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Alte Kräfte

Bei Luisa Francia habe ich grade vom Einklang mit den alten Kräften gelesen. Die alten Kräfte, das ist nicht irgendein esoterischer Hokuspokus, sie meint, es ginge da um Leere, Klänge, Düfte, das Träumen etc. Ja, das kann ich auch spüren, daß die „alten Kräfte“ diese elementaren Kräfte sind, die uns umgeben, die in uns sind…eigentlich brauchen wir doch nur wirklich da – sein, das reicht. Das Gebirge ist in jedem Stein am Bach, das Meer in jedem Wassertropfen, das ganze Universum in den Augen einer Katze. Und in dem Zustand, den wir am meisten fürchten, die Leere, da ist Alles.

Wir haben Föhn.

Ein warmer Wind fällt irgendwo von den Bergen herunter und kehrt das Inwendige nach aussen, alles wird überdeutlich, wie unter einem Vergrößerungsglas entlarven sich alle falschen Absichten, unwahren Bemühungen, es wird überdeutlich, was nicht  „Authentizität der Gefühle“  bedeutet, wie es George Tabori formulierte.

Eigentlich ist gar nichts mehr möglich. Beim Blick auf die Berge, die mit einem Blau gefärbt sind, das man nicht fotografieren kann, weil es sich nur im eigenen Wahn zeigt, umweht von einem lüstern-penetrant-perversen warmen Wind, der sich in uns hinein schlängelt und schmatzend die Seele ausschlürft, kann man sich nur noch hinsetzen und alles lassen, alles, alles auf sich beruhen lassen. Sein.

Föhn, alte Kraft.

 

Heimat?

Der weise alte George Tabori hat mal gesagt: „Das, worauf es ankommt, ist die Authentizität der Gefühle“.

Es hat mich wohl deshalb gestern nochmal in mein Lieblingskino in Trostberg gezogen, wo ich mir zum dritten Mal den „Mittsommernachtstango“ angesehen habe, und wenn er noch länger laufen würde, dann sähe ich ihn wohl noch zehn Mal. Die ProtagonistInnen tun das, was sie tun, weil sie das sind, was sie tun, und ich glaube es ihnen. Der Film läuft auf eine Schlußszene hin, alle Musiker versammeln sich am See, und in das Licht der untergehenden Sonne singt der junggebliebene Reijo Taipale sein „Satumaa“ und alle begleiten ihn dabei. Das ist so rührend schön und hat so gar nichts von Kitsch, denn das melancholische Lied handelt von diesem Märchenland, nach dem wir uns alle sehnen, eine Art Heimat, die nur im Taum existiert und nur in Gedanken können wir hinfliegen. Reijo Taipale sagt, er hätte dieses Märchenland sicher schon 8000 Mal besungen, aber leider habe er es auch noch nicht gefunden bis jetzt. Angeblich hat die Tradition des Tangotanzens begonnen, als Teile der finnischen Heimat unter russischer Besatzung standen und es den Menschen wohl so schlecht ging, daß sie sich mit dieser Musik in eine andere Heimat träumten, um zu überleben.

Beim Heimfahren durch die stockfinstere Nacht, die Melancholie dieser Musik in den Ohren, ein Gefühl zwischen Weinen und Lachen, eine schwebende Leichtigkeit, die aber schmerzt in ihrer großen Sehnsucht nach…ja nach was eigentlich?

Wenn es stimmt, was ich lange schon vermute, daß uns in den Geschichten nicht wirklich das anzieht, was andere erleben, sondern das, was wir dabei über uns selbst erfahren…ja dann hat dieser Tango mit einem Schmerz in meiner Seele zu tun. Ich fahre durch die oberbayrische Hügellandschaft, bin weder Finnin noch Argentinierin, hier ist meine Heimat, oder wohin sollte ich sonst gehören? Warum spüre ich davon so wenig, warum bin ich eigentlich so wenig „beheimatet“?

Mit diesen Gedanken gleite ich immer tiefer in die Nacht, die Strassen werden immer schmaler und holpriger, ich weiß nicht mehr wo ich bin, habe mich total verfahren und stehe plötzlich vor einer kleinen Kirche, die ich bei Tageslicht lang nicht gefunden habe, so versteckt liegt sie zwischen Hügeln verborgen. Jetzt steht sie vor mir: St. Margareta, deren Spur ich schon lange verfolge, da sie einen Wurm bei sich hat, einen Drachen, von dem man sagt, er sei älter als die Welt.

Den Tango im Ohr bin ich jetzt an diesem Drachenort gelandet…was das wohl bedeutet?