Briefe an die nahe Ferne ( 13 )

Vor Jahren ist einer aus dem Sauerland  ins südöstlichste Eck der Republik gefahren. Mit ihm wurde viel Holz geliefert und mit dem, was er so brauchte und  zwei mächtigen Boxen bezog er den Dachboden einer Scheune hier in einem kleinen Marktflecken im Berchtesgadener Land. Hier hat er die letzten zwölf Jahre in einem winzigen Dachkammerl gehaust und ein Wikingerschiff gebaut. Er wollte das originale Gokstadschiff nachbauen. Das ist ca 23 Meter lang, aber in die Scheune passten nur 20 Meter, also hat er maßstabsgetreu ein Schiff mit 20 Metern gebaut. Er ist kein Zimmermann und schon gar kein Schiffsbauer, er hat immer wieder irgendwo irgendwas gearbeitet, aber wie er das viele Geld aufgebracht hat und von was er die Schulden abbezahlt, steht in den Sternen. Er wollte sich einen Herzenswunsch erfüllen und einen großen Traum Wirklichkeit werden lassen und hat sich keinen Millimeter davon abbringen lassen, auch nicht von diversen Rückschlägen.
Ob er sehr beliebt war im Ort möchte ich bezweifeln, allein schon die Lautstärke seiner Musik praktisch Tag und Nacht und sein Kampf um dieses irrsinnige Projekt, bei dem er ja oft Hilfe brauchte, die er sicher nicht bezahlen konnte und überhaupt alles, was dazugehört, um etwas eigentlich total unmögliches zu erschaffen, und sein mitgebrachtes Naturell haben ihm wohl nicht nur Freunde gemacht. Aber jetzt vor ein paar Tagen kamen alle und schauten zu, wie das Schiff vom Parkplatz, auf dem es zwischengelagert war nach Fertigstellung, auf einen Schwertransporter verladen wurde.
Die Spezialfirma für Schiffstransporte kam aus Norddeutschland und der Fahrer manövrierte unglaublich professionell das Wikingerschiff ums Eck herum und dann das enge Tal hinauf zur Autobahn. Wir sind auch dagestanden und haben es bewundert, dieses wunderschöne nachgebaute Gokstadschiff und haben uns so gefreut, daß es am nächsten Morgen in Pula am Hafen liegen würde und dann … endlich … ins Meer gleiten darf.
Wir sind ihm noch bis zum Grenzübergang nach Österreich auf der Autobahn gefolgt, haben gewunken und uns gewünscht, daß alles gut läuft und das Ergebnis eines Lebenstraums dicht bleibt und nicht absäuft. Du wunderbarer Wikinger, Spinner, Träumer, Denker, Konstruierer, selbst erschaffener Schiffsbauer ahoj und viel viel Glück bei allem, was jetzt kommt.

Ein merkwürdiges Nebeneinander zweier Geschichten, die total unterschiedlich und doch fast gleichzeitig passiert sind: Als die Kraulquappe auf dem großen Wasser der Asche ihres Papas hinterher schaute, da machte sich hier grad einer auch auf den Weg zum Meer, um seinen großen Traum dorthin zu bringen, wo er mit geblähten Segeln mit dem Wind auf dem Wasser tanzt, der Sonne folgend.

Letzte Nacht war Walpurgis, leider ist unser alter Reisigbesen nicht mehr flugtauglich, also bin ich daheim geblieben, sollen doch jetzt die jungen Hexlein fliegen, wohin sie wollen, ich bleib am Feuer sitzen, rühre im Kessel, über mir der Vollmond und wir singen zusammen die Lieblingslieder meiner Kinderzeit!

Grüß Gott, du schöner Maien,
da bist du wiedrum hier,
tust Jung und Alt erfreuen,
mit deiner Blumenzier.
Die lieben Vöglein alle,
sie singen all so hell,
Frau Nachtigall mit Schalle
hat die fürnehmste Stell.

Die kalten Wind verstummen,
der Himmel ist gar blau;
die lieben Bienlein summen
daher auf grüner Au.
O holde Lust im Maien,
da alles neu erblüht,
du kannst mir sehr erfreuen
mein Herz und mein Gemüt.

Liebe Kraulquappe, einen Enzian auf Deinen Papa, meinen Papa, den Wikinger, auf uns, die Berge und das große große Meer! Ich grüß Dich aus der fernen Nähe und aus dem Herz!

10 Kommentare zu „Briefe an die nahe Ferne ( 13 )

  1. Schön, dass da zwei so unterschiedliche Arten von Aufbruch zeitlich zusammenfallen, wenn man aufmerksam ist, zeigt sich einem das Leben ja oft von mehreren Seiten gleichzeitig. Trost und Memento Mori gleichzeitig.

    Liebe Grüße! Andrea

    1. Ja, diese Gleichzeitigkeit hat mich so berührt, daß ich zum Himmel hinauf, der grad so blau ist wie das Meer, bisserl weinen mußte.
      Liebe Grüße!

  2. Eine bewegende Geschichte von Einem, der das scheinbar Unmögliche verwirklicht. Schade, dass sich im Netz nichts über die immense Arbeit und den jetzt folgenden Transport des Schiffes zu finden ist…

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