Archiv für den Monat: Januar 2026

Drei

Um Dreikönig herum waren sie wieder unterwegs, die Sternsingerkinder, verkleidet als Weise aus dem Morgenland … oder was man sich halt darunter vorstellt. Anstelle von Gold, Weihrauch und Myrrhe, die diese für das Heilige Kind damals angeblich dabei hatten, kommen die heutigen mit dampfendem Weihrauch, ein Lied singend, während sie mit Kreide  die magischen Buchstaben K + M + B oben auf den Türstock malen zum Segen für das Haus und alle, die drin leben. Dann bleiben sie stehen und warten darauf, daß man sie bezahlt mit üppiger Spende in den Sammeltopf. Natürlich wird jede r was reinwerfen, wer könnte schon diesen Kinderaugen widerstehen.  Und so sind viele tausend Euro zusammen gekommen, Kinder sammeln Geld für andere Kinder, denen es schlecht geht, weil den Machthabern dieser Erde ganz sicher ganz andere Sachen wichtiger sind als sich um das Elend der Kinder zu kümmern. Dafür werden sie dann von der Kirche als lebende Sammelbüchsen herumgeschickt. Mir macht das ein komisches Gefühl, ich mag es nicht, wenn Kinder dazu instrumentalisiert werden, Geld für Segen einzutreiben.

Früher, als meine Großeltern noch lebten, da sind wir betend mit einer Eisenpfanne, in der auf glühender Kohle aus dem Küchenherd ein paar Brösel von kostbarem Weihrauch rauchend zerschmolzen sind in und ums Haus gegangen. Überallhin wurde die geheimnisvoll wohlriechende Pfanne geschwenkt, auch durch Stall und Tenne sollte der heilige Rauch ziehen und mit ihm der himmlische Segen am Abend des fünften Januar, in der letzten Rauhnacht vor Epiphanie am sechsten Januar, dem Fest der Erscheinung. Zum Abschluß des Umgangs wurden auf den Türstock meist nur drei gleichschenkelige Kreuze und die Jahreszahl geschrieben. Die Kreide hierfür war zusammen mit einem Häuflein Weihrauchbröseln in einer kleinen Papiertüte und wurde geweiht für diesen Anlaß. Mein Vater, der alte Ketzer und lebenslang sehnsüchtige Gottsucher konnte nicht viel anfangen mit Zaubersprüchen und magischen Handlungen und ganz sicher war ihm die Wirksamkeit der Dreikönigskreide durch die priesterliche Segnung nicht wichtiger als jegliche Kreide, mit der er seine wundervollen Kunstschmiedearbeiten entwarf und vorzeichnete.
Ich finde es sehr traurig, daß wohl keine Familie mehr mit Heiligem Rauch durchs Haus geht und um Segen bittet. Das wird konsumorientiert abgekürzt: Cash in die Büchse – Segen ins Haus. Vielleicht ist es noch besser wie nix, aber dasselbe ist es keinesfalls.

Wer überhaupt diese Männer aus dem Morgenland waren, darüber wurde viel geschrieben, letztendlich bleibt alles im Bereich der Spekulationen über Fragen, die niemals beantwortet werden können. Warum waren es drei, sind sie einem Stern gefolgt, haben sie nicht nur Geschenke mitgebracht, sondern den dringenden Rat zur Flucht vor dem angekündigten Kindermord?  Wenn man die Kronen auf ihren Köpfen sieht und die Gewandfarben weiß, rot, schwarz und ihr Auftreten zu dritt … diese Dreieinigkeit bekam erst mit dem Christentum Männernamen … weit vorher schon gingen drei Frauen über das Land, kehrten bei den Menschen ein, brachten Heil und Segen, halfen beim Gebären und beim Sterben in Zeiten, in denen die Menschen noch wussten, daß es dasselbe war.  Sie wurden überall mit Freude empfangen …alles nur Vermutungen, Erdachtes, Herbeiphantasiertes?

Wer weiß, wie es wirklich war.

Manchmal träume ich davon, und das schon ganz lange, daß es sie nicht nur im Norden in den Geschichten der Edda, oder hier im Süden als dreieinige Berggöttin Frau Percht gibt, sondern die ehemaligen Bethen heutige Frauen sind, die zu dritt erscheinen, wenn man sie ruft, weil man ihre Hilfe braucht.

Und manchmal träume ich dann diese Sehnsucht, eine von ihnen zu sein und Segen zu spenden beim Hinein- oder Hinausgehen  oder einfach beim Da Sein.

Wir segnen dieses Haus und alle, die da gehen ein und aus.
20 + Katharina + Margarete + Barbara + 26

 

Der Hirschensprung.

Die Stürme wehen ums Hauseck und bringen die erste flauschige Schneeschicht, die wie ein weißes Papier vor der Tennentür liegt. Ich drehe den Besen um und male Achter hinein, große, kleine, stehend und liegend. So unendlich wie die Zahl ist alles. Ein ewiges Kreisen um eine Mitte, die wir nicht kennen und was bleibt von unserem „Stirb und Werde“ – Flug durchs All, auf dem wir verglühen? Eine Handvoll Sternenstaub, aus dem alles hervorgeht , und dahin zurückkehrt. Aber vielleicht ist ja alles auch ganz anders.

Die Jahre kommen und gehen und das neue schiebt das alte bis zum Horizont. Dort am westlichen Ufer, fällt es dann wie die Sonne am Abend hinunter in den Chiemsee. Soll der doch damit machen was er will, mit diesem Schrottplatz der ausgedienten Jahre.

Alles wird weitergehen wie bisher, die Jungen werden alt und die Alten sterben. Die einen werden weiterhin vergeblich auf den Weltfrieden hoffen, andere werden weiterhin anonym in den Netzwerken jammern, wehklagen und dauerstänkern über die Fehler und die Schlechtigkeit der anderen, es wird weiterhin ganz Reiche und ganz Arme geben und im Sudan werden weiterhin Hunderttausende verhungern, während wir unsere vollen Feiertagsbäuche  spazieren schleppen. Es wird weiterhin alles geben, Menschen werden lachen und weinen, sich streicheln und erschlagen.

Ich werde dem Dasein hier auf dieser Erde weiterhin trotzig mit Zuversicht begegnen und aus dem, was mir entgegenkommt, das Beste machen, was mir möglich ist … und es ist erfahrungsgemäß immer viel mehr möglich, als man denkt und Lachen ist hilfreich auf dem Weg.  Und ich werde unverbesserlich daran glauben, daß das Glück immer da ist, wir müssen halt die Augen aufhalten, um es zu sehen. Und die Freude ist auch immer da, wir müssen gar nichts dafür leisten, wir bekommen sie in Hülle und Fülle vom Universum geschenkt.

Frau Percht mit ihrem Gefolge scheint sich in diesen Rauhnächten einen Jux mit uns zu machen. An einem Tag klirrende Kälte, am nächsten lauwarme Föhnwinde, jetzt beginnt in ein paar Stunden die 11. Rauhnacht und alles ist schneebedeckt und wird von einem zauberhaften Vollmond bestrahlt. In den Schüsseln voll mit Katzenfutter für all die,  die sonst nirgends was bekommen, liegen am Morgen nicht mal ein paar Krümel, es scheinen viele Hungernde unterwegs zu sein. Daß die Tiere in den Rauhnächten sprechen, habe ich bisher nicht festgestellt, aber bei den alten Puppen, die mir eine sehr verwandte Seele geschenkt hat, da wispert es manchmal um Mitternacht, aber ich tue so, als würde ich nichts bemerken, ich will sie nicht stören, die alten Mädchen. Manchmal leuchten ihre Augen im Kerzenschein auf. Sie bringen ihre Geschichten mit und ich werde sie bald zu meinen Puppen setzen …

Die Zeit ist merkwürdig und wankelmütig, alles scheint zugleich richtig und falsch zu sein, auch das Gegenteil.

Ich sitz auf der Hausbank und schau zu den Sternen hinauf. Neben mir sitzt das Nichts.
Der alte Freund vom Papa, der Wast, hat zum Längerwerden der Tage immer gesagt:

An Stephani um einen Mückenschritt,
an Neujahr um einen Hahnentritt
an Dreikönig um einen Hirschensprung

und an Lichtmeß um eine ganze Stund.

Den Hirschensprung merkt man schon.

Und der große Engel am Kommunalfriedhof in Salzburg schaut aus, als wär ihm ein Löwenkopf gewachsen … sage ich zum Nichts.

Das Nichts sagt nichts.