Kategorie-Archiv: Parallelwelten

Fremder Mann…

Am Himmel Farbspuren von schlecht weggewischtem Blut, der Föhnwind , weich wie Samt macht wirr im Kopf und greift nach meiner Seele, die nicht weiß, wo hin mit sich, liebesbereit, einsam , glücklich und traurig, alles zugleich und alles schmerzt. Auf der Bundesstraße ein Höllenlärm. Am Himmel sausen die Flieger haarscharf am Mondsichelschiff vorbei, unendlich viele, die Menschen wollen weg, so schnell es geht und so weit weg wie nur möglich … kaum sind die Sterne noch zu erkennen. Einige meiner abendlichen Gäste kommen auch von weit her aus dem Land hinter den Sternen, werden sie die Laterne vor dem Haus überhaupt sehen können?

Auf dem  Tisch in der Stube steht die dampfende Hühnersuppe mit Nudeln, in der alten Suppenschüssel mit den blauen Punkten. Noch sind ein paar Plätze frei. Ich erwarte Großmutter Martha mit ihren beiden Töchtern, werden sie herfinden? Um sie festlich zu begrüßen, ziehe ich mein langes schwarzes Samtkleid mit den Sternen am Ausschnitt an. Die Kerzen brennen, die Gäste sind hungrig, die Stimmung wankt ein wenig ratlos vor sich hin, niemand außer mir möchte wohl gerne mit durchsichtigen Toten am Tisch sitzen und Suppe löffeln. Also vergessen wir sie, erzählen uns Geschichten, essen Suppe und hinterher den Seelenwecken (Hefezopf), probieren den neuen Apfelmost und der Abend vergeht .

Irgendwann nachts bin ich alleine und höre Musik.

 

Warum sind sie nicht gekommen? Ich hätte so gerne meine Großmutter gefragt, was damals wirklich passiert ist, und warum sie mit 28 Jahren gestorben ist. Denn es gibt zwei Geschichten darüber, welche ist wahr? Ist sie wirklich in einem dünnen Nachthemd mit Lungenentzündung und hohem Fieber im Winter mit dem Schlitten den Hügel runtergefahren, aus Ärger über den Vater ihrer beiden Kinder, den sie verdächtigte, bei einer anderen Frau zu sein? Geister einladen in der Seelennacht, um ihnen konkrete Fragen zu stellen, völlig absurd … sowas kannst nur du dir ausdenken … ja, nur ich. Die Membran zu anderen Welten sei dünn um diese Zeit, sagen die alten Kelten, man könne in Kontakt treten in einer Art Zwischenraum der Wirklichkeiten. Da ich schon manche Erlebnisse zwischen Himmel und Erde hatte, die ich vorher nie für möglich gehalten hätte, warum also nicht  zumindest innere Bilder, die Ahnung einer Begegnung zwischen drüben und hier.  Aber zu meinen, die Einladung hinaus ins große Unbekannte und das Licht von ein paar Kerzen würden ausreichen, um Wunder herzustellen, ist typisch für unsere Lebensweise. Alles muß möglichst schnell konsumierbar sein. Ich trinke paar Gläser Wein und sage mir, auch gut, dann will halt grad niemand kommen, es ist wie es ist.

Kater Herbert entrollt sich und beschließt, auf die Jagd zu gehen. Die Nacht ist lauwarm, ich stehe ein wenig herum und hebe mein Glas zum Himmel, seid mir gegrüßt dort draussen, bis auf ein nächstes Mal! Nach dem Löschen der Kerzen bleibe ich noch ein wenig sitzen und schaue einfach so vor mich hin und zur Stubentür. Ich habe das Gefühl, daß dort was ist … nein, natürlich ist dort gar nichts … aber es ist doch auch nicht nichts … Merkwürdig, diese Türe ist mir immer schon ein wenig unheimlich gewesen, keine Ahnung warum.

In meinen Kopf schiebt sich langsam das Bild von einem Menschen, groß, hager, dunkel gekleidet, von vorne, schaut er mich an? Ja, er schaut mich an, bleibt stehen, unbeweglich, sagt nichts. Keine Ahnung, wer das sein könnte, ein sehr ernster, eindringlicher Blick aus hellen Augen. Ich schalte den Fernseher ein und schaue einen Film an, der Mann in meinem Kopf und an der Stubentüre bleibt noch eine Weile, dann geht er hinaus, er dreht sich dabei aber nicht um, sondern geht langsam rückwärts hinaus und verschwindet.

Später, als ich die Stiege hoch gehe, sehe ich, daß von irgendwo im unergründlichen Sammelsurium alter Bücher etwas herausfällt. Eine Barytaufnahme, darauf: ein fremder Mann.

 

 

 

Blutmond

Drei Frauen sind wir und als wir oben am Hügel ankommen, stehen wir zwischen den beiden Himmelslichtern, die Sonne ertrinkt langsam im großen See und der Mond ist aufgegangen. Um uns herum ein Kreis von Bäumen, in Zweier- und Dreiergruppen stehen sie da, ihre Leiber ineinander verschlungen recken sie sich in den Himmel. Im Hintergrund die Silhouette der Berge. In den tiefen Geleisen der Lastwägen steht das Wasser und glänzt im Mondenschein, die  gefräßige Maschine, die tagsüber in der Kiesgrube den Sand ausspuckt, hält ihr riesiges Blechmaul verschlossen und schweigt. Von der Autobahn dröhnt der Feierabendverkehr, in der Siedlung leuchten die Fenster und die blauen Bildschirme. Und wir stehen in diesem kleinen Wäldchen herum … in unseren Augen schwimmen orangerote Kugeln … es ist Lichtmeß, die Rituale der letzten Jahre wurden lästig, wir haben sie zurückgelassen, in meinem Kopf geistern Phrasen und übriggebliebene Wörter herum …Kessel, Hüterin der Schwelle, Hexenmord, Vision, Neubeginn … was machen wir hier ohne Konzept und ohne Programm? Nichts. Und dann treibt es uns auseinander, das „wir“ löst sich auf. Jede ist allein.

Meine Gedanken laufen zurück, ich schaue nochmal auf mein Leben, wie vor ein paar Tagen, als ich die Unterlagen für die Rente zusammensuchte. Die Altersrente sozusagen, ich also jetzt auch, bald wird man mich Rentnerin nennen. Zwiespältige Gefühle bei dieser Bezeichnung. Eine Reise in die Vergangenheit, mein beruflicher Werdegang und dann auch noch die alten Schulzeugnisse … ich sehe ein wissbegieriges Kind, dann die plötzlichen Leistungseinbrüche, warum hat niemand nachgefragt? Ich spüre alte Schmerzen, Enttäuschungen, dieses Kind, das ich einmal war und das ich in mir trage, es sah und hörte Dinge, die andere nicht wahrnahmen und es war ständig voller Ahnungen … heute nennt man dieses Phänomen „Hypersensibilität“. Ich gehe auf dem Boden der Tatsachen herum und lasse mich in den Schutz einer Baumgruppe gleiten, ein glatter Stamm fängt mich auf … die Frage, ob ich denn pädagogisch wertvolle Arbeit geleistet habe, läßt sich kaum beantworten und Wehmut und Erinnerung an viele Fehler steigen auf aber auch die Situationen außerhalb der Planungen und Konzepte, die unzähligen Momente, wo sich Seelen mir anvertrauten, wo junge Menschen ihr Herz ausgeschüttet haben … ja, das war am schönsten, einfach nur dazusein  als Mensch unter Menschen und zur Verfügung zu stehen!  Und dann löst sich die Vergangenheit in Luft auf und fliegt weg. Leiser Gesang weht zu mir her und Rascheln im Unterholz. Ich gehe von Baum zu Baum und spreche die Worte aus, die sich mir in den Sinn schieben und ich höre mir dabei zu, wie ich von einem Ort spreche inmitten einer leuchtend gelben Sandwüste, an dem blutrote Felsbrocken herumliegen … ich erzähle von einer Reise, die ich nie gemacht habe …

Irgendwann stehen wir wieder beisammen, hier an diesem geheimen alten Ort, plötzlich liegt da ein leuchtend weißer Stein in unserer Mitte und wir halten uns an den Händen, einfach so, weil uns danach ist. Während wir den Jodler anstimmen für den „Alperer“, einem wilden Berggeist tief drinnen im Gebirge, löst sich im Osten aus dem Schatten des Untersberges der Riese Abfalter … mit großen Schritten geht er an der Salzach entlang, bis er auf der anderen Seite sein geliebtes Riesenfräulein findet und es in seinen Armen über den Fluß trägt, damit es keine nassen Füsse bekommt.

Hier, am Schnittpunkt der Welten, auf der Schwelle stehen wir, jetzt an Lichtmeß, mit einem Fuß in der Wildnis und mit dem anderen in der Zivilisation, die alte Zeit ist vorbei, die neue noch nicht da. Gut zu wissen, nicht alleine zu sein mit diesem Wahnsinn des Lebens und des Sterbens und weil wir jetzt voller Liebe sind zu uns und dem ganzen Universum, aber weil uns auch nichts so direkt heilig ist, greifen wir zum Himmel und blasen uns Sternenstaub ins Gesicht und tanzen lachend und singend nachhause.

 

 

Tomten …

Zwei Freunde haben meine Kindheit begleitet, waren stets für mich da, wenn ich sie brauchte, hatten immer Zeit  und ich konnte ihnen einfach alles erzählen. Ich weiß nicht mehr, wie sie aussahen, sicher waren sie nicht größer als ich, also ziemlich klein. Ich kann mich noch gut erinnern, wo wir unsere Treffen hatten und ich habe meine eigene Kinderstimme noch im Ohr, wie sie mit ihnen spricht und sie bei ihren sehr geheimen Namen nennt. Nie hat jemand von ihrer Existenz erfahren, gesehen hat sie auch niemand, denn ich vermute, sie waren unsichtbar.

Irgendwann müssen sie weggegangen sein, ohne daß es mir aufgefallen wäre … und als ich viele Jahre später große Sehnsucht nach meinen beiden Freunden bekam und ihre Namen an den geheimen Plätzen rief, da blieben sie verschwunden, für immer.

Manchmal in der Nacht richtet sich die Katze auf und schaut zur Türe. Blinzelnd und schlaftrunken folgt ihr Blick aufmerksam dem Weg, den „etwas“ zurücklegt. Ich höre und sehe nichts … sie aber schon. In der Mitte des Zimmers scheint dieses „etwas“ stehen zu bleiben. Sie schaut es sich nochmal langsam von unten nach oben an, dann legt sie sich schlafen, wacht aber sofort auf, wenn dieses Etwas zur Türe wieder hinausgeht. Nie ist sie aufgeregt dabei, sie beobachtet und kümmert sich nicht weiter darum.

Bald ist Sonnwend, ich stapfe durch den Schnee in Richtung Wald und denke über die Menschen nach, denen ich in diesem vergehenden Jahr begegnet bin, und ich frage mich, wer hat sich in meinem Herzen eingenistet, wer ist hindurchgewandert, wer will hinein? Wem konnte ich Freude schenken, wer hat in meiner Gegenwart gelacht? Konnte ich denen Trost spenden, die traurig waren? Habe ich die leisen Hilferufe gehört?

Es dämmert bereits … ich gehe am Waldrand den Hügel hinunter … ich werde beobachtet , ein Bussard hockt bewegungslos auf einem vergessenen Zaunpfahl und schaut mich mit scharfsichtigen Vogelaugen an. Es geht steil bergab, der alte Pfad ist mit Gestrüpp überwuchert. Vor vielen Jahren gehörte der Einödhof zur Gemeinde auf der anderen Seite des Hügels und hier war der Kirch- und Schulweg. Und aus dieser Zeit stammt auch die Geschichte, die mir jetzt wieder einfällt.

Der Einödbauer war der Vater meiner Schulfreundin und er erschien mir damals etwas seltsam, er hatte nur noch ein paar große und gelbe Zähne, saugte stets an einer halberloschenen selbstgedrehten Zigarette, und wenn er vom täglichen Gang über seine Felder und Wiesen zurückkam, saß er schweigend in der Stube. Wenn ich hereinkam sagte er nur freundlich: Jaaaaa, die Gret ist da, weiter nichts. Eines Tages, als wir eine Zeitlang alleine am Tisch saßen, fing der sonst so Schweigsame auf einmal an, mir eine Geschichte zu erzählen, die er Jahre zuvor selbst erlebt hatte. Er war damals auf dem Heimweg nach der Sonntagsmesse und ging auf dem alten Kirchpfad am Waldrand den Hügel hinunter. Da bemerkte er plötzlich, daß ein paar Meter rechts von ihm im Wald ein kleines Mannei (Männlein) neben ihm herschritt. Es hatte einen großen schwarzen Hut auf und sagte nichts und der Bauer sagte auch nichts. So gingen sie schweigend nebeneinander her den Berg hinunter. Am Waldesende war das Männlein dann so plötzlich, wie es aufgetaucht war, wieder verschwunden und der Bauer ging alleine über die Wiese auf seinen Hof zu.

Ja, so ist das gewesen, Gret, sagte er nur und hat niemehr davon gesprochen. Warum er nur mir von diesem Erlebnis erzählt hat ist mir bis heute genauso ein Rätsel, wie das Auftauchen dieses Männleins. Auf meine Frage nach seiner Größe konnte er mir nichts sagen außer, daß es eben sehr klein gewesen wäre und es hätte zum großen schwarzen Hut dunkle Kleidung getragen. Als ich merkte, daß meine Fragen nirgends hinführten, gab ich sie auf. Ein Leben lang begleitet mich diese Geschichte und heute, wo ich genauso alt bin wie er damals, ist mir, als hätte er mir eine Art Vermächtnis hinterlassen.

Der Schnee ist regenschwer und es wird Nacht. Der Wald wahrt seine Geheimnisse und ich gehe zurück. Daheim sehe ich, daß die Amaryllis aus vermeintlich roten Knospen zwei große weiße Blüten entfaltet hat, von einer Schönheit, die das Ausmaß dessen zu übersteigen scheint, was noch ohne Wehmut im Herzen zu ertragen ist …

Die Wintersonnwende hat sich vollzogen, das Licht ist uns wiedergeboren worden.

Allen, die hier zwischen Himmel und Erde ihre Spuren hinterlassen, sichtbar oder unsichtbar sage ich ein herzliches Dankeschön und wünsche Euch und uns allen Freude im Herzen, mögen die Sterne sich in unseren Augen spiegeln.

Und da wir uns die Hände nicht reichen können, laßt uns eine Kerze anzünden füreinander.

FROHE WEIHNACHTEN!

„Das Europa der Muttersprachen“,Ukraine 3, Finis

 

Vor jedem der drei langen Abende im Literaturhaus Salzburg gab es , sozusagen als Vorprogramm, Werke junger ukrainischer Filmemacher. Harte Filme, sie zeigen eine Wirklichkeit, die sich nicht befreien kann aus Anarchie und Brutalität, in der zwischenmenschliche Rohheit, Feindschaft, Mißtrauen herrschen, Korruption, Prostitution, der Zustand der postsowjetischen Gesellschaft, in der alle Werte lange schon verlorengingen. Man wird nicht geschont, wenn man bereit ist, hinzusehen. Die Frage, ob es solche Filme braucht, die den Finger in Wunden legen, daß nur noch Blut und Eiter herausfließen, ist müßig und ich werde sie nicht stellen; denn es ist wie bei aller Kunst immer die Frage, ob man bereit ist, sich einzulassen, auf die Gefahr, zutiefst erschüttert zu werden und nicht immer schmerzfrei zu erkennen, daß sich womöglich die eigene Sicht auf die Dinge verändern muß, um sich weiter zu entwickeln als Mensch.

Dieses Festival, in dem es nicht um „Vaterländer“ ging, sondern um „Muttersprachen“, wie Thomas Friedmann, der Leiter des Hauses betonte, ist seit ein paar Tagen vorbei. Es ist unmöglich, ein Fazit aus den Eindrücken des dicht gedrängten Programms zu ziehen, es wird sich auf ein paar Impressionen…ein paar Notizen von meinen Eindrücken beschränken…
Was bleibt, sind Stimmen aus einem Land, das ich überhaupt nicht kannte, das für mich irgendwo am Rande existierte.
Das hat sich verändert, ich werde einige Bücher lesen, Musik hören und mich freuen auf die täglichen Mails meines wunderbaren Herrn Graugans, der sich in ein paar Wochen auf eine fotografische Exkursion (Salzburg – Odessa), ins Zentrum Europas, begeben wird. Ja, dort ist das Zentrum Europas, das ist mir als immer noch überzeugte Europäerin endlich wieder klargeworden…denn, wenn nicht in Europa, wo wäre die Ukraine denn sonst?

Am Schluß des dritten Abends gibt es noch eine Podiumsdiskussion mit den drei Schriftstellerinnen : Tanja Maljartschuk, Natalka Sniadanko und Kateryna Babkina. Unglaublich, welche Gleichzeitigkeit der Gegensätze in diesem Land! Junge, selbstbewusste Frauen, aus deren Sprache keinerlei Resignation über den Zustand ihres Landes hervorgeht, sondern nur Aufbruch, Vorwärtsgehen und -schauen, Zukunft in die Hand nehmen und gestalten! Politisch aktiv und engagiert, sprechen sie über ihr Dasein als SchriftstellerInnen, da gibt es kein Geld…nirgends, Kunst wird nicht gefördert, man schreibt halt, weil man muß, irgendwann in der Zeit, die man noch sich stehlen kann neben der Arbeit, mit der man irgendwie soviel Geld zusammenkriegen muß, um zu überleben.
Sie sprechen über den Humor in der ukrainischen Literatur, daß Lachen eine Waffe ist und Ironie auch ein Ort, sich zu verstecken vor der Wirklichkeit. Und es würde Zeit, die Dinge jetzt auch mal ohne diesen Witz, für den die Literatur im Osten zu stehen scheint, ernsthaft und ruhig zu betrachten und zu beschreiben.

In der Pause vor Beginn der Party, mit der diese Festivals immer genüßlich ausklingen, mitten im größten Trubel lehne ich mich an eine Säule, schließe die Augen und horche auf das Stimmengewirr um mich herum…ich denke an Elias Canetti, der das auch so gern machte und in einem seiner Bücher, die die Welt für mich bedeuten, beschrieben hat…“Raum für Hoffnung geben, Wege aus dem Chaos zeigen“, sei der Beruf des Dichters, hat er auch mal gesagt.
…viel ukrainisch wird um mich herum gesprochen, wie vertraut es doch schon klingt…
Satzfetzen …ich höre Herrn Graugans…damals in Lemberg, weißt du, da haben wir diesen Rabbi getroffen…Synagoge…Wassergläser voll Wodka…Sabbath…jetzt fahr ich bald nach Odessa…oh, da muß ich dir eine Geschichte…

Die Stimme von Mariana Sadovska gleitet immer noch durch mich hindurch, diese Lieder, die sich in den entlegenen Landstrichen durch die Sowjet-Ära erhalten haben und die alles überstanden…magische Gesänge…aber auch hier geht eine Künstlerin einen eigenen Weg, sie bleibt nicht stehen in alter Tradition, sondern knüpft an und gestaltet weiter mit dem Heute in unglaublicher Tonkunst, in Verknüpfung und Austausch mit anderen MusikerInnen und DichterInnen.
„…The War is finished, once again,
but Peace cannot come…“
„Liebe ist das traurigste Wort auf ukrainisch…die Hoffnung darf nie vergehen…dafür braucht man die Nacht und ein schlagendes Herz…
die Nacht hat begonnen…“

Es waren gute Abende und halbe Nächte voller weiterführender Gespräche, viele Blicke in Augen, ja, auch viel, viel Gelächter, beste Stimmung, wunderbares Publikum, nichts zu spüren von dieser verlogenen Jedermann – Festspiel – Möchtegernpromis – Glitzerwelt, der man sonst in Salzburg leider oft ausgesetzt ist, sondern einfach bunte Menschen, auch solche wie Herr Graugans und ich, die wir etwas verstaubt aus unseren Werkstätten schnell ins Auto sprangen, um ja nichts zu verpassen…
und es soll mir nur noch wer sagen, Kunstpräsentation wäre zu teuer! Der Festivalpass für drei lange Abende dicht gedrängtestes Programm kostete 22,00 Euro, die Filme waren gratis!

Ich bin dankbar für diese drei Tage und fühle mich über alle Maßen bereichert!

Und ich danke allen von Herzen, die  hier mitgegangen sind und sich mit Kommentaren eingemischt haben, es ist soooo eine Freude für mich, daß ich mit Euch teilen durfte!!!

Staub…

Ich laufe in der Nacht draussen herum, tanze wie irre auf der Straße und halte Dein Lieblingslied zum Himmel hinauf, Wolfi,so lang, bis die Batterie vom Handy leer ist! Kannst Du es hören, dort, wo Du grad bist?

Vielleicht existiert noch eine Art Schwingung von Dir in einer der Parallelwelten dort droben…dort draussen…die mitkriegt, daß ich meine Schwingung dorthin schicke mittels Musik, die durchdringt doch alle Membranen…und mein Tanz…und meine Gedanken…und meine Liebe…mehr wie Wünschen geht nicht.

Du hattest auch immer so große Wünsche, von allem nur das Beste, und davon viel…nicht nur ein Bett für die Nacht, nein, „Nights in white satin“ sollten es sein, selbstverständlich.

Hast Du eigentlich mitbekommen, daß ich vor dem Baum gestanden bin, wo sie Deine Urne versenkt haben? Um die vierzig Leute waren da, Wolfi, und ich glaube, ein paar waren darunter, denen hast Du mal das Herz gebrochen. Viele haben geweint, alle kamen freiwillig, und alle schienen Dich sehr gemocht zu haben. Du warst nicht allein, warum nur warst du so einsam?

Alleine ist man aussen, aber einsam fühlt man sich innen, nicht wahr, Wolfi?

20 Stunden war ich unterwegs und ohne meine Freundin Irm, die sofort ihr ganzes Leben umkrempelte, um mit mir diese Reise anzutreten in dem Bewußtsein, daß es Ereignisse gibt, zu denen man nicht alleine hinfahren darf, hätte ich das nicht durchgestanden.

Und dann saß ich da in der kleinen alten Holzkirche im Stahnsdorfer Friedhof bei Potsdam und hörte den Liedern zu, die Dein Herzensfreund ausgesucht hat. Und wieder klackern Deine Cowboystiefel über die Steinfließen. Und dann stehst Du vorne mit diesem kleinen süffisanten Lächeln… unschlüssig, was denn nun passieren sollte…

Das wusste niemand so recht, wir standen dann um den Baum herum, vor Deinem Grab und keiner sagte was. Ich hatte den letzten Blogeintrag ausgedruckt und wollte ihn eigentlich vorlesen und was von uns früher erzählen, aber dann war mir, als sollte ich nichts sagen, still sein…traurig, etwas ratlos. Ich, die ich mich für absolut unreligiös halte, habe plötzlich schmerzhaft den sakralen Teil vermisst. Ich hatte Sehnsucht, daß jemand was Tröstendes sagt…“Erde zu Erde – Staub zu Staub“…leider war so jemand nicht da und ich legte die fünf dunkelroten Rosen von uns allen neben das Erdloch und warf staubige rote Erde auf Deine Urne.

Das wars. Über uns gleissendes Sonnenlicht, tiefblauer Himmel und um den Baum schwarzgekleidete Menschen, die nicht sicher waren…sollten sie erzählen von gescheiterten Beziehungen zu Dir oder fragen, ob irgendwer denn wusste, wer Du warst, in Wirklichkeit?

Wer weiß schon, wer wir in Wirklichkeit sind.

Irgendwann waren die Tränen geweint, die schönen Geschichten über Dich erzählt, die schlimmen verschwiegen, Einladungen und Weiter-in-Kontakt-bleibwünsche ausgetauscht und dann sind wir gegangen und ließen Dich in Deiner Urne unter dem alten Baum zurück.

Beim Heimfahren haben wir laut bei allem, was im Radio kam mitgesungen. Und wir haben darüber gesprochen, warum einer wie Du so beliebt war und gleichzeitig so sterbenseinsam…weil Du Beziehungen kaputt gemacht hast, bevor sie sich in Deinem Herzen einnisten konnten…es ist jetzt egal, was wissen wir schon voneinander?

Weißt Du, Wolfi, und nach 1400 km absolut staufreiem, entspannten Fahren lande ich auf der Salzburger Autobahn und muß mich übernächtigt, vollgepumpt mit Adrenalin wie im Delirium den steilen Irschenberg im ersten Gang halbmeterweise hinunterquälen, eingezwängt in bedrohlich aneinandergeklebter Blechlawine…aber als ich unten das Unfallauto sehe, werde ich demütig und bin froh, noch am Leben zu sein.

Irgendwann einmal löst sich der Stau plötzlich auf und ich rolle über eine völlig freie Autobahn durch eine sternenklare Nacht, am Chiemsee vorbei den Bergen, unseren Bergen, Wolfi, entgegen. Ich bin hellwach und denk an Dich und was Du aus Deinem Leben gemacht hast. Ja, Wolfi, ich habe großen Respekt vor Deinem Mut !

Du hast das gemacht, wovor alle Vernünftigen zurückschrecken, Du warst so sicher, daß es mehr als Alles geben muß , Du warst so hungrig nach dem Leben, ja und Du hast wie eine Kerze von zwei Seiten gebrannt…warum hab ich ausgerechnet Dir nie gesagt, wie sehr ich Dich liebhabe und wie nah ich mich Dir fühle…

Du hast Dein Leben gelebt, wild, heftig , schmerzhaft, ohne Rücksicht auf Verluste, bis zur letzten einsamsten Konsequenz hast Du es leidenschaftlich und exzessiv ausgeschöpft, dann bist Du erloschen wie ein Stern und ein Häuflein Asche ist übrig…aber von uns allen, auch wenn wir noch so vorsichtig leben, bleibt von uns denn mehr? …ein kleiner Windhauch und alles ist weg, wir sollten also nicht warten, sondern es uns sagen, daß wir uns lieben, gleich…bevor es zu spät ist

Und dann spielen sie dieses Lied im Radio und ich weiß,

jetzt hat der Kreis sich geschlossen.

Reisende…

In der Nacht vor Allerheiligen, die Alten sollen Samhain dazu gesagt haben, die Einladungen sind hinausgeflüstert in dieses schwarze Gewölbe, an dem die Sterne hängen. Keine Antwort. In der Laterne brennt eine Willkommenskerze. Aus dem Mond fließt das Licht in den Schmetterlingsflieder und der zeichnet wandernde Muster auf das Pflaster vor dem Haus. Die Eingeladenen werfen keine Schatten mehr. Es kommt eh niemand, denn es gibt keine Wiederkehr von dort, wo wir alle mal hingehen, wenn unsere Zeit gekommen ist, nicht wahr? Auch nicht, wenn noch so viele Fragen offen geblieben sind.

Viele sind durch dieses alte Haus gegangen und alle, ob sie lang oder kurz hier lebten, sind auf der Hausbank vor dem Haus gesessen. Jetzt ist es Nacht, alle in der Nachbarschaft liegen längst in den Betten, der Administrator schläft vorm Fernseher in der Stube, nur ich sitze allein und proste allen, die hier mal saßen, mit neuem Most zu, zuckersüß und ein wenig perlend. Auf Euch trinke ich, die sich abgeplagt haben, diesen Hof zu erhalten und ihn weiterzugeben. Manchmal spür ich die Last dieses Erbe auf mir, denn wir haben keine Kinder, ich bin die letzte dieses Namens hier, an wen soll es weitergegeben werden? Was soll einmal werden? Die große Sorge meines Vaters.

Ein schwacher Geruch einer brennenden Virginia schlängelt sich durch die Luft, Papa? Viele Western kannst vergessen, aber die mit dem Cupper Gerri, die sind einfach so gut, daß man sie immer wieder anschaun kann, sagt er und dann sagt er noch: was wohl aus dem Herrn Breuer geworden ist?

Ja, den hab ich auch eingeladen, keine Ahnung, in welcher der Welten er sich momentan bewegt. Der Breuer war ein weitgereister, gebildeter Mann und der sagte immer, er hätte alle Traumstraßen der Welt schon gesehen, aber dieses Stückerl Straße auf der Salzburger Autobahn, da, wo man runterfährt und den Chiemsee vor sich liegen hat, das wäre das schönste auf der Welt. Ja, dieser Herr Breuer war wohl ein Reisender, keine Ahnung, wer er war und was er tat, er tauchte ein paar mal im Jahr bei uns auf und verschwand wieder, zwischendurch kamen Ansichtskarten von der ganzen Welt. Meine Eltern und der Herr Breuer mochten sich und saßen bis in die Nacht hinein kaffeetrinkend und rauchend und palavernd in der Stube und es wehte mit ihm die große weite Welt herein. Das vermisse ich sehr, daß es heute keine so Herr Breuers mehr gibt bei uns. Früher tauchten immer mal wieder so Gestalten auf, mit denen wurde nächtelang über die großen Fragen der Welt diskutiert, meine Mutter kochte Bohnenkaffee und zu essen gab es extrem scharfen Quargel, d.h. so eine Art Quark mit viel Kümmel und Paprika und manchmal auch ziemlich sauren Wein dazu und manchmal tanzten sie Rock´n Roll auf dem Stubentisch…sag mal Papa… aber er ist schon weg, in der Ferne höre ich ihn einen Landler pfeifen…

Und meine Mutter, kommt sie oder nicht, ich kann mich ja auch gar nicht mehr erinnern…ein leises Lachen höre ich irgendwo, Mama, das Lachen hast Du mir vererbt und dieses Gaukler- Gen…ich soll aus einer Theaterfamilie stammen, ach was, Mama, Gaukler wart Ihr und mein Großvater war ein Windhund, nicht wahr…wieder dieses Lachen…ach Mama, ich glaube, Du warst eigentlich auch eine Reisende, eine vom fahrenden Volk, aber Du bist festgesesssen auf diesem Hof und da sind dann alle zu Dir gekommen, Du hast sie angezogen mit Deinen rehbraunen Augen und Deinem Humor, der auch vor Zoten keinen Halt machte und wenn Besuch kam, hast Du über die größten Berge dreckigen Geschirrs einfach eine Decke gebreitet, Du konntest eigentlich gar nichts, was im richtigen Leben brauchbar gewesen wäre,  Du warst eine Schmierenkomödiantin, auf nichts konnte man sich bei Dir verlassen, aber das mit Charme und Bravour und Theatralik, und geschämt hast Du Dich vor nichts und niemand!

Eines Tages hast Du das Sofa als Rampe benutzt und bist weggeflogen, für immer.

Im Lauf der Jahre sind die Palavereien in diesem Haus weniger geworden, es wurde nicht mehr geraucht und nicht mehr so viel gesoffen, und die alten sind gestorben und von manchen weiß man  nichts und so Besuche wie vom Herrn Breuer gibt es schon lange nicht mehr…wer schaut schon „einfach so“ vorbei? Wenige haben noch Geschichten dabei und schon gar niemand hat mehr Lust, Geschichten zu hören oder möchte über die großen Fragen philosophieren..ohne Termindruck. Ich hör Dich wieder lachen Mama, ja, und ich lache mit, hier, alleine auf der Hausbank in der Nacht.

Nacht, Nacht, wie weiße Pferde kommt Nebel ums Hauseck getrabt, aber sonst wohl niemand mehr zu Besuch aus der Anderswelt.

In dem uralten sumerischen Mythos horcht die Mondgöttin Inanna im Großen Oben in das Große Unten und das, was sie da hört, wird dazu führen, daß sie ihr irdisches Reich verläßt, um hinabzusteigen in die Unterwelt und dort viele rätselhafte Dinge zu tun.

Ich erhorche nichts, die Nacht ist sehr still, eine Katze streicht um meine Beine, ich möchte nicht absteigen, da hinunter, noch nicht. Ich denke an eine, die schon lange dort unten ist, sie, eine Lady, alle Männer lagen ihr zu Füssen, leider meiner auch, sie war meine Freundin, meine beste Freundin, wir konnten uns das Leben ohne einander nicht vorstellen, wir schrieben uns Gedichte, wir wären füreinander durchs Feuer gegangen, bis wir uns verraten haben, sie wählte einen Säufer als Mann, sie gebar Kinder, ertrug alles, was das Leben Ihr brachte gefasst und in Würde, in Opferbereitschaft und ohne zu jammern und vor ein paar Jahren ist sie verhungert, leise ..sie legt den Finger auf die Lippen, ich soll nichts mehr sagen, nicht mehr weiterreden, ich soll alles lassen. Ja,  gut, obwohl, die Freundschaft zerbrach, aber die Liebe? Die ist geblieben. Ja, meine Freundin mit den Jadeaugen, meine Liebe zu Dir ist geblieben.

Die Rosen duften stark, immer noch.

KREUZBERG SÜD-OST …

…da waren´s zwölfe…

Die zugelaufene Katze hatte mehrmals Junge, die aber anscheinend von irgendwem oder irgendwas „entsorgt“ wurden, denn wir bekamen sie nicht zu sehen. Vor einem Jahr brachte sie drei mit, die ließen sich nicht fangen, so konnten wir sie nicht sterilisieren lassen, die Kater heulten schon im Winter um´s Haus und so wurde eine nach der anderen schwanger, auch die Mutter, die wir auch nicht rechtzeitig erwischt hatten. Alles nahm seinen mehr oder weniger naturgemäßen Lauf. Die Alte verschwand hochschwanger und tauchte kurze Zeit später blutüberströmt, voller Wunden und mit herausgebissenen Reißzähnen wieder auf, kinderlos und da sie den Bauch voller Milch hatte, ließ sie ihre große schwarze, längst verstossene Tochter wieder bei sich trinken. Die beiden lagen ständig beieinander, zwischendurch wurde ein kleines schwarzes Kind angeschleppt, das säugten sie abwechselnd und vergaßen es schließlich, eines Tages lag es wieder da, wurde von beiden abgeleckt, war aber schon verhungert. Als die Mutter wieder schwanger war, hat sie die große Tochter wieder verstossen. Dann tauchten zwei getigerte Junge auf, da waren es insgesamt, mit unseren zwei Stammkatzen immerhin schon acht.

Vor etlichen Wochen hat die schwarze Katze ganz oben im Haus, in der hintersten Ecke unter dem Dach vier Kinder hingelegt, alle dunkelgrau bis schwarz, so eine Art Halbangora. Jetzt haben wir also zwölf, bis jetzt.

Wir leben in einer örtlichen Befindlichkeit, die aus der Stadt sagen „am Land“ dazu. Hier wird das, was zuviel ist , gewinnbringend verkauft, das, was nichts wert ist, manchmal verschenkt, und das, was niemand braucht, meistens erschlagen. Dazu gehören Katzen.

Schwierig, das mit den Katzen.

Schwierig deshalb, weil alle Entscheidungen, die man trifft, irgendwie falsch sind, man macht sich schuldig, was immer man tut, um in diese wilden Naturverläufe einzugreifen, finde ich.

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Wer schon einmal gesehen hat, wie eine Katze ihre Jungen großzieht, mit welch bis ins kleinste Detail perfekt ausgeklügeltem pädagogischen System sie ihnen Schritt für Schritt, immer an die jeweilige Entwicklungsstufe angepasst, Kämpfen, Jagen, Selbstverteidigung, Anschleichen beibringt. Wie sie ihnen im Spiel lehrt, mit welchen präzise gesetzten Bissen die Beute erlegt wird, wie sie sie ausbildet zu perfekten Jägerinnen. Ja, Katzen sind wilde Tiere und das bleiben sie auch.

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Wenn wir ihnen das Geschlecht nehmen, sind sie nur noch Killermaschinen, ihr ganzes Urwissen über die Aufzucht und das Weitergeben von uralten Verhaltensweisen wird damit aus ihnen herausgeschnitten. Wir entscheiden über Leben und Tod. Domestizieren geht nicht bei diesen wilden Tieren, sie widersetzen sich jeglichen Versuchen. Aber sie nehmen halt unser Nahrungsangebot entgegen und das ist letztlich auch das Problem: Wenn wir sie füttern, müssen wir die Population irgendwie in den Griff kriegen.

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Natürlich weiß ich, wie es geht: Ich nehme die kleine Katze und werfe sie solange auf den Boden, bis sie tot ist. Der Natur ist das egal, der Mutterkatze auch, die hat für Begriffe wie Mutterliebe oder Sehnsucht nach den Kindern oder Traurigkeit kein Sensorium. Gesäugt wird, solang Milch da ist, wenn keine Milch mehr kommt, werden die Kinder verstossen.

Wenn wir nicht sterilisieren wollen, müssen wir töten oder wir füttern nicht mehr. Die Nacharin bietet uns die Hilfe ihres Mannes an, der würde die Katzen gleich „derschmeissen“, ja, ich weiß, der steckt die großen Katzen, die nicht mehr gebraucht werden in einen Sack und drischt mit dem Hammer auf die Köpfe ein, was nicht immer gleich gelingt. Nein, das ist kein böser Mensch, das ist ein sehr frommer Christenmensch, so wie viele ringsherum.

Also, wir wollen das nicht. Ich möchte es nicht tun, auch wenn es tausendmal das Beste wäre, dieses Töten würde an mir kleben, ich möchte nicht so werden, daß es mir nichts mehr ausmacht. Nein!

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So klein sie auch sind, sie haben, im Verhältnis zur Pfotengröße, mächtige Krallen.

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Es geht ganz schön zur Sache bei der Nahrungsaufnahme, es wird auch schon gebissen, getreten und gewürgt. Jedes Junge ist anders, es gibt ausgesprochene Schreihälse und ganz leise Kinder. Das Entwicklungstempo ist ganz unterschiedlich. Während die anderen noch blind herumliegen, hat eines schon die Augen offen und saust auf wackligen Beinen durch die Gegend.

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Im Moment verbringe ich mein Leben mit dem Schwerpunkt: Zuschauen, wie sie wachsen und zuhören, wie sie schon alle schnurren, wie sie sich balgen und kreuz und quer auf der Mutter herumpurzeln und sich anknurren oder wie am Spieß schreien, wenn es zu eng wird am Mutterbauch, und wie sich die Mutter, um alle peinlichst sauber zu halten einfach eins nach dem anderen unter die Pfote klemmt, um es mit nassem Spuckewaschlappen zu bearbeiten.

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Und sie lernen schnell, die Kinder, sie versuchen zu sitzen und sich zu waschen, so wie es sich gehört, mit der Pfote über das Fellgesicht. Ich mag es nicht immer nur als Problem sehen, die vielen Katzen. Ja, wir werden eingreifen und alle, die wir erwischen, sterilisieren müssen. Und von den kleinen Schwarzen werden wir welche verschenken, obwohl, wer mag schon Katzen haben, diese eigensinnigen Freigängerinnen?

Aber:  Trotz alledem! Nichtsdestoweniger! Dennoch! –  ist es so eine große Freude, diese Fellbande!  Ein großes Geschenk, dabei sein zu dürfen, wie sich auf der Weltenbühne das Leben aus sich selbst heraus lebt und gestaltet und zu sehen, wie sich vier so perfekte Wesen nebeneinander an Mutters Tankstelle  die Bäuche füllen…

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Canzun de Sontga Margriata

Drachen seien älter als die Welt, hat mal wer geschrieben, ja, das glaube ich sofort.
Auf der ganzen Welt gibt es Drachen. Auch hier, in Oberbayern, sollen sie vorkommen, dachte man wenigstens in alten Zeiten und erzählte sich Geschichten. An mehreren Orten soll es den „Tatzelwurm“ gegeben haben und wenn man mal den ganzen romantischen Monsterkitsch weglässt, der ihm aus Gründen der Touristenbegruselung angedichtet wurde, dann wird dahinter in Drachengestalt eine mächtige, Alte Kraft sichtbar. Über das Land ist ein dichtes Netz von Kirchen gespannt, die der Hl. Margarete geweiht sind, und die führte den Drachen an lockerer Leine. Die Hl. Margarete, eine der Drei Ewigen, mächtige Zauberin, Fee, Hüterin der Alten Wilden Kraft, die zwar gezähmt, aber an sehr lockerer Leine an ihrer Seite tänzelt, ja, Margarete, die mit dem Drachen tanzt! Kirchen wurden nur an Orten mit besonderen Kräften gebaut. Wie alles zusammenhängt: Linien der Kraft, heilige Orte, die Drachenspur…niemand kann heute mehr sagen, um was es da genau geht, das, was an Wissen über die Mysterien der Alten Kräfte übrigblieb, nachdem unzählige weise Frauen und Männer im Mittelalter verbrannt oder förmlich abgeschlachtet wurden, das haben die Winde der Gezeiten verweht.
Heute können wir nur noch behutsam die sogenannten Orte der Kraft aufsuchen und versuchen, zu spüren und zu horchen und uns nicht dem reisserischen Erlebnisdrang hingeben…denn wir finden nur uns selbst und wir bekommen das, was wir mitbringen…und doch…es gibt schon sehr besondere Orte, wo wir die Chance bekommen, ein wenig genauer zu spüren, was ist…es ist nicht zu erklären, was genau da passiert. Ich ahne es mehr als ich es weiß, ich muß der Spur der Margarete folgen, oder ist es die Spur des Drachens und ich weiß nicht einmal, wo es mich hinbringen wird…im Höchstfall zu mir, so hoffe ich.
„Erkenne dich selbst“, stand im Orakel von Delphi und soll die Antwort auf die Großen Mysterien sein.
Auf der Spur der Margarete bin ich zur uralten Geschichte der Sontga Margriata gestossen, in vorchristlicher Zeit soll sie auf einer Alm am Kunkelspass in der Schweiz gelebt haben und es gibt dieses geheimnisvolle Lied über sie in rätoromanischer Sprache…da arbeitet eine „Diale“ (räroroman. für ein feenartiges, nichtmenschliches weibl. Wesen), eine mächtige Zauberin verkleidet als Sennbursche auf einer Alm ganz hoch droben und weil sie nicht respektiert wird verschwindet sie…alles Glück geht mit ihr fort…