Archiv für den Monat: September 2025

StadtLandFluß ( O, P )

„Kopf hoch stirbt sich leichter“
Hjalmar Ringo Praetorius
auf dem Oktoberfest

Es ist wieder Oktoberfest und die einen schimpfen 14 Tage und die anderen haben ein langes Jahr darauf gewartet und gespart, den Urlaub dementsprechend eingeteilt, bis es endlich soweit ist und sie sich gierig hineinwerfen können in den großen Rausch und in das schillernde Spektakel der großen Illusionen. Ob hierbei diejenigen, die ewig stänkern und nüchtern das Ganze als Volksverdummung entlarven, glücklicher sind als diejenigen, die sich dem großen Rausch hingeben und irgendwann wieder im Alltag erwachen mit einem riesigen Kater … ich wage es zu bezweifeln. Ich liebe Rummelplätze und habe es damals sehr genossen, ein paar Jahre in unmittelbarer Nähe der Theresienwiese zu wohnen. Man muß es halt mögen, daß zwei Wochen lang ein Geruch von gebrannten Mandeln und Steckerlfisch  über der Stadt schwebt, man von überall her das Riesenrad sieht und immer so ein Grundrauschen zu hören ist, das es nur im Zusammenklang der Rummelplatzgeräusche gibt, diese einmalige Kakophonie von Stimmen und Musik, ich mag das. Zweifellos gibt es unangenehme Auswüchse wie überall, wo Menschenmassen angetrunken aufeinanderprallen. Aber es wird ja niemand gezwungen, hinzugehen und für einen schlecht eingeschenkten Liter Bier 16 Euro zu bezahlen oder 19 Euro für ein verhutzeltes kleines halbes Brathendl oder 400 Euro für ein Steak.

Wenn es nicht schier unmöglich wäre, einen Parkplatz zu finden, würde ich gerne wieder einmal über das Festgelände gehen, dem Vogeljakob und dem Orchestrion zuhören, mit der Krinoline fahren, eine Fischsemmel essen, eine Tüte mit diesen wunderbaren quadratischen Kokosnußbonbons, Magenbrot und mir vom türkischen Honig den Mund verkleben lassen und dann nochmal eine Fischsemmel … dann hat man aber genug des Guten und die gebrannten Mandeln werden daheim verzehrt. Ich mag gerne irgendwo herumlungern, bei den Fahrgeschäften zuschauen, ein paar Rosen schießen, die Schausteller beobachten, wie sie beim Autoscooter ihrem Job nachgehen und am aller-allerliebsten beim „Schichtl“ stehen und einer Art Vorprogramm zuschauen, das die Leute in die Vorstellung locken soll, immer untermalt mit dem Song der Andrew Sisters. Der Schichtl ist das älteste Schaugeschäft auf dem Oktoberfest und der Spruch: „Auf gehts beim Schichtl!“ ist längst ein geflügeles Wort geworden für alle Lebensbelange, die angepackt werden müssen. Viele Generationen und viele Jahrzehnte hindurch wurde und wird das gleiche Programm gespielt, auf das ein Schild hinweist: „Heute Hinrichtung“!

Die Vorführung hat immer den gleichen Verlauf: im Mittelpunkt steht die Hinrichtung. Irgendwer wird aus dem Publikum ausgewählt, wird zur Guillotine gebracht und geköpft. Der blutige Kopf rollt in einen Korb. Der Trick ist so perfekt, daß man es mit der Angst zu tun bekommen könnte. Selbstverständlich kann man sagen, daß auch Kult ein Blödsinn sein kann. Ich sage, es ist bestes absurdes Theater und es ist schon ziemlich absurd, sonst wär es ja kein absurdes Theater, allein schon wegen dem Schausteller, der den Henker gespielt hat. Sie sagten „Ringo der Schreckliche“ zu ihm, sein Name war: Hjalmar Ringo Praetorius. Er war eine imposante Figur, weiß geschminkt, schwarz gekleidet mit Zylinder. Und zu den Delinquenten, die zur Hinrichtung geführt wurden sagte er immer: „Kopf hoch stirbt sich leichter.“

Vor vielen Jahren suchte die Firma Schichtl dringend einen Henker, das Oktoberfest rückte immer näher und es fand sich keiner. Durch einen Hinweis aus der Bevölkerung auf einen ziemlich besonderen Typen fragte man den Ringo, der war zwar noch nie auf einer Bühne gestanden, sagte aber sofort zu und seitdem tat er Dienst als Henker im blutrünstigen Spiel beim Schichtl auf dem Oktoberfest.
Der Chef vom Schichtl sagte über den wohl nicht ganz einfach zu handhabenden Ringo: Es war unmöglich, ihn zu mögen, aber noch viel unmöglicher, ihn nicht zu mögen. Vor ein paar Monaten ist er nun gestorben und im jetzigen Schichtlbetrieb ist sein ehemaliger Gehilfe aufgestiegen und tut seinen Henkersdienst im absurden Spiel so, wie er es vom Meister gelernt hat.
Leb wohl und ruhe sanft, schrecklicher Ringo, mag sein, daß Du eine  merkwürdige Gestalt warst, nicht einzuordnen in die gängigen Normen, ein kleiner Schausteller, der schnell vergessen ist und die Welt wird wieder einmal nicht merken, daß sie ohne Dich ein wenig ärmer geworden ist. Ich werde Dein Grab suchen und Dir eine Rose hinlegen.

Für mich ist ein Rummelplatz immer noch ein Ort freudiger Aufregung und verbunden mit der Freude der Kinderzeit, wenn ich gesehen habe, wie im Sommer auf der Bundesstraße die großen Lastwägen mit den zerlegten Karussellen in Richtung Kreisstadt gerollt sind. „Papa, das Volksfest kommt!“, hab ich gerufen und nach langem Betteln sind wir dann hingefahren. Wir hatten wenig Geld, aber für eine Portion türkischen Honig, heruntergesäbelt von einem schwarzhaarigen Mann mit Fez auf dem Kopf hats gereicht. Und eine Karussellfahrt. Und einmal ist mein Papa mit der Schiffsschaukel so hoch hinauf, daß er einen Überschlag gemacht hat. Daheim bin ich nur durch ein Riesenglück oder die Hand des Schutzengels an einer Katastrophe vorbeigeschlittert, als ich den Überschlag auf meiner Schaukel probierte, die mit Ketten an einer Eisenstange zwischen zwei Birnbäumen hing …

Ich  mag keine Bierzelt Atmosphäre und ich mag mich nicht betrinken, mich versetzen schon allein die Gerüche, die Stimmen und einfach dieses bunte Treiben in eine Art wohligen Rauschzustand und ich empfinde große Zuneigung für die  Clowns und die Schaustellerinnen und all die Narren dieser Welt, deren Arbeit es ist, uns zu unterhalten, damit wir für ein Weilchen über alles Schwere hinausfliegen und einfach nur ohne Grund lachen und glücklich sein können.

Ich bin ein sehr seßhafter Mensch von außen betrachtet, ich fahre nicht gerne los und ich komme nicht gerne an, aber ich liebe es, unterwegs zu sein auf der Straße, wie die Fahrenden… unterwegs …unterwegs …  einfach unterwegs …

StadtLandFluß (N)

Die Reise des Hutmachers ins Niemandsland und Nemesis, eine Tochter der Nacht, Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Links und rechts neben dem Bahngleis sind schmale Streifen Niemandsland. Da wachsen üppig die Goldreben und allerlei wildes Pflanzenzeugs, sich selbst überlassen so vor sich hin und wiegen sich im Fahrtwind der durchsausenden Züge. Vor ein paar Wochen kam der junge Hutmacher zum Bahnhof, zog sich im Fahrgasthäusel aus, faltete seine Kleidung sorgfältig zusammen auf der Bank, ging ein paar Schritte an den Schienen entlang und legte sich dann auf das Gleis vor den einfahrenden Zug.

Es hat in der Zwischenzeit geregnet und alle sichtbaren Spuren sind weggewaschen. Die Goldreben wiegen sich im Fahrtwind und alles ist wie immer im Niemandsland und schaut aus, als sei nichts gewesen. Das Entsetzen und das Gerede darüber haben aufgehört, zumindest hört man nichts mehr. Ob die Stimmen innendrin auch schweigen, weiß man nicht, denn man kann ja in die Innenräume der Menschen nicht hineinhören.

Ein Niemand ist ein namenlos, herrenlos niemandem zugehörig seiendes Etwas – die Verneinung von Jemand, dazu gehören z.B. Findelkinder und Fahrende. Es ist mir dieser „Niemand “ ein Rätsel, ich benutze den Ausdruck sehr oft, ohne genau zu wissen, was er bedeutet, wir benutzen ihn für etwas nicht vorhandenes und doch ist es ja da und gegenwärtig, allein schon durch seinen Namen. Das wunderbarste Lied, „einen Walzer für niemand“ hat Sophie Hunger geschrieben, es entspricht meinem Gefühl als Niemand unterwegs im Niemandsland zu sein …

Auch hier im Netz bewegen wir uns ja in einem Niemandsland. Eine ehemalige Bloggerin, die „Stattkatze“ hat eine Art Abschiedsrede gehalten, als sie ihren Blog geschlossen hat. Sie erzählte von den Anfängen dieses Bloguniversums, damals ohne Kommentare oder Likes, aber mit diesem starken Gefühl der Anwesenheit anderer, deren Texte miteinander kommunizierten, da waren lautlose Stimmen aus dem Nirgendwo … ein ganz spezieller Zauber und eine vertraute Verbundenheit ohne persönlich miteinander zu sprechen. Eine ganz eigene Welt, eine eigene Wirklichkeit. Dann hat man wohl begonnen, Bloggertreffen zu organisieren und sofort war der Zauber verflogen und konnte nie mehr wieder hergestellt werden, die verschiedenen Formen der Wirklichkeit haben es schwer miteinander. Ich glaube nicht, daß die eine Wirklichkeit ehrlicher ist als die andere, aber wir haben in jeder Wirklichkeit eine andere Existenz, die sich mitunter sehr sehr fremd sind. Das Netz hat vollkommen andere Gesetzmäßigkeiten im Niemandsland seiner Daseinsberechtigung.

Die Nemesis kommt allerhöchstens mal im Kreuzworträtsel vor, womöglich auch da als Rachegöttin, zu der sie im Laufe der Jahrhunderte mutiert zu sein scheint. Im äußerst komplizierten Götterhimmel der griechischen Antike ist sie die Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit und der Zuteilung des Gebührenden.  Ihre Attribute sind ein Zweig vom Apfelbaum und an ihrer Seite als Begleitung ein Greif. Es gibt kaum Beweise für eine große kultische Bedeutung. Sie war eine Tochter der Nyx (Nacht), die mit Chronos die Moiren erschaffen hatte, das waren die drei mächtigen Schicksalsgöttinnen Lachesis, Klotho, Atropos., von denen die Etrusker sagten, daß diese drei weit über allen Göttern stünden.

Diese mächtige weibliche Dreiheit kommt aus uraltem  Menschengedenken und hat viele Namen. Hier im Alpenraum konnte das Christentum trotz aller Bemühungen den magischen Kult des Volkes um die drei alten Göttinnen nicht ausrotten und so werden bis heute Barbara, Margarete und Katharina immer noch zum Kreis der 14 Nothelfer gerechnet.

Ob noch was übriggeblieben ist von uralten naturmagischen Ritualen, wo es um das Ehren, die Achtung und die Dankbarkeit für Hilfe in der Not von diesen helfenden heiligen Geistwesen geht … ich wage es zu bezweifeln. Man kennt ihre Namen, aber welche Hilfe bräuchte man von ihnen in Zeiten der alles beherrschenden toten Rasenflächen und der Industriegraswiesen ohne Glockenblumen und Margeriten?

Und wer mag mit Nemesis was zu tun haben … wo um Himmelswillen sollte sie auf dieser Welt anfangen, ausgleichende Gerechtigkeit auszuüben und dort Gebührendes zuzuteilen, wo es von Nöten ist…?

Oder passiert Gerechtigkeit schon, aber ganz anders, als wir vermuten …

Ich gehe im Niemandsland der fallenden Äpfel herum und pflücke Dir ein Zweiglein, Nemesis, bevor ich Dich wieder vergesse und hinter dem Baum steht Niemand und sagt: komm, laß uns den Niemandswalzer tanzen, unbedingt auch linksherum, sage ich.