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…voll der Gnaden…

Gleich zwei Seiten Todesanzeigen in der Lokalzeitung. Januar/Februar sterben die Leute, die Weihnachten so grad noch überleben konnten.
Für kürzlich Verstorbene in der Nachbarschaft knie ich mit schmerzenden Beinen in der eiskalten Pfarrkirche und bete den „schmerzhaften Rosenkranz“, weil es halt so der Brauch ist. Ich muß aufpassen, daß ich mitkomme, denn obwohl in jüngster Zeit öfters gezwungenermaßen gebetet, verzähle ich mich bei den Stationen und muß deshalb auf meine Nachbarin hören, die kann´s. Insgesamt hört sich alles ein wenig wie eine Kakophonie an, die Vorderen sind langsamer, die Hinteren rennen davon, ich habe von früher einen monotonen Leiergesang im Ohr, das hörte sich zwar wenigstens synchron an, verstanden hat man aber auch nichts von dem, was da gebetet wurde.
Daheim im alten Haus in der Stube, mit den Knieen auf dem nackten Holzboden wurde an Weihnachten und an Lichtmeß auch der Rosenkranz gebetet, solang mein Großvater noch einigermaßen klar im Kopf war, als er „verkalkte“ haben sie den Brauch ganz schnell abgeschafft.
Ich sitze in der Kirche und es fällt mir ein, daß ich als Kind völlig ratlos war, was denn diese Zauberworte bedeuteten: „Gähgrisszeistdemariadubistvolldergnade – derherristmitdir, dubistgewehnedeitunterdenweibern – ungewehnedeitistdieFruchtdeinesleibesjesus“…vorallem diese unerklärliche „ungewehnedeitefruchtdeinesleibes“…lange, lange habe ich darüber gerätselt, was das wohl sein könnte und erst viele Jahre später habe ich begriffen, daß es natürlich keineswegs „ungebenedeit“, sondern „…und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus“ heißt!
„…heilige Maria, bitte für uns Sünder…“ ja, heilige Maria, da bist Du gelandet, denke ich, Du, die ehemalige Göttin sollst für uns was erbitten beim Alten und seinem Sohn dort oben, die sollen es richten, was bei uns schiefläuft…“jetzt und in der Stunde unseres Todes…“, ja vor allem, wenns ums Sterben geht, soll sie die unerbittliche Chefetage weichkochen für uns.
“ und laß ihn in Frieden ruhen. Amen. Vater unser im Himmel…“ aha, es geht eine Station weiter… Am Altarblatt heilige Abbildungen der wichtigsten Vorkommnisse, Adam und die sündige Eva mit der bösen Schlange und daneben gleich, weil Namenspatron der Kirche, der Hl. Georg, der blutrünstig und mit leidenschaftlicher Geste den bösen Drachen ersticht. Immer schon habe ich dieses Bild gehasst, noch nie habe ich geglaubt, daß der Drache wirklich böse ist. Und es ärgert mich heute immer noch, daß es nötig war, ihn abzuschlachten, wo doch meine Namenspatronin, die Hl. Margarete, ihn mit weicher Hand gezähmt hat und er an einem langen lockeren Band brav neben ihr hergetrottet ist…das Bild einer Frau, neben der die Urkraft tänzelnd einherschreitet, die sie also locker handhaben kann, die sogar mit ihr tanzt – nein, das war so nicht vorgesehen, da musste einer mit dem Schwert her, um es zu zerschlagen.
„…und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus, – der für uns gegeißelt ist worden ist…oje, ich hab ein „ist“ zuviel gebetet, so nämlich, wie es der Großvater immer gebetet hat. Und ich habe im Ohr, wie es geklungen hat, früher, in unserer Stube, als beim Beten auf dem Boden unser junger Hund Lumpi, ein kleiner, etwas bissiger Spitz, der halt auch mal wieder bei uns gelandet war, weil ihn sonst niemand haben wollte, den schafwollenen Socken vom Opa als Spielzeug ins Maul nehmen wollte und ihm deshalb ständig in die Zehen biß: „der für uns gegeißelt ist worden ist..Herrgotsakramentkruzifix, beißt mir der Hundskrüppi an Söcki(Socken) eini…gägriszeistemariadubistvolldergnade…“!

„…Herr, gib ihm die ewige Ruhe…“ – an was die anderen wohl alle grad denken? Mir fällt „Das Buch des Vaters“ vom geliebten, viel zu früh verstorbenen Urs Widmer ein und daß ich ihn so gern gefragt hätte, ob es das Dorf des Vaters irgendwo in den Schweizer Bergen tatsächlich gegeben hat, wo vor jedem Haus ab Geburt der Sarg stand, solang, bis er gebraucht wurde, vor manchen Häusern aufgestapelt viele Jahrzehnte viele Särge…was für ein wunderbares Buch, vorne drauf das Bild von Heiri Strub vom Vater Walter Widmer, mit dem ich mich gleich so seelenverwandt fühlte…diese Bücherstapel überall…ach, was für eine Geschichte, was für ein Erzähler, mein Herzensdank hinauf zu den Sternen…“und das ewige Licht leuchte ihm…“ja, Ihnen lieber Urs Widmer, Ihnen möge es auch leuchten in alle Ewigkeit…!

„…der für uns gekreuzigt worden ist…“ – aha, das letzte Kapitel muß noch abgebetet werden und dann kommt noch das Glaubensbekenntnis, wo wieder alle „die heilige, katholische Kirche“ beten werden und nur ich laut „christliche Kirche“ sagen werde und natürlich wieder alle schauen. Bin ich in dieser Kirche daheim? Wenn Erinnern auch eine Art Heimat ist, dann schon, aber ich fühle mich nicht zugehörig und leide unter Einsamkeit, da hat sich nichts in den letzten 5O Jahren geändert, auch damals fühlte ich mich schon einsam, als beim Kommunionsunterricht vom Pfarrer gesagt wurde, daß die Oblade der Leib Christi sei und man ihn keinesfalls kauen durfte und mir dann bei der Kommunion der Leib Christi am Gaumen festpappte und ich mir nicht zu helfen wusste, wie ich ihn denn da wieder runterbringen sollte, denn mit dem Finger am Leib Christi herumkratzen war unter Androhung von Sünde strengstens verboten. Was mache ich hier, in dieser Kirche? Hinter mir der Beichtstuhl, in dem man so unerklärliche Fragen abarbeiten musste wie „Unkeusches gedacht“, ohne überhaupt zu wissen, was denn das überhaupt war, dessen man sich schuldig gemacht hatte.
Und draussen das Familiengrab, eisiger Schneewind.
Ach ich weiß auch nicht. Ein Satz ist mir aus dem Wenigen, das mir meine Mutter hinterlassen hat in Erinnerung geblieben, sie sagte, ich solle niemals denen glauben, die sagen, daß Gott in der Kirche wohnen würde! „Er ist in den Margeriten!“ – sagte sie. Ich bin geneigt, ihr zu glauben.

Heimat?

Der weise alte George Tabori hat mal gesagt: „Das, worauf es ankommt, ist die Authentizität der Gefühle“.

Es hat mich wohl deshalb gestern nochmal in mein Lieblingskino in Trostberg gezogen, wo ich mir zum dritten Mal den „Mittsommernachtstango“ angesehen habe, und wenn er noch länger laufen würde, dann sähe ich ihn wohl noch zehn Mal. Die ProtagonistInnen tun das, was sie tun, weil sie das sind, was sie tun, und ich glaube es ihnen. Der Film läuft auf eine Schlußszene hin, alle Musiker versammeln sich am See, und in das Licht der untergehenden Sonne singt der junggebliebene Reijo Taipale sein „Satumaa“ und alle begleiten ihn dabei. Das ist so rührend schön und hat so gar nichts von Kitsch, denn das melancholische Lied handelt von diesem Märchenland, nach dem wir uns alle sehnen, eine Art Heimat, die nur im Taum existiert und nur in Gedanken können wir hinfliegen. Reijo Taipale sagt, er hätte dieses Märchenland sicher schon 8000 Mal besungen, aber leider habe er es auch noch nicht gefunden bis jetzt. Angeblich hat die Tradition des Tangotanzens begonnen, als Teile der finnischen Heimat unter russischer Besatzung standen und es den Menschen wohl so schlecht ging, daß sie sich mit dieser Musik in eine andere Heimat träumten, um zu überleben.

Beim Heimfahren durch die stockfinstere Nacht, die Melancholie dieser Musik in den Ohren, ein Gefühl zwischen Weinen und Lachen, eine schwebende Leichtigkeit, die aber schmerzt in ihrer großen Sehnsucht nach…ja nach was eigentlich?

Wenn es stimmt, was ich lange schon vermute, daß uns in den Geschichten nicht wirklich das anzieht, was andere erleben, sondern das, was wir dabei über uns selbst erfahren…ja dann hat dieser Tango mit einem Schmerz in meiner Seele zu tun. Ich fahre durch die oberbayrische Hügellandschaft, bin weder Finnin noch Argentinierin, hier ist meine Heimat, oder wohin sollte ich sonst gehören? Warum spüre ich davon so wenig, warum bin ich eigentlich so wenig „beheimatet“?

Mit diesen Gedanken gleite ich immer tiefer in die Nacht, die Strassen werden immer schmaler und holpriger, ich weiß nicht mehr wo ich bin, habe mich total verfahren und stehe plötzlich vor einer kleinen Kirche, die ich bei Tageslicht lang nicht gefunden habe, so versteckt liegt sie zwischen Hügeln verborgen. Jetzt steht sie vor mir: St. Margareta, deren Spur ich schon lange verfolge, da sie einen Wurm bei sich hat, einen Drachen, von dem man sagt, er sei älter als die Welt.

Den Tango im Ohr bin ich jetzt an diesem Drachenort gelandet…was das wohl bedeutet?