Archiv der Kategorie: 24 T (reloaded VIII)

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 24: Finis

Zu guter Letzt schickt mir die hier mitlesende Freundin per WhatsApp noch ihr Fazit: „Scheitern als Möglichkeit kann ich nur begrüßen. Es ist eine Form des Wachsens, der Emanzipation, einem System zu entkommen.“

Ein Projekt ist zu Ende.  Und wie jedes Mal stehe ich als Intendantin auf meiner Bühne und bedanke mich bei der illustren Gästeschar, die in den letzten Wochen hier das Programm gestaltet hat. Wie immer ist das laut und lange applaudierende Publikum nicht zu hören, wie sollte es anders sein hier an diesem luftigen Ort zwischen Himmel und Erde, und so kann ich nur ganz alleine im Namen der Mitlesenden meinen Dank aussprechen für die großartigen Texte, die hier zum Vortrag kamen. Es ist ein unbeschreiblich bezauberndes Weihnachtsgeschenk für mich: Ich lade ein und Menschen setzen sich hin und schreiben ihre Gedanken auf, um sie mir zu schicken, jede r in ihrer/seiner ganz eigenen Art. Mehr geht nicht. Ich fühle mich sehr reich beschenkt! Habt Dank alle, für den Mut, um Worte zu ringen, sie aus inneren Urgründen hervorzulocken, sie loszulassen und mir anzuvertrauen, damit ich sie in die Welt hinausschicken kann. Starke Texte sind es geworden, ich lese sie mehrmals, denn manches ist versteckt zwischen den Worten und traut sich erst beim öfteren Lesen heraus in seiner strahlenden Erscheinung.

Wie immer nach so einem Projekt würde ich gerne mit Euch allen noch ein wenig beisammen sein und langsam alles ausklingen lassen. Und wie immer auf dieser luftigen Bühne fällt mir dazu das Cafe Weltenall ein, das sich ganz in der schwebenden Nähe auf dem Gütel des Orion befindet … dort tät ich gerne mit Euch ein frisch gezapftes Asteroidbier trinken und anstoßen auf diese wundervolle gemeinsame Arbeit und ein wenig tanzen und mitsingen zur Sphärenmusik von Ullis Hausband…

Aber heute ist Weihnachten und alle wollen nachhause, Kerzen anzünden, was Gutes essen und ein wenig zur Ruhe kommen und so sende ich aus dem sturmgepeitschten Bergland Grüße hinaus, an alle, die mitgemacht haben und ganz bestimmt nicht zuletzt auch an das hochverehrte Publikum, das hier mitgelesen hat, was wären wir denn ohne Euch!

Laßt es Euch gutgehen, was und wie und ob überhaupt Ihr feiert … ein Kerzenlicht in der Nacht ist nie verkehrt. Ich zünd eine Kerze an und stelle sie ins Fenster.

Denen, die alleine sind und nicht wissen wohin mit sich, schicke ich eine Umarmung.

Es ist Weihnachten.

 

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 23: Silvia Springer

Der Ruf der Graugans ereilte sie in El Paso, an einer Grenze, mitten in der Wüste, diese ein Ort, der wunderschön, aber gnadenlos wie die Natur selbst ist, da sie sich gemäß ihrem Gesetz entfaltet. Beim Schreiben dieser Zeilen kommt der Schreiberin in den Sinn, dass als Teil der Natur der Mensch ebenso gnadenlos sein konnte, nein, naturgemäß sein MUSSTE. Wen die Gnade ereilt, wer selbst Gnade walten lässt, übersteigt die eigene Natur. Ist das der Quantensprung oder der Dimensionswechsel, von dem alle sprechen? Beim Betrachten der Welt schien es ihr, als wäre die Menschheit an sich gescheitert, an dem Mangel ihrer „Gnadenfähigkeit“ – andererseits erlebte sie in derselben Welt Momente der Glückseligkeit, also die Gnade eines Moments der Freude, einer Sinnhaftigkeit, eines Grundes, leben zu WOLLEN.  Es galt also, diese Fähigkeit zu entwickeln, zu fördern, bei sich zu beginnen und vor allem als lebendes Beispiel zu wirken, Veränderung nicht zu fordern, sondern anzunehmen, aufzunehmen, sich selbst dem Transformationsprozess anheimzugeben.

Die Schwingungen, die sie an jenen Orten zwischen Tucson und El Paso spürte, verführten sie zur Zusage an diesem Projekt. Die Kraft des Bodens dort steigt sehr leicht zu Kopf, verleitet zu Selbstüberschätzung.

Ist Selbstüberschätzung womöglich notwendig, um über sich selbst hinauszuwachsen? Wäre die Anfrage in Wien gekommen, hätte sie vermutlich abgelehnt. Als sie wieder nach Wien zurückkehrte, war es dazu zu spät.

Danke, liebe Gretel Graugans, dass ich dabei sein darf bei deinem Projekt. Es hilft nix, besser wird’s nicht mehr, aber das is‘ ja wurscht, gell? Hauptsache, mitmachen, auseinandersetzen, ringen mit Sprache und Anspruch … und erkennen, wie sehr alle(s) miteinander verbunden sind/ist …

***

Sie hatte geschrieben. Und die bewegenden Texte der anderen gelesen. Festgestellt, dass ihr Text da nicht hineinpasste. Wieder einmal. Gescheitert.

Sie passte da nicht hinein, mit ihren Erfahrungen oder dem, was sie nicht erfahren hatte. Oder mit der Art und Weise, wie sie mit ihren Erfahrungen umging, diese verdrängte, beschönigte, benutzte.

Sie musste sich eingestehen: sie befand sich in einer ernsthaften Krise. Sie, die mit sieben Jahren gewusst hatte, dass sie Schriftstellerin sei, hatte nicht ein Buch geschrieben. Nicht eines. (Aber sie hatte nie aufgehört zu schreiben.)

Sie hatte keine eigene Familie gegründet. War in all ihren Beziehungen gescheitert, sogar Freundschaften waren in die Brüche gegangen. Oder vielmehr: sie erkannte, worauf alle ihre Beziehungen jeglicher Art beruhten. Sie waren von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, da sie auf falschen Prämissen beruhten. (Und doch gab es Menschen, die sie ebenso liebten wie sie diese liebte.)

Alt wie sie war, hatte sie bis zuletzt Liebe und Freundschaft dort gesucht, wo sie nicht zu finden waren und dort abgewehrt, wo man sie ihr entgegengebrachte. (! Siehe oben…)

Eine berufliche Karriere strebte sie zu keiner Zeit an. Wollte nie „leiten“, „anführen“ oder dergleichen. Sie hatte sich nicht „zu Höherem“ berufen gefühlt. (Dabei liebte sie immer den weiten Horizont, die Linie zwischen Himmel und Erde …)

Und nun konnte sie – die vollkommen Gescheiterte – keinen Text über die Freiheit des Scheiterns verfassen, zweifelte grundsätzlich daran, ob sie jemals wieder schreiben würde oder sollte, weil ihr das ewig selbe Muster ihres Lebens banal erschien und sie etwas Neues tun wollte, nicht, weil sie sich abzuheben suchte, sondern … daran glaubte, dass es tatsächlich neue Wege gab.

Was hatte sie zusagen lassen, als die Graugans sie einlud an deren Projekt teilzunehmen? Sie freute sich immer, von ihr zu hören, sie liebte ihre Texte, die Projekte. Einfach so. Sie wusste jedes Mal, wie herausfordernd sie waren. Sie dachte dieses Jahr, nachdem sie grade wieder mal auf dem Boden der Tatsachen zerbrochen war, handelte es sich um eine leichte Übung.

Es war so schwer wie nie, weil sie genau mittendrin steckte. Es gab keinen Abstand, der sie das größere Ganze sehen ließ. Sie klebte an der Leinwand ihres Lebens wie eine zermatschte Mücke auf der Frontscheibe eines schnittigen Cabriolets. Peng!

Dabei war alles nur Emotion.

Also setzte sie sich hin. Atmete. Schloss die Augen. Atmete. Atmete.

Der Schnee fiel (als sie diesen Text begann). Deckte Wien zu (War mittlerweile geschmolzen). Alles wurde still.

Still.

Noch stiller.

Und immer stiller.

Sie hörte das Pochen ihres Herzens, spürte, wie es das Blut durch ihre Adern trieb, ihren Körper in sanfte Schwingung versetzte.

Der springende Punkt. Punkt. Der Punkt, der springt, die Springerin schwingt und springt.

Sie folgte ihm, diesem Rhythmus ihres Herzens, beobachtete wie Ströme in ihr und um sie flossen, sah die Energie mit dem inneren Auge, wie sie pulsierend kreiste und sich verteilte, hinausschoss ins Universum, immer in Bewegung war, ohne Hektik und doch schneller als das Licht, zielsicher, entschlossen (was entschloss sich? wozu? Egal!), ruhig einfach in unendlicher Kreativität sich ergoss. Keine Sekunde Stillstand, gar keine Eile, wie der Komet am Nachthimmel, der sich in Geschwindigkeit verseng(k)te, jedoch für das Menschenauge praktisch unbeweglich wie alle anderen Sterne nur funkelte, sonst nichts.

Dachte ein sterbender Stern ans Scheitern?

War nicht alles im Grunde vergebens?

Mussten nicht alle Menschen geboren werden, um wieder zu sterben, waren sie nicht alle aus demselben Stoff gemacht, nackte Kaiser und Kaiserinnen, dazu verdammt, zu essen, zu trinken, zu verdauen, auszuscheiden, bis sie selbst aufgegessen, aufgesaugt, verdaut, ausgeschieden wurden?

Eine Frage des Standpunkts, nicht wahr? Aber der springende Punkt steht nicht, er landet nur kurz wie auf einem Sprungbrett, um noch höher zu springen …

Sie begann nicht zu lachen, sie lächelte. Alles war in Ordnung, so wie es war. Gescheitert oder nicht, das war völlig bedeutungslos bei so viel Schönheit, die sie bereits erlebt hatte. Einfach nur Teil des Ganzen. Ein atemberaubendes Werk eines Schöpfers, den sie nicht kannte und dessen Geschlecht ihr ziemlich egal war. Wirklich.

Gedanken wie Muster in einem Gewebe reihten sich ein, einfach nur Schall und Rauch, vergangen, noch ehe sie zu Ende gedacht wurden. Körper lösten sich auf. Alles ein ständiges Scheitern, eigentlich, und das tatsächlich und wirklich in einer Freiheit, die kein Mensch je zu denken in der Lage war oder jemals sein würde, nicht, solange er oder sie einfach nur Mensch war, was schon bedeutsam genug war.

Alles und Nichts zugleich, nicht mehr und nicht weniger. Und sie irgendwo mittendrin, weil überall Mittelpunkt und Grenze war. Liebe. Ist alles.

Text: Silvia Springer oder auch die Springerin genannt

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 22: Andreas Glumm

Cartoonmoment

 

„Nicht zu fassen“, sag ich, als ich nach Hause komme, und reibe meinen Ellbogen. „Ich hab mich wieder voll hingelegt.“

„Wie? Was meinst du?“

„Na, hingelegt. Aufs Maul. Einfach so.“

„Einfach so? Keiner legt sich einfach so aufs Maul. Wo denn?“

„Na, hier. Den Kannenhof runter.“

„Ja aber… Ist das nicht schon mal passiert?“ Da kommt sogar die Gräfin ins Grübeln.

„Ja, schon wieder“, sag ich verärgert. „Richtig langgelegt hab ich mich. Da, wo der kleine Park ist, den Bürgersteig runter.“

Ich hatte richtig Speed drauf, ich ging viel zu schnell, trotz Schneefalls. Ich war in Gedanken. Diese Massen an Schnee, wenn man die Straße runterblickte, überall Schneehaufen und eingeschneite Wagen, wie Möbelstücke. Als betrete man ein riesiges Schneezimmer. Der steile Kannenhof scheint zunehmend eine Art Sonderzone darzustellen: wie wirtschafte ich meinen endgültigen Fall. Nichts macht der Öffentlichkeit dein Scheitern deutlicher als ein Sturz auf offener Straße.

Hinfallen.

Hat aber keiner gesehen, glaub ich.

Scheitern hat viele Facetten. Die Gräfin erzählte von einem Onkel, dessen großes Problem war: in der Öffentlichkeit machte er sich klein, es fehlte ihm an Selbstvertrauen. Wenn er aber die gleichen Leute, mit denen er im Biergarten schüchtern am Glas nippte, zu sich nach Hause einlud, wurde er groß wie ein Basketballstar. Zu verstehen war das Ganze nicht. Er war ja kein Angeber.

Ich hatte einen schnellen Schritt vorgelegt, den ich nicht mehr zurückschrauben konnte. Einmal zu schnell den Berg runter, schon halb im beginnenden Sturz, blieb nur noch der Versuch, den Fall abzufedern.

Dabei gehe ich so gern. Ein Leben ohne Gehen ist für mich nicht vorstellbar. Wie gut es tut, Dinge zu Fuß zu erledigen. Ich glaube fest daran, dass zu Fuß gehen weltweit wiederkommt, auf großer Linie! Auf großem Fuß! Und dann komm ich daher und lege mich auf die Fresse. Gleich mehrmals scheitere ich an der eigenen Schrittfolge.

*

Seit Wochen lag Schnee, der Frost wollte nicht weichen. 2010 war das Weihnachtsfest, als Mutter starb. Wenn andere Leute bei Stress zu schnell Autofahren, bin ich zu schnell auf den Füßen. Ich eilte also den Kannenhof runter, vergaß aber das Blitzeis, das sich über Nacht gebildet hatte und unter dem Schnee lauerte. Der rechte Fuß sauste weg, als wäre ich auf eine verborgene Bananenschale getreten. Für einen winzigen Cartoon-Moment lag ich waagerecht in der Luft, bevor ich lang aufschlug. Mit dem Rücken. Der Hinterkopf titschte zwei Mal auf, Ding-Dong, wie ein Flummi. Zum Glück trug ich eine Wollmütze, die den Aufprall abfederte, zusätzlich zum frisch gefallenen Schnee.

Ich bin ein leidenschaftlicher Fußgänger. Selbst den Bus nehme ich nur, wenn es mich ausnahmsweise in einen anderen Stadtteil verschlägt. Und natürlich bin ich mit dem Hund täglich zwei oder drei Stunden in der Pampa unterwegs. Da steigt schon rein statistisch die Sturzgefahr. Die Hinfall-Wirtschaft. Guck mal der Mann da, Mama. Der ist hingefallen. Macht der das extra?

*

An einem Donnerstag war es wieder so weit. Diesmal nirgends Schnee, Blitzeis auch nicht. Ich stolperte bei Sonnenschein über die eigenen Beine. Nun zähle ich von Natur zu denjenigen, die vorwärts fallen beim Gehen. Als würde ich mit jedem Schritt ein Loch nach vorn in den Tunnel hauen. Man hört praktisch das Brechen von Mauerwerk, ich säble alles nieder, was sich mir in den Weg stellt. Führend ist dabei das linke Bein, mit dem ich meine Energie vorausschicke. Die linke Klebe. Die Machete. Das Gefühlsbein. Der freie, radikale Fuß singt:

Ich geh, fühl und komm um.

Doch den Sturz löst dann der rechte Fuß aus. Donnerstagvormittag, den Kopf voller Gedanken, mal wieder, wie immer, ich kenne es nicht anders, marschiere ich die steile Straße runter. Auf dem Bürgersteig. Bis ich plötzlich aus dem Takt gerate. Wie aus dem Nichts schlägt die Spitze meines linken Schuhs gegen die Hacke des vorauseilenden rechten Schuhs, und ich verliere das Gleichgewicht. Mein Oberkörper verlagert den Schwerpunkt nach vorne, das vorwärts Fallen beschleunigt sich – und das alles in dem vollen Bewusstsein, mich nicht länger auf den Beinen halten zu können. Zwei Meter schaffe ich noch geradeaus – ich gerate auf die unbefahrene Straße, und stürze – mit den Händen voraus. Rollsplitt bohrt sich beim Aufprall in die Handflächen, ich lande auf der rechten Körperseite, ich liege blöd in der Geschichte rum.

Ein Schulmädchen, das zuvor auf der Wupperstrasse gemeinsam mit mir aus dem Bus gestiegen war und gut zwanzig Meter voraus ist, bleibt abrupt stehen und dreht sich um.

„Alles klar?“

Ich warte einen Moment.

„Na ja klar.“

Was soll man sagen.

*

Das Schöne am bergauf gehen ist oben ankommen. Das Schöne am bergab gehen ist das oben gewesen sein.

Alles in allem ist oben am besten.

Text: Andreas Glumm

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 21: Marina Maggio

die träume der anderen

einen apfel schälen und nicht
geschält werden.
die narben tragen wie eine
perlenkette.
ein herz aufschlagen und darin
lesen können.

den mund voller beeren
nehmen die lippen
süß vom saft. satt sein nicht
nur heute. eine
wüstenrose sein und
niemals durstig.

paradiesvögel die in den
haaren nisten. einen
erdbuckel streicheln. einen
morgenstern der
den weg weist.

schallend lachen aus einem
greisenhaften
gesicht. ein paar tanzschuhe in
rot. den
eigenen schatten besiegen.

eine umarmung zum abschied
und dann
LEBEN…LEBEN…LEBEN.

Marina Maggio 2023

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 20: Sammelmappe

Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns – glorreich scheitern

Bin ich schon einmal gescheitert? Habe ich mir schon einmal die Freiheit genommen zu scheitern?

Ich neige eher zum Verzweifeln als zum Scheitern.

Vielleicht kann ich nicht scheitern, weil ich ein Ende nicht als Scheitern erlebe. Das Scheitern ist ein Zwischenstand. Ein Transformationsstatus. Wenn du es Scheitern nennst, sage ich: das ist noch nicht das Ende. Es geht weiter. Es geht tiefer.

Wir sammeln die Scherben ein und kleben sie wieder zusammen. Geduldig. Nachdrücklich.

Die Freiheit des Scheiterns konnte ich mir nie nehmen. Es bleibt weder die Zeit noch die Kraft zum Scheitern, wenn du banal um deine Lebensberechtigung kämpfst.

Ich mutmaße, dass die Freiheit des Scheiterns ein seltenes Privileg ist.

Irgendwie bin ich auf dem falschen Dampfer. Bitte wenden! Noch mal zurück.

Da! Hier liegt es doch auf der Hand. Die Freiheit besteht darin, das Scheitern nach Herzenslust zu zelebrieren. Nie das Ende darin sehen zu müssen. Den eigenen Blickwinkel einstellen zu dürfen.

Vita Sackville-West sagte einmal, sie wolle „lieber glorreich scheitern als schäbig siegen“. Nachdrücklicher lässt sich die Freiheit des Scheiterns kaum verkünden.

Text: Sammelmappe

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 19: Pega Mund

achtmal fallen, neunmal aufsteh’n?

1_ So kurz vor Mitte November eine freundliche Einladung von Frau Graugans, beim diesjährigen Adventsprojekt mitzumachen: Mutmaßungen zur Freiheit des Scheiterns – oho, spannend! – und

2_ ich sage postwendend zu, wiewohl im Kalender (meinem!) die Wochen bis Weihnachten gefährlich rotgelbgrünschwarzgescheckt mit ihren Terminen prunken (also: kaum eine Schreiblücke irgendwo und die Gefahr eines Scheiterns am Projekt absolut im Bereich des Möglichen!), übergebe sodann, auf gnädige Eingebung(en) hoffend, die Schreibaufgabe meiner inneren Weisheit und arbeite mich ansonsten unverzagt durch den alltäglichen Umtriebsdschungel. In der Woche nach dem ersten Advent

3_ treten, vermutlich aus dem etymologischen Wurzelwerk des Wortes Scheitern aufsteigend, Bilder von Scheiterhaufen vor mein inneres Auge – Scheiterhaufen für all Jene, welche gesellschaftliche Normen oder religiöse Gebote missachten (oder zu missachten scheinen), Scheiterhaufen für die gescheiterten Existenzen, die abgespalten werden müssen vom guten, gesunden Holz, die brennen müssen: zur Ehre des Herrn und der Herren, zur Ehre der Macht … aber … wo bleibt da die Freiheit!? und überhaupt

4_ steh ich jetzt, hier, heute auf Kriegsfuß mit so umfassenden Zuschreibungen wie gescheiterte Existenz oder ein gescheitertes Leben. Wer hat die Deutungshoheit, ein ganzes Leben als gescheitert zu bezeichnen, wer darf sich das anmaßen, solch Urteil zu fällen? Und kann nicht etwas, das zunächst wie Scheitern aussieht, zu späterer Zeit, in der Rückschau, sogar als ein positiver biografischer Impuls begriffen werden? Wie auch immer – ein neues Bild taucht auf, begleitet mich durch die zweite Adventswoche: Ich sehe

5_ ein Kind, das laufen lernt, vielleicht elf, zwölf Monate alt. Es richtet sich aus dem Bärenstand auf, steht frei, wackelig, hält sich einige Sekunden, plumpst auf den Hintern. Wieder und wieder geschieht das, ein ständiges Scheitern, zugleich aber: ein unermüdliches Lernen. Die Intervalle des freien Stehens werden länger, die Balance wird stabiler, das Aufrichten gelingt immer besser. Parallel hat das Kind begonnen, von den Eltern gehalten oder sich an Möbeln entlanghangelnd, seine Schrittmuster zu trainieren … Scheitern hilft hier beim Lernen, aus Fehlern wird man klug, doch, ja, das gibt es. Ist da vielleicht auch ein bisschen Freiheit drin versteckt? Kann sein, jedenfalls scheint es

6_ eine Art von hilfreichem, ja notwendigem Scheitern zu geben, das letztlich zu neuen Freiheiten, neuen Möglichkeiten führt. Das gilt für das Individuum ebenso wie für das Kollektiv. Wir, die Menschen, Menschheit, wir haben uns aufgerichtet, haben gehen gelernt, Zusammenhänge entdeckt, Wissen erworben und Erfindungen gemacht, die zumindest einem Teil der heutigen Weltbevölkerung Möglichkeiten, Freiheiten, Sicherheiten, Bequemlichkeiten bescheren, die vor 100 Jahren noch unvorstellbar waren. Allerdings

7_ ist es uns, der Menschheit, bislang nicht gelungen, den Fortschritt so zu gestalten, dass alle Menschen daran teilhaben können, und die Erde, deren Ressourcen uns tragen und nähren, intakt bleibt. Im Gegenteil! Die globalen Herausforderungen, vor denen wir als Kollektiv Menschheit stehen, sind

8_ gewaltig und höchst komplex. Kann gut sein, dass wir scheitern. Kann sein, dass dann viel viel viel Zeit vergeht und irgendwann was

9_ Neues, ganz Anderes, Bess’res entsteht …

Text: Pega Mund

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 18: Myriade

Selbstoptimierung – ein Wort, das mir so richtig zuwider ist. Also, natürlich ist mir nicht das Wort zuwider sondern das Konzept. Es soll somit eine optimale Form des Menschseins geben. Hat man diese noch nicht erreicht, so muss man heftig daran arbeiten. Wer diesen optimalen Zustand definiert hat und wie er genau aussieht, ist unbekannt, scheint auch kaum jemanden zu interessieren. Schließlich braucht die Optimiererei so viel Zeit und Einsatz, dass man sich nicht auch noch mit unnötiger Theorie beschäftigen kann.

Wenn ich die Sache richtig verstanden habe, es kann aber leicht sein, dass ich wegen mangelnden Engagements ohnehin alles falsch verstanden habe, wenn ich also alles richtig verstanden haben sollte, betrifft die Selbstoptimierung hauptsächlich wenn nicht gar ausschließlich den Körper. Jung, schlank, fit, schön, das ist das allermindeste, was man sich selbst und den Mitmenschen schuldig ist.

Keine Zeit dafür? Na, na, na, eine ganz dumme Ausrede, Prioritäten müssen gesetzt werden. Frühmorgendliches Joggen statt schlafen, vorhandenes Geld legt man am besten in Schönheitsoperationen an, nichtvorhandenes muss eben irgendwie beschafft werden. Sieht man nach einer Schönheits-OP zwanzig Jahre älter und vergrämt aus, ist das Lifting misslungen, erinnert man an einen traurigen Clown ohne Mimik, ist man ganz sicher selbst schuld. Den mentalen Faktor darf man nicht außer Acht lassen, die Lebenseinstellung ist natürlich wichtig. Positiv denken , ins Handeln kommen ! Man ist so alt wie man sich fühlt, oder etwa nicht? Jede und jeder kann die beste Version von sich selbst werden. Wie die aussieht? Wer das nicht weiß, gehört definitiv zu den Losern.

Was an mir alles nicht optimal ist, füllt eine lange Liste. Die Art Liste auf einem Papyrus, der in eingerolltem Zustand an eine barocke Marmorsäule erinnert. Nun habe ich die Freiheit der Wahl: lebenslanges Schinden in den Klauen der Selbstoptimierung oder aber …

Ich habe mich entschlossen: Erfolg hat sich nicht eingestellt, ich bin immer noch nicht jung, schlank, fit und schön und so nehme ich mein Scheitern zur Kenntnis. Es winkt mir die Freiheit mit der Schufterei fertig zu sein, kein Fitnesscenter mehr, keine Hanteln, kein Hungern, keine Schönheitsfarm und kein ultimatives Anti-Aging. Als  hoffungsloser Fall kann ich meine Freizeit  verbringen, wie immer ich will und in Gesellschaft anderer glücklich Gescheiterter.

Ein hoffnungsloser Fall zu sein, eine die die unbedingt zu erreichenden Ziele nicht annähernd schafft, bringt nach dem ersten Schock ein wunderbares Gefühl der Freiheit. Schwebend im Raum unendlicher Möglichkeiten jenseits des dornigen Pfads der Selbstoptimierung steht einem die Welt offen.

Ich gehe außen am Zaun entlang und lasse meine Finger über die Metallstäbe laufen, die die Übungswiese begrenzen. Drinnen wird marschiert und exerziert, im Gleichschritt einem unmöglichen Ideal hinterher, das sich mit fortschreitendem Alter der Marschierenden als immer unerreichbarer erweist. Erfolg ist nicht möglich. Allein das Scheitern bietet einen  möglichen Ausstieg aus den oft verzweifelten Bemühungen zur Erreichung eines unerreichbaren Ziels. Das Scheitern in die Freiheit …

Text: Myriade

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 17: Michael Helminger

Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen,
die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit
Futuristisches Manifest

.»warum du alleine schneller ans ziel kommst« / »5 tipps, wie du eine stunde pro tag dazugewinnst, ohne mehr zu arbeiten« / »wie selbständige beim power napping kraft tanken können« / »wie du deine ziele nächsten monat statt nächstes jahr erreichst« /
»wie wir überzeugungen überdenken und positives stärken« / »selbst-coaching-tools für den unternehmerischen alltag« / »raus aus der schockstarre, rein ins tun« / »vom aufschieber zum umsetzer und dranbleiber« / »persönliche energiewende, die funktioniert – so werden deine akkus nie leer.«

er/sie denkt. an optimierung. für eine neue zukunft. welche? brechen mit tradition. mit gestern. ja. immer vorwärts schauen. immer schneller. ungebundenheit ist schönheit. ungebundenheit ist ziel. unverbindlichkeit ist ergebnis. jede und jeder hat es in der hand. high tech ist poesie. alte formen zerbrechen. orte zerbrechen. neue formen entstehen. sind da. sind realität. geben orientierung? orte schon. aber das ist altes denken vor den friedhöfen der kultur.
»wenn du glaubst, du hättest die dinge unter kontrolle, fährst du nicht schnell genug.«

er/sie denkt. an revolution. in kunst. in leben. in technik. die futuristen damals wollten das. liebten das neue, das dynamische, das kühne. sie verachten das alte, das statische, das feige. das bewahrende. es gibt etwas in mir, das daran anknüpfen kann.
er/sie denkt. an den sieg. ist (selbst)mangement, nicht hans im glück. sucht innovation, sucht disruption, sucht geschwindigkeit – echo des futurismus? vielleicht. doch vorsicht! futurismus umarmt krieg, gewalt als reinigungsmittel der welt – gefährliche liebe! (selbst)management will mehr. sucht auch nachhaltigkeit, sucht ethik, sucht menschlichkeit. will alles sein. erfolg und weltanschauung. und religion. aber die liebe zur innovation, zum bruch mit dem alten? lebt weiter im herzen des siegs – ein kind des futurismus? ganz sicher ein nicht allzu entfernter verwandter.

er/sie denkt. an zukunft. an überleben. notwendige anpassung. digitalisierung als werkzeug. für effizienz. für ressourcenschonung. futurismus liebt maschinen, geschwindigkeit, fortschritt – digitalisierung ist kind dieser liebe. daten fließen, informationen rasen, welt schrumpft. und ich? verstehe, aber begreife nicht. erfühle nicht.

er/sie denkt. an transformation. ökologische transformation mahnt. erinnert an grenzen. an verantwortung. digitale transformation hebt grenzen auf. zwischen kollaps und revolution. ist auch inflation der möglichkeiten. ermöglicht neue formen des kreierens, des arbeitens, des lebens. aber ich? verzweifle an der wachsenden komplexität. zu viel ist gleichzeitig. zu viel ist im fluss. zu wenig fixiert.

er/sie denkt. an die eigene freiheit. meine ist, ich kann entscheidungen treffen. ich kann ja sagen. ich kann nein sagen. immer. zu allem. zu jedem. jede wahl birgt konsequenzen. jede wahl birgt möglichkeiten. unsichtbar. unvorhersehbar. ist ein doppelschneidiges schwert – befreit und bindet zugleich. das glas kann halbvoll oder halbleer sein. meine entscheidung. entscheidungen – wie steine im wasser, wellen erzeugend, weitreichend. angst lauert – vor dem falschen schritt, vor dem irrtum, vor dem bedauern. das ist der preis für meine entscheidungsfreiheit. freiheit zur entscheidung ist kampf – zwischen mut und zweifel, zwischen herz und verstand. leben ohne wahl? unvorstellbar – denn wählen heißt leben, heißt sein, heißt werden.

er/sie denkt. an die vermeidung. um zu verhindern. die falsche entscheidung. die immerwährend drohende katastrophe. wenn sie näher kommt, ist angst. angst macht panik. panik macht klein. klein macht verlust. darum nur abschätzbares. überblickbares. risiko ist unwägbarkeit. lässt sich nicht messen. entzieht sich. der planung. der berechnung. ist dimensionslos. unfassbar.

er/sie denkt. an das scheitern. als schatten. folgt jedem schritt. lauert hinter jeder entscheidung. scheitern ist das echo einer wahl. falsch abgebogen. in dunkle gassen des vielleicht. wenn es passiert, ist stille. dann lärm. innerer lärm. vorwürfe hallen wider. selbstvorwürfe. scheitern macht klein. lässt zweifeln. an sich selbst. am urteilsvermögen. es ist menschlich, zu irren. doch schmerzhaft, zu akzeptieren. er/sie blickt zurück. sucht den moment. die eine sekunde, den einen gedanken. hätte anders wählen können. aber der weg war verschleiert. risiko war da, konnte nicht vermieden werden – unsichtbar, wie nebel im morgengrauen. entscheidungen sind sprünge ins unbekannte – manchmal landet man weich, manchmal hart. scheitern ist lehrmeister – grausam, aber gerecht.
und nein, ein scheitern ist nicht der auftakt für den nächsten sieg. scheitern ist immer total. immer. ohne wenn und aber. sonst ist es kein scheitern, sondern nur zäsur. nur zum hindurchgehen. nicht zum verweilen. ohne sinn. brutal. das ist scheitern. der preis der eigenen entscheidung. der preis der freiheit.

er/sie denkt. weiter – an freiheit, an entscheidungen, an das scheitern, an das eigene schicksal, an den eigenen lebensweg, an den tod, an den rückblick auf das eigene leben. an das große ré­su­mé.

Herr Graugans

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 16: Zeilentiger

Lange hieß es Heißtheke und ich fragte immer wieder mal, ob sie nicht eine Heißhungertheke daraus machen wollten. Ich hatte eigentlich gar nicht damit gerechnet, dass sie es wirklich umsetzen würden. So freut es mich aber.

Nicht, dass ich es jetzt eigentlich noch beachten würde, was denken Sie, und es wissen auch nicht viele davon. Sie sind ja der einzige – von vielleicht zwei, drei Freunden abgesehen –, dem ich dass aus Jux erzählt habe. Diese anonyme Verewigung, von der Heinrich Heine gesprochen hat, das ist doch das höchste Ziel.

Was sind dagegen schon meine Übersetzungen von Baudelaire oder Mandelstam beispielsweise. Und meine eigenen Bücher, die sind sowieso schon vergessen, auch wenn ich selbst ja noch lebe, irgendwie. Nein, mehr als diese Heißhungertheke kann ich nicht erwarten, literarisch zumindest.

Wenn man hier von literarisch sprechen kann.

*

Um 14.59 Uhr ruckelte der Zug, ein Knall wie beim Herausspringen einer Sicherung ertönte, dann waren die Lichter aus und die Belüftung stumm und der Zug rollte aus, bis er zum Stehen kam. Draußen fiel Schnee. Eine Kreuzung deutete einen Vorort an. Der Zug stand auf offener Strecke und auch ich stand im Nirgendwo eines Gangstückes von Hier nach Dort, eingekeilt zwischen anderen Menschen und wartete gemeinsam mit Hunderten anderer Menschen, auf eine Information, eine Erklärung, auf das Wunder einer Durchsage durch tote Lautsprecher. Die Luft wurde schlechter. In Hitze ersticken wäre hier wahrscheinlicher, als durch eindringende Winterkälte zu erfrieren, dachte ich mir.

Polizisten, mit angespannter Miene und barhäuptig im Schneetreiben, waren die ersten, die den Bahndamm entlangliefen. Später kamen routinierte Feuerwehrleute, ein Krankenwagen, eine Seelsorgerin in violetter Jacke – dünn, spitznäsig und bebrillt, als wollte sie ein Klischee bestätigen, von dem ich nicht weiß, wie es sich geformt hat – , ein weiterer Einsatzwagen der Feuerwehr, der den Zufahrtsweg jenseits der Bahndammhecke absperrte, endlich ein Leichenwagen und sogar die Presse. Mit uns, den Menschen im Zug, sprach niemand, während draußen Routinen abliefen für einen Fall, den sich niemand wünscht und mit dem trotzdem täglich Menschen konfrontiert werden.

Wir waren vergessen, fast jedenfalls. Einmal zwängte sich eine Zugbegleiterin durch die Waggons, sie öffnete hie und da ein schmales Kippfenster und rettete uns vor dem Ersticken, später kam denselben Weg ein sehr, sehr ruhiger, sehr höflicher Mann im Sakko und mit einen Funkknopf im Ohr, der mit seinem Sicherheitsschlüssel all jene Fenster öffnete, die die Zugbegleitern übergangen war. Irgendwann kam er zurück, blieb bei einer Mutter mit einem schreienden Kind stehen, er war ganz Ruhe und Präsenz, dann nahm er Konktat mit dem Kind auf, nahm es schließlich auf den Arm. Das Kind wurde ruhig wie der Mann und er stand einfach da und trug es und gelegentlich wanderte seine Aufmerksamkeit den Waggon entlang, wie um sicherzugehen, dass alles unter Kontrolle sei. Niemand fragte den Mann, wer er war, auch ich nicht, aber ich nehme an, er war ein „Springer“, ein Problemlöser, der mit heißen Reifen herangeschossen kam, um dann mit dem Puls eines Meditationslehrers durch die Tür des Zugführers eingeschleust wurde, um alles unter Kontrolle zu halten.

Drei Stunden nach dem Notstopp war unsere Evakuierung abgeschlossen, der Ersatzzug rollte los, der ruhige Mann war verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Niemand in unserem Waggon hatte geschrieen in den drei Stunden, kaum jemand geflucht. Mit den Menschen, die neben mir gewartet hatten, fühlte ich mich verbunden, fühlte mich mit mir verbunden, fühlte mich als Teil der lebendigen Welt. Manchmal bringt der Tod Leben hervor.

Text: Zeilentiger

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 15: Christiane

Scheitern. Eine Katzengeschichte

Was ist das nun wieder, dachte ich, als Frau Graugans’ Aufforderung eintraf, über das Scheitern zu schreiben. Scheitern – wer definiert, was das ist? Es hat viel mit Ansprüchen zu tun, die einem von außen aufgedrückt werden. Wer sich dem mit einem gewissen Achselzucken entzieht – tue ich, klappt nicht immer –, lebt erheblich entspannter. Aber dann erwischte es mich: Sehr viel tiefer geht das Scheitern, wenn es die eigenen Ansprüche berührt, wenn es brennt, wehtut, verstört.

Vor einem guten Monat war ich mit dem Fellträger meines Herzens bei der Tierärztin. Er fraß nicht mehr richtig und schleppte sich immer häufiger nur noch durch die Wohnung. Seit ich mir im Frühling den Knöchel gebrochen habe, kommt mir das bekannt vor, aber irgendwann höre selbst ich auf, das als »Tagesform« oder »Na ja, er wird halt auch älter« zu bezeichnen. Katzen sagen ja nix. Ich sah also der Tatsache ins Auge, dass was passieren musste, in diesem Fall der Check bei der höheren Instanz. Er ist 13, ein Maine-Coon-Mix und hat bisher »Seniorenfutter« souverän verschmäht. Zu jung für Sorgen, oder? Nein. Nach den Untersuchungen kristallisierte sich heraus: Er hat nicht nur ein Nierenproblem (chronische Niereninsuffizienz, daran sterben Katzen früher oder später), er hat auch Arthrose, was wohl 90 Prozent der Katzen in seinem Alter haben und immer sehr schmerzhaft ist.

Schock. Bei mir kam primär an: Meine Katze hat schon länger Schmerzen (ganz furchtbarer Gedanke), und ich habe es nicht bemerkt, weil ich mich nicht genug gekümmert habe. Klar, auch Katzenleben sind endlich, aber das hatte ich bis dato ebenfalls verdrängt. Ich hoffte, ich hätte noch so 3 bis 7 Jahre Zeit, bis ich mich dem stellen müsste. Und neben der sofort einsetzenden Verlustangst – ich weiß genau, in welchem Ausmaß der Fellträger mein Leben zusammen- und aufrechterhält: Das letzte Kind hat Fell – überfiel mich auch das Gefühl, als verantwortlicher Mensch versagt zu haben, gescheitert zu sein.
Ich kann/konnte ihn nicht davor schützen, krank zu werden, Schmerzen zu haben. Na ja, beruhigte mich die Tierärztin, es ist noch nicht dramatisch mit den Nierenwerten, die Umstellung auf Nierenspezialfutter darf nur nicht aufgeschoben werden. Und für die Arthrose gibt es Tabletten, ist er schwierig mit Tabletten?

Ich habe immer ein Problem mit Hilflosigkeit/Willkür gehabt, ausgeliefert zu sein, jemand bestimmt einfach über meinen Kopf hinweg, was geschieht, und ich werde nicht gefragt. Es fühlt sich an wie ein Scheitern, etwas falsch gemacht zu haben, das Damoklesschwert nicht rechtzeitig abgewendet zu haben, nicht dafür gesorgt zu haben, dass alles »gut« wird, was immer das ist …

Es war ein beängstigendes Kaninchen-vor-Schlange-Gefühl, und ich habe mich wie Hölle da reingesteigert, ich konnte nicht anders. Hilfe, er stirbt! Ich habe die Angst zugelassen. Nach einer Inforunde im Netz habe ich entschieden, was nach seinem Tod mit seinem Körper geschehen soll, wann immer das auch passiert, und es hat mich unfassbar beruhigt.

Jetzt, Mitte Dezember, frisst er (widerwillig) Nierenfutter, aber er frisst. Meistens. Diät ist zum Glück kein Thema, er hat Idealgewicht. Die Arthroseschmerzen sind dank seiner täglichen Tablette (Hefeüberzug, er liebt sie) offenbar erträglich, an guten Tagen fordert er mich auf, mit ihm zu spielen, und springt wie Megakatz durch die Wohnung. Er (Freigänger) will wieder länger raus, und das ist bei Kälte/Nässe schon eine Ansage. Nein, ich packe ihn nicht in Watte, noch nie. Wenn er rausgeht und draußen vor ein Auto läuft, dann ist das so.
Es ist nichts, wie es war, auch er benimmt sich bedächtiger. Die Prioritäten haben sich geändert.

Es ist in diesem Monat bei mir innen angekommen, dass ich nicht versage oder scheitere, wenn ich das tue, was mir möglich ist, auch wenn ich meinem eigenen Anspruch (die zu schützen, die ich liebe, ob Mensch oder Tier spielt keine Rolle) nicht gerecht werde oder werden kann. Da gibt es diesen berühmten Spruch mit der Gelassenheit: Dinge hinzunehmen, die man nicht ändern kann, Mut aufzubringen, Dinge anzupacken, die geändert werden können (oder müssen), und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Meinem Katzenkind gegenüber bin ich jedenfalls in der Pflicht, und ich werde nach Kräften alles für ihn tun, bis ich ihn irgendwann ziehen lassen muss.

Text: Christiane