Archiv für den Monat: Januar 2016

John

angeregt durch:
Geschichtengenerator von Jutta Reichelt

 

Lieber John

Es ist alles schon so lange her, da standest Du eines Tages auf dem Flur jener Station im Kreiskrankenhaus, auf der ich als Lernschwester gestrandet  war. Wir waren beide so um die 18 / 19 Jahre alt. Ein viel zu großer Arztkittel hing an Deinem langen, dürren Gestell, unten schauten zerbeulte Jeansbeine heraus, die etwas ausgefranst da endeten, wo nicht ganz saubere Clarks anfingen. Du hattest glänzende schulterlange dunkle Haare, einen zotteligen, dunklen Jungmännerbart, den weichsten Mund, den ich je gesehen hatte und Augen, die mich so sanft und gutmütig anlächelten…ich mochte Dich sofort, auf der Stelle.

Wir hatten kaum was miteinander zu tun, es trennten uns Kontinente, wenn nicht gar Welten, Du hast das vorgeschriebene Praktikum absolviert, um dann Medizin zu studieren und warst meist in der Nähe der Ärzte, sehr weit entfernt vom Dasein einer Lernschwester.

In Pausen standest Du, meist übernächtig und blass, irgendwo mit den anderen Praktikanten zusammen, Ihr habt über die „wirklich harten“ Sachen von irgendwelchen Bands gesprochen und von brandneuen Scheiben…manchmal stand ich dabei, konnte aber nicht mitreden, weil ich bis heute noch nicht weiß, von was für Musik Ihr damals gesprochen habt. Ganz sicher waren es nicht Herman´s Hermits oder Smokie und  Creedence Clearwater Revival, die ich liebte, waren sicher auch nicht „hart“ genug, oder?

Immer warst Du sehr freundlich, und wenn Du mich angeschaut hast, mit so sanften Augen, dann, lieber John, spürte ich nicht mehr die Last dieser Katastrophe zuhause, die ich mitschleppen musste, sondern dann war ich einfach jung und unbeschwert und tanzte durchs Leben.

Manchmal sah ich Dich mit ein paar Kumpels irgendwo auf Parties herumstehen, Du hast mich angesehen, das wars aber auch schon.

Irgendwann hab ich all meinen Mut zusammengenommen und Dir einen Brief geschickt. Dieser Brief war lang und zwei Drittel handelten davon, daß ich ja eigentlich nichts von Dir will, wie das halt ein junges, verträumtes und schüchternes  Mädchen so schreibt, das genau das wollte und am liebsten Tag und Nacht Deinen weichen Cat Stevens Mund geküsst hätte…

Mit großer Sehnsucht, aber ohne Hoffnung, daß Du mir zurückschreiben würdest, hast Du genau das getan! John, Du hattest meine Worte ernst genommen und mir auf vielen Seiten mit der unglaublich bezaubernden Poesie eines verträumten jungen Mannes ganz zart versucht, klarzumachen, daß aus uns wohl nichts werden kann.

Kurz danach warst Du weg, wir haben uns nie wieder gesehen. Für mich begannen die wilden Münchner Jahre, Deinen Brief habe ich immer wieder mal gelesen und es wurde mir warm ums Herz dabei. Irgendwann verblasste die Schrift und ich habe ihn feierlich verbrannt.

Vor ein paar Monaten fuhr ich zufällig an Deinem Heimathaus vorbei und sah Dich am Auto stehen, Du warst dabei, Gepäck auszuladen aus dem Kofferraum. Du hast wohl meinen Blick gespürt auf Deinem Hinterkopf, denn Du drehtest Dich um und unsere Augen saugten sich ineinander, nach über vierzig Jahren. Du bist ein schöner älterer Mann geworden, John, ja, vielleicht siehst Du immer noch ein wenig aus wie Cat Stevens, Du bist viel kleiner als ich Dich in Erinnerung hatte, genau noch so dünn und etwas ungelenk in den Bewegungen…ob Du wohl noch genau so meckernd lachst wie früher…ich fürchte, Du schreibst schon lange keine poetischen Briefe mehr, nicht wahr, John? Und ob Dich heute noch jemand John nennt? Unwahrscheinlich. Auf Deinem alten Bubengesicht sind die Spuren vieler Jahre Allgemeinarztpraxis, Ehe, Kinder, Enkel, Eigenheim und großes Auto sichtbar…aber Deine Augen sind sanft geblieben, und Du bist immer noch so blass, John.

Als ein entgegenkommendes Auto hupt, fahre ich weiter, ich drehe mich um und sehe, daß Du mir nachschaust. Ich glaube nicht, daß Du mich erkannt hast.

John, damals, der Brief von Dir, da mußt Du was übersehen haben, das war ein Liebesbrief.

Der schönste in meinem Leben.

 

An Alle!

Ihr Alle in näheren oder ferneren Galaxien, die Ihr grad mit fiebrigen Grippeköpfen, laufenden Nasen, wirren Träumen, schmerzenden Schädeln und Husten zum Erbarmen herumsitzt oder liegt – die Ihr schiefer in der Welt hängt, als beabsichtigt, weinerlich, voll Jammer über irgendwas Blödes oder vielfältigstes plagendes Malaisentum:

Ich wünsche von Herzen gute Besserung, daß Ihr alles ertragt, was nicht abzuwerfen geht und alles andere runterschmeissen könnt, wie die Sandsäcke aus einem Ballon…

Ich versuche, die Große Virtualie zu durchdringen, schicke Kamillendampf, heisses Ingwergewässer, Tee von der Frau Holla und puste Euch eukalyptische Gerüche in die Nase, versende so gut wie möglich, warme Gedanken und verspreche heiß und innig, daß der Frühling in ein paar Wochen kommen wird, glaubt mir, denn bisher hat es immer funktioniert! Ich geb Euch allen die Hand, irgendwie kommen wir schon klar, und jetzt mummelt Euch schön ein, macht ein warmes Fußbad und werdet wieder gesund!

Liebe Grüsse und Arvo Pärt zum Rekonvaleszieren!

Sollte jemand weitere musikalische Argumente gegen virale Übergriffe und als Schnupfnasentherapie vorrätig haben, bitte gerne hier abgeben!

 

Klangschale

Woher kommt die Musik? War am Anfang das Wort oder der Klang?

Warum reagiere ich so extrem empfindlich und vor allem so unterschiedlich auf Töne, und warum konnte ich noch nie Musik nebenbei hören, wie soviele Menschen? Und ich weiß nicht, warum mich Musik manchmal extrem glücklich macht oder genauso extrem unglücklich und was mir das größte Rätsel aufgibt, warum kann ich manch eine Musik überhaupt nicht aushalten, weil sie mir die Brust sprengt oder das Herz zerreisst, ob vor Glück oder vor Unglück, nicht mal das weiß ich. Es scheint dann eine Art von Sehnsucht von mir Besitz zu ergreifen, die nicht mehr in der Welt des Erklärbaren angesiedelt ist und unerträglich wird, weil sie nicht gestillt werden kann.

Schon als junges Mädchen musste ich heulen bei manchen Liedern, vor allem bei den Beatles…“Blackbird“ kann ich heute noch kaum aushalten.

Vor ein paar Tagen ist mir das wieder aufgefallen. In der Dämmerung bin ich unterwegs, es schneit, die Straße ist leer und im Radio läuft „Dollar Days“ von David Bowie, die Landschaft wird immer unwirklicher…dieses Saxophon (weiß jemand, wer es so grandios spielt?) trägt mich durch die Nacht…dieser Hauch von Ewigkeit weht mich an…so schön, dieses Gleiten durch die Nacht auf den Tönen dieser Stimme und dieses wilden Saxophons…

Und nicht lang danach spielen sie „Child in Time“ und ich werde zerrissen und zerrüttet…was ist das nur?

Dieses Lied verfolgt mich, am Abend kommt es mir aus dem Fernsehen entgegen und es begegnet mir noch ein paarmal und mir fällt wieder ein, was ich Monate zuvor in einem meiner derzeitigen Lebensbücher („Zur frohen Zukunft“ – Werkstattgespräche mit Adolf Holl) gelesen hatte. Holl hatte sich vor Jahren in einem Kloster der Zisterzienser aufgehalten und darüber berichtet,daß er von ihnen beim Hören ihres Gesangs viel  gelernt habe, was er nicht vergessen hätte, auch Sachen, die älter seien als das Christentum, den Tonus Peregrinus zum Beispiel.

Ich forsche nach und erfahre, daß dieser Tonus Peregrinus, lat. „fremder Ton“,  von den acht Modi des Gregorianischen Gesangs abweicht. Es ist der neunte Ton. Es soll wechselnde Halte- oder Schlußtöne geben und es ist mir nicht wirklich klar, was dies alles bedeutet.

Bach hat das Magnificat, ein wildes, leidenschaftliches, unerbittliches und hartes Lied der Maria vertont als „Magnificat anima mea Dominum“ und da erscheint dieser Tonus Peregrinus.

Bach-Magnificat

Und dann wird mir gesagt, wo er noch vorkommt,

nämlich in einem Song von Deep Purple: „Child in Time“!

Deep Purple-Child in Time

a – Moll, a – Moll, G – Dur, a – Moll

Antworten?

Ich fürchte, nein, eher nur weitere Fragen…die Frage nach dem Alter des „fremden Tons“ wurde nirgendwo aufgegriffen.

Wo kommen die Töne her und was machen sie mit uns?

Geheimnisvoller Urgrund

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Im ZwischenRaum…

Schöner hat das Jahr gar nicht beginnen können als mit einem Märchen. Einem Spiel zwischen zwei Menschen, die sich vertrauen, einem, der sich führen läßt und einem, der ihn führt. Einer gibt die Handlung vor, der andere läßt in seinem Inneren Bilder dazu entstehen. Vorlage: ein Radix (Geburtshoroskop)

Zwölf Abende hintereinander darf ich jemanden durch sein Märchenschloß führen, Raum für Raum mich entlangtasten an den Spiegelwänden seiner Seele. Einer kam ins alte Haus, Abend für Abend und ging wieder mit dem nächsten Hinweis zur Fortsetzung des Spiels.

Als das Märchen erzählt war, die astrologische Arbeit getan, gingen wir wieder auseinander und ich bin immer noch so sehr berührt von dem Erlebnis, welche Verbindungen es doch zwischen uns Menschen gibt und wie sehr wir uns im anderen erkennen können, wenn unser Herz den Mut hat, sich ein wenig zu öffnen.

Geheimnisvollerweise habe ich beim Wandern durch eine fremde Geschichte plötzlich auch eine Antwort auf eine Frage in meiner eigenen, nach der ich seit Jahren gesucht habe, einfach so geschenkt bekommen…einfach so.

Es gibt Begegnungen, die glücken, leise und ohne Anstrengung, diese war eine davon und sie wirkt immer noch in mir nach mit einem vertrauten und warmen Gefühl.

Schöner hat das Jahr für mich wirklich nicht beginnen können.

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Die 13. Rauhnacht

Nach den 13 Monden nun also die 13. Rauhnacht.

Die alte Frau Percht, mit ihrem Rucksack unterwegs, um Verbrauchtes einzusammeln und Neues zu verteilen, gefolgt von wilder Jagd, diesmal alles ruhig, keine Schneestürme, Verwehungen, kein Sturmwind, der ums Haus peitscht, keine Bewegung? Oh, man darf sich nicht täuschen im Wind, dem wilden Gesellen, er dringt auch in unser Inneres, rüttelt an eingerosteten Türen, so daß sie drohen, aus den Angeln zu fliegen, reisst schmerzhaft die verklebten Verbände von alten Wunden und schneidet mit Eiszapfen die betonierten Wahrheiten durch. Auch so sorgt die Alte dafür, daß sich das Unterste nach Oben kehrt und eine neue Ordnung entsteht.

Wohin sind die Jahre gegangen, was wurde aus den Freundschaften? Wohin gehen die zurückgelassenen Teile der Entscheidungen, die man nicht wollte, das Eine oder das Andere der Alternativen? In welches Meer werden all die Geschichten gekippt, die nie erzählt wurden? Und all die Liebe, die im Raum stehenblieb, weil niemand sie annahm, wohin geht sie, ja wohin geht die Liebe, wenn man sie freiläßt, kann sie dann jemand sehen und sie sich holen?

Und all die Geschenke, die sich als unbrauchbar erwiesen? Und all die vertanen Chancen?

Verwirrungen und schwere dunkle Fragen auch diese, wieviel Zeit wohl noch bleibt und wozu.

Und die Alte lächelt ein wenig und sagt: „Ja, es ist, wie es ist, das gehört alles dazu, schau genau hin! “ Und sie schickte den Sturmwind auch mir, der durch mein Herz fuhr und mich wanken machte im schonungslosen Blick auf mein Leben, zeigte mir Narbengewebe und auch ein paar schlecht verheilte Wunden und Sehnsucht, kaum zum Aushalten. Und sie schickte mir Sternschnuppen als Lichtstreifen am Himmel, manche verglühten im Klang, manche trugen Zeichen, von manchen blieben Kohlehäufchen, in denen es glimmt und ein wenig Sternenglanz leuchtet daraus hervor und in ihrem Spiegel sehe ich eine, die mir gar nicht so schlecht gefällt, sollte ich die wirklich auch sein?

Die Alte, unergründlich und unberechenbar, schickt mir Freundinnenarme, wunderbar tiefe Gespräche, zeigt mir Silberfädchen, die durch die Luft fliegen und auf neue Begegnungen hinweisen sollen und auf Verknüpfungen im noch Ungeahnten…und sie sagt: “ Was Du nur immer hast, Du machst doch alles ganz gut, ach ja, die Einsamkeiten, Du weißt doch, die machen die Suppe im Kessel klar, Du magst doch nicht im Trüben herumschwimmen?“ Und bevor sie mir zum Abschied mit einer etwas rauhen Hand über die Wange streicht, schickt sie mir noch ein paar Tränen, als Salz für die Suppe.

Dann läßt sie mich alleine und mir ist, als sollte ich heut Nacht lange zum Himmel aufsehen und viele andere sollten es mit mir tun und wenn wir still sind, ganz still, dann

könnte sich was wandeln…

Und morgen, da sollten wir lachen und uns schön anziehen und tanzen und was Liebes zueinander sagen und Augen zum Glänzen bringen…das wird sie freuen, die alte wilde Frau Percht, die auf dem Weg zurück in die Berge ist…dorthin, wo Steinbock sein Reich hat und uns  fragen wird:

Was ist wirklich wesentlich?

9. Rauhnacht…auf Haaresbreite

An irgendeinem Abend stand sie in irgendeiner Kneipe am dunklen Ende des Tresen, da wo die Toilette gleich ums Eck war und wartete vergeblich auf eine Bekannte. Sie trank das zweite Bier und wollte zahlen. Da stand er neben ihr, sagte dem Barkeeper einen Musikwunsch, drehte sich zu ihr um, sah sie an und sagte: “ Mädchen, Du hast so traurige Augen , hör diesen Song, der ist für Dich. Stell Dir vor, es ist Sommer und heiß und Du fährst alleine im Auto die Küste von Amalfi entlang…wenn ich wiederkomme, möchte ich Dich lächeln sehen“, dann verschwand er. Als er wiederkam, lächelte sie, da begann die Haaresbreite.

In den nächsten Wochen traf sie ihn ab und an, er stellte sich eine Weile zu ihr an den Tresen und sie redeten über alles Mögliche, Gott und die Welt, über den Gesang der Wale und Zeitungsmeldungen und über ihr Leben. Sie erzählte ihm von ihren Träumen. Er blieb meist so lange bei ihr stehen, bis seine Freunde nach ihm riefen. Dann sagte er zu ihr : „denk dran, es ist Sommer und heiß in Amalfi“, da musste sie immer lächeln und er sagte, „so will ich Dich haben, Mädchen“ und dann sagte er: „Tschüss, bis bald“.

Meistens begegneten sie sich einmal in der  Woche, wenn er nicht kam, vermisste sie ihn. Nie hatten sie sich berührt, nur ein einziges Mal lagen zufällig ihre Hände so nah beieinander, daß sie sich um Haaresbreite berührt hätten,  und um Haaresbreite hätte sie ihn lieben können.

Irgendwann einmal kam er spät, klopfte kurz mit dem Knöchel auf den Tresen, wie Männer das tun, wenn sie in Eile sind und sagte: „na Mädchen, alles gut bei Dir…jaja, alles gut und bei Dir? Jaja, auch alles bestens, viel Arbeit, also dannmachsgut, ja, Du auch, wir telefonieren mal, jaja“. Als er die Kneipe verließ, drehte er sich nicht mehr um und sie wusste, die Haaresbreite war vorbei.

Als der Barkeeper dieses verdammte Lied spielte, tropfte der See aus ihren Augen und ihr Handrücken wurde nass. Das Taschentuch, das ihr der freundliche Herr neben ihr anbot, lehnte sie ab.

In der Nacht suchte sie in der Mülltonne nach der zerknüllten Italienkarte.