Briefe an die nahe Ferne ( 1 )

La casa degli occhi, der Uluru und das goldene Papavogerl

Bald werde ich sie wieder besuchen, die „Frau Mariana“, wie sie der freundliche Altenpfleger immer nennt. Er hört sich so an, als käme er aus einem östlichen Land, spricht aber so gut deutsch, daß er mir erzählen kann von seiner Großmutter, die wohl auch einen kleinen Bauernhof hatte und ihm als Kind das Mähen mit Sense und Sichel beigebracht hat. Er sieht das Foto von M., auf dem sie als Pächterin mit der Sense auf unserer Wiese steht. Ich sage ihm, daß M. die letzte Bäuerin war, die so kunstvoll und perfekt das Mähen mit der Sense beherrscht hat, es war eine Freude, ihr zuzusehen, wie flink und leicht das Gras zur Seite gefallen ist. Der Pfleger hat nasse Augen, weil er an seine Oma denkt und M. lächelt, aber ob sie alles verstanden hat? Sie sei auch eine so gute Tänzerin im Trachtenverein gewesen, daß sie Preise gewonnen hätte, leider war ihr Mann sehr eifersüchtig, wollte selber nicht tanzen und sie durfte auch nicht mehr. Ich weiß nicht, ob mich der Pfleger oder M. verstanden haben. Ich frage sie, ob sie nicht einen Radio möchte wegen der Musik. Nein, sagt sie energisch, nix mehr mag ich!

Über Weihnachten war sie im Krankenhaus und als ich sie danach im Pflegeheim besucht habe, hat sie mich erstmal nicht erkannt. Das Hören ist schwierig, die Hörgeräte bräuchten neue Batterien, ich unterhalte mich mit ihr schreiend. Zwischendurch scheint sie mich ganz normal zu hören und wir teilen dieselbe Wirklichkeit. Wir reden über die Toten in der Zeitung und darüber, wer alles wieviel Holz gemacht hat und wo die gefällten Bäume lagern. Das Holz interessiert sie sehr, weil sie selber viele Jahre im Wald mitgearbeitet hat.
Dann drängen sich andere Wirklichkeiten ins Bild und  umhüllen uns. Sie erzählt mir von Ausflügen mit Menschen, die schon lange tot sind. Und davon, daß sie jede Nacht in ein anderes Haus gebracht würden zum Schlafen und da wären viele Leute von früher, vor allem Patenkinder ihrer Eltern … nein, sie könne die nicht sehen, aber sie ist sicher, daß alle da sind. Und so geht es weiter und weiter, von Wirklichkeit zu Wirklichkeit und sie erzählt und beschreibt mir alles genau und fragt nach, ob ich ihr das schon auch glaube.

Ja, ich glaube ihr, was wissen wir schon darüber, welche Welten um uns herum sind, die wir nur nicht sehen. Die Demenz schreitet voran, kann man dazu sagen und traurig sein  über den Verlust des Normzustandes. M. scheint nicht unglücklich zu sein, um sie herum weiten sich die Welten und neue Räume scheinen zu entstehen. Ich werde auf diesem Weg nicht wissen, ob sie mich beim nächsten Besuch noch erkennt, aber sie wird mich aus großen Augen ansehen, wie alle, die im Heim wohnen mich ansehen, wenn ich komme. Viele Augenpaare richten sich dahin, wo jemand zur Türe hereinkommt. Und in diesen Augen ist nichts anders als bei allen anderen Augen, egal ob jung oder alt, Verdruß, Traurigkeit Sehnsucht und Enttäuschung, Aufblitzen von Freude oder stumpfsinnige Leere und Mißtrauen oder freundliches Erkennen gibt es überall. Auffallend hier ist, daß so viele Augenpaare in die gleiche Richtung schauen. Ich nenne das Haus nicht gerne Pflegeheim, sondern „La casa degli occhi“:   Das Haus der Augen.

Das Altwerden ist nichts für Feiglinge ist ein blöder Spruch, weil’s ja nichts hilft, auch Feiglinge werden alt, wenn sie nicht vorher sterben. Als gestern in einer Arztpraxis ein alter Mann gefragt wird nach seinen Beschwerden und schlecht hört und eingeschüchtert ist und nicht so recht weiß, wie ihm geschieht und warum er da ist, da steh ich daneben und zeige brillenlos erst die Kontokarte, dann den Ausweis her, bevor ich endlich die richtige  Karte finde. Heute erscheine ich zu einem falschen Zeitpunkt bei der Zahnärztin und behaupte, auf dem Zettel stünde … nein, leider nicht, daheim seh ich es …  meine Güte, die Jahre fliegen mir um die Ohren und weg sind sie. Grad noch war ich doch 43, jetzt bin ich 73, das Gebein tut mir weh, das hab ich wohl von der Oma, die sagte auch immer: Achachach, das ganze Gripp (Gerippe) tut mir weh. Trotzalledem tanze ich gerne Samba und alles mögliche und hüpfe unqualifiziert in der Gegend herum nach möglichst lauter Musik. Schad, daß es kaum MittänzerInnen gibt!

Vor paar Tagen lese ich im Großen Netz eine Beschreibung über unser angeblich so wunderschönes Bayernland und da steht wortwörtlich:
„Der Königssee, ein See nahe der deutsch-australischen Grenze im Landkreis Berchtesgadener Land gilt als der tiefste und sauberste See Deutschlands.“
Jetzt ist mir bloß nicht klar, sind wir mit unserem bei Föhn rotleuchtenden Untersberg drent oder herent … herüben oder drüben oder ganz woanders?

Die Wölfe sollen jetzt zum Abschuß freigegeben werden, weil sie jährlich ein paar Schafe reissen … das geht gar nicht, hunderttausende Lämmer, die jetzt bald an Ostern vom Metzger zerrissen werden für den Kochtopf … das ist ganz was anderes, gell.

Den Christbaumspitz, das singende goldene Vogerl, das der Papa noch geschmiedet hat, hab ich jetzt auch weggeräumt. Letztes Weihnachten hatten wir endlich mal einen Baum, dessen Spitze so stabil war, daß sie das schwere Schmiedeeisen ausgehalten hat … naja … ein bisserl hat sie sich verbogen … wirklich nur ein bisserl.

Sag ihm bitte, ich laß ihn ganz lieb aus dem australischen Bergland grüßen, Deinen Papa, meinen grüß ich auch, zum Himmel hinauf.

So, der Anfang ist gemacht, ich freu mich sehr, liebe Kraulquappe, wenn Du am Freitag, dem 13. dazu kommst, dann schreiben wir wieder gemeinsam weiter!

Einstweilen liebe Grüße aus der fernen Nähe!

 

Die Schwelle

Der eine Bussard sitzt auf dem Ortsschild vom Weiler: „Grübeln“, der andere ein paar Meter weiter auf einem Strauch, noch einer auf einem Pfosten neben der Straße.
Ein Storch geht im Storchengang über eine schneebedeckte Wiese, die Welt ist durcheinander und stimmt mit den Instinkten der Tiere nicht mehr überein, wo soll er Frösche finden, es ist Winter, warum ist er denn so früh schon wieder da, oder war er gar nicht weggeflogen?

Den wunderschönen Baum, der mit weit ausgebreiteten Ästen als Solitär neben der Straße direkt am Kreisverkehr stand, den ein Autofahrer ausgewählt hatte, um sich daran totzufahren, der ist weg. Sie haben ihn ganz weit unten an seinen Wurzeln abgeschnitten, daran kann sich niemand mehr totfahren. An dieser Straße steht jetzt vorsichtshalber über 10 km weit kein Baum mehr.
Früher haben wir, wenn wir mit dem großen Holzziehschlitten über den eisigen Hohlweg und anschließend über die steile Straße neben dem vereisten Bach durchs Dorf gesaust sind, was bei meiner Mutter zu Tobsuchtsanfällen führte wegen der Lebensgefahr, in der wir schwebten, da haben wir immer geschrien: „Aus der Bahn, aus der Bahn, hinten hängt der Teufel dran!“

Vor paar Tagen war Mariä Lichtmeß. Am Vorabend vor vielen Jahren sind wir auf dem nackten Holzboden der Stube gekniet und haben den Rosenkranz gebetet. Auf dem Tisch waren die bunten Lichtmeßkerzen auf einem Brett mit Wachs aufgeklebt, sie brannten genauso lang wie das Gebet dauerte. Als mein Großvater, den mein Vater sehr geliebt hat, gestorben war, hörte das Rosenkranzbeten schlagartig auf, aber meine Oma hat die kleinen Kerzen trotzdem angezündet. Seit Jahrzehnten wird dieser Brauch nicht mehr gepflegt, auch das Segnen des Kerzenvorrats für das ganze Jahr an Lichtmeß hat keine Bedeutung mehr. Eigentlich schade, es geht immer ein Stückerl Kultur verloren, wenn diese Haltepunkte in einem Jahr, die Zeichen am Weg sozusagen, verschwinden. Bei den Bauern waren um Lichtmeß herum die sogenannten „Schlankeltage“. Man hat zu diesem Termin die Dienststelle als Magd oder Knecht gewechselt, man hat „geschlankelt“. Und alle Frauen im Haus haben (außer bei großer Armut oder Geiz) einen Wachsstock bekommen für das „Aufbetten“, das heißt fürs Bettmachen der Männer das ganze Jahr über. Die besonders schönen Wachsstöcke standen dann in der Vitrine, nur die ganz einfachen wurden angezündet.

Die Weihnachtszeit ist jetzt vorbei, wie auch das alte Bauernjahr, der Jahreslohn ist ausbezahlt, man bleibt da, wo man ist oder wechselt die Dienststelle. Der Wassermann trägt das Wasser des Lebens in die schwindelnden Höhen des Olymps zu den Gottheiten hinauf, um sie unsterblich zu machen.
Und er kommt wieder und ist voller Visionen für eine bessere Welt, allem Neuen voran steht die Vision.

Die Kraulquappe und ich sind weit voneinander weggegangen, so lange und so weit, bis wir uns fremd genug waren, um zu spüren, wie nah wir uns sind. Und jetzt  planen wir, uns Blog-Briefe zu schicken und wieder parallel zu schreiben. Angedacht ist, diesen alten Zeitpunkt für das Beginnen unserer gemeinsamen Arbeit zu wählen und zu schlankeln …  von Lichtmeß zu Lichtmeß, vorerst mal immer am Freitag. Wir würden dann aus einer fernen Nähe an eine nahe Ferne schreiben …

Vor Beginn dieser neuen Arbeit sitze ich mit der alten Brigid, der Göttin des beginnenden Lichts, des Feuers und vor allem der Beschützerin meines Lieblingsortes, der Schwelle genau dort, wo ja auch mein Blog angesiedelt ist: Zwischen Himmel und Erde. Schwarz ist das unendliche All, aber überall flackern kleine Feuerflammen auf, auch auf den Tee- mit- Rum- Gläsern, die wir halten, tänzeln sie . Da sitzt sie neben mir, die Göttin mit dem neuen Licht.Sie lächelt mich an, während wir durchs All schaukeln und dann nimmt sie plötzlich meinen schweren Sorgensack und leert ihn aus, einfach so, und die Sorgen werden zu kleinen Kristallen, die im Licht ihres Sternenmantels funkeln und dann breitet sie ihren Transformator-Mantel um mich und ich werde ganz hell, wir lachen beschwipst und der Mond muß auch so lachen, daß sein dicker Bauch hin und her wackelt. Wir lachen über den ganzen Wahnsinn des Lebens und des Sterbens, die Göttin, der Mond und ich, und , daß es sehr von Vorteil ist, ein wenig verrückt zu sein. Die Schwelle ist ein guter Ort dafür.

In Amerika hat sich nach schrecklichen Morden einer hingesetzt und ein Lied geschrieben und dann stellt er sich auf die Bühne. Er steht da, ein aufrechter Mann mit altem Körper und dem leidenschaftlichen jungen rebellischen Glanz in den Augen und er singt nicht nur, sondern wirft sich mit seiner Seele und seinem ganzen Leben, seinen Depressionen, seiner kranken Frau und der Verzweiflung über das, was in seinem Land passiert, dem Publikum vor die Füße. Da steht er, nackt und bloß, so wie er angefangen hat, ein Mann und seine Gitarre. Ja, selbstverständlich weine ich, wenn ich sein Lied höre, was sonst; und zornig und rebellisch singt er an gegen Mord und Mißstände und die Verzweiflung, nichts ändern zu können und an die Musik zu glauben und an das Gute, trotzalledem

Bruce Springsteen

„Streets of Minneapolis: …We`ll take our stand for this land
And the stranger in our midst …“

Ich verneige mich vor einem mutigen Mann und großen Musiker.

Drei

Um Dreikönig herum waren sie wieder unterwegs, die Sternsingerkinder, verkleidet als Weise aus dem Morgenland … oder was man sich halt darunter vorstellt. Anstelle von Gold, Weihrauch und Myrrhe, die diese für das Heilige Kind damals angeblich dabei hatten, kommen die heutigen mit dampfendem Weihrauch, ein Lied singend, während sie mit Kreide  die magischen Buchstaben K + M + B oben auf den Türstock malen zum Segen für das Haus und alle, die drin leben. Dann bleiben sie stehen und warten darauf, daß man sie bezahlt mit üppiger Spende in den Sammeltopf. Natürlich wird jede r was reinwerfen, wer könnte schon diesen Kinderaugen widerstehen.  Und so sind viele tausend Euro zusammen gekommen, Kinder sammeln Geld für andere Kinder, denen es schlecht geht, weil den Machthabern dieser Erde ganz sicher ganz andere Sachen wichtiger sind als sich um das Elend der Kinder zu kümmern. Dafür werden sie dann von der Kirche als lebende Sammelbüchsen herumgeschickt. Mir macht das ein komisches Gefühl, ich mag es nicht, wenn Kinder dazu instrumentalisiert werden, Geld für Segen einzutreiben.

Früher, als meine Großeltern noch lebten, da sind wir betend mit einer Eisenpfanne, in der auf glühender Kohle aus dem Küchenherd ein paar Brösel von kostbarem Weihrauch rauchend zerschmolzen sind in und ums Haus gegangen. Überallhin wurde die geheimnisvoll wohlriechende Pfanne geschwenkt, auch durch Stall und Tenne sollte der heilige Rauch ziehen und mit ihm der himmlische Segen am Abend des fünften Januar, in der letzten Rauhnacht vor Epiphanie am sechsten Januar, dem Fest der Erscheinung. Zum Abschluß des Umgangs wurden auf den Türstock meist nur drei gleichschenkelige Kreuze und die Jahreszahl geschrieben. Die Kreide hierfür war zusammen mit einem Häuflein Weihrauchbröseln in einer kleinen Papiertüte und wurde geweiht für diesen Anlaß. Mein Vater, der alte Ketzer und lebenslang sehnsüchtige Gottsucher konnte nicht viel anfangen mit Zaubersprüchen und magischen Handlungen und ganz sicher war ihm die Wirksamkeit der Dreikönigskreide durch die priesterliche Segnung nicht wichtiger als jegliche Kreide, mit der er seine wundervollen Kunstschmiedearbeiten entwarf und vorzeichnete.
Ich finde es sehr traurig, daß wohl keine Familie mehr mit Heiligem Rauch durchs Haus geht und um Segen bittet. Das wird konsumorientiert abgekürzt: Cash in die Büchse – Segen ins Haus. Vielleicht ist es noch besser wie nix, aber dasselbe ist es keinesfalls.

Wer überhaupt diese Männer aus dem Morgenland waren, darüber wurde viel geschrieben, letztendlich bleibt alles im Bereich der Spekulationen über Fragen, die niemals beantwortet werden können. Warum waren es drei, sind sie einem Stern gefolgt, haben sie nicht nur Geschenke mitgebracht, sondern den dringenden Rat zur Flucht vor dem angekündigten Kindermord?  Wenn man die Kronen auf ihren Köpfen sieht und die Gewandfarben weiß, rot, schwarz und ihr Auftreten zu dritt … diese Dreieinigkeit bekam erst mit dem Christentum Männernamen … weit vorher schon gingen drei Frauen über das Land, kehrten bei den Menschen ein, brachten Heil und Segen, halfen beim Gebären und beim Sterben in Zeiten, in denen die Menschen noch wussten, daß es dasselbe war.  Sie wurden überall mit Freude empfangen …alles nur Vermutungen, Erdachtes, Herbeiphantasiertes?

Wer weiß, wie es wirklich war.

Manchmal träume ich davon, und das schon ganz lange, daß es sie nicht nur im Norden in den Geschichten der Edda, oder hier im Süden als dreieinige Berggöttin Frau Percht gibt, sondern die ehemaligen Bethen heutige Frauen sind, die zu dritt erscheinen, wenn man sie ruft, weil man ihre Hilfe braucht.

Und manchmal träume ich dann diese Sehnsucht, eine von ihnen zu sein und Segen zu spenden beim Hinein- oder Hinausgehen  oder einfach beim Da Sein.

Wir segnen dieses Haus und alle, die da gehen ein und aus.
20 + Katharina + Margarete + Barbara + 26

 

Der Hirschensprung.

Die Stürme wehen ums Hauseck und bringen die erste flauschige Schneeschicht, die wie ein weißes Papier vor der Tennentür liegt. Ich drehe den Besen um und male Achter hinein, große, kleine, stehend und liegend. So unendlich wie die Zahl ist alles. Ein ewiges Kreisen um eine Mitte, die wir nicht kennen und was bleibt von unserem „Stirb und Werde“ – Flug durchs All, auf dem wir verglühen? Eine Handvoll Sternenstaub, aus dem alles hervorgeht , und dahin zurückkehrt. Aber vielleicht ist ja alles auch ganz anders.

Die Jahre kommen und gehen und das neue schiebt das alte bis zum Horizont. Dort am westlichen Ufer, fällt es dann wie die Sonne am Abend hinunter in den Chiemsee. Soll der doch damit machen was er will, mit diesem Schrottplatz der ausgedienten Jahre.

Alles wird weitergehen wie bisher, die Jungen werden alt und die Alten sterben. Die einen werden weiterhin vergeblich auf den Weltfrieden hoffen, andere werden weiterhin anonym in den Netzwerken jammern, wehklagen und dauerstänkern über die Fehler und die Schlechtigkeit der anderen, es wird weiterhin ganz Reiche und ganz Arme geben und im Sudan werden weiterhin Hunderttausende verhungern, während wir unsere vollen Feiertagsbäuche  spazieren schleppen. Es wird weiterhin alles geben, Menschen werden lachen und weinen, sich streicheln und erschlagen.

Ich werde dem Dasein hier auf dieser Erde weiterhin trotzig mit Zuversicht begegnen und aus dem, was mir entgegenkommt, das Beste machen, was mir möglich ist … und es ist erfahrungsgemäß immer viel mehr möglich, als man denkt und Lachen ist hilfreich auf dem Weg.  Und ich werde unverbesserlich daran glauben, daß das Glück immer da ist, wir müssen halt die Augen aufhalten, um es zu sehen. Und die Freude ist auch immer da, wir müssen gar nichts dafür leisten, wir bekommen sie in Hülle und Fülle vom Universum geschenkt.

Frau Percht mit ihrem Gefolge scheint sich in diesen Rauhnächten einen Jux mit uns zu machen. An einem Tag klirrende Kälte, am nächsten lauwarme Föhnwinde, jetzt beginnt in ein paar Stunden die 11. Rauhnacht und alles ist schneebedeckt und wird von einem zauberhaften Vollmond bestrahlt. In den Schüsseln voll mit Katzenfutter für all die,  die sonst nirgends was bekommen, liegen am Morgen nicht mal ein paar Krümel, es scheinen viele Hungernde unterwegs zu sein. Daß die Tiere in den Rauhnächten sprechen, habe ich bisher nicht festgestellt, aber bei den alten Puppen, die mir eine sehr verwandte Seele geschenkt hat, da wispert es manchmal um Mitternacht, aber ich tue so, als würde ich nichts bemerken, ich will sie nicht stören, die alten Mädchen. Manchmal leuchten ihre Augen im Kerzenschein auf. Sie bringen ihre Geschichten mit und ich werde sie bald zu meinen Puppen setzen …

Die Zeit ist merkwürdig und wankelmütig, alles scheint zugleich richtig und falsch zu sein, auch das Gegenteil.

Ich sitz auf der Hausbank und schau zu den Sternen hinauf. Neben mir sitzt das Nichts.
Der alte Freund vom Papa, der Wast, hat zum Längerwerden der Tage immer gesagt:

An Stephani um einen Mückenschritt,
an Neujahr um einen Hahnentritt
an Dreikönig um einen Hirschensprung

und an Lichtmeß um eine ganze Stund.

Den Hirschensprung merkt man schon.

Und der große Engel am Kommunalfriedhof in Salzburg schaut aus, als wär ihm ein Löwenkopf gewachsen … sage ich zum Nichts.

Das Nichts sagt nichts.

StadtLandFluß ( U,V,W,X,Y,Z )

 

Die Untersberger
Die Venediger
Die Walenbücher
Die Zaunreiterin

Die Reise durch das Alphabet in StadtLandFluß kommt langsam zum Spielende. Die letzten Buchstaben bewegen sich in den Reichen der unsichtbaren vergessenen Völker, von denen nicht viel mehr übriggeblieben ist als ein paar rätselhafte Sagen, die niemand mehr versteht und, die als Plüschzwerge mit roten Zipfelmützen reproduzierten Nissemen, zugewandert aus Skandinavien. Ich lebe in einer Gegend des Alpenvorlandes, wo es Ortschaften gibt, die noch so heißen, wie der örtliche Riese, Straßen mit dem Namen des Drachen, der dort hauste und wo es einen Berg gibt, der frei auf einer Ebene dazustehen scheint, ein massiver Gesteinsbrocken mit einer Scharte, in der die Sonne um Mittag hindurchleuchtet. Ein heiliger Berg, von dem der Dalai Lama einst behauptet hat, dieser Berg sei das Herzchakra der Erde. Zu Hunderttausenden pilgern die Menschen immer schon hinauf, suchen in seinen weiten Eishöhlen und in allen seinen Falten und Kammern nach verborgenen Geheimnissen, niemand hat bis jetzt gefunden, nach was er gesucht hat; ein paar wenige haben Erlebnisse, über die sie nicht sprechen, manche berichten wirres Zeug und hin und wieder im Lauf der Jahre verschwindet mal jemand auf Nimmerwiedersehen.
Es gibt die Geschichte vom Kaiser Karl und den Raben und es gibt die Geschichte vom  Gitschner Lazarus, der in den Berg hineingebeten wurde und Unglaubliches gesehen und erfahren hat. Er war bei den „Untersbergern“ gewesen, einem geheimnisvollen Volk im Inneren des Berges. Es scheinen dort sonderbare Leute in einer Art Paralleluniversum gelebt zu haben, irgendwer hat sie irgendwann verniedlichend Zwerglein genannt, sie werden in vielen regionalen Sagen erwähnt, aber der Glaube an diese Welt im Berg ging verloren, weil man mit den alten Kräften nichts mehr zu tun haben wollte.Man kann sie weder sehen noch hören und auf die Frage, ob diese alten Völker jemals existiert haben, gibt es keine Antwort. Obwohl – womöglich stehen die Antworten in den Sagen direkt vor unserer Nase, wir erkennen sie aber nur deshalb nicht, weil die Lösung der Rätsel zu einfach ist und zu direkt, um es zu erfassen. Die Wahrheiten schlagen uns förmlich ins Gesicht, aber wir müssten, um zu begreifen ein einsames Warten im Nichts aushalten, der dunkle Advent würde sich anbieten, die Membran ist dünner als sonst zu anderen Welten und Wesen, die dort leben. Durch alle Märchen und Sagen kommen die Aufforderungen, still zu sein, nicht zu sprechen, egal, was passiert, zu horchen und zu schauen, zu helfen in der Not und auf keinen Fall das große Geheimnis verraten. Das war schon unter Androhung der Todesstrafe in Eleusis so und ist im Berchtesgadener Land nicht anders.

Wer waren also die Untersberger? Warum gibt es in Kirchen hinter dem Altar lose Bodenplatten, unter denen Gänge zu geheimen Orten führten? Um Mitternacht kamen die Untersberger von unten herauf und hielten eine Messe, dann verschwanden sie wieder. „Schrazellöcher“ heißen diese unterirdischen Erdställe, niemand weiß etwas darüber.

Über die Sagenwelt zu sprechen ist eine Gratwanderung zwischen denen, die das Ganze für Blödsinn halten und den selbsternannten Schamanen, die sich als Entdecker von geheimen Spiegelwelten verkaufen.

Als ich in der blauen Stunde den Berg im Föhnlicht anschaue, kommt er mir vor wie ein riesiges Wesen, das ausgestreckt daliegt und seine tiefen Wunden leckt, die mit den Marmorbrüchen in seinen Leib geschlagen wurden. Wird er berührt von all den „Spirit“ Forschungen, Annahmen, Ritualen um seine angeblichen Geheimnisse die Spiegelweltesoterik und die gierige Ausbeutung der Gitschnergeschichte, dem Suchen nach dem Sinn unseres Lebens und nebenbei dem gewinnbringenden Verkauf neuentdeckter Kraftplätze und deren Tourismus … Wo sind sie geblieben, die Untersberger, die seine Adern bewacht haben. Plötzlich sehe ich diesen großen runden Stein, noch nie ist er mir aufgefallen … wie ein Wächter kommt er mir vor, die Heiligkeit beschützend. Und dann fällt mir diese geheime Schrift ein, die sich angeblich in silbernen Buchstaben dem Lazarus Gitschner bei den Untersbergern im Bergesinneren gezeigt hat:

„Surget satum“ … aufgehen wird, was gesäet.

Ich verhalte mich dem Ganzen gegenüber eher agnostisch, ich würde gerne an das kleine Volk glauben, an Moos- und Holzleute, die sich verwandeln konnten in Eulen, und daß beim Fällen eines Baumes sein Waldgeist auch stirbt, aber es fällt mir schwer, und doch halte ich alles für möglich. Und ich hatte ein paar persönliche Erlebnisse mit etwas, was ich vorsichtig „Anwesenheit“ nennen möchte, die mir sehr deutlich gezeigt  haben, daß es eben doch unglaublich viel gibt zwischen Himmel und Erde … darunter ist auch diese Geschichte, die mir vor sehr langer Zeit der Vater meiner Schulfreundin, ein ansonsten wortkarger, gottesfürchtiger  Bauer, der niemals gelogen hätte, erzählt hat. Ein kleiner Mann sei neben ihm hergegangen am Weg von der Kirche nachhause. Am Waldrand, ich kenne den Weg. Das Männlein war sehr klein und trug einen großen Hut. Gesprochen haben sie nichts, dann ist es so plötzlich wie es gekommen war, wieder verschwunden.

Wer die sagenhaften „Venediger“ waren, das weiß niemand. Es scheint Menschen gegeben zu haben, die Erze erspüren konnten, „fühlig“ waren. Manches spricht dafür, daß sie aus der Gegend von Venedig kamen und auf der Suche nach Mineralien waren für die Herstellung von kobaltblauem Glas. Es waren „Welsche“, fremd, südländisch, eher klein von Gestalt. Man erfuhr nichts von ihnen, wahrscheinlich wurden ihnen die Zauberkräfte nur angedichtet und vor allem, da sie in Bücher schrieben, wurde ihnen das Wissen um große Schätze unterstellt. Die genaueren Schatzkarten sollen sie angeblich in den „Walenbüchern“ verzeichnet haben. Ihre Existenz verschwimmt in den Nebeln von Märchen und Sagen. Ihre größte Kunst scheint das plötzliche Auftauchen und wieder Verschwinden gewesen zu sein.

Auf meinem Weg durch das Alphabet bin ich beim X angelangt und finde das Christogramm der Buchstaben Chi und Rho und irgendwo steht geschrieben, daß dieses P, an dessen Längsstrich sich ein X kreuzt nicht nur das Erkennungszeichen der ersten Christen bedeutet,  sondern auch das Zeichen ist, das den Tod besiegt.

Dann kommt das Y, ein Buchstabe, zu dem mir nur die Weltenesche Yggdrasil einfällt, an deren Wurzeln die Nornen ddas Menschengeschick spinnen und weben. Das gehört zur nordischen Mythologie, hier im Süden haben wir die drei heiligen Fräulein, die wohnen in Höhlen und hängen die Wäsche zwischen zwei Berggipfeln auf, sie singen und lachen laut, die mittlere ist die Margarete und die tanzt mit dem Drachen.
Frau Percht, die uralte Tod und Lebenzuteilerin fliegt mit ihrem Gefolge der wilden Jagd über das Land, sammelt Seelen ein und teilt aus. Zur Zeit liegt sie wahrscheinlich auf diesen warmen Föhnwinden und läßt sich schaukelnd von ihnen tragen…

Die Zaunreiterin bildet das Ende des Buchstabenreigens, obwohl sie weder Anfang noch Ende bedeutet, sie wandelt auf dem Zaun als Grenzgängerin zwischen den Welten, zwischen Wildnis und Zivilisation, Bekanntem und Unbekanntem, Drinnen und Draußen, Diesseits und Anderswelt. Eigentlich aber steht sie in beiden Welten gleichzeitig, mit dem einen Bein auf der einen und mit dem anderen Bein auf der anderen Seite vom Zaun.
Sie kann das Gras wachsen sehen und hört den Gesang der Sterne, sie versteht die Sprache der Tiere und kann Wunden heilen. Sie ist überall und gehört nirgendwo dazu, manchmal sitzt sie auf dem Zaun über dem Abgrund, läßt die Beine baumeln und singt das alte Mondlied.

Ich werde mich in eine Eule verwandeln und ihr Gesellschaft leisten heute Nacht …

 

 

 

StadtLandFluß ( S, T )

Seit Wochen treibt der Föhn, dieser liederliche Halunke, sein Spiel in der Troposphäre, tanzt über das Alpenvorland, schiebt die riesigen dunkelblauen Steinbrocken des Gebirges vom Horizont weg so weit ins Landesinnere, daß man ihnen auf der Straße bald nicht mehr ausweichen kann. Am Himmel dahinter lodern rote Flammen. Auch in der Nacht der Toten zum 1. November hin schleicht er verlogen warm über den Gottesacker und streicht mit zarter Sommernachtshand über Nacken und Gesicht und er findet immer die Lücke, und sei sie noch so klein, da, wo die Tür zur Seele nicht fest verschlossen ist … da weht er hinein und da spürt man dann die alten Wunden und die Sehnsucht, von der man gemeint hat, daß sie endlich verschwunden wäre, weil man eh nie wusste, woher sie denn gekommen ist und warum und wo man mit ihr hin  soll. Und dann zieht er weiter, schlängelt sich um die Gräber und läßt mich mit „Ma solitude“ zurück.
Ich zünde eine Kerze an am Grab der Altvorderen und bin ganz alleine, der Mond spiegelt seine Sichel in den blankgeputzten Grabsteinen, im unruhigen Flackern der vielen echten und falschen Kerzen wehen von den Blumen dunkle Schlieren über die Gräber. Die unscharfen Gestalten, die gelangweilt an den Grabsteinen lehnen, werfen schon lange keine Schatten mehr, sie sind selber welche. Einige von ihnen kannte ich, als ihre Herzen noch schlugen, hier an diesem Ort ist das jetzt alles egal und wir sind an Kontakt noch viel weniger interessiert als wir es früher waren. In Mexiko tanzen sie jetzt auf den Friedhöfen, sind fröhlich und berauscht, singen und lachen und tun so, als würde La Muerte selbstverständlich mittanzen wollen, weil es doch im Grunde keinen Unterschied gibt zwischen Geburt und Tod, Leben und Sterben … ausgedacht von einer humorvollen Gottheit, die sich einen Jux machen wollte … wozu also weinen und klagen, besser ists allemal, den Reigen zu tanzen, an einer Hand die graue Dame, an der anderen ein Kind … Musikanten spielt auf, laßt uns fröhlich sein und den Herrgott einen guten Mann!
Hierzulande wird aber nicht getanzt mit den Toten. Hier stehen wir am Friedhof, sind froh, daß wir noch nicht dort unten liegen und der Pfarrer segnet mit vielen Litern Weihwasser die Gräber, warum ausgerechnet die einen Segen brauchen ist nicht restlos geklärt, ich vermute darin eine uralte magische Handlung zum Bannen der Toten, damit sie nicht heraufkommen und sich die Lebenden holen. Von der nächsten warmen Bö lasse ich mich fangen und wir tanzen durch das Friedhofstor hinaus in die Nacht, der Wind singt mit mir leise das Lied, das wir alten Kinder gesungen haben:

„Sur le pont d’Avignon l’on y danse, l’on y danse,
sur le pont d’Avignon l’on y danse tout en rond.“

Der Föhn ist davon geschwebt und jetzt hat es geschneit. Noch bevor der Schnee kam, waren sie schon komplett verschwunden, die Tintlinge – (Coprinus sensu lato) –  mit ihren Familien hinter dem alten Haus. Alles begann mit einem wunderschönen Wesen, das plötzlich über Nacht seinen  Kopf mit weißem, walzenförmigen Schuppenhut auf  sehr schlankem Hals aus der Erde schob. Weitere folgten und bildeten Familiengruppen. Im Laufe der Zeit veränderten sie drastisch ihre Gestalt, die Kappen wurden breit und ausgefranst und dunkelblau, fast schwarz. Diese Farbe, die man früher als Tinte benutzt hat, sorgt dafür, daß sie sich selbst auflösen, wenn ihre Zeit gekommen ist. Plötzlich sind sie verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Sie sind einfach weg ohne die geringste Spur zu hinterlassen.

Von Geheimnissen sind wir umgeben, um ihnen zu begegnen braucht man keine weiten Reisen, oft genügt es, einfach nur hinters Haus zu gehen und sich umzuschauen.
Wenn ich zum Nußbaum gehe, an dessen Ast die eiserne Pfanne hängt, aus der mein Vater einen katzensicheren Vogelfutterplatz mit Dach machte, streift mich immer ein Zweig am Arm, wie zur Begrüßung. Und wenn ich die Sonnenblumenkerne auffülle, pfeife ich immer die gleiche kleine Melodie und dann höre ich schon währenddessen leises Flattern und Gezwitscher und kaum bin ich ein paar Meter weg, kommen schon die ersten zum Fressen. Allen voran der Specht, wie immer elegant gekleidet mit leuchtend rotem Wams und schwarzweiß gepunktetem Hemd unter dem Schwarzen Frack, kommt gerne kopfüber am Stamm herunter, wenn er gerade in der Gegend zu tun hat.

Das alte Haus ist in nervöser Aufruhr, wir haben schwere Bauernkästen und Truhen an andere Plätze geschleppt und geschoben, herum- und aufgeräumt, solche Veränderungen mag das Haus nicht, es ist gewöhnt an die alten Ordnungen und reagiert mit verirrten Energieströmen, die wie abgerissene Elektrokabel lose herumkriechen. Auch ein Haus braucht Zeit, sich in veränderten Gegebenheiten zurechtzufinden.

Der eingewinterte Kaktus hat eine Knospe geboren.

StadtLandFluß ( Q, R )

Riesige Quellwolken türmen sich am Himmel, der genauso tiefblau ist wie der Eimer, der bis zum Rand voll mit Birnen und Äpfeln im Gras neben mir steht. Die Wolken sind überirdisch strahlend weiß, so weiß, wie mein Kleid sein sollte, in dem ich zur Erstkommunion gehen würde. Alle Mädchen hatten neue weiße Kleider an am Kommunionstag, nur ich nicht, denn meines war ausgeliehen von der Cousine, war aus teuerem Stoff, hatte aber eine Art Gelbstich und führte dazu, daß ich an meinem Ehrentag unglücklich war und mich schämte vor all den strahlend weißen Mädchen. Unerfüllte Sehnsüchte gingen immer neben uns herum und manchmal haben sie sich aufgetürmt wie die Quellwolken am Himmel und manchmal rannen sie mit dem Gewitterregen herab und versanken im Boden. Mein Vater wäre gerne ein Bauer gewesen, weil er sich nach all der Anerkennung gesehnt hat, die derjenige erfährt, der genug Land besitzt und Wald und Tiere, um „dazuzugehören“, aber der Hof war viel zu klein und Armut erfährt keine Achtung … niemals. Meine Mutter hatte Sehnsucht nach dem Theater, aber der Weg auf die Bühne war für immer versperrt.
Als es damals im nahegelegenen Marktflecken noch ein Kino gab, sind sie manchmal mit dem Motorrad hingefahren und haben sich begeistert „Ben Hur“ und „Quo vadis“ angesehen.

Quo vadis?

An einem Abend schaue ich zu, wie die Sonne am Horizont zum glühenden roten Ball wird und langsam in den See eintaucht. Ich denke an die Blogfrau aus dem Waldviertel und an dieses Bild der Sonne in ihrem letzten Blogbeitrag, in dem sie ausrichten ließ, daß es sie in dieser Welt nicht mehr gibt. Ein schönes, stilles Bild mit der untergehenden Sonne … oder geht sie auf … oder ist das womöglich ein und dasselbe? Wohin gehen wir, wenn wir gehen, ins Nichts … ins Nirgendwo? Und nehmen wir da unsere ganze Sehnsucht, unsere Not, unsere Freude, unsere Liebe mit oder lassen wir sie da?
Es berührt mich, wie schnell wir verschwinden, jahrelang hab ich Ingrids Texte gelesen, dann waren ein paar Andeutungen von Krankheit, Leben und Sterben, dann nichts mehr und dann dieser letzte, von ihr beauftragte und überbrachte Satz: „Alles ist gut“. Leb wohl, Waldviertelfrau und möge die Reise leicht sein für Dich dort oben auf dem Weg durch Zeiten und Räume bis hinter die Sterne.

Der See ist rot und brennt, der Feuerball hat ihn angezündet. Bald ist alles vorbei und wie Tusche auf die Glasplatte wird die Nacht dunkelblau in den See tropfen. Das Geheimnis ist dieser Bruchteil der Sekunde des Übergangs, da soll man es sehen, der Legende nach, wenn man zu den wenigen Auserwählten gehört und ich warte … und ich würde gerne den alten Mann fragen, der neben mir auf der Bank sitzt, ober auch er wartet und ob er die Geschichte kennt . Und, daß wir jetzt zu zweit auf der Bank sitzen und schauen und warten, wie die beiden jungen Leute im Film von Eric Rohmer, die aber wie in allen Filmen von Rohmer soviel reden, daß sie es womöglich übersehen würden: „Das grüne Leuchten“. Aber ich sage nichts, sondern schaue ihn nur an und sehe ein Faltengesicht mit sehr hellen  Augen und er lächelt und ich lächle auch. Dann steht er auf, hebt seinen Hut hoch und sagt: „Gute Nacht“,  und dann geht er.

Ein kleiner heller Streifen bleibt am Horizont, ansonsten ist es Nacht geworden. Der Parkplatz ist finster und leer, nur mein Auto steht im hintersten Winkel. Auf dem Autodach liegt etwas und fällt herunter, als ich die Türe öffne. Ein winziger Blumentopf mit einer kleinen Rose.
Rosarot leuchtet sie in die Dunkelheit.

 

StadtLandFluß ( O, P )

„Kopf hoch stirbt sich leichter“
Hjalmar Ringo Praetorius
auf dem Oktoberfest

Es ist wieder Oktoberfest und die einen schimpfen 14 Tage und die anderen haben ein langes Jahr darauf gewartet und gespart, den Urlaub dementsprechend eingeteilt, bis es endlich soweit ist und sie sich gierig hineinwerfen können in den großen Rausch und in das schillernde Spektakel der großen Illusionen. Ob hierbei diejenigen, die ewig stänkern und nüchtern das Ganze als Volksverdummung entlarven, glücklicher sind als diejenigen, die sich dem großen Rausch hingeben und irgendwann wieder im Alltag erwachen mit einem riesigen Kater … ich wage es zu bezweifeln. Ich liebe Rummelplätze und habe es damals sehr genossen, ein paar Jahre in unmittelbarer Nähe der Theresienwiese zu wohnen. Man muß es halt mögen, daß zwei Wochen lang ein Geruch von gebrannten Mandeln und Steckerlfisch  über der Stadt schwebt, man von überall her das Riesenrad sieht und immer so ein Grundrauschen zu hören ist, das es nur im Zusammenklang der Rummelplatzgeräusche gibt, diese einmalige Kakophonie von Stimmen und Musik, ich mag das. Zweifellos gibt es unangenehme Auswüchse wie überall, wo Menschenmassen angetrunken aufeinanderprallen. Aber es wird ja niemand gezwungen, hinzugehen und für einen schlecht eingeschenkten Liter Bier 16 Euro zu bezahlen oder 19 Euro für ein verhutzeltes kleines halbes Brathendl oder 400 Euro für ein Steak.

Wenn es nicht schier unmöglich wäre, einen Parkplatz zu finden, würde ich gerne wieder einmal über das Festgelände gehen, dem Vogeljakob und dem Orchestrion zuhören, mit der Krinoline fahren, eine Fischsemmel essen, eine Tüte mit diesen wunderbaren quadratischen Kokosnußbonbons, Magenbrot und mir vom türkischen Honig den Mund verkleben lassen und dann nochmal eine Fischsemmel … dann hat man aber genug des Guten und die gebrannten Mandeln werden daheim verzehrt. Ich mag gerne irgendwo herumlungern, bei den Fahrgeschäften zuschauen, ein paar Rosen schießen, die Schausteller beobachten, wie sie beim Autoscooter ihrem Job nachgehen und am aller-allerliebsten beim „Schichtl“ stehen und einer Art Vorprogramm zuschauen, das die Leute in die Vorstellung locken soll, immer untermalt mit dem Song der Andrew Sisters. Der Schichtl ist das älteste Schaugeschäft auf dem Oktoberfest und der Spruch: „Auf gehts beim Schichtl!“ ist längst ein geflügeles Wort geworden für alle Lebensbelange, die angepackt werden müssen. Viele Generationen und viele Jahrzehnte hindurch wurde und wird das gleiche Programm gespielt, auf das ein Schild hinweist: „Heute Hinrichtung“!

Die Vorführung hat immer den gleichen Verlauf: im Mittelpunkt steht die Hinrichtung. Irgendwer wird aus dem Publikum ausgewählt, wird zur Guillotine gebracht und geköpft. Der blutige Kopf rollt in einen Korb. Der Trick ist so perfekt, daß man es mit der Angst zu tun bekommen könnte. Selbstverständlich kann man sagen, daß auch Kult ein Blödsinn sein kann. Ich sage, es ist bestes absurdes Theater und es ist schon ziemlich absurd, sonst wär es ja kein absurdes Theater, allein schon wegen dem Schausteller, der den Henker gespielt hat. Sie sagten „Ringo der Schreckliche“ zu ihm, sein Name war: Hjalmar Ringo Praetorius. Er war eine imposante Figur, weiß geschminkt, schwarz gekleidet mit Zylinder. Und zu den Delinquenten, die zur Hinrichtung geführt wurden sagte er immer: „Kopf hoch stirbt sich leichter.“

Vor vielen Jahren suchte die Firma Schichtl dringend einen Henker, das Oktoberfest rückte immer näher und es fand sich keiner. Durch einen Hinweis aus der Bevölkerung auf einen ziemlich besonderen Typen fragte man den Ringo, der war zwar noch nie auf einer Bühne gestanden, sagte aber sofort zu und seitdem tat er Dienst als Henker im blutrünstigen Spiel beim Schichtl auf dem Oktoberfest.
Der Chef vom Schichtl sagte über den wohl nicht ganz einfach zu handhabenden Ringo: Es war unmöglich, ihn zu mögen, aber noch viel unmöglicher, ihn nicht zu mögen. Vor ein paar Monaten ist er nun gestorben und im jetzigen Schichtlbetrieb ist sein ehemaliger Gehilfe aufgestiegen und tut seinen Henkersdienst im absurden Spiel so, wie er es vom Meister gelernt hat.
Leb wohl und ruhe sanft, schrecklicher Ringo, mag sein, daß Du eine  merkwürdige Gestalt warst, nicht einzuordnen in die gängigen Normen, ein kleiner Schausteller, der schnell vergessen ist und die Welt wird wieder einmal nicht merken, daß sie ohne Dich ein wenig ärmer geworden ist. Ich werde Dein Grab suchen und Dir eine Rose hinlegen.

Für mich ist ein Rummelplatz immer noch ein Ort freudiger Aufregung und verbunden mit der Freude der Kinderzeit, wenn ich gesehen habe, wie im Sommer auf der Bundesstraße die großen Lastwägen mit den zerlegten Karussellen in Richtung Kreisstadt gerollt sind. „Papa, das Volksfest kommt!“, hab ich gerufen und nach langem Betteln sind wir dann hingefahren. Wir hatten wenig Geld, aber für eine Portion türkischen Honig, heruntergesäbelt von einem schwarzhaarigen Mann mit Fez auf dem Kopf hats gereicht. Und eine Karussellfahrt. Und einmal ist mein Papa mit der Schiffsschaukel so hoch hinauf, daß er einen Überschlag gemacht hat. Daheim bin ich nur durch ein Riesenglück oder die Hand des Schutzengels an einer Katastrophe vorbeigeschlittert, als ich den Überschlag auf meiner Schaukel probierte, die mit Ketten an einer Eisenstange zwischen zwei Birnbäumen hing …

Ich  mag keine Bierzelt Atmosphäre und ich mag mich nicht betrinken, mich versetzen schon allein die Gerüche, die Stimmen und einfach dieses bunte Treiben in eine Art wohligen Rauschzustand und ich empfinde große Zuneigung für die  Clowns und die Schaustellerinnen und all die Narren dieser Welt, deren Arbeit es ist, uns zu unterhalten, damit wir für ein Weilchen über alles Schwere hinausfliegen und einfach nur ohne Grund lachen und glücklich sein können.

Ich bin ein sehr seßhafter Mensch von außen betrachtet, ich fahre nicht gerne los und ich komme nicht gerne an, aber ich liebe es, unterwegs zu sein auf der Straße, wie die Fahrenden… unterwegs …unterwegs …  einfach unterwegs …

StadtLandFluß (N)

Die Reise des Hutmachers ins Niemandsland und Nemesis, eine Tochter der Nacht, Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Links und rechts neben dem Bahngleis sind schmale Streifen Niemandsland. Da wachsen üppig die Goldreben und allerlei wildes Pflanzenzeugs, sich selbst überlassen so vor sich hin und wiegen sich im Fahrtwind der durchsausenden Züge. Vor ein paar Wochen kam der junge Hutmacher zum Bahnhof, zog sich im Fahrgasthäusel aus, faltete seine Kleidung sorgfältig zusammen auf der Bank, ging ein paar Schritte an den Schienen entlang und legte sich dann auf das Gleis vor den einfahrenden Zug.

Es hat in der Zwischenzeit geregnet und alle sichtbaren Spuren sind weggewaschen. Die Goldreben wiegen sich im Fahrtwind und alles ist wie immer im Niemandsland und schaut aus, als sei nichts gewesen. Das Entsetzen und das Gerede darüber haben aufgehört, zumindest hört man nichts mehr. Ob die Stimmen innendrin auch schweigen, weiß man nicht, denn man kann ja in die Innenräume der Menschen nicht hineinhören.

Ein Niemand ist ein namenlos, herrenlos niemandem zugehörig seiendes Etwas – die Verneinung von Jemand, dazu gehören z.B. Findelkinder und Fahrende. Es ist mir dieser „Niemand “ ein Rätsel, ich benutze den Ausdruck sehr oft, ohne genau zu wissen, was er bedeutet, wir benutzen ihn für etwas nicht vorhandenes und doch ist es ja da und gegenwärtig, allein schon durch seinen Namen. Das wunderbarste Lied, „einen Walzer für niemand“ hat Sophie Hunger geschrieben, es entspricht meinem Gefühl als Niemand unterwegs im Niemandsland zu sein …

Auch hier im Netz bewegen wir uns ja in einem Niemandsland. Eine ehemalige Bloggerin, die „Stattkatze“ hat eine Art Abschiedsrede gehalten, als sie ihren Blog geschlossen hat. Sie erzählte von den Anfängen dieses Bloguniversums, damals ohne Kommentare oder Likes, aber mit diesem starken Gefühl der Anwesenheit anderer, deren Texte miteinander kommunizierten, da waren lautlose Stimmen aus dem Nirgendwo … ein ganz spezieller Zauber und eine vertraute Verbundenheit ohne persönlich miteinander zu sprechen. Eine ganz eigene Welt, eine eigene Wirklichkeit. Dann hat man wohl begonnen, Bloggertreffen zu organisieren und sofort war der Zauber verflogen und konnte nie mehr wieder hergestellt werden, die verschiedenen Formen der Wirklichkeit haben es schwer miteinander. Ich glaube nicht, daß die eine Wirklichkeit ehrlicher ist als die andere, aber wir haben in jeder Wirklichkeit eine andere Existenz, die sich mitunter sehr sehr fremd sind. Das Netz hat vollkommen andere Gesetzmäßigkeiten im Niemandsland seiner Daseinsberechtigung.

Die Nemesis kommt allerhöchstens mal im Kreuzworträtsel vor, womöglich auch da als Rachegöttin, zu der sie im Laufe der Jahrhunderte mutiert zu sein scheint. Im äußerst komplizierten Götterhimmel der griechischen Antike ist sie die Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit und der Zuteilung des Gebührenden.  Ihre Attribute sind ein Zweig vom Apfelbaum und an ihrer Seite als Begleitung ein Greif. Es gibt kaum Beweise für eine große kultische Bedeutung. Sie war eine Tochter der Nyx (Nacht), die mit Chronos die Moiren erschaffen hatte, das waren die drei mächtigen Schicksalsgöttinnen Lachesis, Klotho, Atropos., von denen die Etrusker sagten, daß diese drei weit über allen Göttern stünden.

Diese mächtige weibliche Dreiheit kommt aus uraltem  Menschengedenken und hat viele Namen. Hier im Alpenraum konnte das Christentum trotz aller Bemühungen den magischen Kult des Volkes um die drei alten Göttinnen nicht ausrotten und so werden bis heute Barbara, Margarete und Katharina immer noch zum Kreis der 14 Nothelfer gerechnet.

Ob noch was übriggeblieben ist von uralten naturmagischen Ritualen, wo es um das Ehren, die Achtung und die Dankbarkeit für Hilfe in der Not von diesen helfenden heiligen Geistwesen geht … ich wage es zu bezweifeln. Man kennt ihre Namen, aber welche Hilfe bräuchte man von ihnen in Zeiten der alles beherrschenden toten Rasenflächen und der Industriegraswiesen ohne Glockenblumen und Margeriten?

Und wer mag mit Nemesis was zu tun haben … wo um Himmelswillen sollte sie auf dieser Welt anfangen, ausgleichende Gerechtigkeit auszuüben und dort Gebührendes zuzuteilen, wo es von Nöten ist…?

Oder passiert Gerechtigkeit schon, aber ganz anders, als wir vermuten …

Ich gehe im Niemandsland der fallenden Äpfel herum und pflücke Dir ein Zweiglein, Nemesis, bevor ich Dich wieder vergesse und hinter dem Baum steht Niemand und sagt: komm, laß uns den Niemandswalzer tanzen, unbedingt auch linksherum, sage ich.