Briefe an die nahe Ferne ( 15 )

Zwischen gesern und heute steh ich vor dem Haus mit der Laterne in der Hand und weiß nicht so recht, was ich damit anfangen soll. Um halb eins in der Nacht vor 16 Jahren ist mein Vater in seinen 85. Geburtstag hinein gestorben. Da, wo er jetzt ist, oder nicht ist oder doch oder irgendwas, da gibt es keinen Blick mehr auf eine alte Tochter, die sich auf die Hausbank setzt und friert und an einen Vater denkt, der so lange schon nicht mehr auf dieser Welt existiert. Aber ein Vater bleibt immer ein Vater, auch wenn es ihn nicht mehr gibt. Auch meine Mutter bleibt meine Mutter, obwohl ich lange schon ihr Geburts- und Sterbedatum vergessen habe.

Die Kälte kriecht mir über den Rücken. „Ein schneidiges Winderl geht da draußen“, tätest Du sagen, Papa. Ja, wir haben die kalte Sophie. Du hast immer gesagt: 15.5.25, am Tag der kalten Sophie, dieses Geburtsdatum kann man sich gut merken, gell, lauter Fünfer!
Ich sitz da und weine ein bisserl, was soll ich auch sonst tun mit der Vergeblichkeit.

Die Pfingstrosen sind noch nicht aufgeblüht, Papa, aber der uralte Rhabarber hat riesige Stangen.

Was bleibt von uns … bleibt überhaupt was? Heute in der Metzgerei wollten mir plötzlich die Tränen herunterlaufen, grad, während die sehr freundliche Verkäuferin die Kassler Ripperl heruntergehackt hat. Da hab ich Dich plötzlich gesehen beim Metzger, wie der Clint Eastwood, im Western, die Virginia im Mundwinkel, undenkbar heute, aber damals durftest Du das, die Frauen in den Geschäften haben das ganz selbstverständlich erlaubt und Dich in Deine klitzeblauen Augen hinein angehimmelt … wie in „Für eine Handvoll Dollar“, nur Dein Hut war nicht der eines Cowboys, sondern ein Trenkerhut.

Ich sollte immer sagen: mein Vater ist ein ganz einfacher Mann. Das wollte er so.

Aber geh, Papa, du konntest Schopenhauer und Nietzsche passagenweise zitieren, hast mir dringend geraten, „Die Brüder Karamasov“ zu lesen und mich gelehrt, die alten Meister zu sehen … komisch, ich kann mich nicht erinnern, daß wir mal über den rätselhaften „sechsten Finger“ an der Hand von Papst Sixtus auf dem Gemälde von Raffael mit der Sixtinischen Madonna gesprochen hätten und die Wolken, die doch eigentlich Engelsköpfe sind … wie gerne würde ich heute nach Dresden fahren und mit Dir vor unserem Lieblingsbild stehen und über die Zahlensymbolik sprechen. Bis jetzt konnte ich nicht hinfahren, weil ich mir das ohne Dich einfach nicht vorstellen kann.

Wir taten uns manchmal schwer miteinander. Wir sind extrem dünnhäutig, sagte mein Vater . Ja, und deshalb konnten wir uns auch sehr verletzen. Ich war nicht exakt die Summe seiner Teile, so wie er sich das gewünscht hätte. Wir haben die gegenseitigen Erwartungen nicht erfüllt und uns das nicht verziehen.

Man kann nichts daran ändern, daß Vieles nicht passt  und daß wir trotz großer Liebe immer wieder an allen Ecken und Enden aneinander scheitern. Eine Tochter kann ihrem Vater die Einsamkeit nicht wegmachen und ein Vater sollte nicht bremsen sondern anspornen. Aber wir  sind halt nur hungrige Menschen voller Sehnsucht und irren herum, dort, wo uns der Knobelbecher des Schicksals hingewürfelt hat.

Der Flieder ist schon bleich geworden, Papa, aber die Schneerosen blühen noch ganz heftig, wie alt werden sie wohl sein? So lange bist Du jetzt schon tot. In der Zwischenzeit bin ich alt geworden.

Was ist geblieben von Dir in mir? Das lebenslange Gefühl, nie irgendwo so richtig dazuzugehören, immer ein wenig fremd zu bleiben, eine leise Melancholie, die neben mir hergeht und nebenan sitzenbleibt, auch wenn man sich vor Lachen den Bauch hält.
Deine Einsamkeit habe ich erst richtig verstanden nach Deinem Tod.

Wo bist Du? Wo seid Ihr, die Ihr vorausgegangen seid? Seid Ihr ein Wispern im Wind, ein leises Rascheln in den Apfelbaumzweigen … ein Ton im Ruf der Eule?

Das Vogelhäusel, das Du aus einer gußeisernen Pfanne gemacht hast, hängt immer noch am Nußbaum, Papa, und wie eh und je sitzen die Vögel drin und schlagen sich die Bäuche voll.

Ich sitze da und beweine die Vergeblichkeit.
Die Kerze brennt immer noch.
Du hast Recht, Papa, es weht ein saukalter Wind, heut an der kalten Sophie, und der Wetterbericht redet immer noch von Schnee im Bergland. Aber  auch wenn die Pfingstrosen sich Zeit lassen, bis Pfingsten sind sie bestimmt aufgeblüht.

Ich würde Dich so gerne spielen hören auf der Zugharmonie, Papa.

 

Ich grüß Dich herzlich, liebe Kraulquappe

8 Kommentare zu „Briefe an die nahe Ferne ( 15 )

  1. So bewegende Zeilen, Danke dafür, liebe Graugans. Was bleibt – meine Mutter, die im Gegensatz zu mir an gar nichts glaubt, meinte mal, neben dem Häuflein Asche blieben nur Erinnerungen, und solange noch jemand an sie denken würde, wäre das doch auch etwas. Wir wissen es nicht, und doch glaube ich an manche Zeichen.

    Sei herzlich gegrüßt, Reiner

  2. Und ich bin heute bei meinem 90 jährigen Papa ud bin so froh darüber. Die Mama ist aber auch schon seit 2013 tot. Dein Papa war wohl ein ganz besonderer. Ich glaube ich verstehe dich.

  3. „Ich war nicht exakt die Summe seiner Teile, so wie er sich das gewünscht hätte. Wir haben die gegenseitigen Erwartungen nicht erfüllt und uns das nicht verziehen.“
    Volltreffer!
    Seufz.
    Mitte Mai starb auch mein Vater. (Vor nun 5 Jahren)
    Wir haben uns manchmal verstanden. Und irgendwann begonnen, resigniert zu schweigen.
    (Mir erging es in den letzten Tagen ziemlich ähnlich.
    Danke für den Text.)

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