Um herauszufinden, was ich eigentlich suche in den spärlichen schriftlichen Hinterlassenschaften meiner Altvorderen, müssen in Kleinstarbeit Wort für Wort ein paar uralte Dokumente entziffert werden, die in damals amtlicher deutscher Schreibschrift und schwarzer Tinte ordentlich mit amtlicher Feder geschrieben, Übergabeverträge enthalten. Wahrscheinlich noch etliche sonstigen Geschichten, über die nie jemand gesprochen hat und die ich dort, wo sie halt herumlagen, nie angerührt habe, auch jetzt graust es mir vor dem, was sich da entziffern könnte … was nur befürchte ich … daß mich Dämonen anspringen? Ja, gut möglich, obwohl mir doch mein Verstand sagt, daß diese Befürchtungen alle völlig sinnlos sind, was soll mir schon passieren. Diese Vergangenheiten liegen lang zurück, alle sind tot. Die meisten gestorben hier im alten Haus.
Was macht das Haus mit so vielen Toten?
Ich muß aufschreiben, was es mit mir macht, diese Reise in die Vergangenheit. Noch treibt mich die Spurensuche an und läßt mich gleichzeitig stocken. Ganz egal, welche Fährte ich aufnehme, ob es die zum Großvater meines Vaters ist oder zu den Großeltern meiner Mutter, die auch zu diesem Hof gehört, obwohl sie als Fahrende hier nur kurze Zeit zur Seßhaftigkeit gezwungen war, bis sie den Schlüssel zum Käfig gefunden hat und weggeflogen ist … jeder Schritt, den ich zu den Alten hingehe führt in mich hinein. Und an diesen Wegen lagern Dämonen … ich kann sie weder bekämpfen noch vertreiben und deshalb werde ich mit ihnen tanzen … zumindest werd ich es versuchen. Ich, das Ergebnis der Begegnung von zwei in hilfloser Liebe Verbundenen, einer Verlorenen und eines Ausgegrenzten.
Eine Rose für die Vergeblichkeit.
In einer Schachtel mit ungezählten Sterbebildern, über denen die staubige Zeit der Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweggestiefelt ist, finde ich Sterbebilder, auf denen man in die alten, abgearbeiteten und ernsten Gesichter von zum Teil jungen Menschen schaut, unter anderem auch meine Großeltern und Urgroßväter … wo sind all die Frauen? Ich finde sie nicht, sie haben keine Spur hinterlassen neben all denen, die Max und Peter und Georg und Otto geheißen haben. Die Kleidung auf den alten Photographien ist so sehr anders als heute, wo man im bairischtümelnden Land selbstverständlich chicke Dirndln trägt und sich zu einer „echten“ Tracht bekennt, die es gar nicht gibt. Das Wort Dirndl gab es früher nur als Bezeichnung für ein Mädchen, ganz sicher nicht für ein Gewand. Und das Wort Mädel gab es sowieso nicht, das erschien erst, als Deutschland dachte, es sei das dritte Reich. Und wenn ich dieses unsägliche „Mädels“ höre, dann würgt es mich schier.
Zeit meines Lebens hat es mich immer zu den Ausgegrenzten und Verlorenen hingezogen. Immer schon bin ich wo auch immer in diesen unscheinbaren und heruntergekommenen Cafés gesessen, wo die herumsitzen, die aus der häuslichen Einsamkeit fliehen, um im Kaffeehaus noch einsamer zu werden und mit den anderen, die auch alleine herumsitzen, eine Art stummes Gebet zu sprechen an die Sehnsucht und die Vergeblichkeit. Ich fühle mich dort , wo man nicht dazugehören muß, wohler als an Orten, an denen die stets Angekommenen und Erfolgreichen ihre Kleidung zur Schau tragen und ihr Wissen vorzeigen und immer „Dazugehören“ zur Schicht der Gewinner.
Das Reh kommt jetzt täglich und es hat sein Kleines dabei, das seiner Mutter hinterherspringt.

Sei lieb gegrüßt Frau Kraulquappe auf Deinem Weg hinaus aus dem alten Jahr und ich wünsch Dir, daß Du mit ein bisserl wehmütigem Lächeln aber trotzdem voller Freude in das neue Lebensjahr hineintanzen wirst! Wir bleiben uns gewogen, meine Liebe!






