Briefe an die nahe Ferne ( 35 )

Im chinesischen Lokal, das von einer einst zugewanderten, aber längst schon einheimischen Familie betrieben wird sitzen wir mit lieben Menschen um einen runden Tisch. Ich esse immer  „Acht Schätze“ und trinke Jasmintee dazu und schräg über mir an der Wand hängt ein wunderbar kitschiger Drache, der uns fröhlich zulacht. Wir unterhalten uns und teilen Sorgen um Befürchtungen, überlebte Krankheiten, düstere Prognosen aber auch das Lachen … immer wieder auch das Lachen und die Zuversicht. Die Freundin geht bald in eine Rehaklinik, unweit der sagenträchtigen Wirkungsstätte eines örtlichen Drachen mit Namen „Tatzelwurm“.

Ich erzähle nichts von dem Roman, in dessen Spannung ich so intensiv eingetaucht bin, daß man schon sagen könnte, daß mich diese Parallelwelt mit Haut und Haar eingesaugt hat und mich irgendwann nach 826 Seiten wieder ausspucken wird: „Der Historiker“ von Elizabeth Kostova, viele Jahre ist es her, daß mich ein Buch dermaßen verschlungen hat. Es kreist um einen, dessen Name übersetzt bedeutet: Sohn des Drachens, weil sein Vater dem Drachenorden angehörte. Es handelt sich um einen walachischen Herrscher, der sein Reich gegen die Osmanen verteidigt hat und mit grausiger Brutalität seine Feinde abschlachten ließ und der später Bram Stoker literarisch großen Ruhm einbrachte. Ich werde hier gar nichts verraten, bin grade bei der Hälfte und frage mich, wie die Schriftstellerin aus diesem Roman wieder herausfindet und zu welchen Antworten auf die immer drängenderen Fragen sie kommen wird.

Das Ganze ist eigentlich ein Buch über das Erzählen und wo man hingeraten kann, wenn man neugierig immer weiter in uralte Geschichten eintaucht und droht, sich darin zu verlieren, weil sie womöglich nach Dir greifen und Dich packen.  Eine Reise ist es durch die Jahrhunderte, sie geht kreuz und quer durch Europa und wechselt andauernd die Ebenen. Eine Vater-Tochtergeschichte mit verschwundener Mutter, Menschen stehen in Verbindung und verlieren sich, suchen und suchen und begegnen untoten Wiedergängern  und dem sogenannten Bösen, aber was ist das eigentlich?

Wer oder was ist denn dieser Fürst der Finsternis.  und … gibt es Geschichten, die man lieber nicht erzählen sollte?

Als ich nach der alten Kittlin, der Märchenerzählerin meiner Jugend fragte, bekam ich sofort zur Antwort, daß sie am gleichen Tag Geburtstag hatte wie der Fürst der Finsternis aus Braunau im Dritten Reich und wie wichtig das für sie war. Bin mir nicht mehr so sicher, ob ich noch recht viel mehr ihrer Geschichten erfahren möchte.

So schön das Geschichtenerzählen auch sein mag, es kriecht auch mancherlei Gewürm aus dem Bauch der Jahrhunderte, und man bekommt es mit Wiedergängern zu tun und mit Blutsaugern, da ist nichts mehr romantisch. Wer sich auf Geschichten einläßt, muß immer mit allem rechnen.

Ich bin dem Roman total verfallen und es ist mir, als käme dieses Kind in mir, das in vielen Schichten inzwischen mit einer alten Frau umwickelt ist, wieder zum Vorschein und würde sich an seinen geheimen Ort zurückziehen, verborgen und unauffindbar und verschwinden nach Istanbul, Siebenbürgen, Budapest und in dieses seltsame Kloster auf dem Felsen in Südfrankreich …“die wahren Abenteuer sind im Kopf und sind sie nicht in deinem Kopf, dann sind sie nirgendwo“ … hat der Heller vor vielen Jahren gesungen, wie recht er doch hat.

 

Der lieben Kraulquappe schick ich liebste Grüße aus der fernen transsylvanischen Nähe mit dem Hinweis: solltest Du irgendwo in geheimnisvollen Tiefen Deiner Bücherregale ein Buch finden, daß sich irgendwie selber aufschlägt in der Mitte und einen doppelseitigen Drachen zeigt und das Buch ansonsten leer ist und merkwürdig riecht, verbrenn es sofort und leg Knoblauch aus und halte ein diesbezügliches „Besteck“ bereit und trag es immer bei Dir!

Briefe an die nahe Ferne ( 34 )

Die alten gußeisernen Grabkreuze, die heute noch bei uns im ehemaligen Eisenkammerl herumlehnen, würden aus der ehemaligen Eisengießerei ganz in der Nähe stammen, sagte mein Vater. Ich habe keine Ahnung, wie sie den Weg zu uns gefunden haben. Sie stehen da und werden nicht  mehr gebraucht, wer wollte schon heute noch so ein altmodisches Kreuz auf dem Grab stehen haben. Das Eisen wurde im Bergwerk abgebaut und verarbeitet. Ich erinnere mich sofort an das, was mein Vater, der Kunstschmied, auf meine unbedachte Bemerkung sagte, daß das Eisen kalt sei. So ein Schwachsinn, hat er da gesagt, das Eisen ist doch nicht kalt, es kommt aus dem Bauch der Erde … ja, er hat es geliebt und ich höre heute noch dieses Hämmern auf dem Amboß, wenn er es glühend formte zu wunderschönen Spiralen, Vögeln, Blütenblättern … der Klang war silberhell bis dunkel, je nachdem, wo er seinen Hammer tanzen ließ. Frisch und rotglühend aus der Esse war es weich wie Brotteig.

Heute war im Bergwerkmuseum ein sogenanntes Erzählcafé mit selbstgebackenem Kuchen und ca 20 Leuten, die was zum Erzählen hatten oder einfach nur zuhören wollten. Der nüchterne Konferenzraum, in dem wir alle an dieser für sowas üblichen Tischformation saßen, war nicht gerade einladend und so begann alles ziemlich schleppend, niemand wusste so recht, wie man zum Reden kommen könnte. Ich fragte dann einfach mal in die mir unbekannte Runde, ob denn jemand was weiß über die alte Kittlin, die uns vor ca. 60 Jahren immer die vielen grusligen Märchengeschichten erzählt hat. Und da meldete sich sofort deren ehemaliger Nachbar und ich erfuhr viel viel mehr, als ich mir zu wünschen getraut hätte über die Frau und ihre Geschichten und auch noch, wo ihr Grab ist. Und da es noch unglaublich viel weiteres Geschichtenmaterial gibt, werden wir uns treffen und er wird mir erzählen und ich werde aufschreiben. Und nachdem der Bann gebrochen war, explodierte das Erzählen förmlich, so, als ob Schleußen sich geöffnet hätten und es tauchten Geschichten auf um diese, heute zum größten Teil zugeschütteten Stollen, mysteriös und kaum zu glauben und jetzt bin ich abgefüllt mit Geschichten und das ist erst der Anfang, es wird weitere Treffen geben. Und es ist von der großen Überschwemmung des Tales die Rede, bei der säckeweise Munition und Kriegsgerät angeschwemmt wurde und es ist auch die Rede von einem gewissen Zimmer aus Bernstein. Meine Güte, was mach ich mit all diesen Geschichten … ich hab gesagt, sie sollen erzählen, ich wäre eine Geschichtensammlerin, ja, und jetzt erzählen sie.

Ich hätte nicht gedacht, daß es so einfach sein würde, aber es geht nur darum, ein Feuer anzuzünden, wenn es brennt, dann entsteht dieses Klima, in dem der Erzählfaden gesponnen und weitergereicht wird, dann muß man bloß dafür sorgen, daß diejenigen, die sich nicht trauen, auch zu Wort kommen. Ja, und dann wird erzählt und erzählt von drei Buben, ca. elf Jahre alt, einer von ihnen lebt noch, die sind in lange schon stillgelegte Schächte gestiegen und einmal haben sie Männern geholfen, es ging darum, große geheimnisvolle Kisten hineinzuschaffen ins Dunkel des Berges, einer von ihnen hat die Karbitlampe gehalten zum Ausleuchten, später hat er sein Leben lang geforscht, das Rätsel dieser Kisten und vor allem ihren Verbleib zu ergründen.

Einer erzählt von dem Haus, das eines Tages in einen der tiefen Stollen gerutscht ist  … alles war weg, nur der Apfelbaum, der an der Hauswand hing, blieb stehen, allein … ohne seine Wand … ohne sein Haus … seine Äpfel haben die Kinder geklaut.

So viele ganz normale ältere unscheinbare Leute sind dagesessen und plötzlich waren da Abenteurer, Weltenbummler und Buben, die verbotene Dinge sehen und in verbotenen Stollen unterirdische Wasserfälle entdecken  und immer wieder sagt wer: ich könnt Euch noch Sachen erzählen … oder: da war dann dieser SS Mann, der ist auf einmal sehr reich geworden … aber darüber spreche ich nicht …ich  aber glaube, ich muß mich mit ihm nur irgendwo irgendwann hinsetzen und ihm den Faden reichen …

Ich bin abgefüllt mit Geschichten, irgendwann werde ich sie aufschreiben müssen und über Menschen und ihre Orte und die Wege dahin berichten. Aber jetzt werden wir mal Mitglieder im Verein „Eisenreich“, wir wurden schon heftig angeworben und ich freu mich drauf, öfters in diesem wunderbaren alten Haus mit den gußeisernen Stiegengeländern herumzugehen und hinterm Haus in die alten Stollen hineinzuschauen, vor allem dort, wo einer der Erzähler was entdeckt hat, was mich interessieren könnte … er hat gut geraten, geheimnisvolle Orte und ihre Geschichten sind mein Metier.

Glückauf!

Viele Grüße an die liebe Kraulquappe mitten drin in der Runde der philosophischen Geschichtenerzähler!

Briefe an die nahe Ferne ( 33 )

Das, was jetzt von ihm übrigbleibt, ist im Höchstfall eine tragische Figur, schuld an einer Sauerei, die er begangen hat.  Bevor er alles zugegeben hat und jetzt auf den Prozess und auf seine Strafe wartet, war er ein hochtalentierter Musiker und einer der besten Kabarettisten Österreichs: Günther Paal, alias „Gunkl“. Viel wird geschimpft, verurteilt, mit Haß übergossen, jetzt meint die Meute, entdeckt zu haben, daß in ihm ein Monster steckt, das man hetzen muß.

Ob er selbst die Initiative ergriffen hat oder ob alles von vorneherein ein abgekartetes dreckiges Spiel war, um viel Geld aus ihm herauszupressen, ist noch unbekannt und auch ziemlich egal, seine Schuld wird durch nichts gemindert, auch dadurch nicht, daß zwei angeblich betrunkene Frauen womöglich dabei zugesehen haben, wie er sich am Kind der einen und Enkelkind der anderen vergangen hat.

Es sind jetzt viele Fragen und große Enttäuschung über einen, von dem man niemals vermutet hätte, daß er solche grausigen Abgründe in sich trägt, aber was wissen wir schon voneinander und manche wissen ja nicht mal von sich selbst, welche abartige Gier in ihnen schlummert. Es wird jetzt eine Zeitlang, da wieder mal ein Prominenter in seinen eigenen Abgrund gestürzt ist, weil er seiner Gier nicht widerstehen konnte, viel geschrieben und nach Maßnahmen geschrien.

Ich bin auch ratlos und verstört und frage mich wie schon so oft in all den Jahren meiner Sozialarbeit, was dazu führt, daß Mütter ihre Kinder nicht beschützen, sondern sie an Männergier ausliefern und nicht selten dabei zusehen oder Handlangerdienste verüben. Daß Frauen dazu bereit sind  … die Erklärung ist oft in den Elendbiografien der Frauen zu finden, die unweigerlich in die Prostitution führen  und sich wiederholen im Schicksal der Kinder.

Das kleine Mädchen, das einzige Wesen, das unschuldig ist und geopfert wurde in  diesem ganzen jämmerlichen Vorfall wird jetzt hoffentlich in Ruhe gelassen und beschützt untergebracht. Es wird aus dieser Schweinerei, die womöglich nicht zum ersten Mal an ihm begangen wurde mit der Erfahrung, daß sein Körper, vor allem sein Unterleib, eine Ware ist, per Bezahlung jederzeit konsumierbar, ins Leben entlassen. Und es wird die Schuld der anderen mit sich herumtragen und sich schämen.

Heute ist mir wieder eingefallen, daß meine Eltern mal einen Bekannten hatten, der öfters bei uns auftauchte mit seiner kleinen Tochter. Wir waren etwa gleichalte Kinder. Manchmal wurde ich mit diesen beiden stundenlang alleine gelassen, und das hat mir gar nicht gut gefallen. Der Mann verlangte von seinr Tochter und von mir, daß wir ihn beim Vornamen nennen. Er mochte es nicht, wenn seine Tochter Papa zu ihm sagte. Er erzählte grausige Geschichten, von denen ich viele Jahre Alpträume hatte, es ging um Erlebnisse mit dem Teufel und wie man ihn zu Gesicht bekommt und wie man am geschicktesten mit dem Auto ein Kaninchen überfährt. Ich spürte, daß von diesem Mann nichts Gutes ausging und vermied seine Nähe. Mir hat auch nicht gefallen, wie er seine kleine Tochter auf den Schoß zog, ich wußte nur, daß etwas komisch war, konnte es aber nicht benennen. Heute weiß ich, ich habe die Gefahr erkannt. Gottseidank verschwand er eines Tages wieder, aber Angstträume sind lange geblieben und ein Leben lang denke ich mit Widerwillen daran zurück.

Gestern Abend waren wir im Salzburger Literaturhaus, Michael Köhlmeier las aus seinem neuen Buch vor: Mein privates Glück. Das Buch ist erschienen nach dem Tod seiner Frau Monika Helfer, beide große Schreibende und gemeinsam Denkende und Lebende.  Oft ist ihr Name am Abend gefallen, auch als es um die Bilder ringsherum in seiner Ausstellung „Dämonen“ ging. Er ist nicht nur ein großer Schriftsteller, leidenschaftlicher Musiker, sondern auch Maler und ich bin in seine Bilder hineingeschlüpft und war berührt von den geheimnisvollen Welten, die er erschaffen hat und sein Gedanke, daß Dämonen keineswegs immer schlecht sein müssen und uns schädigen wollen geht mir nicht aus dem Kopf. Es sind mehrere extrem interessante Sätze gefallen, vor allem zur Arbeit an der eigenen Biografie, wie wurde ich zu dem, der ich jetzt bin … ich habe mir für die schwierige Arbeit am Wurzelbuch gemerkt, daß ein freies Laufenlassen des Erzählens an Erinnerungen entlang eine Art Lösung für die Probleme in meiner Arbeit sein könnte.
Das Gespräch zwischen ihm und Konrad Paul Liessmann, dem Philosophen, zwischen zwei klugen hochbegabten Denkern, die sich im gescheiten Diskurs und beim beidseitigen Monologisieren, redegewandt und liebevoll die Bälle zuwarfen und die Gedanken des anderen aufgreifend und weiterführend unterhielten … meine Güte, ein Gespräch auf diesem allerhöchsten Niveau, was für ein Vergnügen, zuzuhören.  Der Abend war großartig  und wundervoll gestaltet auch in der Traurigkeit um Monika Helfer. Ich mag Lesungen nicht besonders und Vernissagen schon überhaupt nicht und gehe nur in Ausstellungen, wenn es sich wie hier, nicht vermeiden läßt, weil ich sowohl Köhlmeier, Liessmann und nicht zu vergessen, das wundervolle Literaturhaus so sehr schätze. Es war bis auf den letzten Winkel vollgestopft mit Menschen, denen es wohl auch so ging, und wir alle hätten sicher noch stundenlang zugehört, wenn Köhlmeier nicht aufgehört hätte zu lesen. Er war blaß und sichtlich erschöpft und obwohl er sehr gefasst schien, die ganz große Traurigkeit über den Tod der geliebten Frau, die mit ihm durchs Leben gegangen war … wie sollte sie keine Spuren hinterlassen haben.

Am Schluß dieses Briefes möchte ich was sagen, was sehr schwierig zu sagen ist, aber trotzalledem werd ich es zumindest versuchen:
ich bin froh, daß Günther Paal sich gestellt hat, warum auch immer, das ist mir egal, und es verringert seine Schuld in keinster Weise.  Aber dadurch wird vielleicht (hoffentlich!) verhindert, daß das Mädchen und sein Bruder zukünftig weiteren Schweinereien ausgesetzt sind.
Und … mir tun Menschen leid, die im entscheidenden Augenblick die Kontrolle über sich verlieren, etwas tun, was sie selbst verabscheuen und in einen Abgrund stürzen, der über ihnen zusammenschlägt und sie gänzlich verschlingt. Und Frauen, deren abgrundtiefes Elend dazu führt, daß sie ihre Kinder verkaufen.

Sie sollen alle vor dem Gesetz verurteilt werden, egal wie hoch die Strafe ausfällt, man kann sie aussitzen oder abbezahlen, die innere Strafe des Gewissens ist es, mit der sie weiterleben müssen.

Liebe Kraulquappe, es ist mir schwer gefallen, über diese Dinge zu schreiben, wir werden doch alle von Dämonen begleitet und ganz oft sind es nicht mal unsere eigenen, gell! Ja, und es ist leicht, zu sagen: Tanz mit ihnen, ich weiß das nur zu gut, aber es ist zumindest immer einen Versuch wert! Sei lieb gegrüßt aus Apfel-Birnen-Zwetschgenland!

Briefe an die nahe Ferne ( 32 )

Jetzt ist die Zeit, in der man sogenannte Übergangsjacken anzieht, das alte Haus tut sich schwer mit diesem Zustand zwischen heiß und kalt, es knackt und murmelt vor sich hin und sieht den wispernden Geistern zu, wie sie zwischen Erdgeschoß und Dachboden umherhuschen. In Gesprächen ist es mir zur Zeit lieber, wenn nicht politisiert wird, denn niemand weiß, wohin uns derzeitige Übergänge führen, aber alle befürchten auf allen Seiten stets das Allerschlimmste und immer geht es darum, das irgendwer über irgendjemand schimpft und die Schuld auf irgendwen schiebt, denn irgendwer scheint immer schuld zu sein. Aus den Jahren der Mitarbeit an dem Projekt einer basischdemokratisch gestalteten Jugendwohngruppe bin ich schon allein durch die Erfahrung des wöchentlich gemeinsam erstellten Speiseplans geläutert und sehr viel klüger, was Demokratie wirklich bedeutet, hervorgegangen. Es war eine heilpädagogische Gruppe von neun Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren und wenn einer partout nur Wurstbrote wollte, konnte er jederzeit das Gemeinschaftsergebnis Pfannkuchen über den Haufen werfen und nur durch ein Nein alles blockieren und die Hauskonferenz in ungeahnte Längen ziehen. Ich erspare mir weitere Details, kann nur sagen, die Nerven lagen blank. Trotzdem war es eine unglaublich lehrreiche Erfahrung für alle und wenn ich die heute Fünfzigjährigen treffe, ist diese Erfahrung immer Thema.

Die Bemerkung, die Arbeit mit Jugendlichen sei ja wohl ganz was anderes als die „große“ Politik in einem riesigen Land würde ich verneinen, das Wesen der Menschen ist doch überall gleich, egal ob alt oder jung, wir wollen doch alle, daß es uns gut geht und daß wir in Sicherheit leben können. Demokratie ist aber eine schier unmöglich zu bewältigende Staatsform und muß täglich von Neuem erschaffen werden und das erfordert Mühsal und Konfliktbereitschaft und diese permanente Streiterei macht müde und führt ständig in neue Krisen, die bedrohlich wirken, aber auch Lösungen bringen können, wenn man die Herausforderung annimmt. Ja, und dann gibt es natürlich immer die, die schnelle Lösungen anbieten , die sie aus dem Ärmel schütteln … wir wissen alle, wohin uns das bringt … ich aber gebe nicht meine Zuversicht auf und ich bleibe bis ans Ende meiner Tage eine glühende Demokratin, trotzig und gegen alle Widerstände.

Die Bäume lassen schon jetzt immer mehr Früchte fallen und wir werden sie bald häckseln, pressen und als Most ansetzen. Ein Teil davon wird sich später zu wunderbarem Apfelessig verwandeln. In den Falläpfeln haben sich heuer ziemlich viele Bewohner Etagenwohnungen gebaut, zu deren verwinkeltem Höhlensystem ausgeklügelte Geheimgänge führen, von außen sieht man den Äpfeln nichts an, die Eingänge sind verborgen.

Da wir in diesem vernichtend heißen Sommer das Gras nicht gemäht haben zum Hitzeschutz der Bäume, haben sich auch im Boden, weil ungestört, alle möglichen Insekten, Erdbienen etc ihre Wohnungen gebaut, man sieht es an den vielen kleinen Löchern, die in das Erdreich führen. Auch die Nüsse fallen schon ab, viel zu früh. Es sind so unglaublich viele, daß wir überlegen, wenn erschwinglich, eine kleine Ölpresse anzuschaffen, eigenes Walnußöl wäre ein Traum.

Es gibt in diesem Jahr leider fast keine Wespen, keine Hornissen, wenig Fliegen und Gottseidank keine Motten bisher. Die Rosen blühen zum zweiten Mal, es ist kühl und heute stand am Waldrand eine senkrechte Nebelsäule. Bald wird er wieder das Tal überfluten und dann gehe ich auf dem Meeresboden im Nebelmeer spazieren.

Es hat ein paar Tage geregnet, aber alle Bäche sind nach wie vor ausgetrocknet, kein Tropfen Wasser fließt in ihnen, kein munteres Plätschern, kein Wassergesang.

Die Spinnen haben derzeit viel zu tun, um die zauberhaften Gespinste weiterzubauen, die sich über alles ziehen und alles einbeziehen, auch uns, würden wir nicht ständig auf der Hut sein. Nach monatelanger Igellosigkeit ist jetzt wieder einer aufgetaucht, er macht einen Bogen um alles Schneckengetier und geht strackstepede zum Katzenteller, den schiebt er dann herum, klirrend und wirft natürlich wie immer, die Wasserschüssel mit der Schnauze um und selbstverständlich kackt er, wo er geht und steht und frißt … als Urwelttier lebt er halt auch die Urform diesbezüglicher Norm.

Am Abend kommt die kleine Fledermaus und fliegt ein paar Kreise um mich herum. Und da fällt mir ein Buch ein, das ich grad lese und das ein richtiger Schmöker ist, wie wir früher die Bücher nannten, in denen alle Familienmitglieder förmlich verschwanden in den geheimnisvollen Geschichten zwischen Buchdeckeln und mit glasigen Augen und ein wenig traurig wieder herauskrochen am Ende und seufzend das Buch zuklappten.

„Der Historiker“ von Elisabeth Kostova
Es geht um alte Briefe und Nachforschungen in geheimen Archiven und es scheint eine Spur zu Graf Dracula zu geben, aber ich bin erst am Anfang…

Auf den ersten Seiten steht ein einfacher Satz, der mich sofort sehnsüchtig macht und in die Geschichte hineinzieht:

„Die Bibliothek meines Vaters war wahrscheinlich einmal ein Wohnzimmer gewesen, das er jedoch nur zum Lesen benutzte und in seinen Augen war eine große Bibliothek wichtiger als ein großes Wohnzimmer.“ (Elisabeth Kostova)

Ja … mir auch.

Viele liebe Grüße aus der fernen Nähe an die Kraulquappe in die Wiesenstadt!

 

Briefe an die nahe Ferne ( 31 )

Am Grab gieße ich die fleißigen Lieserln und bring es nicht übers Herz, die wild wuchernden kleinblütigen  Weidenröslein auszureißen, sie gelten in der Volksmedizin als sehr starkes Heilkraut bei Prostatabeschwerden. Das sagte zumindest Maria Treben, die Kräuterkundige. Maria Treben, die wissende Alte sagte auch immer wieder, daß Kräuter da wachsen, wo sie gebraucht werden. Hier wachsen sie nur deshalb aus dem Tod heraus, weil das Leben dazu da ist es zu leben.  Brauchen tut sie hier im Gottesacker niemand mehr, die Altvorderen im Grab sind befreit von aller irdischen Mühsal.

Beim Heimfahren seh ich vor mir am Feldweg glitzernde Steine  … das ist das Glück, denke ich, es liegt wie glänzendes Gold immer vor uns, wenn wir es nicht sehen, liegt es nur daran, daß wir nicht hinschauen.

Im Wald sehe ich den abgebrochenen Stamm heute als König mit gezackter Krone und einem Stab in der Hand und an seiner linken Seite sitzt deutlich erkennbar eine Löwin und schmiegt liebevoll ihren Kopf an sein Bein, wie Katzen es halt so machen.

Ein Greifvogel läßt sich mit ausgebreiteten Schwingen von der Luft tragen in einer göttlichen Schwerelosigkeit, es treibt mir die Tränen in die Augen vor Glück, ihm zusehen zu dürfen beim Schweben im grenzenlosen Sein … und es fällt mir wieder ein, daß ich schon mal auf einem Adler gesessen bin, der mich über das bewaldete Tal unter mir am Rücken getragen hat, ich spüre noch die Federn an seinem Hals und rieche diesen speziellen Geruch seines Gefieders. Es war eine Art Traumgeschichte, erlebt an einer Stelle neben einer Höhle am Fuß eines Felsens, dort wo die Sage erzählt von drei Fräulein, die hier vor langer Zeit gelebt haben  sollen … ich habe mich auf einen kleinen Felsvorsprung gesetzt und dann wurde es immer leiser in mir und als ich die Augen wieder geöffnet habe, wußte ich, wohin ich mit ihm, dem König der Lüfte geflogen bin und bedankte mich bei ihm. Im Weggehen hab ich mich nochmal umgedreht und der Felsen sah aus wie ein Adlerkopf … ja, ich spüre heute noch die Federn an seinem Hals.

Am Himmel über den Apfelbäumen segelt eine Wolke, die immer länger wird und dann schaut sie plötzlich für kurze Zeit aus wie eine riesige Gestalt, ein kräftiger Kerl mit breiten Schultern zieht über mir nach Osten, dahin, wo es einige Dörfer gibt, die seinen Namen tragen: Abfalter, der Riese. Es gibt im Berchtesgadener Land mehrere Sagen von ihm und wir können uns aussuchen, welche Variante uns grad gefällt oder gleich was dazu erfinden. Mir gefällt am besten die Geschichte von seiner riesigen Liebe zum Riesenfräulein Adhara, die wohl, wie der Name schon sagt, so wahnsinnig schön war, daß ihr Leuchten dem hellen Stern im Sternbild vom Großen Hund gleichkam. Der Abfalter hat sie auf seine starken Arme genommen und über die Salzach getragen … was vorher und nachher so alles passierte, kann irgendwo am Feuer oder in der Stube weitererzählt, weitergesponnen werden …

Es gibt auch Decodierungsversuche von diesen alten Geschichten, aber da besteht meiner  Meinung nach immer die Gefahr, daß mit Seziermessern an den Rätseln, Geheimnissen und auch der Poesie so lange herumgeschnitten wird, daß vor lauter Deutung die Geschichte verlorengeht .

Als ich daheim auf die blutrot leuchtenden Hagebutten schaue, fällt mir die Geschichte vom Hagebuttenweiblein wieder ein wie jedes Jahr zu dieser Zeit. Eigentlich ist es ja keine  Geschichte, sondern nur eine Erinnerung und ich hab sie in all den Blogjahren schon öfters erwähnt. Wenn ich manche Geschichten immer wieder erzähle, berufe ich mich auf die Erzähltradition nicht nur meiner Familie, wo in der Stube durch die Generationen immer wieder die gleichen Geschichten weitergereicht wurden, aber je nach Talent und Fabulierkunst immer ein wenig verändert, dazugedichtet oder abgewandelt und auch je nach Talent dazugelogen wurde wie es das Zeug hielt und das Geheimnis guter Geschichten ist, daß sie immer besser werden, je öfter man sie erzählt.

Das Hagebuttenweiblein kam jedes Jahr frühmorgens mit dem Fahrrad aus der Kreisstadt, 25 km hin und zurück angefahren. Der große Rucksack und viele Taschen und Stoffbeutel waren leer, wenn sie ankam. Dann stellte sie ihr Fahrrad, das eigentlich viel zu groß für sie war irgendwo ab und stieg den steilen Hügel hinauf bis dorthin, wo die vielen dornigen Wildrosensträucher wuchsen und dort blieb sie den ganzen Tag. Wir wollten sie als Kinder oft besuchen, aber nie haben wir sie gefunden, sie verschwand in den Büschen und wurde unsichtbar … so, als wäre sie eine von ihnen … Am  späten Nachmittag kam sie wieder herunter, schwer beladen mit Hagebutten und verstaute sie auf dem Rücken, am Fahrradlenker und auf dem Gepäckträger. Ihr Rad hatte natürlich keine Gangschaltung, es ist mir bis heute ein Rätsel, wie sie den Rückweg in die Kreisstadt überhaupt geschafft hat, denn auf ihrer Heimfahrt ging es ja fast nur bergauf.
Ich kann mich so gut an dieses verhutzelte Gesicht mit den kleinen dunklen Augen und einem immer lächelnden Mund erinnern und an diesen winzigen und schmächtigen Körper. Auf die Frage, was sie denn mit so vielen Hagebutten anfangen würde, denn sie kam ja mehrmals, sagte sie nur, daß sie Hagebuttenwein ansetzt, da müssten in einer gewissen Zeit in einer gewissen Reihenfolge die Hagebutten im Ballon auf- und wieder absteigen, dann wäre er fertig. Mehr hat sie nicht gesagt, denn sie sprang aufs Rad und war verschwunden. Wer schon mal „in den Hagebutten“ war, weiß, wie scharf die Dornen sind, die durch alle Handschuhe hindurch stechen. Beim Hagebuttenweiblein war nie auch nur ein Kratzer zu sehen, kein Blutstropfen in Gesicht oder an den Armen. Sie trug nie Handschuhe … da fällt mir ein, daß ich sie deshalb mal gefragt habe, wie sie das schaffen konnte bei diesen Mengen. Da hat etwas in ihren Augen aufgeleuchtet und sie sagte:
„Die kommen ja freiwillig zu mir, da stechen sie nicht.“

Und als ich auf der Hausbank sitze, fährt hupend und winkend unser Freund, der Punkte – Paul vorbei auf  einem seiner alten Motorräder, auf dem Kopf einen roten Sturzhelm mit weißen Punkten. Der Pauli ist ein Schrauber, wie man so sagt von einem, der mit größter Leidenschaft und Können immer gleichzeitig mehrere Oldtimer herrichtet. Er verteilt kleine Marienkäfer, als Glücksbringer , er ist ein sehr liebenswürdiger Mensch und er hat vor vielen Jahren von jemandem die Punkte in sein Leben übernommen. Aber das ist eine andere Geschichte und muß wann anders erzählt werden.

 

 

Liebe Grüße an die Kraulquappe in der Stadt, die bald so wunderbar nach gebrannten Mandeln riecht und das Orchestrion spielt und beim Schichtl die Hinrichtung täglich zelebriert wird…

Briefe an die nahe Ferne ( 30 )

 

Es klopft an der Haustür, so wie man halt mit einem eisernen Türklopfer umgehen sollte. Manche Leute hauen so drauf, daß man Angst haben muß, die Türe bricht auseinander, oder so leise, daß man nichts hört. Und manche wissen überhaupt nicht, wie sie damit umgehen sollen und offenbar auch rätselhafterweise nicht, daß hier eine Haustüre existiert, sie rennen ums Haus und rufen Hallo? Auf die reagiere ich, indem ich hinausrufe: Hier wohnt kein Hallo!

Diesmal steht einer draußen , ein wenig verschämt und sagt Servus, jetzt hab ich mir gedacht, heute fahr ich rauf und besuch Dich!

Mein Cousin, den ich Jahre, oder sind es schon Jahrzehnte, nicht mehr gesehen habe. Es ist die Distanz in unserer Familie so groß und es herrscht so wenig Interesse aneinander, daß wir, obwohl nur wenige Kilometer zwischen den Wohnorten liegen, die immer ferner werdende Nähe offenbar nicht mehr überbrücken wollen.  Warum auch immer.
An ihn habe ich in letzter Zeit oft gedacht, vor allem bei der Arbeit am „Wurzelbuch“, aber ich habe mich nicht getraut, einfach hinzufahren. Aber jetzt ist er plötzlich da und wir sitzen in der Stube und erzählen und erzählen alte und neue Geschichten, wir wissen beide, daß es Leichen gibt in unserer Familie  und reden sofort über über den Keller, in dem sie sich angesammelt haben.
Und als er wieder geht, fällt mir auf, daß wir stundenlang geredet haben ohne Essen und Trinken, nur reden und zuhören und sich wahnsinnig freuen, sich wieder begegnet zu sein.

Wir werden bestimmt bald wieder zusammenkommen, der Faden ist wieder verknüpft und wir werden sehr sorgsam sein und aufpassen, daß er nicht wieder abreißt.

 

Zur Zeit gibt es mancherorts ein „Erzählcafe“, geschaffen von Leuten, die versuchen, aus den Menschen bei Kaffee und Kuchen vor allem aus den noch lebenden Alten Geschichten herauszulocken, die ansonsten unrettbar verlorengehen. Besser wie nichts, denke ich, aber ob so eine künstlich erschaffene Situation  zum vertraulichen Ort werden kann, wo die Geschichten herumgehen, wo der Faden von Hand zu Hand weitergereicht wird … ist fraglich. Es ist das Geschichtenerzählen eine sehr eigene Sache und hat in unserer Welt, in der es ums schnelle Konsumieren geht, um die sofortige Befriedigung aller Arten von Gier, keine Möglichkeit, stattzufinden. Es gibt unzählige Workshops, in denen man das Erzählen lernen kann und wie man die Geschichten am effektivsten vermittelt. Es ist das alles ein weites Feld, in dem man sich ganz leicht verlieren kann, weil es da halt auch wie überall in dem grenzenlosen Warenangebot unserer Wohlstandskonsumwelt alles gibt, was man sich nur wünschen kann. Es gibt unendlich viele Bücher voll von Geschichten, die könnte man sich zumindest, wenn man sich denn Zeit nähme, gegenseitig vorlesen, dazu müssten aber Handys entfernt werden. Geplante Vorlesestunden habe ich öfters schon versucht, bin aber gescheitert.

Im Nachdenken über die Kunst des Geschichtenerzählens komme ich zu dem Schluß, daß es gar keine Kunst ist, sondern aus der Langeweile entstanden ist und einfach selbstverständlich dazu diente, sich an den Abenden zu unterhalten. Wir haben als Kinder die Alten so lang gebettelt: Bittebitte erzähl mir eine Geschichte … was soll ich denn erzählen? … die vom schwarzen Mann an dem Kreuzweg … oder die von der weißen Frau in der Burg … die Oma oder sonstwer hat dann sich lang betteln lassen und endlich erzählt, Geschichten zum Gruseln von ganz früher usw usw. Es wurde natürlich gelogen, daß sich die Balken bogen und oft war ein ziemlicher Schmarrn dabei, aber da hat man sich dann an die Oma gekuschelt bei den grusligen Geschichten. Mein Vater hat mit Vorliebe Frauen vom Basilisken in unserem Keller erzählt und was weiß ich alles.

Entstanden sind die alten Geschichten meist in der Umgebung, in der man daheim war und wenn man heute nach ihnen sucht, findet man sie auch am ehesten dort, wo man aufgewachsen ist und man die noch verbliebenen Alten befragen kann. Ich mach das schon seit Jahren und habe von alten Nachbarinnen ein paar sehr geheimnisvolle Geschichten erfahren. Und wenn man sie erzählt bekommt, muß man sie unbedingt weitererzählen. Aber das ist alles extrem mühsam geworden. Wo bitte sitzen Menschen einfach so ohne Zeitreglement zusammen, wo kommen Nachbarn einfach so zusammen, wo können Kinder einfach so egal wann zur Oma gehen, Pfannkuchen essen und Geschichten hören, wo sitzen Leute vorm Haus und plaudern bis es dunkel wird und irgendwer fängt ein Lied an und dann singen alle …

Es gibt ja eine ganz ausgeprägte Eventkultur und wenn man Geschichten möchte, dann gibt es sie auf Knopfdruck auf blauschimmernden Bildschirmen jeglicher Größe. Wir haben keine Chance mehr auf Langeweile, auch Kinder haben so volle Terminkalender, da bleibt keine Zeit mehr zum Erzählen. Ich habe im Lauf der Jahre  immer wieder auf allen möglichen Wegen versucht, Menschen der nächsten Umgebung zusammenzubringen, letztendlich bin ich gescheitert.

Mit großer Traurigkeit befürchte ich, daß dieser natürliche und selbstverständliche Raum zum Erzählen der Geschichten unwiderbringlich verloren ist und man kann ihn nicht künstlich zurückholen. Die Welt dieses gemeinsamen Erzählens oder überhaupt des ungezwungenen Zusammenkommens ist untergegangen.

„People talking without speaking
people hearing without listening…“

Eine Miliion Grüße aus der fernen Nähe an die liebe Kraulquappe!

 

 

Briefe an die nahe Ferne ( 29 )

Da ihm die ursprüngliche Fassung der Madonna viel zu lieblich-kitschig erschien hat sie mein Vater mit viel Beize und Seifenlauge bearbeitet und alle Farbe heruntergewaschen. Leider kam dann ein Kreidegrund zum Vorschein und alle, die schon mal versucht haben, ihn von einer Figur zu entfernen, wissen, was das für eine Arbeit ist und in kleinen Ritzen bleibt immer was zurück. Irgendwann stand sie da, die Muttergottes, mit ihrem abgeschrubbten Leib aus Lindenholz und wurde eingebaut in die Stiegensäule. Da steht sie noch heute und hält ihr zartes, eher ernstes Gesicht und ihre gefalteten Hände über uns und alle, die hier ein- und ausgehen, unsere Hausmadonna. Sie ist künstlerisch wahrscheinlich nicht besonders wertvoll, sie hat weder Heiligenschein noch sonstigen heiligen Nimbus, der besonders auffallen würde. Die Spinnen lieben sie und lassen ihre weichen Netze über ihre Gestalt gleiten. In manch einem Jahr habe ich ihr ein kleines Büschel heiliger Kräutlein über die gefalteten Händ gehängt am Hohen Frauentag. Heuer nicht, alles war in der langen Hitzeperiode vertrocknet und die paar Kräuter, die noch standen, habe ich den Bienen und sonstigen Erd-und Luftvölkern gelassen.

Ich gehe niemals durchs Haus ohne sie anzusehen und mich zu freuen, daß sie da ist und bei uns wohnt.

Der Ursprung ihrer Verehrung geht weit zurück, viel weiter als wir uns überhaupt vorstellen können und sie hat als Mutter des Himmels und der Erde schon in den Geschichten der Menschen existiert, lange , bevor es das Wort „Kirchenväter“ und eine männliche Gottheit überhaupt gab.  An Mariä Himmelfahrt, am 15. August haben einst im 6. Jahrhundert die Kirchenväter beschlossen, sie auch in den Himmel hinauffahren zu lassen, weil sie ja den Gottessohn geboren hat … wie er in sie hineingekommen sein soll gehört zu den Umständen, die nicht so ganz geklärt sind …

Und sie ist heute zu einer Vermittlerin degradiert, sie soll unsere Bitten an Gott weiterleiten. Ach ja, was für ein Witz, die einst größte Göttin  … egal, wer weiß schon, wie es wirklich ist, und man wird mich wieder für sehr naiv halten, aber ich liebe die Heilige Himmelsmutter oder zumindest meine Sehnsucht nach ihr.

Um mich herum sind die Alten weg und ich bin jetzt die Älteste im Dörflein. Und ich frage die Alte in mir und finde sie nicht wirklich, ich werde also nach ihr suchen müssen. Bei ihr sollen jetzt die Geschichten zusammenlaufen, die sonst von den Alten erzählt wurden. Aber wer will sie noch hören, die alten Geschichten? Es gibt keine Orte mehr für sie, in den Stuben laufen die Fernseher und auf den Hausbänken sitzt niemand mehr so wie früher. Da hatten alle die Füsse, borkig von der Feldarbeit in einem Wasserschaff … das ist schon lange her. Heute geht niemand mehr spazieren ohne Handy und auch auf dem Fahrrad hat man es in der Hand. Wo finden die Geschichten ein offenes Ohr?

Geschichten brauchen Zeit, viel Zeit zum Erzählen, zum Horchen und sie brauchen Nähe, man muß zusammenrücken. Wenn ich sie denn finde, die Alte in mir, was wird sie mir raten?

Ich bin ein extrem ängstlicher Mensch und das Fürchten vor schweren Gewittern wird  eher schlimmer, so wie heute. Es wurden schlimme Voraussagen gemacht und ich hatte furchtbare Angst, daß unser Hausdach wegfliegt, aber es kam dann doch (bis jetzt) nicht so schlimm daher wie befürchtet und der Sturm hat sich beruhigt, dem Himmel sei Dank. Leider sind auch die Regentropfen schon wieder vertrocknet.

Es ist wie es ist und so wie es ist, ist es.

Sei gegrüßt meine liebe Kraulquappe aus der fernen Nähe!

Briefe an die nahe Ferne ( 28 )

Eigentlich hab ich heute nichts Wesentliches zum Sagen. Es ist weiterhin sehr heiß und extrem trocken und absolut ungewiß, wann und ob überhaupt mal wieder Regen fallen wird. Alle Bäche sind ausgetrocknet, das Wasser wird knapp, aber trotzdem werden die Pools befüllt und die Mülltonnen sauber mit viel Wasser gereinigt … wenn uns schon die Welt um die Ohren fliegt und in Europa die Wälder und Berggipfel abbrennen, so geschieht das zumindest mit hygienisch sauberen und ordentlich  ausgespülten Mülltonnen.

Gestern rannten alle, die eine Verdunklungsbrille ergattern konnten zu den Plätzen, wo die übrigen hunderttausend Eventsüchtigen das Spektakel erwartet haben, um zum Himmel zu starren und dann zu klatschen. Ich war viel zu spät dran, bekam keine Brille mehr und bin daheim geblieben, auch weil mir diese Massenaufläufe zuwider sind. Daheim hab ich mir in letzter Minute sozusagen, eine Camera obscura gebastelt, weil mir alleine der Name schon so gut gefällt … eine obskure, dunkle und geheimnisvolle Kammer … naja, man könnte auch sagen, eine ganz primitive Lochkamera. Eine Schuhschachtel mit zwei kleinen herausgeschnittenen Fenstern, vor das eine ein Stückerl Alufolie geklebt und mit einer Stecknadel ein Loch hineingestochen und durch das andere Fenster kann man dann schauen und  … welch ein Wunder … da erscheint dann die Sonne auf der gegenüberliegenden Schachtelwand. Sie war klein und anfangs rund, dann sah sie allmählich aus wie in der Mitte abgesägt und weiter ging es dann leider nicht mehr, weil sie hinter dem Hügel verschwand, um halt unter vermutlich großem Beifall der dortigen Menschenmenge, wie immer in den Chiemsee zu fallen am westlichen Ufer, ob mit oder ohne Mondschatten, das ist ihre Bestimmung. Mit der Camera obscura und ihrem geheimnisvollen Raum möchte ich weiterexperimentieren und bin froh, daß ich keine Brille bekommen habe … wer kann schon sagen, daß er mit einer Schuhschachtel auf Himmelsflug war.

Vom angekündigten Sternschnuppenregen habe ich auch fast nichts mitbekommen, aber dafür unzählige Flieger, die vom Salzburger Flughafen die Menschen ins sehnsüchtig erwartete ferne Irgendwo bringen sollten, weil ja Urlaubszeit ist und alle unbedingt „mal hier rausmüssen“! Dieses Hier rausmüssen ist mir gänzlich fremd, egal ob Land oder Stadt, ich hatte noch nie das Gefühl, irgendwo rauszumüssen. Zumindest war das noch nie ein Grund für mich, zu verreisen. Ich bin sehr gerne unterwegs, um eine Spur zu verfolgen oder was auch immer, aber niemals, weil ich es daheim nicht mehr aushalten würde.

Heute sind wir mit Freunden beim Lieblingschinesen in Salzburg gesessen, fernab vom Festspieltrubel und mit Klimaanlage in einer kochenden Stadt. Beim Heimfahren sind wir vor uns hinröstend in langer Schlange vorm Grenzübergang gestanden, weil ja Bayern alles kontrolliert, was ins Land hineinwill. Es erinnert extrem an früher, als man je nach Laune von den Grenzern schikaniert werden konnte und den Kofferraum ausleeren mußte etc. Dann kam die große Freiheit, wir waren ja mal ein gemeinsames Europa, oder wir dachten es wenigstens, und dann konnten wir einfach so durchfahren … einfach so durch die Grenzen, wir in Europa.

Jetzt ist es anders geworden und wir werden von den eigenen Landsleuten genauestens gesichtsgeprüft, ob wir womöglich irgendwie dunkler sind, schwarze Haare haben oder was weiß ich, auf was sie schauen und wer dann herausgewunken wird, weil der illegalen Einreise verdächtig, meine Güte, ich bin davon unangenehm berührt und weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, daß ich womöglich froh bin, nicht in das verdächtige Schema zu gehören…

Am Parkplatz des Einkaufsmarktes auf der anderen Seite der Salzach, also auf unserer,  da bleib ich bei geöffneten Türen im Auto sitzen und höre die wunderbare Kakophonie der Stimmen. Es sind soviele Sprachen unterwegs, fast alle steigen in Autos mit Kennzeichen Berchtesgadener Land, wie wir auch, und die wenigsten kann ich bestimmten Herkunftsländern zuordnen. Ich kann ein wenig erkennen, ob Italienisch mit verschiedenen Dialekten gesprochen wird, aber alle anderen weiß ich nicht, gehören sie nach Rumänien, Bulgarien Kroatien, ich schließe die Augen und höre den Männern zu, die miteinander plaudern und lachen und fröhlich sind und dabei ihre Sachen im Auto verstauen. Ich liebe  es, wenn soviele Sprachen um mich herum sind , soviel Welt wird von woanders kommend zu uns hereingetragen, ich freu mich drüber und empfinde das als Bereicherung. Jaja, es sind auch Blöde dabei, ja und, hier sind auch genug Blöde, egal wo und wer, immer sind solche und solche unterwegs, so ist es halt, wenn Menschen zusammenkommen.

Und im türkischen Geschäft, wo Herr Graugans die Oliven kauft, sagt der Mann an der Kasse: Wie schön, daß Sie wieder da sind!

Liebe Grüße an die Frau Kraulquappe irgendwo oben unten oder an den Seiten der Berge oder auf den Straßen dazwischen unterwegs!

Briefe an die nahe Ferne ( 27 )

 

Die Schmiedrosi ist heimgegangen.

Es ist ziemlich heiß, aber der Übergang zum Altweibersommer ist schon spürbar, ich schiebe mein Radl den Berg hinauf, oben nehme ich die Sonnenbrille herunter, um zu sehen, ob der Himmel wirklich so blau ist, wie ich vermute, ja, noch viel blauer, direkt überirdisch blau, was ja für einen Himmel ganz in Ordnung ist. Ich glaube, so blau ist er nur im Altweibersommer, zwischen Sommer und Herbst. Ich sitze auf der Bank und denke, daß alles eigentlich nur Übergang ist … und an gestern, da haben wir die „Schmied-Rosi“ zu Grabe getragen, wie es so schön heißt.
In der Kirche, während der Begräbnisfeier denke ich an unsere Nachbarin und plötzlich wird daraus die Rückschau auf ein ganzes Leben. Sie ist mit 95 Jahren jetzt gestorben und ich denke zurück und zurück … und ich sehe sie vor mir, die bildschöne junge Bäuerin, wie sie nach der Stallarbeit vor dem Spiegel in der Stube steht und ihre wunderschön glänzenden braunen Haare zu einer kunstvollen Schnecke dreht und im Nacken feststeckt. Ich war noch klein, vielleicht 10 Jahre alt, und war immer beim Nachbarn zu Besuch. Damals war das noch so, die Haustüren waren offen, man ging in den Hausgang und klopfte an die Stubentüre.

Dann war man halt da und wenn die Nachbarn grad gegessen haben, durfte ich mich selbstverständlich dazusetzen und mitessen, und natürlich schmeckte es viel besser als daheim. Am meisten freute ich mich über Hörnchen mit Tomatensoße oder Pfannkuchen oder was es halt gab. Das einzige, was ich nicht mochte, war der grüne Salat, über den ausgelassener fetter Speck gegossen wurde. Wenn es den damals überaus kostbaren Tomatenhering in der Dose gab, konnte ich nicht mitessen, weil der Doseninhalt auf die Familienmitglieder gerecht verteilt wurde und da blieb einfach für Besuch nichts übrig. Aber bei allem anderen bekam ich ganz selbstverständlich meinen Anteil auf den Teller.

Die alte Schmiedin und ihre Tochter, die Rosi haben oft miteinander gesungen, zweistimmig in der Küche beim Kochen und ich höre sie noch, als wäre es gestern gewesen und dabei liegen ganze Menschenleben dazwischen, auch meins. Im Küchenherd wurden ein paar eiserne Ringe je nach Bedarf herausgenommen und der Topf aus Kupfer eingehängt und ich sehe noch die Bandnudeln, die dort im brodelnden Wasser schwimmen. Ich war täglich beim Schmied. Unvorstellbar heute, daß Kinder einfach so täglich zum Nachbarn gehen, aber damals war das selbstverständlich, auch die Rosi hat das als Kind so gemacht, sie war oft bei uns. Mein Vater, der etliche Jahre älter war und seine Geschwister, haben der kleinen Rosi alle möglichen Geschichten erzählt, erstunken und erlogen und sich gefreut, weil sie alles geglaubt hat. Ich hab sie sehr bewundert, sie konnte mit einer Stricknadel und Krepp-Papier wunderschöne Rosen drehen. Sie hatte einen großen Garten, sie hatte große prächtige Gurken, die haben damals „Gummerer“ geheißen, heute werden sie noch manchmal auf Bauernmärkten verkauft und es gab „Ewigkeitszwiebeln“, von denen ich sonst noch nie gehört habe.

Sie konnte unglaublich gut mähen, sehr ruhig und gleichmäßig, Schnitt für Schnitt und ich seh sie noch, wie sie früher bei uns vorbeigegangen ist, mit dem Häuerl (übersetzt :sowas ähnliches wie eine Harke) über der Schulter, hinaus aufs Feld, da hatte sie am unteren Ende des Kartoffelackers einen Krautgarten. Weißkraut, Blaukraut, Ranner(Rote Beete) waren angebaut und mußten behäuerlt werden.

Und soviel mehr kommt dahergeweht, als ich an meine Nachbarin denke, die eine ganz normale, einfache  Bäuerin war, mit großem Interesse an der Welt und von der der Sohn sagt, sie sei eine brave Mama gewesen. Und ich erinnere mich daran, daß meine Mutter mich immer zur Rosi geschickt hat, um deren Besteckkasten auszuleihen, weil wir nie genügend Besteck hatten, wenn die Verwandtschaft zu verköstigen war, die kam, um die Oma zu besuchen. Und dann sollte ich die Rosi auch noch um paar Blumen bitten aus ihrem großen Garten. Das war mir eigentlich ein Leben lang peinlich, aber die Rosi hat kein Wort darüber verloren, sondern behauptet, sie könnte sich da an nix erinnern. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Auch dafür, daß ich jederzeit willkommen war in Zeiten, in denen es in unserer Familie drunter und drüber ging.

Und als ich in der Kirche in meinem Herzen Dankeschön sage, da spielt ein Musiker mit der Zieharmonika einen leisen Walzer, den mein Papa auch gespielt hat und dann muß ich ganz furchtbar weinen über alles, einfach alles … und die Vergeblichkeit … aber bevor die Dämme endgültig brechen, spielt der Trompeter sehr laut seine Weise, bemüht, den Ton zu treffen, aber verfehlt ihn um Haaresbreite und darüber muß ich schmunzeln … ja, so ist das Leben, nicht wahr, zwischen Weinen und Lachen kommt es dahergelaufen, wir laufen ein wenig mit und irgendwann ist es vorbei. Allmählich kommt es mir so vor, als wäre die Vergeblichkeit gar nichts Schlimmes, ich will mich mit ihrem eigenartigen Sinn versöhnen.

Dann stehen wir am Friedhof,  und dann wird der Sarg ins Grab hinuntergelassen und als wir warten müssen, bis wir in dieser langen Schlange dran sind, um uns am Grab mit ein paar Tropfen Weihwasser von ihr zu verabschieden, denk ich an das leere alte Haus, das traurig vor sich hinstirbt, und daß die Rosi ihre Hängegeranien „Franzosen“ genannt hat und daß die Fenster kahl sind ohne ihre Blumen und nachts so trostlos  dunkel bleiben. Und daß ich sie nie gefragt habe, wann einer ihrer Vorfahren ein Schmied war, denn die uralte Schmiede steht noch da und das Haus heißt ja auch „beim Schmied“. Der Name kommt noch aus alter Zeit, da hatten die Bauernanwesen Namen.

Neue Häuser haben keine Namen mehr.

Und ich denke mir, daß Nachbarn eine eigene Spezies sind, nein, wir waren nicht befreundet und früher war es im Dorf auch nicht immer ganz einfach untereinander, aber die nächste Generation im kleinen Dörflein ist sehr bemüht, in Frieden miteinander zu leben. Aber auch wenn man mit so nahen Nachbarn nicht befreundet ist, so kennt man sich doch ziemlich gut , wie gesagt, es ist eine eigene Gattung der Zwischenmenschlichkeit und so wie man zueinander ist, so lebt es sich schlechter oder besser miteinander.

Und dann spielt leise und sanft die Trompete das alte Wunschkonzertlied:

„’s is Feierabnd, ’s is Feierabnd,
das Tagwerk ist vollbracht,
’s geht alles seiner Heimat zu,
ganz sachte schleicht die Nacht..“

… und mir tropfen schon wieder die Tränen aus den Augen und ich sag im Herzen Vergelts Gott  für die Dampfnudeln, die Du uns so oft gebracht hast, es waren die besten auf der Welt und für alle Zeit, ich wünsch Dir eine gute Heimreise in die ewige Glückseligkeit.

Und dann tauche ich das Zweiglein ins Weihwasser und sage:

Pfiati, Schmiedrosi!

 

Liebe Frau Kraulquappe , ich grüß Dich herzlich und selbstverständlich kennst Du eins der Lieblingslieder vom Köhlmeier, der macht ja selber auch einen wahnsinnig guten Blues.

 

Briefe an die nahe Ferne ( 26 )

Es gibt eine Stille, die man hören kann. Es ist heiß, sehr heiß sogar, die Luft steht, alles steht still, keinen Vogel hört man, eine Katze geht langsam über die Straße und verkriecht sich unter das Gebüsch, alles ist wie stehengeblieben, reglos, bewegungslos. Worte werden schwer und bleiben in der Luft hängen, Sätze  liegen vereinzelt im Staub der Straße und finden einander nicht mehr. Der Schweiß trocknet im Fließen und bildet Salzkristalle auf der Haut und läßt uns erstarren … dreh dich nicht um, Frau Lot … das Denken wird schwer, die Gewitterschwüle macht den Kopf dumpf.

Dann kommt die Bö, treibt schwarze Wolken über den Himmel, verbiegt die Wipfel, reißt das Obst von den Bäumen, läßt das alte Haus ächzen und stöhnen und dann speit er ihn aus, diesen Feueratem und treibt ihn vor sich her .. da bist Du ja, Drache, sage ich und werde mitgerissen von einer Hitzewelle, die über die Straße jagt, klammere mich an der Birke fest, deren Blätter so trocken sind, daß der kleinste Funken genügt und alles würde in Flammen aufgehen.
Im Nachbarslandkreis brennt schon wieder ein ganzer Berggipfel, das dritte fürchterliche Feuer in ein paar Wochen.

Jetzt scheint alles sich beruhigt zu haben, es riecht nach feuchter Straße, es hat nicht wirklich abgekühlt, aber die Feuerwalze ist vorbeigezogen, man kann wieder atmen. Und ich denke : das Imperium schlägt zurück. Aber es vergönnt uns eine kleine Pause, ein leiser Regen fällt und mir kommen die Tränen, weil ich so glücklich bin über jeden Tropfen, der auf das ausgedörrte Land fällt und es hoffentlich vor dem Verdursten bewahrt.

Vor einer Woche durfte ich mir zum Geburtstag einen Ausflug wünschen und wir sind im Salzburger Land in eine Gegend gefahren, in der es viele Margaretenkirchen gibt und da ich die Spur der Hl. Margarete seit vielen Jahren verfolge, bin ich auch auf der Spur der Drachen, denn wo sie ist, ist auch der Drache. Sie hält ihn locker am Band und er trottet gehorsam neben ihr her. In einer sehr alten Kirche in einem kleinen Dorf gibt es ein großes Fresko und auf diesem Bild ist eine außergewöhnliche Darstellung, in der ein Geheimnis verborgen zu sein schein, das hängt mit der Drachengeschichte zusammen.

Es gibt in unserer Gegend viele Drachengeschichten. Drachen sind ja angeblich älter als die Welt und wer sich eindringlich mit ihnen beschäftigt, wandelt auf seltsamen Spuren , erlebt schwer verständliches Zeug, taucht in unglaubliche Geschichten ein und gerät an Geheimnisse, die alle mit einem  Wissen um alte Kräfte zu tun haben. Die Kirche sah darin wahrscheinlich Konkurrenz und hat alles verteufelt und Märtyrergeschichten draus gemacht, die alten Kräfte und das Wissen darum wurden verteufelt, aber es ist noch vorhanden, versteckt zwar, aber es ist da und ganz deutlich auf diesem Bild zu sehen. Und ich liebe es, zu sagen, die Margarete ist  die, die mit dem Drachen tanzt.

Liebe Frau Kraulquappe, ich grüß Dich herzlich aus dem Land der Berge, Riesen und Drachen!