Archiv der Kategorie: Sternenstaub

Die Schwelle

Der eine Bussard sitzt auf dem Ortsschild vom Weiler: „Grübeln“, der andere ein paar Meter weiter auf einem Strauch, noch einer auf einem Pfosten neben der Straße.
Ein Storch geht im Storchengang über eine schneebedeckte Wiese, die Welt ist durcheinander und stimmt mit den Instinkten der Tiere nicht mehr überein, wo soll er Frösche finden, es ist Winter, warum ist er denn so früh schon wieder da, oder war er gar nicht weggeflogen?

Den wunderschönen Baum, der mit weit ausgebreiteten Ästen als Solitär neben der Straße direkt am Kreisverkehr stand, den ein Autofahrer ausgewählt hatte, um sich daran totzufahren, der ist weg. Sie haben ihn ganz weit unten an seinen Wurzeln abgeschnitten, daran kann sich niemand mehr totfahren. An dieser Straße steht jetzt vorsichtshalber über 10 km weit kein Baum mehr.
Früher haben wir, wenn wir mit dem großen Holzziehschlitten über den eisigen Hohlweg und anschließend über die steile Straße neben dem vereisten Bach durchs Dorf gesaust sind, was bei meiner Mutter zu Tobsuchtsanfällen führte wegen der Lebensgefahr, in der wir schwebten, da haben wir immer geschrien: „Aus der Bahn, aus der Bahn, hinten hängt der Teufel dran!“

Vor paar Tagen war Mariä Lichtmeß. Am Vorabend vor vielen Jahren sind wir auf dem nackten Holzboden der Stube gekniet und haben den Rosenkranz gebetet. Auf dem Tisch waren die bunten Lichtmeßkerzen auf einem Brett mit Wachs aufgeklebt, sie brannten genauso lang wie das Gebet dauerte. Als mein Großvater, den mein Vater sehr geliebt hat, gestorben war, hörte das Rosenkranzbeten schlagartig auf, aber meine Oma hat die kleinen Kerzen trotzdem angezündet. Seit Jahrzehnten wird dieser Brauch nicht mehr gepflegt, auch das Segnen des Kerzenvorrats für das ganze Jahr an Lichtmeß hat keine Bedeutung mehr. Eigentlich schade, es geht immer ein Stückerl Kultur verloren, wenn diese Haltepunkte in einem Jahr, die Zeichen am Weg sozusagen, verschwinden. Bei den Bauern waren um Lichtmeß herum die sogenannten „Schlankeltage“. Man hat zu diesem Termin die Dienststelle als Magd oder Knecht gewechselt, man hat „geschlankelt“. Und alle Frauen im Haus haben (außer bei großer Armut oder Geiz) einen Wachsstock bekommen für das „Aufbetten“, das heißt fürs Bettmachen der Männer das ganze Jahr über. Die besonders schönen Wachsstöcke standen dann in der Vitrine, nur die ganz einfachen wurden angezündet.

Die Weihnachtszeit ist jetzt vorbei, wie auch das alte Bauernjahr, der Jahreslohn ist ausbezahlt, man bleibt da, wo man ist oder wechselt die Dienststelle. Der Wassermann trägt das Wasser des Lebens in die schwindelnden Höhen des Olymps zu den Gottheiten hinauf, um sie unsterblich zu machen.
Und er kommt wieder und ist voller Visionen für eine bessere Welt, allem Neuen voran steht die Vision.

Die Kraulquappe und ich sind weit voneinander weggegangen, so lange und so weit, bis wir uns fremd genug waren, um zu spüren, wie nah wir uns sind. Und jetzt  planen wir, uns Blog-Briefe zu schicken und wieder parallel zu schreiben. Angedacht ist, diesen alten Zeitpunkt für das Beginnen unserer gemeinsamen Arbeit zu wählen und zu schlankeln …  von Lichtmeß zu Lichtmeß, vorerst mal immer am Freitag. Wir würden dann aus einer fernen Nähe an eine nahe Ferne schreiben …

Vor Beginn dieser neuen Arbeit sitze ich mit der alten Brigid, der Göttin des beginnenden Lichts, des Feuers und vor allem der Beschützerin meines Lieblingsortes, der Schwelle genau dort, wo ja auch mein Blog angesiedelt ist: Zwischen Himmel und Erde. Schwarz ist das unendliche All, aber überall flackern kleine Feuerflammen auf, auch auf den Tee- mit- Rum- Gläsern, die wir halten, tänzeln sie . Da sitzt sie neben mir, die Göttin mit dem neuen Licht.Sie lächelt mich an, während wir durchs All schaukeln und dann nimmt sie plötzlich meinen schweren Sorgensack und leert ihn aus, einfach so, und die Sorgen werden zu kleinen Kristallen, die im Licht ihres Sternenmantels funkeln und dann breitet sie ihren Transformator-Mantel um mich und ich werde ganz hell, wir lachen beschwipst und der Mond muß auch so lachen, daß sein dicker Bauch hin und her wackelt. Wir lachen über den ganzen Wahnsinn des Lebens und des Sterbens, die Göttin, der Mond und ich, und , daß es sehr von Vorteil ist, ein wenig verrückt zu sein. Die Schwelle ist ein guter Ort dafür.

In Amerika hat sich nach schrecklichen Morden einer hingesetzt und ein Lied geschrieben und dann stellt er sich auf die Bühne. Er steht da, ein aufrechter Mann mit altem Körper und dem leidenschaftlichen jungen rebellischen Glanz in den Augen und er singt nicht nur, sondern wirft sich mit seiner Seele und seinem ganzen Leben, seinen Depressionen, seiner kranken Frau und der Verzweiflung über das, was in seinem Land passiert, dem Publikum vor die Füße. Da steht er, nackt und bloß, so wie er angefangen hat, ein Mann und seine Gitarre. Ja, selbstverständlich weine ich, wenn ich sein Lied höre, was sonst; und zornig und rebellisch singt er an gegen Mord und Mißstände und die Verzweiflung, nichts ändern zu können und an die Musik zu glauben und an das Gute, trotzalledem

Bruce Springsteen

„Streets of Minneapolis: …We`ll take our stand for this land
And the stranger in our midst …“

Ich verneige mich vor einem mutigen Mann und großen Musiker.

Der Hirschensprung.

Die Stürme wehen ums Hauseck und bringen die erste flauschige Schneeschicht, die wie ein weißes Papier vor der Tennentür liegt. Ich drehe den Besen um und male Achter hinein, große, kleine, stehend und liegend. So unendlich wie die Zahl ist alles. Ein ewiges Kreisen um eine Mitte, die wir nicht kennen und was bleibt von unserem „Stirb und Werde“ – Flug durchs All, auf dem wir verglühen? Eine Handvoll Sternenstaub, aus dem alles hervorgeht , und dahin zurückkehrt. Aber vielleicht ist ja alles auch ganz anders.

Die Jahre kommen und gehen und das neue schiebt das alte bis zum Horizont. Dort am westlichen Ufer, fällt es dann wie die Sonne am Abend hinunter in den Chiemsee. Soll der doch damit machen was er will, mit diesem Schrottplatz der ausgedienten Jahre.

Alles wird weitergehen wie bisher, die Jungen werden alt und die Alten sterben. Die einen werden weiterhin vergeblich auf den Weltfrieden hoffen, andere werden weiterhin anonym in den Netzwerken jammern, wehklagen und dauerstänkern über die Fehler und die Schlechtigkeit der anderen, es wird weiterhin ganz Reiche und ganz Arme geben und im Sudan werden weiterhin Hunderttausende verhungern, während wir unsere vollen Feiertagsbäuche  spazieren schleppen. Es wird weiterhin alles geben, Menschen werden lachen und weinen, sich streicheln und erschlagen.

Ich werde dem Dasein hier auf dieser Erde weiterhin trotzig mit Zuversicht begegnen und aus dem, was mir entgegenkommt, das Beste machen, was mir möglich ist … und es ist erfahrungsgemäß immer viel mehr möglich, als man denkt und Lachen ist hilfreich auf dem Weg.  Und ich werde unverbesserlich daran glauben, daß das Glück immer da ist, wir müssen halt die Augen aufhalten, um es zu sehen. Und die Freude ist auch immer da, wir müssen gar nichts dafür leisten, wir bekommen sie in Hülle und Fülle vom Universum geschenkt.

Frau Percht mit ihrem Gefolge scheint sich in diesen Rauhnächten einen Jux mit uns zu machen. An einem Tag klirrende Kälte, am nächsten lauwarme Föhnwinde, jetzt beginnt in ein paar Stunden die 11. Rauhnacht und alles ist schneebedeckt und wird von einem zauberhaften Vollmond bestrahlt. In den Schüsseln voll mit Katzenfutter für all die,  die sonst nirgends was bekommen, liegen am Morgen nicht mal ein paar Krümel, es scheinen viele Hungernde unterwegs zu sein. Daß die Tiere in den Rauhnächten sprechen, habe ich bisher nicht festgestellt, aber bei den alten Puppen, die mir eine sehr verwandte Seele geschenkt hat, da wispert es manchmal um Mitternacht, aber ich tue so, als würde ich nichts bemerken, ich will sie nicht stören, die alten Mädchen. Manchmal leuchten ihre Augen im Kerzenschein auf. Sie bringen ihre Geschichten mit und ich werde sie bald zu meinen Puppen setzen …

Die Zeit ist merkwürdig und wankelmütig, alles scheint zugleich richtig und falsch zu sein, auch das Gegenteil.

Ich sitz auf der Hausbank und schau zu den Sternen hinauf. Neben mir sitzt das Nichts.
Der alte Freund vom Papa, der Wast, hat zum Längerwerden der Tage immer gesagt:

An Stephani um einen Mückenschritt,
an Neujahr um einen Hahnentritt
an Dreikönig um einen Hirschensprung

und an Lichtmeß um eine ganze Stund.

Den Hirschensprung merkt man schon.

Und der große Engel am Kommunalfriedhof in Salzburg schaut aus, als wär ihm ein Löwenkopf gewachsen … sage ich zum Nichts.

Das Nichts sagt nichts.

Sternenstaub

Es ist schon finster, ich bin eine Nachtgeherin. Der Himmel ist voller Sterne und alle bleiben auf ihren zugewiesenen Plätzen, zu einer anderen Zeit wären viele von ihnen unterwegs in die Hurghadas dieser Welt, deren Preise sich nach garantierten Sonnenstunden bemessen. Kein Mond zu sehen. Ich gehe an dem Haus vorbei, das vor ein paar Jahren einen neuen Balkon bekommen hat. Sie wollten nach altem Brauch die Symbole von Glaube, Hoffnung und Liebe ins Holz gefräst haben. Das Herz für die Liebe wurde dann aber weggelassen, weil es zu kitschig erschien.

Es kommt mir so vor, als hätte der Ort dies bemerkt und sein Hauswesen danach ausgerichtet.

Es ist kalt, kein Schnee, ich gehe über die Wiesen und die Schritte knistern als ginge ich auf Glas. Neben dem kleinen Fluß, der ein Bach ist, Streuwiesen … da wächst dieses zähe, schilfähnliche Gras, es wurde früher als Einstreu für die Tiere im Stall genommen, vor allem bei den armen Bauern, auf den großen, reichen Höfen gab es das goldgelbe Stroh. Heute gibt es gar nichts mehr, die Kühe stehen auf den nackten Böden, die sind praktischer, sie sind nicht angebunden, dürfen aber das ganze Jahr nicht mehr hinaus auf eine Weide. Früher waren sie angebunden, standen die Wintermonate im Stall, durften aber im Sommer täglich auf die Weide. Ich kann sie nicht mehr fragen, was ihnen lieber wäre … es gibt keine mehr in Sichtweite, der letzte kleine Bauer hat aufgehört.

Auf der Bundesstraße ist reger Betrieb und ringsherum krachen die Böller, die nicht verkauft werden durften. Wo nur der Mond bleibt, denke ich, er müsste doch längst über die Salzburger Steinberge zu uns wandern. Eine Eule fliegt von irgendwoher und verschwindet in der alten Fichte. Die hat jahrelang alleinstehend am Bach den Wettern getrotzt und dann, im letzten Jahr hat der Sturm ihren Gipfel abgebrochen.

Viel wahre, kluge Worte werden zu Silvester gesprochen, mir fällt nichts mehr ein, was dem hinzuzufügen wäre. Alles ist, wie es ist und so werden wir halt auf unserer Lebensbahn weiterwandern und uns den neuen Herausforderungen stellen, sie durchlaufen, außen herumgehen oder drüberhüpfen … und das Lachen erscheint mir auch für das neue Jahr heilsamer als das Ärgern. Und wie die Sterne, so kreisen wir um uns selbst und um andere herum und letztendlich um etwas,  dessen Geheimnis wir nicht einmal erahnen können und das wir Gott nennen oder Nichts.

Auf einmal wird es hinter mir sehr hell, ich drehe mich um und da ist er ja, aufgegangen im Nordosten, wo er sonst nie herkommt und sein goldenes Leuchten läßt das gläserne Gras funkeln. „Der Mond ist aufgegangen“ … und  „Guter Mond, du gehst so stille“ … singe ich ihm zur Begrüßung, und zum Dank schwimmt er am Himmel hinter mir her und begleitet mich ein Stück des Weges, alleine auf der weiten Flur.

Ein paar Raunächte bleiben noch. Ich horche ins Große Oben, ins Große Unten und in mich hinein … vielleicht formen sich aus dem Erhorchten und Geschauten Visionen am Horizont des Seins.

Das Korn male ich und verbacke es mit den Nüssen vom Baum hinterm Haus und wir essen das warme Brot, als Segensspeise in das neue Jahr hinein.

Laßt uns einander weiterhin Freude schenken und uns gewogen bleiben, wo wir auch sind! Ihr Lieben da draußen, ich grüße Euch herzlich und wünsche Euch ein wundervolles Neues Jahr, voll Glück und voll Segen auf all Euren Wegen!

Ich hoffe, Ihr werdet mich auch weiterhin hier zwischen Himmel und Erde besuchen, auch wenn ich manchmal einen ziemlichen Schmarrn zusammenschreibe … wie z.B. bei einem meiner Lieblingsgedichte … da habe ich doch jahrelang behauptet, es sei von Goethe, dabei hat es Victor Blüthgen geschrieben:

Leg`s dem Leben nicht zur Last,
dünkt sein Wert dir Plunder!
Wenn du Märchenaugen hast,
ist die Welt voll Wunder.

Victor Blüthgen

 

Das Feenspiel – Epilog

Irgendwann sind auch die schönsten Spiele vorbei, die Gäste gegangen und man bleibt alleine zurück. Die Graugans hat mit der knappen Begründung, sie müsse jetzt ruhen, um sich wieder zu sammeln, das eine Bein ins Bauchgefieder hochgezogen, auf dem anderen steht sie. Der Kopf ist unter dem schützenden Flügel verschwunden. Ich beneide sie ein wenig, ich werde noch Zeit brauchen, um aus den Worten, den Stimmen, den Geschichten, in deren Zwischenräumen ich mich ein wenig verloren habe, herauszutreten und bereichert an meiner eigenen Geschichte weiterzuwirken.

37 Tage lang habe ich mir hier auf dieser winzigen Bühne zwischen Himmel und Erde Gäste eingeladen, um dem Thema „Das Fremde“ auf die Spur zu kommen. Viele hochinteressante Sichtweisen führten schließlich zu uralten Daseinsformen von ersehnten Hilfskräften, die nur noch in den Märchen und Sagen vorkommen und völlig fehl am Platz erscheinen in einer hochzivilisieren Welt, in der Wahrheit nur dann zu existieren scheint, wenn sie mit Fakten und Zahlen belegbar ist. Meine Ahnungen, die Suche nach etwas längst Verlorengegangenem und meine eigene Sehnsucht nach sowas wie einem Clan der 13 Frauen ließen mich die Spürung aufnehmen. Die einzige Möglichkeit, im Nebulösen zu forschen, konnte nur das einfache Spiel sein, so wie Kinder mit dem Nichtexistenten spielen und ihm dadurch ermöglichen, sich zu materialisieren.

Viele Fragen … wird sich da überhaupt jemand drauf einlassen, wieviel oder wie wenig Regieanweisungen braucht es … wie soll ich etwas erklären, was mir selbst ein Rätsel ist … ich entschied mich für größte Geheimhaltung und die eher dürre Aufforderung: »komm und sage, was Du zu sagen hast, egal, was es ist!« Und welche Freude, sie kamen!

13 Frauen, die einen, weil ich sie gerufen habe, die anderen sind einfach so aufgetaucht und dann noch welche, die sind erschienen. Unglaubliche Texte und Bilder haben sie mitgebracht, wundersame Poesie, Herzenskraft, Macht zur Verwandlung und Zärtlichkeit, soviel Zärtlichkeit … ja, und wie das so ist, wenn man alte Kräfte ruft in Nächten, in denen die Membran dünn ist zu anderen Wirklichkeitsformen … wer Ohren hat zu hören … hört auch zwischen den Zeilen die Not und die Pein durch die Jahrtausende, Verfolgung und die Schreie der Unzähligen, die auf den Scheiterhaufen brannten … und ich sah wieder diese nackten Füsse hinter einem Karren herlaufen … und auch die Einsamkeit in unseren heutigen Existenzen.

Was mich am meisten erstaunte: das Spiel nahm seinen eigenen Lauf und entwickelte eine eigene Dramaturgie.

Manch ein Geheimnis behalten die 13 Feen für sich, das ist auch gut so, vieles muß im Raum der Ahnungen bleiben, um es zu schützen.

Heute im Morgengrauen war das Fest vorbei und ich sehe, wie alle aus der Höhle kommen, die Kronen ein wenig schief vom ausgelassenen Tanzen … lachend und plaudernd, alleine oder in kleinen Gruppen schreiten sie aus in alle Himmelsrichtungen … fröhliche Zurufe und dann sind alle verschwunden. Der Vorhang meiner Bühne schließt sich. Feenstaub glänzt da und dort. Ein paar Glasperlen liegen auf dem Boden, eine hat ihren Zauberstab vergessen, sicher die Läuferin, die hatte es eilig … eine Krone liegt da, oh, das ist meine, gleich setze ich sie auf und ich fühle sofort: ich bin die Königin in meinem Reich.

Habt meinen Herzensdank, Ihr wundervollen Frauen, die Ihr den Mut hattet, das Nichtsagbare aus Euch heraussprechen zu lassen, Dank für Euer Kommen, wenn ich rufe, das Experiment ist gelungen … nicht deshalb, weil ein Traum Wirklichkeit geworden ist, sondern … weil Ihr mit mir meinen Traum weitergeträumt habt! Wir werden sehen, ob sich die Zauberfäden zu einem zarten Gespinnst verweben …

Vielen Dank auch an das Publikum, was wäre eine Bühne ohne Euch, die Ihr über so lange Zeit Eure Lichtzeichen hinterlassen habt! Nur Menschen, die es selber wagen zu träumen, zeigen wertschätzende Achtung vor den Träumen anderer … ich habe ein zärtliches Gefühl bei jedem »like«.

So, und jetzt möchte ich allen, die mir hier schon so lange treu sind aufs Herzlichste danken, denen, deren Namen ich kenne, aber auch den vielen, die immer wieder unerkannt hereinschauen … jaja, ich kenne auch die unverbindliche Flüchtigkeit in dieser virtuellen Welt … und doch schlägt hinter jedem Click ein Herz und oft hört man es sogar und auch hier hinterläßt ein liebevolles Wort das gleiche wie in der sogenannten »Wirklichkeit« : es tut einfach gut und wärmt die Seele, nicht wahr?

Uns allen wünsche ich ein gutes Neues Jahr, daß wir die Herausforderungen bewältigen, daß wir das Lachen nicht verlernen und daß wir niemals vergessen, daß wir nicht immer entscheiden können, ob wir gesund oder krank sind … aber ob wir trotzalledem glücklich sind, das können wir entscheiden! In diesem Sinne alles Liebe für Euch da draußen, bis bald mal wieder in diesem Theater!

Allen Mitwirkenden vom Feenspiel sei es selbst überlassen, ob sie sagen wollen, wer sie sind! Und allen, die eh schon  zu wissen glauben, wer sich hinter welcher Fee verbirgt, gebe ich zu bedenken … manchmal sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen, und schon gar nicht bei 13 mächtigen Zauberinnen in der Rauhnachtszeit!

 

 

Berühre …

„Ich bin überzeugt, daß wir viel zu wenig langsam sind“. Robert Walser

Unter einer gelben Staubschicht läuft uns die Zeit davon …

Ostern so schnell vergangen, die Ausführlichkeit der Leidensgeschichte führt zum großen Höhepunkt, aber die Auferstehung, als Erlösung aus Tod und Verderben angekündigt, hält nicht, was sie verspricht und läßt mich alleine mit Worten, deren Bedeutung mich verunsichert. Die Frau aus Magdala geht zum Grab, um ihn zu salben, ihm einen letzten Liebesdienst zu erweisen, das Grab ist leer. Er steht vor ihr, aber sie erkennt ihn nicht, denkt, es wäre der Gärtner. Erst als er ihren Namen sagt: „Maria!“,  da spürt sie plötzlich, daß er es ist und sie wendet sich ihm zu, möchte … voller Liebe? … ihn berühren? … ihn gar küssen? … aber er weist sie streng zurück und sagt: „Noli me tangere“ (me mou haptou) … berühre mich nicht, halte mich nicht zurück, denn ich bin noch nicht zum Vater aufgefahren … ja, das sollen in etwa seine Worte gewesen sein … dann verschwindet er wieder. Ich fühle ihr Herz schlagen.

Eine merkwürdige Begegnung, zwischen Leben – Tod – Leben; einer war drei Tage und Nächte begraben, dann erhebt er sich und ist weder tot noch lebendig, sein Körper darf nicht berührt werden, sonst … ? Ein Rätsel bleibt dieser Zustand, daß man einen Menschen vor sich hat, der nicht da ist, aber weg ist er auch nicht.

Das erinnert mich an dieses Koan: Du kennst das Geräusch, das zwei klatschende Hände machen … wie hört sich eine Hand an?

Eine Geschichte mit verschiedenen Ebenen, Jahrtausende hindurch wurde je nach Bedarf in ihr herum gedeutet, heraus- und hinein interpretiert, falsch übersetzt und Manches, Vieles, den Vorlieben der jeweiligen Herrschaft bis zur Unkenntlichkeit angepasst und verstümmelt, dessen bin ich sicher. Und trotzdem ist was geblieben, diese tiefe Erkenntnis, daß die Großen Mysterien in Wahrheit ganz einfach sind und förmlich vor meinen Füssen liegen … Der Dalei Lama hat mal gesagt, er würde sich wundern, warum die Menschen zu Tausenden  aus Europa nach Tibet kämen, um dort die Wahrheit zu finden, obwohl sie doch zu Hause Meister Eckardt hätten …

Der Weg geht weiter auf Pfingsten zu, da wird selbst mir, die alles Zauberische und Geheimnisvolle liebt, die Geschichte zu abstrus und ich freue mich auf weitere tiefe Gespräche miteinander und zueinander, mit wunderbaren Menschen quer durch alle Medien. Ich bleibe eine alte Agnostikerin, hungrig nach Wahrheit, nach Erkenntnis … und ich möchte wissen, was Pfingsten außer einem freien Tag mehr noch bedeuten könnte.

Ein paar Tropfen Regen, dem alten Wolf ist nach Heulen zumute, der Vollmond streut ein paar Kristalle in sein Fell.

Berühr mich, ich bin da. Der Mai streicht über unsere Haut. Küsse schmecken nach Blütenstaub.

 

„Was kann süsser sein als einen Freund zu haben, mit dem du alles, was in deinem Herzen ist, besprechen kannst wie mit dir selbst? Das ist wahr. „( Meister Eckhart, 1260 – 1327 )

 

Blutmond

Drei Frauen sind wir und als wir oben am Hügel ankommen, stehen wir zwischen den beiden Himmelslichtern, die Sonne ertrinkt langsam im großen See und der Mond ist aufgegangen. Um uns herum ein Kreis von Bäumen, in Zweier- und Dreiergruppen stehen sie da, ihre Leiber ineinander verschlungen recken sie sich in den Himmel. Im Hintergrund die Silhouette der Berge. In den tiefen Geleisen der Lastwägen steht das Wasser und glänzt im Mondenschein, die  gefräßige Maschine, die tagsüber in der Kiesgrube den Sand ausspuckt, hält ihr riesiges Blechmaul verschlossen und schweigt. Von der Autobahn dröhnt der Feierabendverkehr, in der Siedlung leuchten die Fenster und die blauen Bildschirme. Und wir stehen in diesem kleinen Wäldchen herum … in unseren Augen schwimmen orangerote Kugeln … es ist Lichtmeß, die Rituale der letzten Jahre wurden lästig, wir haben sie zurückgelassen, in meinem Kopf geistern Phrasen und übriggebliebene Wörter herum …Kessel, Hüterin der Schwelle, Hexenmord, Vision, Neubeginn … was machen wir hier ohne Konzept und ohne Programm? Nichts. Und dann treibt es uns auseinander, das „wir“ löst sich auf. Jede ist allein.

Meine Gedanken laufen zurück, ich schaue nochmal auf mein Leben, wie vor ein paar Tagen, als ich die Unterlagen für die Rente zusammensuchte. Die Altersrente sozusagen, ich also jetzt auch, bald wird man mich Rentnerin nennen. Zwiespältige Gefühle bei dieser Bezeichnung. Eine Reise in die Vergangenheit, mein beruflicher Werdegang und dann auch noch die alten Schulzeugnisse … ich sehe ein wissbegieriges Kind, dann die plötzlichen Leistungseinbrüche, warum hat niemand nachgefragt? Ich spüre alte Schmerzen, Enttäuschungen, dieses Kind, das ich einmal war und das ich in mir trage, es sah und hörte Dinge, die andere nicht wahrnahmen und es war ständig voller Ahnungen … heute nennt man dieses Phänomen „Hypersensibilität“. Ich gehe auf dem Boden der Tatsachen herum und lasse mich in den Schutz einer Baumgruppe gleiten, ein glatter Stamm fängt mich auf … die Frage, ob ich denn pädagogisch wertvolle Arbeit geleistet habe, läßt sich kaum beantworten und Wehmut und Erinnerung an viele Fehler steigen auf aber auch die Situationen außerhalb der Planungen und Konzepte, die unzähligen Momente, wo sich Seelen mir anvertrauten, wo junge Menschen ihr Herz ausgeschüttet haben … ja, das war am schönsten, einfach nur dazusein  als Mensch unter Menschen und zur Verfügung zu stehen!  Und dann löst sich die Vergangenheit in Luft auf und fliegt weg. Leiser Gesang weht zu mir her und Rascheln im Unterholz. Ich gehe von Baum zu Baum und spreche die Worte aus, die sich mir in den Sinn schieben und ich höre mir dabei zu, wie ich von einem Ort spreche inmitten einer leuchtend gelben Sandwüste, an dem blutrote Felsbrocken herumliegen … ich erzähle von einer Reise, die ich nie gemacht habe …

Irgendwann stehen wir wieder beisammen, hier an diesem geheimen alten Ort, plötzlich liegt da ein leuchtend weißer Stein in unserer Mitte und wir halten uns an den Händen, einfach so, weil uns danach ist. Während wir den Jodler anstimmen für den „Alperer“, einem wilden Berggeist tief drinnen im Gebirge, löst sich im Osten aus dem Schatten des Untersberges der Riese Abfalter … mit großen Schritten geht er an der Salzach entlang, bis er auf der anderen Seite sein geliebtes Riesenfräulein findet und es in seinen Armen über den Fluß trägt, damit es keine nassen Füsse bekommt.

Hier, am Schnittpunkt der Welten, auf der Schwelle stehen wir, jetzt an Lichtmeß, mit einem Fuß in der Wildnis und mit dem anderen in der Zivilisation, die alte Zeit ist vorbei, die neue noch nicht da. Gut zu wissen, nicht alleine zu sein mit diesem Wahnsinn des Lebens und des Sterbens und weil wir jetzt voller Liebe sind zu uns und dem ganzen Universum, aber weil uns auch nichts so direkt heilig ist, greifen wir zum Himmel und blasen uns Sternenstaub ins Gesicht und tanzen lachend und singend nachhause.

 

 

Im ZwischenRaum…

Schöner hat das Jahr gar nicht beginnen können als mit einem Märchen. Einem Spiel zwischen zwei Menschen, die sich vertrauen, einem, der sich führen läßt und einem, der ihn führt. Einer gibt die Handlung vor, der andere läßt in seinem Inneren Bilder dazu entstehen. Vorlage: ein Radix (Geburtshoroskop)

Zwölf Abende hintereinander darf ich jemanden durch sein Märchenschloß führen, Raum für Raum mich entlangtasten an den Spiegelwänden seiner Seele. Einer kam ins alte Haus, Abend für Abend und ging wieder mit dem nächsten Hinweis zur Fortsetzung des Spiels.

Als das Märchen erzählt war, die astrologische Arbeit getan, gingen wir wieder auseinander und ich bin immer noch so sehr berührt von dem Erlebnis, welche Verbindungen es doch zwischen uns Menschen gibt und wie sehr wir uns im anderen erkennen können, wenn unser Herz den Mut hat, sich ein wenig zu öffnen.

Geheimnisvollerweise habe ich beim Wandern durch eine fremde Geschichte plötzlich auch eine Antwort auf eine Frage in meiner eigenen, nach der ich seit Jahren gesucht habe, einfach so geschenkt bekommen…einfach so.

Es gibt Begegnungen, die glücken, leise und ohne Anstrengung, diese war eine davon und sie wirkt immer noch in mir nach mit einem vertrauten und warmen Gefühl.

Schöner hat das Jahr für mich wirklich nicht beginnen können.

_SC84120

 

„Abschied von den Fröschen“

Mal wieder habe ich mir eine Nacht um die Ohren geschlagen, denn die Filme, die mir wirklich wichtig sind, die mir unter die Haut gehen, mir helfen, zu Sein  und mir den Blick erweitern und sich dadurch weiteste Weiten und Räume auftun, indem ich kleinste Parzellen erforschen darf und Reisen in die Große Unendlichkeit draussen im Weltall und im Inneren Wassertropfen meiner Seele, diese Filme können anscheinend nur dieser Handvoll Verrückter, die in größtmöglicher Einsamkeit nächtens vor den Fernsehern kauern, zugemutet werden!

Seitdem ich  heut Nacht aus dem Film: „Abschied von den Fröschen“ von Ulrich Schamoni wieder auftauchte, bin ich von tiefem Dank erfüllt für dieses Erlebnis. Ein großer Regisseur, dieser Ulrich Schamoni. Er hat sich gefilmt, sich und sein Leben, bis zum Schluß. Der Film handelt von einer Zeitspanne von ungefähr eineinhalb Jahren bis ein paar Tage vor seinem Tod und spielt im Haus, aber vor allem im Garten seines Hauses im Grunewald. Und es sind wohl an die 170 Stunden Filmmaterial geworden, die nach seinem Tod 1998 von seiner Tochter zu Spielfilmlänge geschnitten wurden. Anscheinend lief der Film 2012 in den Kinos, da habe ich ihn leider verpasst, bin aber froh und dankbar, daß ich ihn nun auf 3Sat sehen konnte.

Ja, selbstverständlich ist dieser Film eine Geschichte der Vergänglichkeit, einer geht durch sein Reich, zeigt Bilder aus dem Mikrokosmos seines Gartens, zeigt das Leben in seiner Fülle und wie es sich lebt und wieder vergeht und erzählt aus dem eigenen aktuellen Menschenleben, wie er mit seiner Krankheit umgeht und was er gerade so denkt und erforscht und was ihn brennend interessiert. Ein Dokument über vergehende Zeit.

Das, was mich bis in die Grundfesten berührt, ist die Art und Weise, wie er durch sein Leben geht, wie er es filmt. Ohne jegliches Pathos nämlich, ohne Sentimentalität, mit diesem überwältigendem Humor, der ja nur dort wahrhaftig gedeihen kann, wo auch der Tod daneben sitzt und auch zu schmunzeln beginnt, ja, dieser Humor…den kenne ich, den hatte meine Mutter auch bis zuletzt.

Das Erschütternste und Wunderbarste, das, was weinen läßt und glücklich macht, das ist diese große Liebe, die aus den glänzenden, staunenden Kinderaugen dieses totkranken Gesichts von Ulrich Schamoni herausstrahlt…ein inneres Leuchten, eine Liebe zu allem, einfach zu allem, was ist. Haben Sie Dank, sehr verehrter Ulrich Schamoni für diesen liebenden Blick, er ist angekommen und in mein Herz geflossen. Mögen die Engel Sie auf Händen tragen für immer und alle Zeit.

Der Film „Abschied von den Fröschen“ ist in der Mediathek von 3Sat noch für ein paar Tage zu sehen.

 

IMG_1114