Das Wetter ist dramatisch.
Es ist plötzlich warm, viel zu warm, die Vögel flattern hektisch herum, sollen sie denn jetzt schon mit dem Nestbau beginnen? Reges Kommen und Gehen am Futterplatz. Wer holt nachts den Fettknödel, den ich auf den Boden lege, die Eichkatzerln? Ja, da gibt es ein paar schwarze, die zwischendurch herumhüpfen, aber wie transportieren die so einen großen Fettknödel zum Kobel?
Die ganze dunkelblaue Alpenkette bis weit hinein ins Hochgebirge liegt vor mir, der Föhn hat gewaltige Kräfte und schiebt sie immer weiter ins Flachland, dann kommt der Sturm und schleudert sie wieder zurück.
Die Schneeglöckerln stechen ihre Blätter, die noch schützend ihre grünen Arme um die Blüten gelegt haben durch altes Laub und wollen wachsen, die Sonne sehen, größer werden werden, werden ,werden, um zu blühen. Wie immer passiert alles gleichzeitig. Kinder wollen geboren werden und wachsen und an anderer Stelle sitzt eine Tochter am Bett, in dem der Papa liegt und seinem Vergehen entgegenschläft. Ein jegliches hat seine Zeit im Großen Kreis und sie können nichts anderes tun als warten. Irgendwann ist sie reif, die Zeit, und dann erhebt sich die Seele eines Vaters und schwebt hinaus in unbekannte Fernen. Wir werden hineingeboren in die Welt, gehen ein Stück und werden wieder hinausgeschickt. Alle, alle gehen wir den gleichen Weg und durch die Türe hinein und wieder hinaus gehen wir alleine. All – ein.
Ich esse das selbstgemachte Gelee von den Ribisln (Johannisbeeren) aus unserem wilden Garten. Rot wie Blut leuchtet es auf dem Butterbrot und in mir klingt ein kleines Lied, das vor so vielen Jahren die Oma mit mir gesungen hat, über einen jungen Mann, der ein Mädchen liebt, die Haare schwarz wie Ebenholz, Lippen rot wie Blut und eine Haut weiß wie Schnee und immer wenn er ´s anschaut, tut ihm ´s Herzerl gar so weh …
Heute ist der „rußige“ Freitag, so hat man diesen Freitag im Fasching füher genannt. Heute sagt das niemand mehr und man braucht auch, wenn man anderen Menschen begegnet, nichts mehr befürchten … zumindest kriegt man kein schwarzes Gesicht mehr. Früher, vor so vielen Jahren, da hatte jeder ein Stück Kohle aus dem Küchenherd zur Hand und schwupdiwupp hatte man schon einen schwarzen Fahrer im Gesicht oder eine schwarze Nase. Das war natürlich für uns Kinder lustig, wir rannten wie die Wilden herum und es wurde viel und laut gelacht über die schwarzen, ärgerlichen Gesichter, denn der Ruß war nur sehr schwer abzuwischen. Manchmal, wenn ich so über früher nachdenke, frage ich mich, ob das denn alles Wirklichkeit war, oder ob ich mir das nur zusammenphantasiere. Wir hatten kein Geld, das Leben war schwerst belastet und es gab viel Zank und Streit und Not und Elend, aber es wurde eindeutig viel viel mehr gesungen, gepfiffen, musiziert und viel viel mehr gelacht. Und wenn man es daheim nicht ausgehalten hat, konnte man zum Nachbarn gehen, irgendwo sind immer die Alten vor dem Haus gesessen und haben mit den Kindern gescherzt. Heute sitzt niemand mehr auf der Hausbank, außer mir. Ich bin jetzt die Älteste im Dörflein, die alte Nachbarin ist seit ein paar Wochen auch weg, untergebracht im Altenheim, wahrscheinlich stimmts im Kopf nicht mehr so ganz. Das alte Bauernhaus steht jetzt ganz leer da und hat in der Dämmerung keine hellen Fensteraugen mehr. Das Haus ist wie tot und weiß noch gar nicht wie ihm geschieht.
Eine melancholische Stimmung liegt über dem Land, der nächtliche Sturmregen hat sich wieder beruhigt, der Föhn schiebt die Salzburger Steinberge über die (australische!) Grenze bis fast vor unsere Küchentüre, so daß ich über ihre Nähe direkt erschrocken bin beim Rausgehen.
Alles befindet sich noch in einer Art Zwischenwelt, es soll wieder schneien, dann wird der Matsch ums Haus nochmal zu Eis. Vom Fasching ist nichts zu spüren, sollte es irgendwo einen Mummenschanz geben, so findet er hinter verschlossenen Türen statt in den wenigen Wirtshäusern, die es noch gibt. Wie weit sind wir doch entfernt von den Ursprüngen, von da, wo der Fasching mit der Maskera nicht nur zum Austreiben der Wintergeister, sondern auch zur Umkehr der Verhältnisse von oben und unten gedient hat, einmal im Jahr durften alle mal das sein, was sie wollten und die ganze Herr/Sklave Ordnung wurde ad absurdum geführt, im großen Rausch untergehen und durchdrehen im wilden närrischen Chaos für eine Woche vor der Fastenzeit.
Das jährliche uralte Brauchtum des „Aperschnalzens“ wird GottseiDank noch beibehalten. Das „p“ in aper wird in der alten Sprache sehr weich ausgesprochen, ein Buchstabe, den es in der schriftdeutschen Ausgleichssprache nicht gibt, ein Mittelding zwischen b und w. Aper ist ein eigenes Wort und bedeutet, sehr unzulänglich übersetzt soviel wie „von Schnee und Eis befreit“, naja, so ungefähr halt. Das Schnalzen ist eine höchst komplizierte Angelegenheit und es dauert bestimmt Jahre, bis man die Technik kunstfertig beherrscht. Geschnalzt wird mit einer Art Fuhrmannspeitsche, die einen Knall macht, wenn man sie schwingt. Ein durch und durch heidnischer Brauch hier im katholischen Rupertiwinkel, der die Winterdämonen vertreiben soll und: die durch den Knall tief in der Erde schlummernden Samen dran erinnern soll, daß es bald an der Zeit ist, zu keimen. Ich hör sie gerne, wenn die Burschen und inzwischen auch Mädchen in langen Reihen dastehen und sich die Kommandos zurufen. Abends hör ich sie ein paar Kilometer weit, wenn sie üben für die offiziellen Auftritte. Die Auftritte und das Preisschnalzen haben wahrscheinlich diesen geheimnisvoll wunderbaren Brauch vor dem Untergehen gerettet.

Liebe Kraulquappe, Du tust gerade das Liebevollste, was man für einen Menschen tun kann: Das kleine große Papamäderl sitzt bei ihm am Bett und wartet mit ihm, bis seine Zeit gekommen ist, und geht mit ihm die gemeinsame Geschichte zurück und vorwärts und zurück und vorwärts bis dahin, wo Du seine Hand loslassen kannst, weil ihm Flügel gewachsen sind …
Ich zünd bei der Heiligen Frau ein Kerzerl an, für ihn und für Dich und vielleicht werden das manche, die das jetzt lesen, auch tun, dann wird es ein wenig heller auf dem Weg. Ich grüß Dich herzlich aus dem Bergland in der fernen Nähe.







