Im chinesischen Lokal, das von einer einst zugewanderten, aber längst schon einheimischen Familie betrieben wird sitzen wir mit lieben Menschen um einen runden Tisch. Ich esse immer „Acht Schätze“ und trinke Jasmintee dazu und schräg über mir an der Wand hängt ein wunderbar kitschiger Drache, der uns fröhlich zulacht. Wir unterhalten uns und teilen Sorgen um Befürchtungen, überlebte Krankheiten, düstere Prognosen aber auch das Lachen … immer wieder auch das Lachen und die Zuversicht. Die Freundin geht bald in eine Rehaklinik, unweit der sagenträchtigen Wirkungsstätte eines örtlichen Drachen mit Namen „Tatzelwurm“.
Ich erzähle nichts von dem Roman, in dessen Spannung ich so intensiv eingetaucht bin, daß man schon sagen könnte, daß mich diese Parallelwelt mit Haut und Haar eingesaugt hat und mich irgendwann nach 826 Seiten wieder ausspucken wird: „Der Historiker“ von Elizabeth Kostova, viele Jahre ist es her, daß mich ein Buch dermaßen verschlungen hat. Es kreist um einen, dessen Name übersetzt bedeutet: Sohn des Drachens, weil sein Vater dem Drachenorden angehörte. Es handelt sich um einen walachischen Herrscher, der sein Reich gegen die Osmanen verteidigt hat und mit grausiger Brutalität seine Feinde abschlachten ließ und der später Bram Stoker literarisch großen Ruhm einbrachte. Ich werde hier gar nichts verraten, bin grade bei der Hälfte und frage mich, wie die Schriftstellerin aus diesem Roman wieder herausfindet und zu welchen Antworten auf die immer drängenderen Fragen sie kommen wird.
Das Ganze ist eigentlich ein Buch über das Erzählen und wo man hingeraten kann, wenn man neugierig immer weiter in uralte Geschichten eintaucht und droht, sich darin zu verlieren, weil sie womöglich nach Dir greifen und Dich packen. Eine Reise ist es durch die Jahrhunderte, sie geht kreuz und quer durch Europa und wechselt andauernd die Ebenen. Eine Vater-Tochtergeschichte mit verschwundener Mutter, Menschen stehen in Verbindung und verlieren sich, suchen und suchen und begegnen untoten Wiedergängern und dem sogenannten Bösen, aber was ist das eigentlich?
Wer oder was ist denn dieser Fürst der Finsternis. und … gibt es Geschichten, die man lieber nicht erzählen sollte?
Als ich nach der alten Kittlin, der Märchenerzählerin meiner Jugend fragte, bekam ich sofort zur Antwort, daß sie am gleichen Tag Geburtstag hatte wie der Fürst der Finsternis aus Braunau im Dritten Reich und wie wichtig das für sie war. Bin mir nicht mehr so sicher, ob ich noch recht viel mehr ihrer Geschichten erfahren möchte.
So schön das Geschichtenerzählen auch sein mag, es kriecht auch mancherlei Gewürm aus dem Bauch der Jahrhunderte, und man bekommt es mit Wiedergängern zu tun und mit Blutsaugern, da ist nichts mehr romantisch. Wer sich auf Geschichten einläßt, muß immer mit allem rechnen.
Ich bin dem Roman total verfallen und es ist mir, als käme dieses Kind in mir, das in vielen Schichten inzwischen mit einer alten Frau umwickelt ist, wieder zum Vorschein und würde sich an seinen geheimen Ort zurückziehen, verborgen und unauffindbar und verschwinden nach Istanbul, Siebenbürgen, Budapest und in dieses seltsame Kloster auf dem Felsen in Südfrankreich …“die wahren Abenteuer sind im Kopf und sind sie nicht in deinem Kopf, dann sind sie nirgendwo“ … hat der Heller vor vielen Jahren gesungen, wie recht er doch hat.

Der lieben Kraulquappe schick ich liebste Grüße aus der fernen transsylvanischen Nähe mit dem Hinweis: solltest Du irgendwo in geheimnisvollen Tiefen Deiner Bücherregale ein Buch finden, daß sich irgendwie selber aufschlägt in der Mitte und einen doppelseitigen Drachen zeigt und das Buch ansonsten leer ist und merkwürdig riecht, verbrenn es sofort und leg Knoblauch aus und halte ein diesbezügliches „Besteck“ bereit und trag es immer bei Dir!






