Briefe an die nahe Ferne ( 12 )

Alles, was lebt, hat einen Kreislauf und das Leben selbst ist ein Kreis, das heißt, es gibt keinen Anfang und kein Ende, der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Anfang. Das ist schwer verständlich, aber keine Begründung dafür, daß es nicht so ist. Ich kann junge Pubertierende mit all ihren Nöten sehr gut verstehen, nicht nur, weil ich auch mal jung war, sondern, weil ich jetzt im Altsein wieder sowas Ähnliches durchlebe. Es fühlt sich Vieles  so an wie früher, der Körper verwandelt sich in ein völlig unbekanntes, schmerzhaftes Wesen, das mir Angst macht und mich verstört und ratlos sein läßt. Ich möchte Nähe und halte sie nicht aus, ach es gäbe soviel, was ich aufzählen könnte … Beziehungen werden kompliziert oder brechen ab, ich möchte viel fröhliche Gesellschaft um mich haben, die ich nicht aushalte, weil ich eigentlich meine Ruhe haben will, ich möchte von allem alles und auch das Gegenteil. Ich bin müde aber werde immer rebellischer und kämpfe gegen etwas an, was ich nicht sehe. All das und noch viel mehr kenne ich aus Jugendtagen und vor allem aus der Arbeit mit sogenannten schwierigen Jugendlichen. Der Kreis dreht sich und dreht sich, Kinder sind klein, werden größer, erwachsen und werden wieder kleiner und kleiner … ihr sollt werden wie die Kinder… Deshalb verstehen alte Menschen die für alle anderen  vollkommen unbegreiflichen Verhaltensweisen der jungen oft viel besser, man ist sich ähnlich im Fühlen und kennt die Einsamkeit.

Das Altwerden und Altsein ist nicht nur deshalb schwierig, weil man mit sich selbst überfordert  ist, sondern weil man signalisiert bekommt, man müsse sich halt anstrengen, gut zurechtmachen, ein fröhliches Gesicht, hübsche Frisur, ganz wichtig ist gut riechen, also Vermeidung von  säuerlichem Altersgeruch nach Urin und alten Schachteln, „aktiv am Leben teilnehmen“, um Einsamkeit zu vermeiden, Seniorengruppen beitreten oder im besten Falle, wie es ein kürzlich auf den Markt geschleudertes Buch lobpreist anhand von Beispielen über 70 jähriger Frauen: nochmal so „richtig durchstarten“, Firmen gründen usw.

Menschenskinder!

Ich bin alt und ich leide aus tausend Gründen darunter. Trotzdem bin ich neugierig, lache laut, bin leise, wenn ich laut sein soll und laut, wenn ich leise sein soll und ich liebe es, zu kommunizieren, ich liebe lange Gespräche mit schwierigen Themen, tausche gerne Gedanken/Träume mit Menschen, die welche haben und merke jetzt, daß dieses Thema so groß und heftig ist, daß ich eigentlich gar nicht darüber schreiben kann, warum ist das so kompliziert, einfach als Mensch betrachtet zu werden und nicht immer nur darauf reduziert zu werden, was man NOCH oder NICHTMEHR kann und im ständigen Bewußtsein zu leben, die letzte Etappe auf dem Lebensweg sinnvoll zu gestalten … als wären wir nicht alle auf diesem Weg, es gibt gar keinen anderen, wir haben alle nur diesen letzten Weg.

Erst kürzlich sagte jemand zu mir: Du hast ja noch so eine schöne Haut und Du bist ja noch so lebendig, Du wirkst einfach noch so jung, viel jünger, als du bist.

Noch. Noch. Noch.

Das alte Haus hat sehr merkwürdig reagiert, als Herr Graugans für eine Woche ins Krankenhaus mußte. Das Haus ist voll mit alten Bauernkästen und Truhen, tausend Büchern in unzähligen Regalen, viel zu viel Zeug überall, aber auf einmal war es ganz weit und wurde immer weiter, bis ich in leeren Hallen gelebt habe und schier verloren gegangen bin in dieser Weite. Seit er wieder da ist, hat sich alles wieder auf normale Raumgröße zusammengeschrumpft, aber es wartet noch ab, das spüre ich. Auch der Sichelmond ist wieder zum Solitär geworden, nachdem er vom Krankenbett aus betrachtet wie aus einer Geschichte von Murakami doppelt am Himmel stand.

In das  Eck unter dem Tisch, auf den jetzt die überwinterten Kakteen kommen, hinter zwei leeren Blumentöpfen, hat sich der Igel aus zusammengetragenem dürren Laub eine Schlafhöhle gebaut. Ich habe es nur durch diverse Grunzgeräusche tagsüber gemerkt und durch Sichtung all dessen, was wir Menschen üblicherweise ins Klo entleeren, wenn wir ein menschliches Rühren verspüren. Beim Igel, dem geliebten  Urweltvieh ist das so, daß er, wo er auch geht und steht in unzähligen Häuflein das verliert, was halt so übrigbleibt beim Verarbeiten des Katzenfutters.

Sei herzlichst aus der fernen Nähe gegrüßt, liebe Frau Kraulquappe

 

Briefe an die nahe Ferne ( 11 )

Als wäre alles ganz normal.

Auf der großen Leinwand im oberen Blau schwimmt eine weiße Wolke, die ausschaut wie ein Zeppelin.

Drunter kreist ein Bussard, lautlos, die Schwingen weit ausgebreitet, liegt er auf dem warmen Atem des Universums.

Eine der Fettkugeln für Meisen im Gezweig des Nußbaums färbt sich rot und wird immer roter. Ich laufe hin, da erhebt sich der Specht, erschrocken wie ich und zieht eilig während des Davonfliegens sein schwarzes Federsakko über das blutrote Untergewand.

Unter den gefährlichen Raubtierblicken der Katzen gehen die Vögel am Boden herum und suchen Material für die Nester in den Nistkästen, wo sie schon erwartet werden und ihre Baustoffe am Flugloch von Schnabel zu Schnabel abgeben, damit der innere Baumeister weiterbauen kann mit viel Spucke und unermüdlichem Fleiß. Sie brauchen Unmengen Futter derzeit, Nestbau und Eier, die zu Kindern werden erfordern viel Energie. Erst wenn die Kinder heranwachsen, flügge werden und ausziehen, können die Vogeleltern sich ein wenig ausruhen.

Ein Zitronenfalter kommt dahergeflogen, der erste heuer und er genehmigt sich ein Tänzchen auf einem Sonnenstrahl, plötzlich kommt von irgendwo ein zweiter und sie tanzen zusammen, einmal hin und einmal her, rundherum das ist nicht schwer.

Ich verschwinde im Bild, löse mich auf, verschmelze mit dem Hintergrund.

„Das meiste an uns ist geheim“ … sagt Eva Strittmater in ihrem Gedicht „Analyse 1“

Auf der Bundesstraße rollen mit Mordsgetöse elf Panzer durch das Tal.

Auf der Wiese wachsen die Buschwindröschen und tun so, als wäre alles ganz normal.

Sei aus der fernen Nähe herzlich gegrüßt, liebe Frau Kraulquappe!

 

Briefe an die nahe Ferne ( 10 )

Das Aufrichten aus einer grippalen Erniedrigung wird erschwert durch Reizhustenattacken. Es dauert halt alles seine Zeit.

In der Osternacht hab ich die Johannespassion gehört, bis über Salzburg der Morgen heraufgezogen ist. Die Himmelslichter werden immer hinter Salzburg losgeschickt, es leuchtet der Mond  und es strahlt die Morgensonne und sie wandern über den Himmel, mit den Flugzeugen, in denen die sitzen, die weg wollen.
Aus den singenden Thomanern strahlte eine Ernsthaftigkeit, fast zuviel an Wissen um Leben und Tod in diesen Bubengesichtern.

Die Musik füllt die Stube, ansonsten ist es still im Haus, vor der Haustüre draußen brennt die Kerze und flackert leis in einem kleinen Wind. Das alte Haus nimmt die Musik gerne in sich auf und läßt sie durch alle Poren gleiten. Und im Hausgang meine ich wieder einmal ein leises Rascheln oder Schlurfen mehr zu spüren als zu hören, Füße gehen über die alten Platten der romanischen Kirche. Was haben sie damals gebetet und gesungen im Mittelalter in dieser Kirche in Belgien? Warum wurde sie überhaupt abgerissen. Ich mag es nicht, wenn Kirchen abgerissen, oder sakrale Orte zu Eventstätten der Volksbespaßung umfunktioniert werden. Orten oder auch Steinplatten, an denen jahrhundertelang Menschen in ihrer Not gebetet und um Hilfe gefleht haben, kann man ihre Bestimmung nicht einfach so abwaschen. Und Kirchenboden gehört eigentlich auch nicht in unseren Hausgang, aber durch eine merkwürdige Fügung ist dieser Boden eines Tages zu uns gekommen … vielleicht höre ich deshalb nächtens Füsse drübergehen, an der Madonna vorbei, die im Sockel an der Säule der Stiege steht mit gefalteten Händen.

Ostern vorbei.
Ein zarter, sehr sanfter Regen fällt auf die alte Geschichte.
Unbemerkt und unscheinbar und leise, sehr leise, kam die Auferstehung.
Großes kündigt sich an in dramatischer Form und wenn es dann kommt, ist es ganz leise wie der zarte Regen im Frühling. Unhörbar versickert er.
Und was fangen wir jetzt an mit der Auferstehung? Was hinterläßt das große Unsichtbare? Was hinterlassen Geschichten, wozu sind die alten Geschichten überhaupt da?
Kinder fragen sowas nicht, sie wollen nur immer dieselbe Geschichte unendlich oft erzählt bekommen, obwohl sie sie längst auswendig kennen. Warum wollen sie es immer und immer wieder hören? Weil sie darin das Geheimnis des Wiedererzählens erfahren, weil sie in sich das Geheimnis bewahren … oder weil sie selbst das Geheimnis sind. Wir alle kommen auf die Welt mit dem Wissen über die Reise des Menschen von seiner Geburt und seinem Tod und seinem Wiedergeborenwerden im großen Kreislauf der Schöpfung … kommen – vergehen – wiederkommen … kein Anfang, kein Ende.

Das alte Kind in mir läßt sich die Geschichte gerne wieder und wieder erzählen, am liebsten von einem, dem ich gerne zuhöre. Ich lese „Der Menschensohn“ von Michael Köhlmeier. Er hat Thomas, den Zweifler und Skeptiker erzählen lassen und folgt ihm schreibend und vertrauend und so ist es die Geschichte von Thomas, dem Zweifler geworden und ich gehe auch mit ihm herum und tauche ein in die ewige Geschichte der Menschheit über Vertrauen und Verrat, Liebe und Schmerz, Not und Erlösung.

Und weil er ein guter Märchenerzähler ist, läßt er der Geschichte das Geheimnis, um das sie kreist.

Der Regen ist wie ein Schleier, der sich über die Dinge legt, ein zartes Gespinst aus Fragen, die er beantwortet, während er zu Boden sinkt.
Sag mir, kleiner Regen, auf welche Frage bin ich die Antwort?

An alleroberster Stelle im Geäst der Birke sitzt ein winziger Vogel, der so lauthals aus vollster Kehle pfeift, daß alles ringsherum stillzustehen scheint, selbst der Regen stoppt seine Bahn, um zuzuhören diesem Gesang, der wie ein Gebet die Schöpfung preist und mir die Tränen in die Augen treibt.

Dann fliegt er weg und alles scheint wie vorher zu sein, die Katzen gehen ihrer Wege, bald kommen die Igel und werden fressen und gleichzeitig alles vollkacken und der kleine Regen nimmt weiterhin alle Fragen mit und benetzt zart das durstige Scharbockskraut und den frisch aufgetauchten Herrn Gundermann mit seinen Antworten.

Die Kraft in den Geschichten braucht sich nicht zu beweisen, sie ist meist dort am stärksten, wo sie schwach zu sein scheint, alles bleibt Fragment und ist doch vollkommen, und oft ist das, was ganz leise daherkommt, am lautesten.

Wer Ohren hat, kann horchen.

Halleluja.

Aus der fernen Nähe sei gegrüßt, liebe Kraulquappe!

 

Briefe an die nahe Ferne ( 9 )

Stabat Mater

Mit 26 Jahren hat er das mittelalterliche Gedicht vertont, ein paar Wochen, bevor er gestorben ist: Giovanni Battista Pergolesi. Und diese Musik gehört zum Erschütternsten, was ich jemals gehört habe und ein Schmerz zieht mir den Boden unter den Füssen weg, der Schmerz der Mutter, die mit anschauen muß, wie ihr Kind getötet wird.
Nein, das ist keine Musik, die man so nebenbei laufen lassen kann, denn die Geschichte, die sie erzählt fordert den ganzen Raum, das ganze Herz.
All diejenigen, die schon seit gestern fröhliche Ostern wünschen würde ich gerne raten, sich hinzusetzen, und einfach nur zuzuhören, denn es betrifft uns alle, immer und immer wieder, in unseren Schmerzen, denn wir tragen alle unser Kreuz und alle kennen wir die verzweifelte Hoffnung und das Sehnen nach Auferstehung.

Stabat mater dolorosa
luxta crucem lacrimosa,
Dum pendebat filius…

Ostern ist mehr als nur ein verlängertes Wochenende, das Gerenne in Supermärkte, um  Eier aus Legebatterien zu kaufen und verblutete, abgeschlachtete Lämmer. Was wünschen wir uns, wenn wir uns frohe Ostern wünschen? Daß es mit den gebuchten Flügen klappt, wo doch jetzt angeblich das Kerosin knapp wird? Und warum kosten die Goldhasen jetzt 8 Euro – meine Güte, weil die Leute sie kaufen.

Und die Geschichte, die zweitausend Jahre alt ist, scheint niemanden zu interessieren, weil man längst mit der Kirche abgerechnet hat und weil man schon lange an nichts mehr glaubt.

Mit jemand zu diskutieren, dem eh alles egal ist, habe ich aufgegeben. Auch die Frage: bist du noch gläubig?  -regt mich schon wegen dem Wort „noch“ auf und ich sage darauf: ich bin genauso gläubig, wie ich nicht gläubig bin, dann sind diese „Gespräche“ eh gleich vorbei.

Die Bibel ist schwierig, vieles darin ist zwiespältig, die Chronisten lebten lange nach dem Leben und Sterben von Jesus, es kann nicht mal zu 100% bewiesen werden, daß er tatsächlich gelebt hat und doch … und doch … ist seine Geschichte so wahr, wie sie nicht wahr ist und erschüttert mich immer wieder in meiner Existenz.
Da war einer, ein etwas sonderbarer Heiliger, ein Rebell, ein merkwürdiger „Kund“, wie man in der bairischen Sprache einen etwas sonderbaren Mann nennt, der plötzlich irgendwo auftaucht und sich herumtreibt. Der Kund kommt, wie so viele Wörter aus dem Rotwelschen, nach dem Bairischen eine weitere Lieblingssprache von mir. Und ich glaube, so ein Wanderprediger wäre sicherlich bei uns „So a rarer Kund“ genannt worden.

Als die Menschen damals erfahren haben, daß er Heilkräfte hatte, sind sie ihm zugelaufen, das ist alles nachzulesen, wenns jemand interessiert. Als er in Jerusalem eingeritten ist, hat er gesagt, ich bring Euch den Frieden, wenn Ihr es nicht erkennt, wird Eure Stadt fallen. Aus dem Tempel hat er alle die rausgeworfen, die er ganz sicher auch heute rauswerfen würde beim Betreten der Gotteshäuser. Die Frauen mochten ihn, denn er sprach von Liebe und er hat Maria von Magdala die Füsse gewaschen und er war ganz anders, als die Männer, die sie gewohnt waren. Ich würde gerne sagen, daß er weich und zärtlich war, aber damals war es wahrscheinlich schon etwas ganz Besonderes, daß er sie behandelte wie menschliche Wesen. Und viele Frauen folgten ihm und begleiteten sein Leben bis hin zum schrecklichen Kreuzestod. Und wir wissen, daß alles, was danach geschah, durch das Mitwirken von Frauen geschah. Ja, ich weiß, was man alles dagegen sagen kann, ich frage mich, wozu? Denn wenn wir uns umschauen, passiert die Geschichte doch immer noch  und wenn ER jetzt wiederkäme, dann würde ER wieder von Liebe sprechen und würde den Kranken die Hand auflegen und es würden IHM wieder die Frauen zulaufen, auch ich wäre dabei und selbstverständlich würde ER wieder beseitigt, vielleicht grad nicht am Kreuz, aber es gibt da ja vielfältige Methoden.

Ich hab ein zärtliches Gefühl für diesen Rabbi und seinen unbezähmbaren Glauben daran, Gottes Sohn zu sein und das bis zur letzten Konsequenz und ich liebe die Frauen um ihn herum, weil sie ich trauten, zu lieben.

Ich schicke jetzt (vorerst) keine fröhlichen Wünsche, denn wir haben Karfreitag und ohne Karfreitag kein Ostern, nicht wahr? Und glaubt mir: Ostern ist mehr als ein verlängertes Wochenende…

viel  viel mehr.

Und Dir, liebe Kraulquappe schick ich ganz liebe Grüße aus dem Land der nunmehr geschmolzenen Schneeflocken … mit abklingendem Gehuste etc.  aus der fernen Nähe inmitten der tausend Himmelsschlüsserln.

 

Briefe an die nahe Ferne ( 8 )

Ganz hinten im kleinen Büchlein „Weihnachten in Prag“ dankt Jaroslav Rudiš ein paar Leuten und sagt: Wir sehen uns dann im „Ausgeschossenen Auge“. Da hatte ich so eine große Sehnsucht, und hab sie immer noch, mich dazusetzen zu können in dieser Kneipe, die auch in der unglaublich liebenswerten und etwas mysteriösen Geschichte vorkommt. Und dort dann mit Menschen, die ich mag, schwarzes Bier zu trinken und auf den „König von Prag“ zu warten.
Und jetzt ist es wieder soweit, das Buch „Winterbergs letzte Reise“ nimmt mich mit nach Königgrätz, dort erfahre ich, daß auf dem riesigen Schlachtfeld, wo 400000 Soldaten gekämpft haben und mindestens 100000 Tote liegen mit ihren Pferden, die Erde immer noch und immer wieder die Reste ausspuckt, die sie nicht verarbeiten kann. Eine sehr merkwürdige Bahnreise mit zwei merkwürdigen Männern, die mit Hilfe von einem Baedecker Reiseführer aus dem Jahr 1913 einer Spur folgen, die ins heutige Nirgendwo führt, oder ist es die Sehnsucht nach einer brennenden großen Liebe, die lange verweht ist aber niemals erloschen … ein Sog ist es, der mich hineinzieht in die Geschichte, ich reise mit, der Ausgang ist ungewiß wie so Manches, was man tut und nicht weiß, wohin es führt. Aber was ich sicher weiß ist, wenn ich das Buch ausgelesen habe, werde ich dieser Reise gerne nachreisen wollen. Es ist nicht nur die merkwürdig vertraute Sprache von Rudiš, die mir aus der Seele spricht, Seite für Seite. Ich spüre Erinnerungen in mir, die ich selber gar nicht haben kann. Die Erinnerungen meiner Mutter, die anscheinend auf geheimnisvolle Weise auch in mich hineingelangt sind, lösen in mir ein wehmütiges Zurücksehnen nach einer verlorenen Heimat aus, die womöglich gar nicht existiert hat.

Vor Jahren bin ich schon einmal in Karlsbad herumgeirrt und auch in der Kirche an ihrem Geburtsort vor dem Taufstein gestanden, ich habe nichts gefunden, konnte keine Spur von meiner Mutter entdecken, auch nicht wirklich ein Gefühl für sie, die Orte und mich. Beim Lesen dieses Buches streifen mich ihre Erinnerungen, das ist seltsam, aber Worte gibt es dafür  nicht.

Manchmal sitze ich da und die Zeit oder das Leben saust wie im Zeitraffer um mich herum, irrsinnig schnell und ich komme nicht hinterher, sondern lasse es geschehen … die Tage, Wochen, Monate rasen dahin, die Jahreszeiten fliegen um meine Ohren … vorgestern war Winter, gestern Frühling, heute Schneesturm, es hagelt Unmengen weiße Körner, die aussehen wie Styroporkugeln.

Ich sitze am Stubentisch und schäle Erdäpfeln, im Radio laufen die Brandenburgischen Konzerte Nr. eins und zwei. Meine wirren Gedanken ordnen sich und werden zu einem Wunschtraum: Ich möchte gerne einen Club alter Weibsbilder gründen! Und als erste Clubregel würde ich einführen: Das unliebsame Wort „NOCH“ wird vernichtet.

„Ohne von anderen Gestirnen beleuchtet zu werden, leuchtet mein Mond nicht“. – soll er gesagt haben, –  jetzt ist er gestorben: Alexander Kluge.
Ich bin sicher, alle Gestirne sind ihm wohlgesonnen und erleuchten seinen Weg in die ewige Glückseligkeit.
Ruhe sanft und in Frieden großer, alter und weiser Mann.

 

Aus dem Schneekugerlland in der fernen Nähe schicke ich liebe Grüße in die frisch ergrünte Stadt und an die Kraulquappe!

 

 

Briefe an die nahe Ferne ( 7 )

Immer gibt es Filme, auf die ich warte und hoffe, daß sie aus den Städten doch bitte auch in die Provinz vordringen. Manchmal gibt es das und die Betreiber der kleinen Kinos wagen auch mal einen außergewöhnlichen Film. Auf den Film: „Jetzt. Wohin. Meine Reise mit Robert Habeck“ von Lars Jessen habe ich vergeblich gewartet, leider. Bei dem Film über Siri Hustvedt: „Dance Around The Self“ wird es mir ähnlich ergehen, fürchte ich und ob der neue Film von Jim Jarmusch: „Father Mother Sister Brother“ in erreichbare Nähe rückt, ist auch ungewiß.

Königgrätz

Bei den mindestens fünf Büchern, die ich gleichzeitig lese,  wird in den nächsten Wochen eines die anderen verdrängen: „Winterbergs letzte Reise“ von Jaroslav Rudiš.
„Die Schlacht bei Königgrätz geht durch mein Herz“, sagt Winterberg als ersten Satz im Buch.
Jan Kraus kommt ursprünglich aus Böhmen und arbeitet in Berlin als Begleitperson von Schwerkranken in den letzten Tagen, Wochen, Monaten ihres Lebens und erfüllt ihnen Wünsche. Er nennt es „Überfahrt“. Für so eine Überfahrt wird er von einem uralten Mann gebucht, Winterberg, um mit ihm eine Eisenbahnreise durch Mitteleuropa zu machen, tief hinein in die Vergangenheit auf der Spur lange verdrängter Geheimnisse.
Eine 500 Seiten Roadnovel, wo wird sie mich hinführen? Ich freue mich auf die Weiterreise immer weiter hinein in das fremde Europa, in dem ich lebe.
Ich kenne Rudiš schon lange, habe ihn im Literaturhaus Salzburg erlebt, äußerst sympathisch, perfekt deutsch sprechend und ich liebe seine „Kafkaband“, in der er mit seinen Bandkollegen Texte von  Kafka vertont hat.

Zum Einkaufen mache ich trotz hoher Spritpreise einen Umweg, weil dieser Schleichweg, eine kleine Straße neben der dichtbefahrenen Autobahn, die Kulisse der Berge in Sichtnähe, so wahnsinnig schön ist. Beim Heimfahren leuchtet der feuerrote Ball der untergehenden Sonne im Rückspiegel und dann stehen da die noch schneebedeckten Gipfel dieser Berge, wie grandios erhaben und majestätisch sie doch sind, diese riesigen Felsbrocken, von tiefen Furchen und Adern durchzogenen Steinwesen.

Gschnas

Und am Lieblingssender im Radio  läuft das Lied der gleichnamigen neuen Scheibe von Voodoo Jürgens und ich muß gleich losheulen, weil es so schön ist, von was er da singt, dieser blutjunge Kerl, so ein zartes, schmächtiges Zigarettenbürscherl, wie wir früher gesagt hätten, mit klitzeblauen Augen und einem Lächeln, hinter dem immer ein bisserl Wehmut herausschaut. Die Poesie seiner Texte trifft  mich ganz tief unten am Meeresgrund, dort, wo die Sehnsucht am größten ist, oder auch draußen im Straßenstaub oder nachts, wenn man die Kneipentür hinter sich geschlossen hat und alleine heimgeht, oder was weiß ich, es ist eh am gscheitesten, man hört sie sich an, diese wunderbar leichtschweren Lieder. Bei dieser Musik spielt es keine Rolle mehr, daß ich alt bin und er jung, denn wir sind sowieso alt und jung zugleich und der Seele ists eh wurscht, wie jung oder alt der jeweilige Leib ist, der sie umgibt.

Ja, ich wünsch mir auch sehrsehrsehr, daß alles ein Riesengschnas is!

Das erste dicke Hummerl heuer ist von Kikeriki(Lerchensporn) zu Kikeriki geflogen und hat sich vollbepackt mit süßem Nektar. Morgen muß ich unbedingt nachschauen, ob zwischen den Wurzelarmen der Kiefer wieder die Veilchen wachsen. Das ist ihr Platz schon viele Jahrzehnte lang, aber nicht in jedem Jahr lassen sie sich blicken, warum auch immer, auch sie kommen und gehen, wann sie wollen.

Grüße vom Meeresgrund aus der fernen Nähe, liebe Kraulquappe!

Briefe an die nahe Ferne ( 6 )

„It´s better to have loved“

Letzte Nacht habe ich von einem geträumt, den ich früher mal kannte. Er sah vollkommen anders aus und trotzdem wußte ich, daß er es war. Vor ein paar Jahren hätten wir uns zufällig in einem Supermarkt begegnen können, wenn ich nicht geflüchtet wäre. Er sollte nicht in meinen Augen mein Entsetzen über seine Verfassung sehen. Es war früher schon zu ahnen, daß sein Weg in Suff und Elend führen würde, wenn er nicht die Richtung änderte, aber ich bin dann doch heftig erschrocken darüber, wie ein Gesicht in Abgründe und tiefe Schluchten stürzen kann und dann irgendwo liegenbleibt auf dem grauen Schotter. Im Traum war er in eine ganz andere, ziemlich belanglose Gestalt geschlüpft … belanglos, wie unsere Gespräche damals. Das, was wir uns sagen wollten, haben wir aus der Musik herausgehört, die wir uns vorspielten und aus ein paar schönen Briefen. Aber alles, auch das, was nicht geschah, ist lange schon vorbei.

Vor kurzem bin ich am Abend durch ein Tal gefahren, das eigentlich eine tiefe Schlucht ist, mit einem kleinen Fluß und einer Straße daneben. Meine Heimat ist durchzogen von Abgründen, das sind Furchen in den Seitenmoränen des Gletschers, der sie bei seinem Rückzug hinterlassen hat. Wir sind umgeben von diesen Einkerbungen und nennen sie entweder „Graben“ , wenn sie sich durch die Wälder schlängeln, meist gemeinsam mit einem Bach; oder man nennt sie Tal.
Das erwähnte Tal erscheint mir meistens dunkel, auch wenn die Sonne scheint, und am Abend wird es dort stockfinster. Anscheinend saßen alle schon daheim am Nachtmahltisch, niemand war mehr unterwegs. Die Straße lag schwarz vor mir und glänzte matt im Scheinwerferlicht und plötzlich erschien oben über den schwarzen Wipfeln der Bäume der Mond und schob sich von irgendwoher wie eine riesige Goldmünze langsam … sehr langsam … ins Bild.

Und da gibt es noch immer eine halb verfallene alte Scheune und da hab ich geparkt und mir eins meiner Lieblingslieder angehört und habe es seitdem ständig im Ohr. Ich glaube, es ist nicht besonders berühmt und hat keine große Bedeutung und der Interpret wäre dadurch wahrscheinlich nicht zu Ruhm und Ehre gekommen.
Es erzählt die Geschichte von einem, der eine schwarze Straße im Nirgendwo zurück zu einem Ort fährt, der jetzt verfallen ist und wo durch die Risse im Beton der Löwenzahn wächst. Mit Brettern vernagelt und wie ein altes Sommerlied verschwunden, aber da war mal was, ein Anfang in einem verschlafenen Eckzimmer, der Geschmack von Lippenstift und ein warmer Atem am Ohr … der Anfang ist lang schon ein Ende … jetzt wacht er  in seinem Bett auf und ist einsam …
aber er erinnert sich, daß damals jemand sagte, daß es besser ist, geliebt zu haben.

„Yeah it´s better to have loved“

Und dann stellt er sich auf denselben Parkplatz wie früher und dann holt er aus der Papiertasche eine Flasche Jack … und dann … einen für sie, einen für ihn und einen auf den Parkplatz … vom Moonlight Motel.

Ringsherum blüht alles, was blühen kann. Die Igel schlafen anscheinend noch, also lassen wir alles liegen, worunter sie womöglich ihre Winterquartiere haben. Das Leben lebt sich so dahin und ich sitze da und schaue ihm dabei zu.

Liebe Grüße an die Kraulquappe und: Sag Bescheid, wenn Du in Helgoland angekommen bist, wir trinken einen auf Deinen Papa und seine Überfahrt ins Meer der Unendlichkeit … Du mit einem Klaren vom Norden und ich mit einem Enzian vom Grassl in Berchtesgaden und nicht vergessen: Du mußt natürlich auch den für Deinen Papa trinken, eh klar, und einen für den Blanken Hans!

 

Briefe an die nahe Ferne ( 5 )

William the conqueror, 1066 … so ist er gespeichert, ein Leben lang, aber auch nur, weil wir von seinen Eroberungen und gewonnenen Schlachten sowohl im Geschichts- wie auch im Englischunterricht hörten und weil „tensixtysix“ sich einfach nicht mehr aus dem Hirn bringen läßt. In meinen Schulzeiten erzählten sie uns von großen Heer- und Schlachtführern, von großen Helden, daß manch einer ein körperlich kleines Männlein war wie Napoleon, spielte dabei keine Rolle. Ehrfürchtig haben die Geschichtslehrerinnen von diesen Herrschern gesprochen und wir mußten dann die Daten der siegreichen Eroberungen auswendig lernen. Reichtum, Ruhm und Ehre erlangten die, welche hunderttausende von leibeigenen Soldaten aufeinandergehetzt hatten, um sich gegenseitig abzuschlachten. Die paar, die überlebten, humpelten nachhause, dort war die Armut nicht weniger geworden, aber der der Befehlshaber ging in die Geschichte ein als großer Eroberer.
Es hat sich nicht viel geändert, immer noch gilt die primitivste aller Regeln: Ich will das, was du hast und wenn du es mir nicht freiwillig gibst, dann schick ich meine Soldaten und die bringen dich um. Ja, so einfach ist das. Derjenige, der die meisten Soldaten hat für das große Abschlachten, der wird als siegreicher Feldherr in die Geschichte eingehen.
Manchmal frag ich mich, was wohl die Mütter und Töchter, die Ehefrauen und Geliebten über die Machenschaften dieser Männer denken. Rußlands Präsident soll ja eineTochter haben und die hat eine Mutter. Was geht wohl in so einer Tochter vor? P. kann ja durchaus ein liebender Vater und Ehemann sein, das geht ohne weiteres gleichzeitig, hunderttausende abschlachten lassen und daheim liebevoll mit den Kindern spielen, das hat die Geschichte mehrfach bewiesen. Wo ist die Tochter, muß sie irgendwo versteckt leben, um ihren Vater nicht erpressbar zu machen? Oder ist sie sozusagen aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihr Vater?

In den Nächten nehme ich meine Geschichten und gehe mit ihnen in fremden Geschichten herum. Ich betrete sie mit dem Auge der Kamera wie durch die Türe in einen Garten, fremd und verzaubert und ich sehe zu, was sich ergibt. Oft bleibe ich erstmal gleich in der Nähe der Türe stehen, um gleich hinauszulaufen, wenn mir Feindseligkeit oder große Langeweile entgegenschlagen.

In aufeinanderfolgenden Nächten hatte ich das große Glück, vier außerordentlich wunderbare Filme zu sehen. Alle würde ich natürlich viel lieber im Kino ansehen, aber da ARTE wie ein Programmkino wirkt und Filme zeigt, die ich sonst nicht sehen könnte, bin ich auch für diese Möglichkeit dankbar. Und da ich meine, daß sie alle noch eine Zeitlang in der Mediathek laufen, möchte ich sie hier, zwischen Himmel und Erde wenigstens erwähnen, sie haben es verdient, gesehen zu werden.

1. Film: „Fallende Blätter“ von Aki Kaurismäki, wie schon beschrieben.

2. Film: „Der große Wagen“ ( Le grand chariot ) von Philippe Garrel
Drei Geschwister, ein Vater, eine Großmutter, führen ein fahrendes Puppentheater. Dann stirbt der Vater und sie müssen versuchen, das Theater weiterzuführen.

3. Film: „The quiet girl“ ( An Cailín Ciúín ) von Colm Bairéad
1981 irgendwo in Irland wird ein neunjähriges Mädchen in den Ferien zu Verwandten geschickt, weil daheim  zu viele Kinder sind und zuviel Not … und das Kind erfährt zum ersten Mal im Leben Zuwendung, von der es bisher nicht wusste, daß es sie gibt.

4. Film: „Im Herzen jung“ ( Le Jeunes Amants ) von Carine Tardieu
Dieser Film ist die Steigerung (wenn es sie denn überhaupt gibt) von allen. Fanny Ardent ist selbst schon über siebzig Jahre alt und spielt eine siebzigjährige Architektin, die auf einen fünfundvierzigjährigen Arzt trifft und mit ihm in eine große Liebe hineinfällt, ohne Netz und doppelten Boden und trotz heftiger Versuche nicht mehr hinausfindet. Die Liebe kann nichts dafür, sie richtet auch kein Unheil an, sie kann nichts anderes als zu lieben.  Fanny Ardent ist so unglaublich schön als alte Frau, aber dieses Gesicht einer Göttin allein hätte den Film nicht getragen. Es gibt Nahaufnahmen von ihren Augen, von seinen Augen und zärtliche Nahaufnahme von ihren alten Händen … ach, es ist wie in allen vier Filmen einfach die Poesie des Lebens zu spüren, das diese Geschichten sich ausdenkt, oder gibt es Geschichten, die sich das Leben ausdenken … irgendwer hat sie aufgeschrieben, irgendwer hat sie gespielt und irgendwer sitzt davor, heult  Rotz und Wasser und  ist glücklich und dankbar, diese wunderbare Zeit in diesen nächtlichen Gärten der Lichtspiele verbringen zu dürfen.

Und hiermit schicke ich diesen Brief aus der fernen Nähe hinaus in das Irgendwo und Nirgends der Galaxie und Dich, liebe Kraulquappe, grüß ich herzlich!

Briefe an die nahe Ferne ( 4 )

 

Baby steig auf, laß uns nach Las Vegas reiten, die Sonne putzen…

Aus dem poetischen Kosmos der Mützenfalterin steigt ein Satz auf, der mir nicht mehr von der Seite weicht: „Wir können uns nicht aussuchen, an was wir uns erinnern“ …
Ja, die Erinnerungen kommen und gehen, wie es ihnen beliebt und mit ihnen die Gefühle, die schönen sind leicht, umschmeicheln mich und ziehen weiter, die schmerzhaften sind schwer und fallen mir vor die Füsse und manchmal sind sie leicht und schwer zugleich und immer öfter zeigen sie mit dem Finger auf mich und sagen mir: du bist gescheitert.
Udo Lindenberg wird 80 Jahre alt und damals, als der Song rauskam, wollten wir alle die Sonne putzen in Las Vegas. Meine Güte, um die 2o Jahre war ich alt, das Leben lag  unendlich groß und weit vor mir und ich wollte es durchtanzen und in Glück baden und alle Menschen umarmen…

Vor paar Tagen habe ich endlich einen Film gesehen, den ich im Kino verpasst hatte und der jetzt auf ARTE in der Mediathek läuft: „Fallende Blätter“  von Aki Kaurismäki. Er führt Regie und hat auch das Drehbuch geschrieben, denn wer außer ihm könnte es sonst schreiben? Ich liebe all seine Filme und werde mir wahrscheinlich auch diesen Film unendlich oft anschauen. Die Filme von Kaurismäki kann man nur lieben oder man kann gar nichts mit ihnen anfangen, dazwischen gibt es nichts, glaube ich.

Im Film „Fallende Blätter“ (Kuollet lehdet) wird nicht viel geredet, die Bilder zeigen einen kleinen Ausschnitt im Leben von Menschen im ärmeren Stadtteil von Helsinki, die ihrer Arbeit nachgehen, scheitern, neu beginnen, wieder scheitern und in den Pausen daheim am Tisch oder im Wirtshaus am Tisch sitzen, trinken, rauchen, im Radio Nachrichten hören vom Krieg in der Ukraine und manchmal in der Karaokebar singen. Dort sehen sich eines Abends zwei Verlorene an und ihre Augen füllen sich mit Sehnsucht. Der launische kleine Wind des Lebens treibt sie aufeinander zu und wieder weg, sie suchen sich und verfehlen einander und lassen es geschehen und ergeben sich kampflos ihrem Schicksal, das nochmal einen Versuch startet und Zufälle auf den Weg streut wie kleine Blumen in der Wüste … und  … von einem Happy End zu sprechen wäre die falsche Formulierung, aber das Ende ist wie der ganze Film zärtlich und voller Liebe zu seinen Mitwirkenden, den Verlorenen auf dieser Welt.

Großartig in der Rolle der Ansa:  Alma Pöysti
Großartig in der Rolle des Holappa: Jussi Vatanen

Wunderbare Musik, u.a. alte Schlager auf finnisch, Tango und eine Band, die eine Entdeckung ist: „Maustetytöt“ mit dem Lied: „Syntynyt suruunja puettu pettymyksin“

Wie Aki Kaurismäki aus einer wortkargen, minimalistischen Handlung, wo außer Scheitern und Verlorenheit und Trostlosigkeit nichts wirklich passiert, eine Geschichte der Zärtlichkeit, Liebe und menschlicher Nähe zaubern kann? Wie schafft er es, daß aus allen Augen im Film so eine große Sehnsucht heraustropft … und die Tatsache, daß das Leben schön ist, trotzalledem … nach dem Film seh ich im Badezimmerspiegel in meinen Augen auch so einen Glanz, den der Film hinterlassen hat.
Auf ARTE kann man ihn noch eine Weile anschauen.

Unsere wilden Schneeglöckerln sind wieder in ihrem Roadmovie als fahrendes Volk herumgewandert. Inzwischen wundere ich mich nicht mehr darüber, daß ein ganzes Büschel plötzlich hinterm Haus wächst, wo sie noch nie waren. Kein Mensch konnte bisher herausfinden, wie sie das machen, daß sie plötzlich 10, 20 Meter weiter weg auftauchen. Aber ich vermute, daß es eh niemanden interessiert, weil in den robotergemähten Rasen sowieso kein einziges wildes Schneeglöckerl mehr wächst.

 

Liebe Brieffreundin, ich grüß dich herzlich aus der fernen Nähe.

 

 

Briefe an die nahe Ferne ( 3 )

Memento mori 

Am Aschermittwoch zeichnet der Priester ein Kreuz aus Asche auf die Stirnen derer, die daran erinnert werden wollen und mutig genug sind, sich diesen Worten zu stellen:
Bedenke Mensch, daß du Staub bist und zum Staub zurückkehrst.

Bei den Römern soll beim Triumphzug  hinter dem siegreichen Feldherren immer ein Dienender gegangen sein, der andauernd mahnend den Spruch wiederholte:
Memento te hominem esse – Bedenke, daß du ein Mensch bist.

Ja, bedenke, daß du ein Mensch bist.

Die Fastenzeit hat begonnen und sie dauert , wie der alte Name „Quadragesima“ schon sagt, 40 Tage. Diese Zahl 40 hat eine tief symbolische und magisch/spirituelle Bedeutung und taucht in der Menschheitsgeschichte immer dann auf, wenn es um Übergänge von Altem zu Neuem, Wandel, Reinigung, Prüfungen geht und zieht sich durch die Überlieferungen der Völker. Ob man da jetzt irgendwas wissenschaftlich beweisen kann ist mir nicht bekannt. Die heutige Psychologie spricht davon, daß angeblich 40 Tage Disziplin ausreichen, um diverse Routinen zu ändern.

Für mich ist sie höchst geheimnisvoll, diese Zahl 40, und da ich eine alte Geheimniskrämerin bin, forsche ich den Geheimnissen mit Leidenschaft hinterher und entdecke seltsame Parallelen:

40 Wochen dauert in der Regel eine Schwangerschaft
40 Tage braucht die Seele, um sich nach dem Tod zurechtzufinden und sich darauf vorzubereiten, am 40. Tag den irdischen Bereich zu verlassen
40 Tage nach seiner Auferstehung ist die Himmelfahrt Christi
40 Tage hat Jesus in der Wüste gefastet
40 Tage war Mose auf dem Berg Sinai
40 Jahre regierten die biblischen Könige
40 Tage ist das Volk Israel durch die Wüste gewandert
40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut
40 Tage lagen im 14.Jahrhundert in Venedig die Schiffe in „Quaranta“, um die Pest abzuwehren
40 Tage dauert die spirituelle Einkehr bei den Sufis
40 Schläge bei der Geißelstrafe waren genug, um den armen Menschenkörper zugrundezurichten, aber ihn gerade noch nicht zu töten

Und weil ja alles immer mit allem in manchmal rätselhafter Verbindung steht, soll hier auch dieses Zitat von Hesiod nicht unerwähnt bleiben über diesen mysteriösen Sternenhaufen der Plejaden, ich kann es nicht belegen, aber wie schon gesagt, jede r soll glauben, wie es ihr/ihm beliebt.

„Wenn das Gestirn der Plejaden emporsteigt,
dann beginne die Ernte,
doch pflüge, wenn sie hinabgehen.
Sie sind 40 Nächte und 40 Tage eingehüllt,
doch wenn sie wieder leuchtend erscheinen,
erst dann beginne die Sichel zu wetzen.“ (Hesiod)

Und selbstverständlich fällt mir der französische Spielfilm von 1954 ein, der sehr frei nach den „Geschichten aus 1001 Nacht“ die Geschichte von „Ali Baba und die 40 Räuber“ erzählt, mit Fernandel und Dieter Borsche in den Hauptrollen. Ich werde danach suchen und ihn hoffentlich irgendwo finden. Genau das Richtige jetzt für diese völlig eingeschneiten Tage des Februar.

Der wunderbare Hotfox63 hat grade The Pogues aufgelegt :

„…clouds are drifting across the moon
Cats are prowling on their beat
Spring´s a girl from the street at night
Dirty old town…

... Saw a train set the night on fire
I smelled the spring on the smoky wind
Dirty old town …

Really.

Liebe traurige Kraulquappe, ich grüß Dich von Herzen und umarm Dich aus der fernen Nähe!