Die Schmiedrosi ist heimgegangen.
Es ist ziemlich heiß, aber der Übergang zum Altweibersommer ist schon spürbar, ich schiebe mein Radl den Berg hinauf, oben nehme ich die Sonnenbrille herunter, um zu sehen, ob der Himmel wirklich so blau ist, wie ich vermute, ja, noch viel blauer, direkt überirdisch blau, was ja für einen Himmel ganz in Ordnung ist. Ich glaube, so blau ist er nur im Altweibersommer, zwischen Sommer und Herbst. Ich sitze auf der Bank und denke, daß alles eigentlich nur Übergang ist … und an gestern, da haben wir die „Schmied-Rosi“ zu Grabe getragen, wie es so schön heißt.
In der Kirche, während der Begräbnisfeier denke ich an unsere Nachbarin und plötzlich wird daraus die Rückschau auf ein ganzes Leben. Sie ist mit 95 Jahren jetzt gestorben und ich denke zurück und zurück … und ich sehe sie vor mir, die bildschöne junge Bäuerin, wie sie nach der Stallarbeit vor dem Spiegel in der Stube steht und ihre wunderschön glänzenden braunen Haare zu einer kunstvollen Schnecke dreht und im Nacken feststeckt. Ich war noch klein, vielleicht 10 Jahre alt, und war immer beim Nachbarn zu Besuch. Damals war das noch so, die Haustüren waren offen, man ging in den Hausgang und klopfte an die Stubentüre.
Dann war man halt da und wenn die Nachbarn grad gegessen haben, durfte ich mich selbstverständlich dazusetzen und mitessen, und natürlich schmeckte es viel besser als daheim. Am meisten freute ich mich über Hörnchen mit Tomatensoße oder Pfannkuchen oder was es halt gab. Das einzige, was ich nicht mochte, war der grüne Salat, über den ausgelassener fetter Speck gegossen wurde. Wenn es den damals überaus kostbaren Tomatenhering in der Dose gab, konnte ich nicht mitessen, weil der Doseninhalt auf die Familienmitglieder gerecht verteilt wurde und da blieb einfach für Besuch nichts übrig. Aber bei allem anderen bekam ich ganz selbstverständlich meinen Anteil auf den Teller.
Die alte Schmiedin und ihre Tochter, die Rosi haben oft miteinander gesungen, zweistimmig in der Küche beim Kochen und ich höre sie noch, als wäre es gestern gewesen und dabei liegen ganze Menschenleben dazwischen, auch meins. Im Küchenherd wurden ein paar eiserne Ringe je nach Bedarf herausgenommen und der Topf aus Messing eingehängt und ich sehe noch die Bandnudeln, die dort im brodelnden Wasser schwimmen. Ich war täglich beim Schmied. Unvorstellbar heute, daß Kinder einfach so täglich zum Nachbarn gehen, aber damals war das selbstverständlich, auch die Rosi hat das als Kind so gemacht, sie war oft bei uns. Mein Vater, der etliche Jahre älter war und seine Geschwister, haben der kleinen Rosi alle möglichen Geschichten erzählt, erstunken und erlogen und sich gefreut, weil sie alles geglaubt hat. Ich hab sie sehr bewundert, sie konnte mit einer Stricknadel und Krepp-Papier wunderschöne Rosen drehen. Sie hatte einen großen Garten, sie hatte große prächtige Gurken, die haben damals „Gummerer“ geheißen, heute werden sie noch manchmal auf Bauernmärkten verkauft und es gab „Ewigkeitszwiebeln“, von denen ich sonst noch nie gehört habe.
Sie konnte unglaublich gut mähen, sehr ruhig und gleichmäßig, Schnitt für Schnitt und ich seh sie noch, wie sie früher bei uns vorbeigegangen ist, mit dem Häuerl (übersetzt :sowas ähnliches wie eine Harke) über der Schulter, hinaus aufs Feld, da hatte sie am unteren Ende des Kartoffelackers einen Krautgarten. Weißkraut, Blaukraut, Ranner(Rote Beete) waren angebaut und mußten behäuerlt werden.
Und soviel mehr kommt dahergeweht, als ich an meine Nachbarin denke, die eine ganz normale, einfache Bäuerin war, mit großem Interesse an der Welt und von der der Sohn sagt, sie sei eine brave Mama gewesen. Und ich erinnere mich daran, daß meine Mutter mich immer zur Rosi geschickt hat, um deren Besteckkasten auszuleihen, weil wir nie genügend Besteck hatten, wenn die Verwandtschaft zu verköstigen war, die kam, um die Oma zu besuchen. Und dann sollte ich die Rosi auch noch um paar Blumen bitten aus ihrem großen Garten. Das war mir eigentlich ein Leben lang peinlich, aber die Rosi hat kein Wort darüber verloren, sondern behauptet, sie könnte sich da an nix erinnern. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Auch dafür, daß ich jederzeit willkommen war in Zeiten, in denen es in unserer Familie drunter und drüber ging.
Und als ich in der Kirche in meinem Herzen Dankeschön sage, da spielt ein Musiker mit der Zieharmonika einen leisen Walzer, den mein Papa auch gespielt hat und dann muß ich ganz furchtbar weinen über alles, einfach alles … und die Vergeblichkeit … aber bevor die Dämme endgültig brechen, spielt der Trompeter sehr laut seine Weise, bemüht, den Ton zu treffen, aber verfehlt ihn um Haaresbreite und darüber muß ich schmunzeln … ja, so ist das Leben, nicht wahr, zwischen Weinen und Lachen kommt es dahergelaufen, wir laufen ein wenig mit und irgendwann ist es vorbei. Allmählich kommt es mir so vor, als wäre die Vergeblichkeit gar nichts Schlimmes, ich will mich mit ihrem eigenartigen Sinn versöhnen.
Dann stehen wir am Friedhof, und dann wird der Sarg ins Grab hinuntergelassen und als wir warten müssen, bis wir in dieser langen Schlange dran sind, um uns am Grab mit ein paar Tropfen Weihwasser von ihr zu verabschieden, denk ich an das leere alte Haus, das traurig vor sich hinstirbt, und daß die Rosi ihre Hängegeranien „Franzosen“ genannt hat und daß die Fenster kahl sind ohne ihre Blumen und nachts so trostlos dunkel bleiben. Und daß ich sie nie gefragt habe, wann einer ihrer Vorfahren ein Schmied war, denn die uralte Schmiede steht noch da und das Haus heißt ja auch „beim Schmied“. Der Name kommt noch aus alter Zeit, da hatten die Bauernanwesen Namen.
Neue Häuser haben keine Namen mehr.
Und ich denke mir, daß Nachbarn eine eigene Spezies sind, nein, wir waren nicht befreundet und früher war es im Dorf auch nicht immer ganz einfach untereinander, aber die nächste Generation im kleinen Dörflein ist sehr bemüht, in Frieden miteinander zu leben. Aber auch wenn man mit so nahen Nachbarn nicht befreundet ist, so kennt man sich doch ziemlich gut , wie gesagt, es ist eine eigene Gattung der Zwischenmenschlichkeit und so wie man zueinander ist, so lebt es sich schlechter oder besser miteinander.
Und dann spielt leise und sanft die Trompete das alte Wunschkonzertlied:
„’s is Feierabnd, ’s is Feierabnd,
das Tagwerk ist vollbracht,
’s geht alles seiner Heimat zu,
ganz sachte schleicht die Nacht..“
… und mir tropfen schon wieder die Tränen aus den Augen und ich sag im Herzen Vergelts Gott für die Dampfnudeln, die Du uns so oft gebracht hast, es waren die besten auf der Welt und für alle Zeit, ich wünsch Dir eine gute Heimreise in die ewige Glückseligkeit.
Und dann tauche ich das Zweiglein ins Weihwasser und sage:
Pfiati, Schmiedrosi!

Liebe Frau Kraulquappe , ich grüß Dich herzlich und selbstverständlich kennst Du eins der Lieblingslieder vom Köhlmeier, der macht ja selber auch einen wahnsinnig guten Blues.
Den Ausdruck „zu Herzen gehende Geschichten“ fand ich früher immer ein wenig kitschig. Aber dieser Beitrag geht tatsächlich zu Herzen – so schön geschrieben, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, selbst dabei gewesen zu sein. Obwohl die beschriebene Zeit noch gar nicht so lange zurückliegt und ich 20 Jahre jünger bin als die Schmiedrosi, hat mich die Erzählung an frühere Zeiten erinnert und manche Erinnerung wachgerufen.
Einen schönen restlichen Sommer wünsche ich!
Jutta
vielen Dank liebe Jutta, ich bin auch 21 Jahre jünger als die Rosi, da denkt man schon ziemlich weit zurück in eine Welt, die sich heutige Junge gar nicht mehr vorstellen können. Und wenn man einen Menschen ein Leben lang kennt, dann kommts mir vor als täte sein Verschwinden ein Loch ins Universum reissen…
Ich war als Kind auch immer bei allen möglichen Nachbarn, Tanten oder total Fremden im Dorf.
Das war halt völlig normal.
95 muss man erstmal werden.
💖🌈
so berührend und schön, aber ganz besonders dankbar bin ich dir für diesen satz, den nehm ich mit und will ihn weiter und weiterdenken: Allmählich kommt es mir so vor, als wäre die Vergeblichkeit gar nichts Schlimmes, ich will mich mit ihrem eigenartigen Sinn versöhnen.
Dein Text hat mich auf eine stille Weise im Herzen berührt. Vielleicht gerade deshalb, weil du aus einem Abschied nicht nur Trauer entstehen lässt, sondern ein ganzes Stück gelebtes Leben wieder sichtbar machst. Das Bild der jungen Bäuerin vor dem Spiegel, mit der kunstvoll gedrehten Haarschnecke, ist wunderschön – und zugleich liegt darin schon diese leise Wehmut der Zeit: Wir sehen einen Menschen in einem Augenblick, den wir damals für selbstverständlich hielten und erst viel später als kostbare Erinnerung erkennen.
Auch ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen – mit gerade einmal 120 Einwohnern. Deshalb kenne ich dieses Dorfgefühl sehr gut: Die Türen standen offen, man kannte die Menschen nicht nur dem Namen nach, sondern auch ihre Geschichten, ihre Gewohnheiten und manchmal sogar die Geräusche, die zu einem bestimmten Haus gehörten.
Du hast recht, eigentlich ist alles nur Übergang. Der Sommer geht in den Herbst über, ein Mensch in Erinnerung, Kindheit in Vergangenheit – und wir selbst bewegen uns ständig zwischen dem, was einmal war, und dem, was noch kommt. Vielleicht ist das auch das Geheimnis solcher Erinnerungen: Sie halten die Zeit nicht auf. Aber sie geben dem Vergangenen noch einmal einen Platz in der Gegenwart.
Und manchmal genügt dafür ein unglaublich blauer Himmel und eine Bank am Weg. Mehr braucht die Zeit offenbar nicht, um uns daran zu erinnern, dass sie längst weitergegangen ist.
Möge die Ewigkeit so sein, wie von dir beschrieben! Sehnlichste Herzenswünsche!
Das Überallhingehnkönnen als Kind auf dem Dorf kenn ich auch noch nur zu gut und danke dir für all das schöne Erinnerungswürdige!
So zart und in lieber Dankbarkeit geschrieben – das hat auf ihrem Weg die Schmiedrosi wahrgenommen als Wegzehrung für ihre Seele…