Kategorie-Archiv: Ausflüge ins Universum

Wildfrau

Vorbei, vorbei, Weihnachten, Silvester, Dreikönig … vorbeigerauscht … beim Nachbarn fliegt am 6. Januar der Christbaum vom Balkon herunter. Ein Auto, irgendwo verschämt am Ortsrand versteckt geparkt, nur die Zeugen Jehovas parken noch unsichtbarer, ein sehr frommer Papa, voller Glauben an die Bereitschaft der Heiligen katholischen Kirche, die diesjährigen Einnahmen der Sternsinger an die Bedürftigen auf der Welt zu verteilen, wartet geduldig und in Liebe zum Nächsten, bis die drei wieder ins Auto steigen, aus dem sie von Tür zu Tür ausgespuckt werden.

Erschreckend deutlich in Umfragen, wie wenig die Bevölkerung weiß über den christlichen Hintergrund ihrer vielen freien Tage, geschweige denn, was vorher sich so alles abgespielt hat, außer der Tatsache, daß da niemand in die Arbeit muß.

Und so huschten auch völlig unbemerkt von den meisten Menschen die Raunächte vorüber,  die nicht mehr zum alten, aber auch noch nicht zum neuen Jahr gehören. Schwierig, zu sagen, was das für Energie ist, die sich unbemerkt in unser Leben hereinschiebt und was  so besonders sein soll, wild und unberechenbar, daß alles geschehen kann. Niemand weiß was Genaues darüber, es gibt Spekulationen aus allen esoterischen Richtungen, viele alte Geschichten, Sagen, Märchen … eine Zeit zum „Losen“ (horchen), nach außen, aber vor allem nach innen, und es ist immer das Gleiche: wenn man darauf wartet, daß irgendwelche Wunder geschehen, dann passiert gar nichts. Gut ist, so wenig wie möglich zu tun, ruhig sein und einfach alles sein lassen …“ viel Übung und Erfahrung braucht es, die Zeichen und Botschaften zu verstehen“ und oft ist es so, daß man erst hinterher merkt, daß irgendwas anders war als sonst.

Die schwarze Katze, eine wilde Freigängerin, die keinerlei Berührung duldet, bleibt nach dem Fressen noch sitzen, streicht mir um die Beine, mager ist sie geworden, ich weiß, was geschehen wird …  in den nächsten Tagen kommt sie und bleibt so eng an meinem Bein, daß ich sie wegschieben muß und maunzt. Am nächsten Morgen liegt sie friedlich vor der Türe, tot.

Der vor Weihnachten gefallene Schnee ist schnell weggetaut, Föhnstürme jagen um das alte Haus, der dunkelblaue Gebirgskamm am Horizont kommt näher, darüber rot aufgeflammter Himmel. Allein in der Ebene steht der Untersberg, ein massiver Felsklotz . Durch die Mittagsscharte, eine tiefe Einkerbung auf seinem Grat, dringt feuerroter Nebel wie aus den Nüstern eines Drachen … Von geheimnisvollen Erscheinungen wird berichtet seit Jahrhunderten, z. B.  das Phänomen der angehaltenen oder rückläufigen Zeit. Dann erzählt jemand, daß seine Tochter vor seinen Augen für eine halbe Stunde verschwand, obwohl  sie immer da war und sich nur nach einer Blume gebückt hatte…und die Tage darauf besuche ich Freunde, die sind nicht da, ich rufe zum Balkon hinauf nach Hund Willi, niemand da, habe so ein komisches Gefühl, die Stille um das Haus ist zu still, komme mir vor wie in einem Vakuum, fahre schnell wieder weg…dann ein Anruf, wo ich denn bliebe, man würde auf mich warten,…alle wären da, der Hund auf dem Balkon… warum konnten wir uns nicht sehen …

Irgendwo hinter  dem Untersberg liegt Berchtesgaden … im Namen die Huldigung der Uralten, weiter im Norden heißt sie Holla, viele Namen hatte sie schon, in den Gebirgsländern heißt sie Percht und einst war sie heilig und eine große Göttin. In der Zeit um Weihnachten herum bis hinein in den Januar fliegt sie durch die Luft, begleitet von einer Horde wilder Gesellinnen, aus ihrer Kraxe verteilt sie Seelen und wenn die Zeit reif ist, holt sie sie wieder ab. „Die Gans war das heilige Tier der Göttin. Als Mutter der Gänse (mother goose, so ihr englischer Name) war Holla/Berchta auch Herrin der fliegenden Frauen und Schamaninnen …

Früher gingen drei Frauen im Namen der Göttin helfend von Haus zu Haus und da, wo Not war, blieben sie , fegten die Stube aus, setzten sich zu den Sterbenden und halfen beim Gebären. Wenn sie wieder gingen, hinterließen sie ihren Segen.

Dieser Föhn, ein lauwarmer Wind im Winter, er kehrt das Innerste nach aussen, immer mehr schiebt sich in mein Bewusstsein das Bild eines großen Kessels, in dem gerührt wird … untere Seelenschichten schwemmt es nach oben, alles gerät durcheinander, Sicherheiten fallen auseinander, Gefühle zeigen Trugbilder, Wahrheiten geraten ins Schwanken, feste Bilder zerfallen in kleine Teilchen, alles schwimmt umeinander und ein Zauberstab rührt hierhin und dorthin und ich versuche einfach, loszulassen und auf die wohlwollendste Fügung zu vertrauen, die sich irgendwann in diesem Kessel zusammenbrauen wird.

Und wieder wird diese Sehnsucht wach in mir, nach einem Verbund der Frauen, „Zwölfe gingen übers Land“ heißt es irgendwo und ich fühle mich verloren so alleine, die Rituale der letzten Jahre sind verblasst, wir dürfen nicht aufgeben, neue zu erfinden … je älter ich werde, um so mehr spüre ich die lebenslangen Begrenzungen, das Ausbremsen meiner Wildnatur … auch rings um mich herum sehe ich es …und dann suche ich alte Geschichten und lese vor allem immer wieder in meinem Lieblingsbuch von Ursula Walser – Biffiger, die sich auch irgendwann in ihrem Leben auf die Suche nach den Wildfrauen begeben hat und unter anderem einen der wichtigsten Frauenorte beschreibt, die Spinnstube, die in alten Zeiten in geschützter Atmosphäre Liebesschule für junge Mädchen war und natürlich der Ort,an dem gerade während und nach den Raunächten die Geschichten gesponnen wurden:

… wird zunehmend ein Umbruch spürbar, der eine Zeit hervorbringt, die sich still öffnet: auf das Kommende hin, auf heimliche Verwandlungen, auf erahnte Möglichkeiten, auf Kräfte, die am Wachsen sind …mit Geschichten, die wir für uns selbst spinnen, für unsere Freundinnen und unsere Töchter. Von listigen , lustigen, lustvollen Weibern ist da die Rede, von faulen und fleissigen, von nährenden und heilenden, von rauhen und feinen, von ernsthaften, kichernden, wagemutigen und unverschämten. Von neugierigen Forscherinnen wird erzählt, von weisen Frauen, die die Zyklen des Lebens und des Wandels kennen. Von Genießerinnen, die sich verwöhnen lassen, von leidenschaftlichen Liebhaberinnen, aufrührerischen Widerständlerinnen, von zornigen Kämpferinnen, von stillen erfolgreichen Wandlerinnen und von denen, die sich aufmachen und ihrer Sehnsucht folgen. Wir erzählen von handfesten, unabhängigen Praktikerinnen und auch von solchen, die sich zurückziehen und träumen von neuen Welten. Von Frauenkraft erzählen diese Geschichten und von Mutterwitz. Sie nähren unsere Wurzeln, machen Mut, schaffen Wirklichkeiten – sind Keim für das Kommende.“

Und ich schließe mich gerne an, wenn sie noch schreibt, daß uns die wilden Begleiterinnen der Percht verwirren und stören und Krach machen, wenn unsere Geschichten zu brav werden und wir zu angepasst , dann erinnern sie uns daran, „daß wir die Freiheit aufgegeben haben. Den Frauen aber, die sich entschlossen haben, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und die Spinnerinnen ihrer eigenen Geschichten sind, bleibt die Percht das ganze Jahr über eine Freundin und Beschützerin …“

Es ist jetzt Lichtmeßzeit, noch kann gesponnen werden und nebenbei wird im Kessel umgerührt, das Lebenssüpplein zusammengebraut. Wünsche werden entgegengenommen und untergerührt, wenn man sie losläßt und reinwirft. Den Wunsch, es mögen 12 (13)  Feen spüren, daß die Zeit reif ist, den Stab in die Hand zu nehmen und loszugehen, um sich mit den anderen zu treffen und ein Fest zu feiern,  übergebe ich hiermit dem Kessel und lasse ihn umrühren und berühren

 

Das Kursive stammt aus dem Buch:

Wild und  weise
Weibsbilder aus dem Land der Berge von Ursula Walser – Biffiger
AT Verlag, Schweiz, 1998

dieses wunderbare Buch begleitet mich durch viele Jahreskreise als eine Quelle der Inspiration und des Vertrauens auf die Existenz der wilden Frauen, die von den Bergen herabsteigen, die nachts mit raschelnden Röcken in unserem Hof herumgehen und in meinem Herzen tanzen! Vielen Dank fürs Zitierendürfen, liebe Ursula!

 

 

Im Weg …

Es ist schon finster, als ich durch den Wald zum Dorffriedhof radle, um die Blumen am Grab zu gießen. Vor über fünfzig Jahren, welchen Weg hat sie eingeschlagen damals, auf ihrem grünen Damenfahrrad, das ihr mein Vater geschenkt hatte? Sie muß in der Nacht losgefahren sein, denn am Morgen war sie nicht mehr da. Noch heute träume ich manchmal davon und werde wach mit Herzklopfen, von trockenem Schluchzen und Entsetzen geschüttelt, mit der gleichen Angst wie damals, als sie verschwand.

Die Schwanenjungfrau im Märchen wird von einem Mann eingefangen, und ihr Federkleid kommt an einen geheimen Ort, hinter Schloß und Riegel in eine Truhe. Als sie nicht mehr wegfliegen kann, ergibt sie sich, läßt ihre Wildnatur zähmen, wird eine brave Ehefrau, eine  treusorgende Hausfrau und liebevolle Mutter …

… manchmal kommt sie zur Morgendämmerung aus dem Wald zurück und bringt eine Schürze voller Pilze mit. Sie ist unglücklich und keiner merkt es, denn sie ist gut gelaunt, erzählt alte Theatergeschichten und sie hat dieses glucksende, ansteckende Lachen. Sie kann über alles lachen, auch über sich selbst. Sie kommt aus einer anderen Welt, sie passt nicht hierher und sie kann die Anforderungen an sie nicht erfüllen …  Sehnsucht bleibt.

Eines Tages findet sie den Schlüssel zur Truhe und fliegt weg.

Eine Art, die Geschichte weiterzuerzählen ist, daß die Schwanenfrau eine Zeitlang nachts kommt, um ihr Kind zu versorgen und zu trösten … eine weitere Variante wäre, daß der Mann sich auf den Weg macht, seine Frau zu suchen, und sie nach vielen Abenteuern auch findet, den wilden Zauber von ihr nimmt und sie heimholt und dann leben alle glücklich bis an ihr seliges Ende.

In unserer Variante hat sie der Vater auch gefunden, ziemlich weit oben in den Berchtesgadener Bergen, er hat sie lachend und scherzend bei der Heuarbeit  angetroffen, bei Bekannten mit einem Bauernhof am ziemlich wilden und verwahrlosten Rande der Zivilisation. Er hat sie mitsamt ihrem grünen Rad in den VW Bus gepackt und wieder heimgebracht.

Ein, zwei Jahre später ist sie gestorben, meine notdürftig domestizierte wilde Mama.

Nie hat sie mit mir gesprochen über ihr Verschwinden und im Nachhinein erscheint mir ihr Tod nur als die letzte Konsequenz ihres damals eingeschlagenen Weges …Mir ist heute, als hätte ich sie damals unwiederbringlich verloren und womöglich suche ich sie schon mein Leben lang, wer weiß das schon so genau. Ein lieber Freund sagt mir, mein Lachen sei unwiderstehlich und ich täte immer so fröhlich glucksen dabei … ich achte  darauf und auf einmal höre ich sie in mir lachen … sie lacht durch mich hindurch.

Ich plane eine Reise, dahin, wo sie herkommt und verjagt wurde, ich werde keine Spuren finden können, trotzdem werde ich hinfahren an diese verlorenen Orte in Böhmen, in die Vergangenheit, oder in eine Parallelwelt zwischen den Steinen und in den Schatten der Gräser, auf die Strassen und in die Augen der Menschen … irgendwo dort wird irgendwann durch eine Laune der Geschichte eine junge Frau auf einen Weg ins Unbekannte geschickt, sie folgt ihm, notgedrungen, und dann, als sich ihr Weg irgendwo im Süden mit einem Fremden kreuzt, entstehe ich. Und ich bin unsicher, was mich erwartet, wonach soll ich denn suchen, alle Wege führen in dunkle Vergangenheiten, Namen verhallen im Nichts, die Geschichte meiner Mutter , ihrer und somit meiner Familie … lauter lose Enden wehen im Wind … eine leise Wehmut schlängelt sich durch mein Herz und mir ist, als wäre meine Sehnsucht auch ihre gewesen … Spürungen schleichen sich an, Angst vor der großen Verlorenheit … was kann ich denn finden, wenn ich nicht mal weiß, wonach ich suche?

Ein freundlicher Reisender kommt vorbei und macht Rast auf halber Wegstrecke im alten Haus. Zwischen zwei Flügelschlägen sitzen wir am Stubentisch und unsere Geschichten setzen sich lächelnd dazu, stellen Fragen und geben Antwort. „Geh einfach los, und Du wirst sehen, es ist ganz egal, welchen Weg Du nimmst, jeder ist richtig!“ Ich höre es und schaue in kluge und sanftmütige Augen … Als wir uns verabschiedet haben, durchziehen noch lange unsere Stimmen und das gemeinsame Lachen das Haus, eine Art Vertrautheit, die entsteht, wenn aus Fremden Freunde werden …

Ja, ich werde einfach losgehen und abwarten, was passiert.

Hab Dank, lieber Zeilentiger!

Der alte Kirschbaum hat soviele Früchte, daß ihm ein Ast abgebrochen ist.
Aus den Kakteen quellen unzählbar viele Knospen und schicken sich zum Blühen an
und ich habe endlich herausgefunden, wo der Tatzelwurm (die bayrische Variante des Drachen) hausen soll: in der Gumpe unterhalb des Wasserfalls nämlich, dies gilt es demnächst, genauer zu erforschen.

 

 

 

Herr Graugans fliegt nach Osten…

Mehrere äußerst seriöse Herren stehen relativ geduldig an der Absperrung im Salzburger Flughafen und beobachten genau, was Herr Graugans aus seinem Rucksack holt und als endlich die teuren Kameras und alle Filme, in viele Frühstücksbeutel vom Aldi verpackt und mit Ikeaclips verschlossen , auf die Schalen verteilt sind, fasst sich einer der Herren ein Herz und sagt: Darf ich Sie mal was fragen, Sie sind doch ein Profi oder? Denn wer heutzutage verreist denn mit so einer Ausrüstung und mit Filmen…richtigen Filmen? Nur ein Profi fotografiert noch mit Analogkamera … Profi … hmmmmh, sagt Herr Graugans, naja … nein … doch ja … nein kein Auftrag … eigene Erkundungen … Passsion … Kunst …sie werden weitergeschoben von den jetzt doch ungeduldig werdenden Herren … alle werfen mir noch einen anerkennenden Blick zu, als einer mir zuruft:  Also das ist ja ganz was Besonderes … Ja, da hat er Recht, der Herr Graugans ist ein besonderes Exemplar der Gattung Mensch, sonst würde ich nicht seit 33 Jahren mit ihm unsere gemeinsame Geschichte weiterspinnen!

Sie gehen weiter, viele Menschen kommen hinterher, ich höre noch … Istanbul – Kiew – Odessa – ins Herz von Europa … irgendwelche Auskünfte zur Analogkamera verstehe ich schon nicht mehr … ganz hinten taucht nochmal der schöne graue Kopf auf, ein strahlendes Lächeln im Graubartgesicht … ein winkender Arm … und schon ist er verschwunden, mein wunderbarer Herr Graugans, auf eine Erkundungsreise entlang seiner Sehnsucht, in den Osten.

Diese Reise ist schwer erkämpft, berufliche Selbständigkeit läßt kaum eine Lücke für eine Auszeit und wenn es nur zehn Tage sind. Um so mehr freue ich mich, daß er es geschafft hat, wegzukommen. Im letzten Moment, bevor ich ihn zum Flughafen bringe, finde ich unsere tote kleine schwarze Katze, die sich wohl mit letzter Kraft und sicher ganz unsäglichen Schmerzen heimgeschleppt hat, die Hinterbeine fast ganz abgeschnitten , nach dem üblichen maschinellen Schnelldurchlauf der Heueinbringung, der immer mehr zu einer gewaltsamen Heimsuchung wird für alles was wächst und kreucht und fleucht. Es soll angeblich Bauern geben, die gewisse Vorkehrungen treffen, die verhindern, daß Rehkitze oder Katzen totgemäht werden…unser kleines schwarzes Katzerl war leider auf der falschen Wiese.

Und so hat Herr Graugans vor seinem Abflug noch dieses arme Wesen vergraben. Ja, wir leben auf dem Land … die Menschen in der Stadt sagen immer, ach Ihr lebt ja hier draussen in einer Idylle … na ja, wie man´s  nimmt.

Die ersten wilden Rosen blühen.

Der ehrwürdige Nußbaum hinterm Haus scheint sich wieder erholt zu haben.

Draußen ist es brütend heiß. Ich sitze im Haus meiner Vorväter und es wird immer größer und leerer um mich herum. Sie ist eine Herausforderung, diese Leere und ich nehme sie an … sonderbar, wie wenig einsam ich mich dabei fühle.

Ich schenke dem Haus und mir ein paar Tage völliges Alleinesein, um wieder ins Gespräch zu kommen und ich brauche nur abwarten, was geschieht. Wir nehmen die Spürung auf, bis zum Morgengrauen sitze ich da und horche und dann endlich kriechen sie aus den Ritzen der alten Balken, die Geschichten … das Haus gibt sie frei und schenkt sie mir … legt sie mir förmlich vor die Füsse …

Oft schon habe ich mit dem Haus gehadert, es wie einen Klotz am Bein empfunden, wollte es loswerden und musste erkennen, daß es untrennbar mit meinem Herzen verbunden ist. Wenn ich auf die Sprache meines Herzens höre, dann höre ich auch, was das Haus zu mir sagt. Und ich höre außen, was innen gesagt wird. Ganz einfach. Und ich beginne wieder zu verstehen, was es will, weil mein Herz das auch will … es sind die Geschichten …immer wieder die Geschichten … das Haus braucht Geschichten … in der Stube sind unzählige Geschichten erzählt worden, immer schon, manche wurden gesungen, manche nur geflüstert, geschrieen, manche waren heimlich und existierten nur in Augenblicken, meine Mutter war eine Geschichtenerzählerin, Herr Graugans und ich sind es auch und viele, viele weitere sollen dazu kommen …

Ein Ort der Geschichten möchte es sein, dieses alte Haus … Diesem Wunsch werde ich gerne wieder nachkommen und liebe Menschen einladen, die alle ihre Geschichten mitbringen und das Haus füllen mit Zauber, Geheimnissen, Liebe, Abenteuern … mit allem, was das Leben so dabei hat. Die Tür ist auf für freundliche Reisende, die sich an den Tisch setzen wollen und erzählen ! Und mir fällt ein, was Herr Graugans gesagt hat, zum Abschied am Flughafen:

Reisen macht doch erst dann richtig Sinn, wenn man hinterher jemandem darüber berichten kann!  Ja, da ist was dran, ich brenne darauf, es zu erfahren!

Die Welt mag ja schlecht sein, aber eine gute Geschichte ist sie allemal wert!

Und sei es nur die von dem ehemaligen Rotarmisten, der jetzt in Kiew Taxi fährt und dessen deutscher Wortschatz besteht aus: „Erbswurst“ und „Naumburg an der Saale“, da war er nämlich stationiert.

Der Blog des Herrn Graugans, ein Roadmovie und noch viel mehr:

Erkundungen in der Ungleichzeitigkeit

 

I Margarita I Margaro…

Ich las im Postfach den ersten Satz im Brief einer lieben Blogfreundin : „Margarete, wie geht es Dir heute?“…Ja, wie geht es mir heute? Heute, in meinem Leben, zwischen Himmel und Erde, am Weltfrauentag…

Vor einem Jahr bekam ich plötzlich aus dem OFF einen Zettel zugeworfen, auf dem wurde mir medizinisch exakt dargestellt, warum auch ich damit zu rechnen habe, sterblich zu sein. Als die Wunde verheilt, trete ich hinaus ins Freie, dort treffe ich den Tod, der auf einem Steinhaufen in der Sonne sitzt und mich anlächelt…Du schon wieder, sage ich. Verstehst du jetzt mehr, fragt er mich. Nein, nichts verstehe ich und Angst habe ich auch vor dir! Er kommt zu mir und gibt mir seine warme Hand und sagt: ich sitze gerne auf heissen Steinen und ich verwandle mich gerne, schau…und schon fliegt ein kleiner Vogel in den blauen Himmel…

Das Leben ist verwirrend, beängstigend, vielfältig, beschwerlich, magisch, zauberhaft, schillernd und immer ist alles gleichzeitig, der Schmerz und die Freude, die Not und das Glück…ich will es ausschlürfen, ich liebe es, dieses Leben, mit allem, was es dabei hat…und wenn die Reise zu beschwerlich wird, na, dann muß man halt hin und wieder mal einen Koffer am Wegesrand stehenlassen…einfach abstellen und weitergehen, ohne sich umzudrehen…

Dieser Frauentag heute kommt mir vor wie die Würdigung der Putzfrauen in den Firmen zu Weihnachten…immer die, die eigentlich gar nichts zu sagen haben, werden besonders hervorgehoben und kriegen Geschenkkörbe…aber eigentlich hab ich keine Lust auf langes Gejammere , und ich höre auf, mich zu ärgern darüber, was ich so zu hören kriege im Jahr 2017! Eine Studentin sagt mir, sie habe diese „Emanzipation“ nicht nötig, sie wisse ja, daß sie eine Frau sei…ach du Mäuschen, vor noch gar nicht langer Zeit haben sich sogenannte „Flintenweiber“ erschlagen lassen, nur weil sie gefordert haben, daß Frauen studieren dürfen…Und ein sehr freundlicher, linientreuer und intellektuell durchaus nicht minderbemittelter Katholik sagt mir: Seid doch froh ihr Frauen, daß Ihr nicht Priester werden dürft, das ist so ein mühseliger Beruf, für euch gibt es doch viel schönere Aufgaben.

Ja.

Das dazu.

Ach ja, aber ich wollte ja sagen, wie es mir geht: ich will Musik und Tanz und Fröhlichkeit und Umarmung

TROTZALLEDEM!!!

Und als ich heute beim wunderbaren Herrn Riffmaster die griechischen Lieder der Nana Mouskouri hörte, war es um mich geschehen und ich will uns allen diese große Sängerin hier schenken an diesem Tag…denn ich vermute mal, egal welches Geschlecht, alle haben wir irgendeine Sehnsucht und träumen uns weg auf das unendliche blaue Meer, in die Ferne und in die Nähe irgendeines Herzens, das auf uns wartet irgendwo…oder etwa nicht? Ja, ich habe eine wildromantische Seele und ich liebe diese griechische Musik und ich wünsche mich mit Euch allen in eine Taverne in Piräus und die Zungen werden schwer vom Ouzo und irgendwer fängt an zu tanzen…

Ich habe es beim Riffmaster schon gesagt, hier noch mal: Wenn jemand eine Taverne kennt und einen Zeitpunkt sagt…ich täte glatt hinfahren, das wäre ja ein Ding, Blogtreffen in Piräus…also…das verspricht Abenteuer, grad richtig für eine, die in paar Monaten süße 65 Jahre alt wird!

 

Aber jetzt hört zu und dann schaut gleich in Eure Kalender!

Nicht so ganz griechisch, aber macht ja nix, irgendwas ist immer…trotzdem sooo schön!

 


Aspri mera…weißer Tag

Milisse Mou

Rede mit mir
Ich habe in meinem Garten, den Brunnen
angemacht, damit die Vögel trinken können,
damit auch du kommst, morgens und abends,
wie ein kleiner Wassertropfen,
du kamst eines Abends mit dem Wind
und mein Herz seufzte,
ich sagte dir sehnsüchtig guten Abend
und du sagtest mir Lebewohl.

Rede mit mir, rede mit mir,
ich habe dich noch nie geküsst
rede mit mir, rede mit mir,
wie soll ich dich vergessen, mein Gott,
rede mit mir, rede mit mir,
ich habe dich noch nie geküsst
rede mit mir, rede mit mir,
nur in meinen Träumen küsse ich dich.

Ich habe Gras vor deine Türe gepflanzt,
damit du Schatten und Frische hast,
und ich kam bevor der Mond wechselte,
damit ich dir Wärme bringe.
Ich brachte dich zur Anhöhe der Sonne,
zu den breiten Straßen,
aber es kamen Kälte und Wind,
und du hast mir kein Feuer gemacht.

Rede mit mir…

…und weil ich ja auch eine Margarita bin, schenke ich mir und allen Margariten dieses Lied, das Mikis Theodorakis für seine kleine Tochter komponiert hat…es soll vom weiten Meer in blauen Augen handeln und von einem Schifflein…und von der Sehnsucht…vielleicht kann´s ja mal jemand übersetzen…

es ist sicher nicht die beste Aufnahme, aber es gefällt mir so, wie selbstverständlich die Leute bei diesem Fest mitsingen, alle können den Text… da wäre ich gerne dabei… also, Ihr Lieben, wir treffen uns in Piräus, ca. in einem halben Jahr, abgemacht, oder?

Staub…

Ich laufe in der Nacht draussen herum, tanze wie irre auf der Straße und halte Dein Lieblingslied zum Himmel hinauf, Wolfi,so lang, bis die Batterie vom Handy leer ist! Kannst Du es hören, dort, wo Du grad bist?

Vielleicht existiert noch eine Art Schwingung von Dir in einer der Parallelwelten dort droben…dort draussen…die mitkriegt, daß ich meine Schwingung dorthin schicke mittels Musik, die durchdringt doch alle Membranen…und mein Tanz…und meine Gedanken…und meine Liebe…mehr wie Wünschen geht nicht.

Du hattest auch immer so große Wünsche, von allem nur das Beste, und davon viel…nicht nur ein Bett für die Nacht, nein, „Nights in white satin“ sollten es sein, selbstverständlich.

Hast Du eigentlich mitbekommen, daß ich vor dem Baum gestanden bin, wo sie Deine Urne versenkt haben? Um die vierzig Leute waren da, Wolfi, und ich glaube, ein paar waren darunter, denen hast Du mal das Herz gebrochen. Viele haben geweint, alle kamen freiwillig, und alle schienen Dich sehr gemocht zu haben. Du warst nicht allein, warum nur warst du so einsam?

Alleine ist man aussen, aber einsam fühlt man sich innen, nicht wahr, Wolfi?

20 Stunden war ich unterwegs und ohne meine Freundin Irm, die sofort ihr ganzes Leben umkrempelte, um mit mir diese Reise anzutreten in dem Bewußtsein, daß es Ereignisse gibt, zu denen man nicht alleine hinfahren darf, hätte ich das nicht durchgestanden.

Und dann saß ich da in der kleinen alten Holzkirche im Stahnsdorfer Friedhof bei Potsdam und hörte den Liedern zu, die Dein Herzensfreund ausgesucht hat. Und wieder klackern Deine Cowboystiefel über die Steinfließen. Und dann stehst Du vorne mit diesem kleinen süffisanten Lächeln… unschlüssig, was denn nun passieren sollte…

Das wusste niemand so recht, wir standen dann um den Baum herum, vor Deinem Grab und keiner sagte was. Ich hatte den letzten Blogeintrag ausgedruckt und wollte ihn eigentlich vorlesen und was von uns früher erzählen, aber dann war mir, als sollte ich nichts sagen, still sein…traurig, etwas ratlos. Ich, die ich mich für absolut unreligiös halte, habe plötzlich schmerzhaft den sakralen Teil vermisst. Ich hatte Sehnsucht, daß jemand was Tröstendes sagt…“Erde zu Erde – Staub zu Staub“…leider war so jemand nicht da und ich legte die fünf dunkelroten Rosen von uns allen neben das Erdloch und warf staubige rote Erde auf Deine Urne.

Das wars. Über uns gleissendes Sonnenlicht, tiefblauer Himmel und um den Baum schwarzgekleidete Menschen, die nicht sicher waren…sollten sie erzählen von gescheiterten Beziehungen zu Dir oder fragen, ob irgendwer denn wusste, wer Du warst, in Wirklichkeit?

Wer weiß schon, wer wir in Wirklichkeit sind.

Irgendwann waren die Tränen geweint, die schönen Geschichten über Dich erzählt, die schlimmen verschwiegen, Einladungen und Weiter-in-Kontakt-bleibwünsche ausgetauscht und dann sind wir gegangen und ließen Dich in Deiner Urne unter dem alten Baum zurück.

Beim Heimfahren haben wir laut bei allem, was im Radio kam mitgesungen. Und wir haben darüber gesprochen, warum einer wie Du so beliebt war und gleichzeitig so sterbenseinsam…weil Du Beziehungen kaputt gemacht hast, bevor sie sich in Deinem Herzen einnisten konnten…es ist jetzt egal, was wissen wir schon voneinander?

Weißt Du, Wolfi, und nach 1400 km absolut staufreiem, entspannten Fahren lande ich auf der Salzburger Autobahn und muß mich übernächtigt, vollgepumpt mit Adrenalin wie im Delirium den steilen Irschenberg im ersten Gang halbmeterweise hinunterquälen, eingezwängt in bedrohlich aneinandergeklebter Blechlawine…aber als ich unten das Unfallauto sehe, werde ich demütig und bin froh, noch am Leben zu sein.

Irgendwann einmal löst sich der Stau plötzlich auf und ich rolle über eine völlig freie Autobahn durch eine sternenklare Nacht, am Chiemsee vorbei den Bergen, unseren Bergen, Wolfi, entgegen. Ich bin hellwach und denk an Dich und was Du aus Deinem Leben gemacht hast. Ja, Wolfi, ich habe großen Respekt vor Deinem Mut !

Du hast das gemacht, wovor alle Vernünftigen zurückschrecken, Du warst so sicher, daß es mehr als Alles geben muß , Du warst so hungrig nach dem Leben, ja und Du hast wie eine Kerze von zwei Seiten gebrannt…warum hab ich ausgerechnet Dir nie gesagt, wie sehr ich Dich liebhabe und wie nah ich mich Dir fühle…

Du hast Dein Leben gelebt, wild, heftig , schmerzhaft, ohne Rücksicht auf Verluste, bis zur letzten einsamsten Konsequenz hast Du es leidenschaftlich und exzessiv ausgeschöpft, dann bist Du erloschen wie ein Stern und ein Häuflein Asche ist übrig…aber von uns allen, auch wenn wir noch so vorsichtig leben, bleibt von uns denn mehr? …ein kleiner Windhauch und alles ist weg, wir sollten also nicht warten, sondern es uns sagen, daß wir uns lieben, gleich…bevor es zu spät ist

Und dann spielen sie dieses Lied im Radio und ich weiß,

jetzt hat der Kreis sich geschlossen.

Die 13. Rauhnacht

Nach den 13 Monden nun also die 13. Rauhnacht.

Die alte Frau Percht, mit ihrem Rucksack unterwegs, um Verbrauchtes einzusammeln und Neues zu verteilen, gefolgt von wilder Jagd, diesmal alles ruhig, keine Schneestürme, Verwehungen, kein Sturmwind, der ums Haus peitscht, keine Bewegung? Oh, man darf sich nicht täuschen im Wind, dem wilden Gesellen, er dringt auch in unser Inneres, rüttelt an eingerosteten Türen, so daß sie drohen, aus den Angeln zu fliegen, reisst schmerzhaft die verklebten Verbände von alten Wunden und schneidet mit Eiszapfen die betonierten Wahrheiten durch. Auch so sorgt die Alte dafür, daß sich das Unterste nach Oben kehrt und eine neue Ordnung entsteht.

Wohin sind die Jahre gegangen, was wurde aus den Freundschaften? Wohin gehen die zurückgelassenen Teile der Entscheidungen, die man nicht wollte, das Eine oder das Andere der Alternativen? In welches Meer werden all die Geschichten gekippt, die nie erzählt wurden? Und all die Liebe, die im Raum stehenblieb, weil niemand sie annahm, wohin geht sie, ja wohin geht die Liebe, wenn man sie freiläßt, kann sie dann jemand sehen und sie sich holen?

Und all die Geschenke, die sich als unbrauchbar erwiesen? Und all die vertanen Chancen?

Verwirrungen und schwere dunkle Fragen auch diese, wieviel Zeit wohl noch bleibt und wozu.

Und die Alte lächelt ein wenig und sagt: „Ja, es ist, wie es ist, das gehört alles dazu, schau genau hin! “ Und sie schickte den Sturmwind auch mir, der durch mein Herz fuhr und mich wanken machte im schonungslosen Blick auf mein Leben, zeigte mir Narbengewebe und auch ein paar schlecht verheilte Wunden und Sehnsucht, kaum zum Aushalten. Und sie schickte mir Sternschnuppen als Lichtstreifen am Himmel, manche verglühten im Klang, manche trugen Zeichen, von manchen blieben Kohlehäufchen, in denen es glimmt und ein wenig Sternenglanz leuchtet daraus hervor und in ihrem Spiegel sehe ich eine, die mir gar nicht so schlecht gefällt, sollte ich die wirklich auch sein?

Die Alte, unergründlich und unberechenbar, schickt mir Freundinnenarme, wunderbar tiefe Gespräche, zeigt mir Silberfädchen, die durch die Luft fliegen und auf neue Begegnungen hinweisen sollen und auf Verknüpfungen im noch Ungeahnten…und sie sagt: “ Was Du nur immer hast, Du machst doch alles ganz gut, ach ja, die Einsamkeiten, Du weißt doch, die machen die Suppe im Kessel klar, Du magst doch nicht im Trüben herumschwimmen?“ Und bevor sie mir zum Abschied mit einer etwas rauhen Hand über die Wange streicht, schickt sie mir noch ein paar Tränen, als Salz für die Suppe.

Dann läßt sie mich alleine und mir ist, als sollte ich heut Nacht lange zum Himmel aufsehen und viele andere sollten es mit mir tun und wenn wir still sind, ganz still, dann

könnte sich was wandeln…

Und morgen, da sollten wir lachen und uns schön anziehen und tanzen und was Liebes zueinander sagen und Augen zum Glänzen bringen…das wird sie freuen, die alte wilde Frau Percht, die auf dem Weg zurück in die Berge ist…dorthin, wo Steinbock sein Reich hat und uns  fragen wird:

Was ist wirklich wesentlich?

Finis…?

Die letzten heissen Tage, in denen wir unsere kleine private Sommerakademie veranstalteten, sind längst vergangen, der Sommer ist alt geworden und hat im Herbststurm seine Kleider abgeworfen.

Als wir unsere Arbeiten fertigstellten, kamen grad viele tausend geflüchtete Menschen in Deutschland an, das Land spürte plötzlich ein mitfühlendes Herz in sich schlagen, rannte mit Altkleidung, Wasserflaschen, Plüschtieren und Transparenten zu den Bahnhöfen, verhielt sich freudig erregt und nannte dies „Willkommenskultur“. Es kamen und kommen immer mehr, hunderttausende und jetzt wird die Freude über die Fremdlinge deutschlandweit merklich kühler, an den Grenzen wird streng kontrolliert, die Bundesländer halten sich relativ zurück in der Aufnahmebereitschaft…

Als wir vor ein paar Wochen auf der Heimfahrt nachts aus Versehen die falsche Ausfahrt nahmen, lagen an der Grenze Salzburg/Freilassing kilometerweit auf den Gehsteigen und auf der Straße Kleiderbündel gestapelt herum, o mein Gott, ich schäme mich so sehr, ich dachte tatsächlich im ersten Moment, es wäre Altkleidung, nein, es waren Menschen. Hunderte, tausende Menschenbündel lagen in dieser kalten Nacht und warteten, viele nicht zugedeckt…und da wusste ich plötzlich, jetzt hat die Welt ihr wahres Gesicht gezeigt, und plötzlich war alles anders wie vorher. Seit dieser Nacht gibt es kein Wegsehen mehr, die Wirklichkeit hat alle Fernsehbilder überholt.

Inzwischen sind alle Geflüchteten (es kommen täglich mindestens tausend hinzu) in Zeltlagern entlang des Grenzflusses hinter Zäunen und unter Bewachung untergebracht und müssen warten, denn wegen der vielen Millionen, die auf das Oktoberfest wollten, durften die Geflüchteten nicht auch noch mit Zügen nach München fahren, wohin sie ja wegen Registrierung und Weitervermittlung müssen, das hätte die Stadt nicht mehr verkraftet, also Warten im Zeltlager. Inzwischen heisst es, nächste Woche dürften die Züge wieder fahren.

Die Ereignisse überstürzen sich ständig, die Probleme wachsen, erstaunlich, wie ruhig und andauernd hilfsbereit die hiesige Bevölkerung bleibt, trotz nahezu lahmgelegtem Grenzverkehr über Wochen wurde und wird zwar viel über starre Bürokratie und über alle staatlichen Eingriffe und über alles Mögliche geschimpft, nie über die Geflüchteten, niemand gibt ihnen die Schuld, im Angesicht der Not, die sie mitschleppen, werden ihnen die Hände gereicht.

Mittendrin in diesen ganzen übergroßen Ereignissen gab es unsere kleine, virtuelle Ausstellungseröffnung! Vor den Rechnern saßen wir und haben aufgeregt die wunderbaren Kommentare beantwortet und uns so sehr gefreut, daß Ihr alle hierher gekommen seid, zum luftigen Ort der Graugans, zwischen Himmel und Erde, daß Ihr die Arbeiten wahrgenommen habt und viele von Euch das Thema ins Herz gelassen haben!

In den letzten Vernissagen, „leibhaftigen“, an denen ich teilgenommen habe, waren ca. 20 BesucherInnen, die haben die Eingangsrede über sich ergehen lassen, sind nach einem kurzen Blick auf die Arbeiten in Grüppchen herumgestanden, haben über Urlaub etc. geredet und sind verschwunden. Eine Künstlerin war so gekränkt und verärgert, daß sie kein Wort mehr sprach mit der Kuratorin, die es nicht geschafft hatte, mehr Leute herzubringen. Also, wer aus eigener leidvoller Erfahrung weiß, wie schwer es ist, Menschen in Ausstellungen zu locken, vor allem, wenn man nicht DEN Namen hat oder massentaugliche Ware produziert, weiß auch, daß es an einen sensationellen Erfolg grenzt, wenn in zwei Stunden ein paar hundert „Zugriffe“ vermeldet werden.

Habt Alle herzlichen Dank für´s Kommen, für´s Mitmachen bei diesem virtuellen Experiment, vor allem für´s Mitreden, für´s genaue Hinschauen und -hören und auch  denen, die kein Zeichen hinterließen, für´s aufmerksame Wahrnehmen!
Dank von Herzen, es war so schön mit Euch, so gute Gespräche, so viel gute Energien kamen geflogen und manch eine Präsenz von Euch war spürbarer in dieser luftigen Weite als viele, neben denen man leibhaftig so herumsteht!
Das Rad dreht sich weiter, unsere Arbeiten wurden der virtuellen Unberechenbarkeit übergeben.
Seid gegrüßt, bleibt mir gewogen und laßt uns weiterhin in irgendeiner Weise miteinander in Kontakt sein, ich freu mich drauf und stehe zur Verfügung!

„Komm Schatz, wir stellen die Medien um…“

Leider bedeutet ein Ausstellungsbesuch in der Kunsthalle Krems mindestens fünf Std. Autositzen, die derzeitige Ausstellung täte ich mir gerne öfters – am besten unendlich oft – anschauen: Pipilotti Rist – „Komm Schatz, wir stellen die Medien um & fangen nochmals von vorne an.“ Ausstellung läuft noch bis 28.06.2015.

Unbeschreiblich zauberhafte Videoarbeiten, die so außergewöhnlich sinnliche Wahrnehmungen auslösen, daß sich das Denken und die Versuche, herauszufinden, was das jetzt alles bedeuten könnte, ganz von allein einfach so abstellen, das Bewusstsein darüber, was innen und was aussen ist, verschwimmt. Unmöglich, zu beschreiben, wie genau es passiert, ich hatte jedenfalls das Gefühl von unendlichen Weiten, die sich in mir auftaten, ausgebreitet im Universum in ungeahnten Dimensionen und gleichzeitig doch alles hier und jetzt und in radikaler Verweigerung jeglicher Idylle.

Die Ausstellung ist so groß, kaum zum Erschauen, ganz sicher muß ich da nochmal hin!

Hiermit möcht ich auch nochmal einen besonderen Dank ins Waldviertel schicken, denn durch den Hinweis von Ingrid: http://waldviertelleben.blogspot.de/ hab ich überhaupt erst von dieser beglückenden Ausstellung erfahren!

Schmerzensmann

Wie schnell und immer schneller wir doch durch die Zeit schießen…Ostern vorbei, die Passionswoche, der Kreuzweg, die Parabel vom Leiden und grausigen Sterben eines Menschen, der wohl bis zum Schluß auf die Hilfe des göttlichen Vaters gehofft hatte. Schreckliche Ahnungen in der Nacht am Ölberg und das Ende, die fürchterliche letzte Konsequenz: keine Rettung für einen gewöhnlich Sterblichen. „Vater, warum hast Du mich verlassen?“ Weil Er nicht „rettet“, das ist nicht vorgesehen. Wir sind im Großen Kreislauf doch auch nichts anderes als kleine Zellen, die sich neu bilden und wieder absterben, alles wandelt sich ständig, aber wir sind wohl die einzigen Zellhaufen, die an einer Form festhalten wollen und mit aller Kraft, die wir haben, ignorieren, daß wir bereits an den Rändern ausfransen…wir laufen doch nur für einen Augenblick durchs große Weltenbild, im Höchstfall ein kurzes Aufleuchten und schon sind wir weg. Erst durch eine „Diagnose“ bekommen wir dann sozusagen das Todesurteil und dann schwitzen wir am Ölberg Blut und Wasser, denn jetzt wissen wir, wir sind sterblich. Und die Freunde am Ölberg haben geschlafen, ja, denn wer will schon dem eigenen, drohenden Tod ins Auge schauen im anderen Menschen?

Durch die Passion hat mich ein Spruch begleitet, wie ein Koan trage ich ihn in mir, manchmal ist mir, als würde eine Tür aufgehen, nur einen Spalt, aber sobald ich hinsehe, ist sie schon wieder verschlossen: „Werdet Vorübergehende.“ Einer der vielen umstrittenen, sehr rätselhaften Worte Jesu in den sogenannten „Apokryphen“, warum sich grad der Spruch mir angeheftet hat, weiß ich nicht, jetzt ist er da und begleitet mich.

Ja, natürlich, es gibt dann die Auferstehung, das Ende einer Parabel, das besagt, daß es kein Ende gibt. Interessanterweise legen hierüber die äußersten Randfiguren der Geschichte Zeugnis ab: Drei Frauen bemerken das leere Grab und sie haben die heilige Ahnung, daß soeben der Tod überwunden ist. Die Ahnung sei Ihnen von Engeln eingeflüstert worden…naja…wer´s glaubt!…Vielleicht haben sie es ja bemerkt, weil sie es ursprünglich wussten: die Erste spinnt den Faden, die Zweite reicht ihn weiter, die Dritte schneidet ihn ab, während ihn die Erste schon wieder gesponnen hat…und sind doch alle drei die Eine! Und alles, alles dreht sich im Kreise auf uralte Weise – und – das Ende hat stets den Anfang im Mund.

Das Göttliche Geheimnis hat kein Geschlecht, nicht wirklich, aber das Kind in mir sucht nach Bildern. Ich bin kein religiöser Mensch und mißtraue den gängigen Glaubensparolen und doch bin ich wohl eine Gottsucherin geblieben. Und ich suche vor allem die Spuren der alten Muttergöttinnen, vielleicht deshalb, weil ich meine Mutter schon so lange verloren habe. Und überall, wo SIE ist, ist auch ER, von Ihr geboren, Göttin und  Schmerzensmann, so als müsste ich Seine Geschichte erfahren um Sie zu verstehen? Nichts darf ausgelassen werden auf dem Weg, alles muß erfahren werden, Verrat, falsche Hoffnungen, Krankheit,  Einsamkeiten, Tod und Leben, Liebe, Freude…alles sollten wir durchtanzen, nirgends bleiben, weiter und weiter die Zeiten und Räume durchwandern im ewigen Tanz durch den Weltenkreis. Frei wie der Wind  möchte ich leben, manchmal ein Sturm, peitsche ich Wellen, reisse die Dächer von den Häusern, als lauer Wind streiche ich sanft über Blumenköpfe, so frei, frei bin ich, meine Gedanken versetzen Berge , bringen Vulkane zum Explodieren, lassen Wunden heilen und mein wildes Lachen läßt mich auf Wolken springen…so wild und frei tanze ich mit dem Drachen…trotz alledem!

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Nekropole

Sie vermauert den Eingang, wenn sie den Winter über im Haus lebt. Das Haus, das ist sie und sie ist das Haus und wenn sie ihren extrem sensorisch begabten Fußkörper zurückzieht –  mit dem sie sich ansonsten vorwärts bewegt, atmet, ernährt  – dann gleitet sie in der Spirale des Hauses in sich selbst zurück. Ihr Leib legt sich um sich selbst herum, schmiegt sich an die glatten Wände des eigens für ihn und durch ihn entstandenen Hauses. Sie ruht in ihrer eigenen, schleimigen Feuchtigkeit und kommt erst wieder heraus, wenn die Bedingungen für sie erträglich sind. Dann hinterläßt sie eine Spur, die im Mondlicht silbern glänzt.

In der Liebe mag sie gerne intensive Berührung und langandauerndes Aneinanderkleben zu zweit oder zu mehreren, sie wechselt ihr Geschlecht je nach Wunsch und sie schießt „Liebespfeile“ ab, zur allgemeinen lustvollen Stimulation.

Wenn sie sich nach dem Winter aus  dem Haus herausstrecken will, verspeist sie vorher ihre Eingangstür, damit sie genug Kalkvorrat hat, um das Haus zu reparieren oder zu vergrößern. Irgendwann stirbt sie.  Dann liegt dieses Haus eingegraben in der Erde und offenbart sein Geheimnis, das niemand versteht, nur sie kennt des Rätsels Lösung, aber sie hat sich im Nichts aufgelöst.

Was  bleibt, sind Bauwerke von  meisterhaft inszenierter Unendlichkeit, architektonische Antwort auf das Große Mysterium.  Jetzt im Frühjahr sind sie für geschulte Augen sichtbar,  im Wald, oder wie bei uns unterm Kastanienbaum hinter dem alten Haus, sie liegen in eigenartigen Anordnungen, als wären sie alle hier zusammen gekommen, um zu sterben, jede für sich allein in ihrem Haus, aber in Nachbarschaft mit anderen.

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