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Gläserne Ringe.

Ich bin also jetzt offiziell alt, der Bayerische Ministerpräsident läßt ein Schreiben schicken, das pünktlich zu meinem 70. Geburtstag eintrifft, unterschrieben mit persönlichem Krakel und freundlichen Grüßen. Er läßt mir ausrichten, daß ich in sieben Jahrzehnten viel erlebt hätte und stolz sein könne, wenn ich auf das Erreichte zurückblicke und er läßt hoffen, daß – noch – viele weitere Jahre mit schönen Ereignissen und glücklichen Momenten zum Erfreuen wären. Dazu noch alles Gute, insbesondere Gesundheit! Die Raiffeisenbank schickt alles Gute, Glück und Zufriedenheit, die Hoffnung darauf, daß meine Wünsche in Erfüllung gehen und ich gesund bleiben solle und  – noch – viele weitere schöne und erlebnisreiche Jahre genießen. Der Bürgermeister wünscht  mit breiter Füllfeder und blauer, wahrscheinlich Pelikano-Tinte unter den Glückwunschvordruck  alles Gute für das neue Lebensjahr.

Auf dem Tisch liegen Zeitschriften über Vogelschutz, draußen vor der Terassentüre hüpfen ein paar Spatzen am Futterhäusl herum und ich sehe uns, die wir hier im Wartezimmer meiner Hausärztin sitzen, eine Handvoll trostlos blickender Gestalten, aus denen auch beim besten Willen keine Vögel werden, obwohl sie alle einen Schnabel tragen, mit dem sie verzweifelt und durchaus originell versuchen, zurechtzukommen. Von der Maske des laut schnaufenden und seufzenden alten Mannes neben mir hängen etliche lange Bänder, deren Funktion ihm nicht klar zu sein dürfte;  der Mann gegenüber schiebt den Schnabel unters Kinn, um besser Luft zu kriegen während einer Hustenattacke, eine Frau schiebt ihren schräg über das Gesicht, damit ein Nasenloch frei wird zum Schneuzen, einem anderen wird es zu heiß, er schiebt die Maske hoch und verwendet sie als Stirnband. Seine Frau, ein kleines, zerbrechlich wirkendes Geschöpf, lehnt sich vorsichtig an ihren Mann und versucht, ihre zittrige Hand in seine Hand zu schieben … er läßt es nicht zu, dreht sich weg, minimal, fast nicht zu erkennen, aber sie spürt es und zieht ihre Hand zurück. Der junge Bursche  im Eck trägt seine Maske so, wie es sein soll und ist ganz in sich und sein Handy versunken.

Vor der Wartezimmertüre versucht die Arzthelferin mit überirdischer Geduld einem Patienten klarzumachen, daß er von den Tabletten nur zwei nehmen müsse und da er ja heute schon eine genommen hätte, bräuchte er nur noch eine zu nehmen und zwar morgen. Ein schwieriges Unterfangen offenbar und sie braucht mehrere Anläufe, um diese komplexe Angelegenheit zu erklären …“ Nein, heute keine mehr, erst morgen … insgesamt zwei …  Gebrummel … und heute haben Sie ja schon eine genommen … Gebrummel … nein, nur eine … Gebrummel … nein nicht heute, morgen, eine Tablette, nur eine … Gebrummel … nein, nicht zwei auf einmal, eine haben Sie doch schon, nur eine noch, … Gebrummel … eine nur, Gebrummel, morgen, Gebrummel, die Frau Doktor sagt, Sie nehmen eh schon so viele Tabletten, morgen die eine reicht! Die Aussage der Frau Doktorin hat wohl endlich zur Beendigung der Maßnahme beigetragen und mit ein wenig Gebrummel im Hintergrund wird der Patient freundlich verabschiedet.
Das Ganze hat mich erinnert an die genialen Doppelconférencen „Der Gscheite und der Blöde“ von Farkas und Waldbrunn, bei dieser Art von Humor ist man in einem Zwischenbereich von Lachen und Weinen, alles verschiebt sich, man weiß nicht mehr genau, ob der Gscheite nicht eigentlich der Blöde ist  und umgekehrt und wenn einem die Tränen runterlaufen vor Lachen, weiß man nicht , ob es nicht auch zum Weinen ist und eine Tragödie, dieses Menschsein…
Die Praxis ist bestens organisiert und niemand muß lang warten, draußen fährt ein Auto vorbei mit offenem Fenster … „du bist vom selben Stern, ich kann deinen Herzschlag hörn, du bist vom selben Stern wie ich, wie ich wie ich …“ in den Augen der Frau schräg gegenüber sehe ich es leuchten, dann werd ich aufgerufen.

Neulich haben wir endlich den Listsee gefunden, im Bergland, etwas oberhalb von Bad Reichenhall, im Wald  unter den steilen Wänden der Felsen auf dem Kreuzungspunkt der Wege ins Gebirge und zur Burgruine. Es ist immer wieder rätselhaft, warum man manche Orte im gar nicht so weiten Heimatumkreis einfach jahrelang nicht findet. Ich liebe es,  Sagen und geheimnisvollen Geschichten zu folgen und die Orte zu suchen, an denen sie sich ereignet haben sollen. Diesmal war es der „Nöck“ (Wassermann), dessen stark verborgener Spur ich folge. Hier im Listsee, der sehr lange Zeit „der ungenannte See“ geheißen hat, soll mal einer gelebt haben. Aber die Geschichte beginnt eigentlich schon viel früher … in der Broncezeit war hier schon eine Art Kultort, das haben Ausgrabungen gezeigt. Aus den Sagen der Gegend geht hervor, daß bei der Entstehungsgeschichte des Sees die damals in Urzeiten hier noch ansäßigen Riesen mitgewirkt haben … einer von ihnen ist herumgehüpft an dieser Stelle und durch sein wildes Getanze hat er eine Kuhle in den Boden gestampft, in der sich das Wasser gesammelt hat, so ist der See entstanden. Er hat keinen Zufluß, sondern wird unterirdisch versorgt. Ein Wassermann hat im See gehaust, lange lange Zeiten, dann ist er verschwunden. Schwer zu glauben, daß sich ein mächtiger Wassermann von einem dummen Bauernburschen, einem richtigen Rotzlöffel, so ärgern hat lassen, daß er sich davongemacht hat. Der Bursche wurde tot aufgefunden, ertrunken im See. Bis dahin war der Nöck ein wertvoller Helfer, hat die Menschen gewarnt vor Unwettern und Überschwemmungen und war ihnen stets zu Diensten in ihrer kargen Welt und er hat ihnen aus so mancher Not geholfen.

Ein mächtiger Wassergeist, eine Gottheit, verehrt und hochgeachtet und den Menschen zugetan. Warum hauste er ausgerechnet in diesem kleinen See, der eigentlich eher ein Weiher ist? Grün ist er, sehr grün, nicht tief und voller Seegräser, die sich hin und herbewegen. Ich werde noch öfters hierher kommen. Es ist ein vollkommen unscheinbarer und unspektakulärer Ort, die meisten gehen vorüber, hinauf zu den Almen und den Felsen. Ein Ort, der mich an die „Höhlenkinder im heimlichen Grund“  erinnert. Ja, es ist einer  dieser geheimen Orte … denen man das nicht ansieht. Das Geheimnis zeigt sich nicht im Hinschauen, sondern im Hineinschauen. Wir tragen es in uns. Inwendig. Genauso, wie sich die Heiligkeit der Berge nicht automatisch erschließt durch das Hinaufsteigen sondern durch das von unten Hinaufschauen, dann schaut der Berg in uns hinein. Diese Logik ist rätselhaft wie manch alte Geschichte.

Ich sitze da und schaue ins Wasser, hinter mir  führt der Weg steil hinauf, man sieht ihn noch nicht, aber ich kann ihn spüren, den Berg, den Felsen, den Stein. Es ist sehr still am ehemals ungenannten See. Ein kleiner Fisch schwimmt immer wieder die gleiche Route. Auf der Wasserhaut tänzelt eine Libelle. Wassermann, wohin bist Du gegangen … könnte ich Dich finden, wenn ich die richtige Frage stelle? Worte von Rumi sagen sich in mir:

„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort.
Dort treffen wir uns.“

 

Auf der Seehaut bildet sich ein kleiner Kreis, so als ob ein Tropfen hineinfällt, es regnet aber nicht. Das Wasser kommt lautlos herauf aus dem Bauch der Erde  und überzieht den See mit Ringen, mit zarten, gläsernen Ringen.

 

Der Garten der Pfade, die sich verzweigen.

Die wilden Rosen leuchten in einer Farbe, die so schmerzhaft schön ist, daß sie schier das Herz zerreißt. Niemand könnte sie je malen, oder gar fotografieren, ohne ihr die Seele zu rauben. Das Rosarot verändert sich ständig, die Nuancen wechseln je nach Sonnenstand. Selbst ausgesät wachsen sie schnell und heftig und ihre Blütenpracht ergießt sich wie Kaskaden von irgendwoher bis irgendwohin, bildet Bögen zu anderen Sträuchern oder Bäumen und fällt schließlich zu Boden, um wieder Wurzeln zu bilden, wenn man sie läßt. Sie blühen nur einmal, die wilden Rosen und dabei duften sie betörend zart und und locken wilde Bienen und Hummeln an, die schwer beladen und von süßem Nektar berauscht ein wenig torkelnd wieder wegfliegen. Vom Hollerbusch tropft die Zeit, eben noch hingen die Sterne an seinen Dolden, jetzt sind es schon grüne Beeren geworden und die wilden Rosenblüten sind abgefallen längst, schwer von Hagebutten neigen sich die Zweige.

Im Wald fahre ich mit dem Rad immer an einem abgebrochenen Baumstumpf vorbei, der am Fuß eines Abhangs übriggeblieben ist nach dem letzten wilden Sturm, seinen spitzen Holzfinger ausstreckt und mich immer an den „Salvator Mundi“ erinnert. Dessen merkwürdige Fingerhaltung ist mir unangenehm, auch wenn sie angeblich eine segnende Geste zeigt, ich traue diesen Fingern nicht, sie kommen mir entgegen, aus dem Bild heraus bohren sie sich in mein Leben. Je länger ich in dieses Gesicht schaue, dessen eine Hälfte wegschwimmt, umso unheimlicher wird mir sein Geheimnis. Und beim Blick in die leicht schielenden Augen werde ich schwindlig. Auf mich wirkt die Haltung der Finger abwehrend, so als würde wieder damit dieses „Noli me tangere“ gesagt,  wie um mir mitzuteilen: Komm mir nicht zu nah, ich bin und ich bin es nicht, der, den Du suchst…

Nach einem schwülen Tag zieht langsam das Gewitter auf. Vorhin sind wieder Panzer durchs Tal gerollt, sie haben diesen  Lärm  hinter sich hergezogen, den nur Panzer machen, dumpf und bis ins Mark verstörend.

Jetzt ist es plötzlich sehr still, sogar die Vögel halten den Schnabel. Das, was sich zusammenbraut, kommt näher. Donnergrollen von Westen her.

Wir müssen fliehen, sagt der Reiter zu seinem Roß. Das Roß ist aus Stein und der Reiter hat keinen Kopf.

Ich sitze auf der Schwelle, meinem Lieblingsplatz und sehe dem Leben beim Leben zu. Um mich herum der Garten, dessen Pfade sich verzweigen. „Die Zeit verzweigt sich beständig zahllosen Zukünften entgegen“ .(Jorge Luis Borges) Durch sonderbare Zufälle begegnet mir dieser Garten in einem Buch von W.G. Sebald, dann finde ich ihn bei Gerhard Roth in Venedig und dann lese ich endlich die ganze Geschichte bei J.L. Borges. Und dann lande ich in Tlön, einer Art Zusammenfassung philosophischer Schulen, einem Labyrinth voller Rätsel und Geheimnisse.

„Eine der Schulen von Tlön kommt zur Leugnung der Zeit … daß die Gegenwart undefinierbar sei, daß die Zukunft nur als gegenwärtige Hoffnung Wirklichkeit habe, daß die Vergangenheit nur als gegenwärtige Erinnerung Wirklichkeit habe…“

Die Metaphysiker auf Tlön suchen nicht die Wahrheit, nicht einmal die Wahrscheinlichkeit. Sie suchen das Erstaunen.“ (Borges)

Die Leugnung der Zeit in Tlön, einem von Menschen entworfenen Labyrinth, dessen Sinn darin besteht, daß es von Menschen enträtselt wird.

Der Weg führt weiter zu „Urn Burial“ von Thomas Browne zu einem imaginären Museum, ob es da Verbindung gibt nach Tlön … surreal und zu seltsam, um sich nicht darin zu verlieren. Noch bin ich auf der Suche … es gab im Radio mal ein Hörspiel darüber. Seltsame Welten. In Tlön gibt es eine Geometrie, die keine Parallelen kennt, der Mensch, der sich fortbewegt, verändert die Formen seiner Umgebung …  die Dinge verdoppeln sich, so sagt eine der Schulen von Tlön und sie neigen dazu, undeutlich zu werden, wenn die Leute sie vergessen.  Eine Türschwelle dauert an, solange ein Bettler sie aufsucht, nach seinem Tod wird sie nicht mehr gesehen.

Man kann sich verirren in solchen Texten, in solchen Gedanken, ich gehe leicht verloren in diesen fremden Welten, manchmal macht es mir Angst, aber oft mag ich dieses Gefühl vom Nichtdasein im Dasein.

Neben meinem Bett schimmert ein kleiner goldener Stern im Mondenlicht. Lange schon ist er aus irgendeinem Weihnachten heraus auf den Boden gefallen. Ich lasse ihn  dort liegen, ich schlafe gerne neben einem herabgesegelten Stern, der noch glänzt. Wie oft habe ich wohl in diesem Leben nach Sternen gegriffen, die auf dem Flug zur Erde alle verglüht sind und nur ein kleines Häuflein Asche hinterlassen haben.  Am offenen Fenster schwimmt der volle Mond vorbei. Im Medizinrad heißt er „Der Mond der kraftvollen Sonne“. Ab morgen wird er abnehmen und nach einer kleinen Dunkelheit zum  „Mond der reifenden Beeren“ wieder anschwellen  zu meinem Löwenmond.  Und  dann werde ich 70 Jahre alt.

Ein Leben geht dem Ende zu … aber tut es das nicht schon ab der Geburt?

Noch immer verwahre ich im alten Bauernkasten die weißen Leintücher als Tischdecken für die großen Feste hier am Hof, ob es denn jemals wieder so eine fröhliche laute Musiknacht geben wird, wie ich sie liebe, einen Sommernachts – Maskenball mit vielen Gästen, die tanzen und durcheinanderreden und lachen und essen und trinken …? Im Moment schaut es nicht so aus, die Coronazahlen steigen, viele Leute sind krank und wo sind all die Freunde und Freundinnen geblieben?

Diese alten Tücher, ich werde sie weiter aufheben, jedes einzelne Leintuch ist alt und mehrfach geflickt, mehr oder weniger kunstvoll … man sieht jede Verletzung und vor allem die Versuche, das, was unvermeidlich war, wieder auszubessern, anzustückeln, herauszuschneiden das, was zu brüchig wurde und was Festeres einzusetzen … manch eine Naht hat nicht gehalten … ich hab ein zärtliches Gefühl für diese alten Stoffe.

Ich zeichne Linien um Linien, vermesse mein Leben in Linien, die sich immer wieder zu Spiralen drehen und im Hintergrund zu Zacken werden. Wir sind nicht da, wo wir zu sein scheinen, denkt es in mir, aber woanders auch nicht. Ein paar lose Gedanken sind wir, an denen ein wenig Fleisch hängt, manchmal lachen wir, manchmal weinen wir, wir lieben und führen Krieg und vermehren uns ständig in großer Zahl, um uns dann wieder zu töten.

Wir glimmen kurz auf in diesem Leben und dann verlöschen wir.

Ich, die Margarete, die mit dem Drachen tanzt, deren Heimat die Schwelle ist, werde Willkommen zu der Alten sagen, die sich mir nähert und sie mit großer Zärtlichkeit empfangen.

 

10 Jahre gemeinsames Tagebuch – Experiment

Hurra, endlich ist es soweit! Jahrelang war es in Schachteln verpackt. Jetzt erblickt es das Licht der Welt und heute wird es hier als virtuelles Buch präsentiert: Das gemeinsame Tagebuch. 10 Jahre haben wir gemeinsam daran geschrieben.

Die Freundin sagt: Du, ich hab mich immer so sehr gefreut, wenn ich es wieder zugeschickt bekam und daran weiterschreiben durfte! Ja, ich auch , und manchmal vermisse ich das heute. Es war über die Jahre ein gutes, vertrautes Gefühl, Teil einer kreativen Gruppe von Menschen zu sein, gegenseitig sich Impulse zu geben und weiterzureichen.

Gleichzeitig bin ich froh, daß es beendet ist. Ich hatte zu Beginn des Projekts keine Ahnung, wie viel Arbeit es bedeutet, es am Leben und im Fluß zu halten. Ich dachte, wenn ich ein paar Regeln mache, an die sich alle halten, dann trägt sich das Ganze bald von alleine . Das war ein Irrtum. Es ging nicht nur darum, das Schiff mit wechselnder Besatzung zu steuern, sondern es ein paar Mal mühsam wieder ins Wasser zu ziehen, nach von Bord gewiesener Meutereiversuche und nachdem es gestrandet war und einmal nach völligem Untergang wieder neu zu erschaffen und zum Schwimmen zu bringen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie das 10 Jahre gelungen ist. Ich habe sehr viel über Gruppenprozesse gelernt und wie wichtig es ist, vor sich und den anderen absolut klar zu sein als Regisseurin und sich nicht vom Weg abbringen zu lassen.

Nach dem Beenden des Projekts kam die schwierige Frage, wo und wie es ausgestellt werden könnte. Eine schier auswegslose Angelegenheit, alle angedachten Möglichkeiten sind gescheitert. Heute bin ich sehr froh darüber, denn Herr Graugans hatte die grandiose Idee, ein virtuelles Buch daraus zu machen und genau das hat sich als beste Form der Präsentation erwiesen.

Jetzt wo es hier als wunderschönes Buch vorliegt und ich Seite für Seite anschaue, ist alle Mühe und Arbeit vergessen, es ist genauso geworden, wie ich es mir erträumt habe und ich bin begeistert und Feuer und Flamme für diese gemeinsame Arbeit, der heutige Pfingstmontag scheint mir auch deshalb als eine Art luftiger Vernissage besonders passend.

Vielen vielen Dank, daß Ihr bei diesem Experiment mitgewirkt habt:
Irm Marchfelder, Elke Geese, Luise Wittmann, Tanja Grzesek, Jakob Werth, Stefan Guggenbichler, Brigitte Sammer, Margit Bischlager, Steffie Wittauer †, Ulli Gau, Helga Eibl, Margarete Helminger

Und vor allem danke ich Herrn Graugans, Michael Helminger, der nicht nur die Idee hatte, sondern dieses Projekt  zum Buch gemacht hat und es dadurch zu einem Abschluss gebracht hat, wie ich ihn mir besser nicht wünschen hätte können. Er hat mir geholfen, etliche Denkhürden zu überwinden, die sich in meiner verwirrten Betriebsblindheit als Scheitern angefühlt hatten..

Ich finde, wir haben alle einen sehr guten Job gemacht, ich freu mich so und jetzt werd ich es loslassen, möge es hinaus in die Welt segeln und möge vielleicht die eine oder der andere drin herumblättern!


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Aus der Zeit gefallen.

Für Dich Paula T., wo immer Du bist.

In den unergründlichen Tiefen der Bücherregale im alten Haus finde ich zwischen Stifters Witiko, Patti Smith, Ragnar Helgi Ólafsson und Robert Walser endlich den gewünschten Gerhard Roth und dann fällt noch ein dünnes Buch heraus, eher ein Heft. Ich kann mich nicht erinnern, es jemals gesehen zu haben, eine gewisse „Paula Tacke“  hat es wohl am 14.7. 1929 gekauft und gleich ihren Namen mit Tintenfeder hineingeschrieben.

Gedichte von Fritz Woike mit Bildern von Karl Kühnle
Barmen 1929
Emil Müller´s Verlag

An des Menschen Auge hängt
Seines Lebens Glücke,
Wie er Lust und Leid umfängt
Mit dem inneren Blicke.

Reichtum, Ehre, Gut und Geld
Wohl zu vielem taugen;
Reicher sind, die durch die Welt
Gehn mit hellen Augen.

Tobt des Lebens Wirbelwind
Auch um deine Klause …
Wo die hellen Augen sind,
Ist das Glück zu Hause.

 

Mich trieben Sehnsuchtsbrände
Von Land zu Land,
Das Suchen nahm ein Ende,
Die Seele fand.

Da deines Lichts Gefunkel
Mein Herz berührt,
Ward ich aus Qual und Dunkel
Zum Licht geführt.

Nun liegt auf allen Wegen
Dies stille Licht.
Ich geh ihm froh entgegen,
Mehr will ich nicht.

 

Der Wind…der Wind…

Sie versteht mich sofort, als ich sage, daß ich mal wieder verlorengegen bin, weil ich mich inwendig verlaufen habe. Wir pflegen keine Bekanntschaft, wir kennen uns nicht mal, unsere Welten sind sehr verschieden. Aber manchmal gibt es ein Synchronleben, wir scheinen dann nicht nur das gleiche, sondern dasselbe Gefühl zu empfinden. So, als teilten wir in diesem einen Moment eine einzige gemeinsame Seele. So stelle ich mir schon mein ganzes Leben lang diesen ersehnten eineiigen Zwilling vor. Manchmal scheinen sich unsere Umlaufbahnen zu kreuzen, dann sagen wir: merkst du es, es ist grad wieder passiert. Einmal sagt sie: weißt Du eigentlich, daß es schon Jahre so geht … magisch, gell? … ja, magisch … nein, nicht drüber reden, keinen Namen geben, das Geheimnis bewahren und dieses warme Glück tief im Herzen spüren…

Stürme kommen und gehen, lassen das alte Haus ächzen und zittern, treiben Schneemassen vor sich her oder diesen lauen Wind wie heute. Alles was nicht niet- und nagelfest ist, gerät in Bewegung und fliegt davon. Alles nimmt er mit, der warme Föhnwind, auch die Stunden und Tage des Lebens , plötzlich leuchtet grell wie ein Scheinwerfer eine deplazierte Sonne auf all das, was vom alten Jahr noch übriggeblieben ist an Sorgen, vergebliche Liebesmühen, Enttäuschungen, das geglückte Glück und das gescheiterte.  Und dann kommt die nächste Sturmböe und wirft all das in die Luft … alles, das Schwere und das Leichte. „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“ … der allerliebste Zauberspruch meiner Kindheit, als ich ihn hinaufsage zu den rasenden Wolken, fliegt haarscharf an meinem Kopf vorbei die gußeiserne Bratpfanne, die vom Vater, dem Kunstschmied, mit einem Eisengestell und Blechdach zu einem Eßplatz für Vögel umfunktioniert wurde und an einem großen Haken am Nußbaumast hängt. Der Wind hat die Schraube aufgedreht, die alles zusammengehalten hat. Jetzt liegen die Teile verstreut um den Baum herum.

Die Eichkatzwohnungen hängen noch ganz oben, kunstfertig in die Geäste von Eberesche und Zwetschgenbaum verflochten, es werden immer mindestens zwei Nester gebaut, damit man bei Gefahr eine Ausweichwohnung hat.

Nach einer kleinen Pause am Nachmittag kommen die wilden Winde jetzt mit lautem Gebrause zurück und peitschen eiskalten Regen vor sich her. Sofort ist die Futterschüssel der Katzen voller Wasser, vorhin lag da noch eine herausgewürgte Maus, wurde wohl ein weiteres Mal verzehrt, bevor sie im Wasser aufweicht.

„Im Abenddämmer kommen sie und suchen nach dem Leben“

Ich schaue hinaus in die stockfinstere Nacht und ich denke an das Buch, das ich gerade lese:  „Die Ausgewanderten … vier lange Erzählungen“. Jahrelang konnte ich mich in den verschachtelten Sätzen und Geschichten von W.G. Sebald nicht zurechtfinden, jetzt werde ich immer süchtiger danach und ich ergebe mich dem Sog, der von seinen Worten ausgeht. Es ist nicht nur seine Sprache, die mit mikroskopartiger Genauigkeit ungeheuerlich weitläufig mäandernd um ein paar Menschenleben kreist, sondern deren geheimnisvolle, nie ganz geklärte Verbindung zur Person des Schriftstellers. Er scheint einer Verantwortung den längst Gestorbenen gegenüber nachzukommen, indem er auf ihre Schicksale einen letzten Blick wirft und ihnen die Achtung erweist, die sie sich verdient haben, bevor sie im ewigen Dunkel des Vergessens untergehen.

„… die widersprüchlichen Dimensionen unserer Sehnsucht …“

Von vier Menschen ist die Rede, die sich auf ihren Wegen vergangen haben und auf der Suche nach einer sinnvollen Existenz innerlich verunglückt und verloren gegangen sind. Das Schicksal mit allen seiner widrigen Machenschaften ließ für ein paar wenige Augenblicke ein Glück aufleuchten aber sie hatten keine Chance, dem letztendlichen Scheitern zu entgehen.

Merkwürdig, wie oft ich jetzt an einen denken muß, der vor vielen Jahren zusammen mit seiner Schwester in unserem Haus gelebt hat, weil beide uns nach dem Krieg „zugeteilt“ worden sind. Sie wurden verjagt aus ihrem Ort, aus ihrem ganzen Leben und dann waren sie gezwungen zu einer armseligen Existenz. In unserem kleinen Stüberl, beheizt von einem ständig rauchenden Ofen hausten sie dann, beide heimatlos geworden, seine Schwester und der Herr Ritz, wie sie ihn immer nannte. Den Herrn Ritz hatte ich als kleines Kind viel lieber als seine Schwester, die immer meine Locken bürsten wollte und mich dabei mit ihren Knieen in den Schraubstock nahm, ich versuchte deshalb  ihre Nähe zu vermeiden. Ich kann mich außer an diese Haarkämm-Prozedur an nichts mehr erinnern, weiß nicht, wie sie aussah, nur daß sie mir groß und mächtig erschien. Erst vor kurzem hatte ich ihren Ausweis in der Hand, da steht bei Körpergröße: 1,48 …

Der Herr Ritz ist mir in einer Erinnerung geblieben. Er hatte gutmütige Augen und saß immer in einem alten Lehnstuhl am Fenster mit einem Buch in der Hand und ich weiß noch ganz genau, wie liebevoll er mich anlächelte, wenn ich ihn im Stüberl besucht habe. Gesagt hat er wohl nichts, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, daß wir miteinander gesprochen hätten. Aber ich war gerne bei ihm, er trug immer einen Anzug mit Weste und Krawatte und hatte immer glänzend polierte Schuhe an. Er war ein leiser und feiner Herr und wir mochten uns, der Herr Ritz und ich.

Weil mich das Schicksal unserer „Flüchtlinge“ interessiert, gehe ich zur Gemeinde und frage nach, möchte wissen, wie der Herr Ritz mit Vornamen geheissen hat und wann sie zu uns kamen. Ich erzähle von diesem freundlichen alten und gebildeten Mann, während der Gemeindeangestellte in alten Büchern blättert und dann schaut er mich lächelnd an und fragt: Sag mal, wann bist du denn geboren … ich sage: 1952.

Aha, sagt er, aber der Herr Ritz ist 1949 gestorben.
Sein Name war Josef.

„Zerstöret das Letzte
Die Erinnerung nicht“

 

die Zitate stammen aus dem Buch: Die Ausgewanderten, von W.G.Sebald

 

 

 

 

 

 

Ihr und Wir und Du und Ich … „es Glas uf d’Liebi und eis uf z’voue Läbe … uf aui grosse Tröim …“

Uf Mueters Seu wo hüt
Furt isch voder Ärde
Uf au die schöne Ching
Wo hüt znacht gebore wärde
Uf au die Zyt wo isch vergange
Uf au die Zyt wo mir no blibt
Uf die grüene Triebe
Uf die süesse Frücht ide Böim
Uf aui grosse Plän u
Uf aui grosse Tröim
Uf au die wo fiire u no singe
Uf au die wo sueche
U wo vilech sogar finge
Es Glas uf d’Liebi und eis uf z’voue Läbe u
Eis uf au das wo mir nid chöi häbe
Es Tor geit uuf unes angers geit zue
Blibsch i mim Härz (sogar no denn) wes afaht weh tue
Uf au die wo chöi vergässe
Uf au die wo chöi vergäh
Uf au die wones grosses Härz hei
U wosech das nid löh la näh
Ufne gränzelose Himu
Ufnes uferloses Meer
U für immer uf di
Es Glas uf d’Liebi und eis uf z’voue Läbe u
Eis uf au das wo mir nid chöi häbe
Es Tor geit uuf unes angers geit zue
Blibsch i mim Härz (sogar no denn) wes afaht weh tue
Es Tor geit uuf unes angers geit zue
Blibsch i mim Härz (sogar no denn) wes afaht weh tue
Uf Mueters Seu wo hüt
Furt isch voder Ärde
Uf au die schöne Ching
Wo hüt znacht gebore wärde
Uf au die Zyt wo isch vrgange
Uf au die Zyt wo mir no blibt

 

Auf Mutters Seele die heute
Fort ist von der Erde
Auf all die schönen Kinder
Die heute Nacht geboren werden
Auf all die Zeit die vergangen ist
Auf all die Zeit die mir noch bleibt
Auf die grünen Triebe
Auf die süßen Früchte in den Bäumen
Auf alle großen Pläne
Auf alle großen Träume
Auf alle die feiern und singen
Auf alle die suchen
Und die vielleicht sogar finden
Ein Glas auf die Liebe und eins aufs volle Leben und
Eins auf all das was wir nicht halten können
Ein Tor geht auf und ein anderes geht zu
Du bleibst in meinem Herz (sogar dann noch) wenn es anfangt weh zu tun
Auf alle die vergessen können
Auf alle die vergeben können
Auf alle die ein großes Herz haben
Und sich das nicht nehmen lassen
Auf einen grenzenlosen Himmel
Auf ein grenzenloses Meer
Und für immer auf dich
Ein Glas auf die Liebe und eins aufs volle Leben und
Eins auf all das was wir nicht halten können
Ein Tor geht auf und ein anderes geht zu
Du bleibst in meinem Herz (sogar dann noch) wenn es anfangt weh zu tun
Ein Tor geht auf und ein anderes geht zu
Du bleibst in meinem Herz (sogar dann noch) wenn es anfangt weh zu tun
Auf Mutters Seele die heute
Fort ist von der Erde
Auf all die schönen Kinder
Die heute Nacht geboren werden
Auf all die Zeit die vergangen ist
Auf all die Zeit die mir noch bleibt

Vielen herzlichen Dank an Patent Ochsner für den freundlichen Kontakt und die Übersetzungshilfe, und die Erlaubnis, alles hier veröffentlichen zu dürfen!

24 T. – Mutmaßungen über meine Mutter, Tag 24: Finis

Wie schnell doch die Zeit vergangen ist. Jetzt ist die Vorstellung vorbei, hier in diesem imaginären Theater, alle Texte sind dargebracht und sprechen für sich, alle kreisen um die Mutter. Heute um Mitternacht beginnt die 1. Rauhnacht, den Müttern gewidmet.

Was bleibt mir zu sagen?

Habt meinen herzlichen Dank, daß Ihr meine Einladung angenommen  und mir so großes Vertrauen geschenkt habt. Ich weiß, manche Träne ist geflossen und Traurigkeiten sind aufgetaucht, vor manch einem Text bin ich heulend gesessen, überwältigt von schier grenzenloser Kinderliebe die sich aus Herzen herausgeschrieben hat und sich jetzt in die Welt verströmen darf… Ich sehe ein Bild vor mir:

Wir stehen hier zwischen Himmel und Erde und ich sehe Euere Herzen schlagen und hinter Euch allen sehe ich schemenhaft die Umrisse von Gestalten, die auch ein Herz haben, das schlägt … mir ist, als stünde hinter jedem und jeder sie, die Mutter, die uns hervorgebracht hat. Ich werde IHR heute Nacht eine extra Kerze anzünden, nur für sie … wenn Ihr wollt, macht mit … ich bin sicher, dieses Licht schickt seine Strahlen genau da hin, wo es gebraucht wird.

Es war ein sehr besonderes Projekt, ich bin glücklich über die wundervolle Zusammenarbeit, Ihr habt mich sehr reich beschenkt und ich bin sicher, nicht nur mich!

Nehmt meinen Dank mit und noch etwas:

Vor paar Wochen hat eine, die ich sehr schätze, auf Facebook ein paar Worte gepostet, die mich nicht mehr loslassen in ihrer schier unmöglichen Möglichkeit des Möglichen. Sie hat mir erlaubt, diese Worte Euch hier mitzugeben, in die Rauhnächte und in Eure Existenz:

LASST EUCH LIEBEN!

24 T. – Mutmaßungen über meine Mutter,Tag 23: Margarete Helminger

Eine zugesagte Textarbeit ist leider bis jetzt nicht bei mir angekommen, deshalb würde eigentlich heute die 23. Türe leerbleiben, aber es ist mir eine Geschichte zugetragen worden, die mich sehr tief berührt und die heute ihren Platz hier bekommen soll, heute, wenige Stunden vor der Heiligen Nacht, die man auch die Mütternacht nennt.

Vor einer Woche bekam ich einen Kommentar zugeschickt, der sich auf den Text „Es ist einmal  im Leben so“ bezieht, den ich hier am 7. April 2016 geschrieben hatte. Herr Michael Anton schreibt:

1946 im Viehwaggon aus meinem Geburtsort Karlsbad verfrachtet, das bin ich auch, allerdings in den Westerwald, nicht nach Bayern, Von daher waren wir mit Sicherheit nicht im gleichen Waggon, Aber in einem der beiden Zwischenlager vorm Abtransport, Meierhöfen I und II, könnten wir uns über den Weg gelaufen sein. Ich war allerdings erst sieben, tagsüber waren wir Kinder zwischen den ehemaligen Wehrmachts-Baracken uns selbst überlassen, irgendeine Art von Aufsicht wird’s schon gegeben haben, aber ich kann mich nicht erinnern, Die arbeitsfähigen Jugendlichen und Erwachsenen (außer den Alten wie meine Oma) mussten zum Ziegelklopfen und Ruinenräumen in die Stadt (auch auf Karlsbad waren einige Bomben gefallen). Jahrzehnte später erwähnte meine Mutter mal, wie die sie bewachenden ‚Revolutionsgardisten‘, mit MG bewaffnet, immer wieder die Attraktiveren unter den jungen Frauen und Mädchen herausdeuteten und hinter die Ruinenmauern führten. Aber ich habe einen Abend in Erinnerung, da hatten sich viele in der Waschbaracke versammelt, ich und ein paar andere Knirpse im Schulkindalter standen auf irgendwelchen Vorsprüngen, Fensterbänken oder an die Wand geschobene Tische. Die Waschbaracke hatte keine Wandwaschbecken, wie wir sie normal kennen, sondern über den Raum verteilt waren mehrere runde “Brunnen‘, jeder mit einer Säule in der Mitte, aus der Wasserhähne ragten. So konnten sich im Krieg viele Soldaten gleichzeitig waschen. Zwei von den jungen Männern, die aus irgendwelchen Gründen nicht deportiert oder den Russen überlassen worden waren, sondern mit ‚ausgesiedelt‘ wurden, hatten Mundharmonikas und spielten, was das Zeug hielt. Ich verfügte da weder über die Begriffe noch ein Unterscheidungsvermögen, Foxtrott sicher, Walzer /aus dem ‚Weißen Rössel‘ vielleicht, wer weiß?). Und die Erwachsenen hatten sich zu Paaren gefunden, viele Frau mit Frau natürlich, tanzten, lachten, scherzten, drehten sich im Takt, als gebe es kein Grauen, und in meiner Erinnerung haben sich die umrahmenden Locken und das strahlend offene Lächeln eines jungen Frauengesichts eingebrannt, als wäre ich in der Waschbaracke voller Harmonika-Töne, nach über 75 Jahren. Es wird kaum Ihre Mutter gewesen sein, aber was Sie berichten, vom ‚Licht durch die Hölle tragen“, da klingen die Stimmen zusammen, meine ich.

„Da klingen die Stimmen zusammen“ …  ja, das tun sie. Als ich diese irritierend bezaubernde und traurige Geschichte gelesen hatte, bin ich vollkommen fassungslos hinaus in die Nacht gelaufen und habe zu den Sternen hinauf meiner so sehr liebgehabten Mama Rotz und Wasser nachgeweint, die so ein strahlend offenes Lächeln hatte mit ihren damaligen zwanzig Jahren. Kein Zweifel, daß sie es war… nein, kein Zweifel. Was ist schon die Wahrheit? Einer erinnert sich 75 Jahre an ein Gesicht… genauso ein Gesicht hatte meine Mutter, wer sie sah konnte sie niemehr vergessen… weder ihr Lachen, noch den Glanz in ihren Augen. Und die Wahrheit … ach … das Gegenteil von allem ist ja auch wahr, oder?

Mit dieser Geschichte beende ich hier dieses Projekt. Aber, Ihr Lieben da draußen, kommt doch bitte morgen auf einen Sprung vorbei, für die letzte Türe hab ich vorgesehen, daß wir uns hier zwischen Himmel und Erde nochmal versammeln, ich möchte mich bedanken bei Euch und ein paar Worte zu Euch sagen, bevor alle sich auf den Weg machen und meine Bühne wieder luftig und leer sein wird.

Bis morgen!

24 T. – Mutmaßungen über meine Mutter, Tag 22: Claudia Kilian

Kriegskind. Geboren im Bombenhagel einer Industriestadt. Im Mutterleib schon an das Heulen der Sirenen gewöhnt, das Krachen der abgeworfenen Bomben gehört. Den Soldatenvater als Eindringling erlebt. Sich geschämt. Für Armut und Kneipengeruch.

Herangewachsen und hübsch geworden. Kokett. Pläne im Kopf. Zukunftsfantasien.

Ein Basta stoppt jede Möglichkeit zur Ausbildung.

Sie traf den einen und zusammen genügten sie sich. „Ich war verheiratet, hatte zwei Kinder und war mit dem dritten schwanger, aber wählen durfte ich nicht.“ Sie wiederholte es oft, es schien ihr etwas auszumachen. Für Parteipolitik interessierte sie sich nicht.

Die Kinder, sie schrien zu schrill. Sie weinten zu viel. Sie lachten zu laut. Sie störten so sehr.

Nichts konnte diese Leere füllen. Nicht die neueste Waschmaschine, der Kühlschrank, die Stereoanlage, der Fernseher, die größere Wohnung, das Haus im Wald, die neue Stadt und die nächste Stadt, die Wohnzimmerwand, der immer höhere Kredit. Immer weiter, immer weiter. Neue Leute, neue Freunde, neue Leben, neue Arbeit.

Immer weiter. Nicht anhalten, nicht innehalten.

Nur keine Ruhe.

Die Kinder, sie wurden älter und gingen dann wieder. Freiwillig oder mit unverhohlenem Druck.

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Heute sitzt sie still.

Diese schreckliche Krankheit hat zugeschlagen. Hat ihr die Zeit und den Ort geraubt.

Sie begrüßt mich freundlich und fragt vorsichtig, wie es den Kindern geht.

Das ist klug, denke ich. Deine Kinder, wäre falsch. Sie geht das Risiko nicht ein, falsch zu liegen.

Den Kindern geht es gut, sage ich. Allen Kindern geht es gut.

Das ist schön, sagt sie. Das ist sehr gut.

Text:  Claudia Kilian

24 T. – Mutmaßungen über meine Mutter, Tag 21: Andreas Glumm

Sag Mutter, ich hab Scheiße gebaut

Am Abend zuvor hatte ich schwer getrunken, in meinen 32. Geburtstag rein, mit Karlos und anderen Verwirrten, im Mumms, unserem großen verrauchten Wohnzimmer. Das war Usus. Das war 1992. Wenn jemand Geburtstag hatte, traf man sich am Tresen und die Zapferin spendierte zunächst ein Tablett Bier, als Starterpaket. Und dann gings weiter. Dann gings los. Bier, gekühlte Schnäpse, vor der Tür kiffen, im Auto koksen, alles was ging.

Und was nun den nächsten Morgen betraf, da gab es regelmäßig zwei verschieden verkaterte Zustände. Den einen, wo ich immer noch so betrunken und voller Speed im Blut erwachte, dass ich das Gefühl hatte, den Rock’n Roll neu zu erfinden, und den anderen, wo ich, kaum wach geworden, so deprimiert am Bettrand hockte, dass ich mich fragte, wie zum Henker ich diesen Tag überstehen sollte. Wenn in der Frühe der Blues anrollte, die Depression, das war, als übernähmen schwarze Männer das Kommando im Maschinenraum.

Eigentlich bin ich ja der Meinung, wenn schon eine Borderline-Depression, dann eine schusselige Borderline-Depression. Wo man zwischendurch einfach mal vergisst, wie mies drauf man ist. Damit lässt sich arbeiten.

*

Nachmittags überraschte mich die Gräfin, vier Tage vor ihrem eigenen 30. Geburtstag, mit einer kleinen Käsesahnetorte, obenauf 32 bunte Spaßkerzen, die sich, sobald man sie ausblies, sofort wieder selbst entzündeten. Dieses Spielchen, das kein Ende zu nehmen drohte. Ich pustete die Kerzen aus, sie entzündeten sich wieder von selbst. Egal, wie kräftig ich Luft holte.

“Die scheiß Dinger gehn überhaupt nich aus!” rief ich erbost und zweiunddreißig Jahre alt. „Das ist Sisyphus!“

Scheisse, war das anstrengend. Ich war ziemlich hinüber vom Saufen. Ich mein, ich hab mich solche Sachen nie gefragt, ich hab es stets als gegeben hingenommen, als vom Schicksal dazu verdonnert, irgendwann als Trinker zu enden, als Junkie, als Tabakraucher, doch jetzt, wo ich älter werde und nur noch das nötigste zu mir nehme, also, da frage ich mich schon, warum ich eigentlich ständig diese Drogen in mich reingeschüttet habe. Ich hätte es ja auch sein lassen können.

Oder etwa nicht.

Ich erinnere mich an einen Tag in den späteren Neunzigern, als ich innehielt und dachte: wenn du dir heute noch ein Pack besorgst, dann kannst du nicht mehr zurück. Dann schaffst du es nicht mehr. Dann ist es zu spät. Dann bist du genau in dem Kreislauf gefangen, der dich einst so abgestoßen hat, weil all die süchtigen Bekannten am Ende nur noch tumb und wächsern rüberkamen. Und schon stapfte der Desperado in mir los und besorgte sich Pulver. Fast schon ein bisschen stolz, eine Entscheidung getroffen zu haben. Zwar eine, die in den Untergang führte, aber immerhin, eine Entscheidung.

*

Später an meinem Geburtstag im September 92 holte meine Mutter mich zu Hause mit dem Wagen ab und wir fuhren in die Stadt, Schuhe kaufen. Unser jährliches Ritual. Es gab zum Geburtstag ein Paar Schuhe oder eine neue Hose, eine neue Jacke – irgendwas Praktisches. Für den Jung. Ein Ritual, das irgendwann in dieser Zeit endete. Möglicherweise war es 1992 das letzte Mal, dass wir den Geburtstag auf diese Art begingen, Mutter und ich.

Es gab Dinge zwischen uns, die sich unnatürlich lange hinzogen. Dazu gehörte das Schneiden der Fingernägel. Weil wir keinen Knipser im Badezimmer hatten und ich nicht in der Lage war, mir selbst (mit links) die Fingernägel der rechten Hand zu schneiden, mit der Nagelschere, übernahm meine Mutter die Grundpflege, die Nagel-Toilette, und zwar bis zu dem Zeitpunkt, wo ich von zu Hause auszog. Da war ich 21. Aber es hatte auch etwas, es war eine schöne kleine Intimität, die wir uns bewahrt hatten. Ich legte meine Hand in ihre, und sie begann die Nägel zu schneiden – nicht zu schnell, nicht zu langsam, und vor allem: nicht zu kurz die Nägel, genau richtig eben. Ich glaube, wir haben uns dieses kleine Ritual so lange bewahrt, weil es einen Moment der Nähe gestattete zwischen Mutter und Sohn. Ich roch gern das Nivea auf ihren Wangen, und ich schaute mir gern ihre Hände an, so wie ich als Kind nicht genug von den Händen meiner italienischen Großmutter bekam. Von den Adern, den blauen Schlangen.

Wir parkten in der Tiefgarage des Turm-Zentrums, wo ich nachts im Turm-Hotel als Nachtportier arbeitete. Mutter erzählte irgendwas von Tante Sonja, ihrer Schwester, ich saß auf dem Beifahrersitz. Ich war ziemlich mundfaul. Platt vom Saufen, kein Pulver in der Tasche. Im Karstadt wurden wir schnell fündig. In der Schuhabteilung. Ein Paar dunkelrote Wildlederhalbschuhe Landlord Italy, 179 Mark.

(Schuhe sind wie Zähne. Jeder achtet beim Anderen darauf, wie sie in Schuss sind.)

Im Karstadt-Restaurant tranken wir noch eine Tasse Kaffee, als zwei Tische weiter plötzlich Kilian Platz nahm, mit dem Tagesgericht auf dem Plastiktablett. Kilian, mein damaliger Heroindealer. Wir grüßten uns überrascht per Handzeichen, und mein Herz tat einen Sprung. Ich war auf der Stelle so scharf auf Schore, dass ich automatisch gute Laune bekam. Kilians Anblick hatte den Knopf in mir gedrückt. Den Überbringer von Rauschgift zu sehen war für mich gleichbedeutend mit seiner euphorisierenden Ware. Da saßen plötzlich 70 Kilo Lebend-Morphin in meiner direkten Umgebung, nur zwei Tische entfernt, im Warenhaus. Ich fieberte wie im Tagtraum. Mein Mutter hatte mir zum Geburtstag etwas Geld geschenkt, obenauf zu den neuen Halbschuhen. Ich konnte mir also eine Kleinigkeit leisten. Genug, um auf die Beine zu kommen und den Nachmittag mit Mutter erträglicher zu gestalten.

„Ich geh mal jemandem hallo sagen”, sagte ich und schwang rüber zu Kilian. Er schwitzte. Er sah schlecht aus.

“Ich glaub, ich krieg grade einen Affen,” sagte er und riss die Augen auf. Er hatte Pupillen wie Wagenräder.

Ich verstand nicht.

“Hast du was dabei?” ließ ich mich nicht beirren.

“Nee, jetzt muss ich mich erstmal um mich selbst kümmern“, zischte er. „Das sieht man doch wohl, oder?!”

Er stand genervt auf, packte das Tablett mit dem vollen, noch nicht angebrochenen Teller (Nudeln mit Sahnesauce) und brachte es zur Kasse zurück. Er redete mit der Kassiererin. Ich hörte was von „Warmstellen“ und dass er in 10, spätestens 15 Minuten wiederkäme. Kilian drehte sich kurz zu mir um, machte ein Handzeichen: ruf mich später an, während ich schlechtgelaunt zu Mutter zurückkehrte.

“Was ist denn mit deinem Bekannten?”

“Dem ist schlecht geworden. Dem geht’s nicht gut.”

“Ja, aber nicht vom Essen, oder? Der hat doch gar nichts gegessen. Der hat sich doch gerade erst zum Essen hingesetzt.”

“Ja. Weiß nicht. Keine Ahnung.”

Scheisse. Arschloch. Irgendwas stimmte da nicht. Wahrscheinlich hatte er eine Lieferung nicht bekommen und nun rationierte er sein Pulver so drastisch, dass er mit beginnendem Affen unterwegs war. Aber, um im Karstadt etwas zu essen…?! Kein Junkie hat je Hunger, wenn er affig ist.

*

Um 22 Uhr am selben Abend begann meine Nachtdienstwoche. Sieben Nächte am Stück. Auf dem Weg zum Hotel klingelte ich bei Kilian, der über der Pizzeria wohnte, doch er öffnete nicht. Es war auch kein Licht zu sehen im Dachgeschoß. Mir blieb nichts anderes übrig, als die erste Nacht im 32. Lebensjahr clean zu verbringen.

Die Rezeption befand sich oben im 11. Stock des Turm-Zentrums, bei klarer Sicht konnte man bis Köln gucken, oder bis Leverkusen, aber wer wollte schon bis Leverkusen gucken. Was gab es da schon zu sehen, außer das beleuchtete Bayer-Kreuz in der Nacht und ein paar tausend Industrie-Arbeitsplätze. Freunde, die im Hotel zu Besuch kamen, standen gern am Panoramafenster im Frühstücksraum und genossen die Aussicht. Sie wollten wissen, wo Köln lag, wo Düsseldorf. Sogar nach Holland fragten die Leute. Aber nach Leverkusen? Nie fragte jemand, wo liegt Leverkusen. Ich meine, es leuchtete das rote Bayer-Kreuz in der Nacht, es funkelte so frostig, dass jeder sofort wusste:

Leverkusen.

*

Ein paar Tage nach dem Geburtstag besuchten die Gräfin und ich meine Eltern, wir standen auf dem Balkon. Die Sonne schien auf die Tannen, sie dampften in Reih und Glied. Die Gräfin fummelte mir eine ausgefallene Wimper von der Backe und hielt sie mir hin, auf einer Fingerkuppe, zur Begutachtung. Dann durfte ich die Wimper wegpusten und mir dabei etwas wünschen. Noch bevor ich fertig war, rief sie erschrocken: „Scheiße! Jetzt hab ich mir aus Versehen auch was gewünscht..! Ich meine, nicht dass das eine Rückkopplung gibt, hinterher!“ Sie verzog das Gesicht, als hätte sie auf etwas Saures gebissen.

Später stand ich mit Mutter auf dem Balkon. Nur wir beide alleine. Sie kam auf das Paar Schuhe zurück, warum ich es nicht anhatte. Nur so, sagte ich. Dann fragte sie mich aus heiterem Himmel, ob ich Heroin nähme. Sie fragte nicht, Andreas, mein Sohn, nimmst du Drogen? Rauchst du Hasch oder so ein Blödsinn. Nein. Sie fragte mich schnurgerade ins Gesicht: Nimmst du Heroin? Ihr Ton war nicht böse, auch nicht ängstlich, nein, einfach neugierig. Ich war so baff, die Frage von Mutter zu hören, dass ich ihr aufrichtig ins Gesicht lügen konnte. Ich? Heroin? Bist du verrückt? Ja, wie kommst du denn darauf?

Nichts ist abstoßender im Leben als sich selbst beim Lügen zuzuhören.

Text:  Andreas Glumm