Eigentlich wollte ich was schreiben von meinen Forschungen zur Wildnatur und welche Erkenntnisse darüber langsam in mich hineintröpfeln oder vielmehr, was alles aufleuchtet in mir, je mehr ich mich mit dem Wilden im Wilden beschäftige.
Aber heute wurde eine alte Frau zu Grabe getragen, die vor vielen vielen Jahren meine beste Freundin war, damals, als wir jung waren. Freundin sein war gar nicht schwer, es hat sich einfach so ergeben, weil wir den gleichen Schulweg hatten. Wir waren immer zusammen in jeder freien Minute. Doch dann wurden wir erwachsen, das Leben ging seinen Gang und wir verloren uns aus den Augen … so sagt man doch immer, nicht wahr. Eine Freundschaft geht aber dadurch nicht kaputt, da müssen andere Dinge passieren. Das schärfste Schwert hat nicht das Leben so allgemein, sondern der Verrat. Niemand mag ihn, niemand will bewußt verletzen, er schleicht sich leise an und wenn man ihn bemerkt, hat das Schwert schon längst zugeschlagen und alles unwiderruflich durchtrennt. Das wird dann oft als harmlose Jungmädchengeschichten abgetan. Aber der Schmerz schmerzt immer, egal wie alt man ist.
Ich stehe auf dem großen Parkplatz, um mich herum emsige Menschen, die Gekauftes einladen und wegfahren, andere kommen und schieben die noch leeren Wägen vor sich her. Ich sitze da, denke an sie und schaue zum Himmel hinauf, dort liegt ein dicker Engel auf einer riesigen Wolke, den Kopf hat er auf den angewinkelten rechten Arm gestützt, der linke Arm schaut aus wie ein großer Flügel.
Ein Engel mit einem Flügel.
Das, was ich damals nicht verzeihen konnte, ist schon lange Jahre nicht mehr von Belang, aber es hat manchmal geschmerzt, ein Schmerz zieht immer eine Spur durchs Leben. Verzeihen ist keine leichte Angelegenheit. Jetzt gebe ich alles an den Himmel ab, dorthin , wo Du jetzt auch bist, ich geb dem Rauch aus Deiner Asche alles mit, unsere Kinderzeit, unsere Verbundenheit, unsere Gefühle und Gedanken, die Musik, die wir hörten … alles Leichte wird aufsteigen, ein paar Erinnerungen werden zu schwer sein und womöglich wieder herunterfallen, aber vielleicht werden sie inzwischen zu Tautropfen und eine Rose saugt sie auf.
So lange ist alles schon vergangen, wir waren beste Freundinnen und dachten, es gäbe dieses „wir“ ein Leben lang. Da haben wir uns getäuscht, wir hatten ein paar wenige Jahre, in denen haben wir soviel gelacht, als ahnten wir, daß es für ein Leben reichen müßte.
Es hat nicht gereicht. Gar nichts hat gereicht. Nichts.
Und doch bin ich traurig und weißt Du, ich werde Dich nie vergessen, nicht das Traurige und auch nicht das Schöne … das schon gleich gar nicht.
Eine Rose lege ich auf Dein Grab … gegen die Vergeblichkeit.
Weißt Du noch, wie Du immer das frische Brot vom Bäcker ausgehöhlt hast , auf dem Heimweg , als wir den Berg die Radln hinaufgeschoben haben … immer wenn ich da hinaufschiebe, denke ich an Dich …
Komm gut heim.

Einen lieben Gruß an die Frau Kraulquappe









