Aschenglut

Lichtmeß vorbei

ich sitze auf der Schwelle

und schlenkere mit den Beinen

um mich herum Abgrund

über mir der dürre Mond

es ist Nacht geworden

ich sehe Dinge

ich höre Orte

ich spüre Worte

ich rieche Tränen

ich lecke an Träumen

ich sehe die Vögel der Glut

mit roten Flügeln

in türkisen Palästen

diamantener Staub

rieselt aus ihren Achselhöhlen

ich sitze auf der Schwelle

die Sternschnuppe stürzt ab

in Deinen Augen

ich sitze auf der Schwelle

und sehe es leben

das ist meine Aufgabe.

 

 

 

 

 

Sternenstaub

Es ist schon finster, ich bin eine Nachtgeherin. Der Himmel ist voller Sterne und alle bleiben auf ihren zugewiesenen Plätzen, zu einer anderen Zeit wären viele von ihnen unterwegs in die Hurghadas dieser Welt, deren Preise sich nach garantierten Sonnenstunden bemessen. Kein Mond zu sehen. Ich gehe an dem Haus vorbei, das vor ein paar Jahren einen neuen Balkon bekommen hat. Sie wollten nach altem Brauch die Symbole von Glaube, Hoffnung und Liebe ins Holz gefräst haben. Das Herz für die Liebe wurde dann aber weggelassen, weil es zu kitschig erschien.

Es kommt mir so vor, als hätte der Ort dies bemerkt und sein Hauswesen danach ausgerichtet.

Es ist kalt, kein Schnee, ich gehe über die Wiesen und die Schritte knistern als ginge ich auf Glas. Neben dem kleinen Fluß, der ein Bach ist, Streuwiesen … da wächst dieses zähe, schilfähnliche Gras, es wurde früher als Einstreu für die Tiere im Stall genommen, vor allem bei den armen Bauern, auf den großen, reichen Höfen gab es das goldgelbe Stroh. Heute gibt es gar nichts mehr, die Kühe stehen auf den nackten Böden, die sind praktischer, sie sind nicht angebunden, dürfen aber das ganze Jahr nicht mehr hinaus auf eine Weide. Früher waren sie angebunden, standen die Wintermonate im Stall, durften aber im Sommer täglich auf die Weide. Ich kann sie nicht mehr fragen, was ihnen lieber wäre … es gibt keine mehr in Sichtweite, der letzte kleine Bauer hat aufgehört.

Auf der Bundesstraße ist reger Betrieb und ringsherum krachen die Böller, die nicht verkauft werden durften. Wo nur der Mond bleibt, denke ich, er müsste doch längst über die Salzburger Steinberge zu uns wandern. Eine Eule fliegt von irgendwoher und verschwindet in der alten Fichte. Die hat jahrelang alleinstehend am Bach den Wettern getrotzt und dann, im letzten Jahr hat der Sturm ihren Gipfel abgebrochen.

Viel wahre, kluge Worte werden zu Silvester gesprochen, mir fällt nichts mehr ein, was dem hinzuzufügen wäre. Alles ist, wie es ist und so werden wir halt auf unserer Lebensbahn weiterwandern und uns den neuen Herausforderungen stellen, sie durchlaufen, außen herumgehen oder drüberhüpfen … und das Lachen erscheint mir auch für das neue Jahr heilsamer als das Ärgern. Und wie die Sterne, so kreisen wir um uns selbst und um andere herum und letztendlich um etwas,  dessen Geheimnis wir nicht einmal erahnen können und das wir Gott nennen oder Nichts.

Auf einmal wird es hinter mir sehr hell, ich drehe mich um und da ist er ja, aufgegangen im Nordosten, wo er sonst nie herkommt und sein goldenes Leuchten läßt das gläserne Gras funkeln. „Der Mond ist aufgegangen“ … und  „Guter Mond, du gehst so stille“ … singe ich ihm zur Begrüßung, und zum Dank schwimmt er am Himmel hinter mir her und begleitet mich ein Stück des Weges, alleine auf der weiten Flur.

Ein paar Raunächte bleiben noch. Ich horche ins Große Oben, ins Große Unten und in mich hinein … vielleicht formen sich aus dem Erhorchten und Geschauten Visionen am Horizont des Seins.

Das Korn male ich und verbacke es mit den Nüssen vom Baum hinterm Haus und wir essen das warme Brot, als Segensspeise in das neue Jahr hinein.

Laßt uns einander weiterhin Freude schenken und uns gewogen bleiben, wo wir auch sind! Ihr Lieben da draußen, ich grüße Euch herzlich und wünsche Euch ein wundervolles Neues Jahr, voll Glück und voll Segen auf all Euren Wegen!

Ich hoffe, Ihr werdet mich auch weiterhin hier zwischen Himmel und Erde besuchen, auch wenn ich manchmal einen ziemlichen Schmarrn zusammenschreibe … wie z.B. bei einem meiner Lieblingsgedichte … da habe ich doch jahrelang behauptet, es sei von Goethe, dabei hat es Victor Blüthgen geschrieben:

Leg`s dem Leben nicht zur Last,
dünkt sein Wert dir Plunder!
Wenn du Märchenaugen hast,
ist die Welt voll Wunder.

Victor Blüthgen

 

24 T.(Finis) … „So Close No Matter How Far“

Ein kleiner Marienkäfer landet ständig neben der Tastatur und krabbelt auf dem Schreibtisch herum … wahrscheinlich eine Mutation, er ist gelb mit schwarzen Punkten. Wenn ich ihn fangen will, klappt er einfach seine Flügel aus und fliegt weg.

Die Rosse der Wilden Frau Percht brausen in den Föhnsturm hinein und als sie mit den Zügeln schnalzt, fällt kristallisierte Luft vom Himmel … es schneit.

Die Wörter sind eigensinnig geworden, halten sich versteckt, die Suche ist mühsam. Tagelang gelingt es nicht, welche hervorzulocken, die mit mir Sätze bilden möchten. Die Zeit ist schwierig, das wäre sie auch ohne mutierte Viren und die ständig präsente unsichtbare Gefahr, die über allem schwebt. Daß es in diesen Rauhnächten oder „zwischen den Jahren“  um Abschied und Neubeginn, um Rück- und Vorschau geht, ist bekannt, aber wir bekommen keine Gebrauchsanweisung, sondern müssen immer wieder aufs Neue ganz alleine herausfinden, was das eigentlich für jeden bedeuten könnte. Visionen brauchen den Mut, Einsamkeit auszuhalten und vor allem: Leerlauf. Ich versuche, meine Ratlosigkeit über die derzeitigen Dinge und Geschehnisse auf sich beruhen zu lassen und bemühe mich, mir und der Welt ein freundliches Gesicht zu zeigen. Ein Lächeln dem Vergangenen hinterher und dem Zukünftigen entgegen. Am schwierigsten zu lernen ist die Bereitschaft, Wunder für möglich zu halten und sie auch zuzulassen …  ich werde üben müssen.

Für den alten Nachbarn wurde jetzt noch kurz vor Weihnachten ein Platz frei. Wie durch ein Wunder, sagt der Sohn, denn normalerweise müsse man lange warten. Daheim geht es halt nicht mehr, die Mutter ist ja auch schon bald 90. Das Altenpflegeheim ist nur ein paar km entfernt und das ist natürlich großes Glück für alle. Naja, wenn man zu einem Heim  „Glück“ sagen kann, sagt der Sohn. Die Nacht vor der Unterbringung ist schwierig und der alte Bauer ist unruhig, die angeschlagene Gesundheit macht ihm schwer zu schaffen. Die Familie hilft, wo sie kann. Am nächsten Tag wird er vom Krankentransport abgeholt, alles geht ganz schnell und ohne Komplikationen.

Der alte Kirschbaum ein paar Wochen vorher war schwieriger, sein Stamm lag längst schon umgeschnitten am Boden, die Äste alle abgehackt, aber seine Wurzeln hatten sich so fest in die Erde gekrallt, daß der schwere Traktor kommen mußte, um sie herauszureißen. Mit der Motorsäge wurde dann alles kleingeschnitten und konnte mit dem Anhänger gut abtransportiert werden. Dem Obstanger sieht man es nicht an, daß ganz unten rechts mal ein Kirschbaum war.

Die Nachbarin ist jetzt ganz alleine im alten Haus, die Familie kommt oft auf Besuch.

 

 

24 T. – Erkundungen der fernen Nähe … Tag 20

Der Engel

Er ist ein ziemlicher Prackel mit breiten Schultern,
starken Armen und großen Arbeitshänden.
Er neigt sich ein wenig nach vorne, vielleicht weil ihn die Flügel drücken.
In ein edles Gewand ist er gekleidet, blau wie der Himmel, mit Sternen-
bahnen und Tupfen aus reinstem Gold. Auch um den Hals trägt er eine Kette
aus Gold.
Füsse sieht man keine, aber starke Schwingen mit glänzendem Gefieder.
Ein paar Tage vor Weihnachten landet er manchmal auf dem Fensterbrett,
da steht er und dann schaut er mich an mit strengem Blick aus seinem Vogelgesicht.
Ein klein wenig schielen tut er.
Seine dunkelbraunen Haare werden von einem goldenen Stirnreif gehalten.
Rote Backen hat er, vom Flugwind wahrscheinlich,
und sein roter Mund lacht doch … oder?

24 T. – Erkundungen der fernen Nähe … Tag 19

 

Durch den dichten Nebel zu gehen heißt, nicht zu sehen, woher ich komme und auch nicht, wohin ich gehe und doch hoffen, irgendwie nachhause zu gelangen.

Weihnachten rückt näher. Was wäre, wenn alles wegfallen würde: Geschenke, Kerzen, Menschenkontakt, Schnee, Christbaum, Hausputz, Glockenklang, Essen, Glühwein, Gold, Weihrauch und Myrrhe, Musik und Gesundheit … einfach alles … es wäre nichts mehr, gar nichts mehr … was bleibt dann von Weihnachten?

Gott ist Mensch geworden.

Wer darüber nachdenkt, tut dies auf eigene Gefahr.

 

24 T. – Erkundungen der fernen Nähe … Tag 18

Da, wo das Wirtshaus seit dem 14.Jahrhundert  als Taverne und Mautstation erwähnt wird, verlief die „Güldene Salzstraße“ von Reichenhall nach Wasserburg. Der Ort selber ist sehr alt und ist im „Breves Notitiae“ bereits vermerkt. 790 verschenkten ihn diverse Grafen an die Salzburger Kirche, seit 1810 gehört er zu Bayern. Das Dorf mitsamt dem Wirtshaus gehört gerade noch zum Rupertiwinkel, die Grenze zum Chiemgau ist ganz in der Nähe, irgendwo habe ich mal gelesen, daß sie mitten durch den Wirtshaussaal läuft. Ganz in der Nähe muß wohl auch die Römerstraße verlaufen sein … Juvavum – Augusta Vindelicorum … aber bis heute gibt es diesbezüglich keine genauen Angaben darüber. Immer wieder forschen Privatgelehrte und Hobby – Archäologen, aber nix Genaues weiß man halt nicht. Etliche ungeklärte Rätsel bleiben, Geheimnisse ranken sich um untergegangene Geschlechter, Grafen und Herren, Besitzverhältnisse und Grenzziehungen. Uralte Orte und sehr merkwürdige Geschichten. Eine davon hat mir vor noch nicht allzulanger Zeit meine alte Nachbarin erzählt.

Vordergründig hat diese sehr seltsame Begebenheit gar nichts mit der Geschichte des Ortes oder dieser alten Mautstation an der Salzstraße zu tun, aber mir ist einfach so, als würde alles immer mit allem zusammenhängen …

Der Vater meiner alten Nachbarin, den ich noch gut kannte, hat sich gut verstanden mit dem damaligen Wirt des alten Gasthauses. Einmal sind sie in der großen Gaststube noch beieinander gesessen, alle anderen waren schon gegangen. Und als der Vater meiner Nachbarin bezahlt hatte und gehen wollte, da hat ihn der Wirt noch aufgehalten. Er solle noch bleiben, denn er müsse ihm erzählen, was ihm Sonderbares widerfahren sei.

Der Wirt hatte einen guten Freund seit Kindertagen und sie waren unzertrennlich. Und weil sie einander so nahe waren,  gaben sie sich ein Gelöbnis: Der von ihnen beiden, der als erster stirbt, muß sich beim anderen melden aus dem Jenseits. Das Leben ging weiter und sie haben nicht mehr an den Schwur gedacht. Eines Tages wurde der Freund schwer krank und starb.

Monate, Jahre später klopfte es eines Nachts, die Tür ging auf und der verstorbene Freund vom Wirt trat ein. Er war dunkel und zu einem ganz kleinen Männlein geschrumpft und er schrie ihm ein paar Mal voller Zorn ins Gesicht:

„Zerreissen könnt ich dich, tu sowas nie wieder, weit ist es gewesen!“

Dann ist er verschwunden. Dem Vater meiner Nachbarin haben sich die Haare im Nacken gesträubt und der Wirt war käsebleich nach dieser Erzählung.

Manches kann man nicht erklären und mit Gelöbnissen sollte man genau so achtsam sein wie mit dem Wünschen … glaub ich.