Briefe an die nahe Ferne ( 15 )

Zwischen gesern und heute steh ich vor dem Haus mit der Laterne in der Hand und weiß nicht so recht, was ich damit anfangen soll. Um halb eins in der Nacht vor 16 Jahren ist mein Vater in seinen 85. Geburtstag hinein gestorben. Da, wo er jetzt ist, oder nicht ist oder doch oder irgendwas, da gibt es keinen Blick mehr auf eine alte Tochter, die sich auf die Hausbank setzt und friert und an einen Vater denkt, der so lange schon nicht mehr auf dieser Welt existiert. Aber ein Vater bleibt immer ein Vater, auch wenn es ihn nicht mehr gibt. Auch meine Mutter bleibt meine Mutter, obwohl ich lange schon ihr Geburts- und Sterbedatum vergessen habe.

Die Kälte kriecht mir über den Rücken. „Ein schneidiges Winderl geht da draußen“, tätest Du sagen, Papa. Ja, wir haben die kalte Sophie. Du hast immer gesagt: 15.5.25, am Tag der kalten Sophie, dieses Geburtsdatum kann man sich gut merken, gell, lauter Fünfer!
Ich sitz da und weine ein bisserl, was soll ich auch sonst tun mit der Vergeblichkeit.

Die Pfingstrosen sind noch nicht aufgeblüht, Papa, aber der uralte Rhabarber hat riesige Stangen.

Was bleibt von uns … bleibt überhaupt was? Heute in der Metzgerei wollten mir plötzlich die Tränen herunterlaufen, grad, während die sehr freundliche Verkäuferin die Kassler Ripperl heruntergehackt hat. Da hab ich Dich plötzlich gesehen beim Metzger, wie der Clint Eastwood, im Western, die Virginia im Mundwinkel, undenkbar heute, aber damals durftest Du das, die Frauen in den Geschäften haben das ganz selbstverständlich erlaubt und Dich in Deine klitzeblauen Augen hinein angehimmelt … wie in „Für eine Handvoll Dollar“, nur Dein Hut war nicht der eines Cowboys, sondern ein Trenkerhut.

Ich sollte immer sagen: mein Vater ist ein ganz einfacher Mann. Das wollte er so.

Aber geh, Papa, du konntest Schpenhauer und Nietzsche passagenweise zitieren, hast mir dringend geraten, „Die Brüder Karamasov“ zu lesen und mich gelehrt, die alten Meister zu sehen … komisch, ich kann mich nicht erinnern, daß wir mal über den rätselhaften „sechsten Finger“ an der Hand von Papst Sixtus auf dem Gemälde von Raffael mit der Sixtinischen Madonna gesprochen hätten und die Wolken, die doch eigentlich Engelsköpfe sind … wie gerne würde ich heute nach Dresden fahren und mit Dir vor unserem Lieblingsbild stehen und über die Zahlensymbolik sprechen. Bis jetzt konnte ich nicht hinfahren, weil ich mir das ohne Dich einfach nicht vorstellen kann.

Wir taten uns manchmal schwer miteinander. Wir sind extrem dünnhäutig, sagte mein Vater . Ja, und deshalb konnten wir uns auch sehr verletzen. Ich war nicht exakt die Summe seiner Teile, so wie er sich das gewünscht hätte. Wir haben die gegenseitigen Erwartungen nicht erfüllt und uns das nicht verziehen.

Man kann nichts daran ändern, daß Vieles nicht passt  und daß wir trotz großer Liebe immer wieder an allen Ecken und Enden aneinander scheitern. Eine Tochter kann ihrem Vater die Einsamkeit nicht wegmachen und ein Vater sollte nicht bremsen sondern anspornen. Aber wir  sind halt nur hungrige Menschen voller Sehnsucht und irren herum, dort, wo uns der Knobelbecher des Schicksals hingewürfelt hat.

Der Flieder ist schon bleich geworden, Papa, aber die Schneerosen blühen noch ganz heftig, wie alt werden sie wohl sein? So lange bist Du jetzt schon tot. In der Zwischenzeit bin ich alt geworden.

Was ist geblieben von Dir in mir? Das lebenslange Gefühl, nie irgendwo so richtig dazuzugehören, immer ein wenig fremd zu bleiben, eine leise Melancholie, die neben mir hergeht und nebenan sitzenbleibt, auch wenn man sich vor Lachen den Bauch hält.
Deine Einsamkeit habe ich erst richtig verstanden nach Deinem Tod.

Wo bist Du? Wo seid Ihr, die Ihr vorausgegangen seid? Seid Ihr ein Wispern im Wind, ein leises Rascheln in den Apfelbaumzweigen … ein Ton im Ruf der Eule?

Das Vogelhäusel, das Du aus einer gußeisernen Pfanne gemacht hast, hängt immer noch am Nußbaum, Papa, und wie eh und je sitzen die Vögel drin und schlagen sich die Bäuche voll.

Ich sitze da und beweine die Vergeblichkeit.
Die Kerze brennt immer noch.
Du hast Recht, Papa, es weht ein saukalter Wind, heut an der kalten Sophie, und der Wetterbericht redet immer noch von Schnee im Bergland. Aber  auch wenn die Pfingstrosen sich Zeit lassen, bis Pfingsten sind sie bestimmt aufgeblüht.

Ich würde Dich so gerne spielen hören auf der Zugharmonie, Papa.

 

Ich grüß Dich herzlich, liebe Kraulquappe

Briefe an die nahe Ferne (14 )

Es hat endlich geregnet, viel zu wenig, der Boden ist noch immer bedenklich ausgetrocknet. Aber alles, was wachsen kann ist in den paar Tagen, fast verdurstet, den rettenden Tropfen entgegengewachsen und ganz schnell aufgeschossen. Das Gras steht kerzengerade da, der Löwenzahn reckt sich empor, aber es kommt nichts mehr, die Sonne scheint wieder gnadenlos und die letzten Tropfen sind schon wieder verdunstet, sozusagen im Herniederfallen.

Das Leben geht so dahin, der Frühling ist angeblich ein lang ersehnter Aufbruch, aber von woher nach wohin? Der Winter war angeblich lang, ich habe das gar nicht so empfunden. Wir mußten nur zweimal Schneeräumen und es war auch nie so richtig bitterkalt. Die Jahreszeiten kommen und gehen und bevor man halbwegs in ihnen angekommen ist, hat sich der Kreis längst weitergedreht. Ein paar Kilometer weiter brennt seit Tagen der Wald auf einer Bergkuppe und konnte bis jetzt nicht gelöscht werden.

Heute, am 8. Mai ist ein Jahrstag, den niemand so richtig wahrnimmt, ich auch nicht. Lutz
hat auf seinem Blog darüber geschrieben, vielen Dank dafür!

Der Tag der Befreiung vom Naziregime, am 8. Mai 1945.  60 – 70 Millionen tote Mensche hat dieser Krieg auf der ganzen Welt hinterlassen. Sich die Zahlen anzusehen ist kaum auszuhalten. Und wenn ich die Parolen höre,  die auch heute immer noch und immer wieder auf den Straßen geplärrt werden, dann kriecht mir die nackte Angst über den Rücken.

In den Nistkästen wird eifrig gebrütet, man füttert sich gegenseitig, der Vogel, der grad Brütdienst hat, wird vom anderen mit Nahrung versorgt, um bei Kräften zu bleiben. Zwischendurch ruft der Kuckuck. Ob es noch Kinder gibt, die  seine Rufe zählen? Wir haben sie  gezählt und in noch verbleibende Lebensjahre übersetzt und viel gelacht dabei, weil wir überhaupt noch kein Gefühl dafür hatten, wie schnell das Leben vorbeifliegt und wir mit ihm.

Ich durfte im Marienmonat fast täglich bei unserer damals jungen Nachbarin im weißen, immer frisch gewaschenen und polierten VW – Käfer mitfahren in die abendliche Maiandacht im Kirchdorf. Da wurden diese magischen Marienlieder gesungen, die ich heute noch liebe:

„Meerstern ich dich grüße, oh Maria hilf … Gottesmutter süße, o Maria hilf.
Maria hilf uns allen, aus unsrer bitt’ren Not.“

„Maria breit den Mantel aus,
mach Schutz und Schirm für uns daraus“

Wie naiv, sagen Manche. Ich sage, es gibt immer wieder Situationen im Leben, da ist es ein Trost, zur Himmelsmutter hinaufzusingen, und sich in den Falten ihres großen Mantels zu verkriechen.

Liebe Kraulquappe, ich grüß Dich herzlich aus der fernen Nähe!

 

Briefe an die nahe Ferne ( 13 )

Vor Jahren ist einer aus dem Sauerland  ins südöstlichste Eck der Republik gefahren. Mit ihm wurde viel Holz geliefert und mit dem, was er so brauchte und  zwei mächtigen Boxen bezog er den Dachboden einer Scheune hier in einem kleinen Marktflecken im Berchtesgadener Land. Hier hat er die letzten zwölf Jahre in einem winzigen Dachkammerl gehaust und ein Wikingerschiff gebaut. Er wollte das originale Gokstadschiff nachbauen. Das ist ca 23 Meter lang, aber in die Scheune passten nur 20 Meter, also hat er maßstabsgetreu ein Schiff mit 20 Metern gebaut. Er ist kein Zimmermann und schon gar kein Schiffsbauer, er hat immer wieder irgendwo irgendwas gearbeitet, aber wie er das viele Geld aufgebracht hat und von was er die Schulden abbezahlt, steht in den Sternen. Er wollte sich einen Herzenswunsch erfüllen und einen großen Traum Wirklichkeit werden lassen und hat sich keinen Millimeter davon abbringen lassen, auch nicht von diversen Rückschlägen.
Ob er sehr beliebt war im Ort möchte ich bezweifeln, allein schon die Lautstärke seiner Musik praktisch Tag und Nacht und sein Kampf um dieses irrsinnige Projekt, bei dem er ja oft Hilfe brauchte, die er sicher nicht bezahlen konnte und überhaupt alles, was dazugehört, um etwas eigentlich total unmögliches zu erschaffen, und sein mitgebrachtes Naturell haben ihm wohl nicht nur Freunde gemacht. Aber jetzt vor ein paar Tagen kamen alle und schauten zu, wie das Schiff vom Parkplatz, auf dem es zwischengelagert war nach Fertigstellung, auf einen Schwertransporter verladen wurde.
Die Spezialfirma für Schiffstransporte kam aus Norddeutschland und der Fahrer manövrierte unglaublich professionell das Wikingerschiff ums Eck herum und dann das enge Tal hinauf zur Autobahn. Wir sind auch dagestanden und haben es bewundert, dieses wunderschöne nachgebaute Gokstadschiff und haben uns so gefreut, daß es am nächsten Morgen in Pula am Hafen liegen würde und dann … endlich … ins Meer gleiten darf.
Wir sind ihm noch bis zum Grenzübergang nach Österreich auf der Autobahn gefolgt, haben gewunken und uns gewünscht, daß alles gut läuft und das Ergebnis eines Lebenstraums dicht bleibt und nicht absäuft. Du wunderbarer Wikinger, Spinner, Träumer, Denker, Konstruierer, selbst erschaffener Schiffsbauer ahoj und viel viel Glück bei allem, was jetzt kommt.

Ein merkwürdiges Nebeneinander zweier Geschichten, die total unterschiedlich und doch fast gleichzeitig passiert sind: Als die Kraulquappe auf dem großen Wasser der Asche ihres Papas hinterher schaute, da machte sich hier grad einer auch auf den Weg zum Meer, um seinen großen Traum dorthin zu bringen, wo er mit geblähten Segeln mit dem Wind auf dem Wasser tanzt, der Sonne folgend.

Letzte Nacht war Walpurgis, leider ist unser alter Reisigbesen nicht mehr flugtauglich, also bin ich daheim geblieben, sollen doch jetzt die jungen Hexlein fliegen, wohin sie wollen, ich bleib am Feuer sitzen, rühre im Kessel, über mir der Vollmond und wir singen zusammen die Lieblingslieder meiner Kinderzeit!

Grüß Gott, du schöner Maien,
da bist du wiedrum hier,
tust Jung und Alt erfreuen,
mit deiner Blumenzier.
Die lieben Vöglein alle,
sie singen all so hell,
Frau Nachtigall mit Schalle
hat die fürnehmste Stell.

Die kalten Wind verstummen,
der Himmel ist gar blau;
die lieben Bienlein summen
daher auf grüner Au.
O holde Lust im Maien,
da alles neu erblüht,
du kannst mir sehr erfreuen
mein Herz und mein Gemüt.

Liebe Kraulquappe, einen Enzian auf Deinen Papa, meinen Papa, den Wikinger, auf uns, die Berge und das große große Meer! Ich grüß Dich aus der fernen Nähe und aus dem Herz!

Briefe an die nahe Ferne ( 12 )

Alles, was lebt, hat einen Kreislauf und das Leben selbst ist ein Kreis, das heißt, es gibt keinen Anfang und kein Ende, der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Anfang. Das ist schwer verständlich, aber keine Begründung dafür, daß es nicht so ist. Ich kann junge Pubertierende mit all ihren Nöten sehr gut verstehen, nicht nur, weil ich auch mal jung war, sondern, weil ich jetzt im Altsein wieder sowas Ähnliches durchlebe. Es fühlt sich Vieles  so an wie früher, der Körper verwandelt sich in ein völlig unbekanntes, schmerzhaftes Wesen, das mir Angst macht und mich verstört und ratlos sein läßt. Ich möchte Nähe und halte sie nicht aus, ach es gäbe soviel, was ich aufzählen könnte … Beziehungen werden kompliziert oder brechen ab, ich möchte viel fröhliche Gesellschaft um mich haben, die ich nicht aushalte, weil ich eigentlich meine Ruhe haben will, ich möchte von allem alles und auch das Gegenteil. Ich bin müde aber werde immer rebellischer und kämpfe gegen etwas an, was ich nicht sehe. All das und noch viel mehr kenne ich aus Jugendtagen und vor allem aus der Arbeit mit sogenannten schwierigen Jugendlichen. Der Kreis dreht sich und dreht sich, Kinder sind klein, werden größer, erwachsen und werden wieder kleiner und kleiner … ihr sollt werden wie die Kinder… Deshalb verstehen alte Menschen die für alle anderen  vollkommen unbegreiflichen Verhaltensweisen der jungen oft viel besser, man ist sich ähnlich im Fühlen und kennt die Einsamkeit.

Das Altwerden und Altsein ist nicht nur deshalb schwierig, weil man mit sich selbst überfordert  ist, sondern weil man signalisiert bekommt, man müsse sich halt anstrengen, gut zurechtmachen, ein fröhliches Gesicht, hübsche Frisur, ganz wichtig ist gut riechen, also Vermeidung von  säuerlichem Altersgeruch nach Urin und alten Schachteln, „aktiv am Leben teilnehmen“, um Einsamkeit zu vermeiden, Seniorengruppen beitreten oder im besten Falle, wie es ein kürzlich auf den Markt geschleudertes Buch lobpreist anhand von Beispielen über 70 jähriger Frauen: nochmal so „richtig durchstarten“, Firmen gründen usw.

Menschenskinder!

Ich bin alt und ich leide aus tausend Gründen darunter. Trotzdem bin ich neugierig, lache laut, bin leise, wenn ich laut sein soll und laut, wenn ich leise sein soll und ich liebe es, zu kommunizieren, ich liebe lange Gespräche mit schwierigen Themen, tausche gerne Gedanken/Träume mit Menschen, die welche haben und merke jetzt, daß dieses Thema so groß und heftig ist, daß ich eigentlich gar nicht darüber schreiben kann, warum ist das so kompliziert, einfach als Mensch betrachtet zu werden und nicht immer nur darauf reduziert zu werden, was man NOCH oder NICHTMEHR kann und im ständigen Bewußtsein zu leben, die letzte Etappe auf dem Lebensweg sinnvoll zu gestalten … als wären wir nicht alle auf diesem Weg, es gibt gar keinen anderen, wir haben alle nur diesen letzten Weg.

Erst kürzlich sagte jemand zu mir: Du hast ja noch so eine schöne Haut und Du bist ja noch so lebendig, Du wirkst einfach noch so jung, viel jünger, als du bist.

Noch. Noch. Noch.

Das alte Haus hat sehr merkwürdig reagiert, als Herr Graugans für eine Woche ins Krankenhaus mußte. Das Haus ist voll mit alten Bauernkästen und Truhen, tausend Büchern in unzähligen Regalen, viel zu viel Zeug überall, aber auf einmal war es ganz weit und wurde immer weiter, bis ich in leeren Hallen gelebt habe und schier verloren gegangen bin in dieser Weite. Seit er wieder da ist, hat sich alles wieder auf normale Raumgröße zusammengeschrumpft, aber es wartet noch ab, das spüre ich. Auch der Sichelmond ist wieder zum Solitär geworden, nachdem er vom Krankenbett aus betrachtet wie aus einer Geschichte von Murakami doppelt am Himmel stand.

In das  Eck unter dem Tisch, auf den jetzt die überwinterten Kakteen kommen, hinter zwei leeren Blumentöpfen, hat sich der Igel aus zusammengetragenem dürren Laub eine Schlafhöhle gebaut. Ich habe es nur durch diverse Grunzgeräusche tagsüber gemerkt und durch Sichtung all dessen, was wir Menschen üblicherweise ins Klo entleeren, wenn wir ein menschliches Rühren verspüren. Beim Igel, dem geliebten  Urweltvieh ist das so, daß er, wo er auch geht und steht in unzähligen Häuflein das verliert, was halt so übrigbleibt beim Verarbeiten des Katzenfutters.

Sei herzlichst aus der fernen Nähe gegrüßt, liebe Frau Kraulquappe

 

Briefe an die nahe Ferne ( 11 )

Als wäre alles ganz normal.

Auf der großen Leinwand im oberen Blau schwimmt eine weiße Wolke, die ausschaut wie ein Zeppelin.

Drunter kreist ein Bussard, lautlos, die Schwingen weit ausgebreitet, liegt er auf dem warmen Atem des Universums.

Eine der Fettkugeln für Meisen im Gezweig des Nußbaums färbt sich rot und wird immer roter. Ich laufe hin, da erhebt sich der Specht, erschrocken wie ich und zieht eilig während des Davonfliegens sein schwarzes Federsakko über das blutrote Untergewand.

Unter den gefährlichen Raubtierblicken der Katzen gehen die Vögel am Boden herum und suchen Material für die Nester in den Nistkästen, wo sie schon erwartet werden und ihre Baustoffe am Flugloch von Schnabel zu Schnabel abgeben, damit der innere Baumeister weiterbauen kann mit viel Spucke und unermüdlichem Fleiß. Sie brauchen Unmengen Futter derzeit, Nestbau und Eier, die zu Kindern werden erfordern viel Energie. Erst wenn die Kinder heranwachsen, flügge werden und ausziehen, können die Vogeleltern sich ein wenig ausruhen.

Ein Zitronenfalter kommt dahergeflogen, der erste heuer und er genehmigt sich ein Tänzchen auf einem Sonnenstrahl, plötzlich kommt von irgendwo ein zweiter und sie tanzen zusammen, einmal hin und einmal her, rundherum das ist nicht schwer.

Ich verschwinde im Bild, löse mich auf, verschmelze mit dem Hintergrund.

„Das meiste an uns ist geheim“ … sagt Eva Strittmater in ihrem Gedicht „Analyse 1“

Auf der Bundesstraße rollen mit Mordsgetöse elf Panzer durch das Tal.

Auf der Wiese wachsen die Buschwindröschen und tun so, als wäre alles ganz normal.

Sei aus der fernen Nähe herzlich gegrüßt, liebe Frau Kraulquappe!

 

Briefe an die nahe Ferne ( 10 )

Das Aufrichten aus einer grippalen Erniedrigung wird erschwert durch Reizhustenattacken. Es dauert halt alles seine Zeit.

In der Osternacht hab ich die Johannespassion gehört, bis über Salzburg der Morgen heraufgezogen ist. Die Himmelslichter werden immer hinter Salzburg losgeschickt, es leuchtet der Mond  und es strahlt die Morgensonne und sie wandern über den Himmel, mit den Flugzeugen, in denen die sitzen, die weg wollen.
Aus den singenden Thomanern strahlte eine Ernsthaftigkeit, fast zuviel an Wissen um Leben und Tod in diesen Bubengesichtern.

Die Musik füllt die Stube, ansonsten ist es still im Haus, vor der Haustüre draußen brennt die Kerze und flackert leis in einem kleinen Wind. Das alte Haus nimmt die Musik gerne in sich auf und läßt sie durch alle Poren gleiten. Und im Hausgang meine ich wieder einmal ein leises Rascheln oder Schlurfen mehr zu spüren als zu hören, Füße gehen über die alten Platten der romanischen Kirche. Was haben sie damals gebetet und gesungen im Mittelalter in dieser Kirche in Belgien? Warum wurde sie überhaupt abgerissen. Ich mag es nicht, wenn Kirchen abgerissen, oder sakrale Orte zu Eventstätten der Volksbespaßung umfunktioniert werden. Orten oder auch Steinplatten, an denen jahrhundertelang Menschen in ihrer Not gebetet und um Hilfe gefleht haben, kann man ihre Bestimmung nicht einfach so abwaschen. Und Kirchenboden gehört eigentlich auch nicht in unseren Hausgang, aber durch eine merkwürdige Fügung ist dieser Boden eines Tages zu uns gekommen … vielleicht höre ich deshalb nächtens Füsse drübergehen, an der Madonna vorbei, die im Sockel an der Säule der Stiege steht mit gefalteten Händen.

Ostern vorbei.
Ein zarter, sehr sanfter Regen fällt auf die alte Geschichte.
Unbemerkt und unscheinbar und leise, sehr leise, kam die Auferstehung.
Großes kündigt sich an in dramatischer Form und wenn es dann kommt, ist es ganz leise wie der zarte Regen im Frühling. Unhörbar versickert er.
Und was fangen wir jetzt an mit der Auferstehung? Was hinterläßt das große Unsichtbare? Was hinterlassen Geschichten, wozu sind die alten Geschichten überhaupt da?
Kinder fragen sowas nicht, sie wollen nur immer dieselbe Geschichte unendlich oft erzählt bekommen, obwohl sie sie längst auswendig kennen. Warum wollen sie es immer und immer wieder hören? Weil sie darin das Geheimnis des Wiedererzählens erfahren, weil sie in sich das Geheimnis bewahren … oder weil sie selbst das Geheimnis sind. Wir alle kommen auf die Welt mit dem Wissen über die Reise des Menschen von seiner Geburt und seinem Tod und seinem Wiedergeborenwerden im großen Kreislauf der Schöpfung … kommen – vergehen – wiederkommen … kein Anfang, kein Ende.

Das alte Kind in mir läßt sich die Geschichte gerne wieder und wieder erzählen, am liebsten von einem, dem ich gerne zuhöre. Ich lese „Der Menschensohn“ von Michael Köhlmeier. Er hat Thomas, den Zweifler und Skeptiker erzählen lassen und folgt ihm schreibend und vertrauend und so ist es die Geschichte von Thomas, dem Zweifler geworden und ich gehe auch mit ihm herum und tauche ein in die ewige Geschichte der Menschheit über Vertrauen und Verrat, Liebe und Schmerz, Not und Erlösung.

Und weil er ein guter Märchenerzähler ist, läßt er der Geschichte das Geheimnis, um das sie kreist.

Der Regen ist wie ein Schleier, der sich über die Dinge legt, ein zartes Gespinst aus Fragen, die er beantwortet, während er zu Boden sinkt.
Sag mir, kleiner Regen, auf welche Frage bin ich die Antwort?

An alleroberster Stelle im Geäst der Birke sitzt ein winziger Vogel, der so lauthals aus vollster Kehle pfeift, daß alles ringsherum stillzustehen scheint, selbst der Regen stoppt seine Bahn, um zuzuhören diesem Gesang, der wie ein Gebet die Schöpfung preist und mir die Tränen in die Augen treibt.

Dann fliegt er weg und alles scheint wie vorher zu sein, die Katzen gehen ihrer Wege, bald kommen die Igel und werden fressen und gleichzeitig alles vollkacken und der kleine Regen nimmt weiterhin alle Fragen mit und benetzt zart das durstige Scharbockskraut und den frisch aufgetauchten Herrn Gundermann mit seinen Antworten.

Die Kraft in den Geschichten braucht sich nicht zu beweisen, sie ist meist dort am stärksten, wo sie schwach zu sein scheint, alles bleibt Fragment und ist doch vollkommen, und oft ist das, was ganz leise daherkommt, am lautesten.

Wer Ohren hat, kann horchen.

Halleluja.

Aus der fernen Nähe sei gegrüßt, liebe Kraulquappe!

 

Briefe an die nahe Ferne ( 9 )

Stabat Mater

Mit 26 Jahren hat er das mittelalterliche Gedicht vertont, ein paar Wochen, bevor er gestorben ist: Giovanni Battista Pergolesi. Und diese Musik gehört zum Erschütternsten, was ich jemals gehört habe und ein Schmerz zieht mir den Boden unter den Füssen weg, der Schmerz der Mutter, die mit anschauen muß, wie ihr Kind getötet wird.
Nein, das ist keine Musik, die man so nebenbei laufen lassen kann, denn die Geschichte, die sie erzählt fordert den ganzen Raum, das ganze Herz.
All diejenigen, die schon seit gestern fröhliche Ostern wünschen würde ich gerne raten, sich hinzusetzen, und einfach nur zuzuhören, denn es betrifft uns alle, immer und immer wieder, in unseren Schmerzen, denn wir tragen alle unser Kreuz und alle kennen wir die verzweifelte Hoffnung und das Sehnen nach Auferstehung.

Stabat mater dolorosa
luxta crucem lacrimosa,
Dum pendebat filius…

Ostern ist mehr als nur ein verlängertes Wochenende, das Gerenne in Supermärkte, um  Eier aus Legebatterien zu kaufen und verblutete, abgeschlachtete Lämmer. Was wünschen wir uns, wenn wir uns frohe Ostern wünschen? Daß es mit den gebuchten Flügen klappt, wo doch jetzt angeblich das Kerosin knapp wird? Und warum kosten die Goldhasen jetzt 8 Euro – meine Güte, weil die Leute sie kaufen.

Und die Geschichte, die zweitausend Jahre alt ist, scheint niemanden zu interessieren, weil man längst mit der Kirche abgerechnet hat und weil man schon lange an nichts mehr glaubt.

Mit jemand zu diskutieren, dem eh alles egal ist, habe ich aufgegeben. Auch die Frage: bist du noch gläubig?  -regt mich schon wegen dem Wort „noch“ auf und ich sage darauf: ich bin genauso gläubig, wie ich nicht gläubig bin, dann sind diese „Gespräche“ eh gleich vorbei.

Die Bibel ist schwierig, vieles darin ist zwiespältig, die Chronisten lebten lange nach dem Leben und Sterben von Jesus, es kann nicht mal zu 100% bewiesen werden, daß er tatsächlich gelebt hat und doch … und doch … ist seine Geschichte so wahr, wie sie nicht wahr ist und erschüttert mich immer wieder in meiner Existenz.
Da war einer, ein etwas sonderbarer Heiliger, ein Rebell, ein merkwürdiger „Kund“, wie man in der bairischen Sprache einen etwas sonderbaren Mann nennt, der plötzlich irgendwo auftaucht und sich herumtreibt. Der Kund kommt, wie so viele Wörter aus dem Rotwelschen, nach dem Bairischen eine weitere Lieblingssprache von mir. Und ich glaube, so ein Wanderprediger wäre sicherlich bei uns „So a rarer Kund“ genannt worden.

Als die Menschen damals erfahren haben, daß er Heilkräfte hatte, sind sie ihm zugelaufen, das ist alles nachzulesen, wenns jemand interessiert. Als er in Jerusalem eingeritten ist, hat er gesagt, ich bring Euch den Frieden, wenn Ihr es nicht erkennt, wird Eure Stadt fallen. Aus dem Tempel hat er alle die rausgeworfen, die er ganz sicher auch heute rauswerfen würde beim Betreten der Gotteshäuser. Die Frauen mochten ihn, denn er sprach von Liebe und er hat Maria von Magdala die Füsse gewaschen und er war ganz anders, als die Männer, die sie gewohnt waren. Ich würde gerne sagen, daß er weich und zärtlich war, aber damals war es wahrscheinlich schon etwas ganz Besonderes, daß er sie behandelte wie menschliche Wesen. Und viele Frauen folgten ihm und begleiteten sein Leben bis hin zum schrecklichen Kreuzestod. Und wir wissen, daß alles, was danach geschah, durch das Mitwirken von Frauen geschah. Ja, ich weiß, was man alles dagegen sagen kann, ich frage mich, wozu? Denn wenn wir uns umschauen, passiert die Geschichte doch immer noch  und wenn ER jetzt wiederkäme, dann würde ER wieder von Liebe sprechen und würde den Kranken die Hand auflegen und es würden IHM wieder die Frauen zulaufen, auch ich wäre dabei und selbstverständlich würde ER wieder beseitigt, vielleicht grad nicht am Kreuz, aber es gibt da ja vielfältige Methoden.

Ich hab ein zärtliches Gefühl für diesen Rabbi und seinen unbezähmbaren Glauben daran, Gottes Sohn zu sein und das bis zur letzten Konsequenz und ich liebe die Frauen um ihn herum, weil sie ich trauten, zu lieben.

Ich schicke jetzt (vorerst) keine fröhlichen Wünsche, denn wir haben Karfreitag und ohne Karfreitag kein Ostern, nicht wahr? Und glaubt mir: Ostern ist mehr als ein verlängertes Wochenende…

viel  viel mehr.

Und Dir, liebe Kraulquappe schick ich ganz liebe Grüße aus dem Land der nunmehr geschmolzenen Schneeflocken … mit abklingendem Gehuste etc.  aus der fernen Nähe inmitten der tausend Himmelsschlüsserln.

 

Briefe an die nahe Ferne ( 8 )

Ganz hinten im kleinen Büchlein „Weihnachten in Prag“ dankt Jaroslav Rudiš ein paar Leuten und sagt: Wir sehen uns dann im „Ausgeschossenen Auge“. Da hatte ich so eine große Sehnsucht, und hab sie immer noch, mich dazusetzen zu können in dieser Kneipe, die auch in der unglaublich liebenswerten und etwas mysteriösen Geschichte vorkommt. Und dort dann mit Menschen, die ich mag, schwarzes Bier zu trinken und auf den „König von Prag“ zu warten.
Und jetzt ist es wieder soweit, das Buch „Winterbergs letzte Reise“ nimmt mich mit nach Königgrätz, dort erfahre ich, daß auf dem riesigen Schlachtfeld, wo 400000 Soldaten gekämpft haben und mindestens 100000 Tote liegen mit ihren Pferden, die Erde immer noch und immer wieder die Reste ausspuckt, die sie nicht verarbeiten kann. Eine sehr merkwürdige Bahnreise mit zwei merkwürdigen Männern, die mit Hilfe von einem Baedecker Reiseführer aus dem Jahr 1913 einer Spur folgen, die ins heutige Nirgendwo führt, oder ist es die Sehnsucht nach einer brennenden großen Liebe, die lange verweht ist aber niemals erloschen … ein Sog ist es, der mich hineinzieht in die Geschichte, ich reise mit, der Ausgang ist ungewiß wie so Manches, was man tut und nicht weiß, wohin es führt. Aber was ich sicher weiß ist, wenn ich das Buch ausgelesen habe, werde ich dieser Reise gerne nachreisen wollen. Es ist nicht nur die merkwürdig vertraute Sprache von Rudiš, die mir aus der Seele spricht, Seite für Seite. Ich spüre Erinnerungen in mir, die ich selber gar nicht haben kann. Die Erinnerungen meiner Mutter, die anscheinend auf geheimnisvolle Weise auch in mich hineingelangt sind, lösen in mir ein wehmütiges Zurücksehnen nach einer verlorenen Heimat aus, die womöglich gar nicht existiert hat.

Vor Jahren bin ich schon einmal in Karlsbad herumgeirrt und auch in der Kirche an ihrem Geburtsort vor dem Taufstein gestanden, ich habe nichts gefunden, konnte keine Spur von meiner Mutter entdecken, auch nicht wirklich ein Gefühl für sie, die Orte und mich. Beim Lesen dieses Buches streifen mich ihre Erinnerungen, das ist seltsam, aber Worte gibt es dafür  nicht.

Manchmal sitze ich da und die Zeit oder das Leben saust wie im Zeitraffer um mich herum, irrsinnig schnell und ich komme nicht hinterher, sondern lasse es geschehen … die Tage, Wochen, Monate rasen dahin, die Jahreszeiten fliegen um meine Ohren … vorgestern war Winter, gestern Frühling, heute Schneesturm, es hagelt Unmengen weiße Körner, die aussehen wie Styroporkugeln.

Ich sitze am Stubentisch und schäle Erdäpfeln, im Radio laufen die Brandenburgischen Konzerte Nr. eins und zwei. Meine wirren Gedanken ordnen sich und werden zu einem Wunschtraum: Ich möchte gerne einen Club alter Weibsbilder gründen! Und als erste Clubregel würde ich einführen: Das unliebsame Wort „NOCH“ wird vernichtet.

„Ohne von anderen Gestirnen beleuchtet zu werden, leuchtet mein Mond nicht“. – soll er gesagt haben, –  jetzt ist er gestorben: Alexander Kluge.
Ich bin sicher, alle Gestirne sind ihm wohlgesonnen und erleuchten seinen Weg in die ewige Glückseligkeit.
Ruhe sanft und in Frieden großer, alter und weiser Mann.

 

Aus dem Schneekugerlland in der fernen Nähe schicke ich liebe Grüße in die frisch ergrünte Stadt und an die Kraulquappe!

 

 

Briefe an die nahe Ferne ( 7 )

Immer gibt es Filme, auf die ich warte und hoffe, daß sie aus den Städten doch bitte auch in die Provinz vordringen. Manchmal gibt es das und die Betreiber der kleinen Kinos wagen auch mal einen außergewöhnlichen Film. Auf den Film: „Jetzt. Wohin. Meine Reise mit Robert Habeck“ von Lars Jessen habe ich vergeblich gewartet, leider. Bei dem Film über Siri Hustvedt: „Dance Around The Self“ wird es mir ähnlich ergehen, fürchte ich und ob der neue Film von Jim Jarmusch: „Father Mother Sister Brother“ in erreichbare Nähe rückt, ist auch ungewiß.

Königgrätz

Bei den mindestens fünf Büchern, die ich gleichzeitig lese,  wird in den nächsten Wochen eines die anderen verdrängen: „Winterbergs letzte Reise“ von Jaroslav Rudiš.
„Die Schlacht bei Königgrätz geht durch mein Herz“, sagt Winterberg als ersten Satz im Buch.
Jan Kraus kommt ursprünglich aus Böhmen und arbeitet in Berlin als Begleitperson von Schwerkranken in den letzten Tagen, Wochen, Monaten ihres Lebens und erfüllt ihnen Wünsche. Er nennt es „Überfahrt“. Für so eine Überfahrt wird er von einem uralten Mann gebucht, Winterberg, um mit ihm eine Eisenbahnreise durch Mitteleuropa zu machen, tief hinein in die Vergangenheit auf der Spur lange verdrängter Geheimnisse.
Eine 500 Seiten Roadnovel, wo wird sie mich hinführen? Ich freue mich auf die Weiterreise immer weiter hinein in das fremde Europa, in dem ich lebe.
Ich kenne Rudiš schon lange, habe ihn im Literaturhaus Salzburg erlebt, äußerst sympathisch, perfekt deutsch sprechend und ich liebe seine „Kafkaband“, in der er mit seinen Bandkollegen Texte von  Kafka vertont hat.

Zum Einkaufen mache ich trotz hoher Spritpreise einen Umweg, weil dieser Schleichweg, eine kleine Straße neben der dichtbefahrenen Autobahn, die Kulisse der Berge in Sichtnähe, so wahnsinnig schön ist. Beim Heimfahren leuchtet der feuerrote Ball der untergehenden Sonne im Rückspiegel und dann stehen da die noch schneebedeckten Gipfel dieser Berge, wie grandios erhaben und majestätisch sie doch sind, diese riesigen Felsbrocken, von tiefen Furchen und Adern durchzogenen Steinwesen.

Gschnas

Und am Lieblingssender im Radio  läuft das Lied der gleichnamigen neuen Scheibe von Voodoo Jürgens und ich muß gleich losheulen, weil es so schön ist, von was er da singt, dieser blutjunge Kerl, so ein zartes, schmächtiges Zigarettenbürscherl, wie wir früher gesagt hätten, mit klitzeblauen Augen und einem Lächeln, hinter dem immer ein bisserl Wehmut herausschaut. Die Poesie seiner Texte trifft  mich ganz tief unten am Meeresgrund, dort, wo die Sehnsucht am größten ist, oder auch draußen im Straßenstaub oder nachts, wenn man die Kneipentür hinter sich geschlossen hat und alleine heimgeht, oder was weiß ich, es ist eh am gscheitesten, man hört sie sich an, diese wunderbar leichtschweren Lieder. Bei dieser Musik spielt es keine Rolle mehr, daß ich alt bin und er jung, denn wir sind sowieso alt und jung zugleich und der Seele ists eh wurscht, wie jung oder alt der jeweilige Leib ist, der sie umgibt.

Ja, ich wünsch mir auch sehrsehrsehr, daß alles ein Riesengschnas is!

Das erste dicke Hummerl heuer ist von Kikeriki(Lerchensporn) zu Kikeriki geflogen und hat sich vollbepackt mit süßem Nektar. Morgen muß ich unbedingt nachschauen, ob zwischen den Wurzelarmen der Kiefer wieder die Veilchen wachsen. Das ist ihr Platz schon viele Jahrzehnte lang, aber nicht in jedem Jahr lassen sie sich blicken, warum auch immer, auch sie kommen und gehen, wann sie wollen.

Grüße vom Meeresgrund aus der fernen Nähe, liebe Kraulquappe!

Briefe an die nahe Ferne ( 6 )

„It´s better to have loved“

Letzte Nacht habe ich von einem geträumt, den ich früher mal kannte. Er sah vollkommen anders aus und trotzdem wußte ich, daß er es war. Vor ein paar Jahren hätten wir uns zufällig in einem Supermarkt begegnen können, wenn ich nicht geflüchtet wäre. Er sollte nicht in meinen Augen mein Entsetzen über seine Verfassung sehen. Es war früher schon zu ahnen, daß sein Weg in Suff und Elend führen würde, wenn er nicht die Richtung änderte, aber ich bin dann doch heftig erschrocken darüber, wie ein Gesicht in Abgründe und tiefe Schluchten stürzen kann und dann irgendwo liegenbleibt auf dem grauen Schotter. Im Traum war er in eine ganz andere, ziemlich belanglose Gestalt geschlüpft … belanglos, wie unsere Gespräche damals. Das, was wir uns sagen wollten, haben wir aus der Musik herausgehört, die wir uns vorspielten und aus ein paar schönen Briefen. Aber alles, auch das, was nicht geschah, ist lange schon vorbei.

Vor kurzem bin ich am Abend durch ein Tal gefahren, das eigentlich eine tiefe Schlucht ist, mit einem kleinen Fluß und einer Straße daneben. Meine Heimat ist durchzogen von Abgründen, das sind Furchen in den Seitenmoränen des Gletschers, der sie bei seinem Rückzug hinterlassen hat. Wir sind umgeben von diesen Einkerbungen und nennen sie entweder „Graben“ , wenn sie sich durch die Wälder schlängeln, meist gemeinsam mit einem Bach; oder man nennt sie Tal.
Das erwähnte Tal erscheint mir meistens dunkel, auch wenn die Sonne scheint, und am Abend wird es dort stockfinster. Anscheinend saßen alle schon daheim am Nachtmahltisch, niemand war mehr unterwegs. Die Straße lag schwarz vor mir und glänzte matt im Scheinwerferlicht und plötzlich erschien oben über den schwarzen Wipfeln der Bäume der Mond und schob sich von irgendwoher wie eine riesige Goldmünze langsam … sehr langsam … ins Bild.

Und da gibt es noch immer eine halb verfallene alte Scheune und da hab ich geparkt und mir eins meiner Lieblingslieder angehört und habe es seitdem ständig im Ohr. Ich glaube, es ist nicht besonders berühmt und hat keine große Bedeutung und der Interpret wäre dadurch wahrscheinlich nicht zu Ruhm und Ehre gekommen.
Es erzählt die Geschichte von einem, der eine schwarze Straße im Nirgendwo zurück zu einem Ort fährt, der jetzt verfallen ist und wo durch die Risse im Beton der Löwenzahn wächst. Mit Brettern vernagelt und wie ein altes Sommerlied verschwunden, aber da war mal was, ein Anfang in einem verschlafenen Eckzimmer, der Geschmack von Lippenstift und ein warmer Atem am Ohr … der Anfang ist lang schon ein Ende … jetzt wacht er  in seinem Bett auf und ist einsam …
aber er erinnert sich, daß damals jemand sagte, daß es besser ist, geliebt zu haben.

„Yeah it´s better to have loved“

Und dann stellt er sich auf denselben Parkplatz wie früher und dann holt er aus der Papiertasche eine Flasche Jack … und dann … einen für sie, einen für ihn und einen auf den Parkplatz … vom Moonlight Motel.

Ringsherum blüht alles, was blühen kann. Die Igel schlafen anscheinend noch, also lassen wir alles liegen, worunter sie womöglich ihre Winterquartiere haben. Das Leben lebt sich so dahin und ich sitze da und schaue ihm dabei zu.

Liebe Grüße an die Kraulquappe und: Sag Bescheid, wenn Du in Helgoland angekommen bist, wir trinken einen auf Deinen Papa und seine Überfahrt ins Meer der Unendlichkeit … Du mit einem Klaren vom Norden und ich mit einem Enzian vom Grassl in Berchtesgaden und nicht vergessen: Du mußt natürlich auch den für Deinen Papa trinken, eh klar, und einen für den Blanken Hans!