibt nur noch der Glaube an die Kraft der Liebe.

Ein paar Textstellen, zwei Stimmen, wenige Bilder… alles weitere darf sich gestalten in der Vorstellung der Hörenden.

Hochhorn-2175
Bild: Graugans

Die Mühle im Koselbruch – elf und einer

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERABild: Herr Ärmel

Hahnenkampf

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA Bild: Herr Ärmel

Wie man auf Flügeln fliegt

 

Vielen Dank hinauf zu den Sternen an O. P. und seinen K r a b a t , aus dem die gesprochenen Textauszüge stammen!

Herzlichen Dank an Herrn Ärmel für die Bilder!

Einen Gruß an den freundlichen fremden Mann, der mich eines Abends auf der Landstraße nach dem Weg zum Meer fragte und mir zum Dank aus diesem Buch vorlas.

Schattenspiel

Das Buch „Unruhestifter“ von Fritz J. Raddatz jetzt ausgelesen.

Ein ganzes Leben vor mir ausgebreitet, begehbar wie ein Labyrinth aus Steinen, gelegt an irgendeinem Strand, der mir unbekannt ist, vielleicht auf Sylt, auf „seinem“ Sylt,  das Meer spür- und hörbar, der Wind fährt mir in die Haare, über mir und durch mich hindurch kreisen klagende Möwen, das große Wasser ist wie es immer ist, es rollt vorwärts und rückwärts und manchmal scheint es stillzustehen.

Und so betrete ich das Labyrinth, von dem es heißt: „Auf die Mitte weise den Umherirrenden hin“! Ich begegne den Großen der Literatur, erlebe das, was auch meine Existenz maßgeblich beeinflusst: die Liebe zum geschriebenen Wort. Verirre mich in Ränkeschmieden, Konkurrenzgebaren, politischen Verstrickungen, einer geht mit auf diesem Weg, ein Schatten unter Schatten, brillianter Literat, voller Leidenschaft an der Rede, schnell, schnell, wir rasen, nach allen Seiten befreundet, nach allen Seiten verfeindet, zu tiefer Liebe fähig und doch überall Unruhe stiftend, große Erfolge, vielen Hilfe gebend und mit Häme überschüttet…weiter, weiter, rasend schnell…fast schon hinein in die Erlösung versprechende Mitte, da müssen wir nochmal ganz hinaus an den Rand, ein paar mal wieder von Vorne beginnen, so sieht es aus…wieder weiter und weiter durch tiefe Freundschaften, Gespräche, in die einer sein ganzes Sein werfen kann, in denen es Antworten gibt obwohl im Kopf sich noch gar keine Fragen herausgebildet hatten…Zeit, viel Zeit für Freundschaften inmitten von permanenter Zeitlosigkeit, in der Lebenshetze Inseln, Schlösser der Glückseligkeiten, wunderbare Abendessen, wunderbare Gespräche immer wieder. Ich traue mich nicht, nachzusinnen, wie lange es wohl her ist, daß sich wer für meine innersten Gefühle, meine Gedanken zum Lauf der Welt, wann mich überhaupt mal wer fragt, was ich über irgendwas denke…aus reinstem Interesse und mit der verfügbaren Zeit, abwarten zu können, bis ich es ausformuliert habe und – den Ball auch zurückzuwerfen? Nein, nicht nachdenken, weitergehen durch fremde Freundschaften, große Karriere im Literaturbetrieb, Begegnungen mit Augstein, Grass, Ledig-Rowolt, Tucholsky usw. usw. viel lesen, viel schreiben, viel sprechen –  mit dem vorauseilenden Schatten…

Endlich – die Mitte! Dort , in den Sand gekratzt ein Satz von Fernando Pessoa, er nennt sich ein „Buchwesen“ und sagt vom „gelesenen Leben“:

„Was ich fühle, wird, ohne daß ich das wollte, gefühlt, damit aufgeschrieben werden kann, daß es gefühlt worden ist. Was ich denke, steht sogleich in Worten da, untermischt mit Bildern, die es zerstören, ausgebreitet in Rhythmen, die etwas anderes sind. Über der Mühsal, mich selber wieder zusammenzusetzen, habe ich mich zerstört.“

Was kann nach der Mitte noch kommen? Der Weg geht da wieder hinaus, wo wir hereingekommen sind. Sind wir durch ein Buch gegangen oder durch ein Leben? Tagebücher hat er noch hinterlassen, erst als diese Arbeit beendet war, sagte er öffentlich, sein Leben sei jetzt „ausgeschritten“, das haben doch alle gehört, wo waren die Freunde, die Lieben seines Lebens, warum zog ihn denn niemand vom Abgrund weg, so wie er es unzählige Male bei anderen gemacht hat? Wie wenig wissen wir voneinander, wie wenig können wir tun, um einen davor zu bewahren, daß er in die Schweiz fahren muß, um dort den Schierlingsbecher zu trinken? Wie wenig. Ich meine, schon in diesen Erinnerungen, die er ja vor über zehn Jahren schrieb, zwischen den Zeilen eine Traurigkeit zu spüren, so wie ein kühler Hauch an einem lauen Abend…ein wenig hat es mich da und dort gefröstelt in der Schilderung dieses übervollen Lebens…

Das Labyrinth ist wieder geschlossen, der Schatten bleibt kurz stehen und scheint mir zum Abschied zuzuwinken, bevor er im Meer verschwindet.

Seien Sie gegrüßt, Fritz J. Raddatz, wo immer Sie jetzt sind, es war mir eine Ehre, mit Ihnen durchs Labyrinth zu schreiten!

„Der Mensch, den Schatten schon erregen, empfindet immerfort als Last, daß seiner Unrast er erlegen“. Paul Wunderlich übergab dieses Zitat von Baudelaire seinem Freund, weil er ihn erkannte.

 

 

„Paradiesghetto“

Vor mehreren Wochen, um mich nicht ganz in den düsteren Welten von Ole Knausgard zu verlieren („Es hat alles seine Zeit“), wollte ich zwischendurch was anderes lesen und griff zu dem Buch: „Das Paradiesghetto“ von Eberhard Rathgeb. Kein dickes Buch, 235 Seiten. Es geht mir nicht mehr aus dem Kopf, es geht mir nach, verfolgt mich, nein, nicht bedrohlich, leise und unauffällig ist es in meinem Leben aufgegangen und ich sehe es in meinen Augen, wenn ich in den Spiegel schaue. Es ist die völlig unspektakuläre Geschichte einer alten Frau, Mutter von vier erwachsenen Töchtern und Witwe, die alleine in ihrem Haus lebt, ihren täglichen Verrichtungen nachgeht und über ein Leben, ihr Leben, nachdenkt. Und sie sinnt nach über Fragen, auf die sie keine Antworten bekommt…oder sollte ich sagen, daß sie über Antworten nachsinnt, zu denen sie nie die richtigen Fragen gestellt hatte? Ich ahne Geheimnisse und ich ahne, daß sie sie auch ahnt, warum wurden denn soviele Dinge nicht angesprochen, frage ich mich. Eine müßige Frage und nicht zu beantworten.
Ein Buch voller Melancholie, Lebensüberdruss, Einsamkeit, einem alten, lästigen Körper, Schrulligkeiten, fixen Ideen, einer ungeklärten Schuld…nein, nicht zu viele Worte machen…es ist die einfache Geschichte einer alten Frau, deren Leben zu Ende geht, erzählt von einem, dem ich sie glaube.

„Sie hatte das Glück nicht gemocht und war mit ihrem Unglück alt und einsam geworden. Sie wusste, dass sie nicht in Frieden sterben würde. Die Unruhe blieb, der Zweifel, das Mißtrauen, die Empörung und eine ungewisse Sehnsucht. Das Leben zog sich aus ihr zurück, müde und schwermütig, wie nach einer Niederlage, ganz so, als sei ihr nicht zu helfen gewesen.

Sie saß im Sessel, die Beine ausgestreckt auf dem niedrigen Tisch vor sich, und schaute in die Leere zwischen den Dingen, die sie überleben würden.“

Das Paradiesghetto
Eberhard Rathgeb
Carl Hanser Verlag
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Wohin gehen wir?

Sherry hat mir erlaubt, von ihrem wunderbaren Herz im Kopf Blog nachfolgenden Text hier zu veröffentlichen. Jetzt, ein paar Stunden vor  dem Silvesterspuk möchte ich diese Worte  dankbar und beschämt auch an Euch weiterreichen, laßt sie uns immer wieder genau lesen und ins Neue Jahr mitnehmen!

Appell

Kleine dunkeläugige Kinder haben Angst. Sie fragen ihre Eltern, ob sie nun weg müssten. Auch wir haben ein ganz mulmiges Gefühl, das Selbe, das wir hatten, als wir uns damals, als wir nach Deutschland kamen, mit dem Nationalsozialismus beschäftigen mussten. Der Lehrplan erforderte all die tragischen Biografien, die Entwicklungen menschlicher Interaktion und Beeinflussung, wie es mit kleinen Vorurteilen begann und wie schnell daraus Hass wurde. Wie schnell dieser Hass zum schweigenden Abnicken größter Verbrechen wurde. Auch damals schwieg man, weil viele dachten, Nachbar Meyer würde all das auch für richtig halten, also musste es richtig sein.

Im Moment wissen viele meiner Freunde und Kollegen nicht, wie wir uns fühlen. Sie selbst neigen dazu, diesen “Haufen Irrer in Dresden” nicht ernst zu nehmen. Aber fünfzehntausend, das ist nicht nur eine abstrakte Zahl, das ist eine Menge, in der man untergehen kann. Sie verstehen noch nicht, dass wir uns nicht verstecken können. Wir sind stigmatisiert mit schwarzen Haaren und dunklen Augen. Eigentlich schöne Merkmale. Doch in den letzten Tagen habe ich kurz gedacht, um wie viel sicherer das Leben wäre, hätte ich doch blonde Haare, helle Haut und blaue Augen. Damals dachte ich nur, um wie viel leichter es wäre, heute um wie viel sicherer.

Wer denkt, ich würde übertreiben, muss erst einmal wir sein; muss erst einmal erfahren, wie es ist, zu einer Minderheitengruppe zu gehören, die nun und immer wieder als Zielscheibe dient. Es gibt viele deutsche Freunde, die stellen sich vor uns und gegen sie. PEGIDA-Demos in NRW (Bonn, Düsseldorf) konnten gar nicht angetreten werden, weil die Gegendemonstranten sie um Weiten überboten. (Danke …) Und dennoch ist Dresden nicht weit genug weg, und braunes Gedankengut überall im Netz verbreitet. Die, die noch immer dazu schweigen, weil sie vielleicht nicht wissen, was sie sagen sollen, denen die Formulierung schwer fällt, weil ihnen die Wut den Rachen stopft oder die ihre Blogs nicht mit widerlichem Gedankengut beschmutzen möchten, würde ich gerne etwas mitteilen: Ja, ihr habt das Recht, eure Blogs und Medien frei von Schmutz zu halten, euch nicht mit allzu negativen Dingen in jedem Raum eures Lebens zu belasten. Aber ihr habt ein weitaus mächtigeres Mittel in der Hand, als ihr denkt: Ihr könnt anderen vermitteln, was das Richtige ist, ihr steckt die bereits vorhandenen ähnlichen Gedanken an, ihr zündet sie quasi an wie Fackeln, die in ihrer Mehrzahl mehr Licht spenden als allein und ungeäußert. Ihr zeigt, dass ihr präsent seid. Wenn wir ruhig bleiben (so wie viele Migranten gerade übrigens), dann denken PEGIDA, Ihr und wir Migranten, dass sie in der Mehrzahl sind. Dass sie Recht haben und dass ihr alle hinter ihren Rücken steht. Wenn ihr kein Wort über diese Vorfälle verliert, trotz dass wir zusammen in einer Schulklasse saßen und gelehrt bekommen haben, wie schnell ein Vorurteil zu einer staatlich gewollten Massenhinrichtung führen kann, dann stärkt ihr diese wütendenden Anti-Alles-Menschen, weil sie denken, sie hätten keinen Widerstand und würden lediglich die geheimen Gedanken der meisten Deutschen mit ihren Taten und Parolen Luft verschaffen. Sie fühlen sich als Helden und Pioniere, die euch im Geiste an der Hand halten und vertreten.

Ich bin kein Mensch, der irgendwen zu irgendetwas drängen möchte. Niemand von euch muss sich für seinen liebsten Dönerverkäufer einsetzen, oder für die Klassenkameraden seines Sohnes oder für die beste Freundin seiner Tochter oder der Nachbarin, aus dessen Küche es so exotisch und lecker riecht und die euch ab und an etwas mitbringt von ihren Köstlichkeiten – niemand muss das. Aber wenn ihr euer Medium nicht nutzt, um wenigstens ein einziges Mal Stellung zu beziehen oder ein Gedankengut zu verbreiten, das eurem am nächsten ist, dann werdet ihr euch das verdammt nochmal vorwerfen, wenn wieder ein Asylantenheim brennt – und wenn alles, was darauf folgt, ein Déjà vu dessen ist, was eure Großeltern euch erzählt haben. Teilt meinetwegen nur diesen Artikel, wenn das Schreiben euch gerade noch schwer fällt, weil die Scham schwer drückt oder die Wortlosigkeit hemmt. Er erzählt von der Angst und von der Sorge eurer (ausländischen) Mitmenschen.

Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Leute damit durchkommen, wenn sie sagen, dass die Mehrheit der Deutschen hinter ihnen stünde. Wenn wir schweigen und sie immer mehr davon überzeugt sind, all das im Sinne des “deutschen Volkes” zu tun, wird ihre Bewegung nicht mehr zu stoppen sein. Sie schreien jetzt schon wie die aufgescheuchten Hyänen: “Wir sind das Volk”. Damit meinen sie auch jeden, der dazu schweigt. Also hört auf zu schweigen.

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Ich wünsche allen, die mich hier, „zwischen Himmel und Erde“ besuchen, ein wunderbares Neues Jahr 2015! Ich danke Euch allen von Herzen für Eure freundlichen Kommentare, Eure hinterlassenen Likes und für das Wahrgenommenwerden!

Mögen die Schmerzen ein wenig leichter werden, die Krankheiten besser zu ertragen , mögen wir uns trauen, uns aufzuregen und das Maul aufzureissen, wenn es nötig ist! Und möge das Feuer in unseren Herzen nie, niemals verlöschen! Ich zünde eine Kerze an für Euch, für mich und alle Wesen um uns herum, die sichtbaren und die unsichtbaren! Ich schicke Grüsse hinauf zum Himmel, mögen sie als Sternenstaub auf Euch herabregnen!

Gefahr ist mein Geschäft

„Als ich wieder zu mir kam, blendete mir das Licht aus den Fenstern gegenüber direkt in die Augen. Mein Hinterkopf schmerzte. Ich betastete ihn, und er fühlte sich klebrig an. Ich wälzte mich langsam herum, wie eine Katze in einem fremden Haus, brachte mich auf die Knie und langte nach der Flasche Scotch auf dem Taburett am Ende der Couch. Wie durch ein Wunder hatte ich sie nicht heruntergerissen. Ich war im Fallen mit dem Kopf auf den prankenartigen Fuß eines Sessels geschlagen. Das hatte mich weit schlimmer mitgenommen als der Schwinger des jungen Jeeter. Die Blessur an meinem Unterkiefer konnte ich zwar auch durchaus spüren, aber sie war doch nicht wichtig genug, als daß ich sie extra in mein Tagebuch hätte eintragen mögen.

Ich erhob mich auf die Füße, nahm einen soliden Schluck von dem Scotch und sah mich um. Es gab partout nichts zu sehen. Das Zimmer war leer. Es enthielt nur noch Stille und die Erinnerung an ein hübsches Parfüm. Eins von jenen Parfüms, die man erst bemerkt, wenn sie fast verschwundn sind, wie das letzte Blatt an einem Baum. Ich betastete erneut meinen Kopf, berührte die klebrige Stelle mit dem Taschentuch, kam zu der Überzeugung, es lohne sich nicht, deswegen groß Geschrei zu machen, und genehmigte mir einen weiteren Drink.“

Raymond Chandler:  Gefahr ist mein Geschäft

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