Briefe an die nahe Ferne ( 16 )

Wenn man auf  der Autobahn München-Salzburg am Chiemsee vorbei gefahren ist, dann kommt eine Ausfahrt Richtung Prien und da geht es dann kurz vor dem Ort auf einer kleinen Straße den Hügel hinauf zum Ortsteil Urschalling. Da war mal im Mittelalter eine Burganlage, übriggeblieben davon ist eine kleine Kirche, St. Jakobus, der man von außen nicht ansieht, was sie im Inneren beherbergt.

Den Ort um die Kirche herum kann man einfach nur als schrecklich bezeichnen. Das ehemalige Wirtshaus führte ein deftig baierntümelndes Eigenleben, wurde aber geschlossen aus welchen Gründen auch immer. Sein jetziger Daseinszweck ist keineswegs besser, es wurde in Ferienwohnungen umgewandelt, zu denen auch die paar Parkplätze gehören. Es ist mir immer wieder unbegreiflich, mit wie wenig Achtung und Respekt man diesen sakralen Ort behandelt. Und immer wieder ist es wie ein Wunder, was man erlebt, wenn man die Kirchentüre aufmacht.

Das Herumsuchen, um irgendwann irgendwo einen Parkplatz zu finden, auf dem man tatsächlich auch parken darf, um dann in dieser merkwürdig ablehnenden Atmosphäre sich zur Kirche hin zu bewegen läßt mich jedesmal in düstere Stimmung verfallen.
Und dann mach ich die Türe auf und bin plötzlich wie in einer anderen Welt, in einer anderen Dimension..

Ich betrete ein romanisches, kleines Kirchlein mit Fresken und mir kommt es vor, als schwebte ich in einem Schiff auf dem Ozean des unendlichen Universums. Ein unerklärlicher Zustand einer genauso unerklärlichen Glückseligkeit, die still und staunend macht und sich wie ein warmer Hauch um mich legt und mich auch noch nach Verlassen der Kirche schützt vor den Übergriffen des Wahnsinns dieser Welt, die gleich nach der Türschwelle spürbar sind.

Berühmt wurde die Kirche wegen dem Fresko der Heiligen Dreifaltigkeit, in deren Mitte eine weiblich wirkende Gestalt des heiligen Geistes lächelnd ihre Augen direkt auf die Augen der Betrachtenden richtet. Man könnte sagen, diese Augen schauen uns in die Seele und dahinter. Das Fresko ist geheimnisvoll und läßt Fragen offen, für die es keine Antworten gibt. Dieses Bild ist bis nach Südamerika gewandert und hat den Befreiungstheologen Leonardo Boff im Vatikan nicht unbedingt beliebter gemacht durch die Aussage über die seiner Ansicht nach deutlich sichtbare Darstellung der männlichen und weiblichen Genitalien.

Pfingsten steht vor der Türe. Das Wunder des Heiligen Geistes ist nicht einfach zu erklären und meine Fragen ziehen anstelle von Antworten immer noch mehr Fragen hinter sich her.  Und dieses Fresko in einer kleinen völlig unbedeutenden Kirche hier ganz unten im Südosten der Republik am Nordrand der Alpen neben dem Chiemsee lockt ganz bestimmt keine touristischen Massen an, das wird schon vom Schloß auf Herrenchiemsee und sonstiger Fremdenverkehrsmagneten erledigt.

Aber für mich und vielleicht eine Handvoll Menschen, die genauso unverbesserlich forschend und Gott suchend unterwegs sind, führt der Blick in dieses freundlich lächelnde Gesicht zur  „Ruach“, einem weiblichen Geistwesen, ein warmer zärtlicher kleiner Wind, ein Atem des Göttlichen, ein leises Seufzen der Seele…

Frohe Pfingsten, möge uns alle die Heilige Geistin mit ihrem zärtlichen Atem umhüllen und unsere Seelen beflügeln!

 

Frohe Pfingsten, liebe Kraulquappe, und geistreiche Grüße aus der fernen Nähe!

6 Kommentare zu „Briefe an die nahe Ferne ( 16 )

  1. Wie schön, dass Du mich daran erinnerst. Es ist Jahre her, dass ich die Kirche und dieses Fresko besichtigt habe. Ich hatte es fast schon vergessen.

    1. Fahr unbedingt hin und mich würd es sehr interessieren, ob auf Dich auch die Umgebung der Kirche so einen erbärmlichen Endruck macht! Liebe Grüße!

  2. Ich kenne auch so einen Kraftort, die Wendelinuskapelle im Oberwald meiner Heimatgemeinde in der ich geboren wurde. Sie liegt auf einem kleinen Hügel am Waldrand und wenn ich hineingehe, umfängt mich eine unglaubliche Ruhe, ich möchte dann gar nimmer weggehen. Da hilft es auch nichts, dass ich gar nicht mehr an den Gott glaube, der dort angebetet wird. Das Rätsel um den heiligen Geist habe für mich jedenfalls geklärt. Den gibt es aber sonst gibt es nix. Keine Dreifaltigkeit, aber ich will sie trotzdem niemandem nehmen,

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