Archiv für den Monat: Februar 2026

Briefe an die nahe Ferne ( 4 )

 

Baby steig auf, laß uns nach Las Vegas reiten, die Sonne putzen…

Aus dem poetischen Kosmos der Mützenfalterin steigt ein Satz auf, der mir nicht mehr von der Seite weicht: „Wir können uns nicht aussuchen, an was wir uns erinnern“ …
Ja, die Erinnerungen kommen und gehen, wie es ihnen beliebt und mit ihnen die Gefühle, die schönen sind leicht, umschmeicheln mich und ziehen weiter, die schmerzhaften sind schwer und fallen mir vor die Füsse und manchmal sind sie leicht und schwer zugleich und immer öfter zeigen sie mit dem Finger auf mich und sagen mir: du bist gescheitert.
Udo Lindenberg wird 80 Jahre alt und damals, als der Song rauskam, wollten wir alle die Sonne putzen in Las Vegas. Meine Güte, um die 2o Jahre war ich alt, das Leben lag  unendlich groß und weit vor mir und ich wollte es durchtanzen und in Glück baden und alle Menschen umarmen…

Vor paar Tagen habe ich endlich einen Film gesehen, den ich im Kino verpasst hatte und der jetzt auf ARTE in der Mediathek läuft: „Fallende Blätter“  von Aki Kaurismäki. Er führt Regie und hat auch das Drehbuch geschrieben, denn wer außer ihm könnte es sonst schreiben? Ich liebe all seine Filme und werde mir wahrscheinlich auch diesen Film unendlich oft anschauen. Die Filme von Kaurismäki kann man nur lieben oder man kann gar nichts mit ihnen anfangen, dazwischen gibt es nichts, glaube ich.

Im Film „Fallende Blätter“ (Kuollet lehdet) wird nicht viel geredet, die Bilder zeigen einen kleinen Ausschnitt im Leben von Menschen im ärmeren Stadtteil von Helsinki, die ihrer Arbeit nachgehen, scheitern, neu beginnen, wieder scheitern und in den Pausen daheim am Tisch oder im Wirtshaus am Tisch sitzen, trinken, rauchen, im Radio Nachrichten hören vom Krieg in der Ukraine und manchmal in der Karaokebar singen. Dort sehen sich eines Abends zwei Verlorene an und ihre Augen füllen sich mit Sehnsucht. Der launische kleine Wind des Lebens treibt sie aufeinander zu und wieder weg, sie suchen sich und verfehlen einander und lassen es geschehen und ergeben sich kampflos ihrem Schicksal, das nochmal einen Versuch startet und Zufälle auf den Weg streut wie kleine Blumen in der Wüste … und  … von einem Happy End zu sprechen wäre die falsche Formulierung, aber das Ende ist wie der ganze Film zärtlich und voller Liebe zu seinen Mitwirkenden, den Verlorenen auf dieser Welt.

Großartig in der Rolle der Ansa:  Alma Pöysti
Großartig in der Rolle des Holappa: Jussi Vatanen

Wunderbare Musik, u.a. alte Schlager auf finnisch, Tango und eine Band, die eine Entdeckung ist: „Maustetytöt“ mit dem Lied: „Syntynyt suruunja puettu pettymyksin“

Wie Aki Kaurismäki aus einer wortkargen, minimalistischen Handlung, wo außer Scheitern und Verlorenheit und Trostlosigkeit nichts wirklich passiert, eine Geschichte der Zärtlichkeit, Liebe und menschlicher Nähe zaubern kann? Wie schafft er es, daß aus allen Augen im Film so eine große Sehnsucht heraustropft … und die Tatsache, daß das Leben schön ist, trotzalledem … nach dem Film seh ich im Badezimmerspiegel in meinen Augen auch so einen Glanz, den der Film hinterlassen hat.
Auf ARTE kann man ihn noch eine Weile anschauen.

Unsere wilden Schneeglöckerln sind wieder in ihrem Roadmovie als fahrendes Volk herumgewandert. Inzwischen wundere ich mich nicht mehr darüber, daß ein ganzes Büschel plötzlich hinterm Haus wächst, wo sie noch nie waren. Kein Mensch konnte bisher herausfinden, wie sie das machen, daß sie plötzlich 10, 20 Meter weiter weg auftauchen. Aber ich vermute, daß es eh niemanden interessiert, weil in den robotergemähten Rasen sowieso kein einziges wildes Schneeglöckerl mehr wächst.

 

Liebe Brieffreundin, ich grüß dich herzlich aus der fernen Nähe.

 

 

Briefe an die nahe Ferne ( 3 )

Memento mori 

Am Aschermittwoch zeichnet der Priester ein Kreuz aus Asche auf die Stirnen derer, die daran erinnert werden wollen und mutig genug sind, sich diesen Worten zu stellen:
Bedenke Mensch, daß du Staub bist und zum Staub zurückkehrst.

Bei den Römern soll beim Triumphzug  hinter dem siegreichen Feldherren immer ein Dienender gegangen sein, der andauernd mahnend den Spruch wiederholte:
Memento te hominem esse – Bedenke, daß du ein Mensch bist.

Ja, bedenke, daß du ein Mensch bist.

Die Fastenzeit hat begonnen und sie dauert , wie der alte Name „Quadragesima“ schon sagt, 40 Tage. Diese Zahl 40 hat eine tief symbolische und magisch/spirituelle Bedeutung und taucht in der Menschheitsgeschichte immer dann auf, wenn es um Übergänge von Altem zu Neuem, Wandel, Reinigung, Prüfungen geht und zieht sich durch die Überlieferungen der Völker. Ob man da jetzt irgendwas wissenschaftlich beweisen kann ist mir nicht bekannt. Die heutige Psychologie spricht davon, daß angeblich 40 Tage Disziplin ausreichen, um diverse Routinen zu ändern.

Für mich ist sie höchst geheimnisvoll, diese Zahl 40, und da ich eine alte Geheimniskrämerin bin, forsche ich den Geheimnissen mit Leidenschaft hinterher und entdecke seltsame Parallelen:

40 Wochen dauert in der Regel eine Schwangerschaft
40 Tage braucht die Seele, um sich nach dem Tod zurechtzufinden und sich darauf vorzubereiten, am 40. Tag den irdischen Bereich zu verlassen
40 Tage nach seiner Auferstehung ist die Himmelfahrt Christi
40 Tage hat Jesus in der Wüste gefastet
40 Tage war Mose auf dem Berg Sinai
40 Jahre regierten die biblischen Könige
40 Tage ist das Volk Israel durch die Wüste gewandert
40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut
40 Tage lagen im 14.Jahrhundert in Venedig die Schiffe in „Quaranta“, um die Pest abzuwehren
40 Tage dauert die spirituelle Einkehr bei den Sufis
40 Schläge bei der Geißelstrafe waren genug, um den armen Menschenkörper zugrundezurichten, aber ihn gerade noch nicht zu töten

Und weil ja alles immer mit allem in manchmal rätselhafter Verbindung steht, soll hier auch dieses Zitat von Hesiod nicht unerwähnt bleiben über diesen mysteriösen Sternenhaufen der Plejaden, ich kann es nicht belegen, aber wie schon gesagt, jede r soll glauben, wie es ihr/ihm beliebt.

„Wenn das Gestirn der Plejaden emporsteigt,
dann beginne die Ernte,
doch pflüge, wenn sie hinabgehen.
Sie sind 40 Nächte und 40 Tage eingehüllt,
doch wenn sie wieder leuchtend erscheinen,
erst dann beginne die Sichel zu wetzen.“ (Hesiod)

Und selbstverständlich fällt mir der französische Spielfilm von 1954 ein, der sehr frei nach den „Geschichten aus 1001 Nacht“ die Geschichte von „Ali Baba und die 40 Räuber“ erzählt, mit Fernandel und Dieter Borsche in den Hauptrollen. Ich werde danach suchen und ihn hoffentlich irgendwo finden. Genau das Richtige jetzt für diese völlig eingeschneiten Tage des Februar.

Der wunderbare Hotfox63 hat grade The Pogues aufgelegt :

„…clouds are drifting across the moon
Cats are prowling on their beat
Spring´s a girl from the street at night
Dirty old town…

... Saw a train set the night on fire
I smelled the spring on the smoky wind
Dirty old town …

Really.

Liebe traurige Kraulquappe, ich grüß Dich von Herzen und umarm Dich aus der fernen Nähe!

 

 

Briefe an die nahe Ferne ( 2 )

Das Wetter ist dramatisch.

Es ist plötzlich warm, viel zu warm, die Vögel flattern hektisch herum, sollen sie denn jetzt schon mit dem Nestbau beginnen? Reges Kommen und Gehen am Futterplatz. Wer holt nachts den Fettknödel, den ich auf den Boden lege, die Eichkatzerln? Ja, da gibt es ein paar schwarze, die zwischendurch herumhüpfen, aber wie transportieren die so einen großen Fettknödel zum Kobel?
Die ganze dunkelblaue Alpenkette bis weit hinein ins Hochgebirge liegt vor mir, der Föhn hat gewaltige Kräfte und schiebt sie immer weiter ins Flachland, dann kommt der Sturm und schleudert sie wieder zurück.

Die Schneeglöckerln stechen ihre Blätter, die noch schützend ihre grünen Arme um die Blüten gelegt haben durch altes Laub und wollen wachsen, die Sonne sehen, größer werden werden, werden ,werden, um zu blühen. Wie immer passiert alles gleichzeitig. Kinder wollen geboren werden und wachsen und an anderer Stelle sitzt eine Tochter am Bett, in dem der Papa liegt und seinem Vergehen entgegenschläft. Ein jegliches hat seine Zeit im Großen Kreis und sie können nichts anderes tun als warten. Irgendwann ist sie reif, die Zeit, und dann erhebt sich die Seele eines Vaters und schwebt hinaus in unbekannte Fernen. Wir werden hineingeboren in die Welt, gehen ein Stück und werden wieder hinausgeschickt. Alle, alle gehen wir den gleichen Weg und durch die Türe hinein und wieder hinaus gehen wir alleine. All – ein.

Ich esse das selbstgemachte Gelee von den Ribisln (Johannisbeeren) aus unserem wilden Garten. Rot wie Blut leuchtet es auf dem Butterbrot und in mir klingt ein kleines Lied, das vor so vielen Jahren die Oma mit mir gesungen hat, über einen jungen Mann, der ein Mädchen liebt, die Haare schwarz wie Ebenholz, Lippen rot wie Blut und eine Haut weiß wie Schnee und immer wenn er ´s anschaut, tut ihm ´s Herzerl gar so weh …

Heute ist der „rußige“ Freitag, so hat man diesen Freitag im Fasching füher genannt. Heute sagt das niemand mehr und man braucht auch, wenn man anderen Menschen begegnet, nichts mehr befürchten … zumindest kriegt man kein schwarzes Gesicht mehr. Früher, vor so vielen Jahren, da hatte jeder ein Stück Kohle aus dem Küchenherd zur Hand und schwupdiwupp hatte man schon einen schwarzen Fahrer im Gesicht oder eine schwarze Nase. Das war natürlich für uns Kinder lustig, wir rannten wie die Wilden herum und es wurde viel und laut gelacht über die schwarzen, ärgerlichen Gesichter, denn der Ruß war nur sehr schwer abzuwischen. Manchmal, wenn ich so über früher nachdenke, frage ich mich, ob das denn alles Wirklichkeit war, oder ob ich mir das nur zusammenphantasiere. Wir hatten kein Geld, das Leben war schwerst belastet und es gab viel Zank und Streit und Not und Elend, aber es wurde eindeutig viel viel mehr gesungen, gepfiffen, musiziert und viel viel mehr gelacht. Und wenn man es daheim nicht ausgehalten hat, konnte man zum Nachbarn gehen, irgendwo sind immer die Alten vor dem Haus gesessen und haben mit den Kindern gescherzt. Heute sitzt niemand mehr auf der Hausbank, außer mir. Ich bin jetzt die Älteste im Dörflein, die alte Nachbarin ist seit ein paar Wochen auch weg, untergebracht im Altenheim, wahrscheinlich stimmts im Kopf nicht mehr so ganz. Das alte Bauernhaus steht jetzt ganz leer da und hat in der Dämmerung keine hellen Fensteraugen mehr. Das Haus ist wie tot und weiß noch gar nicht wie ihm geschieht.

Eine melancholische Stimmung liegt über dem Land, der nächtliche Sturmregen hat sich wieder beruhigt, der Föhn schiebt die Salzburger Steinberge über die (australische!) Grenze bis fast vor unsere Küchentüre, so daß ich über ihre Nähe direkt erschrocken bin beim Rausgehen.

Alles befindet sich noch in einer Art Zwischenwelt, es soll wieder schneien, dann wird der Matsch ums Haus nochmal zu Eis. Vom Fasching ist nichts zu spüren, sollte es irgendwo einen Mummenschanz geben, so findet er hinter verschlossenen Türen statt in den wenigen Wirtshäusern, die es noch gibt. Wie weit sind wir doch entfernt von den Ursprüngen, von da, wo der Fasching mit der Maskera nicht nur zum Austreiben der Wintergeister, sondern auch zur Umkehr der Verhältnisse von oben und unten gedient hat, einmal im Jahr durften alle mal das sein, was sie wollten und die ganze Herr/Sklave Ordnung wurde ad absurdum geführt, im großen Rausch untergehen und durchdrehen im wilden närrischen Chaos für eine Woche vor der Fastenzeit.

Das jährliche uralte Brauchtum des „Aperschnalzens“ wird GottseiDank noch beibehalten. Das „p“ in aper wird in der alten Sprache sehr weich ausgesprochen, ein Buchstabe, den es in der schriftdeutschen Ausgleichssprache nicht gibt, ein Mittelding zwischen b und w. Aper ist ein eigenes Wort und bedeutet, sehr unzulänglich übersetzt soviel wie „von Schnee und Eis befreit“, naja, so ungefähr halt. Das Schnalzen ist eine höchst komplizierte Angelegenheit und es dauert bestimmt Jahre, bis man die Technik kunstfertig beherrscht. Geschnalzt wird mit einer Art Fuhrmannspeitsche, die einen Knall macht, wenn man sie schwingt. Ein durch und durch heidnischer Brauch hier im katholischen Rupertiwinkel, der die Winterdämonen vertreiben soll und: die durch den Knall tief in der Erde schlummernden Samen dran erinnern soll, daß es bald an der Zeit ist, zu keimen. Ich hör sie gerne, wenn die Burschen und inzwischen auch Mädchen in langen Reihen dastehen und sich die Kommandos zurufen. Abends hör ich sie ein paar Kilometer weit, wenn sie üben für die offiziellen Auftritte. Die Auftritte und das Preisschnalzen haben wahrscheinlich diesen geheimnisvoll wunderbaren Brauch vor dem Untergehen gerettet.

 

 

Liebe Kraulquappe, Du tust gerade das Liebevollste, was man für einen Menschen tun kann:  Das kleine große Papamäderl sitzt bei ihm am Bett und wartet mit ihm, bis seine Zeit gekommen ist, und geht mit ihm die gemeinsame Geschichte zurück und vorwärts und zurück und vorwärts bis dahin, wo Du seine Hand loslassen kannst, weil ihm Flügel gewachsen sind  …

Ich zünd bei der Heiligen Frau ein Kerzerl an, für ihn und für Dich und vielleicht werden das manche, die das  jetzt lesen, auch tun, dann wird es ein wenig heller auf dem Weg. Ich grüß Dich herzlich aus dem Bergland in der fernen Nähe.

 

Briefe an die nahe Ferne ( 1 )

La casa degli occhi, der Uluru und das goldene Papavogerl

Bald werde ich sie wieder besuchen, die „Frau Mariana“, wie sie der freundliche Altenpfleger immer nennt. Er hört sich so an, als käme er aus einem östlichen Land, spricht aber so gut deutsch, daß er mir erzählen kann von seiner Großmutter, die wohl auch einen kleinen Bauernhof hatte und ihm als Kind das Mähen mit Sense und Sichel beigebracht hat. Er sieht das Foto von M., auf dem sie als Pächterin mit der Sense auf unserer Wiese steht. Ich sage ihm, daß M. die letzte Bäuerin war, die so kunstvoll und perfekt das Mähen mit der Sense beherrscht hat, es war eine Freude, ihr zuzusehen, wie flink und leicht das Gras zur Seite gefallen ist. Der Pfleger hat nasse Augen, weil er an seine Oma denkt und M. lächelt, aber ob sie alles verstanden hat? Sie sei auch eine so gute Tänzerin im Trachtenverein gewesen, daß sie Preise gewonnen hätte, leider war ihr Mann sehr eifersüchtig, wollte selber nicht tanzen und sie durfte auch nicht mehr. Ich weiß nicht, ob mich der Pfleger oder M. verstanden haben. Ich frage sie, ob sie nicht einen Radio möchte wegen der Musik. Nein, sagt sie energisch, nix mehr mag ich!

Über Weihnachten war sie im Krankenhaus und als ich sie danach im Pflegeheim besucht habe, hat sie mich erstmal nicht erkannt. Das Hören ist schwierig, die Hörgeräte bräuchten neue Batterien, ich unterhalte mich mit ihr schreiend. Zwischendurch scheint sie mich ganz normal zu hören und wir teilen dieselbe Wirklichkeit. Wir reden über die Toten in der Zeitung und darüber, wer alles wieviel Holz gemacht hat und wo die gefällten Bäume lagern. Das Holz interessiert sie sehr, weil sie selber viele Jahre im Wald mitgearbeitet hat.
Dann drängen sich andere Wirklichkeiten ins Bild und  umhüllen uns. Sie erzählt mir von Ausflügen mit Menschen, die schon lange tot sind. Und davon, daß sie jede Nacht in ein anderes Haus gebracht würden zum Schlafen und da wären viele Leute von früher, vor allem Patenkinder ihrer Eltern … nein, sie könne die nicht sehen, aber sie ist sicher, daß alle da sind. Und so geht es weiter und weiter, von Wirklichkeit zu Wirklichkeit und sie erzählt und beschreibt mir alles genau und fragt nach, ob ich ihr das schon auch glaube.

Ja, ich glaube ihr, was wissen wir schon darüber, welche Welten um uns herum sind, die wir nur nicht sehen. Die Demenz schreitet voran, kann man dazu sagen und traurig sein  über den Verlust des Normzustandes. M. scheint nicht unglücklich zu sein, um sie herum weiten sich die Welten und neue Räume scheinen zu entstehen. Ich werde auf diesem Weg nicht wissen, ob sie mich beim nächsten Besuch noch erkennt, aber sie wird mich aus großen Augen ansehen, wie alle, die im Heim wohnen mich ansehen, wenn ich komme. Viele Augenpaare richten sich dahin, wo jemand zur Türe hereinkommt. Und in diesen Augen ist nichts anders als bei allen anderen Augen, egal ob jung oder alt, Verdruß, Traurigkeit Sehnsucht und Enttäuschung, Aufblitzen von Freude oder stumpfsinnige Leere und Mißtrauen oder freundliches Erkennen gibt es überall. Auffallend hier ist, daß so viele Augenpaare in die gleiche Richtung schauen. Ich nenne das Haus nicht gerne Pflegeheim, sondern „La casa degli occhi“:   Das Haus der Augen.

Das Altwerden ist nichts für Feiglinge ist ein blöder Spruch, weil’s ja nichts hilft, auch Feiglinge werden alt, wenn sie nicht vorher sterben. Als gestern in einer Arztpraxis ein alter Mann gefragt wird nach seinen Beschwerden und schlecht hört und eingeschüchtert ist und nicht so recht weiß, wie ihm geschieht und warum er da ist, da steh ich daneben und zeige brillenlos erst die Kontokarte, dann den Ausweis her, bevor ich endlich die richtige  Karte finde. Heute erscheine ich zu einem falschen Zeitpunkt bei der Zahnärztin und behaupte, auf dem Zettel stünde … nein, leider nicht, daheim seh ich es …  meine Güte, die Jahre fliegen mir um die Ohren und weg sind sie. Grad noch war ich doch 43, jetzt bin ich 73, das Gebein tut mir weh, das hab ich wohl von der Oma, die sagte auch immer: Achachach, das ganze Gripp (Gerippe) tut mir weh. Trotzalledem tanze ich gerne Samba und alles mögliche und hüpfe unqualifiziert in der Gegend herum nach möglichst lauter Musik. Schad, daß es kaum MittänzerInnen gibt!

Vor paar Tagen lese ich im Großen Netz eine Beschreibung über unser angeblich so wunderschönes Bayernland und da steht wortwörtlich:
„Der Königssee, ein See nahe der deutsch-australischen Grenze im Landkreis Berchtesgadener Land gilt als der tiefste und sauberste See Deutschlands.“
Jetzt ist mir bloß nicht klar, sind wir mit unserem bei Föhn rotleuchtenden Untersberg drent oder herent … herüben oder drüben oder ganz woanders?

Die Wölfe sollen jetzt zum Abschuß freigegeben werden, weil sie jährlich ein paar Schafe reissen … das geht gar nicht, hunderttausende Lämmer, die jetzt bald an Ostern vom Metzger zerrissen werden für den Kochtopf … das ist ganz was anderes, gell.

Den Christbaumspitz, das singende goldene Vogerl, das der Papa noch geschmiedet hat, hab ich jetzt auch weggeräumt. Letztes Weihnachten hatten wir endlich mal einen Baum, dessen Spitze so stabil war, daß sie das schwere Schmiedeeisen ausgehalten hat … naja … ein bisserl hat sie sich verbogen … wirklich nur ein bisserl.

Sag ihm bitte, ich laß ihn ganz lieb aus dem australischen Bergland grüßen, Deinen Papa, meinen grüß ich auch, zum Himmel hinauf.

So, der Anfang ist gemacht, ich freu mich sehr, liebe Kraulquappe, wenn Du am Freitag, dem 13. dazu kommst, dann schreiben wir wieder gemeinsam weiter!

Einstweilen liebe Grüße aus der fernen Nähe!

 

Die Schwelle

Der eine Bussard sitzt auf dem Ortsschild vom Weiler: „Grübeln“, der andere ein paar Meter weiter auf einem Strauch, noch einer auf einem Pfosten neben der Straße.
Ein Storch geht im Storchengang über eine schneebedeckte Wiese, die Welt ist durcheinander und stimmt mit den Instinkten der Tiere nicht mehr überein, wo soll er Frösche finden, es ist Winter, warum ist er denn so früh schon wieder da, oder war er gar nicht weggeflogen?

Den wunderschönen Baum, der mit weit ausgebreiteten Ästen als Solitär neben der Straße direkt am Kreisverkehr stand, den ein Autofahrer ausgewählt hatte, um sich daran totzufahren, der ist weg. Sie haben ihn ganz weit unten an seinen Wurzeln abgeschnitten, daran kann sich niemand mehr totfahren. An dieser Straße steht jetzt vorsichtshalber über 10 km weit kein Baum mehr.
Früher haben wir, wenn wir mit dem großen Holzziehschlitten über den eisigen Hohlweg und anschließend über die steile Straße neben dem vereisten Bach durchs Dorf gesaust sind, was bei meiner Mutter zu Tobsuchtsanfällen führte wegen der Lebensgefahr, in der wir schwebten, da haben wir immer geschrien: „Aus der Bahn, aus der Bahn, hinten hängt der Teufel dran!“

Vor paar Tagen war Mariä Lichtmeß. Am Vorabend vor vielen Jahren sind wir auf dem nackten Holzboden der Stube gekniet und haben den Rosenkranz gebetet. Auf dem Tisch waren die bunten Lichtmeßkerzen auf einem Brett mit Wachs aufgeklebt, sie brannten genauso lang wie das Gebet dauerte. Als mein Großvater, den mein Vater sehr geliebt hat, gestorben war, hörte das Rosenkranzbeten schlagartig auf, aber meine Oma hat die kleinen Kerzen trotzdem angezündet. Seit Jahrzehnten wird dieser Brauch nicht mehr gepflegt, auch das Segnen des Kerzenvorrats für das ganze Jahr an Lichtmeß hat keine Bedeutung mehr. Eigentlich schade, es geht immer ein Stückerl Kultur verloren, wenn diese Haltepunkte in einem Jahr, die Zeichen am Weg sozusagen, verschwinden. Bei den Bauern waren um Lichtmeß herum die sogenannten „Schlankeltage“. Man hat zu diesem Termin die Dienststelle als Magd oder Knecht gewechselt, man hat „geschlankelt“. Und alle Frauen im Haus haben (außer bei großer Armut oder Geiz) einen Wachsstock bekommen für das „Aufbetten“, das heißt fürs Bettmachen der Männer das ganze Jahr über. Die besonders schönen Wachsstöcke standen dann in der Vitrine, nur die ganz einfachen wurden angezündet.

Die Weihnachtszeit ist jetzt vorbei, wie auch das alte Bauernjahr, der Jahreslohn ist ausbezahlt, man bleibt da, wo man ist oder wechselt die Dienststelle. Der Wassermann trägt das Wasser des Lebens in die schwindelnden Höhen des Olymps zu den Gottheiten hinauf, um sie unsterblich zu machen.
Und er kommt wieder und ist voller Visionen für eine bessere Welt, allem Neuen voran steht die Vision.

Die Kraulquappe und ich sind weit voneinander weggegangen, so lange und so weit, bis wir uns fremd genug waren, um zu spüren, wie nah wir uns sind. Und jetzt  planen wir, uns Blog-Briefe zu schicken und wieder parallel zu schreiben. Angedacht ist, diesen alten Zeitpunkt für das Beginnen unserer gemeinsamen Arbeit zu wählen und zu schlankeln …  von Lichtmeß zu Lichtmeß, vorerst mal immer am Freitag. Wir würden dann aus einer fernen Nähe an eine nahe Ferne schreiben …

Vor Beginn dieser neuen Arbeit sitze ich mit der alten Brigid, der Göttin des beginnenden Lichts, des Feuers und vor allem der Beschützerin meines Lieblingsortes, der Schwelle genau dort, wo ja auch mein Blog angesiedelt ist: Zwischen Himmel und Erde. Schwarz ist das unendliche All, aber überall flackern kleine Feuerflammen auf, auch auf den Tee- mit- Rum- Gläsern, die wir halten, tänzeln sie . Da sitzt sie neben mir, die Göttin mit dem neuen Licht.Sie lächelt mich an, während wir durchs All schaukeln und dann nimmt sie plötzlich meinen schweren Sorgensack und leert ihn aus, einfach so, und die Sorgen werden zu kleinen Kristallen, die im Licht ihres Sternenmantels funkeln und dann breitet sie ihren Transformator-Mantel um mich und ich werde ganz hell, wir lachen beschwipst und der Mond muß auch so lachen, daß sein dicker Bauch hin und her wackelt. Wir lachen über den ganzen Wahnsinn des Lebens und des Sterbens, die Göttin, der Mond und ich, und , daß es sehr von Vorteil ist, ein wenig verrückt zu sein. Die Schwelle ist ein guter Ort dafür.

In Amerika hat sich nach schrecklichen Morden einer hingesetzt und ein Lied geschrieben und dann stellt er sich auf die Bühne. Er steht da, ein aufrechter Mann mit altem Körper und dem leidenschaftlichen jungen rebellischen Glanz in den Augen und er singt nicht nur, sondern wirft sich mit seiner Seele und seinem ganzen Leben, seinen Depressionen, seiner kranken Frau und der Verzweiflung über das, was in seinem Land passiert, dem Publikum vor die Füße. Da steht er, nackt und bloß, so wie er angefangen hat, ein Mann und seine Gitarre. Ja, selbstverständlich weine ich, wenn ich sein Lied höre, was sonst; und zornig und rebellisch singt er an gegen Mord und Mißstände und die Verzweiflung, nichts ändern zu können und an die Musik zu glauben und an das Gute, trotzalledem

Bruce Springsteen

„Streets of Minneapolis: …We`ll take our stand for this land
And the stranger in our midst …“

Ich verneige mich vor einem mutigen Mann und großen Musiker.