Briefe an die nahe Ferne ( 5 )

William the conqueror, 1066 … so ist er gespeichert, ein Leben lang, aber auch nur, weil wir von seinen Eroberungen und gewonnenen Schlachten sowohl im Geschichts- wie auch im Englischunterricht hörten und weil „tensixtysix“ sich einfach nicht mehr aus dem Hirn bringen läßt. In meinen Schulzeiten erzählten sie uns von großen Heer- und Schlachtführern, von großen Helden, daß manch einer ein körperlich kleines Männlein war wie Napoleon, spielte dabei keine Rolle. Ehrfürchtig haben die Geschichtslehrerinnen von diesen Herrschern gesprochen und wir mußten dann die Daten der siegreichen Eroberungen auswendig lernen. Reichtum, Ruhm und Ehre erlangten die, welche hunderttausende von leibeigenen Soldaten aufeinandergehetzt hatten, um sich gegenseitig abzuschlachten. Die paar, die überlebten, humpelten nachhause, dort war die Armut nicht weniger geworden, aber der der Befehlshaber ging in die Geschichte ein als großer Eroberer.
Es hat sich nicht viel geändert, immer noch gilt die primitivste aller Regeln: Ich will das, was du hast und wenn du es mir nicht freiwillig gibst, dann schick ich meine Soldaten und die bringen dich um. Ja, so einfach ist das. Derjenige, der die meisten Soldaten hat für das große Abschlachten, der wird als siegreicher Feldherr in die Geschichte eingehen.
Manchmal frag ich mich, was wohl die Mütter und Töchter, die Ehefrauen und Geliebten über die Machenschaften dieser Männer denken. Rußlands Präsident soll ja eineTochter haben und die hat eine Mutter. Was geht wohl in so einer Tochter vor? P. kann ja durchaus ein liebender Vater und Ehemann sein, das geht ohne weiteres gleichzeitig, hunderttausende abschlachten lassen und daheim liebevoll mit den Kindern spielen, das hat die Geschichte mehrfach bewiesen. Wo ist die Tochter, muß sie irgendwo versteckt leben, um ihren Vater nicht erpressbar zu machen? Oder ist sie sozusagen aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihr Vater?

In den Nächten nehme ich meine Geschichten und gehe mit ihnen in fremden Geschichten herum. Ich betrete sie mit dem Auge der Kamera wie durch die Türe in einen Garten, fremd und verzaubert und ich sehe zu, was sich ergibt. Oft bleibe ich erstmal gleich in der Nähe der Türe stehen, um gleich hinauszulaufen, wenn mir Feindseligkeit oder große Langeweile entgegenschlagen.

In aufeinanderfolgenden Nächten hatte ich das große Glück, vier außerordentlich wunderbare Filme zu sehen. Alle würde ich natürlich viel lieber im Kino ansehen, aber da ARTE wie ein Programmkino wirkt und Filme zeigt, die ich sonst nicht sehen könnte, bin ich auch für diese Möglichkeit dankbar. Und da ich meine, daß sie alle noch eine Zeitlang in der Mediathek laufen, möchte ich sie hier, zwischen Himmel und Erde wenigstens erwähnen, sie haben es verdient, gesehen zu werden.

1. Film: „Fallende Blätter“ von Aki Kaurismäki, wie schon beschrieben.

2. Film: „Der große Wagen“ ( Le grand chariot ) von Philippe Garrel
Drei Geschwister, ein Vater, eine Großmutter, führen ein fahrendes Puppentheater. Dann stirbt der Vater und sie müssen versuchen, das Theater weiterzuführen.

3. Film: „The quiet girl“ ( An Cailín Ciúín ) von Colm Bairéad
1981 irgendwo in Irland wird ein neunjähriges Mädchen in den Ferien zu Verwandten geschickt, weil daheim  zu viele Kinder sind und zuviel Not … und das Kind erfährt zum ersten Mal im Leben Zuwendung, von der es bisher nicht wusste, daß es sie gibt.

4. Film: „Im Herzen jung“ ( Le Jeunes Amants ) von Carine Tardieu
Dieser Film ist die Steigerung (wenn es sie denn überhaupt gibt) von allen. Fanny Ardent ist selbst schon über siebzig Jahre alt und spielt eine siebzigjährige Architektin, die auf einen fünfundvierzigjährigen Arzt trifft und mit ihm in eine große Liebe hineinfällt, ohne Netz und doppelten Boden und trotz heftiger Versuche nicht mehr hinausfindet. Die Liebe kann nichts dafür, sie richtet auch kein Unheil an, sie kann nichts anderes als zu lieben.  Fanny Ardent ist so unglaublich schön als alte Frau, aber dieses Gesicht einer Göttin allein hätte den Film nicht getragen. Es gibt Nahaufnahmen von ihren Augen, von seinen Augen und zärtliche Nahaufnahme von ihren alten Händen … ach, es ist wie in allen vier Filmen einfach die Poesie des Lebens zu spüren, das diese Geschichten sich ausdenkt, oder gibt es Geschichten, die sich das Leben ausdenken … irgendwer hat sie aufgeschrieben, irgendwer hat sie gespielt und irgendwer sitzt davor, heult  Rotz und Wasser und  ist glücklich und dankbar, diese wunderbare Zeit in diesen nächtlichen Gärten der Lichtspiele verbringen zu dürfen.

Und hiermit schicke ich diesen Brief aus der fernen Nähe hinaus in das Irgendwo und Nirgends der Galaxie und Dich, liebe Kraulquappe, grüß ich herzlich!

Briefe an die nahe Ferne ( 4 )

 

Baby steig auf, laß uns nach Las Vegas reiten, die Sonne putzen…

Aus dem poetischen Kosmos der Mützenfalterin steigt ein Satz auf, der mir nicht mehr von der Seite weicht: „Wir können uns nicht aussuchen, an was wir uns erinnern“ …
Ja, die Erinnerungen kommen und gehen, wie es ihnen beliebt und mit ihnen die Gefühle, die schönen sind leicht, umschmeicheln mich und ziehen weiter, die schmerzhaften sind schwer und fallen mir vor die Füsse und manchmal sind sie leicht und schwer zugleich und immer öfter zeigen sie mit dem Finger auf mich und sagen mir: du bist gescheitert.
Udo Lindenberg wird 80 Jahre alt und damals, als der Song rauskam, wollten wir alle die Sonne putzen in Las Vegas. Meine Güte, um die 2o Jahre war ich alt, das Leben lag  unendlich groß und weit vor mir und ich wollte es durchtanzen und in Glück baden und alle Menschen umarmen…

Vor paar Tagen habe ich endlich einen Film gesehen, den ich im Kino verpasst hatte und der jetzt auf ARTE in der Mediathek läuft: „Fallende Blätter“  von Aki Kaurismäki. Er führt Regie und hat auch das Drehbuch geschrieben, denn wer außer ihm könnte es sonst schreiben? Ich liebe all seine Filme und werde mir wahrscheinlich auch diesen Film unendlich oft anschauen. Die Filme von Kaurismäki kann man nur lieben oder man kann gar nichts mit ihnen anfangen, dazwischen gibt es nichts, glaube ich.

Im Film „Fallende Blätter“ (Kuollet lehdet) wird nicht viel geredet, die Bilder zeigen einen kleinen Ausschnitt im Leben von Menschen im ärmeren Stadtteil von Helsinki, die ihrer Arbeit nachgehen, scheitern, neu beginnen, wieder scheitern und in den Pausen daheim am Tisch oder im Wirtshaus am Tisch sitzen, trinken, rauchen, im Radio Nachrichten hören vom Krieg in der Ukraine und manchmal in der Karaokebar singen. Dort sehen sich eines Abends zwei Verlorene an und ihre Augen füllen sich mit Sehnsucht. Der launische kleine Wind des Lebens treibt sie aufeinander zu und wieder weg, sie suchen sich und verfehlen einander und lassen es geschehen und ergeben sich kampflos ihrem Schicksal, das nochmal einen Versuch startet und Zufälle auf den Weg streut wie kleine Blumen in der Wüste … und  … von einem Happy End zu sprechen wäre die falsche Formulierung, aber das Ende ist wie der ganze Film zärtlich und voller Liebe zu seinen Mitwirkenden, den Verlorenen auf dieser Welt.

Großartig in der Rolle der Ansa:  Alma Pöysti
Großartig in der Rolle des Holappa: Jussi Vatanen

Wunderbare Musik, u.a. alte Schlager auf finnisch, Tango und eine Band, die eine Entdeckung ist: „Maustetytöt“ mit dem Lied: „Syntynyt suruunja puettu pettymyksin“

Wie Aki Kaurismäki aus einer wortkargen, minimalistischen Handlung, wo außer Scheitern und Verlorenheit und Trostlosigkeit nichts wirklich passiert, eine Geschichte der Zärtlichkeit, Liebe und menschlicher Nähe zaubern kann? Wie schafft er es, daß aus allen Augen im Film so eine große Sehnsucht heraustropft … und die Tatsache, daß das Leben schön ist, trotzalledem … nach dem Film seh ich im Badezimmerspiegel in meinen Augen auch so einen Glanz, den der Film hinterlassen hat.
Auf ARTE kann man ihn noch eine Weile anschauen.

Unsere wilden Schneeglöckerln sind wieder in ihrem Roadmovie als fahrendes Volk herumgewandert. Inzwischen wundere ich mich nicht mehr darüber, daß ein ganzes Büschel plötzlich hinterm Haus wächst, wo sie noch nie waren. Kein Mensch konnte bisher herausfinden, wie sie das machen, daß sie plötzlich 10, 20 Meter weiter weg auftauchen. Aber ich vermute, daß es eh niemanden interessiert, weil in den robotergemähten Rasen sowieso kein einziges wildes Schneeglöckerl mehr wächst.

 

Liebe Brieffreundin, ich grüß dich herzlich aus der fernen Nähe.

 

 

Briefe an die nahe Ferne ( 3 )

Memento mori 

Am Aschermittwoch zeichnet der Priester ein Kreuz aus Asche auf die Stirnen derer, die daran erinnert werden wollen und mutig genug sind, sich diesen Worten zu stellen:
Bedenke Mensch, daß du Staub bist und zum Staub zurückkehrst.

Bei den Römern soll beim Triumphzug  hinter dem siegreichen Feldherren immer ein Dienender gegangen sein, der andauernd mahnend den Spruch wiederholte:
Memento te hominem esse – Bedenke, daß du ein Mensch bist.

Ja, bedenke, daß du ein Mensch bist.

Die Fastenzeit hat begonnen und sie dauert , wie der alte Name „Quadragesima“ schon sagt, 40 Tage. Diese Zahl 40 hat eine tief symbolische und magisch/spirituelle Bedeutung und taucht in der Menschheitsgeschichte immer dann auf, wenn es um Übergänge von Altem zu Neuem, Wandel, Reinigung, Prüfungen geht und zieht sich durch die Überlieferungen der Völker. Ob man da jetzt irgendwas wissenschaftlich beweisen kann ist mir nicht bekannt. Die heutige Psychologie spricht davon, daß angeblich 40 Tage Disziplin ausreichen, um diverse Routinen zu ändern.

Für mich ist sie höchst geheimnisvoll, diese Zahl 40, und da ich eine alte Geheimniskrämerin bin, forsche ich den Geheimnissen mit Leidenschaft hinterher und entdecke seltsame Parallelen:

40 Wochen dauert in der Regel eine Schwangerschaft
40 Tage braucht die Seele, um sich nach dem Tod zurechtzufinden und sich darauf vorzubereiten, am 40. Tag den irdischen Bereich zu verlassen
40 Tage nach seiner Auferstehung ist die Himmelfahrt Christi
40 Tage hat Jesus in der Wüste gefastet
40 Tage war Mose auf dem Berg Sinai
40 Jahre regierten die biblischen Könige
40 Tage ist das Volk Israel durch die Wüste gewandert
40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut
40 Tage lagen im 14.Jahrhundert in Venedig die Schiffe in „Quaranta“, um die Pest abzuwehren
40 Tage dauert die spirituelle Einkehr bei den Sufis
40 Schläge bei der Geißelstrafe waren genug, um den armen Menschenkörper zugrundezurichten, aber ihn gerade noch nicht zu töten

Und weil ja alles immer mit allem in manchmal rätselhafter Verbindung steht, soll hier auch dieses Zitat von Hesiod nicht unerwähnt bleiben über diesen mysteriösen Sternenhaufen der Plejaden, ich kann es nicht belegen, aber wie schon gesagt, jede r soll glauben, wie es ihr/ihm beliebt.

„Wenn das Gestirn der Plejaden emporsteigt,
dann beginne die Ernte,
doch pflüge, wenn sie hinabgehen.
Sie sind 40 Nächte und 40 Tage eingehüllt,
doch wenn sie wieder leuchtend erscheinen,
erst dann beginne die Sichel zu wetzen.“ (Hesiod)

Und selbstverständlich fällt mir der französische Spielfilm von 1954 ein, der sehr frei nach den „Geschichten aus 1001 Nacht“ die Geschichte von „Ali Baba und die 40 Räuber“ erzählt, mit Fernandel und Dieter Borsche in den Hauptrollen. Ich werde danach suchen und ihn hoffentlich irgendwo finden. Genau das Richtige jetzt für diese völlig eingeschneiten Tage des Februar.

Der wunderbare Hotfox63 hat grade The Pogues aufgelegt :

„…clouds are drifting across the moon
Cats are prowling on their beat
Spring´s a girl from the street at night
Dirty old town…

... Saw a train set the night on fire
I smelled the spring on the smoky wind
Dirty old town …

Really.

Liebe traurige Kraulquappe, ich grüß Dich von Herzen und umarm Dich aus der fernen Nähe!

 

 

Briefe an die nahe Ferne ( 2 )

Das Wetter ist dramatisch.

Es ist plötzlich warm, viel zu warm, die Vögel flattern hektisch herum, sollen sie denn jetzt schon mit dem Nestbau beginnen? Reges Kommen und Gehen am Futterplatz. Wer holt nachts den Fettknödel, den ich auf den Boden lege, die Eichkatzerln? Ja, da gibt es ein paar schwarze, die zwischendurch herumhüpfen, aber wie transportieren die so einen großen Fettknödel zum Kobel?
Die ganze dunkelblaue Alpenkette bis weit hinein ins Hochgebirge liegt vor mir, der Föhn hat gewaltige Kräfte und schiebt sie immer weiter ins Flachland, dann kommt der Sturm und schleudert sie wieder zurück.

Die Schneeglöckerln stechen ihre Blätter, die noch schützend ihre grünen Arme um die Blüten gelegt haben durch altes Laub und wollen wachsen, die Sonne sehen, größer werden werden, werden ,werden, um zu blühen. Wie immer passiert alles gleichzeitig. Kinder wollen geboren werden und wachsen und an anderer Stelle sitzt eine Tochter am Bett, in dem der Papa liegt und seinem Vergehen entgegenschläft. Ein jegliches hat seine Zeit im Großen Kreis und sie können nichts anderes tun als warten. Irgendwann ist sie reif, die Zeit, und dann erhebt sich die Seele eines Vaters und schwebt hinaus in unbekannte Fernen. Wir werden hineingeboren in die Welt, gehen ein Stück und werden wieder hinausgeschickt. Alle, alle gehen wir den gleichen Weg und durch die Türe hinein und wieder hinaus gehen wir alleine. All – ein.

Ich esse das selbstgemachte Gelee von den Ribisln (Johannisbeeren) aus unserem wilden Garten. Rot wie Blut leuchtet es auf dem Butterbrot und in mir klingt ein kleines Lied, das vor so vielen Jahren die Oma mit mir gesungen hat, über einen jungen Mann, der ein Mädchen liebt, die Haare schwarz wie Ebenholz, Lippen rot wie Blut und eine Haut weiß wie Schnee und immer wenn er ´s anschaut, tut ihm ´s Herzerl gar so weh …

Heute ist der „rußige“ Freitag, so hat man diesen Freitag im Fasching füher genannt. Heute sagt das niemand mehr und man braucht auch, wenn man anderen Menschen begegnet, nichts mehr befürchten … zumindest kriegt man kein schwarzes Gesicht mehr. Früher, vor so vielen Jahren, da hatte jeder ein Stück Kohle aus dem Küchenherd zur Hand und schwupdiwupp hatte man schon einen schwarzen Fahrer im Gesicht oder eine schwarze Nase. Das war natürlich für uns Kinder lustig, wir rannten wie die Wilden herum und es wurde viel und laut gelacht über die schwarzen, ärgerlichen Gesichter, denn der Ruß war nur sehr schwer abzuwischen. Manchmal, wenn ich so über früher nachdenke, frage ich mich, ob das denn alles Wirklichkeit war, oder ob ich mir das nur zusammenphantasiere. Wir hatten kein Geld, das Leben war schwerst belastet und es gab viel Zank und Streit und Not und Elend, aber es wurde eindeutig viel viel mehr gesungen, gepfiffen, musiziert und viel viel mehr gelacht. Und wenn man es daheim nicht ausgehalten hat, konnte man zum Nachbarn gehen, irgendwo sind immer die Alten vor dem Haus gesessen und haben mit den Kindern gescherzt. Heute sitzt niemand mehr auf der Hausbank, außer mir. Ich bin jetzt die Älteste im Dörflein, die alte Nachbarin ist seit ein paar Wochen auch weg, untergebracht im Altenheim, wahrscheinlich stimmts im Kopf nicht mehr so ganz. Das alte Bauernhaus steht jetzt ganz leer da und hat in der Dämmerung keine hellen Fensteraugen mehr. Das Haus ist wie tot und weiß noch gar nicht wie ihm geschieht.

Eine melancholische Stimmung liegt über dem Land, der nächtliche Sturmregen hat sich wieder beruhigt, der Föhn schiebt die Salzburger Steinberge über die (australische!) Grenze bis fast vor unsere Küchentüre, so daß ich über ihre Nähe direkt erschrocken bin beim Rausgehen.

Alles befindet sich noch in einer Art Zwischenwelt, es soll wieder schneien, dann wird der Matsch ums Haus nochmal zu Eis. Vom Fasching ist nichts zu spüren, sollte es irgendwo einen Mummenschanz geben, so findet er hinter verschlossenen Türen statt in den wenigen Wirtshäusern, die es noch gibt. Wie weit sind wir doch entfernt von den Ursprüngen, von da, wo der Fasching mit der Maskera nicht nur zum Austreiben der Wintergeister, sondern auch zur Umkehr der Verhältnisse von oben und unten gedient hat, einmal im Jahr durften alle mal das sein, was sie wollten und die ganze Herr/Sklave Ordnung wurde ad absurdum geführt, im großen Rausch untergehen und durchdrehen im wilden närrischen Chaos für eine Woche vor der Fastenzeit.

Das jährliche uralte Brauchtum des „Aperschnalzens“ wird GottseiDank noch beibehalten. Das „p“ in aper wird in der alten Sprache sehr weich ausgesprochen, ein Buchstabe, den es in der schriftdeutschen Ausgleichssprache nicht gibt, ein Mittelding zwischen b und w. Aper ist ein eigenes Wort und bedeutet, sehr unzulänglich übersetzt soviel wie „von Schnee und Eis befreit“, naja, so ungefähr halt. Das Schnalzen ist eine höchst komplizierte Angelegenheit und es dauert bestimmt Jahre, bis man die Technik kunstfertig beherrscht. Geschnalzt wird mit einer Art Fuhrmannspeitsche, die einen Knall macht, wenn man sie schwingt. Ein durch und durch heidnischer Brauch hier im katholischen Rupertiwinkel, der die Winterdämonen vertreiben soll und: die durch den Knall tief in der Erde schlummernden Samen dran erinnern soll, daß es bald an der Zeit ist, zu keimen. Ich hör sie gerne, wenn die Burschen und inzwischen auch Mädchen in langen Reihen dastehen und sich die Kommandos zurufen. Abends hör ich sie ein paar Kilometer weit, wenn sie üben für die offiziellen Auftritte. Die Auftritte und das Preisschnalzen haben wahrscheinlich diesen geheimnisvoll wunderbaren Brauch vor dem Untergehen gerettet.

 

 

Liebe Kraulquappe, Du tust gerade das Liebevollste, was man für einen Menschen tun kann:  Das kleine große Papamäderl sitzt bei ihm am Bett und wartet mit ihm, bis seine Zeit gekommen ist, und geht mit ihm die gemeinsame Geschichte zurück und vorwärts und zurück und vorwärts bis dahin, wo Du seine Hand loslassen kannst, weil ihm Flügel gewachsen sind  …

Ich zünd bei der Heiligen Frau ein Kerzerl an, für ihn und für Dich und vielleicht werden das manche, die das  jetzt lesen, auch tun, dann wird es ein wenig heller auf dem Weg. Ich grüß Dich herzlich aus dem Bergland in der fernen Nähe.

 

Briefe an die nahe Ferne ( 1 )

La casa degli occhi, der Uluru und das goldene Papavogerl

Bald werde ich sie wieder besuchen, die „Frau Mariana“, wie sie der freundliche Altenpfleger immer nennt. Er hört sich so an, als käme er aus einem östlichen Land, spricht aber so gut deutsch, daß er mir erzählen kann von seiner Großmutter, die wohl auch einen kleinen Bauernhof hatte und ihm als Kind das Mähen mit Sense und Sichel beigebracht hat. Er sieht das Foto von M., auf dem sie als Pächterin mit der Sense auf unserer Wiese steht. Ich sage ihm, daß M. die letzte Bäuerin war, die so kunstvoll und perfekt das Mähen mit der Sense beherrscht hat, es war eine Freude, ihr zuzusehen, wie flink und leicht das Gras zur Seite gefallen ist. Der Pfleger hat nasse Augen, weil er an seine Oma denkt und M. lächelt, aber ob sie alles verstanden hat? Sie sei auch eine so gute Tänzerin im Trachtenverein gewesen, daß sie Preise gewonnen hätte, leider war ihr Mann sehr eifersüchtig, wollte selber nicht tanzen und sie durfte auch nicht mehr. Ich weiß nicht, ob mich der Pfleger oder M. verstanden haben. Ich frage sie, ob sie nicht einen Radio möchte wegen der Musik. Nein, sagt sie energisch, nix mehr mag ich!

Über Weihnachten war sie im Krankenhaus und als ich sie danach im Pflegeheim besucht habe, hat sie mich erstmal nicht erkannt. Das Hören ist schwierig, die Hörgeräte bräuchten neue Batterien, ich unterhalte mich mit ihr schreiend. Zwischendurch scheint sie mich ganz normal zu hören und wir teilen dieselbe Wirklichkeit. Wir reden über die Toten in der Zeitung und darüber, wer alles wieviel Holz gemacht hat und wo die gefällten Bäume lagern. Das Holz interessiert sie sehr, weil sie selber viele Jahre im Wald mitgearbeitet hat.
Dann drängen sich andere Wirklichkeiten ins Bild und  umhüllen uns. Sie erzählt mir von Ausflügen mit Menschen, die schon lange tot sind. Und davon, daß sie jede Nacht in ein anderes Haus gebracht würden zum Schlafen und da wären viele Leute von früher, vor allem Patenkinder ihrer Eltern … nein, sie könne die nicht sehen, aber sie ist sicher, daß alle da sind. Und so geht es weiter und weiter, von Wirklichkeit zu Wirklichkeit und sie erzählt und beschreibt mir alles genau und fragt nach, ob ich ihr das schon auch glaube.

Ja, ich glaube ihr, was wissen wir schon darüber, welche Welten um uns herum sind, die wir nur nicht sehen. Die Demenz schreitet voran, kann man dazu sagen und traurig sein  über den Verlust des Normzustandes. M. scheint nicht unglücklich zu sein, um sie herum weiten sich die Welten und neue Räume scheinen zu entstehen. Ich werde auf diesem Weg nicht wissen, ob sie mich beim nächsten Besuch noch erkennt, aber sie wird mich aus großen Augen ansehen, wie alle, die im Heim wohnen mich ansehen, wenn ich komme. Viele Augenpaare richten sich dahin, wo jemand zur Türe hereinkommt. Und in diesen Augen ist nichts anders als bei allen anderen Augen, egal ob jung oder alt, Verdruß, Traurigkeit Sehnsucht und Enttäuschung, Aufblitzen von Freude oder stumpfsinnige Leere und Mißtrauen oder freundliches Erkennen gibt es überall. Auffallend hier ist, daß so viele Augenpaare in die gleiche Richtung schauen. Ich nenne das Haus nicht gerne Pflegeheim, sondern „La casa degli occhi“:   Das Haus der Augen.

Das Altwerden ist nichts für Feiglinge ist ein blöder Spruch, weil’s ja nichts hilft, auch Feiglinge werden alt, wenn sie nicht vorher sterben. Als gestern in einer Arztpraxis ein alter Mann gefragt wird nach seinen Beschwerden und schlecht hört und eingeschüchtert ist und nicht so recht weiß, wie ihm geschieht und warum er da ist, da steh ich daneben und zeige brillenlos erst die Kontokarte, dann den Ausweis her, bevor ich endlich die richtige  Karte finde. Heute erscheine ich zu einem falschen Zeitpunkt bei der Zahnärztin und behaupte, auf dem Zettel stünde … nein, leider nicht, daheim seh ich es …  meine Güte, die Jahre fliegen mir um die Ohren und weg sind sie. Grad noch war ich doch 43, jetzt bin ich 73, das Gebein tut mir weh, das hab ich wohl von der Oma, die sagte auch immer: Achachach, das ganze Gripp (Gerippe) tut mir weh. Trotzalledem tanze ich gerne Samba und alles mögliche und hüpfe unqualifiziert in der Gegend herum nach möglichst lauter Musik. Schad, daß es kaum MittänzerInnen gibt!

Vor paar Tagen lese ich im Großen Netz eine Beschreibung über unser angeblich so wunderschönes Bayernland und da steht wortwörtlich:
„Der Königssee, ein See nahe der deutsch-australischen Grenze im Landkreis Berchtesgadener Land gilt als der tiefste und sauberste See Deutschlands.“
Jetzt ist mir bloß nicht klar, sind wir mit unserem bei Föhn rotleuchtenden Untersberg drent oder herent … herüben oder drüben oder ganz woanders?

Die Wölfe sollen jetzt zum Abschuß freigegeben werden, weil sie jährlich ein paar Schafe reissen … das geht gar nicht, hunderttausende Lämmer, die jetzt bald an Ostern vom Metzger zerrissen werden für den Kochtopf … das ist ganz was anderes, gell.

Den Christbaumspitz, das singende goldene Vogerl, das der Papa noch geschmiedet hat, hab ich jetzt auch weggeräumt. Letztes Weihnachten hatten wir endlich mal einen Baum, dessen Spitze so stabil war, daß sie das schwere Schmiedeeisen ausgehalten hat … naja … ein bisserl hat sie sich verbogen … wirklich nur ein bisserl.

Sag ihm bitte, ich laß ihn ganz lieb aus dem australischen Bergland grüßen, Deinen Papa, meinen grüß ich auch, zum Himmel hinauf.

So, der Anfang ist gemacht, ich freu mich sehr, liebe Kraulquappe, wenn Du am Freitag, dem 13. dazu kommst, dann schreiben wir wieder gemeinsam weiter!

Einstweilen liebe Grüße aus der fernen Nähe!

 

Die Schwelle

Der eine Bussard sitzt auf dem Ortsschild vom Weiler: „Grübeln“, der andere ein paar Meter weiter auf einem Strauch, noch einer auf einem Pfosten neben der Straße.
Ein Storch geht im Storchengang über eine schneebedeckte Wiese, die Welt ist durcheinander und stimmt mit den Instinkten der Tiere nicht mehr überein, wo soll er Frösche finden, es ist Winter, warum ist er denn so früh schon wieder da, oder war er gar nicht weggeflogen?

Den wunderschönen Baum, der mit weit ausgebreiteten Ästen als Solitär neben der Straße direkt am Kreisverkehr stand, den ein Autofahrer ausgewählt hatte, um sich daran totzufahren, der ist weg. Sie haben ihn ganz weit unten an seinen Wurzeln abgeschnitten, daran kann sich niemand mehr totfahren. An dieser Straße steht jetzt vorsichtshalber über 10 km weit kein Baum mehr.
Früher haben wir, wenn wir mit dem großen Holzziehschlitten über den eisigen Hohlweg und anschließend über die steile Straße neben dem vereisten Bach durchs Dorf gesaust sind, was bei meiner Mutter zu Tobsuchtsanfällen führte wegen der Lebensgefahr, in der wir schwebten, da haben wir immer geschrien: „Aus der Bahn, aus der Bahn, hinten hängt der Teufel dran!“

Vor paar Tagen war Mariä Lichtmeß. Am Vorabend vor vielen Jahren sind wir auf dem nackten Holzboden der Stube gekniet und haben den Rosenkranz gebetet. Auf dem Tisch waren die bunten Lichtmeßkerzen auf einem Brett mit Wachs aufgeklebt, sie brannten genauso lang wie das Gebet dauerte. Als mein Großvater, den mein Vater sehr geliebt hat, gestorben war, hörte das Rosenkranzbeten schlagartig auf, aber meine Oma hat die kleinen Kerzen trotzdem angezündet. Seit Jahrzehnten wird dieser Brauch nicht mehr gepflegt, auch das Segnen des Kerzenvorrats für das ganze Jahr an Lichtmeß hat keine Bedeutung mehr. Eigentlich schade, es geht immer ein Stückerl Kultur verloren, wenn diese Haltepunkte in einem Jahr, die Zeichen am Weg sozusagen, verschwinden. Bei den Bauern waren um Lichtmeß herum die sogenannten „Schlankeltage“. Man hat zu diesem Termin die Dienststelle als Magd oder Knecht gewechselt, man hat „geschlankelt“. Und alle Frauen im Haus haben (außer bei großer Armut oder Geiz) einen Wachsstock bekommen für das „Aufbetten“, das heißt fürs Bettmachen der Männer das ganze Jahr über. Die besonders schönen Wachsstöcke standen dann in der Vitrine, nur die ganz einfachen wurden angezündet.

Die Weihnachtszeit ist jetzt vorbei, wie auch das alte Bauernjahr, der Jahreslohn ist ausbezahlt, man bleibt da, wo man ist oder wechselt die Dienststelle. Der Wassermann trägt das Wasser des Lebens in die schwindelnden Höhen des Olymps zu den Gottheiten hinauf, um sie unsterblich zu machen.
Und er kommt wieder und ist voller Visionen für eine bessere Welt, allem Neuen voran steht die Vision.

Die Kraulquappe und ich sind weit voneinander weggegangen, so lange und so weit, bis wir uns fremd genug waren, um zu spüren, wie nah wir uns sind. Und jetzt  planen wir, uns Blog-Briefe zu schicken und wieder parallel zu schreiben. Angedacht ist, diesen alten Zeitpunkt für das Beginnen unserer gemeinsamen Arbeit zu wählen und zu schlankeln …  von Lichtmeß zu Lichtmeß, vorerst mal immer am Freitag. Wir würden dann aus einer fernen Nähe an eine nahe Ferne schreiben …

Vor Beginn dieser neuen Arbeit sitze ich mit der alten Brigid, der Göttin des beginnenden Lichts, des Feuers und vor allem der Beschützerin meines Lieblingsortes, der Schwelle genau dort, wo ja auch mein Blog angesiedelt ist: Zwischen Himmel und Erde. Schwarz ist das unendliche All, aber überall flackern kleine Feuerflammen auf, auch auf den Tee- mit- Rum- Gläsern, die wir halten, tänzeln sie . Da sitzt sie neben mir, die Göttin mit dem neuen Licht.Sie lächelt mich an, während wir durchs All schaukeln und dann nimmt sie plötzlich meinen schweren Sorgensack und leert ihn aus, einfach so, und die Sorgen werden zu kleinen Kristallen, die im Licht ihres Sternenmantels funkeln und dann breitet sie ihren Transformator-Mantel um mich und ich werde ganz hell, wir lachen beschwipst und der Mond muß auch so lachen, daß sein dicker Bauch hin und her wackelt. Wir lachen über den ganzen Wahnsinn des Lebens und des Sterbens, die Göttin, der Mond und ich, und , daß es sehr von Vorteil ist, ein wenig verrückt zu sein. Die Schwelle ist ein guter Ort dafür.

In Amerika hat sich nach schrecklichen Morden einer hingesetzt und ein Lied geschrieben und dann stellt er sich auf die Bühne. Er steht da, ein aufrechter Mann mit altem Körper und dem leidenschaftlichen jungen rebellischen Glanz in den Augen und er singt nicht nur, sondern wirft sich mit seiner Seele und seinem ganzen Leben, seinen Depressionen, seiner kranken Frau und der Verzweiflung über das, was in seinem Land passiert, dem Publikum vor die Füße. Da steht er, nackt und bloß, so wie er angefangen hat, ein Mann und seine Gitarre. Ja, selbstverständlich weine ich, wenn ich sein Lied höre, was sonst; und zornig und rebellisch singt er an gegen Mord und Mißstände und die Verzweiflung, nichts ändern zu können und an die Musik zu glauben und an das Gute, trotzalledem

Bruce Springsteen

„Streets of Minneapolis: …We`ll take our stand for this land
And the stranger in our midst …“

Ich verneige mich vor einem mutigen Mann und großen Musiker.

Drei

Um Dreikönig herum waren sie wieder unterwegs, die Sternsingerkinder, verkleidet als Weise aus dem Morgenland … oder was man sich halt darunter vorstellt. Anstelle von Gold, Weihrauch und Myrrhe, die diese für das Heilige Kind damals angeblich dabei hatten, kommen die heutigen mit dampfendem Weihrauch, ein Lied singend, während sie mit Kreide  die magischen Buchstaben K + M + B oben auf den Türstock malen zum Segen für das Haus und alle, die drin leben. Dann bleiben sie stehen und warten darauf, daß man sie bezahlt mit üppiger Spende in den Sammeltopf. Natürlich wird jede r was reinwerfen, wer könnte schon diesen Kinderaugen widerstehen.  Und so sind viele tausend Euro zusammen gekommen, Kinder sammeln Geld für andere Kinder, denen es schlecht geht, weil den Machthabern dieser Erde ganz sicher ganz andere Sachen wichtiger sind als sich um das Elend der Kinder zu kümmern. Dafür werden sie dann von der Kirche als lebende Sammelbüchsen herumgeschickt. Mir macht das ein komisches Gefühl, ich mag es nicht, wenn Kinder dazu instrumentalisiert werden, Geld für Segen einzutreiben.

Früher, als meine Großeltern noch lebten, da sind wir betend mit einer Eisenpfanne, in der auf glühender Kohle aus dem Küchenherd ein paar Brösel von kostbarem Weihrauch rauchend zerschmolzen sind in und ums Haus gegangen. Überallhin wurde die geheimnisvoll wohlriechende Pfanne geschwenkt, auch durch Stall und Tenne sollte der heilige Rauch ziehen und mit ihm der himmlische Segen am Abend des fünften Januar, in der letzten Rauhnacht vor Epiphanie am sechsten Januar, dem Fest der Erscheinung. Zum Abschluß des Umgangs wurden auf den Türstock meist nur drei gleichschenkelige Kreuze und die Jahreszahl geschrieben. Die Kreide hierfür war zusammen mit einem Häuflein Weihrauchbröseln in einer kleinen Papiertüte und wurde geweiht für diesen Anlaß. Mein Vater, der alte Ketzer und lebenslang sehnsüchtige Gottsucher konnte nicht viel anfangen mit Zaubersprüchen und magischen Handlungen und ganz sicher war ihm die Wirksamkeit der Dreikönigskreide durch die priesterliche Segnung nicht wichtiger als jegliche Kreide, mit der er seine wundervollen Kunstschmiedearbeiten entwarf und vorzeichnete.
Ich finde es sehr traurig, daß wohl keine Familie mehr mit Heiligem Rauch durchs Haus geht und um Segen bittet. Das wird konsumorientiert abgekürzt: Cash in die Büchse – Segen ins Haus. Vielleicht ist es noch besser wie nix, aber dasselbe ist es keinesfalls.

Wer überhaupt diese Männer aus dem Morgenland waren, darüber wurde viel geschrieben, letztendlich bleibt alles im Bereich der Spekulationen über Fragen, die niemals beantwortet werden können. Warum waren es drei, sind sie einem Stern gefolgt, haben sie nicht nur Geschenke mitgebracht, sondern den dringenden Rat zur Flucht vor dem angekündigten Kindermord?  Wenn man die Kronen auf ihren Köpfen sieht und die Gewandfarben weiß, rot, schwarz und ihr Auftreten zu dritt … diese Dreieinigkeit bekam erst mit dem Christentum Männernamen … weit vorher schon gingen drei Frauen über das Land, kehrten bei den Menschen ein, brachten Heil und Segen, halfen beim Gebären und beim Sterben in Zeiten, in denen die Menschen noch wussten, daß es dasselbe war.  Sie wurden überall mit Freude empfangen …alles nur Vermutungen, Erdachtes, Herbeiphantasiertes?

Wer weiß, wie es wirklich war.

Manchmal träume ich davon, und das schon ganz lange, daß es sie nicht nur im Norden in den Geschichten der Edda, oder hier im Süden als dreieinige Berggöttin Frau Percht gibt, sondern die ehemaligen Bethen heutige Frauen sind, die zu dritt erscheinen, wenn man sie ruft, weil man ihre Hilfe braucht.

Und manchmal träume ich dann diese Sehnsucht, eine von ihnen zu sein und Segen zu spenden beim Hinein- oder Hinausgehen  oder einfach beim Da Sein.

Wir segnen dieses Haus und alle, die da gehen ein und aus.
20 + Katharina + Margarete + Barbara + 26

 

Der Hirschensprung.

Die Stürme wehen ums Hauseck und bringen die erste flauschige Schneeschicht, die wie ein weißes Papier vor der Tennentür liegt. Ich drehe den Besen um und male Achter hinein, große, kleine, stehend und liegend. So unendlich wie die Zahl ist alles. Ein ewiges Kreisen um eine Mitte, die wir nicht kennen und was bleibt von unserem „Stirb und Werde“ – Flug durchs All, auf dem wir verglühen? Eine Handvoll Sternenstaub, aus dem alles hervorgeht , und dahin zurückkehrt. Aber vielleicht ist ja alles auch ganz anders.

Die Jahre kommen und gehen und das neue schiebt das alte bis zum Horizont. Dort am westlichen Ufer, fällt es dann wie die Sonne am Abend hinunter in den Chiemsee. Soll der doch damit machen was er will, mit diesem Schrottplatz der ausgedienten Jahre.

Alles wird weitergehen wie bisher, die Jungen werden alt und die Alten sterben. Die einen werden weiterhin vergeblich auf den Weltfrieden hoffen, andere werden weiterhin anonym in den Netzwerken jammern, wehklagen und dauerstänkern über die Fehler und die Schlechtigkeit der anderen, es wird weiterhin ganz Reiche und ganz Arme geben und im Sudan werden weiterhin Hunderttausende verhungern, während wir unsere vollen Feiertagsbäuche  spazieren schleppen. Es wird weiterhin alles geben, Menschen werden lachen und weinen, sich streicheln und erschlagen.

Ich werde dem Dasein hier auf dieser Erde weiterhin trotzig mit Zuversicht begegnen und aus dem, was mir entgegenkommt, das Beste machen, was mir möglich ist … und es ist erfahrungsgemäß immer viel mehr möglich, als man denkt und Lachen ist hilfreich auf dem Weg.  Und ich werde unverbesserlich daran glauben, daß das Glück immer da ist, wir müssen halt die Augen aufhalten, um es zu sehen. Und die Freude ist auch immer da, wir müssen gar nichts dafür leisten, wir bekommen sie in Hülle und Fülle vom Universum geschenkt.

Frau Percht mit ihrem Gefolge scheint sich in diesen Rauhnächten einen Jux mit uns zu machen. An einem Tag klirrende Kälte, am nächsten lauwarme Föhnwinde, jetzt beginnt in ein paar Stunden die 11. Rauhnacht und alles ist schneebedeckt und wird von einem zauberhaften Vollmond bestrahlt. In den Schüsseln voll mit Katzenfutter für all die,  die sonst nirgends was bekommen, liegen am Morgen nicht mal ein paar Krümel, es scheinen viele Hungernde unterwegs zu sein. Daß die Tiere in den Rauhnächten sprechen, habe ich bisher nicht festgestellt, aber bei den alten Puppen, die mir eine sehr verwandte Seele geschenkt hat, da wispert es manchmal um Mitternacht, aber ich tue so, als würde ich nichts bemerken, ich will sie nicht stören, die alten Mädchen. Manchmal leuchten ihre Augen im Kerzenschein auf. Sie bringen ihre Geschichten mit und ich werde sie bald zu meinen Puppen setzen …

Die Zeit ist merkwürdig und wankelmütig, alles scheint zugleich richtig und falsch zu sein, auch das Gegenteil.

Ich sitz auf der Hausbank und schau zu den Sternen hinauf. Neben mir sitzt das Nichts.
Der alte Freund vom Papa, der Wast, hat zum Längerwerden der Tage immer gesagt:

An Stephani um einen Mückenschritt,
an Neujahr um einen Hahnentritt
an Dreikönig um einen Hirschensprung

und an Lichtmeß um eine ganze Stund.

Den Hirschensprung merkt man schon.

Und der große Engel am Kommunalfriedhof in Salzburg schaut aus, als wär ihm ein Löwenkopf gewachsen … sage ich zum Nichts.

Das Nichts sagt nichts.

StadtLandFluß ( U,V,W,X,Y,Z )

 

Die Untersberger
Die Venediger
Die Walenbücher
Die Zaunreiterin

Die Reise durch das Alphabet in StadtLandFluß kommt langsam zum Spielende. Die letzten Buchstaben bewegen sich in den Reichen der unsichtbaren vergessenen Völker, von denen nicht viel mehr übriggeblieben ist als ein paar rätselhafte Sagen, die niemand mehr versteht und, die als Plüschzwerge mit roten Zipfelmützen reproduzierten Nissemen, zugewandert aus Skandinavien. Ich lebe in einer Gegend des Alpenvorlandes, wo es Ortschaften gibt, die noch so heißen, wie der örtliche Riese, Straßen mit dem Namen des Drachen, der dort hauste und wo es einen Berg gibt, der frei auf einer Ebene dazustehen scheint, ein massiver Gesteinsbrocken mit einer Scharte, in der die Sonne um Mittag hindurchleuchtet. Ein heiliger Berg, von dem der Dalai Lama einst behauptet hat, dieser Berg sei das Herzchakra der Erde. Zu Hunderttausenden pilgern die Menschen immer schon hinauf, suchen in seinen weiten Eishöhlen und in allen seinen Falten und Kammern nach verborgenen Geheimnissen, niemand hat bis jetzt gefunden, nach was er gesucht hat; ein paar wenige haben Erlebnisse, über die sie nicht sprechen, manche berichten wirres Zeug und hin und wieder im Lauf der Jahre verschwindet mal jemand auf Nimmerwiedersehen.
Es gibt die Geschichte vom Kaiser Karl und den Raben und es gibt die Geschichte vom  Gitschner Lazarus, der in den Berg hineingebeten wurde und Unglaubliches gesehen und erfahren hat. Er war bei den „Untersbergern“ gewesen, einem geheimnisvollen Volk im Inneren des Berges. Es scheinen dort sonderbare Leute in einer Art Paralleluniversum gelebt zu haben, irgendwer hat sie irgendwann verniedlichend Zwerglein genannt, sie werden in vielen regionalen Sagen erwähnt, aber der Glaube an diese Welt im Berg ging verloren, weil man mit den alten Kräften nichts mehr zu tun haben wollte.Man kann sie weder sehen noch hören und auf die Frage, ob diese alten Völker jemals existiert haben, gibt es keine Antwort. Obwohl – womöglich stehen die Antworten in den Sagen direkt vor unserer Nase, wir erkennen sie aber nur deshalb nicht, weil die Lösung der Rätsel zu einfach ist und zu direkt, um es zu erfassen. Die Wahrheiten schlagen uns förmlich ins Gesicht, aber wir müssten, um zu begreifen ein einsames Warten im Nichts aushalten, der dunkle Advent würde sich anbieten, die Membran ist dünner als sonst zu anderen Welten und Wesen, die dort leben. Durch alle Märchen und Sagen kommen die Aufforderungen, still zu sein, nicht zu sprechen, egal, was passiert, zu horchen und zu schauen, zu helfen in der Not und auf keinen Fall das große Geheimnis verraten. Das war schon unter Androhung der Todesstrafe in Eleusis so und ist im Berchtesgadener Land nicht anders.

Wer waren also die Untersberger? Warum gibt es in Kirchen hinter dem Altar lose Bodenplatten, unter denen Gänge zu geheimen Orten führten? Um Mitternacht kamen die Untersberger von unten herauf und hielten eine Messe, dann verschwanden sie wieder. „Schrazellöcher“ heißen diese unterirdischen Erdställe, niemand weiß etwas darüber.

Über die Sagenwelt zu sprechen ist eine Gratwanderung zwischen denen, die das Ganze für Blödsinn halten und den selbsternannten Schamanen, die sich als Entdecker von geheimen Spiegelwelten verkaufen.

Als ich in der blauen Stunde den Berg im Föhnlicht anschaue, kommt er mir vor wie ein riesiges Wesen, das ausgestreckt daliegt und seine tiefen Wunden leckt, die mit den Marmorbrüchen in seinen Leib geschlagen wurden. Wird er berührt von all den „Spirit“ Forschungen, Annahmen, Ritualen um seine angeblichen Geheimnisse die Spiegelweltesoterik und die gierige Ausbeutung der Gitschnergeschichte, dem Suchen nach dem Sinn unseres Lebens und nebenbei dem gewinnbringenden Verkauf neuentdeckter Kraftplätze und deren Tourismus … Wo sind sie geblieben, die Untersberger, die seine Adern bewacht haben. Plötzlich sehe ich diesen großen runden Stein, noch nie ist er mir aufgefallen … wie ein Wächter kommt er mir vor, die Heiligkeit beschützend. Und dann fällt mir diese geheime Schrift ein, die sich angeblich in silbernen Buchstaben dem Lazarus Gitschner bei den Untersbergern im Bergesinneren gezeigt hat:

„Surget satum“ … aufgehen wird, was gesäet.

Ich verhalte mich dem Ganzen gegenüber eher agnostisch, ich würde gerne an das kleine Volk glauben, an Moos- und Holzleute, die sich verwandeln konnten in Eulen, und daß beim Fällen eines Baumes sein Waldgeist auch stirbt, aber es fällt mir schwer, und doch halte ich alles für möglich. Und ich hatte ein paar persönliche Erlebnisse mit etwas, was ich vorsichtig „Anwesenheit“ nennen möchte, die mir sehr deutlich gezeigt  haben, daß es eben doch unglaublich viel gibt zwischen Himmel und Erde … darunter ist auch diese Geschichte, die mir vor sehr langer Zeit der Vater meiner Schulfreundin, ein ansonsten wortkarger, gottesfürchtiger  Bauer, der niemals gelogen hätte, erzählt hat. Ein kleiner Mann sei neben ihm hergegangen am Weg von der Kirche nachhause. Am Waldrand, ich kenne den Weg. Das Männlein war sehr klein und trug einen großen Hut. Gesprochen haben sie nichts, dann ist es so plötzlich wie es gekommen war, wieder verschwunden.

Wer die sagenhaften „Venediger“ waren, das weiß niemand. Es scheint Menschen gegeben zu haben, die Erze erspüren konnten, „fühlig“ waren. Manches spricht dafür, daß sie aus der Gegend von Venedig kamen und auf der Suche nach Mineralien waren für die Herstellung von kobaltblauem Glas. Es waren „Welsche“, fremd, südländisch, eher klein von Gestalt. Man erfuhr nichts von ihnen, wahrscheinlich wurden ihnen die Zauberkräfte nur angedichtet und vor allem, da sie in Bücher schrieben, wurde ihnen das Wissen um große Schätze unterstellt. Die genaueren Schatzkarten sollen sie angeblich in den „Walenbüchern“ verzeichnet haben. Ihre Existenz verschwimmt in den Nebeln von Märchen und Sagen. Ihre größte Kunst scheint das plötzliche Auftauchen und wieder Verschwinden gewesen zu sein.

Auf meinem Weg durch das Alphabet bin ich beim X angelangt und finde das Christogramm der Buchstaben Chi und Rho und irgendwo steht geschrieben, daß dieses P, an dessen Längsstrich sich ein X kreuzt nicht nur das Erkennungszeichen der ersten Christen bedeutet,  sondern auch das Zeichen ist, das den Tod besiegt.

Dann kommt das Y, ein Buchstabe, zu dem mir nur die Weltenesche Yggdrasil einfällt, an deren Wurzeln die Nornen ddas Menschengeschick spinnen und weben. Das gehört zur nordischen Mythologie, hier im Süden haben wir die drei heiligen Fräulein, die wohnen in Höhlen und hängen die Wäsche zwischen zwei Berggipfeln auf, sie singen und lachen laut, die mittlere ist die Margarete und die tanzt mit dem Drachen.
Frau Percht, die uralte Tod und Lebenzuteilerin fliegt mit ihrem Gefolge der wilden Jagd über das Land, sammelt Seelen ein und teilt aus. Zur Zeit liegt sie wahrscheinlich auf diesen warmen Föhnwinden und läßt sich schaukelnd von ihnen tragen…

Die Zaunreiterin bildet das Ende des Buchstabenreigens, obwohl sie weder Anfang noch Ende bedeutet, sie wandelt auf dem Zaun als Grenzgängerin zwischen den Welten, zwischen Wildnis und Zivilisation, Bekanntem und Unbekanntem, Drinnen und Draußen, Diesseits und Anderswelt. Eigentlich aber steht sie in beiden Welten gleichzeitig, mit dem einen Bein auf der einen und mit dem anderen Bein auf der anderen Seite vom Zaun.
Sie kann das Gras wachsen sehen und hört den Gesang der Sterne, sie versteht die Sprache der Tiere und kann Wunden heilen. Sie ist überall und gehört nirgendwo dazu, manchmal sitzt sie auf dem Zaun über dem Abgrund, läßt die Beine baumeln und singt das alte Mondlied.

Ich werde mich in eine Eule verwandeln und ihr Gesellschaft leisten heute Nacht …