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# 51 Die warme Sofi, der Tod im Gebirg und der Maikäfer in der Tomatensoße.

An Christi Himmelfahrt  strömen die Massen in die Bierzelte, allerorten torkeln besoffene Männer herum oder stehen schwankend und schwitzend irgendwo beim Pinkeln, um Platz zu machen für weitere Liter diverser Flüssigkeiten. Das einzig Schöne, wenn man es nicht vermeiden kann, an diesem zweifelhaften „Vatertag“ auf der Straße unterwegs zu sein, ist, daß man viele alte Traktoren sieht, die zu den Bulldogtreffen fahren. Ich sehe etliche typisch graublaue „Eicher“, die genauso ausschauen wie unser alter daheim, den wir sehr lieben.

Wer denkt eigentlich an diesem Tag der Himmelfahrt an den  auferstandenen Christus, der ja da hinauf in den Himmel muß, um eine Dreiheit zu bilden, damit das Ganze dann als Heiliger Geist an Pfingsten wieder zu uns herabsegelt? Die ganze Geschichte mit der Himmelfahrt , den beiden weißgekleideten Männern, die kryptische Sachen sagen und dann dieser Feuerzungenzauber an Pfingsten ist mir heute noch genauso unerklärlich und unverständlich wie schon als Kind. Aber ich würde es auf jeden Fall sinnvoller finden, miteinander darüber zu sprechen und gemeinsam zu rätseln und die alten Texte zu lesen, die Ursprünge zu erforschen,  als dieses unselige, versoffene Zelebrieren einer fragwürdigen Männlichkeit.

Mein Papa hatte immer viel zu tun am Himmelfahrtstag, weil da seine kleine Lieblingsbrauerei neben den Traktoren auch ein Schnauferltreffen mit alten Motorrädern veranstaltet hat. Und „der Bräu“, der für meinen Vater wie früher einer der anerkannten Honoratioren war und den er sehr mochte, teilte ihn im Platzanweisungsteam ein, da gab es dann ein Essen und hinterher als Lohn mindestens 10 Tragerl von dem guten Bier. Aber ich glaube, der Papa verspürte es als eine Art Ehre, an so wichtiger Stelle in diesem Treffen mitzuwirken. Dieses Treffen wurde immer größer und größer und dann kamen die Ausschreitungen, die letztlich dazu führten, daß die Brauerei das Ganze vor Jahren aufgelöst hat. Der Papa hats nicht mehr mitbekommen.  Vor 14 Jahren ist er gestorben. Letzte Nacht bin ich in der Stube gesessen und hab an ihn gedacht. Um halb eins ist er gestorben, in seinen 85. Geburtstag und in den Tag der kalten Sofi hinein.

Einen leichten Tod hatte er, so schien es mir, er hat ausgeschnauft und nicht mehr eingeatmet. Und ich dachte mir, wie einfach das doch ist, das Sterben. Ich hab meine Hand neben seine Hand gelegt und gesehen, wie ähnlich sie sind. Viel Eisen haben sie geschmiedet, die Papahände, viele kleine Vögel mit weit zum Pfeifen aufgesperrtem Schnabel, nur er konnte sie aus ehemals starrem Eisen durchs Erhitzen so formen, daß sie wie echt aussahen. Manchmal, wenn ich irgendwo unterwegs bin, seh ich sie an einem Geländer oder an einem Grabkreuz und dann weiß ich: Die sind vom Papa.

Er hat auch immer gepfiffen und ich hab letzte Nacht auch für ihn gepfiffen, einen seiner wunderschönen Landler, und dann bin ich hängengeblieben und wusste nicht mehr, wie er weitergeht und dann war mir, als tät der Papa die Zugharmonie unter der Bank hervorholen  … und ich hör ihn spielen und die Knöpfe klappern leise und bei der Stelle, an der der Baß so röchelnd schnarrt, da tät er mich anschauen und lächeln, weil er weiß, daß mir diese Stelle so gut gefällt. Und ich denke daran, was wir uns alles noch sagen hätten sollen und was ich ihn nicht gefragt hab  und daß wir uns manchmal das Leben blödsinnigerweise so schwer gemacht haben und das, obwohl oder grad deswegen, weil wir uns so gern hatten.  Und daß wir uns wahrscheinlich zu fremd oder zu ähnlich waren oder beides, was weiß ich. Und daß ich wohl nie erfahren werde, wer dieses Bild gemalt hat mit dem Tod im Gebirge, das er so geliebt hat und daß die Pfingstrosen ganz wunderbar blühen, die uralte Staude und daß ich morgen Marmelade koche, auch immer noch vom uralten Rhabarber … sag mal, Papa, wie alt wird der wohl sein?

Daß überall die Akeleien blühen, sag ich nicht, auch nichts vom übrigen Wildwuchs, den er nicht mochte. Aber daß zweimal hintereinander ein Maikäfer in die Küche gesegelt kam und  am Topfrand von der Tomatensoße gelandet ist und ich ihn zweimal grad noch vor  dem Absturz ins kochende Verderben retten konnte, das tät ich ihm sagen. Weil Du immer Tür und Fenster aufreissen mußt, täte er sagen.

Und daß ich ihn vermisse, tät ich ihm sagen.

So schrecklich vermisse.

 

 

 

Und wenn sie wieder auftaucht zum Luftschnappen, dann schreibt sie hier, die liebe Kraulquappe.

# 50 An der Nordseite der Alpen

„Hauptsächlich wird es den Dauerregen im äußersten Süden geben. Das Tiefdruckgebiet zieht über die Alpen und der Regen fällt an der Alpennordseite ins Alpenvorland“. So wurde vor ein paar Tagen im Wetterbericht angekündigt, was zu erwarten war. Und die Aussage hat sich bestätigt: Es regnet und regnet und regnet … dauernd und unbeirrbar. Eigentlich regnet es nicht nur, sondern es schüttet wie aus Kübeln. Menschen, die hier Urlaub machen, sind voll des Jammers, sie hatten schließlich Sonnenschein, blauen Himmel , Flanieren in kurzer Hose am bairischen Meer und noch so einiges, was das touristische Herz begehrt, bestellt. Und jetzt hocken sie hier im Freizeitpark südliches Bayern, der „Schiemsee“ ist grau und aufgebracht und ungastlich, und die Berge, sofern man sie überhaupt sieht, hüllen sich in unwirsche Distanz und dampfende Nebelschwaden. Was soll man bei so einem Wetter anfangen? Viele landen da, wo sie auch daheim hingehen, beim Aldi. Und da hat man es dann mit Horden von mißmutigen und schlecht gelaunten Menschen zu tun, die sich für ihr Geld betrogen fühlen von der bairischen Wetterlage. Und ich muß mich beherrschen, wenn ich so Aussprüche höre, daß man im nächsten Urlaub doch wohl lieber in den Süden fliegen wird. Da bin ich versucht, zu sagen, daß wir hier ja schon im Süden sind und bezüglich Klima nicht mehr viel Unterschied zu den Flugzielen mit Sonnenscheingarantie vorliegt, denn entweder trocknen wir aus oder es schwemmt uns weg … das ist in Dubai auch nicht viel anders, wie kürzlich berichtet.

Aber ich sag nichts, und schau lieber zum Dach der architektonischen Scheußlichkeit des Aldigebäudes hinauf: da sitzt am höchsten Punkt vom First ein kleiner Vogel, der aus Leibeskräften sein Lied hinaustirilliert, in einer solchen Inbrunst und Lebensfreude, daß ich beim Zuhören vor lauter Glück gar nicht merke, daß ich längst waschelnaß bin und mir das Regenwasser über das Gesicht läuft.

Was für eine Freude, lieber kleiner Vogel, Dir zuzuhören!

Heute habe ich Stunden damit verbracht, zu suchen, in welcher Geschichte vom verehrten Jorge Luis Borges das nachfolgende Zitat genau steht … und habe es bisher nicht herausgefunden.

„Jemand setzt sich zur Aufgabe, die Welt abzuzeichnen. Im Laufe der Jahre bevölkert er einen Raum mit Bildern und Provinzen, Königreichen, Gebirgen, Buchten, Schiffen, Inseln, Fischen, Behausungen, Werkzeugen, Gestirnen, Pferden und Personen. Kurz bevor er stirbt, entdeckt er, daß dieses geduldige Labyrinth aus Linien das Bild seines eigenen Gesichts wiedergibt.“ Jorge Luis Borges

Aber ich bin wieder einmal aus dieser nur zum Schein erfolgslosen Suche verzaubert und bereichert aufgetaucht. Das Suchen ist oft eine Reise zu einem Geheimnis im Geheimnis im Geheimnis und dieses Mal bin ich bei einem Menschen gelandet, der im Keller seines Hauses das „Aleph“ gefunden hat und darüber war ich mir plötzlich sehr sicher, daß auch im Keller unseres Hauses ein Geheimnis verborgen ist … unter der Stiege war mal ein Gang, da bin ich sicher. Ob jener zum Aleph geführt hat …?

Wer weiß, was noch alles möglich ist, wenn man sich erlaubt, zu träumen.

Und da textet die Kraulquappe

# 49 Der Callboy, die Metamorphose der Stubenfliege und der kopflose Reiter…

Nach erledigter Darmspiegelung schlafe ich erstmal den Rest des Tages und steige dann langsam aus dieser untersten Niederung, in die man als Lebewesen absteigen kann, wie aus dem Hades wieder hinauf zur einigermaßen normalen menschlichen Existenz. Die Untersuchung erfordert eine Vorbereitung, allein beim Drandenken  krieg ich Würgereiz und es schaudert mich. Ähnlich geht es mir, wenn ich an einen Film denke, über den ich kürzlich auf YouTube gestolpert bin. Ich fand mich plötzlich in einer Doku über Kevin, der von seinem Leben als Callboy erzählt. Über seinen eigentlichen Beruf als Ingenieur, der irgendwelche Industrieanlagen überprüft und deshalb landesweit herumreist mit Trolley für Werkzeug und Sonstiges. Und man sieht ihn zuhause in seiner Wohnung, vor dem Spiegel, unter dem unzählige Duftwässerchen stehen, mit denen er sich dann auch reichhaltig einsprüht, bevor er beim gebuchten Termin mit einer Kundin seiner gut bezahlten Freizeitbeschäftigung nachgeht. Er überprüft den Inhalt seines Werkzeugkoffers, den er immer dabei hat, wenn er sich mit Kundinnen trifft. Er garantiert jeder Frau einen Orgasmus. Wenn seine biologischen Möglichkeiten nicht ausreichen, weil … da schweigt er diskret … also, für diesen Fall hat er Hilfsmittel dabei, um jeder, wie auch immer gearteten Frau das zu verschaffen, was sie an sexueller Belustigung möchte. Jegliche Art von Beziehung ist tabu, selbstverständlich arbeite er mit viel Gefühl, aber natürlich nicht mit diesem „speziellen“ Gefühl, es sei schließlich ein Geschäft, eine Dienstleistung, gutes Geld für gute Arbeit. Pro Sitzung, oder sollte man eher Liegenschaft dazu sagen, verlangt er 500 EUR und er sei restlos ausgebucht. Es gibt etliche Stammkundinnen, die sehr zufrieden sind mit seiner Arbeit, man mag sich, aber natürlich nicht „so“.

Man sieht ihn, als er eine Kundin im Restaurant trifft und schaut ihm sozusagen bei der Anbahnungschoreographie zu, wie er welche Komplimente macht und die Kundin darin einsülzt. Die Frau läßt alles mit glänzenden Augen über sich ergehen und macht nicht den Eindruck, als würde sie dieses Spiel nicht mögen. Ich kann den Film nicht ganz anschauen, weil ich allein schon den sicher teueren Duft dieses frischgeduschten, sehr smarten und gut aussehenden  Mannes nicht ertrage, der mir aus dem Fernseher aufdringlich entgegen zu wehen scheint.

Wer mag eigentlich sowas? Ich kenne keine Frau, die sich solche verlogenen Spiele wünscht, aber ich kenne viele, die sich ausgehungert nach uferloser Zärtlichkeit und bedingungsloser Zuneigung sehnen.

Es scheint dann so ein hochbezahlter Fake, diese unverbindliche Illusion einer Zwischenmenschlichkeit  immer noch besser zu sein als nichts, oder?

Während ich das hier schreibe, schwimmen weiße Wolken über einen klitzeblauen Himmel und es ist warm wie im Sommer. Alles mögliche an Fluggetier schwirrt durch die Lüfte. Unsere Spezies sorgt ja leider für ein schreckliches Artensterben, die Insekten werden immer weniger. Ich bin froh, daß es die alte Stubenfliege (Musca domestica) noch gibt und es würde mir nicht im Traum einfallen, auch nur eine einzige zu erschlagen. Wenn man sie in Großaufnahme anschaut, sieht man, was für ein Wunderwerk der Schöpfung sie ist. Alleine schon diese roten Facettenaugen, in Nahaufnahme ein Wesen wie aus einer anderen Welt. Sie macht als „holometaboles“ Insekt eine vollständige Metamorphose durch … dieses kleine haarige Wesen mit den zarten Flügeln, das uns nervt und dem Hygienestandard unserer überzüchteten Zivilisation nicht mehr gerecht wird in seinen Gebaren und wir sowieso all das, was uns nicht passt gerne mal erschlagen, wird auch sie vernichtet, wo es nur geht. Früher hingen überall diese klebrigen Fliegenfänger herum, die waren mir als Kind schon zuwider in all dieser Belanglosigkeit des Quälens einer Kreatur.

Vor kurzem habe ich von einer Sage, die nächste Umgebung betreffend, erfahren und bin dabei, sie zu erforschen, so gut es geht. Die Sage erzählt vom wiederkehrenden Erscheinens eines Schimmels bei Nacht an einem bestimmten Ort und zusätzlich gibt es noch die Erweiterung dieser Gechichte. Diese besagt, daß zu besonderen Anlässen auf diesem Schimmel auch noch ein Reiter ohne Kopf sitzt. Nicht weit davon entfernt wurde vor Jahren ein Gräberfeld entdeckt aus bajuwarischer Zeit. Das Thema dieses Schimmels kommt ja öfters vor in der nicht nur oberbairischen Sagenwelt  Und da ich ja eine alte Geheimniskrämerin bin, werd ich da weiterforschen, immer auf der Suche nach uralten kultischen Orten, je älter umso lieber.

 

Und wonach die Kraulquappe gerade herumforscht, könnt Ihr hier lesen

 

# 48 Rilke, Katzen und die Eigenart der Dinge

Auf der Straße kommen mir große Lastwägen entgegen, dahinter etliche Panzer und als Nachhut ein paar Jeeps, tarnfarbig wie alles Übrige und bedrohlich. Immer öfter rollt Kriegsgerät über die Bundesstraße, so oft und so selbstverständlich, daß man sich schon daran gewöhnt. Nein – ich nicht – niemals!

Die Straße führt durch immer dichter besiedeltes Gebiet. Kaum noch eine leere Wiese, eine freie Zone sozusagen, an deren Rändern nicht schon das neue Industriegebiet geplant ist oder die Siedlung nebenan sich weiter ausbreitet, mit immer denselben Einfamilienhäusern, die sich allein schon mit der  banalen Scheußlichkeit der Eingangstüren gegenseitig überbieten. Dazu kommen die derzeit hochmodernen schwarzumrahmten Fenster, die ausschauen wie die Augenlöcher von Totenschädeln. Und drumherum Rasen, aufgehübscht mit ein paar Containerpflanzen. Und um die vom Gartencenter vorgeschlagene Choreografie noch stimmungsvoll abzurunden, werden hie und da ein paar weiße Gesteinsbrocken plaziert. Oder es wird einfach alles mit Steinen aufgeschüttet, auf denen dann ein Blumentrog thront. Die schneebedeckten Berge im Hintergrund würden beim Anblick dieser  Gärten des Grauens gerne davonlaufen, aber sie schaffen es ja nicht mal, die Plage der unangenehmsten Spezies, nämlich die der urlaubenden Menschen abzuschütteln. Und so stehen sie halt einfach weiterhin da und hüllen sich in den Mantel des Schneefalls und des Schweigens.

Ein Haus, an dem ich oft vorbeifahre, ist anders, ganz und gar anders. Manchmal sehe ich Licht in einem Fenster, also scheint wer darin zu wohnen. Der große Garten davor ist verwildert. Bei seinem Anblick schlagen strukturierte Menschen mit Ordnungsprinzipien die Hände über dem Kopf zusammen und Gartenprofis könnten so einen „Zugang“, wie wir die verschiedenen Stufen der Verwahrlosung nennen, überhaupt nicht aushalten und würden sofort aufräumen. Ich liebe diesen Ort. Er ist anscheinend so gut wie völlig sich selbst überlassen und gestaltet aus sich heraus die ganz spezielle Ordnung der Dinge. In der Mitte des Grundstücks steht ein Apfelbaum in voller Blüte und schenkt dem wilden Garten das Höchstmaß an Schönheit und Schmuck, was bräuchte es mehr? Ganz egal zu welcher Jahreszeit und in welcher inneren Verfassug ich daran vorbeifahre, wird mir ums Herz warm und licht und weit beim Anblick dieser sich selbst ordnenden Wildheit. Ja, ich liebe das Brachland, das überall dort entsteht, wo sich der Mensch mal heraushält mit seinen Kosten/Nutzen – Strukturen.

Beim Heimfahren vorhin lief schnell noch, ungefähr einen halben Meter vor meinem Auto eine Katze über die Straße, sie konnte nicht warten, hatte wohl einen wichtigen Weg zu machen. Es ging alles gut und sie verschwand im Gebüsch. Zuhause angekommen wurde ich schon erwartet und kaum hatte ich den Motor abgestellt, sprangen sie zu zweit auf die Motorhaube, liefen mit Schlammpfoten über die Windschutzscheibe oben drüber über das Autodach, klack klack klack … klärten die Machtverhältnisse, indem ein Kater dem anderen eine runterhaute und sich dann als Chef der Lage gemütlich auf der warmen Motorhaube niederließ.

Sie leben ganz nah an uns, haben uns immer im Blick und tun nur das, was und wie sie es für richtig halten. Ihrem kätzischen Naturell entsprechend kommen sie, wenn sie wollen und nicht unbedingt, wenn man sie ruft, wenn man sie anschaut, schauen sie erstmal weg, sind ganz nah und schnurren und streichen um die Beine und verschwinden plötzlich und sind wie vom Erdboden verschluckt. Sie hängen mehr am Ort als am Menschen, hassen jegliche Art von Fremdbestimmung, wechseln alle paar Wochen ihren Schlafplatz, gehen gerne nachts auf die Jagd, sind großflächig streunend unterwegs, wollen am Morgen was essen und sich dann ungestört zum Schlafen hinlegen.

Herr Graugans sagt, es gäbe da seines Erachtens durchaus gewisse Parallelen…

Vorhin kam eine Mail, geschickt von einem Freund, der mir ein Zitat schickte, von dem er annimmt, es könnte mir gefallen. Das tut es, lieber M. vielen Dank!

Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe.
(wahrscheinlich von Rainer Maria Rilke, keine Quellenangabe aufzufinden)

…und da läuft die Kraulquappe durch die Stadt…

# 47 Wüstenstaub, Borges, Schygulla und ich

Als ich vor ein paar Tagen vom Einkaufsmarkt zum Parkplatz gehe, steht da ein einziges, kleines Auto, das so gelb bepudert ist, daß man kaum mehr seine ursprünglich schwarze Farbe erkennt. Am Tag zuvor sah ich die Wolke über dem Hügel stehen, schwefelgelb  und sonderbar. Der Löwenzahn sorgt um diese Jahreszeit auch für gelben Staub, den der Wind von unten nach oben wirbelt. Aber der Staub, den eine Wolke von oben herunterbröselt, ist eine andere Kategorie. Wüstenstaub aus der fernen Sahara wurde angekündigt und jetzt ist mein Auto gelb und ich träume von dem Märchenland hinter den Pyramiden, uferloser Sand, nichts wie Sand und ich höre den ägyptischen Guide, der mir erklärt, wo die libysche Wüste beginnt und „wo Gaddafi wohnt“. Ich denke an den Sichelmond, der wie eine Barke über den Nachthimmel segelte, und überhaupt an diesen Himmel, der über der Wüste viel höher zu sein scheint als daheim, und ich sehe die zerschossene Nase der Sphinx … von so weit her kommst Du also, Wüstenstaub. Ich wische die Windschutzscheibe ab, damit ich was sehen kann, der übrige Staub darf bleiben, irgendwann wird ihn der Regen abwaschen. Aber warum ist mein Auto das einzige, das gelb ist.? Entweder hat der ganze Fuhrpark auf dem Parkplatz eine Garage oder es haben alle von gestern auf heute ihre Autos gewaschen, denn alle sehen wie frisch poliert aus!

Warum werden eigentlich die Autos ständig geputzt? Über Ostern fuhr sicher außer meinem kein einziges ungewaschenes Auto durch die Gegend. Warum wird überhaupt so viel geputzt? Warum putzen Frauen ständig die Wohnung und die Männer ständig die Autos? Warum ist ständig und überall die Sauberkeit in und um Räume so ein raumgreifendes Thema, alle schimpfen über diese ständige Putzerei, räumen ihr aber trotzdem soviel Lebenszeit ein. Am schlimmsten ist für mich das Geräusch des Staubsaugers, ich beschränke es auf höchstens einmal im Monat. Und ich putze erst, wenn es wirklich dreckig ist und nicht nahezu ständig, damit es nicht dreckig wird. Und je älter ich werde, umso weniger verstehe ich, warum Dreck schlecht ist und Sauberkeit gut. Ich sitze ganz bestimmt lieber in einer Wohnung, der man nichtaufgeräumte Lebensspuren ansieht, mit Menschen plaudernd am Tisch als in frisch polierter und durchstrukturierter Umgebung, wo man nicht wagt, sich zu bewegen, weil man sonst die Ordnung stört.

Draußen schneit es riesige Flocken und ein kalter Wind weht übers Land. Ich mag dieses Wetter, weil das viel mehr zum April gehört als sommerliche Temperaturen.

Das Buch, aus dem ich vorhin aufgetaucht bin und das neben mir liegt, ist die Autobiographie („Wach auf und träume“) von Hanna Schygulla. Sie hat sie in dem Alter geschrieben, in dem ich jetzt bin. Inzwischen sind zehn Jahre vergangen und sie hat die 80 überschritten. Ich mag sie heute als alte Frau mehr denn je. In einem Film mit ihr über ihr Leben ging ein Strahlen von ihr aus, das ich nur mit einer zärtlichen Weichheit beschreiben kann, in den Bewegungen ihres Körpers, ihrer Stimme und in diesen sanft glänzenden Augen einer Träumerin.

Ein Buch hat sie geschrieben, voller Poesie, in dem sie vieles aus ihrem Innersten offenbart und doch nichts  verrät, von den Geheimnissen, mit denen und für die sie lebt. Merkwürdigerweise kommt mir auch in diesem Buch ein Schriftsteller entgegen, der durch alle möglichen Wege in anderen Büchern in mein Leben hineinleuchtet, meine Nähe zu suchen scheint und auf sich aufmerksam macht: Jorge Luis Borges. Schygulla bekommt irgendwann bei Dreharbeiten in Argentinien einen Zettel zugesteckt, auf dem die folgenden Worte stehen:

„Alles ist ein stummer Buchstabe einer unentzifferbaren Schrift“. (Borges)

Und sie schreibt dazu: „Sichtbar werden hinter diesen Worten die Wasserzeichen des Geheimnisvollen, das ich brauche wie das täglich Brot, um gern zu leben.“  Und ich  … ich habe sofort das Gefühl, daß ich jetzt auch von ihr diesen Zettel zugesteckt bekomme, auch ich suche und brauche das Geheimnisvolle, um zu leben.

Ich hätte gerne ihr Programm gesehen „Borges, der Tango und ich“, das sie in den 90er Jahren auf der Bühne spielte. Sie sang alle Lieder auf spanisch. Komponiert und mit dem Klavier begleitet hat sie ein inzwischen weltbekannter Künstler, mit dem zusammen ich in jungen Jahren noch vor seiner Karriere über längere Zeit im gleichen beruflichen Umfeld gearbeitet habe. Schon damals schätzte ich ihn sehr, obwohl wir in unseren Auffassungen ziemlich getrennt voneinander agierten und ich ihn sehr viel besser kannte, als ihm lieb war. Das Leben geht seltsame Wege, um nicht zu sagen: wir wandeln in „Gärten, deren Pfade sich verzweigen“ (Borges)

Hab Dank, Freundin, daß Du mir von dieser Autobiographie erzählt hast und Hanna Schygulla danke ich, daß sie darüber schreibt, wie sie ihr Leben in ihre weichen Hände nimmt und es in Güte und Zärtlichkeit betrachtet … was könnte dem Leben Schöneres widerfahren? Ich hab es erst zur Hälfte gelesen und freue mich auf alles, was noch kommt.

Und ich liebe es sehr, wenn ich in einem Buch zu einem anderen Buch gelenkt werde, so wie jetzt, da ich in den „Fiktionen“ wieder einmal  „Die kreisförmigen Ruinen“ lese, von dem Mann, der so lange seine Figuren träumt, bis sie wirklich sind und an einem Schicksal tragen. Diese flirrend geheimnisvolle Welt … der Spiegel im Spiegel im Spiegel … kein unwirkliches Verstehen, aber wirkliches Erspüren möglich, für eine Träumerin wie mich.

„Lassen Sie mich ein, ich werde für Sie träumen“ (H.Schygulla)

Ja.

 

Und diese Region durchträumt die Kraulquappe

 

# 46 Der kriechende Günsel

Vorgestern hatte es 30 Grad, heute ist es kalt. Schnell und unerwartet springen die Temperaturen von einem ins andere Extrem. Im Gartencenter quellen die Einkaufswägen über, vollbeladen mit sommerlicher Containerware, frisch geliefert aus den Massenzuchtanlagen. Auch in der Giftabteilung wird fleißig eingekauft, Ameisentod, Schneckentod, Wühlmaustod, Bemoosungstod für Gartenfliesen, Fruchtfliegentod, Silberfischtod,  Mückentod, Läusetod und was noch so alles kreucht und fleucht und vernichtet werden muß, weil es sich nicht an die jeweiligen Zucht- und Ordnungsregeln hält. Die Packung billigster Rosendünger kostet 10 EUR, das erschreckt mich anscheinend so, daß ich nicht merke, daß die kleine Stachelbeerstaude, die ich kaufe, gar keine Stacheln hat. Ich merke es erst beim Verladen ins Auto und auf dem Zettel wird beschrieben, daß man die Stacheln weggezüchtet hat. Meine Güte, jetzt haben wir also Stachelbeeren ohne Stacheln, was für eine merkwürdige Welt.

Auf der Straße liegen die ersten zerquetschten Igel und am Haus vorbei rast der Jungbauer und Großpächter mit dem vollen Güllewagen, den er über den Nachbarswiesen ausleert. Er fährt etliche Male, wieviel Gülle wird er hinterlassen … 100000 … 200000 … 300000 Liter? Man sieht auf den Wiesen die Ausbeutung, je gelber die Grasflächen sind und je mehr Löwenzahn dort wächst, umso schlimmer ist die permanente Überdüngung. Gottseidank sind unsere Wiesen bei weitem nicht so gelb, wie die umliegenden, unser Pächter hat weniger Tiere und deshalb auch nicht soviel Gülle.

Wenn diese stinkenden Transporte vorbeirasen, dann liegt bald darauf ein Geruch in der Luft, der so gottserbärmlich stinkt, daß es mich würgt.

Ums Haus herum fliegen wieder die kleinen Fledermäuse, der aufgewachte Igel schiebt den laut scheppernden leeren Katzenteller mit der feuchtglänzenden kleinen Schnauze vor sich her übers Pflaster, keine Ahnung, was er damit vorhat.

Zu meiner großen Freude reckt der kriechende Günsel bereits seine Köpfe aus der Erde und wird in den nächsten Tagen und Wochen alles ums Haus herum mit blauer Blütenpracht überziehen. Ein paar fleißige Hummeln schleppen bereits schwere Taschen mit gelbem Löwenzahnstaub und machen sich beladen und leicht torkelnd auf den Weg heim in den Bau, um die Nachkommenschaft mit süßem Kraftstoff zu füttern.

Jetzt dämmert es in die blaue Stunde hinein. Die Zeit läßt sich Zeit und bleibt bewegungslos  auf den Ästen und in den Zweigen der Birke sitzen und pflegt den Stillstand. Niemand fällt das auf, nur die weisen Katzen, die vor der Küchentüre sitzen und dösen, heben manchmal ganz langsam die Köpfe und schauen blinzelnd hinauf ins Birkengeäst.

Es wird Nacht, aber der Himmel behält sein magisches Blau, das immer heller ist  als die Dunkelheit hier unten.

Wie schön doch die Welt ist.

Und da schreibt die Kraulquappe

# 45 Fallhöhe

In einem meiner Lebens-Lieblingslieder singt der Wolferl Ambros auch heute noch, daß es ihm wie dem Jesus geht, weil ihm auch das Kreuz so weh tut. Mir gefällt es heute fast noch besser, weil die Stürme des Lebens seine Stimme ausgefranst haben und sein Gesicht ausschaut wie der Wald nach dem großen Schneedruck im Winter. Alle Versuche, da was zu retten, würden nur noch tiefere Gleise im Boden hinterlassen. Er ist alt und das merkt man und trotzdem sitzt er auf der Bühne mit der Gitarre und spielt, wie es jetzt klingt, echt und unverfälscht, er könnte nichts Besseres tun.

Der Unfall passierte eine Woche vor Ostern und es passierte genauso blöd, wie halt sowas passiert und ich konnte es nicht vermeiden, das Umfallen. Ich bin ziemlich schnell mit dem Radl gefahren über Stock und Stein und bin wohlbehalten daheim angekommen. Vor der Garage habe ich angehalten, war schon mit beiden Füssen auf dem Boden und bin mit dem Rad umgefallen, weil ich mit dem Schuh auf unerklärliche Weise an der Stange hängenblieb, das Gleichgewicht verlor und mitsamt dem Rad in den Schlamm stürzte. Wie in Zeitlupe konnte ich zusehen, wie es passierte, keine Chance, das Ganze aufzuhalten. Blöderweise bohrte sich dabei der Lenker in meine Brust, das tat so weh, daß ich dachte, ich muß sterben. Machen kann man da nichts außer Quarkwickel, ich muß einfach abwarten, bis der schreckliche Bluterguß von alleine wieder vergeht. Inzwischen kann ich schon wieder halbwegs schmerzfrei einen Wäschekorb tragen. Unseren freundschaftlichen Osterbesuch konnte ich noch nicht umarmen, weil mein alter Leib im wahrsten Sinne des Wortes noch an schmerzhafter Hinfälligkeit leidet. MIt dem Radlfahren muß ich erstmal pausieren, hoffe aber, daß ich mich wieder losfahren traue, irgendwann.

Die Karwoche und Ostern war durchzogen von täglicher Freude über die Briefe der Frauen. Ich sehe es als großes Geschenk, daß dieser „Transfer“ möglich war  und daß sich Frauen auf dieses „Erinnern“ mit unglaublicher Ernsthaftigkeit eingelassen haben und so mutig waren, ihre Traurigkeit, Sehnsucht und Liebe zwischen den Zeilen zu verströmen. Es kam ja diesmal nicht darauf an, besonders gute Texte zu verfassen, sondern einfach nur, sich zu öffnen, bereit zu machen für das, was da kommt. Es ist gelungen. Ich danke denen von dort und denen von hier für das Glück dieses Versuchs einer Annäherung. Es hat mich durch die Osterzeit getragen und es wirkt in mir nach, immer noch und intensiv. Seid mir herzlich gegrüßt und laßt uns in Verbindung bleiben.

Bei einer Suche im Graugans – Archiv habe ich mit Erstaunen festgestellt, daß es diesen Blog seit Februar 2014 gibt, also schon zehn Jahre. Meine Güte, und ich erinnere mich noch ganz deutlich, wie ich mich gefreut habe, als die „Mützenfalterin“ mir damals  ein liebevolles Herzlich Willkommen geschickt hat. Ein fremder Mensch in einem für mich damals extrem fremden Universum hält mir seine virtuelle Hand zum Gruß hin! Wie schön. Liebe Elke, das werd ich Dir niemals vergessen!

Heute war die Firma da, die unsere Dachrinnen reinigt, wenn wieder mal der altehrwürdige Nußbaum, die Ebereschen und die wilden Rosen ihre Finger nach überall ausstrecken und leider ihre Blätter mit Vorliebe dort aufstauen, wo dann das Wasser nicht mehr abfließen kann und sonstwohin rinnt. Gottseidank gibt es so eine Firma, es kommen immer dieselben sehr freundlichen Männer, die dann riesige Leitern anlehnen und in Windeseile, so mirnix dirnix in der Luft hängend die Dachrinnen ausräumen. Mir wirds schon schwindlig beim Hinschauen.

 

Und da schreibt die Frau Kraulquappe

 

 

 

6. Brief an die Frauen

Du glaubst, Jesus starb, um die Menschen von ihren Sünden zu befreien?

In Wirklichkeit gab er sein Leben hin auf diese Weise, um den Geringsten zu zeigen, wie geliebt sie von Gott sind.

Alles verdreht, meine Liebe, alles völlig verdreht.

Es gibt keine Geringen, weil es in Wirklichkeit auch keine Auserwählten gibt.

Alles verdreht, völlig verdreht.

Glaubt nicht alles, was „geschrieben“ steht. Frag dein Herz, da wartet die Antwort.

Weißt du, es gibt nur „Menschen“.  Und die Natur und alle Wesen darin.

Alles geliebt, bis zum letzten Grashalm, zum letzten Grashalm.

Was hat er uns vorgeliebt, oh, welch eine Liebeswelle von ihm ausging! Selbst die Kieselsteine und Sandkörner in der Wüste waren von ihr durchdrungen, die Pflastersteine von Jerusalem, über die er schritt, die Eselin, auf der er ritt, und ihr Fohlen …

„Herr, ich bin nicht würdig, dass du eintrittst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!“ Ja. So war das. Seine reine Präsenz machte uns glücklich, die ihm wirklich begegneten, sich von dieser Welle ergreifen ließen, ihr Herz öffneten, das zuvor fest verschlossen war, nicht, weil sie tatsächlich unwürdig waren, sondern sich so ungeliebt fühlten, dass sie glaubten, Liebe gar nicht erst zu verdienen. Deshalb kam Jesus und er liebte so bedingungslos, dass diese Liebeskraft sogar dicke Mauern durchdrang, nur ein bisschen, bisschen Wille war dazu nötig, diese winzige Sehnsucht, Liebe zu erfahren, die befähigte dann die scheinbar „Geringsten“ dazu, diese zuzulassen, sich selbst zu lieben, über alle Grenzen zu lieben … und zu erkennen, dass auch davor alles Liebe war, selbst wenn wir nichts davon wussten, selbst wenn wir zuvor schon liebten, verletzt wurden, verhärteten, zurückfielen in eine Dunkelheit, warum auch immer ….

Ja, und dann, als wir Frauen, die ihm durch alle Stadien seines Leidens gefolgt sind, weil … wir viel von Leid wussten, ihm dennoch seine Last nicht abnehmen konnten und nicht sollten, denn das wäre eigentlich seinen Jüngern vorbehalten geblieben, doch der eine verkaufte, der andere verleugnete ihn und übernahm dann die Führung, und damit nahmen die Dinge ihren Lauf, weil … wir alle die Wahl hatten, Judas hätte ihn nicht verraten müssen, Petrus zu ihm stehen können, denn Gott schenkte uns Freiheit, verstehst du, Freiheit!  Als wir also trauern wollten an seinem Grab, erkannten: es gab nichts zu trauern, denn er war lebendig! Wirklich lebendig, lebendiger als alle Menschen um uns herum, die nicht einmal die Welle spürten, als er an ihnen leibhaftig vorüber schritt, da begriffen wir es, es gibt nichts zu trauern. Es gibt nichts zu trauern. Er lebt.

Es lebt.

Traust du dich? Denn nur durch dich, durch mich, durch jede Einzelne, jeden Einzelnen bleibt er lebendig. Hingabe: Jesus gab sein Leben hin, wir Frauen tun das in der Liebe (tun wir das?), wenn wir uns vermeintlich völlig hingeben, den Männern, den Kindern, den Familien, den Gemeinden, der Arbeit …. , die Männer im Krieg (müssen sie das? Welche Instanz gibt das wirklich vor?), wenn sie glauben, so ihrem Herrn und ihrer Überzeugung, der „Freiheit“ zu dienen, ihre Familien zu schützen, … .

Die Hingabe an den Krieg: an eine Sache, das ist EIGENTLICH Liebeskraft. Versteht ihr? Was ist da schiefgelaufen, was haben wir alle nicht verstanden. Was verteidigen wir, vor wem? Männer und Frauen, Männer und Frauen: Leben. Leben? Jesus war ein Mann, zu unendlicher Liebe fähig. Er war mehr als Mann allein. Er war auch Frau. Hingabe. Hingabe. Männer, oh, ihr Liebsten, Geliebte, Väter, Brüder, Söhne … versteht ihr?

Wir dachten, Jesus sei tot, und dann spazierte er davon, durch die Lüfte ins Himmelreich, in unser aller Element, in die reine Liebeskraft.

Hallelujah, Hallelujah, Hallelujah!

Wovor, fragt eine Frau die Frauen (und auch die Männer), haben wir also Angst? Was hält uns zurück.

Ach Jesus, du fehlst mir so.

Er ist nie weggegangen. Wir müssen ihn nur in uns spüren, er war und ist unsere Nahrung, von Männern wie von uns Frauen. Es gibt keine Trennung. Gar keine, gar keine. Eure Zeit zeigt das so gut wie keine andere zuvor.

Text: Silvia Springer

5. Brief an die Frauen

„Was willst du bei uns Männern“, haben sie zu mir gesagt, als ich fragte, ob auch ich mit dem Meister feiern könnte, als sie die Vorbereitungen für das Pascha-Mahl trafen. – Wo gäbe es denn sowas, dass eine Frau mit am Tisch sitzen möchte, wenn Männer zusammen ein Gastmahl hielten und ernste Gespräche führten?

Durch den jungen Johannes hatte ich überhaupt davon erfahren, dass dieses Mahl bereits zwei Tage vor dem Fest stattfinden sollte. Die anderen Freunde des Meisters hätten es nicht für nötig gefunden, mit mir darüber zu sprechen, so wie sie in letzter Zeit immer wieder versuchten, mich von ihm fernzuhalten.

„Hast du denn bei dir daheim keine Arbeit? Wo gehörst du überhaupt hin, was sagt deine Familie dazu, dass du dich tagelang herumtreibst? Überhaupt, wie willst du denn die Reden unseres Meisters verstehen, du, ein Weib?“ Und dann: „Wieso bist du denn noch nicht verehelicht, so wie sich das in deinem Alter gehört? Das ist gegen alle Sitte und Gesetz!“

Diese Reden habe ich immer wieder gehört, so dass ich nicht einmal mehr darüber ärgerlich werde. Ich denke, diesen Männern fehlt einfach jegliche Vorstellung, was eine Frau denken und empfinden kann. Sie haben nie etwas anderes gelernt, sehen sie die Frauen allgemein nur als Besitz irgendeines Mannes, als eine Ware, die vom Vater auf einen Ehemann übergeht, diesem dienlich zu seiner Lust und zur Verrichtung der häuslichen Arbeit. Ihr Wert bemisst sich dabei letztlich an der Anzahl der Söhne, die sie ihm gebiert.

Wie anders hat es doch unser geliebter Rabbuni ausgedrückt, als er sagte, die Maria, die bei ihm sitzen blieb, um ihm zuzuhören, hätte den besseren Teil erwählt als jene Maria, die es für wichtiger hielt, bei seinem Erscheinen in die Küche zu eilen, den Herd anzuschüren und sofort das Essen zu bereiten. O mein Jeschua, als du mir zum ersten Mal in die Augen blicktest und darin sofort gelesen hast, wonach meine Seele hungert, da wusste ich, wie das wahre Himmelreich zu finden ist! Die Tempelpriester mit ihren Schriftrollen und Gesetzestafeln haben sich so weit von alldem entfernt, was uns Gott näherbringt. Du hast dir ihren Unwillen und letztlich ihren tödlichen Hass damit zugezogen, dass du ihnen vorgehalten hast, dass einzig und allein die Liebe das wichtigste Gesetz ist. Kann ein Mensch allein schon durch die Zuneigung zu seinen Mitmenschen selig werden, ohne die Vermittlung der Priester und Schriftgelehrten? Es erschien mir durchaus so, als du den Gelehrten im Tempel die heiligen Schriften ausgelegt hast. Das wäre eine alles umwerfende Erklärung des Göttlichen und würde ihre Wichtigkeit und damit ihre Ämter in Frage stellen. Wie sollten sie nicht erzürnt darüber sein!

Mit welchem Neid sahen sie die Begeisterung der Volksmenge an, die dir bei deinem Einzug in Jerusalem zujubelte. Demütig und doch so voller Würde saßest du auf einem kleinen Esel und winktest ihnen zu, herzlich zugetan. In ihrer Begeisterung breitete sie ihre Gewänder vor dir aus, schwenkte Palmenwedel und grüßte dich als den Sohn Davids, ihren wahren König. Noch klingt mir ihr „Hosianna!“ in den Ohren, überdröhnt vom fürchterlichen „Kreuzige ihn!“  am Tag vor dem Pessach-Fest, als der römische Statthalter dich der johlenden Menge vorführen ließ, blutüberströmt von der Geißelung, die du in den Morgenstunden über dich ergehen lassen musstest, einen Kranz von Dornzweigen zur Verhöhnung auf den Kopf gedrückt, schweigend, ohne zu klagen oder um Begnadigung zu bitten. Pilatus wollte dich frei lassen, denn er hatte keine andere Handhabe gegen dich als die Anschuldigung des Hohepriesters, du hättest das Volk zum Aufruhr angestiftet, um sie als ihr König gegen die Besatzer zu führen. Nichts weniger hattest du im Sinn, das Reich, das du aufrichten wolltest, sei nicht von dieser Welt, hast du oft gesagt, ohne alle Gewalt wolltest du nur die Seelen der Menschen zu Gott führen.

Für den Räuber und Mörder Barabbas hat der Pöbel schließlich die Freilassung erschrieen, so wie es ihnen die Tempelpriester einredeten.   Du wurdest zum Sündenbock erklärt, doch unschuldig wie ein Lamm haben sie dich zur Schlachtbank geführt. Ohnmächtig musste ich es mit ansehen, eingekeilt in die Menge, ich konnte dir nicht helfen, meine Stimme konnte die anderen nicht übertönen. Ich war allein, die Freunde, die sonst jeden deiner Schritte begleiteten, hatten sich zerstreut und versteckt, vor Angst, sie könnten selbst angeklagt und verurteilt werden. Da eilte ich zu meinen Gefährtinnen, die mir immer geholfen hatten, den Meister und seine Freunde zu versorgen. Wir Frauen liefen wehklagend den Weg mit dir nach Golgotha, wir achteten nicht darauf, dass uns die römischen Soldaten immer wieder grob hinweg stießen, wenn wir ein paar Worte des Trostes an dich richten wollten. Das Schweißtuch, das dir eine von uns reichen konnte, durftest du schließlich auf dein geschundenes Gesicht drücken. Ich habe den Abdruck des Straßenstaubs und deines Blutes darauf gesehen, als du es ihr zurückgegeben hast. Mit deinen Blicken hast du uns getröstet, obwohl dir selbst ein grausamer Tod bevorstand. Der schwere Balken auf deinen Schultern, an den sie dich später hängen wollten, hat dich immer wieder zu Boden stürzen lassen, bis du fast nicht mehr aufstehen konntest. Schließlich winkten sie einen Mann heran, der dir helfen sollte, damit sie endlich mit der Hinrichtung fertig würden. Ich durfte nicht zu dir, nur deiner Mutter und dem Johannes haben sie erlaubt, beim Schandpfahl stehen zu bleiben, nachdem sie dich daran festnagelten und am Balken in die Höhe zogen. Sie dachten, Johannes wäre dein Bruder, ein Kind der Maria, darum durfte er bleiben. Ich hörte deine Schreie von weitem, die Schreie der beiden anderen Verurteilten, das qualvolle Ringen nach Atem, immer wenn sich die Körper der Gekreuzigten am Holz in die Höhe zu stemmen versuchten und dann erschöpft wieder daran herunter sackten.

Vergebens suchte ich nach deinen Freunden, von denen ich keinen erblicken konnte. Um die dritte Stunde hast du deinen Geist aufgegeben, geschwächt durch die Qualen, die man dir schon vorher bereitet hatte. Der starke Fischer Simon, den ich nach deiner Hinrichtung aufspürte, saß verschreckt in einem Kellerloch, raufte sich die Haare und riss sich die Kleider in Fetzten, heulend wie ein kleines Kind. Er schickte mich weg, aus Angst, dass ich sein Versteck verraten könnte.

Nun ruht dein Leichnam in einem Felsengrab, das dir Josef von Arimathia, ein guter Mann, überlassen hat. Ich werde mit meinen Freundinnen dort hingehen. Den Salbtopf habe ich schon besorgt, die anderen wollen Laken mitbringen. Es ist der letzte Liebesdienst, den wir unserem Rabbi erweisen können, ihn mit duftendem Öl zu salben und in sauberes Leinen zu betten. Meine Tränen sind versiegt, mit denen ich einst seine Füße gewaschen habe. Ich kann nicht mehr weinen.

Ich fürchte mich nicht, auch wenn Soldaten das Grab bewachen müssen, denn es geht das Gerücht, dass dein Leichnam gestohlen werden könnte. Noch als Toter jagst du ihnen so viel Furcht ein, obgleich du der sanftmütigste Mensch gewesen bist, den ich je gekannt habe. Die Römer, so brutal sie auch sind, fürchten die Toten und ihre Geister, die an ihnen Rache nehmen könnten, wenn das Grab nicht beschützt wird.

Eine Schwierigkeit gibt es jedoch noch: wie werden wir schwachen Frauen den schweren Stein vom Eingang der Grabeshöhle wälzen können? Die Soldaten werden uns sicher nicht helfen, es ist mir lieber, sie schlafen noch, jetzt, noch vor dem ersten Morgenlicht, sicher haben sie reichlich Wein getrunken, schon weil es ihnen unheimlich ist, nachts neben einem Grab auszuharren.

„Da seid ihr ja, Maryam, Veronika. Pst, wir schleichen uns an und sehen, ob wir uns nähern können. – Hört ihr, wie die Wachen schnarchen?“ „Sieh doch, das Grab! Es ist offen, es ist leer! Wo ist er, unser Rabbuni? Die Leichenbinden liegen auf der steinernen Bank. Wohin hat man ihn gebracht?“

Dort geht ein Mann, wohl der Gärtner, ich werde ihn fragen. Er dreht sich zu mir um.

Dieses Licht! Dieses grelle Licht!…

„Rabbuni!“ – „Halte mich nicht fest!“ – „Mein Rabbuni!“

Gelobt sei Gott! Er ist wahrhaft auferstanden, wie er gesagt hat, Halleluja!

Text: Margit Bischlager

4. Brief an die Frauen

Liebe Maria, Mutter des Jakobus,

eine Nachricht habe ich erhalten: Erinnere Dich!, stand darin; und: dass die Vergangenheit womöglich gar nicht hinter uns liegt und die Zukunft vor uns, sondern alles gleichzeitig existiert. Vielleicht ist das so, ich stelle es mir jedenfalls manchmal so vor. Also nehme ich den Ruf aus dieser Nachricht an, also versuche ich, Euch durch die jahrhunderteweite Geschichte nahezukommen, Euren Erfahrungen nachzuspüren, Euch in dieser Osternacht, an diesem Ostermorgen zu begleiten.

Ich stelle mir vor, dass es früher Morgen ist, Tagesanbruch; Ihr wollt zum Grab Jesu gehen und ihn salben – so ist der Brauch – sobald der Sabbat vorbei ist, an dem das vermutlich verboten war; und sobald es wieder hell genug ist, um den Garten mit dem Grab aufzusuchen. Ihr fröstelt in der Morgenkühle, zieht warme Tücher um Euch; Ihr habt Gefäße mit Salbölen bei Euch, alles, was Ihr benötigen werdet.

Ihr wart wichtig für diesen Jesus, wichtig in seiner Gefolgschaft – so wichtig, dass sie Euch erwähnen mussten, die Männer, die seine Geschichte aufgeschrieben haben, obwohl sie doch die Frauen gerne weggelassen, gerne unwichtig gemacht und verschwiegen haben. Besonders Dich, Maria Magdalena, haben sie hier und da genannt, Du also musst besonders wichtig gewesen sein – ihre Auslassungen wurden später gefüllt, mit Heiligenlegenden, mit Bildern – die Heilige mit dem Salbgefäß, die halbnackte Büßerin, von Männern fantasiert, von Männern gemalt.

Aber davon wisst Ihr nichts an diesem Morgen. Nichts davon, dass Jesus nicht als Aufrührer in einem Nebensatz der römischen Geschichtsschreibung enden, sondern als Gott einer großen Weltreligion verehrt werden wird; seine Botschaft aufgeschrieben und weitergegeben und übersetzt und gelebt und interpretiert und entstellt, so dass Licht und Schatten sich unentwirrbar vermischen: Christliche Nächstenliebe und Kreuzzüge, großartige Kirchen und Klöster, kunstvoll ausgemalte Eingangsbuchstaben in heiligen Schriften, philosophische Denkgebäude, politische Machtkämpfe, Kirchenspaltungen, Hexenverbrennungen, Missionseifer, theologische Haarspalterei, Dogmen, Prunk und Pomp, sexueller Missbrauch, verbindende Gemeinschaft in Gottesdienst und Kirchenchor; überhaupt: herzzerreißend schöne Musik und großartige Kunstwerke, Märtyrer und Päpste und einfache Menschen voller Gottvertrauen, ach, das alles. Und es nimmt seinen Anfang hier, bei Euch, an diesem zarten Morgen.

Ihr seid unterwegs, Eure Schritte schwer von Trauer, Eure Gesichter gezeichnet von zwei durchweinten Nächten. Das Salböl in Euren Gefäßen ist kostbar. Ihr seid wohlhabende Frauen, ihr gehörtet zu denen, die Jesus und seinem Gefolge Unterkunft und Bewirtung anbieten konnten, habt sein Dasein als Wanderprediger unterstützt – und mitermöglicht. Anders hat er von Gott geredet als die Pharisäer und Gelehrten. War es seine Botschaft, die Euch begeistert hat, oder war es, dass er Euch Frauen wahrgenommen, ernstgenommen, gesehen und wertgeschätzt hat, als ganze Menschen? Habt Ihr bei ihm ein Gegenüber gefunden, wie ihr es gesucht und unter den Männern sonst nicht gefunden habt?

Ihr habt ihn verehrt und – mindestens Du, Maria Magdalena – auch geliebt. In Deinem Leid sehe ich das Leid aller Frauen, die erleben müssen, dass einem geliebten Mann Schmerz zugefügt, ein geliebter Leib verletzt, gequält, erschossen, von Granatsplittern zerrissen, vergiftet, in einem Straflager ausgehungert, gefoltert, an ein Kreuz geschlagen wird, sinnlose und grausame, widernatürliche Gewalt gegen Körper, die für den Austausch und das Lachen, für das Leben und die Zärtlichkeit geschaffen sind.
Jesu Leichnam jetzt zu salben bedeutet auch, dass Ihr ihn noch einmal berühren, von ihm Abschied nehmen, seinen Tod begreifen könnt, mit Euren Händen.

Ihr geht durch den hellen Morgen, da ist schon der Garten, da drüben das Grab. Beim Näherkommen seht Ihr, dass Eure Sorge um den schweren Stein, der mit dem es verschlossen war, ganz unbegründet war, er ist schon fortgerollt. Das Grab ist geöffnet, doch warum?

Zögernd tretet ihr ein, aber Jesus ist da nicht, dort, wo ihr ihn selber gesehen habt, an diesem grausamen Freitag, liegt niemand mehr. Stattdessen einer im weiß leuchtenden Gewand, der von Auferstehung spricht. Was geht in Euch vor?
Ich stelle mir vor, dass Ihr noch ganz am Anfang Eurer Trauer steht, an dem es noch nicht zu begreifen ist, dass ein Mensch wirklich tot ist. Könnt Ihr das Reden von der Auferstehung deswegen glauben? Habt Ihr es erhofft? Hat Jesus selber davon geredet, und es erschien ganz unvorstellbar? Oder vergrößert das Reden des Weißgewandeten Euren Schmerz, weil Ihr doch Abschied nehmen wolltet, Jesus noch einmal sehen und berühren?

Ich habe Bilder betrachtet, Ihr drei Frauen am Grab seid ein beliebtes Motiv durch die Jahrhunderte der Kirchengeschichte. Man hat großes Erschrecken in Eure Gesichter gemalt, ungetrübte Freude, ikonenhafte Gefasstheit – die mir am besten gefällt, weil sie der gefühlten Starre nach dem Tod eines Menschen ähnelt, und weil die Ikonengesichter immer wieder betrachtet werden können, ohne jemals ihr Geheimnis ganz preiszugeben.
Dennoch: Erschreckt Ihr? Flüchtet Ihr? Werdet Ihr es wagen, den Jüngern und den anderen Jüngerinnen von diesem Erlebnis zu erzählen, werden sie Euch überhaupt glauben, braucht Ihr selbst erstmal Zeit, zu verarbeiten, was Ihr da gehört habt?

Du jedenfalls – Maria Magdalena – gibst erst einmal nicht auf, den Leichnam zu finden. Den Gärtner, der ganz in der Nähe auf einmal zu sehen ist, fragst Du: Wo habt ihr ihn hingebracht – und als er Dich ansieht, erkennst Du, dass Du ihn selbst vor Dir hast, Jesus. Ich glaube, dass Du aufspringst und ihn umarmst, und ich glaube, dass er Deine Umarmung erwidert und Dir diesen Moment des Abschieds schenkt bevor er sagt, was mit „Berühre mich nicht“ für lange Zeit falsch übersetzt werden wird; denn was er sagt ist „Halte mich nicht fest“ – und dann lässt Du ihn gehen.

So wie Frauen zu aller Zeit getan haben, was zu tun ist: Ihre Männer gehen lassen – der Gottesherrschaft, dem Heldentod oder anderen großen Aufgaben entgegen – ihre Verletzten zu verbinden, ihre Toten zu salben, zu betrauern und zu begraben, weiterzuleben und vom Erlebten zu erzählen. Auch Ihr habt geredet, von der Auferstehung, von der Jesusbotschaft.  Apostola Apostolorum, so wirst Du, Maria Magdalena, irgendwann genannt werden, die Apostelin der Apostel.

Aber davon wisst Ihr nichts an diesem Morgen.
Ihr steht noch immer im Garten, Ihr seid erschüttert und verwirrt von dem, was Ihr da gerade erlebt habt. Und dann geht Ihr, langsam, zurück. Hin zu den anderen.

Text: Greta