Archiv der Kategorie: Briefe an die nahe Ferne

Briefe an die nahe Ferne ( 6 )

„It´s better to have loved“

Letzte Nacht habe ich von einem geträumt, den ich früher mal kannte. Er sah vollkommen anders aus und trotzdem wußte ich, daß er es war. Vor ein paar Jahren hätten wir uns zufällig in einem Supermarkt begegnen können, wenn ich nicht geflüchtet wäre. Er sollte nicht in meinen Augen mein Entsetzen über seine Verfassung sehen. Es war früher schon zu ahnen, daß sein Weg in Suff und Elend führen würde, wenn er nicht die Richtung änderte, aber ich bin dann doch heftig erschrocken darüber, wie ein Gesicht in Abgründe und tiefe Schluchten stürzen kann und dann irgendwo liegenbleibt auf dem grauen Schotter. Im Traum war er in eine ganz andere, ziemlich belanglose Gestalt geschlüpft … belanglos, wie unsere Gespräche damals. Das, was wir uns sagen wollten, haben wir aus der Musik herausgehört, die wir uns vorspielten und aus ein paar schönen Briefen. Aber alles, auch das, was nicht geschah, ist lange schon vorbei.

Vor kurzem bin ich am Abend durch ein Tal gefahren, das eigentlich eine tiefe Schlucht ist, mit einem kleinen Fluß und einer Straße daneben. Meine Heimat ist durchzogen von Abgründen, das sind Furchen in den Seitenmoränen des Gletschers, der sie bei seinem Rückzug hinterlassen hat. Wir sind umgeben von diesen Einkerbungen und nennen sie entweder „Graben“ , wenn sie sich durch die Wälder schlängeln, meist gemeinsam mit einem Bach; oder man nennt sie Tal.
Das erwähnte Tal erscheint mir meistens dunkel, auch wenn die Sonne scheint, und am Abend wird es dort stockfinster. Anscheinend saßen alle schon daheim am Nachtmahltisch, niemand war mehr unterwegs. Die Straße lag schwarz vor mir und glänzte matt im Scheinwerferlicht und plötzlich erschien oben über den schwarzen Wipfeln der Bäume der Mond und schob sich von irgendwoher wie eine riesige Goldmünze langsam … sehr langsam … ins Bild.

Und da gibt es noch immer eine halb verfallene alte Scheune und da hab ich geparkt und mir eins meiner Lieblingslieder angehört und habe es seitdem ständig im Ohr. Ich glaube, es ist nicht besonders berühmt und hat keine große Bedeutung und der Interpret wäre dadurch wahrscheinlich nicht zu Ruhm und Ehre gekommen.
Es erzählt die Geschichte von einem, der eine schwarze Straße im Nirgendwo zurück zu einem Ort fährt, der jetzt verfallen ist und wo durch die Risse im Beton der Löwenzahn wächst. Mit Brettern vernagelt und wie ein altes Sommerlied verschwunden, aber da war mal was, ein Anfang in einem verschlafenen Eckzimmer, der Geschmack von Lippenstift und ein warmer Atem am Ohr … der Anfang ist lang schon ein Ende … jetzt wacht er  in seinem Bett auf und ist einsam …
aber er erinnert sich, daß damals jemand sagte, daß es besser ist, geliebt zu haben.

„Yeah it´s better to have loved“

Und dann stellt er sich auf denselben Parkplatz wie früher und dann holt er aus der Papiertasche eine Flasche Jack … und dann … einen für sie, einen für ihn und einen auf den Parkplatz … vom Moonlight Motel.

Ringsherum blüht alles, was blühen kann. Die Igel schlafen anscheinend noch, also lassen wir alles liegen, worunter sie womöglich ihre Winterquartiere haben. Das Leben lebt sich so dahin und ich sitze da und schaue ihm dabei zu.

Liebe Grüße an die Kraulquappe und: Sag Bescheid, wenn Du in Helgoland angekommen bist, wir trinken einen auf Deinen Papa und seine Überfahrt ins Meer der Unendlichkeit … Du mit einem Klaren vom Norden und ich mit einem Enzian vom Grassl in Berchtesgaden und nicht vergessen: Du mußt natürlich auch den für Deinen Papa trinken, eh klar, und einen für den Blanken Hans!

 

Briefe an die nahe Ferne ( 5 )

William the conqueror, 1066 … so ist er gespeichert, ein Leben lang, aber auch nur, weil wir von seinen Eroberungen und gewonnenen Schlachten sowohl im Geschichts- wie auch im Englischunterricht hörten und weil „tensixtysix“ sich einfach nicht mehr aus dem Hirn bringen läßt. In meinen Schulzeiten erzählten sie uns von großen Heer- und Schlachtführern, von großen Helden, daß manch einer ein körperlich kleines Männlein war wie Napoleon, spielte dabei keine Rolle. Ehrfürchtig haben die Geschichtslehrerinnen von diesen Herrschern gesprochen und wir mußten dann die Daten der siegreichen Eroberungen auswendig lernen. Reichtum, Ruhm und Ehre erlangten die, welche hunderttausende von leibeigenen Soldaten aufeinandergehetzt hatten, um sich gegenseitig abzuschlachten. Die paar, die überlebten, humpelten nachhause, dort war die Armut nicht weniger geworden, aber der der Befehlshaber ging in die Geschichte ein als großer Eroberer.
Es hat sich nicht viel geändert, immer noch gilt die primitivste aller Regeln: Ich will das, was du hast und wenn du es mir nicht freiwillig gibst, dann schick ich meine Soldaten und die bringen dich um. Ja, so einfach ist das. Derjenige, der die meisten Soldaten hat für das große Abschlachten, der wird als siegreicher Feldherr in die Geschichte eingehen.
Manchmal frag ich mich, was wohl die Mütter und Töchter, die Ehefrauen und Geliebten über die Machenschaften dieser Männer denken. Rußlands Präsident soll ja eineTochter haben und die hat eine Mutter. Was geht wohl in so einer Tochter vor? P. kann ja durchaus ein liebender Vater und Ehemann sein, das geht ohne weiteres gleichzeitig, hunderttausende abschlachten lassen und daheim liebevoll mit den Kindern spielen, das hat die Geschichte mehrfach bewiesen. Wo ist die Tochter, muß sie irgendwo versteckt leben, um ihren Vater nicht erpressbar zu machen? Oder ist sie sozusagen aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihr Vater?

In den Nächten nehme ich meine Geschichten und gehe mit ihnen in fremden Geschichten herum. Ich betrete sie mit dem Auge der Kamera wie durch die Türe in einen Garten, fremd und verzaubert und ich sehe zu, was sich ergibt. Oft bleibe ich erstmal gleich in der Nähe der Türe stehen, um gleich hinauszulaufen, wenn mir Feindseligkeit oder große Langeweile entgegenschlagen.

In aufeinanderfolgenden Nächten hatte ich das große Glück, vier außerordentlich wunderbare Filme zu sehen. Alle würde ich natürlich viel lieber im Kino ansehen, aber da ARTE wie ein Programmkino wirkt und Filme zeigt, die ich sonst nicht sehen könnte, bin ich auch für diese Möglichkeit dankbar. Und da ich meine, daß sie alle noch eine Zeitlang in der Mediathek laufen, möchte ich sie hier, zwischen Himmel und Erde wenigstens erwähnen, sie haben es verdient, gesehen zu werden.

1. Film: „Fallende Blätter“ von Aki Kaurismäki, wie schon beschrieben.

2. Film: „Der große Wagen“ ( Le grand chariot ) von Philippe Garrel
Drei Geschwister, ein Vater, eine Großmutter, führen ein fahrendes Puppentheater. Dann stirbt der Vater und sie müssen versuchen, das Theater weiterzuführen.

3. Film: „The quiet girl“ ( An Cailín Ciúín ) von Colm Bairéad
1981 irgendwo in Irland wird ein neunjähriges Mädchen in den Ferien zu Verwandten geschickt, weil daheim  zu viele Kinder sind und zuviel Not … und das Kind erfährt zum ersten Mal im Leben Zuwendung, von der es bisher nicht wusste, daß es sie gibt.

4. Film: „Im Herzen jung“ ( Le Jeunes Amants ) von Carine Tardieu
Dieser Film ist die Steigerung (wenn es sie denn überhaupt gibt) von allen. Fanny Ardent ist selbst schon über siebzig Jahre alt und spielt eine siebzigjährige Architektin, die auf einen fünfundvierzigjährigen Arzt trifft und mit ihm in eine große Liebe hineinfällt, ohne Netz und doppelten Boden und trotz heftiger Versuche nicht mehr hinausfindet. Die Liebe kann nichts dafür, sie richtet auch kein Unheil an, sie kann nichts anderes als zu lieben.  Fanny Ardent ist so unglaublich schön als alte Frau, aber dieses Gesicht einer Göttin allein hätte den Film nicht getragen. Es gibt Nahaufnahmen von ihren Augen, von seinen Augen und zärtliche Nahaufnahme von ihren alten Händen … ach, es ist wie in allen vier Filmen einfach die Poesie des Lebens zu spüren, das diese Geschichten sich ausdenkt, oder gibt es Geschichten, die sich das Leben ausdenken … irgendwer hat sie aufgeschrieben, irgendwer hat sie gespielt und irgendwer sitzt davor, heult  Rotz und Wasser und  ist glücklich und dankbar, diese wunderbare Zeit in diesen nächtlichen Gärten der Lichtspiele verbringen zu dürfen.

Und hiermit schicke ich diesen Brief aus der fernen Nähe hinaus in das Irgendwo und Nirgends der Galaxie und Dich, liebe Kraulquappe, grüß ich herzlich!

Briefe an die nahe Ferne ( 4 )

 

Baby steig auf, laß uns nach Las Vegas reiten, die Sonne putzen…

Aus dem poetischen Kosmos der Mützenfalterin steigt ein Satz auf, der mir nicht mehr von der Seite weicht: „Wir können uns nicht aussuchen, an was wir uns erinnern“ …
Ja, die Erinnerungen kommen und gehen, wie es ihnen beliebt und mit ihnen die Gefühle, die schönen sind leicht, umschmeicheln mich und ziehen weiter, die schmerzhaften sind schwer und fallen mir vor die Füsse und manchmal sind sie leicht und schwer zugleich und immer öfter zeigen sie mit dem Finger auf mich und sagen mir: du bist gescheitert.
Udo Lindenberg wird 80 Jahre alt und damals, als der Song rauskam, wollten wir alle die Sonne putzen in Las Vegas. Meine Güte, um die 2o Jahre war ich alt, das Leben lag  unendlich groß und weit vor mir und ich wollte es durchtanzen und in Glück baden und alle Menschen umarmen…

Vor paar Tagen habe ich endlich einen Film gesehen, den ich im Kino verpasst hatte und der jetzt auf ARTE in der Mediathek läuft: „Fallende Blätter“  von Aki Kaurismäki. Er führt Regie und hat auch das Drehbuch geschrieben, denn wer außer ihm könnte es sonst schreiben? Ich liebe all seine Filme und werde mir wahrscheinlich auch diesen Film unendlich oft anschauen. Die Filme von Kaurismäki kann man nur lieben oder man kann gar nichts mit ihnen anfangen, dazwischen gibt es nichts, glaube ich.

Im Film „Fallende Blätter“ (Kuollet lehdet) wird nicht viel geredet, die Bilder zeigen einen kleinen Ausschnitt im Leben von Menschen im ärmeren Stadtteil von Helsinki, die ihrer Arbeit nachgehen, scheitern, neu beginnen, wieder scheitern und in den Pausen daheim am Tisch oder im Wirtshaus am Tisch sitzen, trinken, rauchen, im Radio Nachrichten hören vom Krieg in der Ukraine und manchmal in der Karaokebar singen. Dort sehen sich eines Abends zwei Verlorene an und ihre Augen füllen sich mit Sehnsucht. Der launische kleine Wind des Lebens treibt sie aufeinander zu und wieder weg, sie suchen sich und verfehlen einander und lassen es geschehen und ergeben sich kampflos ihrem Schicksal, das nochmal einen Versuch startet und Zufälle auf den Weg streut wie kleine Blumen in der Wüste … und  … von einem Happy End zu sprechen wäre die falsche Formulierung, aber das Ende ist wie der ganze Film zärtlich und voller Liebe zu seinen Mitwirkenden, den Verlorenen auf dieser Welt.

Großartig in der Rolle der Ansa:  Alma Pöysti
Großartig in der Rolle des Holappa: Jussi Vatanen

Wunderbare Musik, u.a. alte Schlager auf finnisch, Tango und eine Band, die eine Entdeckung ist: „Maustetytöt“ mit dem Lied: „Syntynyt suruunja puettu pettymyksin“

Wie Aki Kaurismäki aus einer wortkargen, minimalistischen Handlung, wo außer Scheitern und Verlorenheit und Trostlosigkeit nichts wirklich passiert, eine Geschichte der Zärtlichkeit, Liebe und menschlicher Nähe zaubern kann? Wie schafft er es, daß aus allen Augen im Film so eine große Sehnsucht heraustropft … und die Tatsache, daß das Leben schön ist, trotzalledem … nach dem Film seh ich im Badezimmerspiegel in meinen Augen auch so einen Glanz, den der Film hinterlassen hat.
Auf ARTE kann man ihn noch eine Weile anschauen.

Unsere wilden Schneeglöckerln sind wieder in ihrem Roadmovie als fahrendes Volk herumgewandert. Inzwischen wundere ich mich nicht mehr darüber, daß ein ganzes Büschel plötzlich hinterm Haus wächst, wo sie noch nie waren. Kein Mensch konnte bisher herausfinden, wie sie das machen, daß sie plötzlich 10, 20 Meter weiter weg auftauchen. Aber ich vermute, daß es eh niemanden interessiert, weil in den robotergemähten Rasen sowieso kein einziges wildes Schneeglöckerl mehr wächst.

 

Liebe Brieffreundin, ich grüß dich herzlich aus der fernen Nähe.

 

 

Briefe an die nahe Ferne ( 3 )

Memento mori 

Am Aschermittwoch zeichnet der Priester ein Kreuz aus Asche auf die Stirnen derer, die daran erinnert werden wollen und mutig genug sind, sich diesen Worten zu stellen:
Bedenke Mensch, daß du Staub bist und zum Staub zurückkehrst.

Bei den Römern soll beim Triumphzug  hinter dem siegreichen Feldherren immer ein Dienender gegangen sein, der andauernd mahnend den Spruch wiederholte:
Memento te hominem esse – Bedenke, daß du ein Mensch bist.

Ja, bedenke, daß du ein Mensch bist.

Die Fastenzeit hat begonnen und sie dauert , wie der alte Name „Quadragesima“ schon sagt, 40 Tage. Diese Zahl 40 hat eine tief symbolische und magisch/spirituelle Bedeutung und taucht in der Menschheitsgeschichte immer dann auf, wenn es um Übergänge von Altem zu Neuem, Wandel, Reinigung, Prüfungen geht und zieht sich durch die Überlieferungen der Völker. Ob man da jetzt irgendwas wissenschaftlich beweisen kann ist mir nicht bekannt. Die heutige Psychologie spricht davon, daß angeblich 40 Tage Disziplin ausreichen, um diverse Routinen zu ändern.

Für mich ist sie höchst geheimnisvoll, diese Zahl 40, und da ich eine alte Geheimniskrämerin bin, forsche ich den Geheimnissen mit Leidenschaft hinterher und entdecke seltsame Parallelen:

40 Wochen dauert in der Regel eine Schwangerschaft
40 Tage braucht die Seele, um sich nach dem Tod zurechtzufinden und sich darauf vorzubereiten, am 40. Tag den irdischen Bereich zu verlassen
40 Tage nach seiner Auferstehung ist die Himmelfahrt Christi
40 Tage hat Jesus in der Wüste gefastet
40 Tage war Mose auf dem Berg Sinai
40 Jahre regierten die biblischen Könige
40 Tage ist das Volk Israel durch die Wüste gewandert
40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut
40 Tage lagen im 14.Jahrhundert in Venedig die Schiffe in „Quaranta“, um die Pest abzuwehren
40 Tage dauert die spirituelle Einkehr bei den Sufis
40 Schläge bei der Geißelstrafe waren genug, um den armen Menschenkörper zugrundezurichten, aber ihn gerade noch nicht zu töten

Und weil ja alles immer mit allem in manchmal rätselhafter Verbindung steht, soll hier auch dieses Zitat von Hesiod nicht unerwähnt bleiben über diesen mysteriösen Sternenhaufen der Plejaden, ich kann es nicht belegen, aber wie schon gesagt, jede r soll glauben, wie es ihr/ihm beliebt.

„Wenn das Gestirn der Plejaden emporsteigt,
dann beginne die Ernte,
doch pflüge, wenn sie hinabgehen.
Sie sind 40 Nächte und 40 Tage eingehüllt,
doch wenn sie wieder leuchtend erscheinen,
erst dann beginne die Sichel zu wetzen.“ (Hesiod)

Und selbstverständlich fällt mir der französische Spielfilm von 1954 ein, der sehr frei nach den „Geschichten aus 1001 Nacht“ die Geschichte von „Ali Baba und die 40 Räuber“ erzählt, mit Fernandel und Dieter Borsche in den Hauptrollen. Ich werde danach suchen und ihn hoffentlich irgendwo finden. Genau das Richtige jetzt für diese völlig eingeschneiten Tage des Februar.

Der wunderbare Hotfox63 hat grade The Pogues aufgelegt :

„…clouds are drifting across the moon
Cats are prowling on their beat
Spring´s a girl from the street at night
Dirty old town…

... Saw a train set the night on fire
I smelled the spring on the smoky wind
Dirty old town …

Really.

Liebe traurige Kraulquappe, ich grüß Dich von Herzen und umarm Dich aus der fernen Nähe!

 

 

Briefe an die nahe Ferne ( 2 )

Das Wetter ist dramatisch.

Es ist plötzlich warm, viel zu warm, die Vögel flattern hektisch herum, sollen sie denn jetzt schon mit dem Nestbau beginnen? Reges Kommen und Gehen am Futterplatz. Wer holt nachts den Fettknödel, den ich auf den Boden lege, die Eichkatzerln? Ja, da gibt es ein paar schwarze, die zwischendurch herumhüpfen, aber wie transportieren die so einen großen Fettknödel zum Kobel?
Die ganze dunkelblaue Alpenkette bis weit hinein ins Hochgebirge liegt vor mir, der Föhn hat gewaltige Kräfte und schiebt sie immer weiter ins Flachland, dann kommt der Sturm und schleudert sie wieder zurück.

Die Schneeglöckerln stechen ihre Blätter, die noch schützend ihre grünen Arme um die Blüten gelegt haben durch altes Laub und wollen wachsen, die Sonne sehen, größer werden werden, werden ,werden, um zu blühen. Wie immer passiert alles gleichzeitig. Kinder wollen geboren werden und wachsen und an anderer Stelle sitzt eine Tochter am Bett, in dem der Papa liegt und seinem Vergehen entgegenschläft. Ein jegliches hat seine Zeit im Großen Kreis und sie können nichts anderes tun als warten. Irgendwann ist sie reif, die Zeit, und dann erhebt sich die Seele eines Vaters und schwebt hinaus in unbekannte Fernen. Wir werden hineingeboren in die Welt, gehen ein Stück und werden wieder hinausgeschickt. Alle, alle gehen wir den gleichen Weg und durch die Türe hinein und wieder hinaus gehen wir alleine. All – ein.

Ich esse das selbstgemachte Gelee von den Ribisln (Johannisbeeren) aus unserem wilden Garten. Rot wie Blut leuchtet es auf dem Butterbrot und in mir klingt ein kleines Lied, das vor so vielen Jahren die Oma mit mir gesungen hat, über einen jungen Mann, der ein Mädchen liebt, die Haare schwarz wie Ebenholz, Lippen rot wie Blut und eine Haut weiß wie Schnee und immer wenn er ´s anschaut, tut ihm ´s Herzerl gar so weh …

Heute ist der „rußige“ Freitag, so hat man diesen Freitag im Fasching füher genannt. Heute sagt das niemand mehr und man braucht auch, wenn man anderen Menschen begegnet, nichts mehr befürchten … zumindest kriegt man kein schwarzes Gesicht mehr. Früher, vor so vielen Jahren, da hatte jeder ein Stück Kohle aus dem Küchenherd zur Hand und schwupdiwupp hatte man schon einen schwarzen Fahrer im Gesicht oder eine schwarze Nase. Das war natürlich für uns Kinder lustig, wir rannten wie die Wilden herum und es wurde viel und laut gelacht über die schwarzen, ärgerlichen Gesichter, denn der Ruß war nur sehr schwer abzuwischen. Manchmal, wenn ich so über früher nachdenke, frage ich mich, ob das denn alles Wirklichkeit war, oder ob ich mir das nur zusammenphantasiere. Wir hatten kein Geld, das Leben war schwerst belastet und es gab viel Zank und Streit und Not und Elend, aber es wurde eindeutig viel viel mehr gesungen, gepfiffen, musiziert und viel viel mehr gelacht. Und wenn man es daheim nicht ausgehalten hat, konnte man zum Nachbarn gehen, irgendwo sind immer die Alten vor dem Haus gesessen und haben mit den Kindern gescherzt. Heute sitzt niemand mehr auf der Hausbank, außer mir. Ich bin jetzt die Älteste im Dörflein, die alte Nachbarin ist seit ein paar Wochen auch weg, untergebracht im Altenheim, wahrscheinlich stimmts im Kopf nicht mehr so ganz. Das alte Bauernhaus steht jetzt ganz leer da und hat in der Dämmerung keine hellen Fensteraugen mehr. Das Haus ist wie tot und weiß noch gar nicht wie ihm geschieht.

Eine melancholische Stimmung liegt über dem Land, der nächtliche Sturmregen hat sich wieder beruhigt, der Föhn schiebt die Salzburger Steinberge über die (australische!) Grenze bis fast vor unsere Küchentüre, so daß ich über ihre Nähe direkt erschrocken bin beim Rausgehen.

Alles befindet sich noch in einer Art Zwischenwelt, es soll wieder schneien, dann wird der Matsch ums Haus nochmal zu Eis. Vom Fasching ist nichts zu spüren, sollte es irgendwo einen Mummenschanz geben, so findet er hinter verschlossenen Türen statt in den wenigen Wirtshäusern, die es noch gibt. Wie weit sind wir doch entfernt von den Ursprüngen, von da, wo der Fasching mit der Maskera nicht nur zum Austreiben der Wintergeister, sondern auch zur Umkehr der Verhältnisse von oben und unten gedient hat, einmal im Jahr durften alle mal das sein, was sie wollten und die ganze Herr/Sklave Ordnung wurde ad absurdum geführt, im großen Rausch untergehen und durchdrehen im wilden närrischen Chaos für eine Woche vor der Fastenzeit.

Das jährliche uralte Brauchtum des „Aperschnalzens“ wird GottseiDank noch beibehalten. Das „p“ in aper wird in der alten Sprache sehr weich ausgesprochen, ein Buchstabe, den es in der schriftdeutschen Ausgleichssprache nicht gibt, ein Mittelding zwischen b und w. Aper ist ein eigenes Wort und bedeutet, sehr unzulänglich übersetzt soviel wie „von Schnee und Eis befreit“, naja, so ungefähr halt. Das Schnalzen ist eine höchst komplizierte Angelegenheit und es dauert bestimmt Jahre, bis man die Technik kunstfertig beherrscht. Geschnalzt wird mit einer Art Fuhrmannspeitsche, die einen Knall macht, wenn man sie schwingt. Ein durch und durch heidnischer Brauch hier im katholischen Rupertiwinkel, der die Winterdämonen vertreiben soll und: die durch den Knall tief in der Erde schlummernden Samen dran erinnern soll, daß es bald an der Zeit ist, zu keimen. Ich hör sie gerne, wenn die Burschen und inzwischen auch Mädchen in langen Reihen dastehen und sich die Kommandos zurufen. Abends hör ich sie ein paar Kilometer weit, wenn sie üben für die offiziellen Auftritte. Die Auftritte und das Preisschnalzen haben wahrscheinlich diesen geheimnisvoll wunderbaren Brauch vor dem Untergehen gerettet.

 

 

Liebe Kraulquappe, Du tust gerade das Liebevollste, was man für einen Menschen tun kann:  Das kleine große Papamäderl sitzt bei ihm am Bett und wartet mit ihm, bis seine Zeit gekommen ist, und geht mit ihm die gemeinsame Geschichte zurück und vorwärts und zurück und vorwärts bis dahin, wo Du seine Hand loslassen kannst, weil ihm Flügel gewachsen sind  …

Ich zünd bei der Heiligen Frau ein Kerzerl an, für ihn und für Dich und vielleicht werden das manche, die das  jetzt lesen, auch tun, dann wird es ein wenig heller auf dem Weg. Ich grüß Dich herzlich aus dem Bergland in der fernen Nähe.

 

Briefe an die nahe Ferne ( 1 )

La casa degli occhi, der Uluru und das goldene Papavogerl

Bald werde ich sie wieder besuchen, die „Frau Mariana“, wie sie der freundliche Altenpfleger immer nennt. Er hört sich so an, als käme er aus einem östlichen Land, spricht aber so gut deutsch, daß er mir erzählen kann von seiner Großmutter, die wohl auch einen kleinen Bauernhof hatte und ihm als Kind das Mähen mit Sense und Sichel beigebracht hat. Er sieht das Foto von M., auf dem sie als Pächterin mit der Sense auf unserer Wiese steht. Ich sage ihm, daß M. die letzte Bäuerin war, die so kunstvoll und perfekt das Mähen mit der Sense beherrscht hat, es war eine Freude, ihr zuzusehen, wie flink und leicht das Gras zur Seite gefallen ist. Der Pfleger hat nasse Augen, weil er an seine Oma denkt und M. lächelt, aber ob sie alles verstanden hat? Sie sei auch eine so gute Tänzerin im Trachtenverein gewesen, daß sie Preise gewonnen hätte, leider war ihr Mann sehr eifersüchtig, wollte selber nicht tanzen und sie durfte auch nicht mehr. Ich weiß nicht, ob mich der Pfleger oder M. verstanden haben. Ich frage sie, ob sie nicht einen Radio möchte wegen der Musik. Nein, sagt sie energisch, nix mehr mag ich!

Über Weihnachten war sie im Krankenhaus und als ich sie danach im Pflegeheim besucht habe, hat sie mich erstmal nicht erkannt. Das Hören ist schwierig, die Hörgeräte bräuchten neue Batterien, ich unterhalte mich mit ihr schreiend. Zwischendurch scheint sie mich ganz normal zu hören und wir teilen dieselbe Wirklichkeit. Wir reden über die Toten in der Zeitung und darüber, wer alles wieviel Holz gemacht hat und wo die gefällten Bäume lagern. Das Holz interessiert sie sehr, weil sie selber viele Jahre im Wald mitgearbeitet hat.
Dann drängen sich andere Wirklichkeiten ins Bild und  umhüllen uns. Sie erzählt mir von Ausflügen mit Menschen, die schon lange tot sind. Und davon, daß sie jede Nacht in ein anderes Haus gebracht würden zum Schlafen und da wären viele Leute von früher, vor allem Patenkinder ihrer Eltern … nein, sie könne die nicht sehen, aber sie ist sicher, daß alle da sind. Und so geht es weiter und weiter, von Wirklichkeit zu Wirklichkeit und sie erzählt und beschreibt mir alles genau und fragt nach, ob ich ihr das schon auch glaube.

Ja, ich glaube ihr, was wissen wir schon darüber, welche Welten um uns herum sind, die wir nur nicht sehen. Die Demenz schreitet voran, kann man dazu sagen und traurig sein  über den Verlust des Normzustandes. M. scheint nicht unglücklich zu sein, um sie herum weiten sich die Welten und neue Räume scheinen zu entstehen. Ich werde auf diesem Weg nicht wissen, ob sie mich beim nächsten Besuch noch erkennt, aber sie wird mich aus großen Augen ansehen, wie alle, die im Heim wohnen mich ansehen, wenn ich komme. Viele Augenpaare richten sich dahin, wo jemand zur Türe hereinkommt. Und in diesen Augen ist nichts anders als bei allen anderen Augen, egal ob jung oder alt, Verdruß, Traurigkeit Sehnsucht und Enttäuschung, Aufblitzen von Freude oder stumpfsinnige Leere und Mißtrauen oder freundliches Erkennen gibt es überall. Auffallend hier ist, daß so viele Augenpaare in die gleiche Richtung schauen. Ich nenne das Haus nicht gerne Pflegeheim, sondern „La casa degli occhi“:   Das Haus der Augen.

Das Altwerden ist nichts für Feiglinge ist ein blöder Spruch, weil’s ja nichts hilft, auch Feiglinge werden alt, wenn sie nicht vorher sterben. Als gestern in einer Arztpraxis ein alter Mann gefragt wird nach seinen Beschwerden und schlecht hört und eingeschüchtert ist und nicht so recht weiß, wie ihm geschieht und warum er da ist, da steh ich daneben und zeige brillenlos erst die Kontokarte, dann den Ausweis her, bevor ich endlich die richtige  Karte finde. Heute erscheine ich zu einem falschen Zeitpunkt bei der Zahnärztin und behaupte, auf dem Zettel stünde … nein, leider nicht, daheim seh ich es …  meine Güte, die Jahre fliegen mir um die Ohren und weg sind sie. Grad noch war ich doch 43, jetzt bin ich 73, das Gebein tut mir weh, das hab ich wohl von der Oma, die sagte auch immer: Achachach, das ganze Gripp (Gerippe) tut mir weh. Trotzalledem tanze ich gerne Samba und alles mögliche und hüpfe unqualifiziert in der Gegend herum nach möglichst lauter Musik. Schad, daß es kaum MittänzerInnen gibt!

Vor paar Tagen lese ich im Großen Netz eine Beschreibung über unser angeblich so wunderschönes Bayernland und da steht wortwörtlich:
„Der Königssee, ein See nahe der deutsch-australischen Grenze im Landkreis Berchtesgadener Land gilt als der tiefste und sauberste See Deutschlands.“
Jetzt ist mir bloß nicht klar, sind wir mit unserem bei Föhn rotleuchtenden Untersberg drent oder herent … herüben oder drüben oder ganz woanders?

Die Wölfe sollen jetzt zum Abschuß freigegeben werden, weil sie jährlich ein paar Schafe reissen … das geht gar nicht, hunderttausende Lämmer, die jetzt bald an Ostern vom Metzger zerrissen werden für den Kochtopf … das ist ganz was anderes, gell.

Den Christbaumspitz, das singende goldene Vogerl, das der Papa noch geschmiedet hat, hab ich jetzt auch weggeräumt. Letztes Weihnachten hatten wir endlich mal einen Baum, dessen Spitze so stabil war, daß sie das schwere Schmiedeeisen ausgehalten hat … naja … ein bisserl hat sie sich verbogen … wirklich nur ein bisserl.

Sag ihm bitte, ich laß ihn ganz lieb aus dem australischen Bergland grüßen, Deinen Papa, meinen grüß ich auch, zum Himmel hinauf.

So, der Anfang ist gemacht, ich freu mich sehr, liebe Kraulquappe, wenn Du am Freitag, dem 13. dazu kommst, dann schreiben wir wieder gemeinsam weiter!

Einstweilen liebe Grüße aus der fernen Nähe!