Archiv der Kategorie: Mittwoch Nachmittag 16.35 Uhr

# 52 Der Atem der Welt

Am Pfingstmontag war es überraschend ruhig und menschenleer oben auf dem kleinen Hügel über Prien am Chiemsee, wahrscheinlich deswegen, weil der „Mesnerwirt“ geschlossen war und was sollte man dann dort oben außer der Besichtigung der kleinen Kapelle noch unternehmen.  Als wir das letzte Mal da waren, hockte der Biergarten voller Leute, die lautstark urig-bairische Gemütlichkeit auskosteten, oder das, was so gemeinhin als bairisch empfunden wird. Der Tourismus mag es halt gerne krachledern und dementsprechend verhalten sich auch die Gäste.

Diesmal nix, kein Mensch weit und breit und in der Kirche auch niemand. Leider ist da ein Gitter und man kann deshalb die mittelalterlichen Fresken nicht gut erkennen. Sehr alt ist sie, die kleine romanische  Kapelle, die dem Hl. Jakobus geweiht ist, der erste Bau wahrscheinlich schon im 9. Jahrhundert, die Fresken aus dem 12. Jahrhundert. In Urschalling, wie dieser Ortsteil heißt, stand mal eine Burg und die Kirche war die Burgkapelle. Von der Burg ist nichts mehr übrig und die Kapelle ist voller Geheimnisse. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der ursprüngliche Eingang zugemauert und alle Fresken mehrfach übertüncht. Heute ist wohl alles mehr oder weniger vom Staub der Vergangenheit befreit  und es kamen Bilder zum Vorschein, die aller Welt Rätsel aufgeben. Überraschend viele Frauenfiguren sind abgebildet und das geheimnisvollste Bild zeigt eine Trinität,  in deren Mitte eine Frau zu sehen ist. Das sagen die einen gescheiten Leute, sie sprechen womöglich sogar von einer Heiligen Geistin, weil ja durch neuere Bibelübersetzungen das Wort „Ruach“ aufgetaucht ist und das ist weiblich. Die andere Hälfte der Gescheiten sagt, das wäre ganz sicher nur ein Jüngling und dann gibts natürlich die Ewiggestrigen, die sagen, wo kämen wir denn da hin, wenn jetzt auch noch der Heilige Geist weiblich wäre … naja, niemand weiß bis jetzt, wer für diese mittelalterliche Malerei verantwortlich war. So vieles ist nicht geklärt und die Spuren verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Ich glaube, es macht sehr viel Sinn, den Geist Gottes als Geistin zu denken. Es gibt bei den drei Figuren nur zwei Arme und auch der Umhang gibt Rätsel auf. Leider kann man ohne angemeldete Gruppenführung nicht nach vorne gehen zur Apsis, um in Ruhe all das zu spüren, was die Geschichten an der Wand uns sagen wollen.

Aber auch mit Gitter ist es außergewöhnlich an diesem Ort  und ich habe das Gefühl, im heiligen Bezirk eines Tempels zu stehen  und in dieser romanischen Einfacheit wird es auf einmal möglich, diesen Atem zu spüren, den Odem, der durch mich hindurchweht und die Verbindung zum Göttlichen nicht herzustellen braucht … denn … sie ist da. Und ich brauche nichts tun, mich mit keinen schwierigen Gedankenkonstruktionen herumzuplagen, nur da sein und es geschehen lassen.

Manchmal genügen ein paar Sekunden und die Seele fliegt, „als flöge sie nach Haus“.

Ein sehr besonderer Ort.

Pfingsten schließt einen Kreis, so ahne ich. Ostern ist die Geschichte eines Scheiterns. Daß daraus die Verbindung zum Göttlichen entsteht, die wir alle haben, ob wir an sie glauben oder nicht, halte ich, vorsichtig ausgedrückt, für sehr wahrscheinlich.

Ein Blogger, den ich sehr schätze, weil er wunderbare Texte voller Respekt über vorgestellte MusikerInnen schreibt, hat um Pfingsten herum ein paarmal das Wort „Gott“ verwendet im Zusammenhang von Musik.  Er schreibt als ersten Satz bei der Vorstellung von : „A Love Supreme“ von John Coltrane : Ob es Gott gibt, weiß ja keiner so genau“. Ich hab vor längerer Zeit auch über diese Platte geschrieben, aber eigentlich reichte meine Sprache nicht aus, um das Erleben dieser Musik auszudrücken. Bei Ihm

sind die Worte wie zartes Seidenpapier, aus dem man eine filigrane Kostbarkeit auswickelt. Ja, man sollte dieser Musik einen eigenen Raum geben und sich ihr ausliefern, sich an sie verschenken und drin verloren gehen, um dann sagen zu können, „daß man verstanden hat, irgendwie“.  Danke für Deine Worte, lieber Fuchs und Danke dorthin, wo immer  er sich aufhalten mag im Hauch der Ewigkeit: John Coltrane.

 

 

Und da schreibt die Kraulquappe

# 51 Die warme Sofi, der Tod im Gebirg und der Maikäfer in der Tomatensoße.

An Christi Himmelfahrt  strömen die Massen in die Bierzelte, allerorten torkeln besoffene Männer herum oder stehen schwankend und schwitzend irgendwo beim Pinkeln, um Platz zu machen für weitere Liter diverser Flüssigkeiten. Das einzig Schöne, wenn man es nicht vermeiden kann, an diesem zweifelhaften „Vatertag“ auf der Straße unterwegs zu sein, ist, daß man viele alte Traktoren sieht, die zu den Bulldogtreffen fahren. Ich sehe etliche typisch graublaue „Eicher“, die genauso ausschauen wie unser alter daheim, den wir sehr lieben.

Wer denkt eigentlich an diesem Tag der Himmelfahrt an den  auferstandenen Christus, der ja da hinauf in den Himmel muß, um eine Dreiheit zu bilden, damit das Ganze dann als Heiliger Geist an Pfingsten wieder zu uns herabsegelt? Die ganze Geschichte mit der Himmelfahrt , den beiden weißgekleideten Männern, die kryptische Sachen sagen und dann dieser Feuerzungenzauber an Pfingsten ist mir heute noch genauso unerklärlich und unverständlich wie schon als Kind. Aber ich würde es auf jeden Fall sinnvoller finden, miteinander darüber zu sprechen und gemeinsam zu rätseln und die alten Texte zu lesen, die Ursprünge zu erforschen,  als dieses unselige, versoffene Zelebrieren einer fragwürdigen Männlichkeit.

Mein Papa hatte immer viel zu tun am Himmelfahrtstag, weil da seine kleine Lieblingsbrauerei neben den Traktoren auch ein Schnauferltreffen mit alten Motorrädern veranstaltet hat. Und „der Bräu“, der für meinen Vater wie früher einer der anerkannten Honoratioren war und den er sehr mochte, teilte ihn im Platzanweisungsteam ein, da gab es dann ein Essen und hinterher als Lohn mindestens 10 Tragerl von dem guten Bier. Aber ich glaube, der Papa verspürte es als eine Art Ehre, an so wichtiger Stelle in diesem Treffen mitzuwirken. Dieses Treffen wurde immer größer und größer und dann kamen die Ausschreitungen, die letztlich dazu führten, daß die Brauerei das Ganze vor Jahren aufgelöst hat. Der Papa hats nicht mehr mitbekommen.  Vor 14 Jahren ist er gestorben. Letzte Nacht bin ich in der Stube gesessen und hab an ihn gedacht. Um halb eins ist er gestorben, in seinen 85. Geburtstag und in den Tag der kalten Sofi hinein.

Einen leichten Tod hatte er, so schien es mir, er hat ausgeschnauft und nicht mehr eingeatmet. Und ich dachte mir, wie einfach das doch ist, das Sterben. Ich hab meine Hand neben seine Hand gelegt und gesehen, wie ähnlich sie sind. Viel Eisen haben sie geschmiedet, die Papahände, viele kleine Vögel mit weit zum Pfeifen aufgesperrtem Schnabel, nur er konnte sie aus ehemals starrem Eisen durchs Erhitzen so formen, daß sie wie echt aussahen. Manchmal, wenn ich irgendwo unterwegs bin, seh ich sie an einem Geländer oder an einem Grabkreuz und dann weiß ich: Die sind vom Papa.

Er hat auch immer gepfiffen und ich hab letzte Nacht auch für ihn gepfiffen, einen seiner wunderschönen Landler, und dann bin ich hängengeblieben und wusste nicht mehr, wie er weitergeht und dann war mir, als tät der Papa die Zugharmonie unter der Bank hervorholen  … und ich hör ihn spielen und die Knöpfe klappern leise und bei der Stelle, an der der Baß so röchelnd schnarrt, da tät er mich anschauen und lächeln, weil er weiß, daß mir diese Stelle so gut gefällt. Und ich denke daran, was wir uns alles noch sagen hätten sollen und was ich ihn nicht gefragt hab  und daß wir uns manchmal das Leben blödsinnigerweise so schwer gemacht haben und das, obwohl oder grad deswegen, weil wir uns so gern hatten.  Und daß wir uns wahrscheinlich zu fremd oder zu ähnlich waren oder beides, was weiß ich. Und daß ich wohl nie erfahren werde, wer dieses Bild gemalt hat mit dem Tod im Gebirge, das er so geliebt hat und daß die Pfingstrosen ganz wunderbar blühen, die uralte Staude und daß ich morgen Marmelade koche, auch immer noch vom uralten Rhabarber … sag mal, Papa, wie alt wird der wohl sein?

Daß überall die Akeleien blühen, sag ich nicht, auch nichts vom übrigen Wildwuchs, den er nicht mochte. Aber daß zweimal hintereinander ein Maikäfer in die Küche gesegelt kam und  am Topfrand von der Tomatensoße gelandet ist und ich ihn zweimal grad noch vor  dem Absturz ins kochende Verderben retten konnte, das tät ich ihm sagen. Weil Du immer Tür und Fenster aufreissen mußt, täte er sagen.

Und daß ich ihn vermisse, tät ich ihm sagen.

So schrecklich vermisse.

 

 

 

Und wenn sie wieder auftaucht zum Luftschnappen, dann schreibt sie hier, die liebe Kraulquappe.

# 50 An der Nordseite der Alpen

„Hauptsächlich wird es den Dauerregen im äußersten Süden geben. Das Tiefdruckgebiet zieht über die Alpen und der Regen fällt an der Alpennordseite ins Alpenvorland“. So wurde vor ein paar Tagen im Wetterbericht angekündigt, was zu erwarten war. Und die Aussage hat sich bestätigt: Es regnet und regnet und regnet … dauernd und unbeirrbar. Eigentlich regnet es nicht nur, sondern es schüttet wie aus Kübeln. Menschen, die hier Urlaub machen, sind voll des Jammers, sie hatten schließlich Sonnenschein, blauen Himmel , Flanieren in kurzer Hose am bairischen Meer und noch so einiges, was das touristische Herz begehrt, bestellt. Und jetzt hocken sie hier im Freizeitpark südliches Bayern, der „Schiemsee“ ist grau und aufgebracht und ungastlich, und die Berge, sofern man sie überhaupt sieht, hüllen sich in unwirsche Distanz und dampfende Nebelschwaden. Was soll man bei so einem Wetter anfangen? Viele landen da, wo sie auch daheim hingehen, beim Aldi. Und da hat man es dann mit Horden von mißmutigen und schlecht gelaunten Menschen zu tun, die sich für ihr Geld betrogen fühlen von der bairischen Wetterlage. Und ich muß mich beherrschen, wenn ich so Aussprüche höre, daß man im nächsten Urlaub doch wohl lieber in den Süden fliegen wird. Da bin ich versucht, zu sagen, daß wir hier ja schon im Süden sind und bezüglich Klima nicht mehr viel Unterschied zu den Flugzielen mit Sonnenscheingarantie vorliegt, denn entweder trocknen wir aus oder es schwemmt uns weg … das ist in Dubai auch nicht viel anders, wie kürzlich berichtet.

Aber ich sag nichts, und schau lieber zum Dach der architektonischen Scheußlichkeit des Aldigebäudes hinauf: da sitzt am höchsten Punkt vom First ein kleiner Vogel, der aus Leibeskräften sein Lied hinaustirilliert, in einer solchen Inbrunst und Lebensfreude, daß ich beim Zuhören vor lauter Glück gar nicht merke, daß ich längst waschelnaß bin und mir das Regenwasser über das Gesicht läuft.

Was für eine Freude, lieber kleiner Vogel, Dir zuzuhören!

Heute habe ich Stunden damit verbracht, zu suchen, in welcher Geschichte vom verehrten Jorge Luis Borges das nachfolgende Zitat genau steht … und habe es bisher nicht herausgefunden.

„Jemand setzt sich zur Aufgabe, die Welt abzuzeichnen. Im Laufe der Jahre bevölkert er einen Raum mit Bildern und Provinzen, Königreichen, Gebirgen, Buchten, Schiffen, Inseln, Fischen, Behausungen, Werkzeugen, Gestirnen, Pferden und Personen. Kurz bevor er stirbt, entdeckt er, daß dieses geduldige Labyrinth aus Linien das Bild seines eigenen Gesichts wiedergibt.“ Jorge Luis Borges

Aber ich bin wieder einmal aus dieser nur zum Schein erfolgslosen Suche verzaubert und bereichert aufgetaucht. Das Suchen ist oft eine Reise zu einem Geheimnis im Geheimnis im Geheimnis und dieses Mal bin ich bei einem Menschen gelandet, der im Keller seines Hauses das „Aleph“ gefunden hat und darüber war ich mir plötzlich sehr sicher, daß auch im Keller unseres Hauses ein Geheimnis verborgen ist … unter der Stiege war mal ein Gang, da bin ich sicher. Ob jener zum Aleph geführt hat …?

Wer weiß, was noch alles möglich ist, wenn man sich erlaubt, zu träumen.

Und da textet die Kraulquappe

# 49 Der Callboy, die Metamorphose der Stubenfliege und der kopflose Reiter…

Nach erledigter Darmspiegelung schlafe ich erstmal den Rest des Tages und steige dann langsam aus dieser untersten Niederung, in die man als Lebewesen absteigen kann, wie aus dem Hades wieder hinauf zur einigermaßen normalen menschlichen Existenz. Die Untersuchung erfordert eine Vorbereitung, allein beim Drandenken  krieg ich Würgereiz und es schaudert mich. Ähnlich geht es mir, wenn ich an einen Film denke, über den ich kürzlich auf YouTube gestolpert bin. Ich fand mich plötzlich in einer Doku über Kevin, der von seinem Leben als Callboy erzählt. Über seinen eigentlichen Beruf als Ingenieur, der irgendwelche Industrieanlagen überprüft und deshalb landesweit herumreist mit Trolley für Werkzeug und Sonstiges. Und man sieht ihn zuhause in seiner Wohnung, vor dem Spiegel, unter dem unzählige Duftwässerchen stehen, mit denen er sich dann auch reichhaltig einsprüht, bevor er beim gebuchten Termin mit einer Kundin seiner gut bezahlten Freizeitbeschäftigung nachgeht. Er überprüft den Inhalt seines Werkzeugkoffers, den er immer dabei hat, wenn er sich mit Kundinnen trifft. Er garantiert jeder Frau einen Orgasmus. Wenn seine biologischen Möglichkeiten nicht ausreichen, weil … da schweigt er diskret … also, für diesen Fall hat er Hilfsmittel dabei, um jeder, wie auch immer gearteten Frau das zu verschaffen, was sie an sexueller Belustigung möchte. Jegliche Art von Beziehung ist tabu, selbstverständlich arbeite er mit viel Gefühl, aber natürlich nicht mit diesem „speziellen“ Gefühl, es sei schließlich ein Geschäft, eine Dienstleistung, gutes Geld für gute Arbeit. Pro Sitzung, oder sollte man eher Liegenschaft dazu sagen, verlangt er 500 EUR und er sei restlos ausgebucht. Es gibt etliche Stammkundinnen, die sehr zufrieden sind mit seiner Arbeit, man mag sich, aber natürlich nicht „so“.

Man sieht ihn, als er eine Kundin im Restaurant trifft und schaut ihm sozusagen bei der Anbahnungschoreographie zu, wie er welche Komplimente macht und die Kundin darin einsülzt. Die Frau läßt alles mit glänzenden Augen über sich ergehen und macht nicht den Eindruck, als würde sie dieses Spiel nicht mögen. Ich kann den Film nicht ganz anschauen, weil ich allein schon den sicher teueren Duft dieses frischgeduschten, sehr smarten und gut aussehenden  Mannes nicht ertrage, der mir aus dem Fernseher aufdringlich entgegen zu wehen scheint.

Wer mag eigentlich sowas? Ich kenne keine Frau, die sich solche verlogenen Spiele wünscht, aber ich kenne viele, die sich ausgehungert nach uferloser Zärtlichkeit und bedingungsloser Zuneigung sehnen.

Es scheint dann so ein hochbezahlter Fake, diese unverbindliche Illusion einer Zwischenmenschlichkeit  immer noch besser zu sein als nichts, oder?

Während ich das hier schreibe, schwimmen weiße Wolken über einen klitzeblauen Himmel und es ist warm wie im Sommer. Alles mögliche an Fluggetier schwirrt durch die Lüfte. Unsere Spezies sorgt ja leider für ein schreckliches Artensterben, die Insekten werden immer weniger. Ich bin froh, daß es die alte Stubenfliege (Musca domestica) noch gibt und es würde mir nicht im Traum einfallen, auch nur eine einzige zu erschlagen. Wenn man sie in Großaufnahme anschaut, sieht man, was für ein Wunderwerk der Schöpfung sie ist. Alleine schon diese roten Facettenaugen, in Nahaufnahme ein Wesen wie aus einer anderen Welt. Sie macht als „holometaboles“ Insekt eine vollständige Metamorphose durch … dieses kleine haarige Wesen mit den zarten Flügeln, das uns nervt und dem Hygienestandard unserer überzüchteten Zivilisation nicht mehr gerecht wird in seinen Gebaren und wir sowieso all das, was uns nicht passt gerne mal erschlagen, wird auch sie vernichtet, wo es nur geht. Früher hingen überall diese klebrigen Fliegenfänger herum, die waren mir als Kind schon zuwider in all dieser Belanglosigkeit des Quälens einer Kreatur.

Vor kurzem habe ich von einer Sage, die nächste Umgebung betreffend, erfahren und bin dabei, sie zu erforschen, so gut es geht. Die Sage erzählt vom wiederkehrenden Erscheinens eines Schimmels bei Nacht an einem bestimmten Ort und zusätzlich gibt es noch die Erweiterung dieser Gechichte. Diese besagt, daß zu besonderen Anlässen auf diesem Schimmel auch noch ein Reiter ohne Kopf sitzt. Nicht weit davon entfernt wurde vor Jahren ein Gräberfeld entdeckt aus bajuwarischer Zeit. Das Thema dieses Schimmels kommt ja öfters vor in der nicht nur oberbairischen Sagenwelt  Und da ich ja eine alte Geheimniskrämerin bin, werd ich da weiterforschen, immer auf der Suche nach uralten kultischen Orten, je älter umso lieber.

 

Und wonach die Kraulquappe gerade herumforscht, könnt Ihr hier lesen

 

# 48 Rilke, Katzen und die Eigenart der Dinge

Auf der Straße kommen mir große Lastwägen entgegen, dahinter etliche Panzer und als Nachhut ein paar Jeeps, tarnfarbig wie alles Übrige und bedrohlich. Immer öfter rollt Kriegsgerät über die Bundesstraße, so oft und so selbstverständlich, daß man sich schon daran gewöhnt. Nein – ich nicht – niemals!

Die Straße führt durch immer dichter besiedeltes Gebiet. Kaum noch eine leere Wiese, eine freie Zone sozusagen, an deren Rändern nicht schon das neue Industriegebiet geplant ist oder die Siedlung nebenan sich weiter ausbreitet, mit immer denselben Einfamilienhäusern, die sich allein schon mit der  banalen Scheußlichkeit der Eingangstüren gegenseitig überbieten. Dazu kommen die derzeit hochmodernen schwarzumrahmten Fenster, die ausschauen wie die Augenlöcher von Totenschädeln. Und drumherum Rasen, aufgehübscht mit ein paar Containerpflanzen. Und um die vom Gartencenter vorgeschlagene Choreografie noch stimmungsvoll abzurunden, werden hie und da ein paar weiße Gesteinsbrocken plaziert. Oder es wird einfach alles mit Steinen aufgeschüttet, auf denen dann ein Blumentrog thront. Die schneebedeckten Berge im Hintergrund würden beim Anblick dieser  Gärten des Grauens gerne davonlaufen, aber sie schaffen es ja nicht mal, die Plage der unangenehmsten Spezies, nämlich die der urlaubenden Menschen abzuschütteln. Und so stehen sie halt einfach weiterhin da und hüllen sich in den Mantel des Schneefalls und des Schweigens.

Ein Haus, an dem ich oft vorbeifahre, ist anders, ganz und gar anders. Manchmal sehe ich Licht in einem Fenster, also scheint wer darin zu wohnen. Der große Garten davor ist verwildert. Bei seinem Anblick schlagen strukturierte Menschen mit Ordnungsprinzipien die Hände über dem Kopf zusammen und Gartenprofis könnten so einen „Zugang“, wie wir die verschiedenen Stufen der Verwahrlosung nennen, überhaupt nicht aushalten und würden sofort aufräumen. Ich liebe diesen Ort. Er ist anscheinend so gut wie völlig sich selbst überlassen und gestaltet aus sich heraus die ganz spezielle Ordnung der Dinge. In der Mitte des Grundstücks steht ein Apfelbaum in voller Blüte und schenkt dem wilden Garten das Höchstmaß an Schönheit und Schmuck, was bräuchte es mehr? Ganz egal zu welcher Jahreszeit und in welcher inneren Verfassug ich daran vorbeifahre, wird mir ums Herz warm und licht und weit beim Anblick dieser sich selbst ordnenden Wildheit. Ja, ich liebe das Brachland, das überall dort entsteht, wo sich der Mensch mal heraushält mit seinen Kosten/Nutzen – Strukturen.

Beim Heimfahren vorhin lief schnell noch, ungefähr einen halben Meter vor meinem Auto eine Katze über die Straße, sie konnte nicht warten, hatte wohl einen wichtigen Weg zu machen. Es ging alles gut und sie verschwand im Gebüsch. Zuhause angekommen wurde ich schon erwartet und kaum hatte ich den Motor abgestellt, sprangen sie zu zweit auf die Motorhaube, liefen mit Schlammpfoten über die Windschutzscheibe oben drüber über das Autodach, klack klack klack … klärten die Machtverhältnisse, indem ein Kater dem anderen eine runterhaute und sich dann als Chef der Lage gemütlich auf der warmen Motorhaube niederließ.

Sie leben ganz nah an uns, haben uns immer im Blick und tun nur das, was und wie sie es für richtig halten. Ihrem kätzischen Naturell entsprechend kommen sie, wenn sie wollen und nicht unbedingt, wenn man sie ruft, wenn man sie anschaut, schauen sie erstmal weg, sind ganz nah und schnurren und streichen um die Beine und verschwinden plötzlich und sind wie vom Erdboden verschluckt. Sie hängen mehr am Ort als am Menschen, hassen jegliche Art von Fremdbestimmung, wechseln alle paar Wochen ihren Schlafplatz, gehen gerne nachts auf die Jagd, sind großflächig streunend unterwegs, wollen am Morgen was essen und sich dann ungestört zum Schlafen hinlegen.

Herr Graugans sagt, es gäbe da seines Erachtens durchaus gewisse Parallelen…

Vorhin kam eine Mail, geschickt von einem Freund, der mir ein Zitat schickte, von dem er annimmt, es könnte mir gefallen. Das tut es, lieber M. vielen Dank!

Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe.
(wahrscheinlich von Rainer Maria Rilke, keine Quellenangabe aufzufinden)

…und da läuft die Kraulquappe durch die Stadt…

# 47 Wüstenstaub, Borges, Schygulla und ich

Als ich vor ein paar Tagen vom Einkaufsmarkt zum Parkplatz gehe, steht da ein einziges, kleines Auto, das so gelb bepudert ist, daß man kaum mehr seine ursprünglich schwarze Farbe erkennt. Am Tag zuvor sah ich die Wolke über dem Hügel stehen, schwefelgelb  und sonderbar. Der Löwenzahn sorgt um diese Jahreszeit auch für gelben Staub, den der Wind von unten nach oben wirbelt. Aber der Staub, den eine Wolke von oben herunterbröselt, ist eine andere Kategorie. Wüstenstaub aus der fernen Sahara wurde angekündigt und jetzt ist mein Auto gelb und ich träume von dem Märchenland hinter den Pyramiden, uferloser Sand, nichts wie Sand und ich höre den ägyptischen Guide, der mir erklärt, wo die libysche Wüste beginnt und „wo Gaddafi wohnt“. Ich denke an den Sichelmond, der wie eine Barke über den Nachthimmel segelte, und überhaupt an diesen Himmel, der über der Wüste viel höher zu sein scheint als daheim, und ich sehe die zerschossene Nase der Sphinx … von so weit her kommst Du also, Wüstenstaub. Ich wische die Windschutzscheibe ab, damit ich was sehen kann, der übrige Staub darf bleiben, irgendwann wird ihn der Regen abwaschen. Aber warum ist mein Auto das einzige, das gelb ist.? Entweder hat der ganze Fuhrpark auf dem Parkplatz eine Garage oder es haben alle von gestern auf heute ihre Autos gewaschen, denn alle sehen wie frisch poliert aus!

Warum werden eigentlich die Autos ständig geputzt? Über Ostern fuhr sicher außer meinem kein einziges ungewaschenes Auto durch die Gegend. Warum wird überhaupt so viel geputzt? Warum putzen Frauen ständig die Wohnung und die Männer ständig die Autos? Warum ist ständig und überall die Sauberkeit in und um Räume so ein raumgreifendes Thema, alle schimpfen über diese ständige Putzerei, räumen ihr aber trotzdem soviel Lebenszeit ein. Am schlimmsten ist für mich das Geräusch des Staubsaugers, ich beschränke es auf höchstens einmal im Monat. Und ich putze erst, wenn es wirklich dreckig ist und nicht nahezu ständig, damit es nicht dreckig wird. Und je älter ich werde, umso weniger verstehe ich, warum Dreck schlecht ist und Sauberkeit gut. Ich sitze ganz bestimmt lieber in einer Wohnung, der man nichtaufgeräumte Lebensspuren ansieht, mit Menschen plaudernd am Tisch als in frisch polierter und durchstrukturierter Umgebung, wo man nicht wagt, sich zu bewegen, weil man sonst die Ordnung stört.

Draußen schneit es riesige Flocken und ein kalter Wind weht übers Land. Ich mag dieses Wetter, weil das viel mehr zum April gehört als sommerliche Temperaturen.

Das Buch, aus dem ich vorhin aufgetaucht bin und das neben mir liegt, ist die Autobiographie („Wach auf und träume“) von Hanna Schygulla. Sie hat sie in dem Alter geschrieben, in dem ich jetzt bin. Inzwischen sind zehn Jahre vergangen und sie hat die 80 überschritten. Ich mag sie heute als alte Frau mehr denn je. In einem Film mit ihr über ihr Leben ging ein Strahlen von ihr aus, das ich nur mit einer zärtlichen Weichheit beschreiben kann, in den Bewegungen ihres Körpers, ihrer Stimme und in diesen sanft glänzenden Augen einer Träumerin.

Ein Buch hat sie geschrieben, voller Poesie, in dem sie vieles aus ihrem Innersten offenbart und doch nichts  verrät, von den Geheimnissen, mit denen und für die sie lebt. Merkwürdigerweise kommt mir auch in diesem Buch ein Schriftsteller entgegen, der durch alle möglichen Wege in anderen Büchern in mein Leben hineinleuchtet, meine Nähe zu suchen scheint und auf sich aufmerksam macht: Jorge Luis Borges. Schygulla bekommt irgendwann bei Dreharbeiten in Argentinien einen Zettel zugesteckt, auf dem die folgenden Worte stehen:

„Alles ist ein stummer Buchstabe einer unentzifferbaren Schrift“. (Borges)

Und sie schreibt dazu: „Sichtbar werden hinter diesen Worten die Wasserzeichen des Geheimnisvollen, das ich brauche wie das täglich Brot, um gern zu leben.“  Und ich  … ich habe sofort das Gefühl, daß ich jetzt auch von ihr diesen Zettel zugesteckt bekomme, auch ich suche und brauche das Geheimnisvolle, um zu leben.

Ich hätte gerne ihr Programm gesehen „Borges, der Tango und ich“, das sie in den 90er Jahren auf der Bühne spielte. Sie sang alle Lieder auf spanisch. Komponiert und mit dem Klavier begleitet hat sie ein inzwischen weltbekannter Künstler, mit dem zusammen ich in jungen Jahren noch vor seiner Karriere über längere Zeit im gleichen beruflichen Umfeld gearbeitet habe. Schon damals schätzte ich ihn sehr, obwohl wir in unseren Auffassungen ziemlich getrennt voneinander agierten und ich ihn sehr viel besser kannte, als ihm lieb war. Das Leben geht seltsame Wege, um nicht zu sagen: wir wandeln in „Gärten, deren Pfade sich verzweigen“ (Borges)

Hab Dank, Freundin, daß Du mir von dieser Autobiographie erzählt hast und Hanna Schygulla danke ich, daß sie darüber schreibt, wie sie ihr Leben in ihre weichen Hände nimmt und es in Güte und Zärtlichkeit betrachtet … was könnte dem Leben Schöneres widerfahren? Ich hab es erst zur Hälfte gelesen und freue mich auf alles, was noch kommt.

Und ich liebe es sehr, wenn ich in einem Buch zu einem anderen Buch gelenkt werde, so wie jetzt, da ich in den „Fiktionen“ wieder einmal  „Die kreisförmigen Ruinen“ lese, von dem Mann, der so lange seine Figuren träumt, bis sie wirklich sind und an einem Schicksal tragen. Diese flirrend geheimnisvolle Welt … der Spiegel im Spiegel im Spiegel … kein unwirkliches Verstehen, aber wirkliches Erspüren möglich, für eine Träumerin wie mich.

„Lassen Sie mich ein, ich werde für Sie träumen“ (H.Schygulla)

Ja.

 

Und diese Region durchträumt die Kraulquappe

 

# 46 Der kriechende Günsel

Vorgestern hatte es 30 Grad, heute ist es kalt. Schnell und unerwartet springen die Temperaturen von einem ins andere Extrem. Im Gartencenter quellen die Einkaufswägen über, vollbeladen mit sommerlicher Containerware, frisch geliefert aus den Massenzuchtanlagen. Auch in der Giftabteilung wird fleißig eingekauft, Ameisentod, Schneckentod, Wühlmaustod, Bemoosungstod für Gartenfliesen, Fruchtfliegentod, Silberfischtod,  Mückentod, Läusetod und was noch so alles kreucht und fleucht und vernichtet werden muß, weil es sich nicht an die jeweiligen Zucht- und Ordnungsregeln hält. Die Packung billigster Rosendünger kostet 10 EUR, das erschreckt mich anscheinend so, daß ich nicht merke, daß die kleine Stachelbeerstaude, die ich kaufe, gar keine Stacheln hat. Ich merke es erst beim Verladen ins Auto und auf dem Zettel wird beschrieben, daß man die Stacheln weggezüchtet hat. Meine Güte, jetzt haben wir also Stachelbeeren ohne Stacheln, was für eine merkwürdige Welt.

Auf der Straße liegen die ersten zerquetschten Igel und am Haus vorbei rast der Jungbauer und Großpächter mit dem vollen Güllewagen, den er über den Nachbarswiesen ausleert. Er fährt etliche Male, wieviel Gülle wird er hinterlassen … 100000 … 200000 … 300000 Liter? Man sieht auf den Wiesen die Ausbeutung, je gelber die Grasflächen sind und je mehr Löwenzahn dort wächst, umso schlimmer ist die permanente Überdüngung. Gottseidank sind unsere Wiesen bei weitem nicht so gelb, wie die umliegenden, unser Pächter hat weniger Tiere und deshalb auch nicht soviel Gülle.

Wenn diese stinkenden Transporte vorbeirasen, dann liegt bald darauf ein Geruch in der Luft, der so gottserbärmlich stinkt, daß es mich würgt.

Ums Haus herum fliegen wieder die kleinen Fledermäuse, der aufgewachte Igel schiebt den laut scheppernden leeren Katzenteller mit der feuchtglänzenden kleinen Schnauze vor sich her übers Pflaster, keine Ahnung, was er damit vorhat.

Zu meiner großen Freude reckt der kriechende Günsel bereits seine Köpfe aus der Erde und wird in den nächsten Tagen und Wochen alles ums Haus herum mit blauer Blütenpracht überziehen. Ein paar fleißige Hummeln schleppen bereits schwere Taschen mit gelbem Löwenzahnstaub und machen sich beladen und leicht torkelnd auf den Weg heim in den Bau, um die Nachkommenschaft mit süßem Kraftstoff zu füttern.

Jetzt dämmert es in die blaue Stunde hinein. Die Zeit läßt sich Zeit und bleibt bewegungslos  auf den Ästen und in den Zweigen der Birke sitzen und pflegt den Stillstand. Niemand fällt das auf, nur die weisen Katzen, die vor der Küchentüre sitzen und dösen, heben manchmal ganz langsam die Köpfe und schauen blinzelnd hinauf ins Birkengeäst.

Es wird Nacht, aber der Himmel behält sein magisches Blau, das immer heller ist  als die Dunkelheit hier unten.

Wie schön doch die Welt ist.

Und da schreibt die Kraulquappe

# 45 Fallhöhe

In einem meiner Lebens-Lieblingslieder singt der Wolferl Ambros auch heute noch, daß es ihm wie dem Jesus geht, weil ihm auch das Kreuz so weh tut. Mir gefällt es heute fast noch besser, weil die Stürme des Lebens seine Stimme ausgefranst haben und sein Gesicht ausschaut wie der Wald nach dem großen Schneedruck im Winter. Alle Versuche, da was zu retten, würden nur noch tiefere Gleise im Boden hinterlassen. Er ist alt und das merkt man und trotzdem sitzt er auf der Bühne mit der Gitarre und spielt, wie es jetzt klingt, echt und unverfälscht, er könnte nichts Besseres tun.

Der Unfall passierte eine Woche vor Ostern und es passierte genauso blöd, wie halt sowas passiert und ich konnte es nicht vermeiden, das Umfallen. Ich bin ziemlich schnell mit dem Radl gefahren über Stock und Stein und bin wohlbehalten daheim angekommen. Vor der Garage habe ich angehalten, war schon mit beiden Füssen auf dem Boden und bin mit dem Rad umgefallen, weil ich mit dem Schuh auf unerklärliche Weise an der Stange hängenblieb, das Gleichgewicht verlor und mitsamt dem Rad in den Schlamm stürzte. Wie in Zeitlupe konnte ich zusehen, wie es passierte, keine Chance, das Ganze aufzuhalten. Blöderweise bohrte sich dabei der Lenker in meine Brust, das tat so weh, daß ich dachte, ich muß sterben. Machen kann man da nichts außer Quarkwickel, ich muß einfach abwarten, bis der schreckliche Bluterguß von alleine wieder vergeht. Inzwischen kann ich schon wieder halbwegs schmerzfrei einen Wäschekorb tragen. Unseren freundschaftlichen Osterbesuch konnte ich noch nicht umarmen, weil mein alter Leib im wahrsten Sinne des Wortes noch an schmerzhafter Hinfälligkeit leidet. MIt dem Radlfahren muß ich erstmal pausieren, hoffe aber, daß ich mich wieder losfahren traue, irgendwann.

Die Karwoche und Ostern war durchzogen von täglicher Freude über die Briefe der Frauen. Ich sehe es als großes Geschenk, daß dieser „Transfer“ möglich war  und daß sich Frauen auf dieses „Erinnern“ mit unglaublicher Ernsthaftigkeit eingelassen haben und so mutig waren, ihre Traurigkeit, Sehnsucht und Liebe zwischen den Zeilen zu verströmen. Es kam ja diesmal nicht darauf an, besonders gute Texte zu verfassen, sondern einfach nur, sich zu öffnen, bereit zu machen für das, was da kommt. Es ist gelungen. Ich danke denen von dort und denen von hier für das Glück dieses Versuchs einer Annäherung. Es hat mich durch die Osterzeit getragen und es wirkt in mir nach, immer noch und intensiv. Seid mir herzlich gegrüßt und laßt uns in Verbindung bleiben.

Bei einer Suche im Graugans – Archiv habe ich mit Erstaunen festgestellt, daß es diesen Blog seit Februar 2014 gibt, also schon zehn Jahre. Meine Güte, und ich erinnere mich noch ganz deutlich, wie ich mich gefreut habe, als die „Mützenfalterin“ mir damals  ein liebevolles Herzlich Willkommen geschickt hat. Ein fremder Mensch in einem für mich damals extrem fremden Universum hält mir seine virtuelle Hand zum Gruß hin! Wie schön. Liebe Elke, das werd ich Dir niemals vergessen!

Heute war die Firma da, die unsere Dachrinnen reinigt, wenn wieder mal der altehrwürdige Nußbaum, die Ebereschen und die wilden Rosen ihre Finger nach überall ausstrecken und leider ihre Blätter mit Vorliebe dort aufstauen, wo dann das Wasser nicht mehr abfließen kann und sonstwohin rinnt. Gottseidank gibt es so eine Firma, es kommen immer dieselben sehr freundlichen Männer, die dann riesige Leitern anlehnen und in Windeseile, so mirnix dirnix in der Luft hängend die Dachrinnen ausräumen. Mir wirds schon schwindlig beim Hinschauen.

 

Und da schreibt die Frau Kraulquappe

 

 

 

#44 Ranunculus ficaria und der Kikeriki

Heute um 4.06 Uhr war Frühlings-Tag-und Nachtgleiche. wir gehen auf Ostern zu.

Auf der Bundesstraße liegt schon wieder ein plattgefahrenes graubraunes Fell … ein Feldhase, jetzt ist er nur noch ein kleines Häuflein Elend. Beim Weiterfahren sehe ich in einiger Entfernung auf der Wiese rechts von der Straße fünf lebendige Hasen sitzen. Beim Näherkommen steigen drei davon als Bussarde senkrecht in die Luft, ein weiterer  entpuppt sich als Katze vor einem Mausloch und der fünfte der Gruppe hoppelt schließlich als Hase nach irgendwohin in Richtung Gebüsch.

Um den alten Nußbaum herum wächst in großen Mengen „der Kikeriki“, auch Gefingerter Lerchensporn genannt, wie ein Teppich breitet er sich um den Baum herum aus. Man kann ihn mit etwas Geschick langsam aus der Erde ziehen, er hat eine einzige, lange weiße Wurzel, die uns als Kinder sehr faziniert hat, schaut sie doch aus wie ein langer Wurm. Große Sträuße haben wir damit gebunden.

Unter unserer Kiefer entdecke ich eine Kolonie Veilchen. Mein ganzes Leben lang kamen immer am gleichen Platz im Frühling die Veilchen, man konnte sie schon paar Meter vorher riechen. Dann blieben sie jahrelang aus und ich suchte vergebens nach ihnen, denn ein Frühling ohne sie war mir nicht vorstellbar, aber jetzt sind sie wieder da und im Verströmen ihres Duftes senkt sich ein tiefer Frieden in mein Herz.

Ich liebe den Fernseher und wenn genug Geld da wäre, dann hätten wir längst den  mit dem größten Bildschirm, den es gibt! So viele Spielfilme,  Dokumentationen, Reportagen  und interessante Gespräche hätte ich ohne Fernseher niemals gesehen.  Und ich stimme Werner Herzog zu, der sagt: „Ich sehe ab und zu Trash-TV… ich will wissen, in welcher Welt der Sehnsüchte ich lebe.“ Ja, so geht es mir auch.

Natürlich ist ein Fernseher kein Ersatz für das Kino und manche Filme leiden unter dem kleinen Format, in das sie gezwängt werden, aber so viele Filme, die mich interessieren, hätte ich nie gesehen, weil sie in den erreichbaren Kinos nicht gezeigt werden. Auch DVDs sind keineswegs ein Ersatz, aber: in der Not frißt der Teufel Fliegen, nicht wahr!

Nächste Woche kommt auf ARD eine Serie über Kafka, Regie führt David Schalko und der Kameramann ist der großartige Martin Gschlacht und die Besetzung aller Rollen ist so grandios, das kann nur gut werden, ich freue mich sehr darauf! Filme, in denen Martin Gschlacht die Kamera führt, will ich alle sehen, weil es immer besondere Filme sind. Erst kürzlich hat er den silbernen Bären auf der Berlinale bekommen. Ob ich mir den Film „Des Teufels Bad“ anschauen werde ist noch nicht sicher. Allein die Ausschnitte, die ich bisher gesehen habe, sind mir so unter die Haut gegangen und lösen Reaktionen in meinem Innenleben aus, die ich kaum ertrage. Es geht um Frauen, um das Weinen der Frauen, um die Qual von Frauen, was ihnen angetan wird und was sie sich gegenseitig und selber antun und das ist nicht einfach so eine Geschichte von früher, einer anderen Zeit, die man sieht und froh ist, daß es heute anders ist. Das Schlimme daran ist, daß es um die Wahrheit und die Wirklichkeit  eines  Lebens als Frau geht und das es uns jetzt betrifft … wenn wir es wagen, uns zu er – innern.

Es gibt im bairischen Deutsch einen alten Ausdruck, fast vergessen ist er schon:  das „Innerwerden“.  Wie immer kann man das nicht gut übersetzen, es bedeutet ungefähr sowas wie : man erfährt was Neues, aber es ist wichtig und intensiv gemeint.

Wenn ich also sage, daß ich in diesem Film was innerwerde, daß wir was innerwerden, was deshalb so schmerzt, weil es an etwas rührt, was wir als eine Art Kollektivschmerz schon in uns tragen … dann weiß ich nicht, ob ich diesen Film aushalte. Der Kameramann sagte, er hat weinen müssen.

Ein unglaublich schöner Tag ist heute und ich lege die geliebte alte Platte von Reinhard Mey auf und spiele das Frühlingslied

„…die Mädchen tragen ihre Mäntel offen
und Männer wagen einen schnellen Blick.
In allen Augen blüht ein neues Hoffen,
auf Liebe und ein kleines Stückchen Glück…“

 

Heute auf der Streuwiese:
Das Scharbockskraut

 

und da blühts bei der  Kraulquappe

# 43 Der Alfons, der Bussard und die Buschwindröserln.

In der Laterne vor dem alten Haus brennt schon die Kerze und die Türe ist offen, wir freuen uns auf Besuch. Der Alfons kramt noch ein bisserl im Auto herum und als er mit Gastgeschenk im schwarzen Stoffbeutel aufs Haus zu geht, da lächelt er und mir ist, als würde das Haus auch lächeln und seine Arme ihm entgegenstrecken. Meistens tut das Haus gar nichts, wenn es jemand betritt, zumindest merkt man ihm nichts an. In seltenen Fällen scheint es jemand, der oder die es betreten, nicht zu mögen, dann verhält es sich kalt und abweisend und eine Art Düsternis kriecht aus den Ecken und es wird dunkel, auch wenn das Licht brennt. Und manchmal, da lächelt es aus allen Ritzen und ein warmer, goldener Schimmer der Freude legt sich über die Dinge und über die Menschen, die um den Tisch herum sitzen..

Ja, und so war dieser Abend dann auch. Der Alfons ist ein lieber Mensch, wir verstehen uns gut und aus diesem Kontakt ist im Lauf der Jahre immer mehr eine Herzensfreundschaft geworden. Wir sitzen da, essen und trinken und lassen die Geschichten kommen und gehen. Es gibt soviel zum Erzählen, so viele Fragen, so viele Antworten, ein wohltuendes Reden, so, als würden wir schon hundert Jahre hier sitzen und die nächsten hundert dazu.  Und wir sind umarmt von meterdicken Mauern, selten, daß ein Gast und das Haus sich so mögen. Und wir gehen in den großen Raum hinaus, in dem früher die Schmiede meines Vaters war. Auf dem Weg zum hinteren Teil des Hauses hängen unzählige alte Schlösser und Hellebarden lehnen an der Wand … übriggeblieben von einem Auftrag einer Burg. Alfons schaut alles mit glänzenden Augen an, sein Vater war auch Kunstschmied und Musikant, genau wie meiner. Die ehemalige Schmiede hat Herr Graugans umgebaut zu  Fotostudio, Buchbinderwerkstatt etc. und zu seinem Firmenbüro, wir sagen aber nach wie vor Werkstatt dazu. Als wir wieder ins Vorderhaus gehen, fällt mir auf, wie schön die Dinge werden, wenn jemand sie im Vorbeigehen mit liebevollem Blick streift. Sogar die Spinnweben sind nicht wegzudenken, sie gehören zum Ensemble und runden es erst so richtig ab.

Das Allerschönste ist ja, wenn man so beieinander sitzt, wenn man die gleiche Sprache spricht und dann hin und wieder lachend feststellt, daß es doch nicht dieselbe ist, weil die ca. 15 km, die zwischen unseren Heimatorten liegen, tatsächlich zu wörtlichen Unterschieden in den Regionaldialekten geführt haben. Es tut unglaublich gut, mal einen Abend lang die ganz normale hiesige Alltagssprache zu hören, ohne die ständige Anpassung an das, wie ich es nenne „Nordsprech – Syndrom“, das krampfhaft verhindern soll, daß man der Sprache das Südliche anhört. Das angestrebte, weil intellektuell höherstehend vermutete nördlich angehauchte Hochdeutsch scheint umso leichter erreichbar, je mehr man Wörter wie „mega“ und „lecker“ benutzt und nicht mehr schauen, sondern nur noch „kucken“ darf und was sonst noch an „unfassbar“ gescheiter Sprachvielfalt so daherkommt.

Wir hatten es schön mit dem Alfons und haben geredet, wie uns der Schnabel gewachsen ist und wir werden das sicher bald wieder so machen. Nachdem wir uns um Mitternacht verabschiedet hatten, lag auf dem Sofa der vergessene schwarze Stoffbeutel mit dem Aufdruck „Chor“ herum … wie war das … man läßt was liegen, dann kommt man bald wieder zurück, oder? Wär schön, freu mich schon!

Beim Radlfahrn kommen kalte Windböen und jagen mir Regentropfen wie Eiskugerln ins Gesicht. Ich mag dieses Wetter im März, ich brauch nicht immer Sonnenschein und ich liebe es, durch den Sturm zu sausen und mich von der wilden Kraft der Elemente tragen zu lassen.

Auf der Eberesche, ganz oben, sitzt der Bussard. Ich sehe ihn jetzt täglich. Heute schaut er zu mir runter, schaut mir direkt in die Augen und bleibt sitzen, während ich an ihm vorbeifahre.

 

Auf der Streuwiese heute:

Buschwindröserl (Anemone nemorosa)

 

Da schreibt die Kraulquappe.