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Das Rosenkarussell und der Herr Jesus

Wie schnell doch die Zeit vergangen ist seit damals im Kinderheim, Anfang der siebziger Jahre als ich ihr im lächerlich kleinen Zimmer mitten im Schlafsaal der Kinder gegenüber saß, meiner Freundin Brigitte.  Ein Raum der Wunder für mich, bunte Flickendecke auf dem Bett, lackierte Obstkisten, Gitarre, Räucherstäbchen  … ein Hauch Berliner Großstadtluft umgab sie … ich war eine kleine Praktikantin und bewunderte sie, die erfahrene Erzieherin. Ich verehrte sie wie eine Königin. Und bis heute bin ich ihr dankbar, daß sie mir von „Franny und Zooey“ erzählte und vom „Fänger im Roggen“, in diese Geschichten bin ich damals eingetreten wie in eine neue Welt und bis heute traue ich mich nicht, sie wiederzulesen, um den Zauber von damals nicht zu zerstören.

Jetzt, 45 Jahre später,  stehen wir in dichtem Nebel, der vom Grenzfluß aufsteigt, vor dem Grab ihrer Familie und sehen zu, wie der Steinmetz mit Pickel und Spaten die uralte Rose unter dem Grabstein herausreißt und ihren Klammergriff abhackt. Ich werde sie mitnehmen, und ihr einen würdigen Platz zum Weiterleben anbieten. Auch die vielen Blumenzwiebeln und was sonst noch so übrigbleibt, wenn man ein Grab auflöst.

Der Blick, im Äußeren vernebelt, führt zu Bestandsaufnahme als Innenschau mit der gnadenlosen Wahrhaftigkeit des Novembers. Nicht nur die Häuser zeigen jetzt die Wunden ihrer Seele, unverblümt und schmucklos … mein Leben liegt vor mir und ich sehe zu, wie bunte Glücksmomente aufleuchten in einem immerwährenden Vergehen … und auf einmal fällt mir wieder dieses kleine Karussell im Englischen Garten ein, so gerne würde ich es wiederfinden, ob es überhaupt noch existiert? Vor Jahren bin ich an einem Novembertag davorgestanden und habe einer großen Liebe nachgeweint. Wir drehen unsere Runden wieder und wieder … aber auch wenn wir uns noch so gut festhalten, irgendwann schleudert es uns hinaus ins All wie so viele vor uns …

Jetzt ist der Ernst also auch gestorben. Einer der letzten Freunde meines Vaters. Ob der ihn als einen „Freund“ bezeichnet hätte, ist fraglich. Der Ernst stand oft beim Vater in der Werkstatt und meistens hörte man ihn herumschreien. Er war halt lange Jahre ein Barrashengst, sagte der Vater, und daher hat er diesen Kassernenton.  Aber der Ernst lag halt mit allen und jedem in Streit wegen irgendwas und kämpfte ständig vor Gericht um seine Rechte. Und wenn er sich aufregen musste, dann hat er geplärrt.  Aufgewachsen ist er in der Barackensiedlung am untersten Rand der Kreisstadt und er hat lautstark ein Leben lang der Welt beweisen wollen, daß jeder sich herausarbeiten kann aus dem Sumpf, wenn er sich nur anstrengt. Stundenlang sind sie in der Werkstatt herumgestanden und mein Vater, ein alter überzeugter Sozi hat sicher nicht zu allem Ja und Amen gesagt, was der Ernst so von sich gab; und jetzt ist er tot.

Frau P., der ich immer eine Flasche Schampus geschenkt habe, wenn ich mir bei ihr ein neues Auto gekauft hatte, ist auch grad gestorben. Immer war sie bestens gekleidet und makellos geschminkt, vielleicht ein bißchen zu schwarz um die Augen und die Lippen etwas zu rot, die Haare hoch aufgetürmt. Sie hatte wunderschön zarte Haut, wie das üppige Frauen oft haben und um sie herum schwebte stets ein teures Düftchen. Ich habe nie bei jemand anderem ein Auto gekauft. Sie selber fuhr nach Möglichkeit eines der PS- stärksten Vorführmodelle und man sah ihr an, wie gern sie selber auf der Piste war, mit durchgedrücktem Gaspedal. Sie war eine Instanz im Autohaus. Schwere Krankheiten musste sie mitschleppen, aber nie hätte sie mit irgendwelchen Klagen die Kundschaft belästigt … nur einmal zeigte sie mir ihre geschwollenen Beine und nur für einen Moment verschwand die Härte in ihren Augen und sie ließ mich den Schmerz sehen. Andeutungen lassen mich vermuten, daß sie sich hinausfallen ließ aus dem Karussell. Ihre Hände waren weich, sehr weich. In der Zeitung steht: Wohnungsauflösung, läuten bei Frau P.

Rose und Lavendel sind im Auto, das Familiengrab ist aufgelöstund wird dem Erdboden gleichgemacht. Mit aufgewühlten Herzen sitzen wir im Café und lassen uns wärmen von der Sicherheit unserer Freundschaft  und von den Kaffeetassen in den kalten Friedhofshänden.

Das Karussell bewegt sich weiter und weiter, alles dreht sich immer nur im Kreis und doch bleibt nichts, wie es war, nach jeder Umdrehung sind wir nicht mehr dieselben und auf Schritt und Tritt begegnen uns das Abschiednehmen, aber auch das Glück, wenn man die Augen offen hält, dann sieht man es , überall.

Ein wenig weiser geworden in meiner Erkenntnis gehe ich hinaus in die Tenne und hole einen Krug mit goldfarbenem Apfelmost, der sich selbst in einen überirdisch guten Zustand gereift hat … die Freude über dieses Geschenk unserer alten Bäume ist grenzenlos. Auf dem Brett über dem Ballon liegt seit vielen Jahren ein steinernes Christusantlitz und man kann es durchaus als sakrale Handlung beschreiben, das Mostholen beim Herrn Jesus.

 

 

 

 

Mein Papa, die Zugharmonie und die kalte Sofie

Es wird schön langsam ein bisserl wärmer, immerhin haben wir schon 13 Grad vor der Küchentüre. Der Barometer zeigt „veränderlich“, und da ich nicht täglich nachschaue, weiß ich jetzt nicht, ob er runter- oder raufgeht. Du hast das immer gewußt, Papa, seltsam, was man vermisst, wenn ein Mensch nicht mehr da ist … ich weiß noch genau, wie es sich angehört hat, wenn Du am Abend vor dem Bettgehen kurz auf den Barometer geklopft hast, der im Hausgang neben der Stubentüre hängt. Jetzt sind die Eisheiligen vorbei, Pankraz, Servaz, Bonifaz haben uns schon wochenlang den verfrühten Sommer ausgetrieben und die kalte Sofie hat gestern noch den Rest vom Wintervorrat an Schneegraupeln um das Haus verteilt. Am Tag der kalten Sofie bist Du geboren und vor neun Jahren bist Du um 0.30 Uhr in Deinen 85. Geburtstag hineingestorben. Du hast geschlafen, ganz ruhig und leise habe ich Dich atmen gehört. Ich bin am Tisch gesessen und habe vor mich hingeschaut und dann hatte ich so ein Gefühl … und dann hast Du nicht mehr eingeatmet … und dann war es still, sehr sehr still. Ich habe das Fenster aufgemacht und dann war da so eine weiche Wehmütigkeit, die hat alles Schwere leicht gemacht und dann bist Du davongeflogen, in die Nacht und unendlich weit darüber hinaus.

Ich sitze in der Dunkelheit und lausche, aber es ist nichts zu hören. Weißt Du noch, Papa, wie ich manchmal in die Stube gekommen bin, weil ich Dich spielen gehört habe, und ich mußte erst mal das Licht anmachen, weil Du gar nicht gemerkt hast, daß es schon finster war. Und dann bist Du dagesessen im Arbeitsgewand und ich sehe noch so genau, wie die schwarzen Schmiedhände über die Tasten huschen, manche Tasten klappern ein wenig und ich höre sie schnaufen, die Zieharmonika. Du wirst immer in meinem Herzen bleiben, Papa, wie Du so dasitzt, ein Mensch mit seinem Instrument, in größter Wertschätzung werden sie zu einem einzigen Klang … wenn ich an Dich denke, Papa, dann ist meine Seele voller Musik.

Lange habe ich gesucht und dies hier gefunden, der Herbert Pixner ist sehr berühmt geworden und füllt große Hallen mit seiner Art, die Musik seiner Heimat zärtlich und behutsam in fremde neue Räume zu führen um sie, ohne ihre Herkunft zu verleugnen, weiten Horizonten zu öffnen. Als er die Alpler Polka gespielt hat, da war er noch unbekannt … wie er so dasitzt, diese Versunkenheit, dieses versonnene Lächeln, diese Hingabe …  das erinnert mich an Dich, Papa, und ich meine jetzt nicht die wundervoll schnarrenden Bässe und nicht die Virtuosität … sondern diesen Zustand, in dem einer durch das Spielen nichts anderes mehr sieht und hört, sich vergißt und selber zu Musik wird.

Ich liebe sie sehr, die Musik vom Herbert Pixner … aber was würde ich dafür geben, Dich wieder in der Stube spielen zu hören, so wie früher…

Papa.

Mitten ins Herz

Der Film „Lucky“ ist mir unter die Haut mitten ins Herz gegangen. Schier unbeschreiblich,  Handlung gibt es kaum, passieren tut nichts, eigentlich wirkt alles wie eine Momentaufnahme des Lebens in einem kleinen Nest irgendwo in Amerika. Die Straßen sind staubig, die Sonne scheint grell und ein alter Mann geht durchs Bild, wie durch die Kulissen einer Westernstadt.Er hat seine Verrichtungen, hat feste Regeln und Zeiten, wo er seinen Kaffee trinkt und Kreuzworträtsel löst, alles läuft nach Plan, er geht nachhause, um bestimmte Shows im Fernsehen anzuschauen und am Abend sitzt er in einer Bar und trinkt Tomatensaft und unterhält sich mit den immer gleichen Leuten.

Harry Dean Stanton(91) spielt seine letzte Rolle in diesem großen kleinen Film, einen 91 jährigen, kauzigen Eigenbrötler und er spielt in einer vollkommen unsentimentalen Wahrhaftigkeit, die kaum auszuhalten ist. Die Kamera geht erschreckend nahe an ihn heran, man sieht jede Falte an diesem alten, dürren Klappergestell von einem Körper und man sieht diesen schönen sinnlichen Mund, einen Schopf brauner, ungebändigter Haare und Augen …diese Augen, dunkel und so tief wie das Weltall und ich denke, daß ich diese Tiefe bis jetzt nur bei denen gesehen habe, die von weit her kommen und gerade geboren werden oder bei denen, die sich bald auf die Reise hinaus machen. Später erfahre ich, daß Harry Dean Stanton kurze Zeit nach dem Fertigstellen des Films plötzlich gestorben ist …

Irgendwann merkt Lucky, daß auch er sterblich sein wird, daran hatte er bisher noch nicht gedacht. Und er sagt zu jemandem: wenn Du mir versprichst, daß Du es nicht weitererzählst … ich hab eine Scheißangst!  Und irgendwann sieht er diese Frau an und in ein paar Sekunden spielt sich zwischen ihnen eine Liebesgeschichte, für die andere ein Leben brauchen und dann singt er dieses Lied …

Schön ist das, nach dem Kino 35 km durch die Nacht zu fahren, über Land, auf kleinen leeren Straßen, achtzugeben auf die Krötenwanderungen, den Mond über den Bergen zu sehen und an diesen schönen alten Mann zu denken, der mit einem Lächeln einfach weitermachte egal, wie lang es noch dauern sollte.

Wir haben alle mal Angst, nicht wahr, eine Scheißangst sogar. Auch in dieser Geschichte damals, im Garten Gethsemane , da war einer mitten unter seinen Freunden und er wusste, er würde bald sterben, aber die Freunde schliefen. Dann hat er Blut geschwitzt vor Angst.

Er sprach nicht nur davon, er war ein Liebender, das verbindet mich mit ihm.

Drachenherz

Ein flirrendes Rauschen in der Luft, eine Bewegung gegen den Strom, die Krone zittert, schert aus, Blätter rascheln, ein Ächzen, eher ein leises Stöhnen und dann fällt sie … die Krone fällt immer zuerst … und dann fällt auch er … der Stamm … dumpf das Ende … erbärmlich und dumpf der Aufprall am Boden … und dann ist es still.

Wenn ich am Hof vorbeigeradelt bin, hat sie mir oft zugerufen: „Wann kommst denn endlich mal wieder?“ Seit die Füsse sie nicht mehr trugen, saß sie auf ihrem Sessel vor dem Haus, den ganzen Tag und meist in der prallen Sonne, rauchte und hielt immer einen Groschenroman in der Hand, in dem sie von morgens bis abends las. Sie trug irgendeine Hose und eine Bluse, die wie ein Männerhemd aussah, in ihrem Gesicht die langen Jahre Bauernarbeit  in dunkles Leder eingegerbt. Die kurzen Haare so weiß, daß sie leuchteten, die blauen Augen blitzten spöttisch und immer lachte sie, wenn ich sie besuchte.  „Daß Du nur grad mal wieder da bist,“ sagte sie und dann schimpfte sie auf die alten Füsse und: „Mit mir ist es nichts mehr, Gret!“ Niemand nannte mich jemals so, ich hatte es gern, wenn sie „Gret“ zu mir sagte, es hörte sich immer so an, als hätte ich einen ganz besonderen Wert für sie. Jedes Mal erzählte sie mir von früher und ich sehe sie in der Erinnerung lachend in der Stube stehen, während wir Kinder durchs Haus tobten, wir durften alles bei ihr, es gab keinerlei Verbote. Sie erzählte vom Unglück, das den Ältesten, Vielgeliebten hinwegraffte, vom Tod meiner Mutter und von der Krankheit ihrer Tochter, die einmal meine Herzensfreundin war. Sie hat mich nie gefragt, woran diese Freundschaft zerbrochen ist und ich habe auch nie was gesagt.

In den letzten Jahren haben sie die Umstände ihrer Herkunft verfolgt und es lief ihr das Wasser aus den Augen und sie wurde weich und klagend, wenn sie erzählte … von ihrer Mutter, einer Magd, die sie an die Hebamme verschenkte, zur Aufzucht für die Arbeit am Hof. Kein einziges gutes Wort habe sie da bekommen, man hat sich nicht um sie gekümmert. Die Mutter wollte nie mehr was von ihr wissen und als sie sie besuchen wollte, da wurde sie von ihr verjagt.

Dann hat sie geheiratet, einen wortkargen Einödbauern, etwas sonderlich aber gutmütig. Der hauste mit seinen zänkischen Schwestern und schickte immer sie , wenn es was zum Schimpfen gab.

Und sie sagte zu mir: “ Weißt Du Gret, gefallen lassen hab ich mir nie was!“ Ja, das war bekannt, niemand wollte sich mit ihr anlegen, sie hatte ein freches und ungehobeltes Mundwerk, konnte fürchterlich fluchen und Zoten reissen, war vulgär und machte schlüpfrige Anspielungen. Sie war wild und ungezügelt und fuhr mit einer entfernteren Nachbarin, die auch einen sonderbaren Mann hatte, mit deren Goggomobil durch die Gegend auf alle Tanzveranstaltungen, die es nur gab und wenn keine Tanzpartner da waren, dann tanzten sie eben miteinander die Nächte durch.

Es hieß, sie sei mit ihrer Freundin „andersherum“ und ich habe mir als Kind oft den Kopf darüber zerbrochen, was das denn bedeuten könnte …

Sie hat ihre Schwiegertochter drangsaliert und sagte immer ihre Meinung, auch wenn sie niemand hören wollte und hat sich zeitlebens einen Dreck drum geschert, wenn die Leute von ihr sagten, sie sei eine böse Frau. Sie ließ sich die Wurzeln nicht ausreissen, stark wie ein Baum erzwang sie sich das Leben auf diesem Hof, auf dem sie geschuftet hat wie ein Ackergaul.

Wenn ich bei einbrechender Dunkelheit mit dem Rad vorbeifuhr, hat sie mir zugerufen: „Gret, wo treibst Du dich denn wieder herum, heut ist kein Herr Molicht (Licht vom Herrn Mond), traust dich denn so allein durch den finsteren Wald? “ Und dann hat sie mir zugewinkt und wir haben uns angelacht. 96 Jahre ist sie geworden.

Ich mochte sie.

Still ist es.

 

Der Marxnhans

Auf dem Grabstein aus rotem Untersberger Marmor hat der Vater ein Kreuz aus Eisen geschmiedet, kunstvoll und schlicht, und ein paar Vögel hat er eingearbeitet, sie singen mit weitgeöffnetem Schnabel. „Marxn-Familie“ hat er darunter ins Eisenblech gestanzt in seiner typischen Schrift. Im Sturmwind versuche ich, eine Kerze anzuzünden, für ihn und alle, die mal waren auf unserem Hof.

Und dann hör ich es , es klingt in meinen Ohren, seit Jahren hatte ich es vergessen, dieses „Wischperl“, das mein Vater immer auf den Lippen hatte, so eine Art geflüstertes Vorsichhinpfeifen, ein „Wischpeln“ halt. Meistens war es ein neuer Landler oder Walzer, den er sich so oft auf Platte oder Cassette anhörte, bis er ihn pfeifen konnte, dann nämlich konnte er ihn auch über kurz oder lang auf der Ziehharmonika spielen.

Mein Vater war ein Ziacherer. Er selbst hat sich nie so bezeichnet, weil er viel zu bescheiden war , um sich die für diese Bezeichnung seiner Ansicht nach nötige Virtuosität und Perfektion zuzuschreiben. Er habe sich das Ziachspielen ja selber beigebracht, Lehrer gab es keine damals und Noten auch nicht, aber die hätte er ja eh nicht lesen können. Ich spiel´ eigentlich nur für mich, weil´s mich halt freut, hat er immer gesagt.  Gelernt hat er auf einer alten Chromatischen, die hat aber dann schon schwer geschnauft, die Knöpfe haben geklappert und ein paar blieben manchmal hängen. Irgendwann eines Tages kam von irgendwoher verbilligt ein Akkordeon und der Vater spielte sich durch das ganze Repertoire der Schlager, die man halt für Geburtstage und Gartenfeste so braucht … von La Paloma über den Affenrock, den Pferdehalfter an der Wand, das alte Haus von Rocky Docky und natürlich mit Gesang „der alte Schimmel ist im Himmel“ … Aber diese Zeit ging vorüber, er konnte sich mit den Tasten nie so ganz anfreunden. Im Lauf der Jahre kamen alle möglichen meist etwas ramponierten Instrumente zu uns und wurden bespielt nach mehr oder weniger fachmännischer Reparatur. Niemals mehr werden Tangos so wunderbar schräg und verwegen klingen wie die vom Papa, gespielt auf Bandoneon und Konzertina, aus denen Töne hervorpfiffen, mit denen niemand rechnen konnte, weil sie dem Nichts im Inneren der geklebten Blasebälger entsprangen, unvermittelt  und querliegend zur gängigen Melodie …

Auch ein Harmonium tauchte auf, das aber trotz heftigen Tretens nur schweratmig schnaufte und keinen Ton entließ.

Irgendwann in seinem Leben war es soweit, der Vater hatte soviel Geld zusammen, daß er nach Graz fahren konnte um sich dort endlich seinen Traum zu erfüllen und eine diatonische Steirer Ziehharmonika zu kaufen. Viele Jahre hörte er sich tagsüber in seiner Schmiedewerkstatt die Musikstücke an, die er sich dann nach der Arbeit, meist noch im Arbeitsgewand in der Stube  auf der Zugharmonie beibrachte, oft war er so versunken, daß er gar nicht merkte, daß es darüber dunkel geworden war …

Wenn Leute ihn fragten, wie das denn möglich sei, sich ohne Noten alles selbst beibringen zu können, dann sagte er stets: ja mei, wennst ein Gehör hast, dann ist das kein Kunststück, Du brauchst ja nur hinhören und dann mußt halt fleissig sein und üben. Das einzige Problem bei der Sache ist immer, ob ich´s mir dermerken kann …

Ja, er hatte dieses  „Gehör“, vielleicht nicht direkt das absolute, aber doch ein ganz besonderes. Er konnte einfach alles nachpfeifen und nachspielen, nachsingen und ich glaube, bei entsprechender Förderung wäre er ein Multiinstrumentalist und Musiker geworden. So blieb er einer, der nur so virtuos sein konnte, wie er imstande war, sich die Lieder zu merken. Manchmal , wenn ich heimkam, dann sagte er: Ich hab ein neues Stückl, das mußt du dir anhören, das wird dir gfalln! Und meist war es dann eines mit diesen tiefen, schnarrenden Bässen, die ich so gerne mochte. Und während er spielte, hat er gelächelt und dann sagte er: schön, gell! Und seine klitzeblauen Augen glänzten, wie sie das nur bei Menschen tun, denen die Musik eine Herzensangelegenheit ist.

Wenn er irgendwo bei Freunden eingeladen wurde, verstaute er „für alle Fälle“ die Ziehharmonika im Kofferraum. Gesagt hat er nie was, aber wenn er dann im Lauf des Abends ein paarmal gefragt wurde: Hans, hast Du die Musi dabei?, dann holte er sie und spielte auf.

Ach Papa, sage ich da am Grab, wir hatten es nicht immer leicht , weil wir so verschieden waren oder womöglich so ähnlich, ich weiß es nicht mehr … wir mussten uns sehr plagen miteinander und daß wir uns so sehr liebhatten, machte nichts einfacher. Für mich bist Du der beste Ziacherer gewesen, und im ganzen Internet hab ich keinen gefunden, der den „Gföller Marsch“ so gut spielt wie Du und ich bin so dankbar für „das Gehör“, das Du mir geschenkt hast und schon wieder fällt mir das Stückl nicht ein, weißt Du, das mit diesen schnarrenden Bässen, das ich so gern mag, schad, daß du jetzt nicht die Musi in der Stube  unter der Bank rausziehen kannst und mir vorspielst. Ich habe herumgesucht und nur einen gefunden, der annähernd so gespielt hat wie Du , der Schneider Willi, Du hast ihn sehr geschätzt, gell! Es gibt nur dieses einzige alte Video von ihm, vor ein paar Jahren ist er gestorben.

Nicht nur der eiskalte Sturmwind treibt mir die Tränen in die Augen am Grab. Was ist, wenn nichts mehr ist … was ist mir denn geblieben von meinem Papa, dem Marxn Hans?

Ich höre ihn spielen.

Einen besonderen Dank an den lieben Riffmaster, der in seinem Sammelsurium der Wunder eine Zeitung über Akkordeon präsentierte und mich mich in die Erinnerung an meinen Vater, den Ziacherer, führte!

Amoi … Sowieso … !

Du bist gegangen.

Für immer.

Und mein Herz ist schwer.

Wir hatten die gleichen Hände, große, warme und trockene Arbeitshände. Früher als Kinder, brauchten wir uns nur anzuschauen, dann haben wir uns verstanden und wir spürten eine Verbindung, die über die Verwandtschaft im selben Clan hinausging. Weißt Du noch, als wir davon träumten, ein Floß zu bauen, mit einer Seeräuberflagge darauf? Aber Du warst 13 und ich schon 16 Jahre alt, aus diesem Vorhaben wurde nichts mehr, und weißt Du, Joe, der Weiher wäre eh viel zu klein gewesen für das große Floß!

Als wir älter wurden, haben wir uns viel erzählt, nächtelang und es gab dann auch ein paar Geheimnisse, nie haben wir zu jemandem darüber gesprochen, nicht wahr, Joe?

Dann kamen diese langen Jahre, die wie im Flug vergingen … viel Arbeit, Familie … keine ZeitkeineZeitkeineZeit … sag mal, warum nur bleibt immer so wenig Zeit für Menschen, die man liebhat? Nur ganz selten trafen wir uns, Du warst sehr seßhaft und sehr fleissig und sehr wortkarg geworden … aber manchmal haben wir wie damals als Kinder in unseren Augen gelesen und sahen die unerzählten Geschichten und auch unsere Geheimnisse .

Vor etlichen Jahren trafen wir uns an einem offenen Grab und als alles vorüber war, da standen wir alleine am Parkplatz vor Deinem Auto und wir haben solange geredet, bis es Nacht war und so kalt, daß wir uns umarmen mussten, um nicht zu erfrieren, weißt Du noch, Joe, ich sagte Dir, daß wir uns jetzt sagen müssen, was wir im Herzen füreinander empfinden, denn das Leben ist so flüchtig und alles kann so schnell vorbei sein und dann ist es zu spät.

Vor zwei Jahren haben wir uns das letzte Mal gesehen und ich habe es  gespürt, daß Du so voll mit Kummer warst, daß es Dich schier zerrissen hat … aber ich weiß nicht warum, Du warst schon kurz davor, darüber zu sprechen, aber es ging dann doch nicht, die Chance war vertan und kam nie wieder. Dann bist Du so sehr krank geworden.

Du hast mich nicht gerufen und ich bin nicht zu Dir gekommen, ich hab mich nicht getraut, wollte Dich nicht beschämen in Deiner Ehre mit diesem zerfallenden und vergehenden Körper … und jetzt sehe ich auf dieses Ende unserer Geschichte und weine darüber, daß nur diese wortlose Hilflosigkeit von uns übriggeblieben ist, lieber Herzensfreund, der Du mir warst und immer sein wirst in der weiten und fernen Nähe.

Ich lasse meine Liebe zu Dir schweben, möge sie Dich begleiten auf dem Weg … Dich wärmen, wenn Du frierst und Dich kühlen, wenn Du brennst, und Dich am Tor zur ewigen Freiheit mit einem Lächeln  Deiner neuen Bestimmung übergeben …

Es wird immer ein Licht für Dich leuchten in meinem Herzen …und … vielleicht sehn wir uns ja mal wieder, bis dahin : „Servus, Joe,  mach´s guat!“ Und Du sagst doch jetzt: „Sowieso!“ oder?

Fallwind…

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Die alte Katze Mimi geht hinter mir im Haus die Stiege runter. Sie ist sehr schwach geworden in den letzten Tagen und das bisschen Kraft, das sie noch hat, verschwendet  sie nicht dafür, zu essen oder sich zu waschen, sondern, um jetzt zur Haustüre hinauszukommen, in die Sonne.

Als ich mich umdrehe, schaut sie mir lange in die Augen und ich sehe in die dunkle Unendlichkeit des Universums. Uferlose Weite im Blick eines Wesens, das sich anschickt zu sterben.

Am Abend wankt sie  mit letzter Kraft ins Haus und bleibt liegen, wo ich sie hinbette.

Heute trage ich sie auf den Balkon, da liegt sie in der Sonne, wie so oft in ihrem Leben.

Gnadenloser Föhn , warmer Fallwind, weht sanft ums Hauseck und sorgt dafür, wie unter einem Vergrößerungsglas die Dinge des Lebens neu zu betrachten und mit Wehmut erkennen zu müssen, daß manch ein Traum längst weggeflogen ist und manch eine Wahrheit brüchig wird, wenn ich genauer hinsehe.

Dieser blöde Föhn, immer wieder kehrt er mir das Innerste nach außen und besteht  darauf, genauer, noch viel genauer hinzusehen, was wirklich zählt.

Manch eine hinausgeschobene Entscheidung will endlich getroffen werden, um sich von Vergangenenem zu lösen und Freiheit für die Zukunft zu bekommen.

Welche alten Verbindungen halten noch…gibt es neue, die schon halten?

Was bleibt übrig?

Die Berge verringern dramatisch ihren Abstand, rücken näher, färben sich nachtblau am hellichten Tag, der Himmel steht in Flammen…

Letztendlich bleibt nur die Erkenntnis übrig, daß ich umso reicher werde, je mehr ich verschenke, daß nur das bleibt, was ich loslasse, und daß Liebe dann entsteht, wenn ich liebe…so einfach ist es.

Warum, frage ich mich, kommen seit Jahren alle Katzen zu mir und wollen in meiner Nähe bleiben, wenn es zum Sterben ist? Wilde werden plötzlich zahm und Katzen, die normalerweise nie so unhöflich wären, jemand lange in die Augen zu schauen, suchen meinen Blick und dann sprechen sie mit mir, jammern und klagen in einer Sprache, die ich zwar erahne aber nicht dechiffrieren kann.

Die alte Katze Mimi liegt ruhig da und atmet sich leise dem Tod entgegen, nein keine dramatischen Lebensrettungsaktionen mehr, keine Fahrt zur Tierklinik und schon gar keine Todesspritze.

Sie darf in ihrem eigenen Tempo auf die letzte Reise gehen, in der Nähe von uns, ihren Lebensmenschen, immer wieder sehen wir nach ihr, das Leben vollendet sich…ja, natürlich weine ich ein wenig, aber ich werde sie gehen lassen, dorthin, wo Fragen und Antworten aufhören… und ich lasse das Mantra leise laufen, von dem es mal geheissen hat, daß es der Dalai Lama für einen Freund gesungen habe, um ihm das Sterben leicht zu machen.

Ein Gesang, den ich seit Jahren erfolglos gesucht habe, merkwürdig, plötzlich ist er einfach da…er soll sowohl beim Sterben als auch beim Leben helfen …vielleicht deshalb, weil beides ja eigentlich eins ist

oder

wir womöglich das eine und das andere eh nur träumen?

Wer weiß das schon, nicht wahr?

 

Während ich an diesem Text schrieb und das Mantra lief ist sie gestorben, weggegangen auf leisen Pfoten…

Gute Reise Mimi.

Dank an meine Schwester, das Felltier, für alles.

Ruhe in Frieden.

„…und wer riecht uns den Himmel zu Ende…“ (I. Aichinger)

Wir ließen uns sacht die Monde hinunter

und läge die erste Rast noch bei den

wollenen Herzen,

die zweite fände uns schon mit Wölfen

und Himbeergrün“

 

Ilse Aichinger: 1. November 1921 – 11. November 2016

 

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„And you want to travel with her

And you want to travel blind

And you know that she will trust you

For you´ve touched her perfect body with your mind

 

He said: „All men will be sailors then

Untill the sea shall free them“

 

Er soll gesagt haben: „Ich bin bereit, zu sterben.“

 

Leonard Cohen: 21. September 1934 – 7. November 2016

 

 

 

Zwei Große sind gegangen, ihre Poesie haben sie uns hinterlassen.

Traurig und mit großem Dank im Herzen nehme ich Abschied.

Mögen alle guten Mächte Euch in die Ewigkeit geleiten.

Ruhet in Frieden!

Für G.

vor zwei Tagen wäre er 70 Jahre alt geworden:

Georg Danzer

7. Okt. 1946  –  21.Juni 2007

 

Und hier lieber Schurl, wo Du auch bist, Dein Lieblingslied vom alten Freund, dem Ambros Wolfgang:

 

„…über meine Seele führt mein Weg,

über meine Liebe führt mein Weg,

über meine Träume führt mein Weg…

komm, laß Deine Sehnsucht an den Start…“ (Danzer)