Kategorie-Archiv: Allgemein

Domainumzug Graugans

An alle Menschen, die mich zwischen Himmel und Erde besuchen!

Ab sofort ist die Graugans unter eigener Domain erreichbar:

https://www.graugans.org

Die bisherige Adresse (www.helminger-projekte.com/Graugans) ist derzeit auf die neue Adresse umgeleitet. Ich bitte Euch, die neue Adresse in Euren Linklisten zu aktualisieren, da die alte Adresse zum Ende des Jahres nicht mehr abrufbar sein wird.

Beim Umzug sind zu meinem allergrößten Bedauern die bisherigen Likes verschwunden.

Die neue Likefunktion wird demnächst wieder verfügbar sein und ich hoffe so sehr, daß Ihr mir dann auch wieder Eure Lichtzeichen schickt!

Bitte ändert auch in den Blogrolls, in denen ich freundlicherweise vorkommen darf, meine Adresse!

 

Viele liebe Grüße und bleibt mir bitte auch weiterhin gewogen!

Hedschebetsche

Ein wildes Geflatter, Tirillieren und Tschilpgesänge in den Obstbäumen heute , die Krammetsvögel sind also auch schon da … kleine schwarze Federwesen, ich glaube, es sind Drosseln, picken hoch oben das heraus, was von den ca. 20 Zentnern Obst noch an den Ästen hängt. Alle Katzen hocken unten und sehen in eine Richtung, im Blick förmlich die Sehnsucht nach zarten Vogelbrüstchen …

Die wilden Rosen bilden Tore, untereinander und zu allem, was sonst noch wächst und so lang an einem Fleck stehenbleibt, bis eine Ranke sich herumschlingen kann. Wer oder was soll hindurchschreiten oder sind es Brücken, damit eines das andere berühren kann? Die Hagebutten färben sich heftig mit obszönem Rot und bringen das Blut in Wallung bevor es der langen Dunkelheit entgegengeht. Rot, prall und hart mit schwarzen Kappen recken sie sich aus den stacheligen Zweigen. Im nahen Österreich heißen sie mancherorts „Hetschebetschen“. Auf unserer Seite der Grenze gibt es diesen Namen nicht, aber als Kinder sagten wir oft „hetschibetschi“, wenn wir schadenfroh waren, dabei rieben wir die Zeigefinger verkreuzt aneinander..

Viele Jahre ist es her, da fuhr immer um diese Zeit eine sehr kleine Frau mit einem großen Rad frühmorgens bei uns vorbei in Richtung Hügel. Sie ging hinauf zu den Hecken und pflückte den ganzen Tag Hagebutten. Man mußte ganz nah hingehen, um sie überhaupt zu sehen, sie war so verschmolzen mit den Büschen als wäre sie einer von ihnen. Auf die Frage, warum sie nie von den scharfen Dornen zerkratzt würde, gab sie eine geheimnisvolle Antwort … ich erinnere mich nur noch daran, daß es wohl mit der Haltung zu tun hatte, mit der man sich so einem Dornenstrauch nähern dürfte. Gesagt hat sie ansonsten nicht viel, nur, daß der Wein solang in den Ballons bleiben müsse, bis die Hagebutten dreimal auf- und dreimal abgestiegen seien, erst dann wäre er reif und man könne ihn trinken. Am Abend fuhr sie wieder bei uns vorbei, beladen vorne und hinten mit vollen Taschen und am Buckel einen großen Rucksack. Sie kam immer ein paar Tage hintereinander und das jahrelang. Irgendwann kam sie nicht mehr.

Eine, die ich kannte, ist gestorben. Ihr Bruder entsorgt den Nachlaß und verschenkt das Meiste, um es nicht in den Container werfen zu müssen. Ich komme in die Wohnung, als nur noch die Bücher übrig sind. Einige tausend stehen da, keiner will sie, nur mühsam leeren sich die Regale. Während der abgestorbene Leib von M. im Kühlschrank des Beerdigungsinstitutes auf die Einäscherung wartet, gehe ich in ihrer Wohnung an den Regalen entlang durch ein ganzes Leben. Ich nehme Schachteln mit leeren Postkarten mit und Briefpapier, viele Bücher und etliches, was sonst niemand will, nur damit es nicht weggeworfen wird, Marionetten, Kerzen etc. nichts Persönliches, keine Fotos oder Tagebücher, die Wohnung ist geputzt und aufgeräumt, nichts mehr erinnert direkt an M. und trotzdem überflutet mich beim Durchsehen der Bücher plötzlich eine Welle von Schamgefühl, als hätte ich unberechtigt die Tür geöffnet zu einem Raum, dem intimsten, den ein Mensch nur haben kann: die grenzenlose Einsamkeit.

Sehr warm ist es tagsüber, aber am Abend kommen schon die Nebelschwaden von Osten her in das Tal und bald werden sie ein Meer bilden.

Der Sommer ist vorbei und der Herbst ist gekommen. Waage geht über das Land und prüft, was zu leicht, was zu schwer, was es wert ist, in die dunkle Zeit mitgenommen zu werden und was wir besser zurücklassen sollten.

Das Leben ändert ständig seine Richtung und stellt sich immer mehr als eine nie endende Abfolge von Verlusten dar, eine ewige Übung, loszulassen … alles … und das Geheimnis: nur das, was wir verabschieden, können wir auch wieder begrüßen. Und manchmal ist auch Wehmut angesagt, finde ich, die gehört einfach auch zum Leben.

Die Riederinger Sänger, die diesen magischen und uralten Männerviergesang so beherrschten, daß es mir durch und durch geht, die gibt es in dieser Formation leider nicht mehr, aber das wie ich meine, allerschönste ihrer Lieder, das habe ich jetzt wieder gefunden, nachdem es jahrelang verschwunden war. Diese Art zu singen, in der Tradition der Alpenländer, hat ganz alte Wurzeln. Man muß nicht unbedingt „schamanisch“ dazu sagen, wie es jetzt modern ist, um zu erklären, daß es selbstverständlich schon in vorchristlicher Zeit Gesänge gab, die dazu dienten, sich mit guten Kräften zu verbünden und gegen die Angst anzusingen.

Versuch, zu „übersetzen“, was nicht zu übersetzen geht:

Der Sommer ist hinausgegangen
ich muß hinunter ins Tal,
Pfiati Gott (adjeu) meine liebe Alm (Sommerweide im Gebirge)
Pfiati Gott tausend Mal
schön still ist´s schon geworden, ja
kein Vogerl singt mehr, ja
und es weht schon der Schneewind
vom Wetterstein her (Hochgebirgsmassiv in den Alpen)

So hart, wie´s heut´für mich ist, ist es noch nie gewesen,
ganz so, als sollt ich meine Alm heut zum letzten Mal sehn
und müsst ich gar bald
schon zur Erd und zur Ruh, ja
dann deckt mich mit Felssteinen und Almblümerl zu, ja
dann deckt mich mit Felssteinen und Almblümerl zu.

 

Und dann kommt der Jodler, der mit dieser Magie des Hinauf- und hinübersingens die Verbindung herstellt zu einer anderen Welt für die, die gegangen sind.

 

Graugans & DSGVO

Pünktlich mit Inkrafttreten der DSGVO am 25. Mai 2018 wird es auf der Graugans einige Änderungen geben. Dazu an dieser Stelle ein paar Erläuterungen:

Die »Graugans« ist ein »selbstgehosteter Weblog« – alle Blogs auf wordpress.com sind Teil eines gemeinsamen Social Networks …

Der Vorteil unserer WordPress-Variante ist eine im Wesentlichen Unabhängigkeit von  Konzernen. WordPress ist eine kostlose Software, die von der Firma Automattic bzw. durch den WordPress-Erfinder Matt Mullenweg kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Der Quellcode ist frei zugänglich, wodurch jeder Entwickler WordPress weiterentwickeln kann – die Weiterentwicklungen sollen jedoch wieder allen zur Verfügung gestellt werden. Was man für diese Variante benötigt, ist ein eigener Webserver und zumindest rudimentäres Know-How wie man WordPress installiert und später auch wartet. Das, was man installiert, ist letzten Endes eine ganz normale konventionelle Website – lediglich mit der Sonderfunktion der Datum-gesteuerten Artikelorganisation. Was nicht dabei ist, sind sog. SocialNetwork-Funktionen wie »Likes« und »Network-Benachrichtigungen«.

Womit verdient WordPress/Automattic sein Geld?

Das ist schnell erklärt: Automattic verfügt über große Serverkapazitäten und bietet die Möglichkeit kostenlose (einfache) WordPress-Seiten aufzusetzen. Mit dabei sind SocialNetwerk-Funktionen … ein Reader, Likes, etc. Das macht die Sache interessant, ist aber unter dem Aspekt des Datenschutzes teilweise problematisch. Über die Jahre entstand eine sehr große Community. Nichts ist aber umsonst – die Bezahlung sind die diversen Werbeeinschaltungen. Die bringen echtes Geld. Darüber hinaus wohl auch das Wissen über das Verhalten der vielen User – Stichwort »Datamining«. Zusätzlich gibt es dann noch Premium-Dienste für Business-Kunden…

Wie sieht die Verbindung zwischen der Welt der WordPress-Community und der Graugans aus?

Dazu gibt es das Jetpack-Zusatzpaket (»Widget«): Jetpack stellt die Grundfunktionen aus dem Social-Network wordpress.com auch für selbstgehostete Webseiten wie die der Graugans zur Verfügung. Nur dadurch gibt es die Funktion des »Gefällt mir« oder der E-Mail-Follower oder Gravatar auch für die Graugans. Jetpack ist sozusagen ein Hintertürchen in die WordPress.com-Welt, die des WordPress-Social-Networks.

Was für ein Problem gibt es jetzt durch die DSGVO ab dem 25. Mai?

Die DSGVO regelt jetzt erstmalig den Umgang mit personenbezogenen Daten von Grund auf. Das war schon längst überfällig. Bis 25. Mai bauen wir daher die Graugans so um, dass dieser Weblog komplett DSGVO-konform ist. Ein Impressum und eine Datenschutzerklärung wurde schon hinzugefügt, ebenso einige technische Änderungen »unter der Haube«.

Im Kern der DSGVO steht, dass von WebsitebesucherInnen ein Einverständnis eingeholt werden muß, wenn personenbezogene Daten erhoben bzw. weiterverarbeitet werden. Jetpack/wordpress.com generiert aber personenbezogene Daten, ohne dass diese wichtige Einverständnisfrage überhaupt gestellt werden kann. Der Websitebesucher kann nicht vorher gefragt werden. Deswegen ist das Jetpack-Widget in weiten Teilen nicht DSGVO-konform und wird daher auf der Graugans zum 25. Mai abgeschaltet. Dieser Schritt fällt nicht leicht, weil dadurch für das Blogging wichtige Funktionen wie z.B. die Likes und Informationen, wer aus »Bloghausen« schon da war, ebenfalls verschwinden und natürlich auch die automatische Information über neue Artikel. Die Social-Network-Funktionen fehlen daher zukünftig auf der Graugans. Die Graugans hofft aber, dass trotzdem geschätzte LeserInnen auch zukünftig vorbeischauen. Wir haben deswegen als (schwachen) Ersatz die Möglichkeit eines Browser-gestützten RSS-Feeds integriert.

Wie wird’s weitergehen?

Die DSGVO war notwendig. Jetzt stellen sich (teilweise viel zu spät) alle Akteure auf die neue Situation ein und erarbeiten Strategien, wie man mit der neuen Situation umgeht. In ein bis zwei Monaten wird es dann sicher auch ein neues DSGVO-Jetpack-Widget geben, das die jetzigen Probleme behebt. Dann sind wir wieder im Boot.

Nur ein abschließender Gedanke: Nicht die DSGVO ist das Problem, sondern der nicht transparente Umgang mit personenbezogenen Daten, die von vielen Anbietern wie wordpress.com gepflegt wurde – und: Ein mangeldes Bewußtsein zum Thema Datenschutz. Ich erinnere mich noch … in den 80er Jahren bin ich wegen der damaligen Volkszählung auf die Straße gegangen … heute sage ich »lächerlich« … und gebe freiwillig bei weitem mehr Daten von mir in der Öffentlichkeit Preis als damals in der Volkszählung abgefragt wurden!

Ein weiterer Aspekt: Ich kann nur den Schutz von meinen persönlichen Daten von großen Plattformen wie z.B. Amazon und Facebook fordern, wenn ich selbst in meinem Umfeld bereit bin, die Daten anderer zu achten und Wert zu schätzen!

Ein Gastkommentar von Herrn Graugans.

„A kloans Gankerl mit kohlschwarze Augn…“

Ja, ich gestehe, ich wollt mir mit dem „Kasermandl“ einen kleinen Jux machen! Aber nichtsdestotrotz handelt das Tiroler Lied von mächtigen Almgeistern, den Kasermandln/-weibln, einer Art Kobolde aus dem Gefolge einer uralten Göttin der Alpen. Die Alten wussten, wenn man sich mit den Kasermandln gut stellte, dann hatte man fleissige Helferwesen, aber wehe, wenn man sich einen Spaß mit ihnen erlaubte, dann wurde die Milch sauer oder noch Schlimmeres passierte. Heut glaubt natürlich niemand mehr an Kobolde und was uns neckt, aber auch schützt und uns hilft…merkwürdig ist aber doch, daß wir so viele Workshops machen mit selbsternannten Schamanen, bei denen wir mühsam lernen, unsere Krafttiere und Helferwesen zu finden und wir holen uns aus fernen Ländern Ritualgesänge, um auf Weltenwanderung zu gehen…aus so starker Sehnsucht  nach einer Art Seelenheimat. Womöglich brauchen wir gar nicht so weit herumfahren, wir tragen die alten Kultgesänge ja in uns, ein Jodler oder Jauchzer dringt weit über unsere vorstellbare Welt hinaus bis hin zu den Großen Mysterien und wer weiß schon, was alles auch heut noch „hinter´m Eisenpfanndl“ wohnt, nicht wahr?

Der Mond rundet sich, bald ist er voll und dann jodeln und jauchzen wir, was es das Zeug hält, gell!

Bis dahin zur  Einstimmung für alle und zum 60. Geburtstag meiner Freundin Loiserle, die ich so liebe, wenn sie in ihrer alten Tiroler Sprache sagt, daß sie aus Oschttirol kommt, Krankenschweschter ist und sich auch noch mit der Kunscht herumplagt, die Gschicht von den Kasermandln:

Juchizn!

Am 15. April, am nächsten Dienstag also, ist Vollmond.

Zu diesem Zeitpunkt  soll angeblich die Göttin Ostara gekommen sein, um der Erde die Fruchtbarkeit zu schenken. Diese ganzen germanischen Götinnen sind relativ umstritten, ich halte mich da am liebsten an unsere alte Frau Percht, die als Wintergöttin am Dreikönigstag in die Berge verschwunden ist. Jetzt an Ostern kommt sie als ihre eigene Tochter, als strahlende junge Frau herab und wirft ihren weiten Blumenmantel über das Land.Und wir, mitten in der Karwoche, der Leidensmann macht uns vor, wie wir unser Kreuz schleppen sollen, damit wir den Tod überwinden und zur Auferstehung gelangen können, wir sollen im Vollmondschein tanzen und singen? Geht das? Ja, das geht, trotzdem! Ja, das geht gleichzeitig. Wir laufen einfach alle in die Vollmondnacht hinaus, auf eine Lichtung im Wald oder sonstwohin und SIE, Ostara, Holla, Astarte, Eurora oder wie wir SIE auch nennen wollen, wird da sein und mit uns jauchzen! Das ist nämlich ein uraltes Geheimnis: Das Jauchzen macht das Herz leicht, das wussten die Alten schon und deshalb wurde gejodelt und gejuchizt im Alpenraum und bei den Samen im hohen Norden wurde gejoikt. Denn, wenn wir einen lauten Juchizer tun, dann fallen die Kreuze und die Sorgensäcke ganz von alleine von den Schultern und der Rücken kann sich aufrichten. Und der Zauber dieser Vollmondnacht bewirkt außerdem, daß uns unsere Lasten ganz leicht werden, denn während des Jodelns und Jauchzens haben die alten Helferwesen, Kasermandl und alle möglichen Trolle und Elfenwesen aus dem Gefolge die Sorgen bereits bearbeitet, Mus daraus gekocht oder sie auf Silberfäden durch die Luft schweben lassen.

Laßt uns doch alle hinauslaufen, es könnte wirklich eine Zaubernacht werden, Venus tanzt durch das Fischezeichen. Laßt uns ein silbernes Mondscheinnetz bilden, wo auch immer, laßt uns den Frühling, die Göttin in uns aus Lust und Liebe zum Leben und trotz irgendwelcher Erschwernisse feiern, laßt es uns einfach tun! Das wär doch so schön, zu wissen, daß viele von uns zum selben Zeitpunkt irgendwo zum Mond aufschauen und singen, jodeln, jauchzen, lachen, tanzen, welch eine Freude! Ich weiß leider nicht, wann genau der Mond aufgeht.

Der gemeinsame Termin wär vielleicht so um 20 Uhr, gell!

Heimat?

Der weise alte George Tabori hat mal gesagt: „Das, worauf es ankommt, ist die Authentizität der Gefühle“.

Es hat mich wohl deshalb gestern nochmal in mein Lieblingskino in Trostberg gezogen, wo ich mir zum dritten Mal den „Mittsommernachtstango“ angesehen habe, und wenn er noch länger laufen würde, dann sähe ich ihn wohl noch zehn Mal. Die ProtagonistInnen tun das, was sie tun, weil sie das sind, was sie tun, und ich glaube es ihnen. Der Film läuft auf eine Schlußszene hin, alle Musiker versammeln sich am See, und in das Licht der untergehenden Sonne singt der junggebliebene Reijo Taipale sein „Satumaa“ und alle begleiten ihn dabei. Das ist so rührend schön und hat so gar nichts von Kitsch, denn das melancholische Lied handelt von diesem Märchenland, nach dem wir uns alle sehnen, eine Art Heimat, die nur im Taum existiert und nur in Gedanken können wir hinfliegen. Reijo Taipale sagt, er hätte dieses Märchenland sicher schon 8000 Mal besungen, aber leider habe er es auch noch nicht gefunden bis jetzt. Angeblich hat die Tradition des Tangotanzens begonnen, als Teile der finnischen Heimat unter russischer Besatzung standen und es den Menschen wohl so schlecht ging, daß sie sich mit dieser Musik in eine andere Heimat träumten, um zu überleben.

Beim Heimfahren durch die stockfinstere Nacht, die Melancholie dieser Musik in den Ohren, ein Gefühl zwischen Weinen und Lachen, eine schwebende Leichtigkeit, die aber schmerzt in ihrer großen Sehnsucht nach…ja nach was eigentlich?

Wenn es stimmt, was ich lange schon vermute, daß uns in den Geschichten nicht wirklich das anzieht, was andere erleben, sondern das, was wir dabei über uns selbst erfahren…ja dann hat dieser Tango mit einem Schmerz in meiner Seele zu tun. Ich fahre durch die oberbayrische Hügellandschaft, bin weder Finnin noch Argentinierin, hier ist meine Heimat, oder wohin sollte ich sonst gehören? Warum spüre ich davon so wenig, warum bin ich eigentlich so wenig „beheimatet“?

Mit diesen Gedanken gleite ich immer tiefer in die Nacht, die Strassen werden immer schmaler und holpriger, ich weiß nicht mehr wo ich bin, habe mich total verfahren und stehe plötzlich vor einer kleinen Kirche, die ich bei Tageslicht lang nicht gefunden habe, so versteckt liegt sie zwischen Hügeln verborgen. Jetzt steht sie vor mir: St. Margareta, deren Spur ich schon lange verfolge, da sie einen Wurm bei sich hat, einen Drachen, von dem man sagt, er sei älter als die Welt.

Den Tango im Ohr bin ich jetzt an diesem Drachenort gelandet…was das wohl bedeutet?

 

Satumaa…Märchenland

Ein kleines Meisterwerk habe ich gestern im Kino gesehen: „Mittsommernachtstango“! In diesem Roadmovie machen sich ein paar argentinische Musikanten auf den Weg nach Finnland, um die ungeheuerliche Behauptung zu widerlegen, der Tango sei ursprünglich in Finnland entstanden und dann erst nach Argentinien gelangt! Sie fahren mit einem alten klapprigen Auto durch dieses weite Land, treffen hier und dort auf Musiker , die heißblütigen, redseligen Südamerikaner begegnen schwerblütigen, schweigsamen Finnen, hocken fröstelnd vor der Sauna, staunen, wie anders alles ist und erkennen, daß auch der Tango sich den Verhältnissen angepasst hat. Aber letztendlich ist es der gleiche Tango und über allem schwebt die Melodie des wohl berühmtesten aller finnischen Tangos: „Satumaa“ und alle spüren, daß die Sehnsucht nach dem Märchenland, das Glück  und das Leid, die Hoffnung und die Vergänglichkeit bei allen gleich ist, egal ob Süd oder Nord. Und durch den ganzen Film diese wunderbaren Tangovariationen, zum Seufzen und zum Lächeln unter Tränen schön! Ich werde unbedingt nochmal reingehen, könnt süchtig werden danach!

Schade, daß wir so gar keine Tangokultur haben, ich wär gleich dabei, das zu tanzen, was nicht so leicht gesagt werden kann…

Das folgende „Satumaa“, gesungen von Reijo Taipale ist aus einem Film vom wunderbaren Aki Kaurismäki, ich glaube es ist „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“

Sprechen

„(…) Gespräche, in denen man selbst etwas produziert,

was man zuvor noch nicht wusste

und nicht nur Gerede,

bei dem man routiniert auf „vorrätiges“ zurückgreift.“

 

von Jörg Magenau aus seiner Besprechung des Berliner Journals von Max Frisch

 

Eine wunderbare Bloggerin hat diese kongenialen Worte vor dem Verschwinden im großen Berg der „gestrigen Zeitungen“ gerettet, gottlob! Ja, diese Sehnsucht nach diesen Gesprächen verfolgt mich mein Leben lang. Während des Sprechens zu erleben, wie sich Gedanken aussprechen lassen, von denen man vor einer Minute noch nicht wusste, daß sie überhaupt existieren und dann auch noch von einem Interessierten Gegenüber freudig entgegengenommen werden!

Welch ein Glück…selten widerfährt es…und doch…noch gebe ich die Hoffnung nicht auf!

Ein Mönch in Marseille…

Bei Wachsamkeit kann man manchmal auf geheimnisvollen Wegen Hinweise bekommen wie der Weg weitergehen könnte zum Umgang mit schier unlösbaren Rätseln. Heute Nacht war ich wach und sah staunend den Film „Ein Mönch in Marseille“ (kann auf ARTE noch bis 23.03. angesehen werden) – ein buddhistischer Mönch schreitet langsamen Schrittes durch das lebendige Menschengewimmel der Stadt Marseille. Er nimmt mit keinem Menschen Kontakt auf, das Miteinander besteht aus dem gemeinsamen Atmen der gleichen Luft…

Kaum erträgliches Zerdehnen der Zeit führt in absolute Auflösung der Zeit und dann zu der Frage: „Was ist, wenn nichts mehr ist?“ – eine meiner Lebensaufgaben.

Sensible Gemüter seien gewarnt, denn wenn man sich einläßt auf diesen Film, kann man eine Art von Leere erfahren, deren begleitende Angst erst mal durchschritten werden muß, erst dann könnten Begrenzungen wegfallen. Eine Reise ins Nichts inmitten einer Welt von Allem.

Ich bin in die Nacht hinaus geflüchtet, habe mich im Vollmondlicht gebadet und mir lange von stacheligen Fingern der freistehenden Fichte den wirren Kopf massieren lassen.

„Wie einen Stern, eine Luftspiegelung, eine Butterlampe,

wie Illusion, Tautropfen, Luftblasen im Wasser,

wie einen Traum, einen Blitz, eine Wolke,

so sieh alles an was zusammengesetzt ist“

Tsai Ming-Liang

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