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24T.-Mutmaßungen über das Fremde,Tag13

Bekenntnisse einer glücklich Beheimateten.

Den Großteil meines Lebens hatte ich‘s ja nicht so mit der Fremde. Alles um mich herum reiste durch die Welt oder fuhr mindestens ausgiebig in Urlaub – und ich? Blieb hier!
Weil es mich nicht hinauszog in die Welt. Weil ich mich immer schon wohlfühlte dort, wo ich ja sowieso war. Hier, zuhause, in der Heimat, in Oberbayern, an den Seen, in den Bergen.

Meine Exkursionen in die Fremde beschränkten sich sehr lange auf Fahrten an die Nord- oder Ostsee oder ins benachbarte Österreich, was jetzt aber – aus süddeutscher Perspektive – nicht wirklich als fremd bezeichnet werden kann, denn man versteht die anderen ja, kann sich also verständigen, man kennt auch ihre Essgewohnheiten und die regionaltypischen Eigenheiten, kommt also problemlos über die Runden für die Dauer seines Aufenthalts. Echte Fremde, das ist anders, so viel war auch mir als Heimathockerin klar.

Nachdem die finanziell entbehrungsreiche Studentenzeit vorüber und ich im ersten richtigen Job (mit ebenfalls erstem richtigen Gehalt) gelandet war, begann auch ich, Urlaube zu machen, gelegentlich sogar Reisen zu unternehmen. Mein Radius erweiterte sich nun mit den Jahren und für meine Verhältnisse durchaus beachtlich: kleine Urlaube in der Schweiz, in Italien, in Griechenland, in Portugal – und einmal schaffte ich es sogar über den großen Teich, weil man ja meint, anlässlich einer Hochzeit etwas ganz Besonderes unternehmen zu müssen (dabei ist so eine Ehe ja eigentlich schon Grand Canyon und Monument Valley genug).
Dennoch: all das kein Vergleich zu all den anderen. Im Freundes- und Kollegenkreis begab man sich viel intensiver in die richtige Fremde und begab sich auf ausgiebige Exkursionen durch Nepal, Patagonien, Alaska, Madagaskar oder Neuseeland.

So überschritt ich schließlich die 40, ohne je nennenswert länger in der Fremde gewesen zu sein und konkrete Erfahrungen und Wissen über das Fremde, das Fremdsein oder Sich-fremd-Fühlen waren mir immer noch fremd.
Bis ich eines Tages ganz unerwartet von der großen Skandinavienliebe heimgesucht wurde, die dann auch keine unerfüllte bleiben sollte, weil sie so stark in mir brannte, dass ich ihr nachgehen musste.

Ich reiste. Wochenlang. Alleine. Und war erstmals länger in der Fremde und fühlte mich auch so: ziemlich fremd. Das Alleinreisen ist oft ein Unterwegssein jenseits der Komfortzone: denn es setzt einen aus. Dem fremden Land, den fremden Menschen, den fremden Sitten, der fremden Sprache.

Ganz auf sich gestellt ist man, fern der Heimat, alles Vertraute weit weg, bis auf den kleinen Hund, ja gottseidank, denn wer weiß: vielleicht wäre ich sonst vor die Hunde gegangen, so allein und ausgesetzt in der Fremde vor mich hin fremdelnd.

In den vielen Wochen, die ich in den letzten Jahren in Skandinavien verbrachte, habe ich dank der Differenzerfahrung zwei Begriffe zum ersten Mal wirklich gespürt und verstanden: Was mir Heimat ist und bedeutet, und wie sich das Fremde anfühlt. Und ein Stück weit sogar, wie man sich das Fremde ein wenig anheimaten kann, sich sozusagen versuchsweise in ihm beheimatet, indem man sich ihm anvertraut und es sich vertraut macht.

Gelingt einem das, dann löst es sich auch wieder ein bisserl auf, das ganze Gefremdel, denn fremd ist der Fremde ja nur in der Fremde, wie‘s schon der Karl Valentin so treffend zusammenzufassen wusste, und heimisch ist demnach der Einheimische eben auch nur in der Heimat. Was je nach Land, Regierung, Religion, Schicksal und etlichen anderen Umständen ein schreckliches Drama, eine schnöde Tatsache oder auch ein großer Segen sein kann – und ich weiß mich glücklich zu schätzen, dass ich zu den Segensreichen gehören darf.

Gastbeitrag: Kraulquappe

 

24T.-Mutmaßungen über das Fremde,Tag12

Wenn man einen Menschen mit optisch-vermutbarem Migrationshintergrund
fragt: “Wo kommst du denn her?”, dann scheint es in Deutschland seit
einiger Zeit Mode zu sein, auf diese Frage extrem genervt zu
reagieren. Die “Spiegel”-Kolumnistin Ferda Ataman hat daraus sogar ein
Buch gemacht: “Ich bin von hier. Hört auf zu fragen”.

Seit nun zwölf Jahren lebe ich, geborener Hamburger, in den USA. Man
sieht mir nicht an, dass ich nicht von hier bin, aber die
Einheimischen können das natürlich bereits nach wenigen Worten hören.
Auch nach zwölf Jahren wird man den Akzent nicht völlig los. Den
meinen allerdings können sie hier meist nicht einordnen. Dann fragen
sie nach: “Oh, you’re not from here, right? Where do you come from?”
Ich lasse sie dann gern raten. Manchmal werden die Niederlande
vermutet, manchmal England, manchmal Schweden oder Norwegen (da grüßt
dann wohl meine isländische Vorfahrin durch, obwohl ich heute nicht
mehr blond bin), Deutschland merkwürdigerweise selten.

Ich würde hier auf völliges Unverständnis treffen, wenn ich auf die
Frage nach meiner Herkunft wie Frau Adaman reagieren würde. Wenn ich
dann sage, woher ich komme — und ich mache nie ein Geheimnis daraus
–, dann graben fast alle Amerikaner sofort einen Verwandten aus ihrem
Gedächtnis, der in Ingolstadt oder Balingen geboren wurde, oder sie
selbst waren als GI in “Heidelbörg”. Norddeutschland ist weniger
bekannt.

Mehr als einmal bin ich schon im Supermarkt oder auf der Post aufgrund
meines Akzents angesprochen worden, einfach so. Die Amerikaner sind
völlig offen und neugierig in dieser Hinsicht. (Man merkt den
Unterschied sofort, wenn man dann mal wieder in Deutschland ist.) Es
ist mir bei solchen Gelegenheiten schon passiert, dass, als ich
Hamburg erwähnte, sie mir eine Geschichte erzählten: In einem Fall war
es — mit Foto aus der Brieftasche! — die Geschichte, wie die
Urgroßeltern, arme Bauern, mit dem Schiff in Ellis Island gelandet
sind, mit buchstäblich nichts außer ein paar Klamotten in einer
Reisetasche. Seitdem muss ich jedesmal, wenn ich die Freiheitsstatue
sehe, an dieses Foto denken. Im anderen Fall waren es die inzwischen
verstorbenen Großeltern, die in Bremen gerade noch das letzte Schiff
erwischt hatten, das noch zu bekommen war, bevor man sie in einen Zug
gesetzt hätte.

Auf diese Züge bin ich übrigens noch nie angesprochen worden. Trotz
der Menorah, die zu den gegebenen Anlässen unten in der Lobby dieses
Hauses steht. Nennen wir das mal: Willkommenskultur.

 

Gastbeitrag: Jan Reetze

24T.-Mutmaßungen über das Fremde,Tag11

Die kosmopolitische Realität in der Geschichte der Integration ist der letzte Schritt, bei dem das Wort WIR und die Praxis des solidarischen und kooperativen Zusammenlebens auf die Ebene der ganzen Menschheit gehievt werden müssen”. (Zygmunt Baumann)

Das Fremde ist das Unvertraute, das Unsichere. Es ist in mir, im Anderen. Das Fremde existiert. Zuallererst als Kategorie unserer Anschauung, dass es neben mir ein Anderes gibt, das sich nicht unumwunden in die Sphäre meiner Kontrolle und meines Einflusses einpassen lässt. Es grenzt sich in mir ab durch Unbewußtes, Verdrängtes, durch Übertragung. In diesem psychotextuellen Kontext ist es mir als Abspaltung von mir selbst eingeschrieben wie eine Gravur, die unsichtbar bleibt und die ans Licht gehoben werden muss, wenn es mir darum gehen will, mich in allen Facetten meiner Persönlichkeit vollkommen nackt zu sehen. Wer nicht offen ist für das Fremde, dem entgeht es als Bereicherung des Denkens und als Erweiterung seiner kulturellen Matrix , hin zu einer kosmopolitisch gefärbten Aneignung des Weltzusammenhanges, dem wir uns als Ganzes asymptotisch annähern müssen, um zu überleben.

Das Fremde übersteigt meine festgezurrten Traditionen und den Haushalt meiner Sinnlichkeit. Es erweitert meine Erfahrenshorizonte und das Wissen, das ich über Gott und die Welt mit mir herumschleppe. Nicht mehr wissen wollen wäre identisch mit dem Kältetod des Herzens.

Die Integration des Fremden durch dialogisches Verständnis kann zu Krisen führen, da es Veränderungen des eigenen Verhaltens impliziert. Neuorientierung durch Neugierde erweckt den instinktgetriebenen Impuls, dass alles beim Alten bleiben möge, da es mit Angst einhergeht, sich in neue Gefilde zu aufzumachen.

Eine ganze Palette von Reflexen steht uns zur Verfügung, wenn es darum geht, das Fremde als ein Negativum zu bewerten, und ihm den Stachel einer risikobehafteten Neujustierung meines Selbst zu rauben. Ablehnung, Ausgrenzung, Manifestation des Bestehenden. Der Gruppendruck, der Tribalismus, die Verteidigung des eigenen Territoriums. Die Unterwerfung unter die herrschende gesellschaftliche Meinung. Die Vertreibung, die Vernichtung. Das Fremde soll ausschließlich das Eigentum und die Eigentümlichkeit des Fremden bleiben. An den Orten, woher es stammt. Hic sunt leones.

Einige sagen, Argwohn und Angst, Fluchtreflex und Sicherheitsbedürfnis und die aus ihnen aufscheinenden Wirkungsverhältnisse auf das Fremde als Anderer,  seien anthropologische Konstanten, gewissermaßen in unseren genetischen Code eingeschriebene Grundtatsachen.  Sie seien Fußabdrücke des evolutionären menschlichen Selbstverständisses bis heute. So schreibt Umberto Eco, dass die Intoleranz noch vor der Indoktrination beginnt, dass sie biologische Ursachen habe. Und weiter, dass sie allein aufgrund elementarer Triebe entsteht. Insofern ist einzusehen, dass die politische Vereinnahmung der Intoleranz offene Türen einrennt. Die politische Großwetterlage gibt davon ein trauriges Abbild.

Andere glauben, dass gegenteilig zur in der DNA verankerten Fremdenfeindlichkeit diese eine erlernte Eigenschaft ist. Sie sei den Machtspielen einer Gesellschaft geschuldet, welche die Dominanz über das Fremde als das Instrument zur Sicherstellung der Souveränität von Nation, Staat, Volk und Schicksalsgemeinschaft erachtet. Das Fremde ist ein Konstrukt, ein Strategem, dessen Ziel es ist, Austauschverhältnisse zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu unterbinden. Intoleranz wird gesellschaftlichspolitisch erzeugt und nutzbar gemacht.

Aus der Sicht der Verantwortungsethik neigt das Naturwesen Mensch von seiner Anlage her immer schon zur Xenophobie. Die Ethnologie bietet darüber reichliches Anschauungsmaterial. Fremde sind aus dieser Sicht latent bedrohlich, unheimlich, alles in allem zu einer fremden Exosphäre gehörend. Aufgabe sei es solchermaßen , Fremdenfeindlichkeit und  Fremdenangst nicht als unumstößliche Tatsachen hinzunehmen. Der verantwortungsethische Ansatz besteht insofern darin, die jedem Menschen inhärente Xenophobie moralisch abzulehnen. In all ihren möglichen Ausgestaltungen. Durch Eigenarbeit, durch Bildungsarbeit, durch sozialpsychologische und politische Einflußnahme auf das Individuum und seiner Mitgliedschaft in Gruppierungen. Seien diese durch soziale oder ökonomische und anderweitige Klassierung bestimmt. Immanuel Kant glaubte, dass das Wissen um das, was recht und unrecht ist, richtig und falsch, allen Menschen dank ihrer Vernunft gegeben sei. Ob daraus auch unmittelbares moralisches Handeln folgen würde, darüber war er sich nicht sicher. Und nach Hannah Arendt kann niemand behaupten, dass das moralische Handeln sich von selbst verstünde. Hat der Versuch, die Fremdenfeindlichkeit aus den Köpfen zu bekommen, die Rechnung ohne die Biologie gemacht?

Der Schwelbrand der Fremdenfeindlichkeit ist nicht zu löschen. Ist es eine rhetorische Frage, dass sie zu überwinden wäre, wenn wir uns aus der Schicksalsgemeinschaft von Nation und Staat und Volk lösen, sie als Durchgangsstationen zu einem Universalismus sehen und eine Öffnung erfahren könnten, die es erlaubt, uns als Fremde unter Fremden zu begreifen?Immer und überall, wo uns die Mobilität als Rüstzeug unserer Welterfahrung zur Verfügung steht. Dabei geht es nicht nur um die Mobilität innerhalb der Räume. Die Spontaneität unserer Gedanken gehört dazu. Ebenso die aufgeschlossene Emotion und die überallhin reichende Empathie. Nicht zu vergessen die verantwortungsethische Grundierung einer flexiblen Moral in Gesprächen miteinander.
Gegenseitiges Verstehen, Einvernehmen, friedliche Kooperation. Solidarische Existenz, die keinem Kontrollzwang mehr unterliegt. Der Königsweg zum Fremden ist das  Gespräch und es wird unvermeidlich sein. Denn wenn es nicht geführt wird, wird die Hoffnung auf den Beginn der gegenseitigen Anerkennung und der Achtung und des guten Willens für immer zerstört. Wo ist dein Bruder, Kain?

 

Gastbeitrag: Achim Spengler

24T.-Mutmaßungen über das Fremde,Tag10

Ferne – näher kommend – fremd

Touristisches Fernweh hab ich nie verspürt. Ob das ein Erziehungserfolg der DDR ist oder ob es daran liegt, dass es meine Eltern per Vertreibung genug herumgeschleudert hatte, so dass es für mehrere Generationen reicht, und mir ein übermächtiges Ruhebedürfnis bescherte, mag sich jeder Leser selber aussuchen.

Aber die Phantasie braucht Anreize – und nur auf vertrauer Scholle verharrend, funktioniert das nicht mit der Abenteuerlust heranwachsender Dreiviertelstarker. So wurde ich Zeitreisender per Bodenkammerfund. Per Lesestoff. Per Trödelmarktkauf.

Eine lange Teenie-Phase lang hatte ich es mit den Kolonien. Gemach, gemach – nicht gleich aufregen! Das kam nämlich so: Bereits zu Kindergartenzeiten kamen Neger-Püppi‘s in Mode. Frühe 60er. Die Imperien Englands und Frankreichs waren gerade zerfallen. Die noch nicht weltweit anerkannte DDR übte sich in Solidarität mit den jungen Nationalstaaten und stellte Neger-Püppis in die Auslagen der Spielzeugläden. Da wünschte sich meine Sandkastenkumpeline Conny auch eine.

Als sie sie bekam, wollte sie sie Kerstin nennen. Ich protestierte. Ich wusste noch nicht, was Exotik ist, aber dass jemand, der so anders aussieht, keinen Allerweltsnamen kriegen durfte, war mir spontan klar. Ich schlug also Suleika vor. Da aber auch Conny durch mich das „Mosaik“ kannte, protestierte sie: „Die sieht ja ganz anders aus!“

Also fragten wir den erstbesten Erwachsenen, der greifbar war – Connys Vater.

„Alle Negerinnen heißen Bessy.“, war die Antwort.

Aha. Damit war der Name klar. Und da Conny keine Freundinnen hatte, sondern mich und Udo, wurde die exotische Schönheit eher untypisch verwendet: Als Ersatz-Indianerin.

„Bessy muss heute mal Watawah sein und wir müssen sie befrein.“

Wir fesselten sie an den Apfelbaum, schlichen uns an, befreiten sie, wurden von unsichtbaren Gegnern entdeckt, kämpften, siegten, verbanden unsere Wunden. Kopfverbände mit echter Mullbinde fetzen! Das sieht so heldisch aus!

Zeitchen verging. Die 5. Klasse bescherte „Weltsicht“ durch Erdkunde. Udos Vater hatte einen alten Globus. Da waren die deutschen Kolonien noch drauf. Und einen ebenso alten „Handatlas“ – eine gefühlte Tonne schwer – hatte er auch noch!

Das weckte Begehrlichkeiten und warf Fragen auf.

„Wieso hatten wir mal Kolonien soweit weg?“

„Weil die Briten und Franzosen schneller waren und uns nichts anderes übrigließen.“ War seine knappe Auskunft; und in der Schule, im Geschichtsunterricht, kam nicht viel mehr: Rohstoffquellen und Absatzmarkt eben. Abstrakt. Irrwitzig.

„Welcher Negerhäuptling würde europäische Möbel kaufen? Gerahmte röhrende Hirsche?“

„So isses ja auch nicht gemeint.“

„Wie dann?“

„Veraltete Waffen für Gold und Elfenbein.“

„Ach wie bei den Indianern?! Aber dann sind ja wir die Bösen gewesen.“

„Exakt.“

„Und warum wollten wir freiwillig die böse Rolle?“

„Weil die, die das gemacht haben, dachten, dass sie etwas Gutes tun und denen da unten die Zivilisation bringen.“

Das passte zu dem, was filmisch so in West-Fernsehen und Kino lief: König Salomos Diamanten, Tarzan, Elsa-Königin der Wildnis, Elefanten-Boy, Serengeti darf nicht sterben, die Vorabendserie „Omaruru“… überall überlegene, aber hilfsbereite Weiße. Literarische Erfindungen. Erlöserwahn.

Alsbald hatte auch ich einen alten Handatlas, der neben mir lag, wenn ich die alten Schmöker las, die Kohlmanns Antiquariat so hergab, oder auch die Neuerscheinungen, die sich mit jenen alten Sagenzeiten befassten. Es ergab sich ein interessantes Hinundher der zeitgenössischen und postkolonialen Standpunkte. Mit der Zeit fiel mir die eine oder andere Zeitgeistlüge auf; in beiden Epochen. Geschönt und gelogen wurde zu allen Zeiten.

In Heinrich Loths „Propheten, Partisanen, Präsidenten“ (1975) stieß ich auf eine erste Darstellung von Dr. Carl Peters. Ein Monster. Außerdem auf Leutwein und Trotha. Die deutschen Lord Kitcheners. Massaker-Fabrikanten. Als mir das Zigarettenbilderalbum zum Thema Kolonien in die Hände kam, fanden sich die 3 dort in der „Ehrentafel“ wieder. Außerdem fiel mir auf, dass hier Emin Pascha fehlt. Klar, Erscheinungsdatum des Albums: 1936.

Emin Pascha (= Eduard Schnitzer) wurde bis 1933 unumstritten verehrt, dann störte seine jüdische Abstammung. Nach’45 blieb er vergessen.

Egal aber, ob du neue Reprints oder alte Originale erbeuten konntest, eins war ihnen gemeinsam:

Sie waren voller idyllischer Illustrationen; mal Federzeichnung, Kupferstich, mal ganzseitiges Gemälde mit Seidenvorblatt. So wurden die Duala-Bay, der Waterberg, der Victoria-See, die Serengeti zu Sehnsuchtsorten.

Ich bereiste sie alle. Im Alter von 13-18 Jahren. Mit dem Finger auf der Landkarte meines Handatlas. An der Seite von Kara Ben Nemsi, Livingstone, Schweinfurth, Hendrik Witboi … der Gewehrlauf glühte wegen all der Gefechte gegen Sklavenhändler, Elefantenjäger, Wilddiebe … P.P. Arnold versetzte ich nach Afrika, um sie retten zu können. Dann kam die Einberufung. Und zerstäubte die Abenteuerlust.

Seit 1991 wären nun wirkliche Reisen dorthin möglich, wo ich in der Phantasie schon war. Aber inzwischen haben andere Bilder von Afrika das Forscher-Idyll überformt.

EPA-Freihandelszwang: Unser Müll an deren Küsten. Unsere alten Klamotten auf deren Jahrmärkten. Unsere Waffen in deren Stellvertreterkriegen… im Kampf um Mangan und Lithium… schmutzige Deals für saubere Smartphones (oder demnächst Auto-Akkus). Eine neue Plünderrunde startet gerade. Die alten Einbildungen vom soliden Pflanzer- und Wildhüter-Dasein auf‘ner Ranch in Kamerun oder Tansania mit schwarzer Frau und treuen Helfern haben sich verflüchtigt.

Fremd liegt der sagenhafte Kontinent nun wieder am anderen Ende des Mittelmeeres.

„Down the ancient corridors
And through the gates of time
Run the ghosts of dreams that we left behind.“ (Dan Fogelberg)

 

Gastbeitrag: Bludgeon

24T.-Mutmaßungen über das Fremde,Tag9

Als ich die Einladung für einen Text über „Mutmaßungen über das Fremde“ bekam, freute ich mich und wusste gleich, das mir das schwerfallen wird. Mutmaßungen äußere ich, wenn überhaupt, nur in kleinstem Kreis und das Fremde hatte ich für mich noch nicht definiert. Ich bin neugierig auf Menschen. Und Menschen sind mir eigentlich nicht fremd, sie sind anders. Und das interessiert mich. Anders sind auch die, die ich kenne. Lange habe ich also herumgedruckst und mir fiel kein Text ein. Bis ich heute, zum Abschluss meiner vierwöchigen Dienstreise in Stuttgart, am Stuttgarter KUNSTBEZIRK, der Galerie im Gustav- Siegle-Haus, vorbeilief und mir das Transparent “fremd – vertraut” [1] ins Auge fiel. Schade, dass ich es erst jetzt entdeckte, ich hätte die Ausstellung gerne besucht. – Hier meine Mutmaßung: Ich las kürzlich den Satz “Wir lieben, was wir kennen.”, was wir kennen ist uns vertraut. Wie können Menschen, die sich selbst nicht kennen, die sich selbst nicht trauen, die sich selbst nicht lieben, anderen Menschen trauen, ihnen Vertrauen entgegenbringen? Es ist doch logisch, dass Menschen, die sich selbst fremd sind, in anderen Menschen nur das Fremde sehen können!? Dominik Graf schrieb in der DIE ZEIT vom 21.11.2019 “bitte schauen Sie sich Ihre Mitmenschen auf der Straße und deren Verhaltensstörungen mal genauer an”. Solange unzählige Menschen den Kontakt zu sich selbst verloren haben, sich also selbst fremd sind, ja, auch fremdbestimmt sind, werden sie die Fremden und das Fremde als bedrohlich empfinden. Und in dem Maße, in dem sie sich mit sich selbst verbinden, in dem sie mit sich selbst verbunden sind und sich selbst vertrauen können, werden sie sich auch trauen, den Fremden und das Fremde mit neugierigen Augen zu betrachten.

[1]: https://www.stuttgart.de/item/show/408026/1/event/362522?

Gastbeitrag: Red Skies Over Paradise

24T.-Mutmaßungen über das Fremde,Tag8

advent

auf der autobahn liegt derridas postkarte
im straßengraben, durchfurchter acker
vermisst die feldlerche, die gräuliche
einsamkeit sitzt mir tief im genick, kahle
stelzen ragen in den schwarzen himmel
keine spur von schnee verheißt
hoffnung, verflogen die bitteren küsse
der herbsteszeit, dich grüßt der verschrumpelte
boskop aus luftiger höhe, nackt steht der
tannenbaum an der wand

Gastbeitrag: Orangeblau

24T.-Mutmaßungen über das Fremde,Tag7

Die Angst vor dem Fremden in mir. Christoph Schlingensief hat eine ganze Kirche daraus gemacht. Im besten Fall ist das Fremde aber das andere. (Ironie an, Ironie aus. Im Internet nie unterwegs ohne deinen Zwinkersmilie.)

Es scheint irgendwo immer ein Grüppchen Menschen in einer Ecke zu stehen, die ins Spielfeld des Lebens fremder Menschen hinein rufen, was sie zu tun und zu lassen haben. Möglichst laut, möglichst derb, möglichst im Brustton der Überzeugung, möglichst von oben aus einer privilegierten Position heraus.

Der Blick ins fremde Lebenswelten – unterhaltsam und immer auf der Suche nach mehr. Leserinnenkrankheit: Dieses Schweifen in fremden Gedanken. Faszinierende Neugierde mit Suchtgefahr.

Fremdeln – es scheint uns in die Wiege gelegt.

Wir sind die Guten, die anderen – die Fremden, die Feinde, die Ungläubigen, die Reichen, der Pöbel oder wer auch immer – sind die Bösen.
Jetzt ergibt sich aber das Problem, dass die Guten nicht immer gut sind. Manchmal liegt das an der Tageszeit, manchmal am Wetter und manchmal an der Verdauung. Mit einem Mal sind die Guten böse und die Bösen gut. Und die Fremden sind immer noch fremd.

Verwandelt. Plötzlich ist Dir Dein Alltag fremd. Wenn Du Mutter wirst. Oder arbeitslos. Wenn Deine Freundin stirbt. Wenn Dein Körper streikt. Wenn Dein Liebster Dich verrät. Wenn Du in einem fremden Leben aufwachst.

Sie trägt ihr Interesse für das Fremde wie eine Auszeichnung vor sich her. Mich befremdet das.

Fremd ist mir auch alles, was ich nicht verstehen kann.

Fremde Männer – die größte, anzunehmende lauernde Gefahr. So wurde es mir beigebracht.

Fremdeinwirkung – fast immer gefährlich. Manchmal auch lebensgefährlich.

Die fremde Sprache verunsichert, verlangsamt das Denken, macht aus mir eine stumme Zuschauerin.

Fremdeinschätzung – und plötzlich ist das Gegenteil von fremd das Selbst.

Gastbeitrag: Sammelmappe

24T.-Mutmaßungen über das Fremde,Tag6

Unten auf der Straße ziehen zwei Autos aneinander vorbei. Die weißen Scheinwerfer und die roten Rücklichter nähern sich, treffen sich und lösen sich bereits einen winzigen Augenblick später wieder voneinander, bringen immer mehr Raum zwischen sich, wie ein Sturz ins Dunkel nach links rechts, dann Finsternis.

Beda Venerabilis, ein angelsächsischer Mönch, verglich im 8. Jahrhundert n. Chr. das menschliche Leben mit dem Flug eines Spatzen, der in den Winterstürmen die vom Feuer erhellte Halle des Königs durcheilt. Er kommt durch ein Fenster aus der Dunkelheit herein und stürzt nach wenigen Augenblicken durch ein zweites wieder hinaus in die Ungewissheit. „So erscheint dieses Leben der Menschen als sehr kurze Zeit; was aber folgt und was vorausgeht, das wissen wir überhaupt nicht.“ Beda zielt damit auf die Heilsgewissheit des christlichen Glaubens, der nämlich Auskunft gibt über das Davor und das Danach dieses Wimpernschlags in der kosmischen Geschichte.

Für mich trägt Advent, die „Ankunft“ des Herrn, kein Heilsversprechen. Es ist mir fremd. Trotzdem liebe ich es seit Jahren, die Vorweihnachtszeit zu würdigen und zu einem Abend zu laden mit Kerzenschein und Lesungen. „Marley was as dead as a doornail“ gehört immer dazu – wie sollte man die Vorweihnachtszeit denn auch literarisch feiern, wenn nicht mit Charles Dickens –, auch eigene Texte oder ein Kapitel aus Ransmayrs „Atlas eines ängstlichen Mannes“. Immer in der engsten Auswahl (auch zur Freude manchen Gastes und alten Freundes) ist aber auch eine Kurzgeschichte aus Ray Bradburys „Illustriertem Mann“. Diese, „Das Kaleidoskop“, ist eine ungeheuer traurige und doch schöne Geschichte. Ein Raumschiff wird durch einen Asteroiden zerstört, die Besatzung in ihren Raumanzügen hinausgeschleudert in die schwarze Kälte des Weltraums, mit begrenztem Sauerstoffvorrat und nur noch über Funk miteinander verbunden, bis sie immer weiter auseinandertreiben und die Stimmen abreißen und jeder allein in der größten anzunehmenden Einsamkeit in den Tod rast. „Gibt es irgendetwas“, fragt sich Raumfahrer Hollis auf seinem Sturz, „das ich jetzt noch tun kann, um für ein schreckliches und leeres Leben zu büßen?“ Aber er ist ja allein in der Weite des Alls, „und wie soll man ganz allein Gutes tun?“ Und doch, da ist etwas …

Dieses Jahr habe ich mich verabschiedet von dem Wunsch, einen Vorweihnachtsabend auszurichten. Unser Kind bringt eine mächtige Umverlagerung aller Kräfte mit sich, wie es alle Eltern erfahren. Manches, was mir vertraut war, ja unabdingbar schien an meinem Leben, wird mir fremd. Anderes, was einst fremd und unbegreiflich, eigne ich mir zu Meinem an.

Und so stürze auch ich weiter durch den endlichen Zeitstrahl meiner Existenz, wie die Lichter des Autos unten im Tal, wie der Sperling in der königlichen Halle, wie Hollis in seinem Todesflug im Funkeln ferner Galaxien, und doch nicht allein.

 

Gastbeitrag: Zeilentiger

24T.-Mutmaßungen über das Fremde,Tag5

Du bist mir fremd. Ich bin dir fremd. Ich bin mir fremd. So viele Länder sind mir fremd und all die fremden Gesichter!

Du bist mir vertraut geworden. Ich bin dir vertraut geworden. Ich mir. Manche blieben bekannt. Überall wachsen Blumen, nicht jeden Namen muss ich kennen. Mensch ist Mensch, Berg ist Berg, Fluss ist Fluss. Überall ziehen Wolken über das Firmament. Überall singen Vögel, wohnen Freude und Leid, Glück und Unglück, Liebe und Angst.

Sich mit dem Leben anfreunden, mit dem Tag und mit der Nacht, mit Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Sich selbst eine gute Freundin, ein guter Freund werden.

Andere sind anders.

Manche Tür bleibt verschlossen.

Das Kind geht neugierig in die Welt, ihm ist alles fremd – aus fremdem Gelände wird vertrautes Terrain.

Das offene Herz kennt keine Furcht.

Gastbeitrag: Ulli Gau

24 T.-Mutmaßungen über das Fremde,Tag4

Fremde, Aliens und Maschinen

Mutmaßungen über das Fremde, das ist ja wieder mal so ein Thema, was soll man denn da schreiben, ist nicht das Schlimmste, was man mit dem Fremden machen kann, so im stillen Kämmerlein darüber zu mutmaßen? Denn das Fremde ist doch das Unbekannte, das, worüber man wenig oder nichts weiß, da sollte man doch lieber hingehen zu dem Fremden und versuchen, etwas darüber in Erfahrung zu bringen, das Unwissen durch Wissen zu ersetzen und somit das Fremde zum Bekannten machen, zum Vertrauten vielleicht sogar. Mutmaßt man hingegen aus sicherer Distanz zu lange herum über das Fremde, so mischt sich sehr bald Angst in die Mutmaßungen hinein, und ehe man sichs versieht, imaginiert man das Fremde nurmehr noch als mörderische Bedrohung, die nichts anderes als die Auslöschung alles Bekannten und Vertrauten im Sinn haben kann. Bestimmt essen die alle zum Frühstück schon ein paar unschuldige Babies, diese Fremden, und wenn wir nicht aufpassen, dann heißt es gleich: „Friss jetzt das Baby oder wir fressen dich, Fremder!“ Und so panzert man sich dann ein.

Zum Beispiel die Aliens. Es gibt überhaupt nichts Fremderes als diese Außerirdischen von anderen Planeten, von denen wir absolut gar nichts wissen, noch nicht mal, ob es sie überhaupt gibt, weswegen sie im Englischen sinnreicherweise die Fremdheit schon im Namen tragen. Erstaunlich viele Science-Fiction-Szenarien, von H. G. Wells’ Krieg der Welten bis hin zu Starship Troopers, Independence Day oder eben Alien, stellen sich nun unseren ersten Kontakt mit diesen extraterrestrischen Fremden als einen reinen Vernichtungskrieg vor, die Aliens erscheinen als das Böse schlechthin. Dem anderen großen Fremden an sich, der künstlichen Intelligenz, geht es da nicht viel besser, Stichwort Skynet, Matrix, Ultron und wie sie alle heißen. Auch die denkenden Maschinen stellen wir uns offenbar allzu gerne als durchgeknallte Monster vor, welche mit ihrer überlegenen Superintelligenz nichts Besseres anzufangen wissen, als die gesamte Menschheit vernichten, mindestens aber versklaven zu wollen. Welch bemerkenswerter Mangel an Phantasie.

Von Stanislaw Lem gibt es eine Geschichte, da kommt der Astronaut auf einen Planeten, der von lauter feindseligen Robotern bewohnt wird. Um nicht aufzufallen, hüllt sich der Protagonist also in so eine Blechhülle und tarnt sich selbst als Roboter. Dann passiert so dies und das, hab ich alles vergessen, und am Ende kommt heraus: Die anderen Roboter sind auch alles nur verkleidete Menschen, die Angst vor den Robotern hatten und sich deswegen als Roboter tarnten. In Wirklichkeit gab es von Anfang an überhaupt keine Roboter. Ich glaube, so ist das auch mit dem Fremden, also ich mutmaße das jetzt mal.

Gastbeitrag: Andreas Wolf