# 56 Für alles gibt es eine Zeit …

Vor paar Tagen bin ich bei Regen durch die Nacht gefahren. Scheinwerfer leuchteten plötzlich auf und verschwanden wieder im wabernden Nebel. Alles taucht plötzlich auf und bleibt eine Zeit lang und dann verschwindet es wieder im Nichts, aus dem es gekommen ist. Das Dasein besteht halb aus Leben und halb aus Sterben. Wir sterben nicht nur den einen Tod, sondern es stirbt in und um uns herum andauernd irgendwas und irgendwer. Und daneben lebt es auch in und um uns herum, und beides ist gleichzeitig und richtig und letztendlich wahrscheinlich nicht mal ein Gegensatz … In einem meiner Lieblingstexte der Bibel  („Alles hat seine Zeit…“) heißt es zum Ende hin:

„Das, was war, ist längst gewesen.
Auch was sein wird, war längst.  (Koh 8, 14)

Erklären tut das nichts, alles bleibt letztlich Geheimnis und Rätsel. Wir kommen und dann sterben wir irgendwann. Und darin sind wir alle gleich, alle Lebewesen sind nur zu Gast auf dieser Erde.

Ich weiß das und doch ist mein Herz schwer. Er war krank und mit 14,5 Jahren als absoluter Freigänger hat er ein angemessenes Alter erreicht. Vor 10 Tagen ist er verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt und es ist absolut sicher, daß er nicht mehr kommen wird. Und wir wissen nicht, wie er gestorben ist, ob er das selber geregelt hat, oder ob ein Fuchs ihn abgeschleppt hat in den Bau zur hungrigen Kinderschar, die ihn genauso krachend zerbissen hat wie er es mit den Mäusen machte.

14 Jahre ist er rechts neben mir auf der Hausbank gesessen und hat mit mir in die Nacht hinaus geschaut und dabei hat er unaufhörlich geschnurrt. Er hat immer geschnurrt, mehr als alle anderen der vielen kätzischen Generationen hier am Hof.

Er konnte fremde Menschen nicht leiden und ging ihnen großflächig aus dem Weg.

Berührung an den Pfoten mochte er nicht.

Er lag gerne am Rücken und ließ sich den Bauch kraulen.

Wir waren nicht befreundet, wäre ich nicht viel größer als er gewesen, dann hätte er mich krachend gefressen. Er wohnte da, wo er ausreichend was zum Essen bekam  und ansonsten lebte er seiner Wildnatur gemäß ein freies, selbstbestimmtes Leben.

Er hat sich zur Kommunikation mit seinen Menschen das Wort „Meeeh“ zugelegt und konnte damit ganze Geschichten erzählen.

Oft saß er einfach da, schnurrte und sah mich an.

Er liebte es, sein Gesicht in meiner Hand zu vergraben und sofort einzuschlafen.

Er liebte die Nacht, so wie ich und wir gingen oft miteinander spazieren.

Er flüchtete vor mir, wenn ich gesungen oder gepfiffen habe, das Rascheln von Papier machte ihn nervös.

Vor einigen Wochen hat er noch eine große dicke Feldmaus angeschleppt und krachend zerbissen.  Er ging auf wackeligen Beinen bis kurz vor seinem Verschwinden noch zu seinem Revier, beim Gehen mußte er alle paar Meter eine Pause machen und sich auf der Straße zum Ausruhen hinlegen.

Er war auf seine Weise immer in meiner Nähe und hatte mich im Blickwinkel, sobald ich irgendwo saß, kam er und puffte seinen Kopf an mich und strich mir um die Beine .

Sein Fell am Kopf hat immer irgendwie ähnlich wie Hühnerfedern gerochen.

Er liebte fein aufgeschnittenen Leberkäs und Butterstückerln.

Plötzlich eines Abends ist er verschwunden und nicht mehr aufgetaucht, niemand hat ihn gesehen. Nirgends eine Spur von ihm.

Ja, er war sehr krank und er hatte ein gutes Leben. Und die Natur hat hoffentlich auf ihre Weise dafür gesorgt, daß er aus diesem Leben gut hinausgehen konnte. Ja, ich weiß, er hatte keine Wahl … wer hat die schon … aber ich glaube, er hätte sicher nicht am Ende in die Tierklinik gewollt, um in die Pfote gestochen zu werden.

Herr Graugans sagt, das ist ein guter Abgang für den Herbert, der beherrschte das plötzliche spurlose Verschwinden … sowie Du …

Ja, wir mochten uns sehr. Jetzt sitze ich alleine  auf der Hausbank, andere Katzen streichen um meine Beine, aber der Platz rechts von mir bleibt leer. Ich schaue alleine hinaus in die Nacht und hinauf zu den Sternen. Auf welcher Umlaufbahn wirst Du sein, mein kleiner weißer Kater, flieg, wohin Dich der Wind treibt, dem Paradies und den ewigen Jagdgründen entgegen. Eine leise Wehmut ist in meinem Herzen. Du warst ein gern gesehener Gast in unserem Haus. Aber nicht wahr – auch der liebste Gast kehrt irgendwann in seine Heimat zurück.

Lebewohl mein lieber Herbert.

Herbert 2010 – 2024

 

Da schreibt die Kraulquappe

# 55 Rose … trotzalledem

Ach ja, es wurde gewählt.

Die Welt ist kompliziert geworden und deshalb stehen die Parteien hoch im Kurs, die einfache Lösungen für schwierige Sachlagen anbieten, das war immer so und wird auch weiterhin so bleiben, auch hier im so ziemlich reichsten Bundesland. Vor den Ergebnissen der Europawahl hier im wohlhabenden oberbayrischen Landkreis BGL kommt mir das kalte Grausen und ich bin wieder heilfroh, daß wir  (noch) freie, geheime Wahlen haben, denn womöglich könnt ich vielen Menschen nicht mehr unbefangen begegnen oder in ihren Geschäften einkaufen, wenn ich wüsste, was sie gewählt haben. Der bairische Landesvater, der ein Franke ist, schaute erstaunlich entspannt in die Kameras.  Jetzt ist natürlich, wie immer nach einer Wahl landauf landab die Stunde derer, die wissen, was alles schiefläuft in diesem Land und was „die Ampel“ alles falsch macht und wer alles schuld ist an unserer Misere usw. usw.

Ich bin immer noch heilfroh darüber, daß dieses Land, in dem ich lebe, zumindest derzeit noch demokratisch und ohne Krieg regiert wird, mit allem was dazugehört und mit allen Fehlern, die Menschen machen können, mit allem Drum und Dran. Noch dürfen Menschen den größten Blödsinn von sich geben, ohne daß ihnen der Kopf abgeschnitten wird oder sie in den Kerker geworfen werden. Daß ich immer zu wenig Geld habe und daß wir uns nicht leisten können, auf unser uraltes Haus ein neues Dach zu setzen liegt sicher nicht an der Ampelregierung, sondern daran, die Abzweigungen im eigenen Leben, die zu Wohlstand und Sicherheit geführt hätten, verpasst oder verweigert zu haben.

Grad ist mir ein Buch  untergekommen, das der leider längst verstorbene österreichische Psychiater Erwin Ringel herausgegeben hat, es handelt von „Politverdrossenheit und Identität“. Erwin Ringel war ein überaus kluger Mann mit Charisma, ich habe ihn sehr geschätzt. Für dieses Buch mit Aufsätzen verschiedener Autoren hat er einen Titel gesucht und ist an einem Ausspruch von Viktor Matejka hängengeblieben:

„Ich bitt Euch höflich, seid´s keine Trottel!“

Eine wahrlich weise Aufforderung.

Tempora mutantur
et nos mutantumur in illis  – hat irgend ein alter Römer irgendwann gelehrt von sich gegeben.
Oder – wie unsere alte ehemalige Pächterin immer sagt: „Heit is ois anders“ (Heut ist alles anders) Sie mußte aus ihrem Leben alleine in der Küche in ein winziges Zimmer im Altenpflegeheim wechseln. Es wurden praktisch die Einsamkeiten ausgetauscht. Nach dem Schlaganfall regeln sich manche ansonsten selbstverständliche Abläufe ihrer Körperlichkeit nicht mehr normgerecht, sondern entwickeln eigene Gesetzmäßigkeiten, was Ein- und Ausfuhr von Flüssigkeiten und Nahrung anbelangt. Sie bräuchte viel Betreuung, gutes Zureden, Trösten und Ansprache. Die ist extrem erschwert, denn die Hörgeräte funktionieren nicht, das Gehör hat sich verschlechtert. Ich schreie mir förmlich die Seele aus dem Leib, wenn ich bei ihr sitze und wir so plaudern wollen, wie wir das seit vielen Jahren tun. Man sagt mir, die Demenz sei fortgeschritten. Ob das so ist, kann man erst feststellen, wenn sie wieder besser hört, glaube ich.

Das Heim tut sicher, was ein Heim leisten kann, z.B. im Kreis sitzen und Kindergartenspiele machen und dann zur Belohnung ein kleines Eis, das alle freudestrahlend aus den Bechern löffeln, die Menschen, die ein Leben lang gearbeitet haben und Teil der Gesellschaft waren, die Kinder großgezogen haben und die Alten in der Familie versorgt, sitzen jetzt da und nach dem Stuhlkreis werden sie wieder in ihre Zimmereinsamkeiten verfrachtet. Das Haus ist groß und die langen Gänge glänzen und hallen bei jedem Schritt und ich frage mich, wie man sich da in diesem Zimmer –  Wirrwarr auskennen soll und ich bewundere M.  wie sie den richtigen Knopf drückt im Aufzug und dann sofort mit ihrem Rollator die richtige Richtung findet und nach ein paarmal ums Eck rum auch in ihr Zimmer. Ich gehe hinter ihr und sehe, daß die Hose inzwischen naß ist.

Ich mag sie sehr, bald hat sie 83. Geburtstag. Sie hat so schwer gearbeitet, nicht nur daheim, sondern auch als Pächterin um unseren Hof herum. Sie war eine Meisterin im Mähen mit der Sense, flink und fleissig war sie ein Leben lang, hat ihre Schwiegermutter 17 Jahre lang gepflegt und mußte immer den Mund halten und das tut sie jetzt auch, sie fügt sich in ihr Schicksal, wie sie das schon immer getan hat, was sollte sie auch anderes  machen.

Das Regnen wird zwischendurch unterbrochen von glühender Hitze, wir hatten ein paar Tage um die 30 Grad, dann wieder Regen und wieder und wieder Regen. Langsam schlägt mir das aufs Gemüt. Wie das die Rosen nur machen? Eine hat jetzt mitten im Dauerregen ihre prachtvollen Blüten geöffnet, wie ein Wunder.  Ich habe gelesen, daß man anhand fossiler Funde nachweisen kann, daß es die wilden Rosen schon vor 25 Millionen Jahren gegeben hat. Das Geheimnis der Rosen dringt mit ihrem Duft in mein Herz und überflutet es mit Liebe zur Schöpfung.

Die Rose,

die Rose der Perser und des Ariost,
die immer allein ist,
die immer die Rose der Rosen ist …
Jorge Luis Borges

 

irgendwo im Großstadtdschungel treibt sich die Kraulquappe herum.

# 54 Ein kleiner warmer Wind

Bevor das Unwetter begann, war es ganz still, die Sonne schickte warme Strahlen aus tiefblauem Himmel und dann kam ein kleiner warmer Wind und die Zeit war reif und da ist sie weggeflogen. Während im Zimmer leise Musik aus dem Radio kam und die Schwestern sie pflegten und vorsichtig umlagern wollten … da hat sie aufgehört, zu atmen. Die Schwestern streuten Blütenblätter auf ihr Bett und kämmten ihre Haare, das hätte sie gefreut, denn nie wäre sie unfrisiert aus dem Haus gegangen und schon gar nicht auf eine weite Reise hinter die Sterne … der ewigen Glückseligkeit hätte sie sich nur in gepflegter, gebügelter Kleidung mit frisch gewaschenem Haar genähert.

Heute Mittag um 12 Uhr standen wir vor der Glasscheibe im Krematorium. Ein hoher Raum, lichtdurchflutet, durch die Glaskuppel strahlt der blaue Himmel. An den Wänden Bilder von Miró, bunte Blumensträuße da und dort. Ein schöner Ort, um wie der Rauch zum Himmel aufzusteigen.

Viel haben wir in den vergangenen Tagen geredet über die Eltern und die Kinder und was alles so geschehen ist, über Glück und Mißgeschick, Träume, die während der Flucht auf der Straße liegengeblieben sind und über so vieles, was nie ausgesprochen wurde, was man aber dem Sohn in den Lebensrucksack gepackt hatte.

Jetzt sind wir still, ihr großer Junge und ich. Der Sarg, viel zu groß für dieses winzig kleine Persönchen, leicht wie ein Vöglein, wurde hereingeschoben und da steht er vor uns.

Ich denke an sie und daß wir beide gescheitert sind, sie an der Sehnsucht, eine Tochterfreundin zu bekommen und ich daran, nochmal eine Mutter zu finden. Wir haben uns enttäuschen müssen in unserer Erwartung, zu unerfüllbar waren unsere Wünsche aneinander. Bitte verzeih mir, sage ich inwendig. Und dann fällt mir ein, wie sehr ich sie bewundert habe in ihrem Wagemut. Sie ist noch mit 80 auf unseren höchsten und ältesten Kirschbaum gestiegen bis oben hinauf und das auf der längsten, ausgezogenen Leiter. Sie hat sich dann trotzdem den Arm furchtbar kompliziert gebrochen, aber nicht irgendwo oben, sondern unten, am Boden, als sie mit dem Eimer voller Kirschen über den Leiterfuß gestolpert ist . Sie hat sich überhaupt öfters was gebrochen, das hielt sie aber keineswegs davon ab, bei nächster Gelegenheit wieder irgendwo hinaufzusteigen, egal, ob der Untergrund sicher war oder aus wackligen Rollen bestand. Du bist ein wilder alter Wassermann, hab ich oft zu ihr gesagt und da hat sie herzlich gelacht.

Dann wird der Sarg weitergeschoben.

Tschüß mein Junge, hat sie immer gesagt.

Der große alte Junge sagt jetzt: „Pfiati Mama!“

Dann geht die Türe auf und der Sarg wird dem Feuer übergeben, ein unglaublich wehmütig schöner Vorgang. Das mächtige heilige Feuer verbrennt alles, was wir auf Erden einmal waren, alles, was dieses irdische Dasein mit sich brachte, wird zu Rauch, der zum Himmel steigt. Ein überwältigend feierlicher Akt.

Morgen wird in einer Andacht mit Musik und Begleitung des Pastors die Mutter und ihr Leben gewürdigt und verabschiedet und die Urne in die Erde versenkt und dann ist die Verbindung Himmel und Erde besiegelt und es ist gut.

Als wir heimfahren, sehe ich, daß an den am Straßenrand gestapelten gefällten Buchenstämmen überall kleine hellgrüne Schößlinge herauswachsen.

 

Lisa : 25. 01. 1932 – 30. 05. 2024
Möge der Weg Dir leicht sein in die ewige Heimat und mögest Du ruhen in Frieden, liebe Lisa.

 

Und da schreibt die Kraulquappe.

# 53 Warten

Die alte Mutter liegt im Sterben. Sie steht auf dem Karussell und dreht die letzte Runde. Immer und immer wieder, denn das Karussell hält nicht an, irgendwann müssen wir loslassen und springen. Sie springt nicht, wie ein kleines zartes Vöglein sitzt sie da. Vom Fahrtwind zerzaust, krallt sie sich an der Stange fest und wartet. Auf was? Schöne Flügel sind ihr gewachsen und sind bereit, loszufliegen. Auf was wartet sie noch? Vielleicht auf die Bö, diesen warmen Aufwind, irgendwann wird er kommen und dann wird sie loslassen und getragen werden hinaus, hinauf in die Ewigkeit, dort hinter den Sternen.

Das Leben ist gelebt, die ihr zugedachten Ressourcen sind aufgebraucht, sie hat das getan, was sie konnte, die Arbeit erledigt und ihre auferlegte Pflicht erfüllt. Sie hat ein Kind geboren, das ist schon lange groß und sitzt jetzt neben ihr und wartet. So wie sie gewartet hat, damals, und es begrüßt hat, als es aus ihr in die Welt hinein geschlüpft ist, so wartet das große alte Kind jetzt darauf, daß die Mutter aus dieser Welt hinausschlüpft. Und so warten sie beide, Tag für Tag, Stunde um Stunde darauf, daß die Bö kommt.

Wo geht das alles hin, die Sehnsucht, die Träume, die Traurigkeit, die Wut, die Enttäuschung und die Liebe, nehmen wir das mit oder bleibt es da oder hört einfach alles auf zu sein? Nimmt die Mutter das kleine Kind, das wir mal waren mit auf ihre Reise oder gibt sie im letzten Atemzug dem großen Kind sein kleines zurück.

Zum Schluß gibt es keine Worte mehr, nur noch ein wenig Atem, bald wird auch er verwehen.

Die Zukunft wird in jedem Augenblick zur Vergangenheit, beide existieren nicht wirklich. Nur die Wirklichkeit scheint wirklich zu existieren, einen kurzen Atemzug richten wir uns ein  in ihrem Haus, das keine Wände hat und kein Dach und keinen Boden.

Der Regen hat die duftenden Blüten der wilden Rosen im Fallen mitgenommen und auf dem Boden ausgebreitet.

Auf strahlend blauer Himmelsdecke sitzen drei große weiße Wattebauschen, obendrauf liegt eine riesige Schildkröte auf dem Rücken und hält ihren Bauch in die Sonne.

Der Steinhaufen erglüht im Licht der untergehenden Sonne. Ich sitze so gerne auf warmen Steinen, sagt der Tod und lächelt.

Hier schreibt die Kraulquappe über die Dinge des Lebens

# 52 Der Atem der Welt

Am Pfingstmontag war es überraschend ruhig und menschenleer oben auf dem kleinen Hügel über Prien am Chiemsee, wahrscheinlich deswegen, weil der „Mesnerwirt“ geschlossen war und was sollte man dann dort oben außer der Besichtigung der kleinen Kapelle noch unternehmen.  Als wir das letzte Mal da waren, hockte der Biergarten voller Leute, die lautstark urig-bairische Gemütlichkeit auskosteten, oder das, was so gemeinhin als bairisch empfunden wird. Der Tourismus mag es halt gerne krachledern und dementsprechend verhalten sich auch die Gäste.

Diesmal nix, kein Mensch weit und breit und in der Kirche auch niemand. Leider ist da ein Gitter und man kann deshalb die mittelalterlichen Fresken nicht gut erkennen. Sehr alt ist sie, die kleine romanische  Kapelle, die dem Hl. Jakobus geweiht ist, der erste Bau wahrscheinlich schon im 9. Jahrhundert, die Fresken aus dem 12. Jahrhundert. In Urschalling, wie dieser Ortsteil heißt, stand mal eine Burg und die Kirche war die Burgkapelle. Von der Burg ist nichts mehr übrig und die Kapelle ist voller Geheimnisse. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der ursprüngliche Eingang zugemauert und alle Fresken mehrfach übertüncht. Heute ist wohl alles mehr oder weniger vom Staub der Vergangenheit befreit  und es kamen Bilder zum Vorschein, die aller Welt Rätsel aufgeben. Überraschend viele Frauenfiguren sind abgebildet und das geheimnisvollste Bild zeigt eine Trinität,  in deren Mitte eine Frau zu sehen ist. Das sagen die einen gescheiten Leute, sie sprechen womöglich sogar von einer Heiligen Geistin, weil ja durch neuere Bibelübersetzungen das Wort „Ruach“ aufgetaucht ist und das ist weiblich. Die andere Hälfte der Gescheiten sagt, das wäre ganz sicher nur ein Jüngling und dann gibts natürlich die Ewiggestrigen, die sagen, wo kämen wir denn da hin, wenn jetzt auch noch der Heilige Geist weiblich wäre … naja, niemand weiß bis jetzt, wer für diese mittelalterliche Malerei verantwortlich war. So vieles ist nicht geklärt und die Spuren verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Ich glaube, es macht sehr viel Sinn, den Geist Gottes als Geistin zu denken. Es gibt bei den drei Figuren nur zwei Arme und auch der Umhang gibt Rätsel auf. Leider kann man ohne angemeldete Gruppenführung nicht nach vorne gehen zur Apsis, um in Ruhe all das zu spüren, was die Geschichten an der Wand uns sagen wollen.

Aber auch mit Gitter ist es außergewöhnlich an diesem Ort  und ich habe das Gefühl, im heiligen Bezirk eines Tempels zu stehen  und in dieser romanischen Einfacheit wird es auf einmal möglich, diesen Atem zu spüren, den Odem, der durch mich hindurchweht und die Verbindung zum Göttlichen nicht herzustellen braucht … denn … sie ist da. Und ich brauche nichts tun, mich mit keinen schwierigen Gedankenkonstruktionen herumzuplagen, nur da sein und es geschehen lassen.

Manchmal genügen ein paar Sekunden und die Seele fliegt, „als flöge sie nach Haus“.

Ein sehr besonderer Ort.

Pfingsten schließt einen Kreis, so ahne ich. Ostern ist die Geschichte eines Scheiterns. Daß daraus die Verbindung zum Göttlichen entsteht, die wir alle haben, ob wir an sie glauben oder nicht, halte ich, vorsichtig ausgedrückt, für sehr wahrscheinlich.

Ein Blogger, den ich sehr schätze, weil er wunderbare Texte voller Respekt über vorgestellte MusikerInnen schreibt, hat um Pfingsten herum ein paarmal das Wort „Gott“ verwendet im Zusammenhang von Musik.  Er schreibt als ersten Satz bei der Vorstellung von : „A Love Supreme“ von John Coltrane : Ob es Gott gibt, weiß ja keiner so genau“. Ich hab vor längerer Zeit auch über diese Platte geschrieben, aber eigentlich reichte meine Sprache nicht aus, um das Erleben dieser Musik auszudrücken. Bei Ihm

sind die Worte wie zartes Seidenpapier, aus dem man eine filigrane Kostbarkeit auswickelt. Ja, man sollte dieser Musik einen eigenen Raum geben und sich ihr ausliefern, sich an sie verschenken und drin verloren gehen, um dann sagen zu können, „daß man verstanden hat, irgendwie“.  Danke für Deine Worte, lieber Fuchs und Danke dorthin, wo immer  er sich aufhalten mag im Hauch der Ewigkeit: John Coltrane.

 

 

Und da schreibt die Kraulquappe

# 51 Die warme Sofi, der Tod im Gebirg und der Maikäfer in der Tomatensoße.

An Christi Himmelfahrt  strömen die Massen in die Bierzelte, allerorten torkeln besoffene Männer herum oder stehen schwankend und schwitzend irgendwo beim Pinkeln, um Platz zu machen für weitere Liter diverser Flüssigkeiten. Das einzig Schöne, wenn man es nicht vermeiden kann, an diesem zweifelhaften „Vatertag“ auf der Straße unterwegs zu sein, ist, daß man viele alte Traktoren sieht, die zu den Bulldogtreffen fahren. Ich sehe etliche typisch graublaue „Eicher“, die genauso ausschauen wie unser alter daheim, den wir sehr lieben.

Wer denkt eigentlich an diesem Tag der Himmelfahrt an den  auferstandenen Christus, der ja da hinauf in den Himmel muß, um eine Dreiheit zu bilden, damit das Ganze dann als Heiliger Geist an Pfingsten wieder zu uns herabsegelt? Die ganze Geschichte mit der Himmelfahrt , den beiden weißgekleideten Männern, die kryptische Sachen sagen und dann dieser Feuerzungenzauber an Pfingsten ist mir heute noch genauso unerklärlich und unverständlich wie schon als Kind. Aber ich würde es auf jeden Fall sinnvoller finden, miteinander darüber zu sprechen und gemeinsam zu rätseln und die alten Texte zu lesen, die Ursprünge zu erforschen,  als dieses unselige, versoffene Zelebrieren einer fragwürdigen Männlichkeit.

Mein Papa hatte immer viel zu tun am Himmelfahrtstag, weil da seine kleine Lieblingsbrauerei neben den Traktoren auch ein Schnauferltreffen mit alten Motorrädern veranstaltet hat. Und „der Bräu“, der für meinen Vater wie früher einer der anerkannten Honoratioren war und den er sehr mochte, teilte ihn im Platzanweisungsteam ein, da gab es dann ein Essen und hinterher als Lohn mindestens 10 Tragerl von dem guten Bier. Aber ich glaube, der Papa verspürte es als eine Art Ehre, an so wichtiger Stelle in diesem Treffen mitzuwirken. Dieses Treffen wurde immer größer und größer und dann kamen die Ausschreitungen, die letztlich dazu führten, daß die Brauerei das Ganze vor Jahren aufgelöst hat. Der Papa hats nicht mehr mitbekommen.  Vor 14 Jahren ist er gestorben. Letzte Nacht bin ich in der Stube gesessen und hab an ihn gedacht. Um halb eins ist er gestorben, in seinen 85. Geburtstag und in den Tag der kalten Sofi hinein.

Einen leichten Tod hatte er, so schien es mir, er hat ausgeschnauft und nicht mehr eingeatmet. Und ich dachte mir, wie einfach das doch ist, das Sterben. Ich hab meine Hand neben seine Hand gelegt und gesehen, wie ähnlich sie sind. Viel Eisen haben sie geschmiedet, die Papahände, viele kleine Vögel mit weit zum Pfeifen aufgesperrtem Schnabel, nur er konnte sie aus ehemals starrem Eisen durchs Erhitzen so formen, daß sie wie echt aussahen. Manchmal, wenn ich irgendwo unterwegs bin, seh ich sie an einem Geländer oder an einem Grabkreuz und dann weiß ich: Die sind vom Papa.

Er hat auch immer gepfiffen und ich hab letzte Nacht auch für ihn gepfiffen, einen seiner wunderschönen Landler, und dann bin ich hängengeblieben und wusste nicht mehr, wie er weitergeht und dann war mir, als tät der Papa die Zugharmonie unter der Bank hervorholen  … und ich hör ihn spielen und die Knöpfe klappern leise und bei der Stelle, an der der Baß so röchelnd schnarrt, da tät er mich anschauen und lächeln, weil er weiß, daß mir diese Stelle so gut gefällt. Und ich denke daran, was wir uns alles noch sagen hätten sollen und was ich ihn nicht gefragt hab  und daß wir uns manchmal das Leben blödsinnigerweise so schwer gemacht haben und das, obwohl oder grad deswegen, weil wir uns so gern hatten.  Und daß wir uns wahrscheinlich zu fremd oder zu ähnlich waren oder beides, was weiß ich. Und daß ich wohl nie erfahren werde, wer dieses Bild gemalt hat mit dem Tod im Gebirge, das er so geliebt hat und daß die Pfingstrosen ganz wunderbar blühen, die uralte Staude und daß ich morgen Marmelade koche, auch immer noch vom uralten Rhabarber … sag mal, Papa, wie alt wird der wohl sein?

Daß überall die Akeleien blühen, sag ich nicht, auch nichts vom übrigen Wildwuchs, den er nicht mochte. Aber daß zweimal hintereinander ein Maikäfer in die Küche gesegelt kam und  am Topfrand von der Tomatensoße gelandet ist und ich ihn zweimal grad noch vor  dem Absturz ins kochende Verderben retten konnte, das tät ich ihm sagen. Weil Du immer Tür und Fenster aufreissen mußt, täte er sagen.

Und daß ich ihn vermisse, tät ich ihm sagen.

So schrecklich vermisse.

 

 

 

Und wenn sie wieder auftaucht zum Luftschnappen, dann schreibt sie hier, die liebe Kraulquappe.

# 50 An der Nordseite der Alpen

„Hauptsächlich wird es den Dauerregen im äußersten Süden geben. Das Tiefdruckgebiet zieht über die Alpen und der Regen fällt an der Alpennordseite ins Alpenvorland“. So wurde vor ein paar Tagen im Wetterbericht angekündigt, was zu erwarten war. Und die Aussage hat sich bestätigt: Es regnet und regnet und regnet … dauernd und unbeirrbar. Eigentlich regnet es nicht nur, sondern es schüttet wie aus Kübeln. Menschen, die hier Urlaub machen, sind voll des Jammers, sie hatten schließlich Sonnenschein, blauen Himmel , Flanieren in kurzer Hose am bairischen Meer und noch so einiges, was das touristische Herz begehrt, bestellt. Und jetzt hocken sie hier im Freizeitpark südliches Bayern, der „Schiemsee“ ist grau und aufgebracht und ungastlich, und die Berge, sofern man sie überhaupt sieht, hüllen sich in unwirsche Distanz und dampfende Nebelschwaden. Was soll man bei so einem Wetter anfangen? Viele landen da, wo sie auch daheim hingehen, beim Aldi. Und da hat man es dann mit Horden von mißmutigen und schlecht gelaunten Menschen zu tun, die sich für ihr Geld betrogen fühlen von der bairischen Wetterlage. Und ich muß mich beherrschen, wenn ich so Aussprüche höre, daß man im nächsten Urlaub doch wohl lieber in den Süden fliegen wird. Da bin ich versucht, zu sagen, daß wir hier ja schon im Süden sind und bezüglich Klima nicht mehr viel Unterschied zu den Flugzielen mit Sonnenscheingarantie vorliegt, denn entweder trocknen wir aus oder es schwemmt uns weg … das ist in Dubai auch nicht viel anders, wie kürzlich berichtet.

Aber ich sag nichts, und schau lieber zum Dach der architektonischen Scheußlichkeit des Aldigebäudes hinauf: da sitzt am höchsten Punkt vom First ein kleiner Vogel, der aus Leibeskräften sein Lied hinaustirilliert, in einer solchen Inbrunst und Lebensfreude, daß ich beim Zuhören vor lauter Glück gar nicht merke, daß ich längst waschelnaß bin und mir das Regenwasser über das Gesicht läuft.

Was für eine Freude, lieber kleiner Vogel, Dir zuzuhören!

Heute habe ich Stunden damit verbracht, zu suchen, in welcher Geschichte vom verehrten Jorge Luis Borges das nachfolgende Zitat genau steht … und habe es bisher nicht herausgefunden.

„Jemand setzt sich zur Aufgabe, die Welt abzuzeichnen. Im Laufe der Jahre bevölkert er einen Raum mit Bildern und Provinzen, Königreichen, Gebirgen, Buchten, Schiffen, Inseln, Fischen, Behausungen, Werkzeugen, Gestirnen, Pferden und Personen. Kurz bevor er stirbt, entdeckt er, daß dieses geduldige Labyrinth aus Linien das Bild seines eigenen Gesichts wiedergibt.“ Jorge Luis Borges

Aber ich bin wieder einmal aus dieser nur zum Schein erfolgslosen Suche verzaubert und bereichert aufgetaucht. Das Suchen ist oft eine Reise zu einem Geheimnis im Geheimnis im Geheimnis und dieses Mal bin ich bei einem Menschen gelandet, der im Keller seines Hauses das „Aleph“ gefunden hat und darüber war ich mir plötzlich sehr sicher, daß auch im Keller unseres Hauses ein Geheimnis verborgen ist … unter der Stiege war mal ein Gang, da bin ich sicher. Ob jener zum Aleph geführt hat …?

Wer weiß, was noch alles möglich ist, wenn man sich erlaubt, zu träumen.

Und da textet die Kraulquappe

# 49 Der Callboy, die Metamorphose der Stubenfliege und der kopflose Reiter…

Nach erledigter Darmspiegelung schlafe ich erstmal den Rest des Tages und steige dann langsam aus dieser untersten Niederung, in die man als Lebewesen absteigen kann, wie aus dem Hades wieder hinauf zur einigermaßen normalen menschlichen Existenz. Die Untersuchung erfordert eine Vorbereitung, allein beim Drandenken  krieg ich Würgereiz und es schaudert mich. Ähnlich geht es mir, wenn ich an einen Film denke, über den ich kürzlich auf YouTube gestolpert bin. Ich fand mich plötzlich in einer Doku über Kevin, der von seinem Leben als Callboy erzählt. Über seinen eigentlichen Beruf als Ingenieur, der irgendwelche Industrieanlagen überprüft und deshalb landesweit herumreist mit Trolley für Werkzeug und Sonstiges. Und man sieht ihn zuhause in seiner Wohnung, vor dem Spiegel, unter dem unzählige Duftwässerchen stehen, mit denen er sich dann auch reichhaltig einsprüht, bevor er beim gebuchten Termin mit einer Kundin seiner gut bezahlten Freizeitbeschäftigung nachgeht. Er überprüft den Inhalt seines Werkzeugkoffers, den er immer dabei hat, wenn er sich mit Kundinnen trifft. Er garantiert jeder Frau einen Orgasmus. Wenn seine biologischen Möglichkeiten nicht ausreichen, weil … da schweigt er diskret … also, für diesen Fall hat er Hilfsmittel dabei, um jeder, wie auch immer gearteten Frau das zu verschaffen, was sie an sexueller Belustigung möchte. Jegliche Art von Beziehung ist tabu, selbstverständlich arbeite er mit viel Gefühl, aber natürlich nicht mit diesem „speziellen“ Gefühl, es sei schließlich ein Geschäft, eine Dienstleistung, gutes Geld für gute Arbeit. Pro Sitzung, oder sollte man eher Liegenschaft dazu sagen, verlangt er 500 EUR und er sei restlos ausgebucht. Es gibt etliche Stammkundinnen, die sehr zufrieden sind mit seiner Arbeit, man mag sich, aber natürlich nicht „so“.

Man sieht ihn, als er eine Kundin im Restaurant trifft und schaut ihm sozusagen bei der Anbahnungschoreographie zu, wie er welche Komplimente macht und die Kundin darin einsülzt. Die Frau läßt alles mit glänzenden Augen über sich ergehen und macht nicht den Eindruck, als würde sie dieses Spiel nicht mögen. Ich kann den Film nicht ganz anschauen, weil ich allein schon den sicher teueren Duft dieses frischgeduschten, sehr smarten und gut aussehenden  Mannes nicht ertrage, der mir aus dem Fernseher aufdringlich entgegen zu wehen scheint.

Wer mag eigentlich sowas? Ich kenne keine Frau, die sich solche verlogenen Spiele wünscht, aber ich kenne viele, die sich ausgehungert nach uferloser Zärtlichkeit und bedingungsloser Zuneigung sehnen.

Es scheint dann so ein hochbezahlter Fake, diese unverbindliche Illusion einer Zwischenmenschlichkeit  immer noch besser zu sein als nichts, oder?

Während ich das hier schreibe, schwimmen weiße Wolken über einen klitzeblauen Himmel und es ist warm wie im Sommer. Alles mögliche an Fluggetier schwirrt durch die Lüfte. Unsere Spezies sorgt ja leider für ein schreckliches Artensterben, die Insekten werden immer weniger. Ich bin froh, daß es die alte Stubenfliege (Musca domestica) noch gibt und es würde mir nicht im Traum einfallen, auch nur eine einzige zu erschlagen. Wenn man sie in Großaufnahme anschaut, sieht man, was für ein Wunderwerk der Schöpfung sie ist. Alleine schon diese roten Facettenaugen, in Nahaufnahme ein Wesen wie aus einer anderen Welt. Sie macht als „holometaboles“ Insekt eine vollständige Metamorphose durch … dieses kleine haarige Wesen mit den zarten Flügeln, das uns nervt und dem Hygienestandard unserer überzüchteten Zivilisation nicht mehr gerecht wird in seinen Gebaren und wir sowieso all das, was uns nicht passt gerne mal erschlagen, wird auch sie vernichtet, wo es nur geht. Früher hingen überall diese klebrigen Fliegenfänger herum, die waren mir als Kind schon zuwider in all dieser Belanglosigkeit des Quälens einer Kreatur.

Vor kurzem habe ich von einer Sage, die nächste Umgebung betreffend, erfahren und bin dabei, sie zu erforschen, so gut es geht. Die Sage erzählt vom wiederkehrenden Erscheinens eines Schimmels bei Nacht an einem bestimmten Ort und zusätzlich gibt es noch die Erweiterung dieser Gechichte. Diese besagt, daß zu besonderen Anlässen auf diesem Schimmel auch noch ein Reiter ohne Kopf sitzt. Nicht weit davon entfernt wurde vor Jahren ein Gräberfeld entdeckt aus bajuwarischer Zeit. Das Thema dieses Schimmels kommt ja öfters vor in der nicht nur oberbairischen Sagenwelt  Und da ich ja eine alte Geheimniskrämerin bin, werd ich da weiterforschen, immer auf der Suche nach uralten kultischen Orten, je älter umso lieber.

 

Und wonach die Kraulquappe gerade herumforscht, könnt Ihr hier lesen

 

# 48 Rilke, Katzen und die Eigenart der Dinge

Auf der Straße kommen mir große Lastwägen entgegen, dahinter etliche Panzer und als Nachhut ein paar Jeeps, tarnfarbig wie alles Übrige und bedrohlich. Immer öfter rollt Kriegsgerät über die Bundesstraße, so oft und so selbstverständlich, daß man sich schon daran gewöhnt. Nein – ich nicht – niemals!

Die Straße führt durch immer dichter besiedeltes Gebiet. Kaum noch eine leere Wiese, eine freie Zone sozusagen, an deren Rändern nicht schon das neue Industriegebiet geplant ist oder die Siedlung nebenan sich weiter ausbreitet, mit immer denselben Einfamilienhäusern, die sich allein schon mit der  banalen Scheußlichkeit der Eingangstüren gegenseitig überbieten. Dazu kommen die derzeit hochmodernen schwarzumrahmten Fenster, die ausschauen wie die Augenlöcher von Totenschädeln. Und drumherum Rasen, aufgehübscht mit ein paar Containerpflanzen. Und um die vom Gartencenter vorgeschlagene Choreografie noch stimmungsvoll abzurunden, werden hie und da ein paar weiße Gesteinsbrocken plaziert. Oder es wird einfach alles mit Steinen aufgeschüttet, auf denen dann ein Blumentrog thront. Die schneebedeckten Berge im Hintergrund würden beim Anblick dieser  Gärten des Grauens gerne davonlaufen, aber sie schaffen es ja nicht mal, die Plage der unangenehmsten Spezies, nämlich die der urlaubenden Menschen abzuschütteln. Und so stehen sie halt einfach weiterhin da und hüllen sich in den Mantel des Schneefalls und des Schweigens.

Ein Haus, an dem ich oft vorbeifahre, ist anders, ganz und gar anders. Manchmal sehe ich Licht in einem Fenster, also scheint wer darin zu wohnen. Der große Garten davor ist verwildert. Bei seinem Anblick schlagen strukturierte Menschen mit Ordnungsprinzipien die Hände über dem Kopf zusammen und Gartenprofis könnten so einen „Zugang“, wie wir die verschiedenen Stufen der Verwahrlosung nennen, überhaupt nicht aushalten und würden sofort aufräumen. Ich liebe diesen Ort. Er ist anscheinend so gut wie völlig sich selbst überlassen und gestaltet aus sich heraus die ganz spezielle Ordnung der Dinge. In der Mitte des Grundstücks steht ein Apfelbaum in voller Blüte und schenkt dem wilden Garten das Höchstmaß an Schönheit und Schmuck, was bräuchte es mehr? Ganz egal zu welcher Jahreszeit und in welcher inneren Verfassug ich daran vorbeifahre, wird mir ums Herz warm und licht und weit beim Anblick dieser sich selbst ordnenden Wildheit. Ja, ich liebe das Brachland, das überall dort entsteht, wo sich der Mensch mal heraushält mit seinen Kosten/Nutzen – Strukturen.

Beim Heimfahren vorhin lief schnell noch, ungefähr einen halben Meter vor meinem Auto eine Katze über die Straße, sie konnte nicht warten, hatte wohl einen wichtigen Weg zu machen. Es ging alles gut und sie verschwand im Gebüsch. Zuhause angekommen wurde ich schon erwartet und kaum hatte ich den Motor abgestellt, sprangen sie zu zweit auf die Motorhaube, liefen mit Schlammpfoten über die Windschutzscheibe oben drüber über das Autodach, klack klack klack … klärten die Machtverhältnisse, indem ein Kater dem anderen eine runterhaute und sich dann als Chef der Lage gemütlich auf der warmen Motorhaube niederließ.

Sie leben ganz nah an uns, haben uns immer im Blick und tun nur das, was und wie sie es für richtig halten. Ihrem kätzischen Naturell entsprechend kommen sie, wenn sie wollen und nicht unbedingt, wenn man sie ruft, wenn man sie anschaut, schauen sie erstmal weg, sind ganz nah und schnurren und streichen um die Beine und verschwinden plötzlich und sind wie vom Erdboden verschluckt. Sie hängen mehr am Ort als am Menschen, hassen jegliche Art von Fremdbestimmung, wechseln alle paar Wochen ihren Schlafplatz, gehen gerne nachts auf die Jagd, sind großflächig streunend unterwegs, wollen am Morgen was essen und sich dann ungestört zum Schlafen hinlegen.

Herr Graugans sagt, es gäbe da seines Erachtens durchaus gewisse Parallelen…

Vorhin kam eine Mail, geschickt von einem Freund, der mir ein Zitat schickte, von dem er annimmt, es könnte mir gefallen. Das tut es, lieber M. vielen Dank!

Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe.
(wahrscheinlich von Rainer Maria Rilke, keine Quellenangabe aufzufinden)

…und da läuft die Kraulquappe durch die Stadt…

# 47 Wüstenstaub, Borges, Schygulla und ich

Als ich vor ein paar Tagen vom Einkaufsmarkt zum Parkplatz gehe, steht da ein einziges, kleines Auto, das so gelb bepudert ist, daß man kaum mehr seine ursprünglich schwarze Farbe erkennt. Am Tag zuvor sah ich die Wolke über dem Hügel stehen, schwefelgelb  und sonderbar. Der Löwenzahn sorgt um diese Jahreszeit auch für gelben Staub, den der Wind von unten nach oben wirbelt. Aber der Staub, den eine Wolke von oben herunterbröselt, ist eine andere Kategorie. Wüstenstaub aus der fernen Sahara wurde angekündigt und jetzt ist mein Auto gelb und ich träume von dem Märchenland hinter den Pyramiden, uferloser Sand, nichts wie Sand und ich höre den ägyptischen Guide, der mir erklärt, wo die libysche Wüste beginnt und „wo Gaddafi wohnt“. Ich denke an den Sichelmond, der wie eine Barke über den Nachthimmel segelte, und überhaupt an diesen Himmel, der über der Wüste viel höher zu sein scheint als daheim, und ich sehe die zerschossene Nase der Sphinx … von so weit her kommst Du also, Wüstenstaub. Ich wische die Windschutzscheibe ab, damit ich was sehen kann, der übrige Staub darf bleiben, irgendwann wird ihn der Regen abwaschen. Aber warum ist mein Auto das einzige, das gelb ist.? Entweder hat der ganze Fuhrpark auf dem Parkplatz eine Garage oder es haben alle von gestern auf heute ihre Autos gewaschen, denn alle sehen wie frisch poliert aus!

Warum werden eigentlich die Autos ständig geputzt? Über Ostern fuhr sicher außer meinem kein einziges ungewaschenes Auto durch die Gegend. Warum wird überhaupt so viel geputzt? Warum putzen Frauen ständig die Wohnung und die Männer ständig die Autos? Warum ist ständig und überall die Sauberkeit in und um Räume so ein raumgreifendes Thema, alle schimpfen über diese ständige Putzerei, räumen ihr aber trotzdem soviel Lebenszeit ein. Am schlimmsten ist für mich das Geräusch des Staubsaugers, ich beschränke es auf höchstens einmal im Monat. Und ich putze erst, wenn es wirklich dreckig ist und nicht nahezu ständig, damit es nicht dreckig wird. Und je älter ich werde, umso weniger verstehe ich, warum Dreck schlecht ist und Sauberkeit gut. Ich sitze ganz bestimmt lieber in einer Wohnung, der man nichtaufgeräumte Lebensspuren ansieht, mit Menschen plaudernd am Tisch als in frisch polierter und durchstrukturierter Umgebung, wo man nicht wagt, sich zu bewegen, weil man sonst die Ordnung stört.

Draußen schneit es riesige Flocken und ein kalter Wind weht übers Land. Ich mag dieses Wetter, weil das viel mehr zum April gehört als sommerliche Temperaturen.

Das Buch, aus dem ich vorhin aufgetaucht bin und das neben mir liegt, ist die Autobiographie („Wach auf und träume“) von Hanna Schygulla. Sie hat sie in dem Alter geschrieben, in dem ich jetzt bin. Inzwischen sind zehn Jahre vergangen und sie hat die 80 überschritten. Ich mag sie heute als alte Frau mehr denn je. In einem Film mit ihr über ihr Leben ging ein Strahlen von ihr aus, das ich nur mit einer zärtlichen Weichheit beschreiben kann, in den Bewegungen ihres Körpers, ihrer Stimme und in diesen sanft glänzenden Augen einer Träumerin.

Ein Buch hat sie geschrieben, voller Poesie, in dem sie vieles aus ihrem Innersten offenbart und doch nichts  verrät, von den Geheimnissen, mit denen und für die sie lebt. Merkwürdigerweise kommt mir auch in diesem Buch ein Schriftsteller entgegen, der durch alle möglichen Wege in anderen Büchern in mein Leben hineinleuchtet, meine Nähe zu suchen scheint und auf sich aufmerksam macht: Jorge Luis Borges. Schygulla bekommt irgendwann bei Dreharbeiten in Argentinien einen Zettel zugesteckt, auf dem die folgenden Worte stehen:

„Alles ist ein stummer Buchstabe einer unentzifferbaren Schrift“. (Borges)

Und sie schreibt dazu: „Sichtbar werden hinter diesen Worten die Wasserzeichen des Geheimnisvollen, das ich brauche wie das täglich Brot, um gern zu leben.“  Und ich  … ich habe sofort das Gefühl, daß ich jetzt auch von ihr diesen Zettel zugesteckt bekomme, auch ich suche und brauche das Geheimnisvolle, um zu leben.

Ich hätte gerne ihr Programm gesehen „Borges, der Tango und ich“, das sie in den 90er Jahren auf der Bühne spielte. Sie sang alle Lieder auf spanisch. Komponiert und mit dem Klavier begleitet hat sie ein inzwischen weltbekannter Künstler, mit dem zusammen ich in jungen Jahren noch vor seiner Karriere über längere Zeit im gleichen beruflichen Umfeld gearbeitet habe. Schon damals schätzte ich ihn sehr, obwohl wir in unseren Auffassungen ziemlich getrennt voneinander agierten und ich ihn sehr viel besser kannte, als ihm lieb war. Das Leben geht seltsame Wege, um nicht zu sagen: wir wandeln in „Gärten, deren Pfade sich verzweigen“ (Borges)

Hab Dank, Freundin, daß Du mir von dieser Autobiographie erzählt hast und Hanna Schygulla danke ich, daß sie darüber schreibt, wie sie ihr Leben in ihre weichen Hände nimmt und es in Güte und Zärtlichkeit betrachtet … was könnte dem Leben Schöneres widerfahren? Ich hab es erst zur Hälfte gelesen und freue mich auf alles, was noch kommt.

Und ich liebe es sehr, wenn ich in einem Buch zu einem anderen Buch gelenkt werde, so wie jetzt, da ich in den „Fiktionen“ wieder einmal  „Die kreisförmigen Ruinen“ lese, von dem Mann, der so lange seine Figuren träumt, bis sie wirklich sind und an einem Schicksal tragen. Diese flirrend geheimnisvolle Welt … der Spiegel im Spiegel im Spiegel … kein unwirkliches Verstehen, aber wirkliches Erspüren möglich, für eine Träumerin wie mich.

„Lassen Sie mich ein, ich werde für Sie träumen“ (H.Schygulla)

Ja.

 

Und diese Region durchträumt die Kraulquappe