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Himmelwasser

Schon ist der langersehnte Höhepunkt überschritten. Unglaubliche Freude über die ersten Kirschen, ein ganzes Jahr davon geträumt, den Mund zu voll, Klebriges tropft von den Lippen am Hals entlang und versickert im Rot der Bluse.  Die Kerne ins Gras gespuckt, dann den kleinen weißen Wolken nachgesehen, wie sie durch das obszön blaue Himmelwasser davonsegeln. Nichts bleibt, aus Blüten werden Früchte und die fallen zu Boden. Der Sommer ist ein Gefühl von früher. Damals hat sich die Zeit ausgedehnt in die Unendlichkeit staubiger Langeweile. Jetzt ist es anders. Ich fahre mit dem Rad durch Wald und Hochsommer, auf der Straße flirrende Hitze, nirgendwo sind Kinder zu sehen. Uns war es früher oft sehr fad in den Großen Ferien und dann immer der gleiche Spruch: Papa, mir ist sooo langweilig! Und alle Erwachsenen gaben zur Antwort: Ach, hast Du es schön, ich wollte, mir wäre langweilig. Und wenn ich nicht gewußt habe, wohin mit mir, dann bin ich zu meiner Freundin geradelt und wir haben Musik gehört, einfach nur Musik aus dem Radio oder später von den Singles oder noch später von den mühsam zusammengesparten LPs. Aber da war dann schon eine neue Zeit angebrochen, der Ernst des Lebens, sozusagen, hat die Musik auf Nebenschauplätze verwiesen.

Heute sehne ich mich manchmal danach, einfach Dich oder Dich oder Dich anzurufen, wir treffen uns irgendwo daheim und dann sitzen wir am Boden neben dem Plattenspieler und hören unsere Lieblinge und lachen über manches Machwerk, das uns früher gefallen hat … natürlich “Nights In White Satin” und was halt alles so jeder mitgebracht hat … und wir essen Erdnüsse und dazu gibt es Cola mit irgendwas drin und alles andere ist vergessen, es gibt nur noch Musik, Musik, Musik und plötzlich ist Morgengrauen und alle müssen heim und dann stehen wir mit glänzenden Augen an der Tür, noch einen Schluck Kaffee und dann fällt noch jemand diese ultimative, erste Schwermetallscheibe in seinem Leben ein, und dann müssen aber wirklich alle los…

Niemand macht sowas mehr … schade eigentlich, nicht wahr … es wäre so einfach, man müsste nur die alten Platten suchen und den Hörer in die Hand nehmen …

 

Kein großes Hoffest heuer zum Beginn meiner “Route 67”, kein Wilder Westen (naja, Südosten) am Fuß der Blauen Berge mit viel Lieblingsmusik von Willie Nelson und Konsorten, lassowerfenden Cowboys, versprengten Dakotas, Rauchzeichen und schwingenden Saloontüren … nein, dafür wochenlanges Sitzen am Krankenbett, in dem der Rancher mit “Bauchschuß” liegt, Zeiten mit Hoffen und Bangen und Auseinandersetzen mit fragwürdigen Diagnosen, Meßwerten und Prognosen und einem entmenschlichten Krankenhaussystem. Vorsichtiges Durchschnaufen und den Sommer dahinziehen lassen, dankbar freuen über Musik und gute Worte in der Geburtstagsnacht, über Geschichten mit Menschen, immer sind es Menschen, die über alle Distanzen hinweg eine Hand ausstrecken und ihren Herzschlag hörbar machen.

Am Stubenfenster ist ein architektonisches Meisterwerk entstanden. Auf einer alten Kalebasse, seit Jahren zwischen Stange und Fenster zum Trocknen vergessen, wurde in wackeliger Schräglage ein Stil aus zerkauter Holzfaser geklebt, auf ihm ein Haus gebaut, vertikal, ohne schützende Hülle. Die Waben darin offen und frei. So machen sie das immer, die wilden gallischen Feldwespen. Eine der überwinterten Jungköniginnen beginnt,  es kommen dann andere Frauen dazu, und in poligyner Gemeinschaftsarbeit bauen sie das Nest, nach Ende der Bauzeit wählen sie eine zur Königin, die anderen werden zu Arbeiterinnen und betreuen die Brut. Wenn es zu heiß ist, dann sitzen sie da und flattern kühlend mit den Flügeln, wenn es abkühlt, liegen alle ausgebreitet wärmend über den Waben. Ein sehr friedliches Volk, es werden schwere Tropfen Blütenwasser angeschleppt und Unmengen von kleineren Insekten. Alle wissen, was zu tun ist und wer welche Aufgabe hat, wie gebaut, gelebt, begattet wird, wer sterben muß und wer den Winter überleben wird. Alles geht seinen Gang, solange kein Mensch die absolute Harmonie zerstört.

Der Mond der reifenden Beeren, wie diese Zeit im indianischen Medizinrad genannt wird, geht seinem Ende zu und verwandelt sich langsam in den Mond der Ernte. Nichts bleibt stehen, alles ist immer in Bewegung, die Sterne kreisen um uns und wir um die Sterne. Kein Anfang, kein Ende, der Höhepunkt des Jahres ist überschritten, Kreisen im ewigen Tanz von Werden und Vergehen.

Wie alle mit Löwenfeuer Geborenen, habe auch ich als Lebensaufgabe, Freude in die Welt zu bringen und den inneren Glutstock gut zu pflegen, um Frierende zu wärmen. Aber wenn ich vergesse, rechtzeitig nachzuladen, dann ist auch bei mir der Akku leer.

Und dann dieses Lied, genau zum richtgen Zeitpunkt …

hab Dank, Freund!

Mein Papa, die Zugharmonie und die kalte Sofie

Es wird schön langsam ein bisserl wärmer, immerhin haben wir schon 13 Grad vor der Küchentüre. Der Barometer zeigt “veränderlich”, und da ich nicht täglich nachschaue, weiß ich jetzt nicht, ob er runter- oder raufgeht. Du hast das immer gewußt, Papa, seltsam, was man vermisst, wenn ein Mensch nicht mehr da ist … ich weiß noch genau, wie es sich angehört hat, wenn Du am Abend vor dem Bettgehen kurz auf den Barometer geklopft hast, der im Hausgang neben der Stubentüre hängt. Jetzt sind die Eisheiligen vorbei, Pankraz, Servaz, Bonifaz haben uns schon wochenlang den verfrühten Sommer ausgetrieben und die kalte Sofie hat gestern noch den Rest vom Wintervorrat an Schneegraupeln um das Haus verteilt. Am Tag der kalten Sofie bist Du geboren und vor neun Jahren bist Du um 0.30 Uhr in Deinen 85. Geburtstag hineingestorben. Du hast geschlafen, ganz ruhig und leise habe ich Dich atmen gehört. Ich bin am Tisch gesessen und habe vor mich hingeschaut und dann hatte ich so ein Gefühl … und dann hast Du nicht mehr eingeatmet … und dann war es still, sehr sehr still. Ich habe das Fenster aufgemacht und dann war da so eine weiche Wehmütigkeit, die hat alles Schwere leicht gemacht und dann bist Du davongeflogen, in die Nacht und unendlich weit darüber hinaus.

Ich sitze in der Dunkelheit und lausche, aber es ist nichts zu hören. Weißt Du noch, Papa, wie ich manchmal in die Stube gekommen bin, weil ich Dich spielen gehört habe, und ich mußte erst mal das Licht anmachen, weil Du gar nicht gemerkt hast, daß es schon finster war. Und dann bist Du dagesessen im Arbeitsgewand und ich sehe noch so genau, wie die schwarzen Schmiedhände über die Tasten huschen, manche Tasten klappern ein wenig und ich höre sie schnaufen, die Zieharmonika. Du wirst immer in meinem Herzen bleiben, Papa, wie Du so dasitzt, ein Mensch mit seinem Instrument, in größter Wertschätzung werden sie zu einem einzigen Klang … wenn ich an Dich denke, Papa, dann ist meine Seele voller Musik.

Lange habe ich gesucht und dies hier gefunden, der Herbert Pixner ist sehr berühmt geworden und füllt große Hallen mit seiner Art, die Musik seiner Heimat zärtlich und behutsam in fremde neue Räume zu führen um sie, ohne ihre Herkunft zu verleugnen, weiten Horizonten zu öffnen. Als er die Alpler Polka gespielt hat, da war er noch unbekannt … wie er so dasitzt, diese Versunkenheit, dieses versonnene Lächeln, diese Hingabe …  das erinnert mich an Dich, Papa, und ich meine jetzt nicht die wundervoll schnarrenden Bässe und nicht die Virtuosität … sondern diesen Zustand, in dem einer durch das Spielen nichts anderes mehr sieht und hört, sich vergißt und selber zu Musik wird.

Ich liebe sie sehr, die Musik vom Herbert Pixner … aber was würde ich dafür geben, Dich wieder in der Stube spielen zu hören, so wie früher…

Papa.

Was wir sehen

Was wir sehen,
ist nicht,
was wir sehen,
sondern
was wir sind.

Fernando Pessoa

 

Ein Grund, warum ich jahrzehntelang diesen Ort nicht gesehen habe, obwohl ich unzählige Male die Strecke Salzburg Wien gefahren bin, könnte natürlich sein, daß die Ruine im Sommer total zugewachsen ist und mit ihrem Blättergrün mit dem dahinterliegenden Wald verschmilzt. Merkwürdig ist es trotzdem, denn sie liegt so nahe an der Autobahn, daß man doch gar nicht anders kann, als hinzuschauen. Aber es gibt Orte, die verbergen sich, vor allem, wenn man sie sucht. Oft dauert es Jahre, bis sie sich zeigen. Warum das dann genau zu einem bestimmten Zeitpunkt passiert, das wird mir immer ein Rätsel bleiben. Wie machst Du das nur, immer wieder solche Orte zu finden, sagt die Freundin. Ich wusste nichts von seiner Existenz, aber auf einmal hab ich auf der Fahrt nach Wien irgendwo im Mostviertel um St. Pölten herum am Waldrand diese riesige Ruine gesehen, aber da war sie noch unauffindbar, wir haben uns bei der Suche nach ihr verirrt und sind weiter in die große Stadt gefahren. Erst am Heimweg hat uns ein freundlicher Mann mit Hund den Weg gezeigt und es stellte sich heraus, daß wir schon auf der Hinfahrt im selben Wald gesucht hatten, wir mussten direkt hinter der Kirche gewesen sein, ohne sie zu bemerken.

Erst jetzt, nach ein paar hundert Metern durch wildes Gehölz, stehen wir vor ihr, ringsherum Teppiche aus weissen Veilchen, die ich so noch nie gesehen habe. Ein verwunschener Ort … heimlicher Grund … eine Ruine aus dem 14. Jahrhundert, St. Cäcilia gewidmet, in einer Zeit, da dieser Ort geweihter Boden war. Eine Wallfahrtskirche, zum Stift Göttweig  gehörend, im Franzosenkrieg zerstört, so heißt es. Kriege sind über das Land gegangen und mit ihnen Mord und Totschlag und das Blut ist aus den geschundenen Leibern gespritzt, der Boden hat alles aufgenommen und die Schreie sind im Wind verhallt.

“Was mache ich hier?” Diese Frage, einst von Bruce Chatwin formuliert, stellt sich auch mir immer wieder. Und dieses rätselhafte: “Werdet Vorübergehende”  aus den Apokryphen trage ich wohl lebenslang als eine Art Koan mit mir herum. In der Apsis ist dort, wo einst der Priester am Altar gestanden ist, eine Feuerstelle. Im Kreis sind ordentlich die Steine aufgeschichtet, um dem Feuer seine Begrenzung aufzuzeigen. Angesammeltes Erdreich über die Jahrhunderte hat den Kirchenboden aufgeschüttet und höher gelegt, die Kirche erscheint dadurch viel niedriger als sie eigentlich ist. Ich stehe an der Feuerstelle und schaue am Baum vorbei, den der Wind mitten ins Kirchenschiff gepflanzt hat, nach hinten und versuche mir vorzustellen, wie es hier ausgesehen haben mag, als bei einer Messe die Kirche voller Menschen war … zwei Stuhlreihen, rechts die Männer, links die Frauen, gesungen werden sie wohl haben und ihre Bitten um Linderung mancher Not werden sie der Hl. Cäcilia erzählt haben und die Sorgenbündel  vor ihren Füssen abgelegt.

Nein, ich höre und sehe nichts außer verfallenenen Mauern und Schatten, die darüberhuschen, von den Bäumen, die sich sonnenbestrahlt leis im Wind wiegen. Aber wie schon öfters an verwunschenen Orten schiebt sich dieses Bild in meinen Kopf: ich sehe nackte, lehmverschmierte Frauenfüsse , die schnell hinter einem klappernden Karren herlaufen, es geht durch eine Schlucht im Wald aufwärts, die hölzernen Räder hinterlassen tiefe Geleise im Weg. Und ich sehe den grauen langen Rock, schwer geworden vom Lehm schlägt er an die Beine der Frau … immer diese Szene …

Ich stehe an dieser Stelle, vorne im Altarbereich, und es wird mir etwas flau im Magen, der offene Himmel zieht mich nach oben, bald verliere ich den Boden unter meinen Füssen … ich laufe hinaus in die Sonne. Zur Freundin sage ich, warst Du schon vorne in der Apsis? Sie sagt, nein, aber in der Sakristei. Wir haben eine ähnliche Spürung und einen Hang zu unerklärlichen Phänomenen. Wir verfolgen die Spuren alter Geheimnisse, sind aber eher wortkarg im Erzählen unserer Erlebnisse, um nicht in Kraftplatzplauderei das zu verraten, was uns heilig ist.

In die Sakristei mag ich gar nicht mehr hinein, schon beim Hinunterbücken, um durch den Türbogen zu kriechen, läuft mir kalter Schauer über den Rücken und ich bekomme es mit der Angst zu tun.

Dann gehen wir auf dem alten, verwachsenen Wallfahrtsweg durch einen warmen Frühlingswind unter blauem Himmel in Richtung Auto. Beim Umschauen weiß ich, daß ich auf jeder weiteren Reise nach Wien ganz sicher hier kurze Rast machen werde. Und ich winke ihm zu, diesem Ort … oder soll ich sagen, dem Geist dieses Ortes?

Erkundungen in die innere Ferne.

Wien. Zwischen den Gräbern liegt staubfeiner Sand, zurückgelassen von den vielen Überschwemmungen … die Ertrunkenen müssen wohl immer wieder ertrinken, bis nichts mehr da ist von ihnen … Von 1840 bis 1940 hat man die Toten, die von der Donau angeschwemmt wurden, hier neben dem Alberner Hafen begraben, am Friedhof der Namenlosen. Nur der kleine Teil ist noch erhalten, den weitaus größeren hat das Wasser wieder mitgenommen, auf dem Rückzug nach unzähligen Überflutungen. Keine Grabsteine, keine Namen, keine Geschichten von den über vierhundert Ertrunkenen. Im kleineren Teil pflegt man die Gräber von 102 Personen. Ein elfjähriger Bub »ertrunken von fremder Hand« … und  da der »Sepperl«, neugeboren und tot in einer Schachtel ans Ufer gespült; Oskar Gettler, dessen Mutter den Freitod gewählt hat, erschießt sich an ihrem Grab. Er liegt in der Reihe neben ihr. Den Streifzügen und »Erkundungen ins Innere einer Stadt« des von mir hochgeschätzten Schriftstellers Gerhard Roth in Buch und Film folgend lasse ich mich treiben. Die nur kurze Zeit für eine große Stadt überlassen wir ihrem Rythmus … sie weitet sich aus im Vergehen. Der Hafen ist samstäglich ruhig, wir gehen zwischen den Gräbern der Ertrunkenen herum, ein paar Vögel pfeifen, sonst ist es still, sehr still. Wir sagen auch nichts, was soll man schon reden, alle, die hier liegen, wären heute längst gestorben und vergessen und doch bewegen mich die Schicksale und greifen mir ans Herz. Was war ihr letzter Gedanke, woran sind sie so sehr gescheitert, daß ihnen nur noch der Freitod als Ausweg geblieben ist? Am Grab der Rosa Majewski stehe ich, ertrunken mit 18 Jahren … wahrscheinlich ein Dienstmädel … eine Magd.

»Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!«  (Jesaja 43, 1)

Es ist noch nicht lange her, da hat diese Worte der Pfarrer gesprochen bei der Beerdigung meiner alten Nachbarin. Auch sie hat Rosa geheissen und musste als Magd arbeiten, kaum daß sie stehen konnte, erst beim Bruder am Hof, dann in mehreren Dienststellen, bis sie endlich der Vater ihres ledigen Kindes geheiratet hat. Dann war sie die Herrin auf dem Hof und man sagt, sie hätte ein strenges Regiment geführt, hart und unerbittlich sei sie gewesen. Nur selten ist sie bei uns am Haus vorbeigegangen, auf ihren Stock gestützt und wenn ich draußen war, dann hat sie gesagt: »Deine Rosen hast gut durch den Winter gebracht, es blüht schon wieder alles so schön bei Dir!« Und ein einziges Mal hat sie gesagt: »Glaub mir Grete, ich hab es auch nicht leicht gehabt« … und während sie das sagte, sind ihr zwei Tränen heruntergelaufen, eine aus dem rechten und eine aus dem linken Auge. In den letzten Jahren ist sie alleine in ihrer Küche gesessen. Und am Abend war Licht in ihrer Stube. Jetzt ist es finster. Ich bin ihr nicht nahegestanden. Ich vermisse sie sehr.

»Euer Herz erschrecke nicht …In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen … So will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf daß ihr seid, wo ich bin …« (Johannes 14, 2)

Im kleinen Leichenkammerl ist durch das Fenster ein Gestell zu sehen, auf dem ein alter Holzsarg steht, da hinein kamen die sterblichen Überreste der Angeschwemmten. Ein besonderer Ort, ringsherum Auenlandschaft, alles noch zu Wien gehörend, aber weder ganz drin in der Stadt noch ganz draussen … eine Art Zwischenwelt. Im Gehölz dahinter noch ein Friedhof der ganz besonderen Art!

Dann noch ein paar Schritte durch den Zentralfriedhof … »und olle seine Toten« … und dann mit Tramway und Bussen kreuz und quer durch die Traumstadt, ohne Programm, nur in Augen schauen, Stimmen hören, ein wenig flanieren, oder besser gesagt, hatschen mit schmerzenden Füssen und im Café am Heumarkt landen und ein Schnitzerl essen, den Menschen beim Leben zuschauen und den Herrgott einen guten Mann sein lassen, die Friedhofsschwere wegalbern, reden und lachen. Ja, ich kann den Gerhard Roth sehr gut verstehen, wenn ich jemals in diesem oder einem nächsten Leben einen Roman schreiben würde, dann tät ich das nur in einem Wiener Kaffeehaus, speziell in diesem hier am Heumarkt, selbstredend.

»Es fährt alles an einen Ort; es ist alles von Staub gemacht und wird wieder zu Staub.« (Prediger 3, 20)

 

Stella cadente …

Eine paradoxe Zeit zwischen Wintersonnwende und Frühlings-Tag- und Nachtgleiche. Alles endet, alles beginnt gleichzeitig. Steinbock hat gründlich aussortiert. Nur das Wesentliche hat Bestand, spricht Saturn, der gestrenge Herr der Zeit, das Leben ist zu kurz für Illusionen. Ich aber habe große Taschen in meinem weiten roten Rock …

Die alte Göttin Brigid hockt an ihrem Lieblingsort, der Schwelle, dort mißt sie das Licht und lenkt den Strahl zum Schmieden von Eisen und Poesie. Ein magischer Ort, die Schwelle, nicht drinnen, nicht draußen. Die Toten wurden hinausgetragen, mit den Füssen voraus, und auf der hölzernen Schwelle des alten Hauses wurde der Sarg dreimal abgesenkt. Katzen kennen sich aus auf der Schwelle, keine würde einfach so hinausgehen, ohne dort  innezuhalten, um dann mit dem Kopf draussen und dem Hinterteil drinnen nach gebührlicher Sammlung eine Entscheidung zu treffen …

Wir sitzen vor ihrem Bauernhaus, direkt an der Mauer vom Gottesacker. Einer der uralten Höfe behäbig neben Kirche und Wirtshaus. Wir trinken Espresso und ich sehe nach oben am schlanken Kirchturm entlang bis zur Spitze. Die Farbe da oben kitschig blau, wie die zerbrochenen Fliesen damals in meiner Wohnung in der großen Stadt … ein Kollege wollte sie austauschen, aber dazu kam es nicht, wir saßen am Boden und redeten und tranken Bier … ich mußte immer auf diesen weichen Mund schauen und fragte mich, ob er wohl küssen konnte … oh ja, konnte er, und wie, das stellte sich kurze Zeit später heraus, abends in der Blueskneipe … aber das ist eine andere Geschichte … merkwürdig, was mir einfällt, während ich ihr gegenübersitze, sie, mit der ich mir die Großeltern teile. Ihr Vater war der älteste und meiner der jüngste von sieben auf unserem Hof, der soviel bescheidener, ärmlicher ist als dieser hier, auf dessen Südseite wir sitzen.

Die zweitälteste Tochter des  gefürchteten Onkels, für mich unnahbar, fremd und so unglaublich schön,  wie von den Sternen herabgestiegen und ihr Lachen leuchtend wie das von einer Göttin. Ich habe sie, die ältere, meine ganze Kinderzeit aus der Ferne bewundert. Jetzt sind wir beide alte Frauen geworden und sitzen uns gegenüber. Unsere Augen spiegeln nicht den Versuch, über Schnee und alte Dächer, Kinder und Enkel zu sprechen, sondern wie immer die drohende Qual, den Leichen im Keller unserer Familie zu begegnen. Nur wir beide scheinen übriggeblieben zu sein mit diesem ahnenden Wissen. Ich bin die letzte am Stammhof der Familie, ihre älteste Schwester will nichts von all dem wissen und die beiden jüngeren sind gestorben, alle unsere Eltern sowieso und die nächste Generation hat kein Interesse an Familiengeheimnissen. Und wir beide, was machen wir mit dem Ganzen? Ich erfahre, was die letzte Familienaufstellung über ein verlorenes Kind im letzten Kriegsjahr, versteckt in einem Keller, zutagebefördert hat … die verzweifelte lebenslange Suche nach Liebesbeweisen, die auch nach dem Tod der Eltern nicht aufhören … unser Großvater hat meine Mutter angespuckt, so sehr hat er sie gehasst, kennst Du dieses Gefühl des Anderssein … Fremdsein, da wo man ist, ja, kenn ich … und kennst Du dieses Verlorensein, wie eine Nußschale auf dem Meer, ja. Und selbstverständlich kenne ich Melancholie und Einsamkeitund ich weiß, daß wir geprägt wurden von all dem Verdruß unserer Eltern, den sie an uns ausgelassen haben.

Komm, Du, wir machen die Kellertüre zu … sollen doch die Toten die Toten begraben … woher kenne ich diesen rettenden Spruch? Im Zweifelsfall aus den Apokryphen. Sollen die Toten mit ihren eigenen Gespenstern tanzen und mit ihren Geheimnissen in Frieden ruhen. Ich will mit den Lebenden tanzen, die Zeit ist zu kurz für das Wiederholen längst auserzählter Geschichten, sie verstopfen nur die Kanäle für all die Freude, die darauf wartet, gelebt zu werden, alles passiert jetzt, gestern und heute sind nicht existent und auch das Jetzt ist schon gegangen, sobald ich es ausspreche.

Schau, wir haben die großen breiten Hände unserer Väter und ums Haus herum erkennt man auch die Verwandtschaft, bei Dir steht ja noch mehr angeschlepptes Zeugs herum, als bei uns, man sollte reduzieren in Anbetracht des Alters …und dann lacht sie und die Sterne tanzen um uns herum … magst Du die Madonna haben … ja gerne … nimm doch die Truhe und den Schrank … nein bei uns ist auch alles so voll und ich möchte im Sommer wieder ein Fest feiern … aber die Madonna … ja, die Madonna mag ich gerne, ich fühle mich ihr nahe, dieser Himmelsfrau, wir könnten ihr den Hergottswinkel im alten Haus als irdische Wirkstätte anbieten …

schneewarm

Wenn die Oberfläche abkühlt, kristallisieren die Minerale und ich werde zur funkelnden Schneekönigin… sage ich fröstelnd in den Nachtschnee hinein … das wird nicht funktionieren, Euer Herz ist zu warm, Madame, sagt es vom Waldrand herüber.

Alte Wölfe , die sprechen, gibt es auch nur im Märchen, sage ich.

Dann bin ich wohl Eure Illusion,

stets zu Diensten,

gute Nacht, meine Königin

 

 

Vom guten Bedenken

Mein Papa hat oft davon erzählt, wie sie als Kinder mit dem Schlitten vom Gang (Balkon) herunter gefahren sind, weil soviel Schnee da war. Der Mutter hatte das nicht gefallen, weil sie natürlich mit dem Schlitten und waschelnass unten durch die Tenne ins Haus hinein und oben zur Gangtür wieder hinausgesaust sind. Bei dieser Gelegenheit haben sie dann auch gleich den “Gendarm” eingegraben. Der Gendarm war eine von ein paar Handpuppen für´s Kasperltheater, mit denen sie gern gespielt haben, aber der Gendarm war ihnen zuwider. Wenn er im Frühling unter dem Schneehaufen wieder zum Vorschein kam, dann wurde er so lange den Sommer über im Wassertrog ertränkt, bis er eines Tages verschwunden ist.

Das Haus meiner Väter schmiegt sich ganz elegant an den Nordhang des Tales. Es hat kleine Fenster, durch die man die Sonne vom Aufgang über den Bergen hinter Salzburg ums Haus wandern sieht, bis sie im Westen als roter Ball ihrem Untergang entgegensinkt. Den Sonnenuntergang sehen wir leider nicht mehr, seit der Nachbar vor sein altes Bauernhaus einen Klotz hingestellt hat, der alles überragt.

Das Haus meiner Väter ist über 250 Jahre alt und wurde so gebaut, daß es bisher aller Wetterunbill getrotzt hat. Der Dachstuhl ist immer noch gut in Ordnung, schwer und behäbig, aus Holz gebaut, das zum richtigen Zeitpunkt geschlagen und gelagert wurde und das Dach hat ausgehalten, auch in schweren Zeiten und unter großen Lasten. Die roten Schindeln waren irgendwann kaputt und der Vater hat in den Siebzigerjahren beim Neueindecken einen großen, folgereichen Fehler gemacht, er hat sich zu einem Eternitdach überreden lassen. Das war die günstigste Möglichkeit und von Giftstoffen hat auch noch niemand gesprochen damals. Jetzt sind die  Eternitplatten mehr oder weniger porös und deshalb darf auch niemand raufgehen zum Schneeräumen. Die ganze Dachangelegenheit , es handelt sich da immerhin um ein paar hundert qm, kostet mit allem Drum und Dran und Entsorgung des Eternits nach neuer Berechnung um die 100000,- Euro. Und es tritt der Fall ein, daß das Haus verkauft werden muß, um es zu retten. So schaut´s aus. Selbstverständlich steht es unter Denkmalschutz, aber es gibt so gut wie kein Geld mehr zum Renovieren, die Kassen sind angeblich leer.

Manchmal träum ich davon, daß es womöglich irgendwo einen Menschen gibt, der sein vieles Geld nicht auf die Bank tragen will, sondern für seine Kinder altes Kulturgut erhalten will, dort, wo es entstand und bewohnt wird und nicht als leere Kulisse im Bauernhausmuseum. Naja, gut geträumt, wir werden sehen, wie es weitergeht. Wenn wir verkaufen, dann nur auf Leibrente, denn wir wollen in diesem wunderbaren und ehrwürdigen Haus wohnen bleiben.

Der Winter ist lang noch nicht vorbei, aber wenn von einer derzeitigen leichten Entspannung im großen Chaos gesprochen werden kann, dann ganz sicher nicht nur deshalb, weil es jetzt paar Tage geregnet hat, sondern hauptsächlich, weil viele liebe Menschen warme Gedanken geschickt haben, die zwar das Dach nicht reparieren, aber alles alles leichter machen in der Not einer existentiellen Bedrohung. Habt meinen Herzensdank dafür, daß ich so manch einem von Euch in stets löwischer Dramatik mein Herz ausschütten durfte und Ihr auch meine dunkle Seite ertragen habt.

Der Winter ist wahrlich noch nicht vorbei, in den Landkreisen ringsherum herrscht immer noch der Katastrophenfall, es wird dringendst gewarnt, den Straßen in die Berge hinein fernzubleiben, überall gehen die Lawinen ab oder werden künstlich ausgelöst, es gibt Hubschraubereinsätze und Evakuierungen … und gleichzeitig wollen aber die Skigebiete auf ihre Kosten kommen und werben mit sicheren Pisten und es gibt natürlich trotzdem die Weltmeisterschaft im Bobfahren in Königsee und den ganzen Partyzauber drumherum … was für eine verrückte Welt, nicht wahr?

Ich täte am liebsten zur Nation sagen: “Bleibt halt einfach mal zuhause, meidet die oberbayrischen Straßen und geht weitläufig den Bergen aus dem Weg, denn die Bergwacht ist nicht nur dazu da, unter Einsatz ihres Lebens leichtsinnige Touristen unter Lawinen auszugraben … spielt was mit der Familie oder lest die Zeitung oder bleibt einfach mal sitzen und tut gar nichts!”

Das Element bleibt letztendlich fremd in seiner unglaublich schönen und unbezähmbaren Wildheit, deren Gesetze wir nicht mehr begreifen, weil wir uns als außerhalb der Natur verstehen. Wir sind aber Natur und alles folgt dem großen Ein- und Ausatmen …

Die weiße Pracht

Die Wilde Jagd hält sich nicht an den Kalender, sondern braust über den grauen Himmel und läßt Tonnen von Schnee fallen. Heute also auch in unserem Landkreis die Katastrophe vom Landrat bestätigt, ganz offiziell. Strassen gesperrt, Edeka-Läden gleich dazu wegen Einsturzgefahr, auf der Autobahn liegen umgefallene Lastwägen herum, Bäume fallen ohne Axt von irgendwoher nach irgendwohin und liegen verquer in der Gegend, Räumfahrzeuge geben auf. Unsere Gemeinde konnte mithilfe von schweren Traktoren und Schneefräsen unserem kleinen Weiler bis jetzt einen leidlich guten Zugang zur noch nicht gesperrten Bundesstraße ermöglichen, niemand weiß, wie lange noch, heute Nachmittag ein paar Stunden Ruhe vor dem Sturm … ab morgen Mittag weitere starke Schneefälle angesagt, die Wochen fortdauern sollen. Morgen wahrscheinlich mit dem Rucksack drei km durch den Wald zum Einkaufen, das Katzenfutter geht zur Neige. Die halbwilden Katzen leben zum Teil auf dem Heuboden und können kaum mehr durch den tiefen Schnee zur Futterstelle. Ich grabe eine Art Tunnel  und stehe irgendwann heulend da, alles tut mir weh vom wochenlangen Schneeschaufeln und ich kann einfach nicht mehr.

Der halbwilde Kater ist blind, bei Kämpfen untereinander wurden ihm die Augen ausgekratzt. Langsam und vorsichtig tastet er sich zum Fressnapf. Auf dem Dach des alten Hauses liegt ungefähr ein halber Meter schwerer Schnee, wenn die Höhe einen Meter übersteigt, wird es sehr gefährlich und alles droht, einzustürzen, es taut jetzt ein wenig, was alles nicht einfacher macht. Wir werden jemand brauchen, der das abräumt, aber wer geht hinauf auf das marode Dach? Die Angst, daß dieses Dach einstürzt, zieht sich schon viele Jahre durch mein Leben, nie war genügend Geld da, ein neues machen zu lassen. Ich habe ihn im Ohr, diesen Spruch vom Vater: …man muß immer was auf der Seite haben, wenn mit dem Dach was wär´! Wir sollten auch 50000.- auf der Seite haben, soviel mindestens kostet ein neues, aber wir haben das Geld nicht und so haben wir halt die Angst. Es ist der Notstand ausgerufen. Viele Dächer sind schon eingekracht, bei anderen wird es befürchtet. “Ein Dach über dem Kopf haben” verliert seine Gewissheit und ein Obdach haben, was auch geschieht, ist keineswegs so selbstverständlich, wie man denkt, in diesem reichen Land.

Es ist still. So still, daß man es hören kann Der Schnee ist überall, er kommt durch die Ritzen, man atmet ihn ein, er stöbert durch die Träume, setzt sich auf die Gedanken, läßt nachts die alten Balken ächzen, fliegt durch Schlüssellöcher und riecht … nach … Nichts.

Die Idylle zeigt ihr wahres Gesicht.

“Was ist, wenn nichts mehr ist?” habe ich als eine meiner Lebensaufgaben in meinem Horoskop vom Drachen gesagt bekommen. Ein Koan, unmöglich zu lösen und doch … der Klang der Kristalle in den Flocken … was bedeutet schon Existenz im großen Nichts …

Als die Stimme eines lieben Menschen durch Apparaturen zu mir dringt: Du sag mal, wie geht es Dir denn, ich kann zu Dir kommen und Dir helfen … meine Güte, da schmilzt nicht nur die kalte Angstklammer um mein Herz, sondern der Schnee um mich herum … ja, denn er ist aus Wasser und irgendwann fließt alles wieder, nicht wahr?

 

Rauhe Nächte …

Ein paar Wochen lang ging am Hügel vor dem alten Haus ein Bussard im Gras herum, manchmal blieb er stehen und schaute starr in eine Richtung. Ein paar Mal kam ein zweiter hinzu und sie schauten beide dort hin. Es liegt jetzt viel Schnee und sie kommen nicht mehr.

Noch ist Zeit, in den dunklen Spiegel zu schauen, wer sich traut, kann Fragen stellen, die Antworten sollte man aushalten können.

Was muß ich wissen? Ein Bild erscheint. Drei sind es,  und nackt sind sie, eine alte Frau in der Mitte – ein junges Mädchen und der Tod legen die Arme um sie und lächeln …

Wo ist deine Krone, Königin in deinem Reich?

Verloren.

Noch ist Zeit, werde ich sie finden?

Lache!

Tue, was du tust, und sei die, die du bist.

 

“Wenn Du lachst, lach gscheit, wenn Du weinst, dann schrei, weil das Lebn, lieber Freund, is ganz schnell vorbei  … ”

24 T. + Nachspiel – Mutmaßungen über das Deutschsein, Gastbeitrag: #Andreas Glumm

Mutmaßungen übers Deutschsein

Wir waren per Autostopp in Frankreich unterwegs. Drei 16jährige Rabauken, drei Rucksäcke, der Staub der Straße. 1976. Es war der Sommer, in dem Schnaat uns mit Zigeunerjazz bekannt gemacht hatte, all die wunderbaren Sachen von Django Reinhardt. Wir hörten von einem Zigeunertreffen in Saintes Marie de la Mer, das jeden Sommer stattfand. Eine Wallfahrt. Auf dem Weg in die Camargue, wo es angeblich wilde Flamingos geben sollte, von denen wir aber nie einen zu Gesicht bekamen, pausierten wir in einer Tabac Bar. (Tatsächlich hatte uns ein Stück des Weges ein VW-Bus voller Zigeuner mitgenommen, und Schnaat prüfte immer wieder das Messer in seinen Stiefeln.) Wir nahmen drei Pastis mit Wasser, fühlten uns wunderbar Französisch in der Bar und taten so, als wären wir hochnäsige Engländer. Wie das so ist mit 16. Wie das so sein kann.
Noch drei Pastis, si vous plais!
Als ältere Einheimische am Nebentisch mitbekamen, dass wir lauthals Witze vom Stapel ließen, und zwar auf Deutsch, drehte sich der Wind binnen Augenblicken und man jagte uns aus dem Lokal. Erst wussten wir gar nicht, wie uns geschah, was los war, bis wir es aus dem Geschrei der Alten heraushörten: sie hatten uns als Boche identifiziert. Weil zu laut gelacht hatten – auf Deutsch. Und wir waren alle drei blond. Wir flohen regelrecht über die Felder und ließen die einheimischen Franzosen hinter uns, die sich am Eingang der Bar sammelten und uns zum Teufel wünschten.
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Einige Jahre zuvor, ich war noch ein Kind, reisten wir mit der Familie zum Campingurlaub nach Holland. Als wir einen Zwischenstopp einlegten und den Käsemarkt in Gouda besuchen wollten, parkte mein Vater den Wagen in einer Nebengasse, und wir wurden von Rockern angegriffen. Sie pöbelten uns als Nazis an, als “Moffen!” und droschen mit Holzknüppeln auf den Wagen ein. Wäre nicht zufällig Polizei aufgetaucht, keine Ahnung, was passiert wäre.
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Boche und Moffen, Moffen und Boche. DEUTSCHER. Gebrandmarktes Vieh.
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Einmal waren wir auf einer Party. Auf dem Küchentisch lag ein Bildband aus, aufgeschlagen genau in der Mitte. (Künstlerszenen-Party.) Zu sehen war ein großes s/w-Foto aus dem Konzentrationslager, aufgenommen gleich nach der Befreiung durch alliierte Streitkräfte. Man sah Leichenberge, übereinander gestapelte tote Menschen, ermordete Menschen, von Boche und Moffen ermordete jüdische Menschen, hunderte von ausgemergelten hohlwangigen jüdischen Leibern, ineinander verknotet wie Schnürsenkel, ein Menetekel für das große böse Mordbrennen unserer arischen Seele. Möglicherweise waren nicht nur Juden, vielleicht waren auch Schwule, Kommunisten und Zigeuner unter den Leichen. Ich kam mehrfach an diesem Abend in die Küche und sah nach dem Bildband. Es lag jedes Mal da wie zuvor. Niemand blätterte die Seite um. Ein Leichenberg zwischen leeren Weinflaschen, Aschenbechern, Geschenkpapier.
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“Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung” war ein Stück von James Last, enthalten auf irgendeinem Sampler in der Plattensammlung meiner Eltern. Zu einer Zeit, als noch niemand von Easy Listening sprach, schuf James Last ein Stück Instrumental-Musik, perfekt für das Bild vom Deutschland der frühen Siebziger. Es war der Wunsch, sich der Welt heiter und freundlich zu präsentieren, getrieben von einer bösen Vorahnung, dass der Leichenberge-Spuk wieder von vorn beginnen wird, irgendwann in grauer Ferne, nur bitte nicht jetzt, nicht morgens um sieben.
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Sie nennt es den “Kosmischen Sprung”. Wenn die Chemie zwischen zwei Menschen plötzlich aus dem Gleichgewicht gerät, einen Deut nur vielleicht, und niemand eine Erklärung dafür findet. Wenn sich eine unerklärliche Nervosität einschleicht, “dann hat der Himmel eingegriffen. Aus purer Lust am Eingriff.”
“So ein Himmel ist ja auch nur Chirurg”, stimme ich zu.
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Zwanzig Jahre lang hörte man in Deutschland nichts anderes als Krise, kranker Mann Europas, Arbeitsplätze, Milliarden Euro, man konnte es schon nicht mehr hören, dann kam der Aufschwung, und von nun an hörte man nichts anderes als Algorithmus, Arbeitsplätze, Best of Europe, Milliarden Euro, seit bestimmt zehn Jahren ist das so, man kann es schon nicht mehr hören.

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“Deutschland… das ist beim Küssen anschnallen”, lacht der Syrer, der einige Häuser weiter wohnt. Er kam nach Deutschland mit Frau und seinen beiden kleinen Jungs, die ihm wie aus dem Gesicht geschnitten sind. “Wenn Polizei dich anhält und du küsst gerade deine Frau, musst du angeschnallt sein, sonst Strafe!” Er macht diese arabische Ich-schlitze-dir-sonst-den-Hals-auf-Geste und lacht.
Wir unterhalten uns ab und zu. Er siezt mich, ich duze ihn. Obwohl ich ihm das Du schon ein halbes Dutzend Mal angeboten habe, bleibt er beim Sie. Ihm gefällt das deutsche Sie, sagt er. Der Respekt, den man seinem Gegenüber erweist. Wenn ich mich jetzt also nach ihm richte, müsste ich ihn siezen. Habe ich aber keine Lust zu. Ich duze ihn gnadenlos, er dagegen kann das verdammte Siezen nicht lassen.
Egal. Was ist ihm noch an Deutschland aufgefallen, frage ich ihn, außer der Anschnallpflicht beim Küssen. Er muss nicht lange überlegen. Es fiel ihm in den Moment auf, wo er samt Familie in unser Viertel zog, raus aus dem Wohnheim. Ihm fiel auf, dass in Deutschland sogar jeder Hund Steuermarke und Haftpflicht-Versicherung hat, während die Menschen in seiner Heimat nicht mal einen Ausweis kennen.
Er spricht schon ganz gut Deutsch. Ein weiteres neues Wort in seinem Sprachschatz: Kreuzbandriss. Es passierte beim Fußball. Jetzt muss er sechs Wochen zu Hause bleiben und die Knochen schonen.
“Kannst du das Du üben”, sag ich.
Er ist ein cleverer Bursche. Hat einen syrischen Schnellimbiss in der City eröffnet. Er fährt Motorroller und hat im nahen Kleingartenverein einen Schrebergarten gepachtet, wo er Gemüse zieht. Bis zu seinem Kreuzbandriss winkte ich ihm oft zu, wenn er mit seinem Roller an mir vorüberdonnerte und so wild hupte, als wäre er in Damaskus unterwegs zur nächsten Tattoo-Sitzung.
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Ich stand 1984 mittags in der Pommesbude am Schlagbaum und erinnerte Hitler daran, dass er mir beim letzten Mal schales Flaschenbier angedreht hatte.  Hitler, der Inhaber, ein alter Türke, den alle Hitler nannten wegen seines prominenten Oberlippenschnauzbarts, protestierte.
“Wieso Bier schal..? Bier nie schal, nie bei Hitler! Hier, Flasche gut zu! Flasche zu, Bier gut!”

“Ja klar ist die Flasche zu. Aber wenn die fünfzehn Jahre unten bei dir im Keller steht bevor du sie verkaufst, wird das Bier da drin trotzdem schal, irgendwann. Is doch klar.”
“Bier nie fünfzehn Jahre inne Kella bei Hitla! Bier frisch! Bier imma gut bei Hitla!!”
Ich winkte ab. Was sollte ich mich groß aufregen über eine verdorbene Kanne Kölsch. Ich ärgerte mich, es überhaupt erwähnt zu haben.
“Na gut. Tu mir ne Currywurst”, sagte ich, “mit Pommes..”
Hitler guckte reichlich grau.
“Wat drupp op de Pommes?”
“Mayo”, sagte ich.
Er schüttelte verstimmt den Kopf und zeigte in die Auslage, wo die frischen Sachen standen, Salate und so.
“Du immer nur Pommes, hömma…! Kein Wunder, du kotzen mein Bier. Hier, probier mal gefüllte Auberginen, ganze frisch..”
“Ach, Scheiße. Nee..! Hau ab!”
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”Im deutschen Beliebigkeitsbrei lässt sich nicht einmal mehr der Feind ausmachen. Früher wusste man genau, wer auf welcher Seite stand. Heute ist jeder sein eigener Feind, so beliebig sind wir alle geworden. Dabei bräuchte man nur ein paar aufrührerische Gedanken. Kosten nicht mal Geld. Hat aber niemand.” (Gräfin)
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”Das liegt in der deutschen Natur: Wenn etwas schlimm ist, machen wir es noch schlimmer. Das haben wir quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Ein normaler Krieg reicht uns nicht, wir zetteln gleich zwei Weltkriege an. Wir können nur extrem. Extrem langweilig übrigens auch.” (Gräfin)
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Wer jung ist, muss im Kontra sein. Doch wie soll die deutsche Jugend heutzutage im Kontra sein, wenn die Alten einfach nicht altern wollen und alles daransetzen, jung zu bleiben. Was bedeutet es für die Jugend, die im Kontra zum Zeitgeist stehen muss? Es bedeutet, dass sie mit dem Jungsein bricht. Dass sie vorschnell altert. Man hat gar keine andere Wahl, als junger Mensch in Deutschland.
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Es ist nicht das Mittelmaß, das in diesem Land den Ton angibt, es sind vielmehr diejenigen, die sich nichts sehnlicher wünschen als dazugehören zu dürfen zum erklärten Mittelmaß.
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Was ich heut Morgen auch sage, sie versteht es falsch.
“Ich krieg meine Tage”, klagt sie. “Du musst Mädchendeutsch mit mir sprechen.”
Schön. Aber dazu muss man erst mal Mädchendeutsch denken. Das ist gar nicht mal so einfach für einen eingefleischten Buben.
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Zwei der dööfsten Volkslieder rücken die deutsche Oma in den Mittelpunkt: “Wir versaufen uns’rer Oma ihr klein Häuschen” und “Unsere Oma fährt im Hühnerstall Motorrad”. Auffällig auch, dass es in beiden Refrains um Behausung geht: das kl. Häuschen und der Hühnerstall. Und der Opa scheint in beiden Fällen ausserhäusig zu sein, ER bekommt nichts mit.
Was solls.
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Je älter ich werde, desto mehr arrangiere ich mich mit Deutschland, ja, desto mehr freunde ich mich an mit meiner Heimat. Mir gefällt dieses seltsam sterile ex-Filterkaffee-Land, auch wenn ich gar nicht so ganz genau weiß, warum. Aber das weiß ich nie, wenn mir etwas gefällt. Ist auch nicht so wichtig. Etwas mögen braucht kein Motiv.
Man mag.

Text: Andreas Glumm
Blog: Glumm