Archiv des Monats: Juli 2026

Briefe an die nahe Ferne ( 24 )

Wege des Wissens

Das  Medizinrad (Sun Bear & Wabun) hat sich weitergedreht in den
Mond der kraftvollen Sonne, dort bleibt es vom 21.Juni bis zum 22. Juli.

Die Große Ordnung hat Menschen, die in diesem Mond geboren wurden, zur Begleitung und Schutz und Hilfe am Lebensweg den Karneol als Totem im Reich der Mineralien, die zartrosa Heckenrose im Pflanzenreich und den geheimnisvollen Specht ausgewählt und zur Seite gestellt. Es heißt, Spechtmenschen haben die Fähigkeit, die reale Ebene zu durchdringen und die Dinge mit anderen Augen zu sehen. Dazu können sie vom Specht das Trommeln lernen, das sie ihre Kraft erkennen läßt und ihnen zum Gesang des Lebens  verhilft. Der Specht ist ein starker, zuverlässiger Begleiter, er baut perfekte Nester und ist der Meinung, daß man ein sicheres Nest braucht, um sich dorthin zurückziehen zu können, wenn es draußen zu stürmisch wird.

Ich liebe diese Geschichten aus dem Medizinrad. Ob sie besser oder schlechter sind als die der ebenso angezweifelten Astrologie, ob sie womöglich sogar erfunden wurden, wie gerne auch behauptet wird, ist mir vollkommen egal. Wenn ich dem Specht zuhöre, wie er trommelt, und vor allem, daß jeder Specht einen eigenen Rythmus hat, dann erscheint es mir sehr glaubhaft, daß wir mit seiner Hilfe unser eigenes Lied erkennen oder zumindest erfahren können, ob wir überhaupt eins haben.

Noch so ein der extremen Schwurblerei Verdächtigter war dieser Carlos Castaneda. Auch wenn man heute, lange nach seinem Tod weiß, wer er war, wird in „Fachkreisen“ heftig bezweifelt, daß er seine Geschichten um diesen Schamanen wirklich erlebt hat. Und ob es diesen Don Juan überhaupt gegeben hat, das ist mir auch längst egal und heute redet eh kein Mensch mehr von New Age und extra nach Südamerika zu reisen, um irgendwelche Peyote Pilze zu rauchen … da gibt es längst ganz andere Wege zur Betäubung in jeder Lebenslage. Für mich ist dieser „Weg des Wissens“ immer noch geheimnisvoll und wenn sich Castaneda das alles ausgedacht hat, dann beweist es ein enormes Wissen um andere Wirklichkeiten als das Wenige, was wir sehen und uns einbilden, das wäre alles, was existiert.

Es gibt in den ersten Büchern über die Lehre bei Don Juan ein paar grundlegende Wahrheiten und die deuten alle darauf hin, ganz genau hinzuschauen, zu horchen, zu riechen, wahrzunehmen und das in absoluter Bewegungslosigkeit und ohne Zeitbegrenzung … eigentlich genau das, was wir stundenlang mit dem Handy machen: hinstarren.

Ich fahre mit dem Radl immer den gleichen Weg durch den Wald und obwohl ich ihn schon tausend Mal gefahren bin, ist er doch jedes Mal ein anderer.  Ein Windhauch gleicht niemals einem anderen, die Blätter bewegen sich nie im gleichen Rythmus, die Steine am Weg liegen immer anders, Blumen und Gräser wechseln im Werden und Vergehen und in den Standorten. Die Wolken machen was sie wollen, auch sie niemals dasselbe. Der abgebrochene Baumstumpf, der mich jahrelang an den „Salvator mundi“ erinnert hat, schaut seit etlicher Zeit je nach Lichteinfall aus wie ein kleiner und ein großer König aus, beide mit Krone und der große streckt noch seinen rechten Arm weit in die Höhe. Und vor jedem Vorbeifahren bin ich gespannt, wieviele grad im Bild sind, derHerr der Welt mit diesem sonderbar verdrehten Finger oder die beiden mit der Krone…

Und dann gibt es immer noch wie schon viele Jahre die wechselnden Stellen am Waldrand, wo sich ganze Schwärme Schmetterlinge tummeln und in Kreisen herumfliegen, alle in dieser wunderbar leuchtenden Farbe meines inneren Löwen: orange, wie die Flammen des Feuers! Und regelmäßig fliegt einer mit, und umkreist mich beim Radfahren und bleibt in der Luft stehen und fliegt wieder voraus und ich folge ihm und er fliegt neben mir her, wenn ich den Berg hinaufschiebe und dann, wenn ich oben auf der Bank sitze, kreist er um mich herum, setzt sich sekundenlang auf meine Hand und dann fliegt er weg.

Schau genau hin, sagt Don Juan, beobachte, wohin Dich der Schmetterling führen will.

Früher bin ich in ferne Länder gereist, weil ich Großes sehen wollte, aber das Große habe ich im Großen nicht gefunden. Heute sitze ich auf der Hausbank und schaue in die Nacht oder stehe im Wald und schließe die Augen und mir ist … als wäre das wirklich Große
im Kleinen.

Sei lieb gegrüßt Frau Kraulquappe aus der fernen Nähe, wo man sich mit dem Messer die zähe warme Luft in Würfel zerteilt herausschneiden muß, damit man durchsteigen kann, um sich fortzubewegen. Meiomei! Babaa und foi ned!

Briefe an die nahe Ferne ( 23 )

Um herauszufinden, was ich eigentlich suche in den spärlichen schriftlichen Hinterlassenschaften meiner Altvorderen, müssen in Kleinstarbeit Wort für Wort ein paar uralte Dokumente entziffert werden, die in damals  amtlicher deutscher Schreibschrift und schwarzer Tinte ordentlich mit amtlicher Feder geschrieben, Übergabeverträge enthalten. Wahrscheinlich noch etliche sonstigen Geschichten, über die nie jemand  gesprochen hat und die ich dort, wo sie halt herumlagen, nie angerührt habe, auch jetzt graust es mir vor dem, was sich da entziffern könnte … was nur befürchte ich … daß mich Dämonen anspringen? Ja, gut möglich, obwohl mir doch mein Verstand sagt, daß diese Befürchtungen alle völlig sinnlos sind, was soll mir schon passieren. Diese Vergangenheiten liegen lang zurück, alle sind tot. Die meisten gestorben hier im alten Haus.

Was macht das Haus mit so vielen Toten?

Ich muß aufschreiben, was es mit mir macht, diese Reise in die Vergangenheit. Noch treibt  mich die Spurensuche an und läßt mich gleichzeitig stocken.  Ganz egal, welche Fährte ich aufnehme, ob es die zum Großvater meines Vaters ist oder zu den Großeltern meiner Mutter, die auch zu diesem Hof gehört, obwohl sie als Fahrende hier nur kurze Zeit zur Seßhaftigkeit gezwungen war, bis sie den Schlüssel zum Käfig gefunden hat und weggeflogen ist … jeder Schritt, den ich zu den Alten hingehe führt in mich hinein. Und an diesen Wegen lagern Dämonen … ich kann sie weder bekämpfen noch vertreiben und deshalb werde ich mit ihnen tanzen … zumindest werd ich es versuchen. Ich, das Ergebnis der Begegnung von zwei in hilfloser Liebe Verbundenen, einer Verlorenen und eines Ausgegrenzten.

Eine Rose für die Vergeblichkeit.

In einer Schachtel mit ungezählten Sterbebildern, über denen die staubige Zeit der Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweggestiefelt ist, finde ich Sterbebilder, auf denen man in die alten, abgearbeiteten und ernsten Gesichter von zum Teil jungen Menschen schaut, unter anderem auch meine Großeltern und Urgroßväter … wo sind all die Frauen? Ich finde sie nicht, sie haben keine Spur hinterlassen neben all denen, die Max und Peter und Georg und Otto geheißen haben. Die Kleidung auf den alten Photographien ist so sehr anders als heute, wo man im bairischtümelnden Land selbstverständlich chicke Dirndln trägt und sich zu einer „echten“ Tracht bekennt, die es gar nicht gibt. Das Wort Dirndl gab es früher nur als Bezeichnung für ein Mädchen, ganz sicher nicht für ein Gewand. Und das Wort Mädel gab es sowieso nicht, das erschien erst, als Deutschland dachte, es sei das dritte Reich. Und wenn ich dieses unsägliche „Mädels“ höre, dann würgt es mich schier.

Zeit meines Lebens hat es mich immer zu den Ausgegrenzten und Verlorenen hingezogen. Immer schon bin ich wo auch immer in diesen unscheinbaren und heruntergekommenen Cafés gesessen, wo die herumsitzen, die aus der häuslichen Einsamkeit fliehen, um im Kaffeehaus noch einsamer zu werden und mit den anderen, die auch alleine herumsitzen, eine Art stummes Gebet zu sprechen an die Sehnsucht  und die Vergeblichkeit. Ich fühle mich dort , wo man nicht dazugehören muß, wohler als an Orten, an denen die stets Angekommenen und Erfolgreichen ihre Kleidung zur Schau tragen und ihr Wissen vorzeigen und immer „Dazugehören“ zur Schicht der Gewinner.

Das Reh kommt jetzt täglich und es hat sein Kleines dabei, das seiner Mutter hinterherspringt.

Textcollage Margarete Helminger

 

Sei lieb gegrüßt Frau Kraulquappe auf Deinem Weg hinaus aus dem alten Jahr und ich wünsch Dir, daß Du mit ein bisserl wehmütigem Lächeln aber trotzdem voller Freude in das neue Lebensjahr hineintanzen wirst! Wir bleiben uns gewogen, meine Liebe!

 

Briefe an die nahe Ferne ( 22 )

Zwischen den graubraunen Stämmen der Bäume am Obstanger steht das Reh. Nichts auf der Welt kann so bewegungslos stehen wie ein Reh. Eine Statue mit glänzenden Augen, die mich ansehen. So schauen wir und harren aus. Ich sage nichts, das Reh auch nicht . Auf einmal macht es einen lautlosen Sprung nach vorne und noch einen und weg ist es.

Ich esse die letzten Kirschen vom Baum, ihre Zeit war heftig und überquellend vor süßer Fülle und jetzt geht sie zu Ende. Am Anfang sucht man die ersten reifen Früchte und jetzt geht es darum, die letzten  zu finden, die noch nicht angefault sind  und die letzten schmecken genauso besonders wie die ersten. Nein, keine Wehmut, daß es vorbei ist, alles hat seine Zeit. Und auch wenn ich mir noch nie am Anfang vorstellen konnte, daß ich jemals genug bekommen könnte, irgendwann ist es soweit, dann bin ich satt und zufrieden und dankbar für die Fülle und das Geschenk der Bäume.

Die vernichtende Hitze der letzten Woche hat die Wiesen verbrannt und braun gefärbt, jetzt kam Regen, der in kurzen Sturzbächen auf das Land platschte, viel zu wenig konnte der harte Boden davon aufnehmen. In einem von drei ausgetrockneten Bächlein fließt wieder ein wenig Wasser. Ob es jemals wieder diesen  Sommerregen geben wird, der  ein paar Tage und Nächte durchgehend vom Himmel fällt und nach heißen Tagen warm und leicht und liebevoll die Fluren, Fell und Haut berieselt in einem Tempo, daß alle Lebewesen genug davon abbekommen, aber nicht ertränkt werden. Dieser wunderbare Sommerregen, in den man hinausläuft und sich den Schweiß abwaschen läßt und klatschnaß zu tanzen beginnt und zu küssen, wer weiß, wie in einem meiner alten Lieblingsschlager von damals..

Heute ein kleiner kühler Wind und schon kommt dieser typische Geruch  und die Farbe des Himmels ändert sich, minimal, aber dennoch spürbar … Herbstahnungen … nein, auch hier keine Wehmut, es ist immer alles da, man sieht halt manchmal das eine mehr und dann wieder das andere.

Mit befreundeten Menschen sitzen wir zusammen und reden über das, was uns gerade bewegt auf unseren Umlaufbahnen. Und das Thema „Epigenetik“ taucht auf. Niemand weiß so recht, was es genau bedeuten könnte, daß diese Wissenschaft Markierungen in unserer DNA erforscht, die von großen Belastungen herrühren, die Menschen bis zu mehreren Generationen vor uns erleiden mußten. Schwer vorstellbar, daß großer Schmerz, schlimme Vorkommnisse in meiner Urgroßmutter chemische Prozesse ausgelöst haben, die sich in die Gene gebrannt haben und weitergegeben werden bis sie bei mir angelangt sind. Und dann erzähle ich von meiner Arbeit am Familien – Wurzelbuch und wieviel Schmerz ich entdecke, und auf einmal tauchen bei allen Bilder auf aus Ahnenreihen und plötzlich entdecken wir, vor allem in manch einer Familienproblematik von heute, die unlösbar erscheint, eine Art Wiederholung durch die Ahnenreihen, so, als wären Sorgen, Ängste, was auch immer, weitergereicht worden. Natürlich nicht genauso, eher eine Ahnung, schemenhaft, aber durchaus bemerkbar und vorausgesetzt, man findet Zugang zu den Lebensgeschichten der Vorfahren.
Rätselhaft und nicht einfach, damit umzugehen, aber ich bleibe dran.

Sollte es in den nächsten Tagen regnen, dann geh ich raus und tanze, tanze , tanze, barfuß im Regen, macht Ihr mit?

Viele Grüße an die Kraulquappe!