Archiv für den Monat: April 2024

# 46 Der kriechende Günsel

Vorgestern hatte es 30 Grad, heute ist es kalt. Schnell und unerwartet springen die Temperaturen von einem ins andere Extrem. Im Gartencenter quellen die Einkaufswägen über, vollbeladen mit sommerlicher Containerware, frisch geliefert aus den Massenzuchtanlagen. Auch in der Giftabteilung wird fleißig eingekauft, Ameisentod, Schneckentod, Wühlmaustod, Bemoosungstod für Gartenfliesen, Fruchtfliegentod, Silberfischtod,  Mückentod, Läusetod und was noch so alles kreucht und fleucht und vernichtet werden muß, weil es sich nicht an die jeweiligen Zucht- und Ordnungsregeln hält. Die Packung billigster Rosendünger kostet 10 EUR, das erschreckt mich anscheinend so, daß ich nicht merke, daß die kleine Stachelbeerstaude, die ich kaufe, gar keine Stacheln hat. Ich merke es erst beim Verladen ins Auto und auf dem Zettel wird beschrieben, daß man die Stacheln weggezüchtet hat. Meine Güte, jetzt haben wir also Stachelbeeren ohne Stacheln, was für eine merkwürdige Welt.

Auf der Straße liegen die ersten zerquetschten Igel und am Haus vorbei rast der Jungbauer und Großpächter mit dem vollen Güllewagen, den er über den Nachbarswiesen ausleert. Er fährt etliche Male, wieviel Gülle wird er hinterlassen … 100000 … 200000 … 300000 Liter? Man sieht auf den Wiesen die Ausbeutung, je gelber die Grasflächen sind und je mehr Löwenzahn dort wächst, umso schlimmer ist die permanente Überdüngung. Gottseidank sind unsere Wiesen bei weitem nicht so gelb, wie die umliegenden, unser Pächter hat weniger Tiere und deshalb auch nicht soviel Gülle.

Wenn diese stinkenden Transporte vorbeirasen, dann liegt bald darauf ein Geruch in der Luft, der so gottserbärmlich stinkt, daß es mich würgt.

Ums Haus herum fliegen wieder die kleinen Fledermäuse, der aufgewachte Igel schiebt den laut scheppernden leeren Katzenteller mit der feuchtglänzenden kleinen Schnauze vor sich her übers Pflaster, keine Ahnung, was er damit vorhat.

Zu meiner großen Freude reckt der kriechende Günsel bereits seine Köpfe aus der Erde und wird in den nächsten Tagen und Wochen alles ums Haus herum mit blauer Blütenpracht überziehen. Ein paar fleißige Hummeln schleppen bereits schwere Taschen mit gelbem Löwenzahnstaub und machen sich beladen und leicht torkelnd auf den Weg heim in den Bau, um die Nachkommenschaft mit süßem Kraftstoff zu füttern.

Jetzt dämmert es in die blaue Stunde hinein. Die Zeit läßt sich Zeit und bleibt bewegungslos  auf den Ästen und in den Zweigen der Birke sitzen und pflegt den Stillstand. Niemand fällt das auf, nur die weisen Katzen, die vor der Küchentüre sitzen und dösen, heben manchmal ganz langsam die Köpfe und schauen blinzelnd hinauf ins Birkengeäst.

Es wird Nacht, aber der Himmel behält sein magisches Blau, das immer heller ist  als die Dunkelheit hier unten.

Wie schön doch die Welt ist.

Und da schreibt die Kraulquappe

# 45 Fallhöhe

In einem meiner Lebens-Lieblingslieder singt der Wolferl Ambros auch heute noch, daß es ihm wie dem Jesus geht, weil ihm auch das Kreuz so weh tut. Mir gefällt es heute fast noch besser, weil die Stürme des Lebens seine Stimme ausgefranst haben und sein Gesicht ausschaut wie der Wald nach dem großen Schneedruck im Winter. Alle Versuche, da was zu retten, würden nur noch tiefere Gleise im Boden hinterlassen. Er ist alt und das merkt man und trotzdem sitzt er auf der Bühne mit der Gitarre und spielt, wie es jetzt klingt, echt und unverfälscht, er könnte nichts Besseres tun.

Der Unfall passierte eine Woche vor Ostern und es passierte genauso blöd, wie halt sowas passiert und ich konnte es nicht vermeiden, das Umfallen. Ich bin ziemlich schnell mit dem Radl gefahren über Stock und Stein und bin wohlbehalten daheim angekommen. Vor der Garage habe ich angehalten, war schon mit beiden Füssen auf dem Boden und bin mit dem Rad umgefallen, weil ich mit dem Schuh auf unerklärliche Weise an der Stange hängenblieb, das Gleichgewicht verlor und mitsamt dem Rad in den Schlamm stürzte. Wie in Zeitlupe konnte ich zusehen, wie es passierte, keine Chance, das Ganze aufzuhalten. Blöderweise bohrte sich dabei der Lenker in meine Brust, das tat so weh, daß ich dachte, ich muß sterben. Machen kann man da nichts außer Quarkwickel, ich muß einfach abwarten, bis der schreckliche Bluterguß von alleine wieder vergeht. Inzwischen kann ich schon wieder halbwegs schmerzfrei einen Wäschekorb tragen. Unseren freundschaftlichen Osterbesuch konnte ich noch nicht umarmen, weil mein alter Leib im wahrsten Sinne des Wortes noch an schmerzhafter Hinfälligkeit leidet. MIt dem Radlfahren muß ich erstmal pausieren, hoffe aber, daß ich mich wieder losfahren traue, irgendwann.

Die Karwoche und Ostern war durchzogen von täglicher Freude über die Briefe der Frauen. Ich sehe es als großes Geschenk, daß dieser „Transfer“ möglich war  und daß sich Frauen auf dieses „Erinnern“ mit unglaublicher Ernsthaftigkeit eingelassen haben und so mutig waren, ihre Traurigkeit, Sehnsucht und Liebe zwischen den Zeilen zu verströmen. Es kam ja diesmal nicht darauf an, besonders gute Texte zu verfassen, sondern einfach nur, sich zu öffnen, bereit zu machen für das, was da kommt. Es ist gelungen. Ich danke denen von dort und denen von hier für das Glück dieses Versuchs einer Annäherung. Es hat mich durch die Osterzeit getragen und es wirkt in mir nach, immer noch und intensiv. Seid mir herzlich gegrüßt und laßt uns in Verbindung bleiben.

Bei einer Suche im Graugans – Archiv habe ich mit Erstaunen festgestellt, daß es diesen Blog seit Februar 2014 gibt, also schon zehn Jahre. Meine Güte, und ich erinnere mich noch ganz deutlich, wie ich mich gefreut habe, als die „Mützenfalterin“ mir damals  ein liebevolles Herzlich Willkommen geschickt hat. Ein fremder Mensch in einem für mich damals extrem fremden Universum hält mir seine virtuelle Hand zum Gruß hin! Wie schön. Liebe Elke, das werd ich Dir niemals vergessen!

Heute war die Firma da, die unsere Dachrinnen reinigt, wenn wieder mal der altehrwürdige Nußbaum, die Ebereschen und die wilden Rosen ihre Finger nach überall ausstrecken und leider ihre Blätter mit Vorliebe dort aufstauen, wo dann das Wasser nicht mehr abfließen kann und sonstwohin rinnt. Gottseidank gibt es so eine Firma, es kommen immer dieselben sehr freundlichen Männer, die dann riesige Leitern anlehnen und in Windeseile, so mirnix dirnix in der Luft hängend die Dachrinnen ausräumen. Mir wirds schon schwindlig beim Hinschauen.

 

Und da schreibt die Frau Kraulquappe

 

 

 

6. Brief an die Frauen

Du glaubst, Jesus starb, um die Menschen von ihren Sünden zu befreien?

In Wirklichkeit gab er sein Leben hin auf diese Weise, um den Geringsten zu zeigen, wie geliebt sie von Gott sind.

Alles verdreht, meine Liebe, alles völlig verdreht.

Es gibt keine Geringen, weil es in Wirklichkeit auch keine Auserwählten gibt.

Alles verdreht, völlig verdreht.

Glaubt nicht alles, was „geschrieben“ steht. Frag dein Herz, da wartet die Antwort.

Weißt du, es gibt nur „Menschen“.  Und die Natur und alle Wesen darin.

Alles geliebt, bis zum letzten Grashalm, zum letzten Grashalm.

Was hat er uns vorgeliebt, oh, welch eine Liebeswelle von ihm ausging! Selbst die Kieselsteine und Sandkörner in der Wüste waren von ihr durchdrungen, die Pflastersteine von Jerusalem, über die er schritt, die Eselin, auf der er ritt, und ihr Fohlen …

„Herr, ich bin nicht würdig, dass du eintrittst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!“ Ja. So war das. Seine reine Präsenz machte uns glücklich, die ihm wirklich begegneten, sich von dieser Welle ergreifen ließen, ihr Herz öffneten, das zuvor fest verschlossen war, nicht, weil sie tatsächlich unwürdig waren, sondern sich so ungeliebt fühlten, dass sie glaubten, Liebe gar nicht erst zu verdienen. Deshalb kam Jesus und er liebte so bedingungslos, dass diese Liebeskraft sogar dicke Mauern durchdrang, nur ein bisschen, bisschen Wille war dazu nötig, diese winzige Sehnsucht, Liebe zu erfahren, die befähigte dann die scheinbar „Geringsten“ dazu, diese zuzulassen, sich selbst zu lieben, über alle Grenzen zu lieben … und zu erkennen, dass auch davor alles Liebe war, selbst wenn wir nichts davon wussten, selbst wenn wir zuvor schon liebten, verletzt wurden, verhärteten, zurückfielen in eine Dunkelheit, warum auch immer ….

Ja, und dann, als wir Frauen, die ihm durch alle Stadien seines Leidens gefolgt sind, weil … wir viel von Leid wussten, ihm dennoch seine Last nicht abnehmen konnten und nicht sollten, denn das wäre eigentlich seinen Jüngern vorbehalten geblieben, doch der eine verkaufte, der andere verleugnete ihn und übernahm dann die Führung, und damit nahmen die Dinge ihren Lauf, weil … wir alle die Wahl hatten, Judas hätte ihn nicht verraten müssen, Petrus zu ihm stehen können, denn Gott schenkte uns Freiheit, verstehst du, Freiheit!  Als wir also trauern wollten an seinem Grab, erkannten: es gab nichts zu trauern, denn er war lebendig! Wirklich lebendig, lebendiger als alle Menschen um uns herum, die nicht einmal die Welle spürten, als er an ihnen leibhaftig vorüber schritt, da begriffen wir es, es gibt nichts zu trauern. Es gibt nichts zu trauern. Er lebt.

Es lebt.

Traust du dich? Denn nur durch dich, durch mich, durch jede Einzelne, jeden Einzelnen bleibt er lebendig. Hingabe: Jesus gab sein Leben hin, wir Frauen tun das in der Liebe (tun wir das?), wenn wir uns vermeintlich völlig hingeben, den Männern, den Kindern, den Familien, den Gemeinden, der Arbeit …. , die Männer im Krieg (müssen sie das? Welche Instanz gibt das wirklich vor?), wenn sie glauben, so ihrem Herrn und ihrer Überzeugung, der „Freiheit“ zu dienen, ihre Familien zu schützen, … .

Die Hingabe an den Krieg: an eine Sache, das ist EIGENTLICH Liebeskraft. Versteht ihr? Was ist da schiefgelaufen, was haben wir alle nicht verstanden. Was verteidigen wir, vor wem? Männer und Frauen, Männer und Frauen: Leben. Leben? Jesus war ein Mann, zu unendlicher Liebe fähig. Er war mehr als Mann allein. Er war auch Frau. Hingabe. Hingabe. Männer, oh, ihr Liebsten, Geliebte, Väter, Brüder, Söhne … versteht ihr?

Wir dachten, Jesus sei tot, und dann spazierte er davon, durch die Lüfte ins Himmelreich, in unser aller Element, in die reine Liebeskraft.

Hallelujah, Hallelujah, Hallelujah!

Wovor, fragt eine Frau die Frauen (und auch die Männer), haben wir also Angst? Was hält uns zurück.

Ach Jesus, du fehlst mir so.

Er ist nie weggegangen. Wir müssen ihn nur in uns spüren, er war und ist unsere Nahrung, von Männern wie von uns Frauen. Es gibt keine Trennung. Gar keine, gar keine. Eure Zeit zeigt das so gut wie keine andere zuvor.

Text: Silvia Springer