Kategorie-Archiv: Weltenklang

Hedschebetsche

Ein wildes Geflatter, Tirillieren und Tschilpgesänge in den Obstbäumen heute , die Krammetsvögel sind also auch schon da … kleine schwarze Federwesen, ich glaube, es sind Drosseln, picken hoch oben das heraus, was von den ca. 20 Zentnern Obst noch an den Ästen hängt. Alle Katzen hocken unten und sehen in eine Richtung, im Blick förmlich die Sehnsucht nach zarten Vogelbrüstchen …

Die wilden Rosen bilden Tore, untereinander und zu allem, was sonst noch wächst und so lang an einem Fleck stehenbleibt, bis eine Ranke sich herumschlingen kann. Wer oder was soll hindurchschreiten oder sind es Brücken, damit eines das andere berühren kann? Die Hagebutten färben sich heftig mit obszönem Rot und bringen das Blut in Wallung bevor es der langen Dunkelheit entgegengeht. Rot, prall und hart mit schwarzen Kappen recken sie sich aus den stacheligen Zweigen. Im nahen Österreich heißen sie mancherorts „Hetschebetschen“. Auf unserer Seite der Grenze gibt es diesen Namen nicht, aber als Kinder sagten wir oft „hetschibetschi“, wenn wir schadenfroh waren, dabei rieben wir die Zeigefinger verkreuzt aneinander..

Viele Jahre ist es her, da fuhr immer um diese Zeit eine sehr kleine Frau mit einem großen Rad frühmorgens bei uns vorbei in Richtung Hügel. Sie ging hinauf zu den Hecken und pflückte den ganzen Tag Hagebutten. Man mußte ganz nah hingehen, um sie überhaupt zu sehen, sie war so verschmolzen mit den Büschen als wäre sie einer von ihnen. Auf die Frage, warum sie nie von den scharfen Dornen zerkratzt würde, gab sie eine geheimnisvolle Antwort … ich erinnere mich nur noch daran, daß es wohl mit der Haltung zu tun hatte, mit der man sich so einem Dornenstrauch nähern dürfte. Gesagt hat sie ansonsten nicht viel, nur, daß der Wein solang in den Ballons bleiben müsse, bis die Hagebutten dreimal auf- und dreimal abgestiegen seien, erst dann wäre er reif und man könne ihn trinken. Am Abend fuhr sie wieder bei uns vorbei, beladen vorne und hinten mit vollen Taschen und am Buckel einen großen Rucksack. Sie kam immer ein paar Tage hintereinander und das jahrelang. Irgendwann kam sie nicht mehr.

Eine, die ich kannte, ist gestorben. Ihr Bruder entsorgt den Nachlaß und verschenkt das Meiste, um es nicht in den Container werfen zu müssen. Ich komme in die Wohnung, als nur noch die Bücher übrig sind. Einige tausend stehen da, keiner will sie, nur mühsam leeren sich die Regale. Während der abgestorbene Leib von M. im Kühlschrank des Beerdigungsinstitutes auf die Einäscherung wartet, gehe ich in ihrer Wohnung an den Regalen entlang durch ein ganzes Leben. Ich nehme Schachteln mit leeren Postkarten mit und Briefpapier, viele Bücher und etliches, was sonst niemand will, nur damit es nicht weggeworfen wird, Marionetten, Kerzen etc. nichts Persönliches, keine Fotos oder Tagebücher, die Wohnung ist geputzt und aufgeräumt, nichts mehr erinnert direkt an M. und trotzdem überflutet mich beim Durchsehen der Bücher plötzlich eine Welle von Schamgefühl, als hätte ich unberechtigt die Tür geöffnet zu einem Raum, dem intimsten, den ein Mensch nur haben kann: die grenzenlose Einsamkeit.

Sehr warm ist es tagsüber, aber am Abend kommen schon die Nebelschwaden von Osten her in das Tal und bald werden sie ein Meer bilden.

Der Sommer ist vorbei und der Herbst ist gekommen. Waage geht über das Land und prüft, was zu leicht, was zu schwer, was es wert ist, in die dunkle Zeit mitgenommen zu werden und was wir besser zurücklassen sollten.

Das Leben ändert ständig seine Richtung und stellt sich immer mehr als eine nie endende Abfolge von Verlusten dar, eine ewige Übung, loszulassen … alles … und das Geheimnis: nur das, was wir verabschieden, können wir auch wieder begrüßen. Und manchmal ist auch Wehmut angesagt, finde ich, die gehört einfach auch zum Leben.

Die Riederinger Sänger, die diesen magischen und uralten Männerviergesang so beherrschten, daß es mir durch und durch geht, die gibt es in dieser Formation leider nicht mehr, aber das wie ich meine, allerschönste ihrer Lieder, das habe ich jetzt wieder gefunden, nachdem es jahrelang verschwunden war. Diese Art zu singen, in der Tradition der Alpenländer, hat ganz alte Wurzeln. Man muß nicht unbedingt „schamanisch“ dazu sagen, wie es jetzt modern ist, um zu erklären, daß es selbstverständlich schon in vorchristlicher Zeit Gesänge gab, die dazu dienten, sich mit guten Kräften zu verbünden und gegen die Angst anzusingen.

Versuch, zu „übersetzen“, was nicht zu übersetzen geht:

Der Sommer ist hinausgegangen
ich muß hinunter ins Tal,
Pfiati Gott (adjeu) meine liebe Alm (Sommerweide im Gebirge)
Pfiati Gott tausend Mal
schön still ist´s schon geworden, ja
kein Vogerl singt mehr, ja
und es weht schon der Schneewind
vom Wetterstein her (Hochgebirgsmassiv in den Alpen)

So hart, wie´s heut´für mich ist, ist es noch nie gewesen,
ganz so, als sollt ich meine Alm heut zum letzten Mal sehn
und müsst ich gar bald
schon zur Erd und zur Ruh, ja
dann deckt mich mit Felssteinen und Almblümerl zu, ja
dann deckt mich mit Felssteinen und Almblümerl zu.

 

Und dann kommt der Jodler, der mit dieser Magie des Hinauf- und hinübersingens die Verbindung herstellt zu einer anderen Welt für die, die gegangen sind.

 

Der Marxnhans

Auf dem Grabstein aus rotem Untersberger Marmor hat der Vater ein Kreuz aus Eisen geschmiedet, kunstvoll und schlicht, und ein paar Vögel hat er eingearbeitet, sie singen mit weitgeöffnetem Schnabel. „Marxn-Familie“ hat er darunter ins Eisenblech gestanzt in seiner typischen Schrift. Im Sturmwind versuche ich, eine Kerze anzuzünden, für ihn und alle, die mal waren auf unserem Hof.

Und dann hör ich es , es klingt in meinen Ohren, seit Jahren hatte ich es vergessen, dieses „Wischperl“, das mein Vater immer auf den Lippen hatte, so eine Art geflüstertes Vorsichhinpfeifen, ein „Wischpeln“ halt. Meistens war es ein neuer Landler oder Walzer, den er sich so oft auf Platte oder Cassette anhörte, bis er ihn pfeifen konnte, dann nämlich konnte er ihn auch über kurz oder lang auf der Ziehharmonika spielen.

Mein Vater war ein Ziacherer. Er selbst hat sich nie so bezeichnet, weil er viel zu bescheiden war , um sich die für diese Bezeichnung seiner Ansicht nach nötige Virtuosität und Perfektion zuzuschreiben. Er habe sich das Ziachspielen ja selber beigebracht, Lehrer gab es keine damals und Noten auch nicht, aber die hätte er ja eh nicht lesen können. Ich spiel´ eigentlich nur für mich, weil´s mich halt freut, hat er immer gesagt.  Gelernt hat er auf einer alten Chromatischen, die hat aber dann schon schwer geschnauft, die Knöpfe haben geklappert und ein paar blieben manchmal hängen. Irgendwann eines Tages kam von irgendwoher verbilligt ein Akkordeon und der Vater spielte sich durch das ganze Repertoire der Schlager, die man halt für Geburtstage und Gartenfeste so braucht … von La Paloma über den Affenrock, den Pferdehalfter an der Wand, das alte Haus von Rocky Docky und natürlich mit Gesang „der alte Schimmel ist im Himmel“ … Aber diese Zeit ging vorüber, er konnte sich mit den Tasten nie so ganz anfreunden. Im Lauf der Jahre kamen alle möglichen meist etwas ramponierten Instrumente zu uns und wurden bespielt nach mehr oder weniger fachmännischer Reparatur. Niemals mehr werden Tangos so wunderbar schräg und verwegen klingen wie die vom Papa, gespielt auf Bandoneon und Konzertina, aus denen Töne hervorpfiffen, mit denen niemand rechnen konnte, weil sie dem Nichts im Inneren der geklebten Blasebälger entsprangen, unvermittelt  und querliegend zur gängigen Melodie …

Auch ein Harmonium tauchte auf, das aber trotz heftigen Tretens nur schweratmig schnaufte und keinen Ton entließ.

Irgendwann in seinem Leben war es soweit, der Vater hatte soviel Geld zusammen, daß er nach Graz fahren konnte um sich dort endlich seinen Traum zu erfüllen und eine diatonische Steirer Ziehharmonika zu kaufen. Viele Jahre hörte er sich tagsüber in seiner Schmiedewerkstatt die Musikstücke an, die er sich dann nach der Arbeit, meist noch im Arbeitsgewand in der Stube  auf der Zugharmonie beibrachte, oft war er so versunken, daß er gar nicht merkte, daß es darüber dunkel geworden war …

Wenn Leute ihn fragten, wie das denn möglich sei, sich ohne Noten alles selbst beibringen zu können, dann sagte er stets: ja mei, wennst ein Gehör hast, dann ist das kein Kunststück, Du brauchst ja nur hinhören und dann mußt halt fleissig sein und üben. Das einzige Problem bei der Sache ist immer, ob ich´s mir dermerken kann …

Ja, er hatte dieses  „Gehör“, vielleicht nicht direkt das absolute, aber doch ein ganz besonderes. Er konnte einfach alles nachpfeifen und nachspielen, nachsingen und ich glaube, bei entsprechender Förderung wäre er ein Multiinstrumentalist und Musiker geworden. So blieb er einer, der nur so virtuos sein konnte, wie er imstande war, sich die Lieder zu merken. Manchmal , wenn ich heimkam, dann sagte er: Ich hab ein neues Stückl, das mußt du dir anhören, das wird dir gfalln! Und meist war es dann eines mit diesen tiefen, schnarrenden Bässen, die ich so gerne mochte. Und während er spielte, hat er gelächelt und dann sagte er: schön, gell! Und seine klitzeblauen Augen glänzten, wie sie das nur bei Menschen tun, denen die Musik eine Herzensangelegenheit ist.

Wenn er irgendwo bei Freunden eingeladen wurde, verstaute er „für alle Fälle“ die Ziehharmonika im Kofferraum. Gesagt hat er nie was, aber wenn er dann im Lauf des Abends ein paarmal gefragt wurde: Hans, hast Du die Musi dabei?, dann holte er sie und spielte auf.

Ach Papa, sage ich da am Grab, wir hatten es nicht immer leicht , weil wir so verschieden waren oder womöglich so ähnlich, ich weiß es nicht mehr … wir mussten uns sehr plagen miteinander und daß wir uns so sehr liebhatten, machte nichts einfacher. Für mich bist Du der beste Ziacherer gewesen, und im ganzen Internet hab ich keinen gefunden, der den „Gföller Marsch“ so gut spielt wie Du und ich bin so dankbar für „das Gehör“, das Du mir geschenkt hast und schon wieder fällt mir das Stückl nicht ein, weißt Du, das mit diesen schnarrenden Bässen, das ich so gern mag, schad, daß du jetzt nicht die Musi in der Stube  unter der Bank rausziehen kannst und mir vorspielst. Ich habe herumgesucht und nur einen gefunden, der annähernd so gespielt hat wie Du , der Schneider Willi, Du hast ihn sehr geschätzt, gell! Es gibt nur dieses einzige alte Video von ihm, vor ein paar Jahren ist er gestorben.

Nicht nur der eiskalte Sturmwind treibt mir die Tränen in die Augen am Grab. Was ist, wenn nichts mehr ist … was ist mir denn geblieben von meinem Papa, dem Marxn Hans?

Ich höre ihn spielen.

Einen besonderen Dank an den lieben Riffmaster, der in seinem Sammelsurium der Wunder eine Zeitung über Akkordeon präsentierte und mich mich in die Erinnerung an meinen Vater, den Ziacherer, führte!

Venus …

Manchmal kommt mir das Leben vor wie die Lobby in einem kleinen schäbigen Hotel, wer gerade nichts zu tun hat, sitzt herum in knirschenden Ledersesseln vor oder hinter verkümmerten Topfpflanzen … Musikberieselung  und manchmal Stimmengewirr im Hintergrund … manchmal geht wer hinaus … manchmal kommt wer herein … manche tun so, als wären sie enorm beschäftigt … und ein paar sitzen herum, denken über verpasste Chancen nach, nippen an Drinks und schauen der Zeit beim Verstreichen zu … ich sitze da und halte in der einen Hand ein leeres Blatt Papier und in der anderen einen warmen Martini … jetzt ein Gedicht schreiben können … denke ich … aber wo sind bloß die Wörter, wenn man ihrer bedürfte?

Angeblich hatte meine Mutter ein Kind mit einem Mann, den sie im Lazarett kennenlernte und mit dem sie ein paar Tage verheiratet war, bevor er wieder an die Front musste. Kann nicht sein, sagen meine Tanten … da war doch auch noch dieser Partisan … weißt du noch, Venus hieß er …was für ein merkwürdiger Name, nicht wahr, mit dem hatte sie auch was …

Ich habe so stark abgenommen, mir ist ein wenig flau, haucht der Mond mit dünner Stimme, und beugt sich durchs offene Fenster, darf ich mich kurz in Deinen Fauteuil setzen?

Na gut, sage ich und rücke ein wenig zur Seite.

Hinterm Tresen fragt mich einer, ob ich noch einen Martini möchte und schaut mit feuchten Augen durch mich hindurch.

Dann dreht er die Musik lauter.

„Das Europa der Muttersprachen“, Ukraine 1

Also, anstrengend ist ein Literaturfestival schon, auch wenn es so wunderbar gestaltet ist wie das diesjährige  Europa der Muttersprachen mit dem Schwerpunkt Ukraine! Ich weiß, daß ich nichts weiß über dieses Land, nicht mal so genau, wo es liegt. Und wer, bitteschön, soll sich noch auskennen in dem ganzen politischen Wirrwarr, den kriegerischen Auseinandersetzungen um ständig sich ändernde Abgrenzungen ? Ich kann mir nicht vorstellen, daß ich nach diesen drei Abenden im Literaturhaus Salzburg besser die Hintergründe durchblicke, aber ich erfahre ein wenig, was heutige KünstlerInnen mit ihren Mitteln auf dem Hintergrund ihres Heimatlandes aus ihrem Leben preisgeben, wie sie ihre Erfahrungen verarbeiten…ja, ich mag es gerne, eine fremde Sprache zu hören, die immer vertrauter wird, aucch wenn ich sie nicht verstehe und ich liebe es, wenn es Menschen gelingt, dem, was sie zutiefst erregt und erschüttert eine künstlerische Gestalt zu geben…aus dem Unsäglichen formt sich Sprache, aus dem Unsichtbaren werden Bilder und aus unbegreiflichen Weiten am Rande jeglicher Existenz kommt das Unhörbare und schickt Töne bis in die Urgründe unserer Seele…

Gestern begann der erste Abend mit Kurzfilmen von ukrainischen FilmemacherInnen, die alle so um die dreissig Jahre alt sind. Nicht zu beschreiben diese Filme, weitestgehend tonlos, reine Bilder…Spürungen durchströmen mich, als ich die Plattenbaustädte sehe, ich denke an den Blick aus dem Fenster am Stadtrand von Leipzig, letzten November…eine Plattenbausiedlung, und auch an den Blick aus dem Hotelfenster erst kürzlich in Berlin. Da sah ich oft nachts über den Hinterhof auf die grauen Mietskasernen und dachte mir, daß man schon brutal einsam sein kann nachts in so einem Zimmer…

Bei der Eröffnung der Fotoausstellung mit der anwesenden politisch höchst aktiven und engagierten Fotografin Yevgenia Belorusets hätte ich nicht mehr zu sagen gewusst, was mir mehr unter die Haut ging: die Kunst, solche Bilderreihen herzustellen, die keines Wortes mehr bedürfen, die aus sich heraus Geschichten erzählen über die Arbeit im Bergwerk,  die Angst, die unglaubliche Hilflosigkeit, nicht das Geringste tun zu können, um die drohende Schließung zu verhindern, Existenznot und in der absoluten Hoffnungslosigkeit dennoch „Die Siege der Besiegten“ herauszuarbeiten, ohne, wie die Fotografin sagte, in irgendeiner Weise zu beeinflussen, wie sich die Menschen auf ihren Bildern darstellen wollten…

…oder das, was Yevgenia Belorusets insgesamt über ihre Arbeit unter den Bedingungen ihres Landes zu sagen hatte…und noch dazu, was sie in perfektem, makellosen Schriftdeutsch über Walter Benjamin sagte, dessen Aufsatz über „die Siege der Besiegten“ ich dringend suchen und nachlesen muß!

Dann kamen zwei Schriftstellerinnen: Kateryna Babkina und Natalka Sniadanko. Da der zweite Abend bald beginnt, und wir schon sehr früh losfahren müssen, um in der Parkplatznot in Salzburg irgendwann irgendwo das Auto loszuwerden für fünf sechs Stunden, und ausnahmsweise mal keinen Strafzettel zu kassieren, werde ich hier und heute nichts über die Lesungen gestern sagen, sondern die #Bücher lesen und dann darüber berichten!

Der Schlußpunkt gestern kam in Form von Musik, es waren leider nur noch halb so viel  BesucherInnen da und die hingen schon ziemlich müde in den Stühlen.

Mariana Sadovska trat auf und sang Lieder, die sie in entlegenen Dörfern der Ukraine gehört hatte, heidnische, uralte Gesänge voller Magie und Zauberkraft…heute wird sie wieder singen und ich werde morgen davon erzählen…nur soviel sei gesagt:

Es gibt Musik, die dringt in die hintersten Kammern der Seele und bei diesen Gesängen da spüre ich eine Sehnsucht, die hineinreicht bis zum Urgrund allen Seins und sie mündet in eine Verbindung , eine Verschmelzung mit allem was war und was ist und was jemals sein wird und ich wäre nicht ich, wenn ich nicht sagen würde, daß es Liebe ist, was mich dabei durchströmt…

Wer irgendwie in der Lage ist, heute und morgen dieses Festival zu besuchen, sollte es tun, unbedingt!!!

I Margarita I Margaro…

Ich las im Postfach den ersten Satz im Brief einer lieben Blogfreundin : „Margarete, wie geht es Dir heute?“…Ja, wie geht es mir heute? Heute, in meinem Leben, zwischen Himmel und Erde, am Weltfrauentag…

Vor einem Jahr bekam ich plötzlich aus dem OFF einen Zettel zugeworfen, auf dem wurde mir medizinisch exakt dargestellt, warum auch ich damit zu rechnen habe, sterblich zu sein. Als die Wunde verheilt, trete ich hinaus ins Freie, dort treffe ich den Tod, der auf einem Steinhaufen in der Sonne sitzt und mich anlächelt…Du schon wieder, sage ich. Verstehst du jetzt mehr, fragt er mich. Nein, nichts verstehe ich und Angst habe ich auch vor dir! Er kommt zu mir und gibt mir seine warme Hand und sagt: ich sitze gerne auf heissen Steinen und ich verwandle mich gerne, schau…und schon fliegt ein kleiner Vogel in den blauen Himmel…

Das Leben ist verwirrend, beängstigend, vielfältig, beschwerlich, magisch, zauberhaft, schillernd und immer ist alles gleichzeitig, der Schmerz und die Freude, die Not und das Glück…ich will es ausschlürfen, ich liebe es, dieses Leben, mit allem, was es dabei hat…und wenn die Reise zu beschwerlich wird, na, dann muß man halt hin und wieder mal einen Koffer am Wegesrand stehenlassen…einfach abstellen und weitergehen, ohne sich umzudrehen…

Dieser Frauentag heute kommt mir vor wie die Würdigung der Putzfrauen in den Firmen zu Weihnachten…immer die, die eigentlich gar nichts zu sagen haben, werden besonders hervorgehoben und kriegen Geschenkkörbe…aber eigentlich hab ich keine Lust auf langes Gejammere , und ich höre auf, mich zu ärgern darüber, was ich so zu hören kriege im Jahr 2017! Eine Studentin sagt mir, sie habe diese „Emanzipation“ nicht nötig, sie wisse ja, daß sie eine Frau sei…ach du Mäuschen, vor noch gar nicht langer Zeit haben sich sogenannte „Flintenweiber“ erschlagen lassen, nur weil sie gefordert haben, daß Frauen studieren dürfen…Und ein sehr freundlicher, linientreuer und intellektuell durchaus nicht minderbemittelter Katholik sagt mir: Seid doch froh ihr Frauen, daß Ihr nicht Priester werden dürft, das ist so ein mühseliger Beruf, für euch gibt es doch viel schönere Aufgaben.

Ja.

Das dazu.

Ach ja, aber ich wollte ja sagen, wie es mir geht: ich will Musik und Tanz und Fröhlichkeit und Umarmung

TROTZALLEDEM!!!

Und als ich heute beim wunderbaren Herrn Riffmaster die griechischen Lieder der Nana Mouskouri hörte, war es um mich geschehen und ich will uns allen diese große Sängerin hier schenken an diesem Tag…denn ich vermute mal, egal welches Geschlecht, alle haben wir irgendeine Sehnsucht und träumen uns weg auf das unendliche blaue Meer, in die Ferne und in die Nähe irgendeines Herzens, das auf uns wartet irgendwo…oder etwa nicht? Ja, ich habe eine wildromantische Seele und ich liebe diese griechische Musik und ich wünsche mich mit Euch allen in eine Taverne in Piräus und die Zungen werden schwer vom Ouzo und irgendwer fängt an zu tanzen…

Ich habe es beim Riffmaster schon gesagt, hier noch mal: Wenn jemand eine Taverne kennt und einen Zeitpunkt sagt…ich täte glatt hinfahren, das wäre ja ein Ding, Blogtreffen in Piräus…also…das verspricht Abenteuer, grad richtig für eine, die in paar Monaten süße 65 Jahre alt wird!

 

Aber jetzt hört zu und dann schaut gleich in Eure Kalender!

Nicht so ganz griechisch, aber macht ja nix, irgendwas ist immer…trotzdem sooo schön!

 


Aspri mera…weißer Tag

Milisse Mou

Rede mit mir
Ich habe in meinem Garten, den Brunnen
angemacht, damit die Vögel trinken können,
damit auch du kommst, morgens und abends,
wie ein kleiner Wassertropfen,
du kamst eines Abends mit dem Wind
und mein Herz seufzte,
ich sagte dir sehnsüchtig guten Abend
und du sagtest mir Lebewohl.

Rede mit mir, rede mit mir,
ich habe dich noch nie geküsst
rede mit mir, rede mit mir,
wie soll ich dich vergessen, mein Gott,
rede mit mir, rede mit mir,
ich habe dich noch nie geküsst
rede mit mir, rede mit mir,
nur in meinen Träumen küsse ich dich.

Ich habe Gras vor deine Türe gepflanzt,
damit du Schatten und Frische hast,
und ich kam bevor der Mond wechselte,
damit ich dir Wärme bringe.
Ich brachte dich zur Anhöhe der Sonne,
zu den breiten Straßen,
aber es kamen Kälte und Wind,
und du hast mir kein Feuer gemacht.

Rede mit mir…

…und weil ich ja auch eine Margarita bin, schenke ich mir und allen Margariten dieses Lied, das Mikis Theodorakis für seine kleine Tochter komponiert hat…es soll vom weiten Meer in blauen Augen handeln und von einem Schifflein…und von der Sehnsucht…vielleicht kann´s ja mal jemand übersetzen…

es ist sicher nicht die beste Aufnahme, aber es gefällt mir so, wie selbstverständlich die Leute bei diesem Fest mitsingen, alle können den Text… da wäre ich gerne dabei… also, Ihr Lieben, wir treffen uns in Piräus, ca. in einem halben Jahr, abgemacht, oder?

„It is a risk …“

„It is a risk to love.
What if it doesn´t work out?
Ah, but what if it does.“

Peter McWilliams

Ja, ich glaube,  Mick zwo hat recht, wenn er schreibt: “ Allerdings glaube ich, dass die Geschichten nicht passiv sind. Sie laufen uns über den Weg, nicht umgekehrt! „

Diese Worte führen genau dahin, an diesen Punkt, an dem so unwiderruflich klar wird, daß die Zeit reif ist für genau diese eine Geschichte und keine andere…

Genauso ist das mit diesem Film, immer mal wieder muß ich ihn ansehen und jedesmal ist hinterher irgendwas irgendwie anders als vorher. So geht es mir oft mit Geschichten, nein, natürlich nicht mit allen…nur mit den ganz wichtigen, die was mit mir zu tun haben;  ich wüsste nicht zu sagen, was sich zwischen vorher und nachher in meinem Leben verändert hätte, aber daß nichts mehr ist wie vorher, das scheint sicher.

Michael Althen, der wunderbare, leider so früh verstorbene Filmkritiker hat mal über ein „zweites Leben im Kino“ geschrieben, das „besser ist als unseres und ihm doch aufs Haar gleicht“…das Kino als doppelte Natur gibt Auskunft über das, was ist, und das, was möglich wäre…wer wir sind und wer wir gerne wären, und daß wir, wenn wir uns den Bildern überlassen , womöglich erkennen, woher wir kommen und wohin wir gehen…

Eine Nuance nur reicht, ein Windhauch, eine ganz zarte Gedankenspur, kaum merklich, kann den Weg freimachen in völlig neue Richtungen, die Tür zu anderen Welten öffnen, zu neuen Ufern, neuen Träumen, weiteren Geschichten…um letztendlich immer die gleiche, nämlich die eigene  auszuleuchten.

Ganz am Anfang des Films sieht man eine Zehe mit einem Smileypflaster, man hört das Entkorken einer Flasche und das Geräusch, das irgendein Getränk macht, wenn es in ein Glas geschüttet wird.

Dann holt einer sein Feuerzeug aus der Tasche, zündet sich eine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug… ich schmecke und rieche den verbrannten Tabak und als der Mann in Hut und hellem Sommeranzug vom Tresen weggeht, liebe ich ihn schon und bin bereit, ihm zu folgen durch die dunkle Bar hin zur Türe. Und dann geschieht dieses Wunder, der Klang der Gitarre (David Hidalgo), das gleißende Sonnenlicht, der Mann und ich, wir verschmelzen und werden zu einer Geschichte, die hier beginnt.

Viele Male musste ich den Film ansehen, um endlich zu erkennen, daß eigentlich alles schon in den ersten fünf Minuten erzählt wird und daß die Musik die Geschichte parallel dazu nochmal erzählt. Und ich lasse mich führen,  gehe den Weg mit, den Bobby Long durch eine runtergekommene Vorstadt von New Orleans entlanghumpelt, bis er an der Friedhofsmauer ankommt, wo er die leergetrunkene Flasche abstellt und wenn die Kamera auf die Trauergemeinde schwenkt und das grandiose Saxophon (Steve Berlin) einsetzt, ist klar, daß es kein Zurück mehr gibt aus dieser Geschichte, bis sie zu Ende erzählt ist.

Man hat diesem Film vorgeworfen, daß die Story zu simpel und vorhersehbar sei und, daß John Travolta viel zu wenig wie ein verwahrloster Säufer aussehen würde…ja, mag alles sein. Ich liebe diesen Film, genau so wie er ist und alle, die mitspielen, bezaubern mich immer wieder aufs Neue!

Ein ehemaliger Literaturprofessor und sein Schützling, den er dazu auserkoren hat, ein Buch über ihn zu schreiben, haben sich ins Haus einer verstorbenen Freundin geflüchtet und versuchen, sich durch große Mengen Alkohol soweit zu betäuben, daß sie die Verzweiflung über ein gescheitertes Leben nicht mehr spüren.

Da hinein gerät die Tochter der Freundin, die das Haus erbt.

Die junge Frau ist ihrerseits auch bereits eine gescheiterte Existenz, voller Zorn und Gram über eine verlorene Kindheit und tiefer Sehnsuch nach einer unerreichbaren Mutter.

Auf ihre Weise bewegen sich diese drei Menschen und ein paar Nebenfiguren durch ihr Schicksal und am Ende sind sie vom Meeresboden, auf den sie gesunken waren, wieder nach oben getaucht und sehen, jeder auf ganz eigene Art neuen Horizonten entgegen.

Was ist es, was mich so berührt an diesem Film… ich vermag es gar nicht so genau zu sagen, die Geschichte ist ein Märchen, in dem alle am Ertrinken sind und sich dann Kraft der Liebe retten…das allein ist es nicht, auch nicht mein Faible für gescheiterte Existenzen, für diese Lonly Wolves…

Nein, ich glaube, letztendlich ist es der Blues, der mich ergreift und durch diese Schwüle trägt, Bewegungen wie in Zeitlupe… ja es sind die Farben des Südens und der Blues.

Immer wieder dieser Blues, der alles einschließt, das Lachen und das Weinen, die Freude und den Schmerz, das Leben und das Sterben , dieses Hin und Herwiegen wie das Gras in einem lauen Sommerwind…das Sichhingeben an das Leben und das Sichtreibenlassen und dem Verstreichen der Zeit zuzusehen…

(Sehr schade, daß der wundervolle Soundtrack nur mehr für Wucherpreise erhältlich ist)
Das war einmal!
Inzwischen hat Herr Riffmaster, der nicht nur seines Zeichens Archivar von glücksbringenden Musikalien ist, sondern anscheinend auch diverse Zauberkünste beherrscht, genau diese Scheibe zu meiner großen Freude in seinem überirdischen Laden ausgestellt…würd mich ja nicht wundern, wenn er auch noch wilde Augen hätte!
Vielen Dank , lieber Meister!

Schade bleibt (vorerst) nur noch, daß ich leider leider niemand kenne, der/die mit mir „Alabama-Schuffle“ tanzen täte!

 

 

 

We shall not cease from exploration
And the end of all our exploring
Will be arrive where we startet
And know the place for the first time.
T.S. Eliot

„Gott kennt mich und ich kenne Gott“ (Bobby Long)

 

A Lovesong for Bobby Long
Regie: Shainee Gabel
2005

Für G.

vor zwei Tagen wäre er 70 Jahre alt geworden:

Georg Danzer

7. Okt. 1946  –  21.Juni 2007

 

Und hier lieber Schurl, wo Du auch bist, Dein Lieblingslied vom alten Freund, dem Ambros Wolfgang:

 

„…über meine Seele führt mein Weg,

über meine Liebe führt mein Weg,

über meine Träume führt mein Weg…

komm, laß Deine Sehnsucht an den Start…“ (Danzer)

Dieses Lied

Für alle, denen es  nicht so gut geht, bei denen alte Narben aufbrechen,  die an Verletzungen leiden, die nicht heilen wollen, die traurig und einsam sind,

und

für einen lieben Menschen speziell, dem ich gerne Schmerzen abnähme, aber  nichts anderes tun kann, als ihm dieses Lied durch die Nacht zu schicken, aus einem warmen Herzen und mit guten Gedanken…

bitte nicht verzagen,

auch diese Nacht geht vorbei

und morgen scheint die Sonne,

da bin ich sicher

und ich denke:

everybody hurts, sometimes

Herzensklänge

Die Erkenntnis, daß alles, aber auch wirklich ALLES aus Sternenstaub und Klang besteht, läßt die Frage entstehen, ob es denn überhaupt ein Niemandsland braucht.

Sie mag darüber nicht nachdenken, sondern sie legt sich auf den fliegenden Teppich der Musik und läßt sich tragen durch das Sein.