Archiv des Monats: April 2026

Briefe an die nahe Ferne ( 11 )

Als wäre alles ganz normal.

Auf der großen Leinwand im oberen Blau schwimmt eine weiße Wolke, die ausschaut wie ein Zeppelin.

Drunter kreist ein Bussard, lautlos, die Schwingen weit ausgebreitet, liegt er auf dem warmen Atem des Universums.

Eine der Fettkugeln für Meisen im Gezweig des Nußbaums färbt sich rot und wird immer roter. Ich laufe hin, da erhebt sich der Specht, erschrocken wie ich und zieht eilig während des Davonfliegens sein schwarzes Federsakko über das blutrote Untergewand.

Unter den gefährlichen Raubtierblicken der Katzen gehen die Vögel am Boden herum und suchen Material für die Nester in den Nistkästen, wo sie schon erwartet werden und ihre Baustoffe am Flugloch von Schnabel zu Schnabel abgeben, damit der innere Baumeister weiterbauen kann mit viel Spucke und unermüdlichem Fleiß. Sie brauchen Unmengen Futter derzeit, Nestbau und Eier, die zu Kindern werden erfordern viel Energie. Erst wenn die Kinder heranwachsen, flügge werden und ausziehen, können die Vogeleltern sich ein wenig ausruhen.

Ein Zitronenfalter kommt dahergeflogen, der erste heuer und er genehmigt sich ein Tänzchen auf einem Sonnenstrahl, plötzlich kommt von irgendwo ein zweiter und sie tanzen zusammen, einmal hin und einmal her, rundherum das ist nicht schwer.

Ich verschwinde im Bild, löse mich auf, verschmelze mit dem Hintergrund.

„Das meiste an uns ist geheim“ … sagt Eva Strittmater in ihrem Gedicht „Analyse 1“

Auf der Bundesstraße rollen mit Mordsgetöse elf Panzer durch das Tal.

Auf der Wiese wachsen die Buschwindröschen und tun so, als wäre alles ganz normal.

Sei aus der fernen Nähe herzlich gegrüßt, liebe Frau Kraulquappe!

 

Briefe an die nahe Ferne ( 10 )

Das Aufrichten aus einer grippalen Erniedrigung wird erschwert durch Reizhustenattacken. Es dauert halt alles seine Zeit.

In der Osternacht hab ich die Johannespassion gehört, bis über Salzburg der Morgen heraufgezogen ist. Die Himmelslichter werden immer hinter Salzburg losgeschickt, es leuchtet der Mond  und es strahlt die Morgensonne und sie wandern über den Himmel, mit den Flugzeugen, in denen die sitzen, die weg wollen.
Aus den singenden Thomanern strahlte eine Ernsthaftigkeit, fast zuviel an Wissen um Leben und Tod in diesen Bubengesichtern.

Die Musik füllt die Stube, ansonsten ist es still im Haus, vor der Haustüre draußen brennt die Kerze und flackert leis in einem kleinen Wind. Das alte Haus nimmt die Musik gerne in sich auf und läßt sie durch alle Poren gleiten. Und im Hausgang meine ich wieder einmal ein leises Rascheln oder Schlurfen mehr zu spüren als zu hören, Füße gehen über die alten Platten der romanischen Kirche. Was haben sie damals gebetet und gesungen im Mittelalter in dieser Kirche in Belgien? Warum wurde sie überhaupt abgerissen. Ich mag es nicht, wenn Kirchen abgerissen, oder sakrale Orte zu Eventstätten der Volksbespaßung umfunktioniert werden. Orten oder auch Steinplatten, an denen jahrhundertelang Menschen in ihrer Not gebetet und um Hilfe gefleht haben, kann man ihre Bestimmung nicht einfach so abwaschen. Und Kirchenboden gehört eigentlich auch nicht in unseren Hausgang, aber durch eine merkwürdige Fügung ist dieser Boden eines Tages zu uns gekommen … vielleicht höre ich deshalb nächtens Füsse drübergehen, an der Madonna vorbei, die im Sockel an der Säule der Stiege steht mit gefalteten Händen.

Ostern vorbei.
Ein zarter, sehr sanfter Regen fällt auf die alte Geschichte.
Unbemerkt und unscheinbar und leise, sehr leise, kam die Auferstehung.
Großes kündigt sich an in dramatischer Form und wenn es dann kommt, ist es ganz leise wie der zarte Regen im Frühling. Unhörbar versickert er.
Und was fangen wir jetzt an mit der Auferstehung? Was hinterläßt das große Unsichtbare? Was hinterlassen Geschichten, wozu sind die alten Geschichten überhaupt da?
Kinder fragen sowas nicht, sie wollen nur immer dieselbe Geschichte unendlich oft erzählt bekommen, obwohl sie sie längst auswendig kennen. Warum wollen sie es immer und immer wieder hören? Weil sie darin das Geheimnis des Wiedererzählens erfahren, weil sie in sich das Geheimnis bewahren … oder weil sie selbst das Geheimnis sind. Wir alle kommen auf die Welt mit dem Wissen über die Reise des Menschen von seiner Geburt und seinem Tod und seinem Wiedergeborenwerden im großen Kreislauf der Schöpfung … kommen – vergehen – wiederkommen … kein Anfang, kein Ende.

Das alte Kind in mir läßt sich die Geschichte gerne wieder und wieder erzählen, am liebsten von einem, dem ich gerne zuhöre. Ich lese „Der Menschensohn“ von Michael Köhlmeier. Er hat Thomas, den Zweifler und Skeptiker erzählen lassen und folgt ihm schreibend und vertrauend und so ist es die Geschichte von Thomas, dem Zweifler geworden und ich gehe auch mit ihm herum und tauche ein in die ewige Geschichte der Menschheit über Vertrauen und Verrat, Liebe und Schmerz, Not und Erlösung.

Und weil er ein guter Märchenerzähler ist, läßt er der Geschichte das Geheimnis, um das sie kreist.

Der Regen ist wie ein Schleier, der sich über die Dinge legt, ein zartes Gespinst aus Fragen, die er beantwortet, während er zu Boden sinkt.
Sag mir, kleiner Regen, auf welche Frage bin ich die Antwort?

An alleroberster Stelle im Geäst der Birke sitzt ein winziger Vogel, der so lauthals aus vollster Kehle pfeift, daß alles ringsherum stillzustehen scheint, selbst der Regen stoppt seine Bahn, um zuzuhören diesem Gesang, der wie ein Gebet die Schöpfung preist und mir die Tränen in die Augen treibt.

Dann fliegt er weg und alles scheint wie vorher zu sein, die Katzen gehen ihrer Wege, bald kommen die Igel und werden fressen und gleichzeitig alles vollkacken und der kleine Regen nimmt weiterhin alle Fragen mit und benetzt zart das durstige Scharbockskraut und den frisch aufgetauchten Herrn Gundermann mit seinen Antworten.

Die Kraft in den Geschichten braucht sich nicht zu beweisen, sie ist meist dort am stärksten, wo sie schwach zu sein scheint, alles bleibt Fragment und ist doch vollkommen, und oft ist das, was ganz leise daherkommt, am lautesten.

Wer Ohren hat, kann horchen.

Halleluja.

Aus der fernen Nähe sei gegrüßt, liebe Kraulquappe!

 

Briefe an die nahe Ferne ( 9 )

Stabat Mater

Mit 26 Jahren hat er das mittelalterliche Gedicht vertont, ein paar Wochen, bevor er gestorben ist: Giovanni Battista Pergolesi. Und diese Musik gehört zum Erschütternsten, was ich jemals gehört habe und ein Schmerz zieht mir den Boden unter den Füssen weg, der Schmerz der Mutter, die mit anschauen muß, wie ihr Kind getötet wird.
Nein, das ist keine Musik, die man so nebenbei laufen lassen kann, denn die Geschichte, die sie erzählt fordert den ganzen Raum, das ganze Herz.
All diejenigen, die schon seit gestern fröhliche Ostern wünschen würde ich gerne raten, sich hinzusetzen, und einfach nur zuzuhören, denn es betrifft uns alle, immer und immer wieder, in unseren Schmerzen, denn wir tragen alle unser Kreuz und alle kennen wir die verzweifelte Hoffnung und das Sehnen nach Auferstehung.

Stabat mater dolorosa
luxta crucem lacrimosa,
Dum pendebat filius…

Ostern ist mehr als nur ein verlängertes Wochenende, das Gerenne in Supermärkte, um  Eier aus Legebatterien zu kaufen und verblutete, abgeschlachtete Lämmer. Was wünschen wir uns, wenn wir uns frohe Ostern wünschen? Daß es mit den gebuchten Flügen klappt, wo doch jetzt angeblich das Kerosin knapp wird? Und warum kosten die Goldhasen jetzt 8 Euro – meine Güte, weil die Leute sie kaufen.

Und die Geschichte, die zweitausend Jahre alt ist, scheint niemanden zu interessieren, weil man längst mit der Kirche abgerechnet hat und weil man schon lange an nichts mehr glaubt.

Mit jemand zu diskutieren, dem eh alles egal ist, habe ich aufgegeben. Auch die Frage: bist du noch gläubig?  -regt mich schon wegen dem Wort „noch“ auf und ich sage darauf: ich bin genauso gläubig, wie ich nicht gläubig bin, dann sind diese „Gespräche“ eh gleich vorbei.

Die Bibel ist schwierig, vieles darin ist zwiespältig, die Chronisten lebten lange nach dem Leben und Sterben von Jesus, es kann nicht mal zu 100% bewiesen werden, daß er tatsächlich gelebt hat und doch … und doch … ist seine Geschichte so wahr, wie sie nicht wahr ist und erschüttert mich immer wieder in meiner Existenz.
Da war einer, ein etwas sonderbarer Heiliger, ein Rebell, ein merkwürdiger „Kund“, wie man in der bairischen Sprache einen etwas sonderbaren Mann nennt, der plötzlich irgendwo auftaucht und sich herumtreibt. Der Kund kommt, wie so viele Wörter aus dem Rotwelschen, nach dem Bairischen eine weitere Lieblingssprache von mir. Und ich glaube, so ein Wanderprediger wäre sicherlich bei uns „So a rarer Kund“ genannt worden.

Als die Menschen damals erfahren haben, daß er Heilkräfte hatte, sind sie ihm zugelaufen, das ist alles nachzulesen, wenns jemand interessiert. Als er in Jerusalem eingeritten ist, hat er gesagt, ich bring Euch den Frieden, wenn Ihr es nicht erkennt, wird Eure Stadt fallen. Aus dem Tempel hat er alle die rausgeworfen, die er ganz sicher auch heute rauswerfen würde beim Betreten der Gotteshäuser. Die Frauen mochten ihn, denn er sprach von Liebe und er hat Maria von Magdala die Füsse gewaschen und er war ganz anders, als die Männer, die sie gewohnt waren. Ich würde gerne sagen, daß er weich und zärtlich war, aber damals war es wahrscheinlich schon etwas ganz Besonderes, daß er sie behandelte wie menschliche Wesen. Und viele Frauen folgten ihm und begleiteten sein Leben bis hin zum schrecklichen Kreuzestod. Und wir wissen, daß alles, was danach geschah, durch das Mitwirken von Frauen geschah. Ja, ich weiß, was man alles dagegen sagen kann, ich frage mich, wozu? Denn wenn wir uns umschauen, passiert die Geschichte doch immer noch  und wenn ER jetzt wiederkäme, dann würde ER wieder von Liebe sprechen und würde den Kranken die Hand auflegen und es würden IHM wieder die Frauen zulaufen, auch ich wäre dabei und selbstverständlich würde ER wieder beseitigt, vielleicht grad nicht am Kreuz, aber es gibt da ja vielfältige Methoden.

Ich hab ein zärtliches Gefühl für diesen Rabbi und seinen unbezähmbaren Glauben daran, Gottes Sohn zu sein und das bis zur letzten Konsequenz und ich liebe die Frauen um ihn herum, weil sie ich trauten, zu lieben.

Ich schicke jetzt (vorerst) keine fröhlichen Wünsche, denn wir haben Karfreitag und ohne Karfreitag kein Ostern, nicht wahr? Und glaubt mir: Ostern ist mehr als ein verlängertes Wochenende…

viel  viel mehr.

Und Dir, liebe Kraulquappe schick ich ganz liebe Grüße aus dem Land der nunmehr geschmolzenen Schneeflocken … mit abklingendem Gehuste etc.  aus der fernen Nähe inmitten der tausend Himmelsschlüsserln.