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Land in Sicht?

Noch kurz vor seinem Tod hat Günther Grass –  (er möge in Glückseligkeit in der ewigen Heimat wohnen!) – für Aufruhr in den Medien gesorgt, nur weil er sagte, daß schon einmal jeder Haushalt Flüchtlinge aufnehmen musste hierzulande, und es sei auch gegangen. Ausgelegt wurde es ihm dann, als hätte er gesagt, daß es eine Verpflichtung zur Aufnahme geben müsse – heute! Ja, da haben sich dann alle aufgeregt…ja, natürlich sind wir wieder mal sehr „betroffen“ über die ertrunkenen Flüchtlinge, ja, das tut uns natürlich sehr leid…und? Was weiter? Wessen Problem ist das? Und was sollen wir tun dagegen? Ich frage mich schon, warum eigentlich darüber kein Shitstorm ausbricht, warum rennen jetzt nicht Hunderttausende auf die Straße und schreien ganz laut? Warum fahren wir nicht mit unseren teuren Autos an die Küsten und sammeln sie ein, diese Ärmsten der Armen? Ja, allen tut es so leid, aber was ist denn die Konsequenz? Ich glaube, wir müssen sie kommen lassen, ja, alle! Alle, die es in ihrer Heimat nicht mehr aushalten und ich bin mir sicher, wenn diese Entscheidung getroffen ist, dann werden die Menschen nicht mehr armselig auf dem Meer verrecken. Ja, ich höre sie schon alle, wie sie von denen reden, die angeblich nur wegen unserer sozialen Leistungen kommen täten und weil es angeblich bei uns ein Schlaraffenland gibt! Meint Ihr denn, die Menschen geben alles auf, verlassen ihre Heimat, wissend, daß die Chance, halbwegs lebend an irgendein Ufer zu kommen verschwindend gering ist, nur, weil sie bei uns krankenversichert sind oder was? Diese EU, unsere reichsten Länder der Erde, versucht alles, um die Grenzen abzuriegeln und das Elend draussen zu lassen…aber es wird trotzdem angeschwemmt. Wir wollen nicht akzeptieren, daß es längst eine Völkerwanderung gibt, nicht die erste und nicht die letzte. Es kann monatelang in Arbeitskreisen, Gremien und was weiß ich alles gequatscht werden, Ursachenforschung betrieben und Analysen in jeder Richtung, TalkTalkTalk über alles…letztendlich, um dieser himmelschreienden Schweinerei von Schleusern und Konsorten, die alle auch noch viel Geld verdienen am Elend der dann doch krepierenden Menschen im Meer ein Ende zu bereiten, werden wir sagen müssen: wir nehmen Euch auf! Alle!

Ja, es wird große Probleme geben, ja, die Not , Traumatisierung, Heimatlosigkeit werden die Menschen nicht edler machen, ja, wir werden Menschen aufnehmen, die kriminelle Handlungen begehen, ja, wir werden uns voreinander fürchten, die einen vor der schwarzen Haut und schwarzen Augen und die anderen vor weißer Haut und blauen Augen und ganz sicher werden wir pro Haushalt irgendwann kein Geld mehr kriegen, um die Flüchtlinge unterzubringen und zu verköstigen, denn, wenn einmal die wirklich großen Massen kommen, dann wird es vielleicht sogar bei uns knapper mit dem Geld…aber wenn ich mich auf dem Parkplatz beim A… umschaue, wo mein Auto immer das mit Abstand kleinste ist, und ich mir oft denke: der vor mir geparkte Wagen, der wäre ein neues Hausdach und dann könnten wir auch noch dies und das reparieren am Haus…wenn ich dann die Wägen vor und hinter mir noch dazu täte, dann hätten wir eine Heizung und könnten sogar noch den Keller trockenlegen lassen…also, wenn pro Haushalt nur noch ein Auto da wäre, dann würde in vielen Fällen auch eine 30qm große, beheizte Garage frei und da könnten wir schon unendlich viele Flüchtlinge jahrelang beherbergen und verköstigen, nicht wahr?

Ich verdanke mein Leben einem sogenannten „Flüchtlingsweib“, wie man sie damals (und heute!) nannte. Meine Mutter hatte es noch relativ gut, wenn man ihr Schicksal vergleicht mit denen im Meer, wurde sie doch „nur“ mit unzähligen anderen sogenannten „Vertriebenen“ in Viehwaggons gepfercht und ins Nirgendwo hingekarrt unter Bedingungen und mit Erlebnissen, die sich lebenslang eingebrannt hatten…irgendwann gestrandet bei einem Bauern, der sie gezwungenermaßen aufnehmen und verköstigen musste. Dort wurde sie von meinem Vater entdeckt, der sich unsterblich verliebte in sie, die so anders war, und der sie dort herausheiratete und zu sich in ihre neue, zweifelhafte Heimat holte. Bald darauf kamen noch weitere Flüchtlinge, die unserem Haus zugeteilt wurden. Und so hauste man miteinander, in ziemlicher Armut und ohne Glücksgarantie. Ja, aber es ging auch irgendwie. Was ist das, „Heimat“? Das frage ich mich mehr denn je! Ist es nicht dort, wo endlich mal „Land in Sicht“ ist? Also, wir halten die Tür auf und werden sagen: „Seid willkommen!“ Natürlich hab ich auch Angst davor, mit so sehr fremden Menschen in unserem alten Haus, wie soll das gehen, ja, leicht wirds nicht, viele Mißverständnisse werden uns plagen, trotzalledem glaube ich, daß es nur so sein kann, wenn nur viele genug dafür eintreten, viele müssen wir sein und HEIMAT müssen wir anbieten.

 

Geheimnis im Schrank

Geld hatten wir nie, sondern Schulden, Streit, jede Menge Sorgen und einen Bücherschrank. Den Geruch beim Öffnen der Tür habe ich noch heute in der Nase. Es war mir verboten, in diesen Büchern zu lesen. Das sei nichts für Kinder, hatte es geheißen. Sie schienen Recht zu haben, denn obwohl ich sehr gut lesen konnte und hungrig war, blieben alle Versuche vergeblich, die Geschichten in den Büchern haben sich mir nicht erschlossen und standen mit ihren Geheimnissen im Schrank herum.

Ein Buch hätte ich so gerne gelesen, weil es meinen Eltern für kurze Zeit ein strahlendes Glück ins Gesicht gezaubert hat. „Von neun bis neun“, von Leo Perutz. Sie nahmen es sogar mit aufs Klo und meine Mutter stand an einem Werktag vorgebeugt am Eßtisch, hatte die ganze Arbeit ringsherum vergessen und las, verschlang, dieses Buch! Dann, als sie es endlich beide ausgelesen hatten, erzählten sie sich von ihren Erlebnissen, aufgeregt über den Inhalt aber vor allem über den Schluß des Buches. Nicht oft habe ich sie so glücklich gesehen, anscheinend, denn sonst wäre mir diese Begebenheit nicht seit annähernd 50 Jahren so deutlich in Erinnerung geblieben.

Vor allem die Mutter, lesend am Tisch stehend, auf die Ellbogen gestützt, versunken in einer anderen Welt. Daneben das Sofa, auf dem sie ein paar Jahre später tot daliegen wird.

Ja, natürlich habe ich dieses Buch ergründen wollen. Unzählige Male habe ich es gelesen, die Geschichte ist dermaßen verschachtelt und rätselhaft, sein Zauber kaum nachzuerzählen. Ein erfolgreicher Student, der viele Kapitel lang seine Hände unter dem Paletot versteckt hält…man muß da hineintauchen und sich ausliefern bis zu einem Schluß, der so genial wie verwirrend ist, daß ich ihn von Mal zu Mal vergesse! Meisterhaft erzählt, spannend und nervenaufreibend.

Ich hatte Leo Perutz lange Jahre vergessen, anscheinend die übrige Welt auch. Erst in den letzten Jahren ist er wohl wieder ins literarische Bewusstsein gelangt, Jorge Luis Borges verehrte ihn, merkwürdig, welchen Weg Geschichten manchmal nehmen!

Leo Perutz, geb. am 2. Nov. 1882 in Prag, am 25. Aug. 1957 gest. in Bad Ischl.

Nach der Lektüre von : „Der schwedische Reiter“ u. „Der Meister des Jüngsten Tages“ hat er mich so in seinen Erzählbann gezogen, daß ich alles lesen werde, was ich kriegen kann, der nächste Roman wird sein: „Wohin rollst du, Äpfelchen…“ Sein Schreibstil wird manchmal als Phantastischer Realismus bezeichnet, Borges hat ihn auf seine Liste der besten Kriminalautoren gesetzt, Traumdeutung Freud könnte einfließen, was weiß ich alles…die Geschichten sind merkwürdig, rätselhaft. Man hat es nicht leicht beim Lesen, wird in Irrgärten herumgeführt und wenn man endlich weiß, wo der Ausgang ist, dann gibt es völlig unerwartete Wendungen und wenn es das Nachwort ist, das alles bisher Vermutete völlig in Frage stellt.

Und diese Sprache, für mich klingt sie nach Prag, Wien, Karlsbad und alles dazwischen und  nach verschwundener Familie, verblassten Bildern und viel Theater und nichts wirklich und doch …Erinnerung…an was? Heimat?

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Heimat?

Das Projekt „Heimat“ (ausgedacht von Mützenfalterin)trage ich in meinem Leben herum. Bis jetzt bin ich noch nicht weiter gekommen als zu der vorläufigen Schlußfolgerung, daß Heimat nicht wirklich existiert, sondern etwas ist, das man verloren hat und nur dadurch weiß, daß es existierte, nicht wirklich erklärbar und schon gar nicht herstellbar, so ähnlich wie Treue, Freundschaft, Liebe…Glück? Wie die Jugend, die man ja auch nicht spürt, wenn sie da ist, sondern erst, wenn sie schon längst vergangen ist. Die Gesundheit, auch das so ein vager Begriff.

Ich lebe da, wo ich daheim bin, alles spricht für ihre Existenz, und doch ist sie eine Sehnsucht geblieben, diese „Heimat“.