Briefe an die nahe Ferne ( 30 )

 

Es klopft an der Haustür, so wie man halt mit einem eisernen Türklopfer umgehen sollte. Manche Leute hauen so drauf, daß man Angst haben muß, die Türe bricht auseinander, oder so leise, daß man nichts hört. Und manche wissen überhaupt nicht, wie sie damit umgehen sollen und offenbar auch rätselhafterweise nicht, daß hier eine Haustüre existiert, sie rennen ums Haus und rufen Hallo? Auf die reagiere ich, indem ich hinausrufe: Hier wohnt kein Hallo!

Diesmal steht einer draußen , ein wenig verschämt und sagt Servus, jetzt hab ich mir gedacht, heute fahr ich rauf und besuch Dich!

Mein Cousin, den ich Jahre, oder sind es schon Jahrzehnte, nicht mehr gesehen habe. Es ist die Distanz in unserer Familie so groß und es herrscht so wenig Interesse aneinander, daß wir, obwohl nur wenige Kilometer zwischen den Wohnorten liegen, die immer ferner werdende Nähe offenbar nicht mehr überbrücken wollen.  Warum auch immer.
An ihn habe ich in letzter Zeit oft gedacht, vor allem bei der Arbeit am „Wurzelbuch“, aber ich habe mich nicht getraut, einfach hinzufahren. Aber jetzt ist er plötzlich da und wir sitzen in der Stube und erzählen und erzählen alte und neue Geschichten, wir wissen beide, daß es Leichen gibt in unserer Familie  und reden sofort über über den Keller, in dem sie sich angesammelt haben.
Und als er wieder geht, fällt mir auf, daß wir stundenlang geredet haben ohne Essen und Trinken, nur reden und zuhören und sich wahnsinnig freuen, sich wieder begegnet zu sein.

Wir werden bestimmt bald wieder zusammenkommen, der Faden ist wieder verknüpft und wir werden sehr sorgsam sein und aufpassen, daß er nicht wieder abreißt.

 

Zur Zeit gibt es mancherorts ein „Erzählcafe“, geschaffen von Leuten, die versuchen, aus den Menschen bei Kaffee und Kuchen vor allem aus den noch lebenden Alten Geschichten herauszulocken, die ansonsten unrettbar verlorengehen. Besser wie nichts, denke ich, aber ob so eine künstlich erschaffene Situation  zum vertraulichen Ort werden kann, wo die Geschichten herumgehen, wo der Faden von Hand zu Hand weitergereicht wird … ist fraglich. Es ist das Geschichtenerzählen eine sehr eigene Sache und hat in unserer Welt, in der es ums schnelle Konsumieren geht, um die sofortige Befriedigung aller Arten von Gier, keine Möglichkeit, stattzufinden. Es gibt unzählige Workshops, in denen man das Erzählen lernen kann und wie man die Geschichten am effektivsten vermittelt. Es ist das alles ein weites Feld, in dem man sich ganz leicht verlieren kann, weil es da halt auch wie überall in dem grenzenlosen Warenangebot unserer Wohlstandskonsumwelt alles gibt, was man sich nur wünschen kann. Es gibt unendlich viele Bücher voll von Geschichten, die könnte man sich zumindest, wenn man sich denn Zeit nähme, gegenseitig vorlesen, dazu müssten aber Handys entfernt werden. Geplante Vorlesestunden habe ich öfters schon versucht, bin aber gescheitert.

Im Nachdenken über die Kunst des Geschichtenerzählens komme ich zu dem Schluß, daß es gar keine Kunst ist, sondern aus der Langeweile entstanden ist und einfach selbstverständlich dazu diente, sich an den Abenden zu unterhalten. Wir haben als Kinder die Alten so lang gebettelt: Bittebitte erzähl mir eine Geschichte … was soll ich denn erzählen? … die vom schwarzen Mann an dem Kreuzweg … oder die von der weißen Frau in der Burg … die Oma oder sonstwer hat dann sich lang betteln lassen und endlich erzählt, Geschichten zum Gruseln von ganz früher usw usw. Es wurde natürlich gelogen, daß sich die Balken bogen und oft war ein ziemlicher Schmarrn dabei, aber da hat man sich dann an die Oma gekuschelt bei den grusligen Geschichten. Mein Vater hat mit Vorliebe Frauen vom Basilisken in unserem Keller erzählt und was weiß ich alles.

Entstanden sind die alten Geschichten meist in der Umgebung, in der man daheim war und wenn man heute nach ihnen sucht, findet man sie auch am ehesten dort, wo man aufgewachsen ist und man die noch verbliebenen Alten befragen kann. Ich mach das schon seit Jahren und habe von alten Nachbarinnen ein paar sehr geheimnisvolle Geschichten erfahren. Und wenn man sie erzählt bekommt, muß man sie unbedingt weitererzählen. Aber das ist alles extrem mühsam geworden. Wo bitte sitzen Menschen einfach so ohne Zeitreglement zusammen, wo kommen Nachbarn einfach so zusammen, wo können Kinder einfach so egal wann zur Oma gehen, Pfannkuchen essen und Geschichten hören, wo sitzen Leute vorm Haus und plaudern bis es dunkel wird und irgendwer fängt ein Lied an und dann singen alle …

Es gibt ja eine ganz ausgeprägte Eventkultur und wenn man Geschichten möchte, dann gibt es sie auf Knopfdruck auf blauschimmernden Bildschirmen jeglicher Größe. Wir haben keine Chance mehr auf Langeweile, auch Kinder haben so volle Terminkalender, da bleibt keine Zeit mehr zum Erzählen. Ich habe im Lauf der Jahre  immer wieder auf allen möglichen Wegen versucht, Menschen der nächsten Umgebung zusammenzubringen, letztendlich bin ich gescheitert.

Mit großer Traurigkeit befürchte ich, daß dieser natürliche und selbstverständliche Raum zum Erzählen der Geschichten unwiderbringlich verloren ist und man kann ihn nicht künstlich zurückholen. Die Welt dieses gemeinsamen Erzählens oder überhaupt des ungezwungenen Zusammenkommens ist untergegangen.

„People talking without speaking
people hearing without listening…“

Eine Miliion Grüße aus der fernen Nähe an die liebe Kraulquappe!

 

 

Briefe an die nahe Ferne ( 29 )

Da ihm die ursprüngliche Fassung der Madonna viel zu lieblich-kitschig erschien hat sie mein Vater mit viel Beize und Seifenlauge bearbeitet und alle Farbe heruntergewaschen. Leider kam dann ein Kreidegrund zum Vorschein und alle, die schon mal versucht haben, ihn von einer Figur zu entfernen, wissen, was das für eine Arbeit ist und in kleinen Ritzen bleibt immer was zurück. Irgendwann stand sie da, die Muttergottes, mit ihrem abgeschrubbten Leib aus Lindenholz und wurde eingebaut in die Stiegensäule. Da steht sie noch heute und hält ihr zartes, eher ernstes Gesicht und ihre gefalteten Hände über uns und alle, die hier ein- und ausgehen, unsere Hausmadonna. Sie ist künstlerisch wahrscheinlich nicht besonders wertvoll, sie hat weder Heiligenschein noch sonstigen heiligen Nimbus, der besonders auffallen würde. Die Spinnen lieben sie und lassen ihre weichen Netze über ihre Gestalt gleiten. In manch einem Jahr habe ich ihr ein kleines Büschel heiliger Kräutlein über die gefalteten Händ gehängt am Hohen Frauentag. Heuer nicht, alles war in der langen Hitzeperiode vertrocknet und die paar Kräuter, die noch standen, habe ich den Bienen und sonstigen Erd-und Luftvölkern gelassen.

Ich gehe niemals durchs Haus ohne sie anzusehen und mich zu freuen, daß sie da ist und bei uns wohnt.

Der Ursprung ihrer Verehrung geht weit zurück, viel weiter als wir uns überhaupt vorstellen können und sie hat als Mutter des Himmels und der Erde schon in den Geschichten der Menschen existiert, lange , bevor es das Wort „Kirchenväter“ und eine männliche Gottheit überhaupt gab.  An Mariä Himmelfahrt, am 15. August haben einst im 6. Jahrhundert die Kirchenväter beschlossen, sie auch in den Himmel hinauffahren zu lassen, weil sie ja den Gottessohn geboren hat … wie er in sie hineingekommen sein soll gehört zu den Umständen, die nicht so ganz geklärt sind …

Und sie ist heute zu einer Vermittlerin degradiert, sie soll unsere Bitten an Gott weiterleiten. Ach ja, was für ein Witz, die einst größte Göttin  … egal, wer weiß schon, wie es wirklich ist, und man wird mich wieder für sehr naiv halten, aber ich liebe die Heilige Himmelsmutter oder zumindest meine Sehnsucht nach ihr.

Um mich herum sind die Alten weg und ich bin jetzt die Älteste im Dörflein. Und ich frage die Alte in mir und finde sie nicht wirklich, ich werde also nach ihr suchen müssen. Bei ihr sollen jetzt die Geschichten zusammenlaufen, die sonst von den Alten erzählt wurden. Aber wer will sie noch hören, die alten Geschichten? Es gibt keine Orte mehr für sie, in den Stuben laufen die Fernseher und auf den Hausbänken sitzt niemand mehr so wie früher. Da hatten alle die Füsse, borkig von der Feldarbeit in einem Wasserschaff … das ist schon lange her. Heute geht niemand mehr spazieren ohne Handy und auch auf dem Fahrrad hat man es in der Hand. Wo finden die Geschichten ein offenes Ohr?

Geschichten brauchen Zeit, viel Zeit zum Erzählen, zum Horchen und sie brauchen Nähe, man muß zusammenrücken. Wenn ich sie denn finde, die Alte in mir, was wird sie mir raten?

Ich bin ein extrem ängstlicher Mensch und das Fürchten vor schweren Gewittern wird  eher schlimmer, so wie heute. Es wurden schlimme Voraussagen gemacht und ich hatte furchtbare Angst, daß unser Hausdach wegfliegt, aber es kam dann doch (bis jetzt) nicht so schlimm daher wie befürchtet und der Sturm hat sich beruhigt, dem Himmel sei Dank. Leider sind auch die Regentropfen schon wieder vertrocknet.

Es ist wie es ist und so wie es ist, ist es.

Sei gegrüßt meine liebe Kraulquappe aus der fernen Nähe!

Briefe an die nahe Ferne ( 28 )

Eigentlich hab ich heute nichts Wesentliches zum Sagen. Es ist weiterhin sehr heiß und extrem trocken und absolut ungewiß, wann und ob überhaupt mal wieder Regen fallen wird. Alle Bäche sind ausgetrocknet, das Wasser wird knapp, aber trotzdem werden die Pools befüllt und die Mülltonnen sauber mit viel Wasser gereinigt … wenn uns schon die Welt um die Ohren fliegt und in Europa die Wälder und Berggipfel abbrennen, so geschieht das zumindest mit hygienisch sauberen und ordentlich  ausgespülten Mülltonnen.

Gestern rannten alle, die eine Verdunklungsbrille ergattern konnten zu den Plätzen, wo die übrigen hunderttausend Eventsüchtigen das Spektakel erwartet haben, um zum Himmel zu starren und dann zu klatschen. Ich war viel zu spät dran, bekam keine Brille mehr und bin daheim geblieben, auch weil mir diese Massenaufläufe zuwider sind. Daheim hab ich mir in letzter Minute sozusagen, eine Camera obscura gebastelt, weil mir alleine der Name schon so gut gefällt … eine obskure, dunkle und geheimnisvolle Kammer … naja, man könnte auch sagen, eine ganz primitive Lochkamera. Eine Schuhschachtel mit zwei kleinen herausgeschnittenen Fenstern, vor das eine ein Stückerl Alufolie geklebt und mit einer Stecknadel ein Loch hineingestochen und durch das andere Fenster kann man dann schauen und  … welch ein Wunder … da erscheint dann die Sonne auf der gegenüberliegenden Schachtelwand. Sie war klein und anfangs rund, dann sah sie allmählich aus wie in der Mitte abgesägt und weiter ging es dann leider nicht mehr, weil sie hinter dem Hügel verschwand, um halt unter vermutlich großem Beifall der dortigen Menschenmenge, wie immer in den Chiemsee zu fallen am westlichen Ufer, ob mit oder ohne Mondschatten, das ist ihre Bestimmung. Mit der Camera obscura und ihrem geheimnisvollen Raum möchte ich weiterexperimentieren und bin froh, daß ich keine Brille bekommen habe … wer kann schon sagen, daß er mit einer Schuhschachtel auf Himmelsflug war.

Vom angekündigten Sternschnuppenregen habe ich auch fast nichts mitbekommen, aber dafür unzählige Flieger, die vom Salzburger Flughafen die Menschen ins sehnsüchtig erwartete ferne Irgendwo bringen sollten, weil ja Urlaubszeit ist und alle unbedingt „mal hier rausmüssen“! Dieses Hier rausmüssen ist mir gänzlich fremd, egal ob Land oder Stadt, ich hatte noch nie das Gefühl, irgendwo rauszumüssen. Zumindest war das noch nie ein Grund für mich, zu verreisen. Ich bin sehr gerne unterwegs, um eine Spur zu verfolgen oder was auch immer, aber niemals, weil ich es daheim nicht mehr aushalten würde.

Heute sind wir mit Freunden beim Lieblingschinesen in Salzburg gesessen, fernab vom Festspieltrubel und mit Klimaanlage in einer kochenden Stadt. Beim Heimfahren sind wir vor uns hinröstend in langer Schlange vorm Grenzübergang gestanden, weil ja Bayern alles kontrolliert, was ins Land hineinwill. Es erinnert extrem an früher, als man je nach Laune von den Grenzern schikaniert werden konnte und den Kofferraum ausleeren mußte etc. Dann kam die große Freiheit, wir waren ja mal ein gemeinsames Europa, oder wir dachten es wenigstens, und dann konnten wir einfach so durchfahren … einfach so durch die Grenzen, wir in Europa.

Jetzt ist es anders geworden und wir werden von den eigenen Landsleuten genauestens gesichtsgeprüft, ob wir womöglich irgendwie dunkler sind, schwarze Haare haben oder was weiß ich, auf was sie schauen und wer dann herausgewunken wird, weil der illegalen Einreise verdächtig, meine Güte, ich bin davon unangenehm berührt und weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, daß ich womöglich froh bin, nicht in das verdächtige Schema zu gehören…

Am Parkplatz des Einkaufsmarktes auf der anderen Seite der Salzach, also auf unserer,  da bleib ich bei geöffneten Türen im Auto sitzen und höre die wunderbare Kakophonie der Stimmen. Es sind soviele Sprachen unterwegs, fast alle steigen in Autos mit Kennzeichen Berchtesgadener Land, wie wir auch, und die wenigsten kann ich bestimmten Herkunftsländern zuordnen. Ich kann ein wenig erkennen, ob Italienisch mit verschiedenen Dialekten gesprochen wird, aber alle anderen weiß ich nicht, gehören sie nach Rumänien, Bulgarien Kroatien, ich schließe die Augen und höre den Männern zu, die miteinander plaudern und lachen und fröhlich sind und dabei ihre Sachen im Auto verstauen. Ich liebe  es, wenn soviele Sprachen um mich herum sind , soviel Welt wird von woanders kommend zu uns hereingetragen, ich freu mich drüber und empfinde das als Bereicherung. Jaja, es sind auch Blöde dabei, ja und, hier sind auch genug Blöde, egal wo und wer, immer sind solche und solche unterwegs, so ist es halt, wenn Menschen zusammenkommen.

Und im türkischen Geschäft, wo Herr Graugans die Oliven kauft, sagt der Mann an der Kasse: Wie schön, daß Sie wieder da sind!

Liebe Grüße an die Frau Kraulquappe irgendwo oben unten oder an den Seiten der Berge oder auf den Straßen dazwischen unterwegs!

Briefe an die nahe Ferne ( 27 )

 

Die Schmiedrosi ist heimgegangen.

Es ist ziemlich heiß, aber der Übergang zum Altweibersommer ist schon spürbar, ich schiebe mein Radl den Berg hinauf, oben nehme ich die Sonnenbrille herunter, um zu sehen, ob der Himmel wirklich so blau ist, wie ich vermute, ja, noch viel blauer, direkt überirdisch blau, was ja für einen Himmel ganz in Ordnung ist. Ich glaube, so blau ist er nur im Altweibersommer, zwischen Sommer und Herbst. Ich sitze auf der Bank und denke, daß alles eigentlich nur Übergang ist … und an gestern, da haben wir die „Schmied-Rosi“ zu Grabe getragen, wie es so schön heißt.
In der Kirche, während der Begräbnisfeier denke ich an unsere Nachbarin und plötzlich wird daraus die Rückschau auf ein ganzes Leben. Sie ist mit 95 Jahren jetzt gestorben und ich denke zurück und zurück … und ich sehe sie vor mir, die bildschöne junge Bäuerin, wie sie nach der Stallarbeit vor dem Spiegel in der Stube steht und ihre wunderschön glänzenden braunen Haare zu einer kunstvollen Schnecke dreht und im Nacken feststeckt. Ich war noch klein, vielleicht 10 Jahre alt, und war immer beim Nachbarn zu Besuch. Damals war das noch so, die Haustüren waren offen, man ging in den Hausgang und klopfte an die Stubentüre.

Dann war man halt da und wenn die Nachbarn grad gegessen haben, durfte ich mich selbstverständlich dazusetzen und mitessen, und natürlich schmeckte es viel besser als daheim. Am meisten freute ich mich über Hörnchen mit Tomatensoße oder Pfannkuchen oder was es halt gab. Das einzige, was ich nicht mochte, war der grüne Salat, über den ausgelassener fetter Speck gegossen wurde. Wenn es den damals überaus kostbaren Tomatenhering in der Dose gab, konnte ich nicht mitessen, weil der Doseninhalt auf die Familienmitglieder gerecht verteilt wurde und da blieb einfach für Besuch nichts übrig. Aber bei allem anderen bekam ich ganz selbstverständlich meinen Anteil auf den Teller.

Die alte Schmiedin und ihre Tochter, die Rosi haben oft miteinander gesungen, zweistimmig in der Küche beim Kochen und ich höre sie noch, als wäre es gestern gewesen und dabei liegen ganze Menschenleben dazwischen, auch meins. Im Küchenherd wurden ein paar eiserne Ringe je nach Bedarf herausgenommen und der Topf aus Kupfer eingehängt und ich sehe noch die Bandnudeln, die dort im brodelnden Wasser schwimmen. Ich war täglich beim Schmied. Unvorstellbar heute, daß Kinder einfach so täglich zum Nachbarn gehen, aber damals war das selbstverständlich, auch die Rosi hat das als Kind so gemacht, sie war oft bei uns. Mein Vater, der etliche Jahre älter war und seine Geschwister, haben der kleinen Rosi alle möglichen Geschichten erzählt, erstunken und erlogen und sich gefreut, weil sie alles geglaubt hat. Ich hab sie sehr bewundert, sie konnte mit einer Stricknadel und Krepp-Papier wunderschöne Rosen drehen. Sie hatte einen großen Garten, sie hatte große prächtige Gurken, die haben damals „Gummerer“ geheißen, heute werden sie noch manchmal auf Bauernmärkten verkauft und es gab „Ewigkeitszwiebeln“, von denen ich sonst noch nie gehört habe.

Sie konnte unglaublich gut mähen, sehr ruhig und gleichmäßig, Schnitt für Schnitt und ich seh sie noch, wie sie früher bei uns vorbeigegangen ist, mit dem Häuerl (übersetzt :sowas ähnliches wie eine Harke) über der Schulter, hinaus aufs Feld, da hatte sie am unteren Ende des Kartoffelackers einen Krautgarten. Weißkraut, Blaukraut, Ranner(Rote Beete) waren angebaut und mußten behäuerlt werden.

Und soviel mehr kommt dahergeweht, als ich an meine Nachbarin denke, die eine ganz normale, einfache  Bäuerin war, mit großem Interesse an der Welt und von der der Sohn sagt, sie sei eine brave Mama gewesen. Und ich erinnere mich daran, daß meine Mutter mich immer zur Rosi geschickt hat, um deren Besteckkasten auszuleihen, weil wir nie genügend Besteck hatten, wenn die Verwandtschaft zu verköstigen war, die kam, um die Oma zu besuchen. Und dann sollte ich die Rosi auch noch um paar Blumen bitten aus ihrem großen Garten. Das war mir eigentlich ein Leben lang peinlich, aber die Rosi hat kein Wort darüber verloren, sondern behauptet, sie könnte sich da an nix erinnern. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Auch dafür, daß ich jederzeit willkommen war in Zeiten, in denen es in unserer Familie drunter und drüber ging.

Und als ich in der Kirche in meinem Herzen Dankeschön sage, da spielt ein Musiker mit der Zieharmonika einen leisen Walzer, den mein Papa auch gespielt hat und dann muß ich ganz furchtbar weinen über alles, einfach alles … und die Vergeblichkeit … aber bevor die Dämme endgültig brechen, spielt der Trompeter sehr laut seine Weise, bemüht, den Ton zu treffen, aber verfehlt ihn um Haaresbreite und darüber muß ich schmunzeln … ja, so ist das Leben, nicht wahr, zwischen Weinen und Lachen kommt es dahergelaufen, wir laufen ein wenig mit und irgendwann ist es vorbei. Allmählich kommt es mir so vor, als wäre die Vergeblichkeit gar nichts Schlimmes, ich will mich mit ihrem eigenartigen Sinn versöhnen.

Dann stehen wir am Friedhof,  und dann wird der Sarg ins Grab hinuntergelassen und als wir warten müssen, bis wir in dieser langen Schlange dran sind, um uns am Grab mit ein paar Tropfen Weihwasser von ihr zu verabschieden, denk ich an das leere alte Haus, das traurig vor sich hinstirbt, und daß die Rosi ihre Hängegeranien „Franzosen“ genannt hat und daß die Fenster kahl sind ohne ihre Blumen und nachts so trostlos  dunkel bleiben. Und daß ich sie nie gefragt habe, wann einer ihrer Vorfahren ein Schmied war, denn die uralte Schmiede steht noch da und das Haus heißt ja auch „beim Schmied“. Der Name kommt noch aus alter Zeit, da hatten die Bauernanwesen Namen.

Neue Häuser haben keine Namen mehr.

Und ich denke mir, daß Nachbarn eine eigene Spezies sind, nein, wir waren nicht befreundet und früher war es im Dorf auch nicht immer ganz einfach untereinander, aber die nächste Generation im kleinen Dörflein ist sehr bemüht, in Frieden miteinander zu leben. Aber auch wenn man mit so nahen Nachbarn nicht befreundet ist, so kennt man sich doch ziemlich gut , wie gesagt, es ist eine eigene Gattung der Zwischenmenschlichkeit und so wie man zueinander ist, so lebt es sich schlechter oder besser miteinander.

Und dann spielt leise und sanft die Trompete das alte Wunschkonzertlied:

„’s is Feierabnd, ’s is Feierabnd,
das Tagwerk ist vollbracht,
’s geht alles seiner Heimat zu,
ganz sachte schleicht die Nacht..“

… und mir tropfen schon wieder die Tränen aus den Augen und ich sag im Herzen Vergelts Gott  für die Dampfnudeln, die Du uns so oft gebracht hast, es waren die besten auf der Welt und für alle Zeit, ich wünsch Dir eine gute Heimreise in die ewige Glückseligkeit.

Und dann tauche ich das Zweiglein ins Weihwasser und sage:

Pfiati, Schmiedrosi!

 

Liebe Frau Kraulquappe , ich grüß Dich herzlich und selbstverständlich kennst Du eins der Lieblingslieder vom Köhlmeier, der macht ja selber auch einen wahnsinnig guten Blues.

 

Briefe an die nahe Ferne ( 26 )

Es gibt eine Stille, die man hören kann. Es ist heiß, sehr heiß sogar, die Luft steht, alles steht still, keinen Vogel hört man, eine Katze geht langsam über die Straße und verkriecht sich unter das Gebüsch, alles ist wie stehengeblieben, reglos, bewegungslos. Worte werden schwer und bleiben in der Luft hängen, Sätze  liegen vereinzelt im Staub der Straße und finden einander nicht mehr. Der Schweiß trocknet im Fließen und bildet Salzkristalle auf der Haut und läßt uns erstarren … dreh dich nicht um, Frau Lot … das Denken wird schwer, die Gewitterschwüle macht den Kopf dumpf.

Dann kommt die Bö, treibt schwarze Wolken über den Himmel, verbiegt die Wipfel, reißt das Obst von den Bäumen, läßt das alte Haus ächzen und stöhnen und dann speit er ihn aus, diesen Feueratem und treibt ihn vor sich her .. da bist Du ja, Drache, sage ich und werde mitgerissen von einer Hitzewelle, die über die Straße jagt, klammere mich an der Birke fest, deren Blätter so trocken sind, daß der kleinste Funken genügt und alles würde in Flammen aufgehen.
Im Nachbarslandkreis brennt schon wieder ein ganzer Berggipfel, das dritte fürchterliche Feuer in ein paar Wochen.

Jetzt scheint alles sich beruhigt zu haben, es riecht nach feuchter Straße, es hat nicht wirklich abgekühlt, aber die Feuerwalze ist vorbeigezogen, man kann wieder atmen. Und ich denke : das Imperium schlägt zurück. Aber es vergönnt uns eine kleine Pause, ein leiser Regen fällt und mir kommen die Tränen, weil ich so glücklich bin über jeden Tropfen, der auf das ausgedörrte Land fällt und es hoffentlich vor dem Verdursten bewahrt.

Vor einer Woche durfte ich mir zum Geburtstag einen Ausflug wünschen und wir sind im Salzburger Land in eine Gegend gefahren, in der es viele Margaretenkirchen gibt und da ich die Spur der Hl. Margarete seit vielen Jahren verfolge, bin ich auch auf der Spur der Drachen, denn wo sie ist, ist auch der Drache. Sie hält ihn locker am Band und er trottet gehorsam neben ihr her. In einer sehr alten Kirche in einem kleinen Dorf gibt es ein großes Fresko und auf diesem Bild ist eine außergewöhnliche Darstellung, in der ein Geheimnis verborgen zu sein schein, das hängt mit der Drachengeschichte zusammen.

Es gibt in unserer Gegend viele Drachengeschichten. Drachen sind ja angeblich älter als die Welt und wer sich eindringlich mit ihnen beschäftigt, wandelt auf seltsamen Spuren , erlebt schwer verständliches Zeug, taucht in unglaubliche Geschichten ein und gerät an Geheimnisse, die alle mit einem  Wissen um alte Kräfte zu tun haben. Die Kirche sah darin wahrscheinlich Konkurrenz und hat alles verteufelt und Märtyrergeschichten draus gemacht, die alten Kräfte und das Wissen darum wurden verteufelt, aber es ist noch vorhanden, versteckt zwar, aber es ist da und ganz deutlich auf diesem Bild zu sehen. Und ich liebe es, zu sagen, die Margarete ist  die, die mit dem Drachen tanzt.

Liebe Frau Kraulquappe, ich grüß Dich herzlich aus dem Land der Berge, Riesen und Drachen!

Briefe an die nahe Ferne ( 25 )

„Mbube“
The lion sleeps tonight

Wut und Angst und Mut zur Rosenglut.
Einsamsein in Himmel, Fluß und Stein.
Der Mond im Baum und Erinnern im Traum.
Alte Frau schau genau, ist das Gold nicht auch im Grau?
Der Engel, die Flügel weit, schwebt über Raum und Zeit,
goldene Federn fallen aus seinem Ewigkeitskleid.
Flammenherz und Erdenschmerz.
Nach Fell riecht das Tier in mir.

Alleine steh ich da, dann kommen welche dazu, ich reiche ihnen meine Hände und wir schließen den Kreis und der Kreis dreht sich im Tanz … langsam erst, dann schneller, vorwärts und zurück und zur Seite und weiter, weiter immer weiter. Unsere Füße stampfen Zeichen in den Sand und unsere Stimmen singen die Botschaft hinaus und mit den Dschungelgeräuschen des Lebens singen wir ein Lied für die Freude am Weg, den Mut, die Furchtlosigkeit, für die Kraft der Geschichten und die Glut der Rosen, für die Strahlen der Sonne, das Licht des Mondes, für den Fluß der Zeit, für uns und die Liebe und die Ewigkeit in unseren Herzen, für die offene Tür in unseren Augen, die Treue der Steine und danken für die Zärtlichkeit des Universums und die Freundschaft der Tiere …
bald ist Mitternacht, der Kreuzungspunkt der Jahre und ein dunkles Brüllen nähert sich aus der Ferne und dann ertönt Musik, wunderbare Musik, jemand spielt das Bandoneon und da öffnet sich der Kreis und ER schreitet in die Mitte mit majestätisch hoch erhobenem Haupt. In seinen Augen spiegelt sich das Feuer und sein Fell glänzt und leuchtet flammend auf, und als er seine mächtige Mähne schüttelt, da fliegen die Funken wie kleine Sonnen und es wird strahlend hell in der Nacht. Und als ich noch denke, das ist aber ganz großes Kino heute, da kommt er auf mich zu, schaut mich an und mein Herz ist voller Freude und dann nimmt er seine Krone ab und setzt sie mir auf den Kopf, streckt mir seine weiche  Fellpranke entgegen und sagt: Darf ich bitten!

Und dann tanzen wir den Tango, er führt gut, der König und wir tanzen und tanzen und alle um uns her tanzen auch, lassen Vergangenheit und Zukunft hinter uns und auch die drohende Lebenskrise bleibt am Rande irgendwo liegen und wir glühen vor Freude über das Leben .
Und wenn das Glas auch manchmal halb leer zu sein scheint, so ist es doch auch immer gleichzeitig halb voll.

Hab Dank, wundervoller, geliebter König Löwe in meinem Herzen!

I am the lion

Liebe Frau Kraulquappe, bin morgen unterwegs auf Spurensuche in der fernen Nähe in einer uralten Drachengegend mit einer Kirche, in der ein Geheimnis verborgen sein soll und deshalb schicke ich schon heute mein Brieferl hinaus in die nahe Ferne. Sei lieb gegrüßt!

Briefe an die nahe Ferne ( 24 )

Wege des Wissens

Das  Medizinrad (Sun Bear & Wabun) hat sich weitergedreht in den
Mond der kraftvollen Sonne, dort bleibt es vom 21.Juni bis zum 22. Juli.

Die Große Ordnung hat Menschen, die in diesem Mond geboren wurden, zur Begleitung und Schutz und Hilfe am Lebensweg den Karneol als Totem im Reich der Mineralien, die zartrosa Heckenrose im Pflanzenreich und den geheimnisvollen Specht ausgewählt und zur Seite gestellt. Es heißt, Spechtmenschen haben die Fähigkeit, die reale Ebene zu durchdringen und die Dinge mit anderen Augen zu sehen. Dazu können sie vom Specht das Trommeln lernen, das sie ihre Kraft erkennen läßt und ihnen zum Gesang des Lebens  verhilft. Der Specht ist ein starker, zuverlässiger Begleiter, er baut perfekte Nester und ist der Meinung, daß man ein sicheres Nest braucht, um sich dorthin zurückziehen zu können, wenn es draußen zu stürmisch wird.

Ich liebe diese Geschichten aus dem Medizinrad. Ob sie besser oder schlechter sind als die der ebenso angezweifelten Astrologie, ob sie womöglich sogar erfunden wurden, wie gerne auch behauptet wird, ist mir vollkommen egal. Wenn ich dem Specht zuhöre, wie er trommelt, und vor allem, daß jeder Specht einen eigenen Rythmus hat, dann erscheint es mir sehr glaubhaft, daß wir mit seiner Hilfe unser eigenes Lied erkennen oder zumindest erfahren können, ob wir überhaupt eins haben.

Noch so ein der extremen Schwurblerei Verdächtigter war dieser Carlos Castaneda. Auch wenn man heute, lange nach seinem Tod weiß, wer er war, wird in „Fachkreisen“ heftig bezweifelt, daß er seine Geschichten um diesen Schamanen wirklich erlebt hat. Und ob es diesen Don Juan überhaupt gegeben hat, das ist mir auch längst egal und heute redet eh kein Mensch mehr von New Age und extra nach Südamerika zu reisen, um irgendwelche Peyote Pilze zu rauchen … da gibt es längst ganz andere Wege zur Betäubung in jeder Lebenslage. Für mich ist dieser „Weg des Wissens“ immer noch geheimnisvoll und wenn sich Castaneda das alles ausgedacht hat, dann beweist es ein enormes Wissen um andere Wirklichkeiten als das Wenige, was wir sehen und uns einbilden, das wäre alles, was existiert.

Es gibt in den ersten Büchern über die Lehre bei Don Juan ein paar grundlegende Wahrheiten und die deuten alle darauf hin, ganz genau hinzuschauen, zu horchen, zu riechen, wahrzunehmen und das in absoluter Bewegungslosigkeit und ohne Zeitbegrenzung … eigentlich genau das, was wir stundenlang mit dem Handy machen: hinstarren.

Ich fahre mit dem Radl immer den gleichen Weg durch den Wald und obwohl ich ihn schon tausend Mal gefahren bin, ist er doch jedes Mal ein anderer.  Ein Windhauch gleicht niemals einem anderen, die Blätter bewegen sich nie im gleichen Rythmus, die Steine am Weg liegen immer anders, Blumen und Gräser wechseln im Werden und Vergehen und in den Standorten. Die Wolken machen was sie wollen, auch sie niemals dasselbe. Der abgebrochene Baumstumpf, der mich jahrelang an den „Salvator mundi“ erinnert hat, schaut seit etlicher Zeit je nach Lichteinfall wie ein kleiner und ein großer König aus, beide mit Krone und der große streckt noch seinen rechten Arm weit in die Höhe. Und vor jedem Vorbeifahren bin ich gespannt, wieviele grad im Bild sind, der Herr der Welt mit diesem sonderbar verdrehten Finger oder die beiden mit der Krone…

Und dann gibt es immer noch wie schon viele Jahre die wechselnden Stellen am Waldrand, wo sich ganze Schwärme Schmetterlinge tummeln und in Kreisen herumfliegen, alle in dieser wunderbar leuchtenden Farbe meines inneren Löwen: orange, wie die Flammen des Feuers! Und regelmäßig fliegt einer mit, und umkreist mich beim Radfahren und bleibt in der Luft stehen und fliegt wieder voraus und ich folge ihm und er fliegt neben mir her, wenn ich den Berg hinaufschiebe und dann, wenn ich oben auf der Bank sitze, kreist er um mich herum, setzt sich sekundenlang auf meine Hand und dann fliegt er weg.

Schau genau hin, sagt Don Juan, beobachte, wohin Dich der Schmetterling führen will.

Früher bin ich in ferne Länder gereist, weil ich Großes sehen wollte, aber das Große habe ich im Großen nicht gefunden. Heute sitze ich auf der Hausbank und schaue in die Nacht oder stehe im Wald und schließe die Augen und mir ist … als wäre das wirklich Große
im Kleinen.

Sei lieb gegrüßt Frau Kraulquappe aus der fernen Nähe, wo man sich mit dem Messer die zähe warme Luft in Würfel zerteilt herausschneiden muß, damit man durchsteigen kann, um sich fortzubewegen. Meiomei! Babaa und foi ned!

Briefe an die nahe Ferne ( 23 )

Um herauszufinden, was ich eigentlich suche in den spärlichen schriftlichen Hinterlassenschaften meiner Altvorderen, müssen in Kleinstarbeit Wort für Wort ein paar uralte Dokumente entziffert werden, die in damals  amtlicher deutscher Schreibschrift und schwarzer Tinte ordentlich mit amtlicher Feder geschrieben, Übergabeverträge enthalten. Wahrscheinlich noch etliche sonstigen Geschichten, über die nie jemand  gesprochen hat und die ich dort, wo sie halt herumlagen, nie angerührt habe, auch jetzt graust es mir vor dem, was sich da entziffern könnte … was nur befürchte ich … daß mich Dämonen anspringen? Ja, gut möglich, obwohl mir doch mein Verstand sagt, daß diese Befürchtungen alle völlig sinnlos sind, was soll mir schon passieren. Diese Vergangenheiten liegen lang zurück, alle sind tot. Die meisten gestorben hier im alten Haus.

Was macht das Haus mit so vielen Toten?

Ich muß aufschreiben, was es mit mir macht, diese Reise in die Vergangenheit. Noch treibt  mich die Spurensuche an und läßt mich gleichzeitig stocken.  Ganz egal, welche Fährte ich aufnehme, ob es die zum Großvater meines Vaters ist oder zu den Großeltern meiner Mutter, die auch zu diesem Hof gehört, obwohl sie als Fahrende hier nur kurze Zeit zur Seßhaftigkeit gezwungen war, bis sie den Schlüssel zum Käfig gefunden hat und weggeflogen ist … jeder Schritt, den ich zu den Alten hingehe führt in mich hinein. Und an diesen Wegen lagern Dämonen … ich kann sie weder bekämpfen noch vertreiben und deshalb werde ich mit ihnen tanzen … zumindest werd ich es versuchen. Ich, das Ergebnis der Begegnung von zwei in hilfloser Liebe Verbundenen, einer Verlorenen und eines Ausgegrenzten.

Eine Rose für die Vergeblichkeit.

In einer Schachtel mit ungezählten Sterbebildern, über denen die staubige Zeit der Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweggestiefelt ist, finde ich Sterbebilder, auf denen man in die alten, abgearbeiteten und ernsten Gesichter von zum Teil jungen Menschen schaut, unter anderem auch meine Großeltern und Urgroßväter … wo sind all die Frauen? Ich finde sie nicht, sie haben keine Spur hinterlassen neben all denen, die Max und Peter und Georg und Otto geheißen haben. Die Kleidung auf den alten Photographien ist so sehr anders als heute, wo man im bairischtümelnden Land selbstverständlich chicke Dirndln trägt und sich zu einer „echten“ Tracht bekennt, die es gar nicht gibt. Das Wort Dirndl gab es früher nur als Bezeichnung für ein Mädchen, ganz sicher nicht für ein Gewand. Und das Wort Mädel gab es sowieso nicht, das erschien erst, als Deutschland dachte, es sei das dritte Reich. Und wenn ich dieses unsägliche „Mädels“ höre, dann würgt es mich schier.

Zeit meines Lebens hat es mich immer zu den Ausgegrenzten und Verlorenen hingezogen. Immer schon bin ich wo auch immer in diesen unscheinbaren und heruntergekommenen Cafés gesessen, wo die herumsitzen, die aus der häuslichen Einsamkeit fliehen, um im Kaffeehaus noch einsamer zu werden und mit den anderen, die auch alleine herumsitzen, eine Art stummes Gebet zu sprechen an die Sehnsucht  und die Vergeblichkeit. Ich fühle mich dort , wo man nicht dazugehören muß, wohler als an Orten, an denen die stets Angekommenen und Erfolgreichen ihre Kleidung zur Schau tragen und ihr Wissen vorzeigen und immer „Dazugehören“ zur Schicht der Gewinner.

Das Reh kommt jetzt täglich und es hat sein Kleines dabei, das seiner Mutter hinterherspringt.

Textcollage Margarete Helminger

 

Sei lieb gegrüßt Frau Kraulquappe auf Deinem Weg hinaus aus dem alten Jahr und ich wünsch Dir, daß Du mit ein bisserl wehmütigem Lächeln aber trotzdem voller Freude in das neue Lebensjahr hineintanzen wirst! Wir bleiben uns gewogen, meine Liebe!

 

Briefe an die nahe Ferne ( 22 )

Zwischen den graubraunen Stämmen der Bäume am Obstanger steht das Reh. Nichts auf der Welt kann so bewegungslos stehen wie ein Reh. Eine Statue mit glänzenden Augen, die mich ansehen. So schauen wir und harren aus. Ich sage nichts, das Reh auch nicht . Auf einmal macht es einen lautlosen Sprung nach vorne und noch einen und weg ist es.

Ich esse die letzten Kirschen vom Baum, ihre Zeit war heftig und überquellend vor süßer Fülle und jetzt geht sie zu Ende. Am Anfang sucht man die ersten reifen Früchte und jetzt geht es darum, die letzten  zu finden, die noch nicht angefault sind  und die letzten schmecken genauso besonders wie die ersten. Nein, keine Wehmut, daß es vorbei ist, alles hat seine Zeit. Und auch wenn ich mir noch nie am Anfang vorstellen konnte, daß ich jemals genug bekommen könnte, irgendwann ist es soweit, dann bin ich satt und zufrieden und dankbar für die Fülle und das Geschenk der Bäume.

Die vernichtende Hitze der letzten Woche hat die Wiesen verbrannt und braun gefärbt, jetzt kam Regen, der in kurzen Sturzbächen auf das Land platschte, viel zu wenig konnte der harte Boden davon aufnehmen. In einem von drei ausgetrockneten Bächlein fließt wieder ein wenig Wasser. Ob es jemals wieder diesen  Sommerregen geben wird, der  ein paar Tage und Nächte durchgehend vom Himmel fällt und nach heißen Tagen warm und leicht und liebevoll die Fluren, Fell und Haut berieselt in einem Tempo, daß alle Lebewesen genug davon abbekommen, aber nicht ertränkt werden. Dieser wunderbare Sommerregen, in den man hinausläuft und sich den Schweiß abwaschen läßt und klatschnaß zu tanzen beginnt und zu küssen, wer weiß, wie in einem meiner alten Lieblingsschlager von damals..

Heute ein kleiner kühler Wind und schon kommt dieser typische Geruch  und die Farbe des Himmels ändert sich, minimal, aber dennoch spürbar … Herbstahnungen … nein, auch hier keine Wehmut, es ist immer alles da, man sieht halt manchmal das eine mehr und dann wieder das andere.

Mit befreundeten Menschen sitzen wir zusammen und reden über das, was uns gerade bewegt auf unseren Umlaufbahnen. Und das Thema „Epigenetik“ taucht auf. Niemand weiß so recht, was es genau bedeuten könnte, daß diese Wissenschaft Markierungen in unserer DNA erforscht, die von großen Belastungen herrühren, die Menschen bis zu mehreren Generationen vor uns erleiden mußten. Schwer vorstellbar, daß großer Schmerz, schlimme Vorkommnisse in meiner Urgroßmutter chemische Prozesse ausgelöst haben, die sich in die Gene gebrannt haben und weitergegeben werden bis sie bei mir angelangt sind. Und dann erzähle ich von meiner Arbeit am Familien – Wurzelbuch und wieviel Schmerz ich entdecke, und auf einmal tauchen bei allen Bilder auf aus Ahnenreihen und plötzlich entdecken wir, vor allem in manch einer Familienproblematik von heute, die unlösbar erscheint, eine Art Wiederholung durch die Ahnenreihen, so, als wären Sorgen, Ängste, was auch immer, weitergereicht worden. Natürlich nicht genauso, eher eine Ahnung, schemenhaft, aber durchaus bemerkbar und vorausgesetzt, man findet Zugang zu den Lebensgeschichten der Vorfahren.
Rätselhaft und nicht einfach, damit umzugehen, aber ich bleibe dran.

Sollte es in den nächsten Tagen regnen, dann geh ich raus und tanze, tanze , tanze, barfuß im Regen, macht Ihr mit?

Viele Grüße an die Kraulquappe!

 

Cyber-

Cyber wird ursprünglich aus dem Griechischen abgeleitet und hat mit Steuermann und Navigieren zu tun, also einem, der weiß, wo´s langgeht. Aha.

Liebe aufmerksame Lesende hier zwischen Himmel und Erde, heute wurde plötzlich zwischen dem letzten und dem aktuellen Blogbeitrag wie von Geisterhand ein Artikel in kyrillischer Sprache hineingeschoben. Mein wunderbarer Administrator, Herr Graugans, hat mir Gott sei Dank was aufgeschrieben, was ich hier veröffentlichen kann – damit ich nicht Dinge erklären muß, die ich leider nahezu gar nicht verstehe:

„Unsere Website ist selbstgehostet.
Es waren eine veraltete PHP Version und eine veraltete WordPress Version installiert. Deshalb gab es eine Sicherheitslücke, die Bots genutzt haben, um einen neuen Benutzer auf der Website anzulegen. Dieser Benutzer hat einen russischen Beitrag gepostet.

Mittlerweile sind die Benutzer wieder gelöscht und eine neue WordPress Version aufgespielt.
Das Update zu einer neuen PHP Version läuft gerade.
Damit ist die Sicherheitslücke wieder geschlossen.“

Das Bundesministerium der Verteidigung  sagt, daß Cyber – Angriffe schon lange keine Fiktion mehr sind, sondern bittere Realität. So schauts aus.

Erst kürzlich haben wir darüber geredet, daß die Kriege der Zukunft Cyberkriege sein werden und daß der Verdacht gar nicht von der Hand zu weisen ist, daß längst schon einer stattfindet, man hört und sieht und riecht ihn nicht, es fließt kein sichtbares Blut … wenn sowas wie heute auf meinem völlig unbedeutenden privaten Blog passiert, läuft es mir trotz 40 Grad im Schatten eiskalt den Rücken hinunter.

Seid alle lieb gegrüßt und ich danke Euch für Euer aufmerksames Bemerken!