Archiv der Kategorie: Sternentanz

24 T. – Erkundungen der fernen Nähe … Tag 9

In ganz Bayern ist der Katastrophenfall eingetreten und es gibt Bestimmungen, die mir höchst sinnvoll erscheinen. Und ich halte mich daran. Einen kleinen Umweg mit dem Auto gestatte ich mir heute und fahre ein wenig übers Land , alles ist grau in grau, weder ganz hell, noch ganz dunkel, verbröselter Schnee liegt auf den Bäumen. In der kleinen Kapelle am Straßenrand flackern ein paar müde LED – Kerzen, trotzdem ist es finster wie im Wald dahinter. Aus dem Wald heraus über die Hochebene an der Autobahn entlang stehen die Gehöfte und diverse Häuslichkeiten einzeln oder in Gruppen angesiedelt. So mag ich das Land gerne, es hat nichts, aber auch gar nichts mehr von dieser Anmache vom schönen Bayernland. Nichts ist mehr schmuck und verhübscht, keine Blumenberge mehr, hinter denen sich die Häuser wie hinter einem Mundschutz verstecken. Jetzt, an einem grauen Wintertag stehen sie da, nackt und bloß und alles zeigt sein wahres Gesicht. Ich mag das Land, wenn es zu Ehrlichkeit verdammt ist, wenn es die Kehrseite der oberbayrischen Idylle zeigt, die Wunden, die der Wohlstand in den Boden schlägt, die Scheußlichkeit der Neubauten, die sich „alpenländisch“ geben und viel Geld gekostet haben. Die Kehrseite der Medaille … backstage, sozusagen … die fehlenden Seiten der Hochglanzprospekte über „unser schönes Bayernland.“

Die Autobahn ist überraschend voll in Richtung Salzburg. Auf einem Zaunpfahl sitzt ein Bussard und schaut  in die Richtung, in die ich fahre. Der Föhn bricht langsam zusammen, die Salzburger Berge sind hinter Nebeln verschwunden. Ein wenig Schnee liegt hier oben und ich werde plötzlich berührt von einem Gefühl, das es nur im Advent gibt. Ich weiß nicht genau, was es ist, deshalb nenne ich es das Weihnachtsgeheimnis. Einer, dessen Poesie ich sehr schätze, hat vor kurzem über Engel und ihre Verbindung zum Schnee geschrieben, ich sollte ihn um den genauen Wortlaut nochmals bitten … da flog er um mich herum, mit den Engeln und den Schneeflocken, dieser Zauber der Weihnacht.

Die eine Malerfreundin sagt, wir könnten doch zusammen Cocek tanzen, ich im Atelier und du daheim, bitte schick mir die Musik … ja, und dann tanzen wir tatsächlich alleine und doch zusammen solang, bis wir nicht mehr können. In meinem Tanzraum ist nicht geheizt, meine Nase ist kalt und die Füsse wie Eiszapfen, weil ich nur barfuß tanzen kann, aber dazwischen brenne ich vor Glück. Und die andere Malerfreundin meldet sich schon an zum gemeinsamen Tanzen, woimmer, wannimmer, wenn´s halt mal wieder möglich ist.

Also, wenn es mindestens sechs TänzerInnen gibt, dann können wir einen Kreis bilden, und für alle, die wissen wollen, wie der Schritt geht, gibt es ein Video mit Laura Shannon, da tanzen sie den Schritt, den ich auch tanze … naja, vielleicht ein wenig graugänsisch abgewandelt … und vor allem dann, wenn ihn alle können,  sehr viel schneller!

24 T. – Erkundungen der fernen Nähe … Tag 8

Mt einem dicken Packen geschriebener alter Ansichtskarten fahre ich zum Bahnhof in der Kreisstadt, um sie dort in den Autobriefkasten zu werfen. Auf halber Wegstrecke stand auf einer kleinen Wiese hinter einem Bauernhof  an der Bundesstraße seit Jahren ein Schimmel und graste. Oft stand er einfach so da und immer war er alleine. Bis vor wenigen Jahren hatte er einen Esel als Gefährten, aber der ist lange schon verschwunden. Er sah gut genährt und gepflegt aus, aber er war immer alleine. Seit letzter Woche ist der Zaun weg und der alte Schimmel auch. Die Leute sagten: ach, dem gehts gut, der ist hier eingestellt, weil der Besitzer keinen Platz hat. Ich habe seine Einsamkeit gespürt … gibt es die Einsamkeit der Pferde? Ein einzelner Esel wird krank vor Einsamkeit und stirbt. Der Schimmel hat viele Jahre duchgehalten, jetzt ist er weg und so leer ist die Wiese ohne ihn.

Weiter südwestwärts am äußeren Rand der 10km Luftlinie steht auf einem bewaldeten Hügel eine kleine uralte Kirche, gebaut auf romanischen Mauern und dem Hl.Georg geweiht. Lange vor dem Bau der Kirche soll dort, laut einer mündlich überlieferten Sage, in einem heiligen Hain ein einzelner Schimmel gestanden haben. Er konnte sprechen und die Menschen sind hinaufgegangen, um sich von ihm Wahr sagen zu lassen. Um hinaufzukommen, musste man sehr gefährliche Niederungen durchqueren … die Schinderhölle und dann noch die Höllgasse … alle möglichen Unholde trieben dort ihr Wesen. Dort oben ist nicht nur die Aussicht über den Chiemsee bemerkenswert. Lange kann ich mich dort  nie aufhalten, eine verwirrende Unruhe , die ich nicht beschreiben kann,  gibt mir Rätsel auf und ich gehe meist mit viel mehr Fragen als Antworten wieder den Berg hinunter.

Ein Brief von Rilke fällt mir ein, an den mich eine liebe Freundin erinnert hat: „… leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein …“

Daheim lege ich die Musik auf, die meine Füsse fast von alleine tanzen läßt, meinen Lieblingstanz, den Cocek. Ein uralter Tanz, man sagt, Romafrauen hätten ihn bewahrt und durch die Jahrhunderte weitergetragen. Es gibt unendlich viele Variationen, ich tanze einen sehr einfachen Schritt. Liebend gerne möchte ich ihn mal wieder im Kreis tanzen können, zusammen, gemeinsam mit Menschen, die den Mut haben, sich an den Händen zu halten. Eines Tages wird das wieder möglich sein, ich glaube fest daran und wir treffen uns irgendwo und die Musik beginnt und wir gehen los … nach rechts, nach links und zur Mitte … und jetzt spielt eins meiner Lieblingslieder und ich werde solang tanzen, bis ich über das ganze Gesicht lache vor Lebensfreude … und ich tanze alleine mit allem, was so ist, die Fragen, die Angst, die Liebe und die Sehnsucht und die Dankbarkeit für Freundschaften, die mich durchs Leben begleiten… und ich tanze mit dem wilden Volk der Viren und der wilden Jagd der Percht…

Und ich kann die Sprache des Liedes nicht verstehen, aber ich bin sicher, daß es da um nichts anderes geht. Der Titel des Liedes und der  Name der Band ist :

Parno Graszt und das heißt: Weißes Pferd!

Kommt schnell, reicht mir Eure Hände …hopphopp laßt uns tanzen, damit wir nicht verlorengehen!!!

Das Feenspiel – Epilog

Irgendwann sind auch die schönsten Spiele vorbei, die Gäste gegangen und man bleibt alleine zurück. Die Graugans hat mit der knappen Begründung, sie müsse jetzt ruhen, um sich wieder zu sammeln, das eine Bein ins Bauchgefieder hochgezogen, auf dem anderen steht sie. Der Kopf ist unter dem schützenden Flügel verschwunden. Ich beneide sie ein wenig, ich werde noch Zeit brauchen, um aus den Worten, den Stimmen, den Geschichten, in deren Zwischenräumen ich mich ein wenig verloren habe, herauszutreten und bereichert an meiner eigenen Geschichte weiterzuwirken.

37 Tage lang habe ich mir hier auf dieser winzigen Bühne zwischen Himmel und Erde Gäste eingeladen, um dem Thema „Das Fremde“ auf die Spur zu kommen. Viele hochinteressante Sichtweisen führten schließlich zu uralten Daseinsformen von ersehnten Hilfskräften, die nur noch in den Märchen und Sagen vorkommen und völlig fehl am Platz erscheinen in einer hochzivilisieren Welt, in der Wahrheit nur dann zu existieren scheint, wenn sie mit Fakten und Zahlen belegbar ist. Meine Ahnungen, die Suche nach etwas längst Verlorengegangenem und meine eigene Sehnsucht nach sowas wie einem Clan der 13 Frauen ließen mich die Spürung aufnehmen. Die einzige Möglichkeit, im Nebulösen zu forschen, konnte nur das einfache Spiel sein, so wie Kinder mit dem Nichtexistenten spielen und ihm dadurch ermöglichen, sich zu materialisieren.

Viele Fragen … wird sich da überhaupt jemand drauf einlassen, wieviel oder wie wenig Regieanweisungen braucht es … wie soll ich etwas erklären, was mir selbst ein Rätsel ist … ich entschied mich für größte Geheimhaltung und die eher dürre Aufforderung: »komm und sage, was Du zu sagen hast, egal, was es ist!« Und welche Freude, sie kamen!

13 Frauen, die einen, weil ich sie gerufen habe, die anderen sind einfach so aufgetaucht und dann noch welche, die sind erschienen. Unglaubliche Texte und Bilder haben sie mitgebracht, wundersame Poesie, Herzenskraft, Macht zur Verwandlung und Zärtlichkeit, soviel Zärtlichkeit … ja, und wie das so ist, wenn man alte Kräfte ruft in Nächten, in denen die Membran dünn ist zu anderen Wirklichkeitsformen … wer Ohren hat zu hören … hört auch zwischen den Zeilen die Not und die Pein durch die Jahrtausende, Verfolgung und die Schreie der Unzähligen, die auf den Scheiterhaufen brannten … und ich sah wieder diese nackten Füsse hinter einem Karren herlaufen … und auch die Einsamkeit in unseren heutigen Existenzen.

Was mich am meisten erstaunte: das Spiel nahm seinen eigenen Lauf und entwickelte eine eigene Dramaturgie.

Manch ein Geheimnis behalten die 13 Feen für sich, das ist auch gut so, vieles muß im Raum der Ahnungen bleiben, um es zu schützen.

Heute im Morgengrauen war das Fest vorbei und ich sehe, wie alle aus der Höhle kommen, die Kronen ein wenig schief vom ausgelassenen Tanzen … lachend und plaudernd, alleine oder in kleinen Gruppen schreiten sie aus in alle Himmelsrichtungen … fröhliche Zurufe und dann sind alle verschwunden. Der Vorhang meiner Bühne schließt sich. Feenstaub glänzt da und dort. Ein paar Glasperlen liegen auf dem Boden, eine hat ihren Zauberstab vergessen, sicher die Läuferin, die hatte es eilig … eine Krone liegt da, oh, das ist meine, gleich setze ich sie auf und ich fühle sofort: ich bin die Königin in meinem Reich.

Habt meinen Herzensdank, Ihr wundervollen Frauen, die Ihr den Mut hattet, das Nichtsagbare aus Euch heraussprechen zu lassen, Dank für Euer Kommen, wenn ich rufe, das Experiment ist gelungen … nicht deshalb, weil ein Traum Wirklichkeit geworden ist, sondern … weil Ihr mit mir meinen Traum weitergeträumt habt! Wir werden sehen, ob sich die Zauberfäden zu einem zarten Gespinnst verweben …

Vielen Dank auch an das Publikum, was wäre eine Bühne ohne Euch, die Ihr über so lange Zeit Eure Lichtzeichen hinterlassen habt! Nur Menschen, die es selber wagen zu träumen, zeigen wertschätzende Achtung vor den Träumen anderer … ich habe ein zärtliches Gefühl bei jedem »like«.

So, und jetzt möchte ich allen, die mir hier schon so lange treu sind aufs Herzlichste danken, denen, deren Namen ich kenne, aber auch den vielen, die immer wieder unerkannt hereinschauen … jaja, ich kenne auch die unverbindliche Flüchtigkeit in dieser virtuellen Welt … und doch schlägt hinter jedem Click ein Herz und oft hört man es sogar und auch hier hinterläßt ein liebevolles Wort das gleiche wie in der sogenannten »Wirklichkeit« : es tut einfach gut und wärmt die Seele, nicht wahr?

Uns allen wünsche ich ein gutes Neues Jahr, daß wir die Herausforderungen bewältigen, daß wir das Lachen nicht verlernen und daß wir niemals vergessen, daß wir nicht immer entscheiden können, ob wir gesund oder krank sind … aber ob wir trotzalledem glücklich sind, das können wir entscheiden! In diesem Sinne alles Liebe für Euch da draußen, bis bald mal wieder in diesem Theater!

Allen Mitwirkenden vom Feenspiel sei es selbst überlassen, ob sie sagen wollen, wer sie sind! Und allen, die eh schon  zu wissen glauben, wer sich hinter welcher Fee verbirgt, gebe ich zu bedenken … manchmal sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen, und schon gar nicht bei 13 mächtigen Zauberinnen in der Rauhnachtszeit!

 

 

… auch wenn es dunkel wird?

Die Eine, die mich Seelenfreundin nennt, läuft durch den strömenden Regen zum Haus. In ihren Armen geborgen und in dunkelroten Samt gewickelt hält sie die Andere, die mit den vielen Namen.  Wir nennen sie: „Unsere Liebe Frau“. Ein wenig verloren, angeschlagen und mit abblätternder Fassung steht sie im Herrgottswinkel, dem sakralen Ort des Hauses. Der Künstler hatte wohl die Schwarze aus Altötting im Kopf, eine gewisse Ähnlichkeit besteht.

Wir sitzen am Tisch und sehen ein kleines geheimnisvolles Lächeln und Augen, deren Blick an uns vorbei ins Leere geht. Als ich sie fotografiere, scheint sie sich zu verwandeln …

Niemand weiß, wie sie in den Besitz der Verwandtschaft gelangt ist, die Mutter hat ihre Sorgen immer zu ihr getragen und dieses feine Lächeln ist ihr Trost und Hilfe gewesen in schweren Zeiten und durch die Jahre. Jetzt soll sie hier bei uns im alten Haus stehen, hier, wo unsere gemeinsame Großmutter ihre sieben Kinder aufgezogen hat. Von den  fünf Buben sind zwei aus dem Krieg nicht heimgekommen und der dritte wurde von der Tuberkulose geholt, nur der geliebte älteste und der nicht so sehr geliebte jüngste, mein Vater, haben überlebt … aber jetzt sind die Alten alle tot. Und die Madonna, unsere liebe Frau, steht nun hier, wo so vieles begann. Dunkel ist sie, so dunkel wie der Schoß, aus dem wir alle kommen und in den sie uns wieder zurückholt, wenn die Zeit reif ist.

Tag- und Nachtgleiche, bald wird Innanna hinabsteigen ins Totenreich und ihre Schwester besuchen, die nach ihr ruft.

Dank für die reiche Ernte. Zwischen den Geschenken der alten Apfel-, Birn- und Zwetschgenbäume und den üppigen, duftenden Rosen haben sich viele Geschichten angesammelt, keine möchte ich missen … die kluge Waage wird in meinem Herzen herumgehen, abwägen und auswiegen, die freudigen und die schmerzhaften Geschichten prüfen… und sie wird mir einen Rat geben … und wie immer, werde ich ihn nicht befolgen.

Eine Zeit des Dazwischen, das Helle nicht mehr und das Dunkle noch nicht. Nicht mehr jung und noch nicht ganz alt. Ein Apfel vom letzten Jahr rollt mir vor die Füsse, verschrumpelt die rote Lederhaut, ein Biß dahinein bringt ungeahnte paradiesische Süße, weich und voller Wohlgeruch, ein Konzentrat aus Lust.

Das Nest der wilden Wespen ist leer. Der Brut wurde Wärme und Kühle nach Bedarf gespendet, beim Ausschlüpfen beigestanden, die Schwachen von unzähligen Armen und Fühlern betastet und eine Art von Zuwendung gespendet, die die Welt sofort retten würde, wäre sie denn üblich unter Menschen. Dieses kleine Nest, diesen perfekt funktionierenden Wespenstaat beobachten zu dürfen, zu sehen, wie man sich untereinander hilft, unterstützt, pflegt und aneinander reibt und sich ständig betastet … betrachte ich als ein ganz kostbares Geschenk des Universums. Jetzt ist alles leer, die letzte Wespe, wahrscheinlich die Königin, ist weggeflogen. Sie wird sich irgendwo verkriechen und den Winter überleben. Nächstes Jahr werden sie woanders einen Staat gründen, das architektonische Meisterwerk wird im Wind verwehen.

Das Tal ist bereit für das Meer. Etwas schlängelt sich am Meeresboden entlang und kriecht auf mich zu, züngelnd und leckend nach allen Seiten … tanzen möchte ich hier, zwischen vorhin und dann … auf diesem Platz, der „Jetzt“ heißt und dessen Existenz fraglich erscheint … genau hier sich im Kreis drehen, erst langsam, dann immer schneller im uralten Rythmus, die Haare klebrig feucht von Nebelgischt und Schweiß.