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24 T. – Erkundungen der fernen Nähe … Tag 18

Da, wo das Wirtshaus seit dem 14.Jahrhundert  als Taverne und Mautstation erwähnt wird, verlief die „Güldene Salzstraße“ von Reichenhall nach Wasserburg. Der Ort selber ist sehr alt und ist im „Breves Notitiae“ bereits vermerkt. 790 verschenkten ihn diverse Grafen an die Salzburger Kirche, seit 1810 gehört er zu Bayern. Das Dorf mitsamt dem Wirtshaus gehört gerade noch zum Rupertiwinkel, die Grenze zum Chiemgau ist ganz in der Nähe, irgendwo habe ich mal gelesen, daß sie mitten durch den Wirtshaussaal läuft. Ganz in der Nähe muß wohl auch die Römerstraße verlaufen sein … Juvavum – Augusta Vindelicorum … aber bis heute gibt es diesbezüglich keine genauen Angaben darüber. Immer wieder forschen Privatgelehrte und Hobby – Archäologen, aber nix Genaues weiß man halt nicht. Etliche ungeklärte Rätsel bleiben, Geheimnisse ranken sich um untergegangene Geschlechter, Grafen und Herren, Besitzverhältnisse und Grenzziehungen. Uralte Orte und sehr merkwürdige Geschichten. Eine davon hat mir vor noch nicht allzulanger Zeit meine alte Nachbarin erzählt.

Vordergründig hat diese sehr seltsame Begebenheit gar nichts mit der Geschichte des Ortes oder dieser alten Mautstation an der Salzstraße zu tun, aber mir ist einfach so, als würde alles immer mit allem zusammenhängen …

Der Vater meiner alten Nachbarin, den ich noch gut kannte, hat sich gut verstanden mit dem damaligen Wirt des alten Gasthauses. Einmal sind sie in der großen Gaststube noch beieinander gesessen, alle anderen waren schon gegangen. Und als der Vater meiner Nachbarin bezahlt hatte und gehen wollte, da hat ihn der Wirt noch aufgehalten. Er solle noch bleiben, denn er müsse ihm erzählen, was ihm Sonderbares widerfahren sei.

Der Wirt hatte einen guten Freund seit Kindertagen und sie waren unzertrennlich. Und weil sie einander so nahe waren,  gaben sie sich ein Gelöbnis: Der von ihnen beiden, der als erster stirbt, muß sich beim anderen melden aus dem Jenseits. Das Leben ging weiter und sie haben nicht mehr an den Schwur gedacht. Eines Tages wurde der Freund schwer krank und starb.

Monate, Jahre später klopfte es eines Nachts, die Tür ging auf und der verstorbene Freund vom Wirt trat ein. Er war dunkel und zu einem ganz kleinen Männlein geschrumpft und er schrie ihm ein paar Mal voller Zorn ins Gesicht:

„Zerreissen könnt ich dich, tu sowas nie wieder, weit ist es gewesen!“

Dann ist er verschwunden. Dem Vater meiner Nachbarin haben sich die Haare im Nacken gesträubt und der Wirt war käsebleich nach dieser Erzählung.

Manches kann man nicht erklären und mit Gelöbnissen sollte man genau so achtsam sein wie mit dem Wünschen … glaub ich.

 

 

24 T. – Erkundungen der fernen Nähe … Tag 5

Ich backe Apfelkuchen und aus dem Rest des Germteigs (Germ/Hefe) kleine runde Küchlein … Ofakindln heißen sie bei uns, die Kinder des Ofens, die in der Wärme ausgebacken werden. Sie dürfen werden, wie sie wollen, sind an keine Form gebunden, wie kleine gute Geister sind sie.

 

Bevor jetzt bald der Schnee kommt, bin ich heute noch zum Hügel gegangen, und dort, wo sich der Weg gabelt, rechts steil  hinauf. Da oben war immer ein Lieblingsort von mir und eines Tages stand ich da im Licht der Abendsonne, da knackte es leise im Unterholz und gemächlich tauchte ein Dachs auf, ging langsam und vor sich hinschnaufend ganz nah an mir vorbei und hinunter zum Bach. Ein Augenblick, unendlich wie die Ewigkeit, ein Moment vollkommener Harmonie.

Kurze Zeit später haben sie dann den Hügel zwischen den Wegen komplett abgeholzt, alle uralten Buchen umgeworfen. Und als ich Wochen später wieder hinaufgehen wollte, da hatte ich diese Begegnung mit dem Zwerg im Berg, zornig zischte er mich an: Mensch, hau bloß ab!

Nein, nicht wirklich … aber wer weiß das schon, wann die Wirklichkeit wirklich ist und wann nicht … wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Heute war alles ruhig, der Zwerg ist ausgewandert oder tief drin im Hügel.

 

Beim Heimkommen sagt es vom Apfelbaum herüber: Meine Haut wird immer dünner, je älter ich werde …

Geht mir auch so, sage ich.

24 T. – Erkundungen der fernen Nähe … Tag 2

Ein paar hundert Meter vom alten Haus in Richtung Südosten führt der Weg durch ein kleines Wäldchen, überquert den Bach und schlängelt sich den Hügel hinauf. Am Bachrand stehen 13 Eichen und an einer gewissen Stelle ist ein Ort, den ich den Platz der Wilden Frauen nenne, dort gehe ich hin, wenn ich Antworten auf Fragen in mir suche.

Was mache ich da, frage ich heute, was erwarte ich mir von den nächsten 20 Tagen, was will ich finden … was suche ich denn überhaupt, auf diesen 10 km um mein Heimathaus herum … wo soll ich beginnen … ich hatte da wieder mal eine Idee, nein, mehr noch einen Traum … und jetzt, wo es an die Umsetzung geht, habe ich keinen Plan … es werden dunkle Geschichten, denke ich, auch jetzt dämmert es, die blaue Stunde beginnt. Wo soll ich beginnen, wie „bereist“ man 10 km Heimat? Ich werde auf den Spuren meines Lebens gehen … was habe ich mir da nur wieder Unmögliches ausgedacht. Zwischen den Eichen sehe ich langsam im Nebel verschwimmend den Holzstadel, der früher für die Weidetiere einen Unterschlupf bei Wind und Wetter bot, heute ist er abgesperrt, der Bauer läßt die Tiere nicht mehr hinein. An der Holzwand steht auf einem Schild zu lesen : Schöller, königl. bayr. Bezirksgericht.

Vor langer Zeit stand da ein Bauerngütl, und die Leute waren so arm, daß die KInder auch im Winter barfuß laufen mußten, so erzählte es mir meine Großmutter. Heute weiß niemand mehr was von ihnen … ein Ort, den man Lost Place nennen könnte. Steinplatten liegen im Boden eingelassen, da, wo mal das Haus war. Bis vor ein paar Jahren stand noch ein uralter Zwetschgenbaum dort, den hat der jetzige Grundbesitzer eines Tages abgehackt. Und den ehrwürdigen Nußbaum am Wegesrand habe ich oft besucht, mich an seinen dicken Stamm gelehnt und ihm am Ende des Winters Rilkes Gedicht vom Vorfrühling aufgesagt, und bei der Stelle … „des alten Nußbaums rühmliche Gestaltung füllt sich mit Zukunft“ … da bekam ich immer nasse Augen, weil ich meinte, seine Freude zu spüren. Eines Tages hat ihn der Sturm hinweggefegt. Alles verloren und dennoch liegt die Spur einer alten Geschichte über dem Ort … zurückgehend durch das kleine Wäldchen fällt mir ein Ereignis ein, das ein paar Jahre zurückliegt. Ein paar Freundinnen hatten sich in die Haltung des „Bärengeistes“ begeben, einer uralten Figurine, und wir erforschten die rituellen Haltungen nach F. Goodman. Ich hatte die Aufgabe, mit der Rassel für Orientierung und Sicherheit auf der Reise zu sorgen und alle wieder zurückzuführen. Es war eine klare Nacht, der Vollmond stand direkt über uns. Ich war sehr wachsam und hielt die Augen und Ohren offen. Dann kam langsam eine Nebelzunge den Hügel herunter, umschlängelte  uns in einer Spirale und verschwand im Wald. Niemand außer mir hatte etwas bemerkt, so sanft und zart war diese  Begegnung.

Frau Percht kommt aus den Bergen und reist übers Land und ich lasse mich treiben mit ihrer wilden Entourage, wir fliegen durch Zeiten und Räume einer heiligen Dunkelheit.

Die Ein . samkeit der Löwen

Der Mond der reifenden Beeren hat zwar schon eine Delle, aber noch sehe ich genug, um den Weg zu finden mit dem Rad und ohne Licht. Ich fahre gern durch den Wald in der Nacht. Würde die alte Austragsbäuerin vom Einödhof noch leben, hätte sie mir längst lachend hinterhergerufen: Gret, wo fahrst denn wieder hin, mitten bei der Nacht, aber heut hast ja Glück, heute begleitet Dich der Herr Mo‘ mit seinem Licht! Als ich am Tor zum Gottesacker vom Rad steige, ist er verschwunden hinter dem Kirchendach, es wird finster, nur die Turmspitze leuchtet wie eine Taschenlampe hinauf zum Himmel. Ich spüre die Glut des Löwenfeuers und ich weiß nicht, ob ich sie mitbringe oder vorfinde dort, wo sie der Tag bei den Toten zurückgelassen hat. Ich gieße die fleissigen Lieserln am Grab und versuche,  die Altvorderen liebevoll zu bedenken, Fremdgewordene, die ich in den Genen und in Erinnerungsfetzen mit mir herumtrage. Irgendwo hat eine Laune des Schicksals unter nicht sehr glücklichen Umständen zwei, die nicht zusammenpassten, trotzdem zueinander hingeschoben, und an diesem Kreuzungspunkt bin ich entstanden. Ich, das Löwekind, vor ein paar Tagen 68 Jahre alt geworden. Von denen, die hier begraben sind sagt keiner mehr was zu mir, verweht mit dem Staub, zu dem ihre Leiber längst geworden sind. Meine Mutter hat sich beklagt über die schreckliche Schwangerschaft mit mir und wie sehr sie meine breiten Schultern gequält hätten beim Gebären … Was tut ein Kind mit diesen  Vorwürfen?

Gottes Barmherzigkeit fällt mir plötzlich ein … die Erlaubnis, aus der Existenz herauszutreten in das Nichtsein. Wie der  kleine Wind, der mir  den verschwitzten Nacken kühlt, streicht mir die Erkenntnis wohltuend über die Seele, irgendwann, wenn die Zeit reif wie die Kirschen am Baum hängt, endgültig verschwinden zu dürfen.

Das Dorf ringsherum schläft bereits, elf mal schlägt die Kirchturmuhr, die schwarze Katze liegt regungslos auf einem der sonnenwarmen Grabsteine, ich weiche aus, um sie nicht zu stören. Da ist das frische Grab eines Mannes, den ich kannte. In meiner Erinnerung tauchen Fragmente eines Lebens auf … Früher war er öfters bei meinem Vater zu Besuch, sie haben sich stundenlang unterhalten. Dann waren sie zerstritten und er kam nicht mehr. Er ist oft auf die Jagd gegangen und oft saß er wie alle Jäger im Dunkeln irgendwo und spähte das Wild aus, und oft, sehr oft, hat er es totgeschossen und im Rucksack nachts heimgetragen. In der Stube hingen die Geweihe an der  Wand, herausgebrochen aus den Totenschädeln und exakt mit Datum versehen. Er hielt sich verborgen und dachte, niemand würde seine Verstecke kennen, hat er nie geahnt, wie genau ich wusste, wo er sich aufhielt? Ein Löwemensch wie er, habe auch ich mich schon immer gerne nachts irgendwo  herumgetrieben, das schärfte den Blick im Lesen der Schatten, ich tat dann so, als würde ich ihn nicht sehen und ich spürte im Vorbeigehen seinen Blick. Ich sah die Glut seiner Salem aufflammen, wenn er süchtig und gierig den Rauch inhalierte irgendwo am Waldrand. Einmal konnte er nicht mehr ausweichen und da sind wir uns begegnet bei Vollmond und dann standen wir da, von der Jagd kommend beide, mit dem Unterschied, daß seine Beute verblutet war …  und er  sagte, daß ihm der Kopf bei Vollmond immer so wehtue, so schlimm, das könne sich niemand vorstellen. Vor Jahren saßen wir beim Dorffest und er erzählte eine Geschichte von früher und vom Trinken des Selbstgebrannten und dann haben wir miteinander gelacht. Das war das letzte Mal, daß ich ihn gesehen habe bis vor einem Jahr, da saß er im Rollstuhl vor dem frischen Grab seiner Frau, das jetzt auch sein Grab ist. Wir haben uns angeschaut und da ist ihm das Wasser über das Gesicht gelaufen, fast unmerklich haben wir uns zugenickt.

Zwischen den beiden Begegnungen eskalierte die Situation mit seiner Familie, der jahrzehntelange Suff schwemmte eine ständig angestaute lebenslange Wut an, die irgendwann so über die Ufer trat, daß er das Haus verlassen mußte … er hatte Gewehre … er hat dann jahrelang im Altersheim gelebt und jetzt ist er gestorben. Früher mochte ich ihn, er wusste von alten Geschichten, konnte furchtbar schimpfen und sich mit rotem Kopf aufregen, gern hat er getrunken und geraucht;  wilde kleine Raubtieraugen hatte er in der Wut. Sein Lachen hielt er zurück, als ahnte er eine Kraft darin, die er nicht beherrschen konnte und die ihn unsicher machte. Aber wenn es nicht anders ging, mußte er grinsen und dann entglitt das Gesicht seiner Kontrolle und seine Augen verschwammen … damals dachte ich immer, es wäre der Alkohol … heute ist mir, als hätte etwas seine Brust gesprengt und sein Herz zerrissen, vielleicht wollte der Löwe in ihm brüllen vor Lust und Sehnsucht und da ja das Lachen dem Schmerz sehr nahesteht …

Roh ist er geworden, hart, mißtrauisch und die Sauferei machte ihn böse und cholerisch, ich kann nur ahnen, wieviel Leid und Qualen dadurch entstanden sind bei denen, die sich nicht wehren konnten. Die Frauen in seiner Familie haben alles erduldet, das Bier und den Schnaps hingestellt und sich anbrüllen lassen, er war der Herr am Hof, es geschah alles nach seinen Worten. Viele ahnten was, sagten aber nichts. Es gibt das Wort: unter jedem Dach ein Ach, sonst war ja nach außen immer alles in Ordnung, sauber, und aufgeräumt und ständig geputzt. Warum wird einer so? Seine Mutter hat ihn geliebt und immer, immer zu ihm gehalten … jetzt hat sie ihn wieder bei sich, mit der Schwiegertochter teilt sie sich das Grab mit ihm und mit seinem Vater. Und es gab da woanders noch einen, dem sah er ähnlicher als dem Vater. Auch er schon lange Staub … Staub zu Staub.

Jetzt ist er tot. Vom Grab steigt süßer Blütenduft aus den Kränzen mit wunderschöner Blumenpracht. Es ist vorbei. Ruhe in Frieden …  Auf dem großen Foto von ihm zwischen den Blumen steht das Geburtsdatum und was für ein Zufall, gerade heute hätte er Geburtstag. Mir ist, als stünde er da, an den warmen Grabstein gelehnt, und mit diesem leicht spöttischen Lächeln schaut er mich an …

Auch bei denen, die hart und böse geworden sind, ist das Herz ein ganz eigener Erdteil, schlecht zu kontrollieren … und ich wollte Dich immer gern zum Lachen bringen, weil ich das so gerne gesehen hab, wie es in Deinen Augen geschwommen ist, mit all seinem Schmerz, dieses weiche Löwenherz. Es ist mir nicht oft gelungen.

Und jetzt mußt Du gehen, hier ist die Jagd vorbei, sage ich. Servus Max.

Sein Lachen und Weinen verschmelzen in mir zu einem Bild, das mich unruhig macht und mich frösteln läßt.

Und dann dreh ich mich um und gehe hinaus. Die Kirchturmspitze leuchtet immer noch, keine Ahnung, woher dieses Licht kommt. Als ich mich aufs Rad setze, schwimmt auch schon der Mond heran zum Heimleuchten.

Wo ist eigentlich  der Löwe in mir, denke ich beim Heimfahren. Ich werde ihn besuchen, in meinem Schloß (Radix) ist er der König  … die Musik ist schon bereit und die Bühne beleuchtet mit goldenem Licht … dort wird er mich hoffentlich erwarten und wir werden mit aller Lust den Sommer vertanzen.

Als ich das Buch in die Hand nehme schlägt es sich auf und ich lese:

„…seines Selbst, in das er heimkehren will und heimkehrt
für immerdar,
hineingehalten in das Jetzt seines eigenen Sinnbildes,
auf daß es ihm zur steten Wirklichkeit werde;
denn es ist das Trotzdem seines Aufrufs,
in das der Mensch hineingehalten ist,
das Trotzdem des Eingekerkerten,
das Trotzdem seiner unverlöschlichen Freiheit
und seines unverlöschlichen Erkenntniswillens,
so unbeugsam,
daß er größer als die irdische Unzulänglichkeit wird …“

Hermann Broch, Der Tod des Vergil

 

 

 

… auch wenn es dunkel wird?

Die Eine, die mich Seelenfreundin nennt, läuft durch den strömenden Regen zum Haus. In ihren Armen geborgen und in dunkelroten Samt gewickelt hält sie die Andere, die mit den vielen Namen.  Wir nennen sie: „Unsere Liebe Frau“. Ein wenig verloren, angeschlagen und mit abblätternder Fassung steht sie im Herrgottswinkel, dem sakralen Ort des Hauses. Der Künstler hatte wohl die Schwarze aus Altötting im Kopf, eine gewisse Ähnlichkeit besteht.

Wir sitzen am Tisch und sehen ein kleines geheimnisvolles Lächeln und Augen, deren Blick an uns vorbei ins Leere geht. Als ich sie fotografiere, scheint sie sich zu verwandeln …

Niemand weiß, wie sie in den Besitz der Verwandtschaft gelangt ist, die Mutter hat ihre Sorgen immer zu ihr getragen und dieses feine Lächeln ist ihr Trost und Hilfe gewesen in schweren Zeiten und durch die Jahre. Jetzt soll sie hier bei uns im alten Haus stehen, hier, wo unsere gemeinsame Großmutter ihre sieben Kinder aufgezogen hat. Von den  fünf Buben sind zwei aus dem Krieg nicht heimgekommen und der dritte wurde von der Tuberkulose geholt, nur der geliebte älteste und der nicht so sehr geliebte jüngste, mein Vater, haben überlebt … aber jetzt sind die Alten alle tot. Und die Madonna, unsere liebe Frau, steht nun hier, wo so vieles begann. Dunkel ist sie, so dunkel wie der Schoß, aus dem wir alle kommen und in den sie uns wieder zurückholt, wenn die Zeit reif ist.

Tag- und Nachtgleiche, bald wird Innanna hinabsteigen ins Totenreich und ihre Schwester besuchen, die nach ihr ruft.

Dank für die reiche Ernte. Zwischen den Geschenken der alten Apfel-, Birn- und Zwetschgenbäume und den üppigen, duftenden Rosen haben sich viele Geschichten angesammelt, keine möchte ich missen … die kluge Waage wird in meinem Herzen herumgehen, abwägen und auswiegen, die freudigen und die schmerzhaften Geschichten prüfen… und sie wird mir einen Rat geben … und wie immer, werde ich ihn nicht befolgen.

Eine Zeit des Dazwischen, das Helle nicht mehr und das Dunkle noch nicht. Nicht mehr jung und noch nicht ganz alt. Ein Apfel vom letzten Jahr rollt mir vor die Füsse, verschrumpelt die rote Lederhaut, ein Biß dahinein bringt ungeahnte paradiesische Süße, weich und voller Wohlgeruch, ein Konzentrat aus Lust.

Das Nest der wilden Wespen ist leer. Der Brut wurde Wärme und Kühle nach Bedarf gespendet, beim Ausschlüpfen beigestanden, die Schwachen von unzähligen Armen und Fühlern betastet und eine Art von Zuwendung gespendet, die die Welt sofort retten würde, wäre sie denn üblich unter Menschen. Dieses kleine Nest, diesen perfekt funktionierenden Wespenstaat beobachten zu dürfen, zu sehen, wie man sich untereinander hilft, unterstützt, pflegt und aneinander reibt und sich ständig betastet … betrachte ich als ein ganz kostbares Geschenk des Universums. Jetzt ist alles leer, die letzte Wespe, wahrscheinlich die Königin, ist weggeflogen. Sie wird sich irgendwo verkriechen und den Winter überleben. Nächstes Jahr werden sie woanders einen Staat gründen, das architektonische Meisterwerk wird im Wind verwehen.

Das Tal ist bereit für das Meer. Etwas schlängelt sich am Meeresboden entlang und kriecht auf mich zu, züngelnd und leckend nach allen Seiten … tanzen möchte ich hier, zwischen vorhin und dann … auf diesem Platz, der „Jetzt“ heißt und dessen Existenz fraglich erscheint … genau hier sich im Kreis drehen, erst langsam, dann immer schneller im uralten Rythmus, die Haare klebrig feucht von Nebelgischt und Schweiß. Wer tanzt mit mir, auch wenn es dunkel wird, rufe ich hinaus in die Nacht … keine Antwort, nur der Mond kommt auf mich zu geschwommen. Wenn Du am Rücken liegst, nimmst du dann zu oder ab … egal, Du erlaubst doch, sage ich und klettere ins Boot. Und dann fahren wir übers weiße Meer, sanft geschaukelt vom Wellengang.

Der Sommer hält nie, was er verspricht, der Herbst schon.

Einer, der grad 70 Jahre alt geworden ist … ich bete den „Boss“ nicht an, aber dieses Lied liebe ich sehr und wie er da so tanzt auf der Bühne, da finde ich ihn einfach ganz und gar unwiderstehlich!

Stella cadente …

Eine paradoxe Zeit zwischen Wintersonnwende und Frühlings-Tag- und Nachtgleiche. Alles endet, alles beginnt gleichzeitig. Steinbock hat gründlich aussortiert. Nur das Wesentliche hat Bestand, spricht Saturn, der gestrenge Herr der Zeit, das Leben ist zu kurz für Illusionen. Ich aber habe große Taschen in meinem weiten roten Rock …

Die alte Göttin Brigid hockt an ihrem Lieblingsort, der Schwelle, dort mißt sie das Licht und lenkt den Strahl zum Schmieden von Eisen und Poesie. Ein magischer Ort, die Schwelle, nicht drinnen, nicht draußen. Die Toten wurden hinausgetragen, mit den Füssen voraus, und auf der hölzernen Schwelle des alten Hauses wurde der Sarg dreimal abgesenkt. Katzen kennen sich aus auf der Schwelle, keine würde einfach so hinausgehen, ohne dort  innezuhalten, um dann mit dem Kopf draussen und dem Hinterteil drinnen nach gebührlicher Sammlung eine Entscheidung zu treffen …

Wir sitzen vor ihrem Bauernhaus, direkt an der Mauer vom Gottesacker. Einer der uralten Höfe behäbig neben Kirche und Wirtshaus. Wir trinken Espresso und ich sehe nach oben am schlanken Kirchturm entlang bis zur Spitze. Die Farbe da oben kitschig blau, wie die zerbrochenen Fliesen damals in meiner Wohnung in der großen Stadt … ein Kollege wollte sie austauschen, aber dazu kam es nicht, wir saßen am Boden und redeten und tranken Bier … ich mußte immer auf diesen weichen Mund schauen und fragte mich, ob er wohl küssen konnte … oh ja, konnte er, und wie, das stellte sich kurze Zeit später heraus, abends in der Blueskneipe … aber das ist eine andere Geschichte … merkwürdig, was mir einfällt, während ich ihr gegenübersitze, sie, mit der ich mir die Großeltern teile. Ihr Vater war der älteste und meiner der jüngste von sieben auf unserem Hof, der soviel bescheidener, ärmlicher ist als dieser hier, auf dessen Südseite wir sitzen.

Die zweitälteste Tochter des  gefürchteten Onkels, für mich unnahbar, fremd und so unglaublich schön,  wie von den Sternen herabgestiegen und ihr Lachen leuchtend wie das von einer Göttin. Ich habe sie, die ältere, meine ganze Kinderzeit aus der Ferne bewundert. Jetzt sind wir beide alte Frauen geworden und sitzen uns gegenüber. Unsere Augen spiegeln nicht den Versuch, über Schnee und alte Dächer, Kinder und Enkel zu sprechen, sondern wie immer die drohende Qual, den Leichen im Keller unserer Familie zu begegnen. Nur wir beide scheinen übriggeblieben zu sein mit diesem ahnenden Wissen. Ich bin die letzte am Stammhof der Familie, ihre älteste Schwester will nichts von all dem wissen und die beiden jüngeren sind gestorben, alle unsere Eltern sowieso und die nächste Generation hat kein Interesse an Familiengeheimnissen. Und wir beide, was machen wir mit dem Ganzen? Ich erfahre, was die letzte Familienaufstellung über ein verlorenes Kind im letzten Kriegsjahr, versteckt in einem Keller, zutagebefördert hat … die verzweifelte lebenslange Suche nach Liebesbeweisen, die auch nach dem Tod der Eltern nicht aufhören … unser Großvater hat meine Mutter angespuckt, so sehr hat er sie gehasst, kennst Du dieses Gefühl des Anderssein … Fremdsein, da wo man ist, ja, kenn ich … und kennst Du dieses Verlorensein, wie eine Nußschale auf dem Meer, ja. Und selbstverständlich kenne ich Melancholie und Einsamkeitund ich weiß, daß wir geprägt wurden von all dem Verdruß unserer Eltern, den sie an uns ausgelassen haben.

Komm, Du, wir machen die Kellertüre zu … sollen doch die Toten die Toten begraben … woher kenne ich diesen rettenden Spruch? Im Zweifelsfall aus den Apokryphen. Sollen die Toten mit ihren eigenen Gespenstern tanzen und mit ihren Geheimnissen in Frieden ruhen. Ich will mit den Lebenden tanzen, die Zeit ist zu kurz für das Wiederholen längst auserzählter Geschichten, sie verstopfen nur die Kanäle für all die Freude, die darauf wartet, gelebt zu werden, alles passiert jetzt, gestern und heute sind nicht existent und auch das Jetzt ist schon gegangen, sobald ich es ausspreche.

Schau, wir haben die großen breiten Hände unserer Väter und ums Haus herum erkennt man auch die Verwandtschaft, bei Dir steht ja noch mehr angeschlepptes Zeugs herum, als bei uns, man sollte reduzieren in Anbetracht des Alters …und dann lacht sie und die Sterne tanzen um uns herum … magst Du die Madonna haben … ja gerne … nimm doch die Truhe und den Schrank … nein bei uns ist auch alles so voll und ich möchte im Sommer wieder ein Fest feiern … aber die Madonna … ja, die Madonna mag ich gerne, ich fühle mich ihr nahe, dieser Himmelsfrau, wir könnten ihr den Hergottswinkel im alten Haus als irdische Wirkstätte anbieten …

Fremder Mann…

Am Himmel Farbspuren von schlecht weggewischtem Blut, der Föhnwind , weich wie Samt macht wirr im Kopf und greift nach meiner Seele, die nicht weiß, wo hin mit sich, liebesbereit, einsam , glücklich und traurig, alles zugleich und alles schmerzt. Auf der Bundesstraße ein Höllenlärm. Am Himmel sausen die Flieger haarscharf am Mondsichelschiff vorbei, unendlich viele, die Menschen wollen weg, so schnell es geht und so weit weg wie nur möglich … kaum sind die Sterne noch zu erkennen. Einige meiner abendlichen Gäste kommen auch von weit her aus dem Land hinter den Sternen, werden sie die Laterne vor dem Haus überhaupt sehen können?

Auf dem  Tisch in der Stube steht die dampfende Hühnersuppe mit Nudeln, in der alten Suppenschüssel mit den blauen Punkten. Noch sind ein paar Plätze frei. Ich erwarte Großmutter Martha mit ihren beiden Töchtern, werden sie herfinden? Um sie festlich zu begrüßen, ziehe ich mein langes schwarzes Samtkleid mit den Sternen am Ausschnitt an. Die Kerzen brennen, die Gäste sind hungrig, die Stimmung wankt ein wenig ratlos vor sich hin, niemand außer mir möchte wohl gerne mit durchsichtigen Toten am Tisch sitzen und Suppe löffeln. Also vergessen wir sie, erzählen uns Geschichten, essen Suppe und hinterher den Seelenwecken (Hefezopf), probieren den neuen Apfelmost und der Abend vergeht .

Irgendwann nachts bin ich alleine und höre Musik.

 

Warum sind sie nicht gekommen? Ich hätte so gerne meine Großmutter gefragt, was damals wirklich passiert ist, und warum sie mit 28 Jahren gestorben ist. Denn es gibt zwei Geschichten darüber, welche ist wahr? Ist sie wirklich in einem dünnen Nachthemd mit Lungenentzündung und hohem Fieber im Winter mit dem Schlitten den Hügel runtergefahren, aus Ärger über den Vater ihrer beiden Kinder, den sie verdächtigte, bei einer anderen Frau zu sein? Geister einladen in der Seelennacht, um ihnen konkrete Fragen zu stellen, völlig absurd … sowas kannst nur du dir ausdenken … ja, nur ich. Die Membran zu anderen Welten sei dünn um diese Zeit, sagen die alten Kelten, man könne in Kontakt treten in einer Art Zwischenraum der Wirklichkeiten. Da ich schon manche Erlebnisse zwischen Himmel und Erde hatte, die ich vorher nie für möglich gehalten hätte, warum also nicht  zumindest innere Bilder, die Ahnung einer Begegnung zwischen drüben und hier.  Aber zu meinen, die Einladung hinaus ins große Unbekannte und das Licht von ein paar Kerzen würden ausreichen, um Wunder herzustellen, ist typisch für unsere Lebensweise. Alles muß möglichst schnell konsumierbar sein. Ich trinke paar Gläser Wein und sage mir, auch gut, dann will halt grad niemand kommen, es ist wie es ist.

Kater Herbert entrollt sich und beschließt, auf die Jagd zu gehen. Die Nacht ist lauwarm, ich stehe ein wenig herum und hebe mein Glas zum Himmel, seid mir gegrüßt dort draussen, bis auf ein nächstes Mal! Nach dem Löschen der Kerzen bleibe ich noch ein wenig sitzen und schaue einfach so vor mich hin und zur Stubentür. Ich habe das Gefühl, daß dort was ist … nein, natürlich ist dort gar nichts … aber es ist doch auch nicht nichts … Merkwürdig, diese Türe ist mir immer schon ein wenig unheimlich gewesen, keine Ahnung warum.

In meinen Kopf schiebt sich langsam das Bild von einem Menschen, groß, hager, dunkel gekleidet, von vorne, schaut er mich an? Ja, er schaut mich an, bleibt stehen, unbeweglich, sagt nichts. Keine Ahnung, wer das sein könnte, ein sehr ernster, eindringlicher Blick aus hellen Augen. Ich schalte den Fernseher ein und schaue einen Film an, der Mann in meinem Kopf und an der Stubentüre bleibt noch eine Weile, dann geht er hinaus, er dreht sich dabei aber nicht um, sondern geht langsam rückwärts hinaus und verschwindet.

Später, als ich die Stiege hoch gehe, sehe ich, daß von irgendwo im unergründlichen Sammelsurium alter Bücher etwas herausfällt. Eine Barytaufnahme, darauf: ein fremder Mann.

 

 

 

Wildfrau

Vorbei, vorbei, Weihnachten, Silvester, Dreikönig … vorbeigerauscht … beim Nachbarn fliegt am 6. Januar der Christbaum vom Balkon herunter. Ein Auto, irgendwo verschämt am Ortsrand versteckt geparkt, nur die Zeugen Jehovas parken noch unsichtbarer, ein sehr frommer Papa, voller Glauben an die Bereitschaft der Heiligen katholischen Kirche, die diesjährigen Einnahmen der Sternsinger an die Bedürftigen auf der Welt zu verteilen, wartet geduldig und in Liebe zum Nächsten, bis die drei wieder ins Auto steigen, aus dem sie von Tür zu Tür ausgespuckt werden.

Erschreckend deutlich in Umfragen, wie wenig die Bevölkerung weiß über den christlichen Hintergrund ihrer vielen freien Tage, geschweige denn, was vorher sich so alles abgespielt hat, außer der Tatsache, daß da niemand in die Arbeit muß.

Und so huschten auch völlig unbemerkt von den meisten Menschen die Raunächte vorüber,  die nicht mehr zum alten, aber auch noch nicht zum neuen Jahr gehören. Schwierig, zu sagen, was das für Energie ist, die sich unbemerkt in unser Leben hereinschiebt und was  so besonders sein soll, wild und unberechenbar, daß alles geschehen kann. Niemand weiß was Genaues darüber, es gibt Spekulationen aus allen esoterischen Richtungen, viele alte Geschichten, Sagen, Märchen … eine Zeit zum „Losen“ (horchen), nach außen, aber vor allem nach innen, und es ist immer das Gleiche: wenn man darauf wartet, daß irgendwelche Wunder geschehen, dann passiert gar nichts. Gut ist, so wenig wie möglich zu tun, ruhig sein und einfach alles sein lassen …“ viel Übung und Erfahrung braucht es, die Zeichen und Botschaften zu verstehen“ und oft ist es so, daß man erst hinterher merkt, daß irgendwas anders war als sonst.

Die schwarze Katze, eine wilde Freigängerin, die keinerlei Berührung duldet, bleibt nach dem Fressen noch sitzen, streicht mir um die Beine, mager ist sie geworden, ich weiß, was geschehen wird …  in den nächsten Tagen kommt sie und bleibt so eng an meinem Bein, daß ich sie wegschieben muß und maunzt. Am nächsten Morgen liegt sie friedlich vor der Türe, tot.

Der vor Weihnachten gefallene Schnee ist schnell weggetaut, Föhnstürme jagen um das alte Haus, der dunkelblaue Gebirgskamm am Horizont kommt näher, darüber rot aufgeflammter Himmel. Allein in der Ebene steht der Untersberg, ein massiver Felsklotz . Durch die Mittagsscharte, eine tiefe Einkerbung auf seinem Grat, dringt feuerroter Nebel wie aus den Nüstern eines Drachen … Von geheimnisvollen Erscheinungen wird berichtet seit Jahrhunderten, z. B.  das Phänomen der angehaltenen oder rückläufigen Zeit. Dann erzählt jemand, daß seine Tochter vor seinen Augen für eine halbe Stunde verschwand, obwohl  sie immer da war und sich nur nach einer Blume gebückt hatte…und die Tage darauf besuche ich Freunde, die sind nicht da, ich rufe zum Balkon hinauf nach Hund Willi, niemand da, habe so ein komisches Gefühl, die Stille um das Haus ist zu still, komme mir vor wie in einem Vakuum, fahre schnell wieder weg…dann ein Anruf, wo ich denn bliebe, man würde auf mich warten,…alle wären da, der Hund auf dem Balkon… warum konnten wir uns nicht sehen …

Irgendwo hinter  dem Untersberg liegt Berchtesgaden … im Namen die Huldigung der Uralten, weiter im Norden heißt sie Holla, viele Namen hatte sie schon, in den Gebirgsländern heißt sie Percht und einst war sie heilig und eine große Göttin. In der Zeit um Weihnachten herum bis hinein in den Januar fliegt sie durch die Luft, begleitet von einer Horde wilder Gesellinnen, aus ihrer Kraxe verteilt sie Seelen und wenn die Zeit reif ist, holt sie sie wieder ab. „Die Gans war das heilige Tier der Göttin. Als Mutter der Gänse (mother goose, so ihr englischer Name) war Holla/Berchta auch Herrin der fliegenden Frauen und Schamaninnen …

Früher gingen drei Frauen im Namen der Göttin helfend von Haus zu Haus und da, wo Not war, blieben sie , fegten die Stube aus, setzten sich zu den Sterbenden und halfen beim Gebären. Wenn sie wieder gingen, hinterließen sie ihren Segen.

Dieser Föhn, ein lauwarmer Wind im Winter, er kehrt das Innerste nach aussen, immer mehr schiebt sich in mein Bewusstsein das Bild eines großen Kessels, in dem gerührt wird … untere Seelenschichten schwemmt es nach oben, alles gerät durcheinander, Sicherheiten fallen auseinander, Gefühle zeigen Trugbilder, Wahrheiten geraten ins Schwanken, feste Bilder zerfallen in kleine Teilchen, alles schwimmt umeinander und ein Zauberstab rührt hierhin und dorthin und ich versuche einfach, loszulassen und auf die wohlwollendste Fügung zu vertrauen, die sich irgendwann in diesem Kessel zusammenbrauen wird.

Und wieder wird diese Sehnsucht wach in mir, nach einem Verbund der Frauen, „Zwölfe gingen übers Land“ heißt es irgendwo und ich fühle mich verloren so alleine, die Rituale der letzten Jahre sind verblasst, wir dürfen nicht aufgeben, neue zu erfinden … je älter ich werde, um so mehr spüre ich die lebenslangen Begrenzungen, das Ausbremsen meiner Wildnatur … auch rings um mich herum sehe ich es …und dann suche ich alte Geschichten und lese vor allem immer wieder in meinem Lieblingsbuch von Ursula Walser – Biffiger, die sich auch irgendwann in ihrem Leben auf die Suche nach den Wildfrauen begeben hat und unter anderem einen der wichtigsten Frauenorte beschreibt, die Spinnstube, die in alten Zeiten in geschützter Atmosphäre Liebesschule für junge Mädchen war und natürlich der Ort,an dem gerade während und nach den Raunächten die Geschichten gesponnen wurden:

… wird zunehmend ein Umbruch spürbar, der eine Zeit hervorbringt, die sich still öffnet: auf das Kommende hin, auf heimliche Verwandlungen, auf erahnte Möglichkeiten, auf Kräfte, die am Wachsen sind …mit Geschichten, die wir für uns selbst spinnen, für unsere Freundinnen und unsere Töchter. Von listigen , lustigen, lustvollen Weibern ist da die Rede, von faulen und fleissigen, von nährenden und heilenden, von rauhen und feinen, von ernsthaften, kichernden, wagemutigen und unverschämten. Von neugierigen Forscherinnen wird erzählt, von weisen Frauen, die die Zyklen des Lebens und des Wandels kennen. Von Genießerinnen, die sich verwöhnen lassen, von leidenschaftlichen Liebhaberinnen, aufrührerischen Widerständlerinnen, von zornigen Kämpferinnen, von stillen erfolgreichen Wandlerinnen und von denen, die sich aufmachen und ihrer Sehnsucht folgen. Wir erzählen von handfesten, unabhängigen Praktikerinnen und auch von solchen, die sich zurückziehen und träumen von neuen Welten. Von Frauenkraft erzählen diese Geschichten und von Mutterwitz. Sie nähren unsere Wurzeln, machen Mut, schaffen Wirklichkeiten – sind Keim für das Kommende.“

Und ich schließe mich gerne an, wenn sie noch schreibt, daß uns die wilden Begleiterinnen der Percht verwirren und stören und Krach machen, wenn unsere Geschichten zu brav werden und wir zu angepasst , dann erinnern sie uns daran, „daß wir die Freiheit aufgegeben haben. Den Frauen aber, die sich entschlossen haben, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und die Spinnerinnen ihrer eigenen Geschichten sind, bleibt die Percht das ganze Jahr über eine Freundin und Beschützerin …“

Es ist jetzt Lichtmeßzeit, noch kann gesponnen werden und nebenbei wird im Kessel umgerührt, das Lebenssüpplein zusammengebraut. Wünsche werden entgegengenommen und untergerührt, wenn man sie losläßt und reinwirft. Den Wunsch, es mögen 12 (13)  Feen spüren, daß die Zeit reif ist, den Stab in die Hand zu nehmen und loszugehen, um sich mit den anderen zu treffen und ein Fest zu feiern,  übergebe ich hiermit dem Kessel und lasse ihn umrühren und berühren

 

Das Kursive stammt aus dem Buch:

Wild und  weise
Weibsbilder aus dem Land der Berge von Ursula Walser – Biffiger
AT Verlag, Schweiz, 1998

dieses wunderbare Buch begleitet mich durch viele Jahreskreise als eine Quelle der Inspiration und des Vertrauens auf die Existenz der wilden Frauen, die von den Bergen herabsteigen, die nachts mit raschelnden Röcken in unserem Hof herumgehen und in meinem Herzen tanzen! Vielen Dank fürs Zitierendürfen, liebe Ursula!