La casa degli occhi, der Uluru und das goldene Papavogerl
Bald werde ich sie wieder besuchen, die „Frau Mariana“, wie sie der freundliche Altenpfleger immer nennt. Er hört sich so an, als käme er aus einem östlichen Land, spricht aber so gut deutsch, daß er mir erzählen kann von seiner Großmutter, die wohl auch einen kleinen Bauernhof hatte und ihm als Kind das Mähen mit Sense und Sichel beigebracht hat. Er sieht das Foto von M., auf dem sie als Pächterin mit der Sense auf unserer Wiese steht. Ich sage ihm, daß M. die letzte Bäuerin war, die so kunstvoll und perfekt das Mähen mit der Sense beherrscht hat, es war eine Freude, ihr zuzusehen, wie flink und leicht das Gras zur Seite gefallen ist. Der Pfleger hat nasse Augen, weil er an seine Oma denkt und M. lächelt, aber ob sie alles verstanden hat? Sie sei auch eine so gute Tänzerin im Trachtenverein gewesen, daß sie Preise gewonnen hätte, leider war ihr Mann sehr eifersüchtig, wollte selber nicht tanzen und sie durfte auch nicht mehr. Ich weiß nicht, ob mich der Pfleger oder M. verstanden haben. Ich frage sie, ob sie nicht einen Radio möchte wegen der Musik. Nein, sagt sie energisch, nix mehr mag ich!
Über Weihnachten war sie im Krankenhaus und als ich sie danach im Pflegeheim besucht habe, hat sie mich erstmal nicht erkannt. Das Hören ist schwierig, die Hörgeräte bräuchten neue Batterien, ich unterhalte mich mit ihr schreiend. Zwischendurch scheint sie mich ganz normal zu hören und wir teilen dieselbe Wirklichkeit. Wir reden über die Toten in der Zeitung und darüber, wer alles wieviel Holz gemacht hat und wo die gefällten Bäume lagern. Das Holz interessiert sie sehr, weil sie selber viele Jahre im Wald mitgearbeitet hat.
Dann drängen sich andere Wirklichkeiten ins Bild und umhüllen uns. Sie erzählt mir von Ausflügen mit Menschen, die schon lange tot sind. Und davon, daß sie jede Nacht in ein anderes Haus gebracht würden zum Schlafen und da wären viele Leute von früher, vor allem Patenkinder ihrer Eltern … nein, sie könne die nicht sehen, aber sie ist sicher, daß alle da sind. Und so geht es weiter und weiter, von Wirklichkeit zu Wirklichkeit und sie erzählt und beschreibt mir alles genau und fragt nach, ob ich ihr das schon auch glaube.
Ja, ich glaube ihr, was wissen wir schon darüber, welche Welten um uns herum sind, die wir nur nicht sehen. Die Demenz schreitet voran, kann man dazu sagen und traurig sein über den Verlust des Normzustandes. M. scheint nicht unglücklich zu sein, um sie herum weiten sich die Welten und neue Räume scheinen zu entstehen. Ich werde auf diesem Weg nicht wissen, ob sie mich beim nächsten Besuch noch erkennt, aber sie wird mich aus großen Augen ansehen, wie alle, die im Heim wohnen mich ansehen, wenn ich komme. Viele Augenpaare richten sich dahin, wo jemand zur Türe hereinkommt. Und in diesen Augen ist nichts anders als bei allen anderen Augen, egal ob jung oder alt, Verdruß, Traurigkeit Sehnsucht und Enttäuschung, Aufblitzen von Freude oder stumpfsinnige Leere und Mißtrauen oder freundliches Erkennen gibt es überall. Auffallend hier ist, daß so viele Augenpaare in die gleiche Richtung schauen. Ich nenne das Haus nicht gerne Pflegeheim, sondern „La casa degli occhi“: Das Haus der Augen.
Das Altwerden ist nichts für Feiglinge ist ein blöder Spruch, weil’s ja nichts hilft, auch Feiglinge werden alt, wenn sie nicht vorher sterben. Als gestern in einer Arztpraxis ein alter Mann gefragt wird nach seinen Beschwerden und schlecht hört und eingeschüchtert ist und nicht so recht weiß, wie ihm geschieht und warum er da ist, da steh ich daneben und zeige brillenlos erst die Kontokarte, dann den Ausweis her, bevor ich endlich die richtige Karte finde. Heute erscheine ich zu einem falschen Zeitpunkt bei der Zahnärztin und behaupte, auf dem Zettel stünde … nein, leider nicht, daheim seh ich es … meine Güte, die Jahre fliegen mir um die Ohren und weg sind sie. Grad noch war ich doch 43, jetzt bin ich 73, das Gebein tut mir weh, das hab ich wohl von der Oma, die sagte auch immer: Achachach, das ganze Gripp (Gerippe) tut mir weh. Trotzalledem tanze ich gerne Samba und alles mögliche und hüpfe unqualifiziert in der Gegend herum nach möglichst lauter Musik. Schad, daß es kaum MittänzerInnen gibt!
Vor paar Tagen lese ich im Großen Netz eine Beschreibung über unser angeblich so wunderschönes Bayernland und da steht wortwörtlich:
„Der Königssee, ein See nahe der deutsch-australischen Grenze im Landkreis Berchtesgadener Land gilt als der tiefste und sauberste See Deutschlands.“
Jetzt ist mir bloß nicht klar, sind wir mit unserem bei Föhn rotleuchtenden Untersberg drent oder herent … herüben oder drüben oder ganz woanders?
Die Wölfe sollen jetzt zum Abschuß freigegeben werden, weil sie jährlich ein paar Schafe reissen … das geht gar nicht, hunderttausende Lämmer, die jetzt bald an Ostern vom Metzger zerrissen werden für den Kochtopf … das ist ganz was anderes, gell.
Den Christbaumspitz, das singende goldene Vogerl, das der Papa noch geschmiedet hat, hab ich jetzt auch weggeräumt. Letztes Weihnachten hatten wir endlich mal einen Baum, dessen Spitze so stabil war, daß sie das schwere Schmiedeeisen ausgehalten hat … naja … ein bisserl hat sie sich verbogen … wirklich nur ein bisserl.
Sag ihm bitte, ich laß ihn ganz lieb aus dem australischen Bergland grüßen, Deinen Papa, meinen grüß ich auch, zum Himmel hinauf.
So, der Anfang ist gemacht, ich freu mich sehr, liebe Kraulquappe, wenn Du am Freitag, dem 13. dazu kommst, dann schreiben wir wieder gemeinsam weiter!
Einstweilen liebe Grüße aus der fernen Nähe!








