Kategorie-Archiv: im Großen Raum

Fremder Mann…

Am Himmel Farbspuren von schlecht weggewischtem Blut, der Föhnwind , weich wie Samt macht wirr im Kopf und greift nach meiner Seele, die nicht weiß, wo hin mit sich, liebesbereit, einsam , glücklich und traurig, alles zugleich und alles schmerzt. Auf der Bundesstraße ein Höllenlärm. Am Himmel sausen die Flieger haarscharf am Mondsichelschiff vorbei, unendlich viele, die Menschen wollen weg, so schnell es geht und so weit weg wie nur möglich … kaum sind die Sterne noch zu erkennen. Einige meiner abendlichen Gäste kommen auch von weit her aus dem Land hinter den Sternen, werden sie die Laterne vor dem Haus überhaupt sehen können?

Auf dem  Tisch in der Stube steht die dampfende Hühnersuppe mit Nudeln, in der alten Suppenschüssel mit den blauen Punkten. Noch sind ein paar Plätze frei. Ich erwarte Großmutter Martha mit ihren beiden Töchtern, werden sie herfinden? Um sie festlich zu begrüßen, ziehe ich mein langes schwarzes Samtkleid mit den Sternen am Ausschnitt an. Die Kerzen brennen, die Gäste sind hungrig, die Stimmung wankt ein wenig ratlos vor sich hin, niemand außer mir möchte wohl gerne mit durchsichtigen Toten am Tisch sitzen und Suppe löffeln. Also vergessen wir sie, erzählen uns Geschichten, essen Suppe und hinterher den Seelenwecken (Hefezopf), probieren den neuen Apfelmost und der Abend vergeht .

Irgendwann nachts bin ich alleine und höre Musik.

 

Warum sind sie nicht gekommen? Ich hätte so gerne meine Großmutter gefragt, was damals wirklich passiert ist, und warum sie mit 28 Jahren gestorben ist. Denn es gibt zwei Geschichten darüber, welche ist wahr? Ist sie wirklich in einem dünnen Nachthemd mit Lungenentzündung und hohem Fieber im Winter mit dem Schlitten den Hügel runtergefahren, aus Ärger über den Vater ihrer beiden Kinder, den sie verdächtigte, bei einer anderen Frau zu sein? Geister einladen in der Seelennacht, um ihnen konkrete Fragen zu stellen, völlig absurd … sowas kannst nur du dir ausdenken … ja, nur ich. Die Membran zu anderen Welten sei dünn um diese Zeit, sagen die alten Kelten, man könne in Kontakt treten in einer Art Zwischenraum der Wirklichkeiten. Da ich schon manche Erlebnisse zwischen Himmel und Erde hatte, die ich vorher nie für möglich gehalten hätte, warum also nicht  zumindest innere Bilder, die Ahnung einer Begegnung zwischen drüben und hier.  Aber zu meinen, die Einladung hinaus ins große Unbekannte und das Licht von ein paar Kerzen würden ausreichen, um Wunder herzustellen, ist typisch für unsere Lebensweise. Alles muß möglichst schnell konsumierbar sein. Ich trinke paar Gläser Wein und sage mir, auch gut, dann will halt grad niemand kommen, es ist wie es ist.

Kater Herbert entrollt sich und beschließt, auf die Jagd zu gehen. Die Nacht ist lauwarm, ich stehe ein wenig herum und hebe mein Glas zum Himmel, seid mir gegrüßt dort draussen, bis auf ein nächstes Mal! Nach dem Löschen der Kerzen bleibe ich noch ein wenig sitzen und schaue einfach so vor mich hin und zur Stubentür. Ich habe das Gefühl, daß dort was ist … nein, natürlich ist dort gar nichts … aber es ist doch auch nicht nichts … Merkwürdig, diese Türe ist mir immer schon ein wenig unheimlich gewesen, keine Ahnung warum.

In meinen Kopf schiebt sich langsam das Bild von einem Menschen, groß, hager, dunkel gekleidet, von vorne, schaut er mich an? Ja, er schaut mich an, bleibt stehen, unbeweglich, sagt nichts. Keine Ahnung, wer das sein könnte, ein sehr ernster, eindringlicher Blick aus hellen Augen. Ich schalte den Fernseher ein und schaue einen Film an, der Mann in meinem Kopf und an der Stubentüre bleibt noch eine Weile, dann geht er hinaus, er dreht sich dabei aber nicht um, sondern geht langsam rückwärts hinaus und verschwindet.

Später, als ich die Stiege hoch gehe, sehe ich, daß von irgendwo im unergründlichen Sammelsurium alter Bücher etwas herausfällt. Eine Barytaufnahme, darauf: ein fremder Mann.

 

 

 

Tomten …

Zwei Freunde haben meine Kindheit begleitet, waren stets für mich da, wenn ich sie brauchte, hatten immer Zeit  und ich konnte ihnen einfach alles erzählen. Ich weiß nicht mehr, wie sie aussahen, sicher waren sie nicht größer als ich, also ziemlich klein. Ich kann mich noch gut erinnern, wo wir unsere Treffen hatten und ich habe meine eigene Kinderstimme noch im Ohr, wie sie mit ihnen spricht und sie bei ihren sehr geheimen Namen nennt. Nie hat jemand von ihrer Existenz erfahren, gesehen hat sie auch niemand, denn ich vermute, sie waren unsichtbar.

Irgendwann müssen sie weggegangen sein, ohne daß es mir aufgefallen wäre … und als ich viele Jahre später große Sehnsucht nach meinen beiden Freunden bekam und ihre Namen an den geheimen Plätzen rief, da blieben sie verschwunden, für immer.

Manchmal in der Nacht richtet sich die Katze auf und schaut zur Türe. Blinzelnd und schlaftrunken folgt ihr Blick aufmerksam dem Weg, den „etwas“ zurücklegt. Ich höre und sehe nichts … sie aber schon. In der Mitte des Zimmers scheint dieses „etwas“ stehen zu bleiben. Sie schaut es sich nochmal langsam von unten nach oben an, dann legt sie sich schlafen, wacht aber sofort auf, wenn dieses Etwas zur Türe wieder hinausgeht. Nie ist sie aufgeregt dabei, sie beobachtet und kümmert sich nicht weiter darum.

Bald ist Sonnwend, ich stapfe durch den Schnee in Richtung Wald und denke über die Menschen nach, denen ich in diesem vergehenden Jahr begegnet bin, und ich frage mich, wer hat sich in meinem Herzen eingenistet, wer ist hindurchgewandert, wer will hinein? Wem konnte ich Freude schenken, wer hat in meiner Gegenwart gelacht? Konnte ich denen Trost spenden, die traurig waren? Habe ich die leisen Hilferufe gehört?

Es dämmert bereits … ich gehe am Waldrand den Hügel hinunter … ich werde beobachtet , ein Bussard hockt bewegungslos auf einem vergessenen Zaunpfahl und schaut mich mit scharfsichtigen Vogelaugen an. Es geht steil bergab, der alte Pfad ist mit Gestrüpp überwuchert. Vor vielen Jahren gehörte der Einödhof zur Gemeinde auf der anderen Seite des Hügels und hier war der Kirch- und Schulweg. Und aus dieser Zeit stammt auch die Geschichte, die mir jetzt wieder einfällt.

Der Einödbauer war der Vater meiner Schulfreundin und er erschien mir damals etwas seltsam, er hatte nur noch ein paar große und gelbe Zähne, saugte stets an einer halberloschenen selbstgedrehten Zigarette, und wenn er vom täglichen Gang über seine Felder und Wiesen zurückkam, saß er schweigend in der Stube. Wenn ich hereinkam sagte er nur freundlich: Jaaaaa, die Gret ist da, weiter nichts. Eines Tages, als wir eine Zeitlang alleine am Tisch saßen, fing der sonst so Schweigsame auf einmal an, mir eine Geschichte zu erzählen, die er Jahre zuvor selbst erlebt hatte. Er war damals auf dem Heimweg nach der Sonntagsmesse und ging auf dem alten Kirchpfad am Waldrand den Hügel hinunter. Da bemerkte er plötzlich, daß ein paar Meter rechts von ihm im Wald ein kleines Mannei (Männlein) neben ihm herschritt. Es hatte einen großen schwarzen Hut auf und sagte nichts und der Bauer sagte auch nichts. So gingen sie schweigend nebeneinander her den Berg hinunter. Am Waldesende war das Männlein dann so plötzlich, wie es aufgetaucht war, wieder verschwunden und der Bauer ging alleine über die Wiese auf seinen Hof zu.

Ja, so ist das gewesen, Gret, sagte er nur und hat niemehr davon gesprochen. Warum er nur mir von diesem Erlebnis erzählt hat ist mir bis heute genauso ein Rätsel, wie das Auftauchen dieses Männleins. Auf meine Frage nach seiner Größe konnte er mir nichts sagen außer, daß es eben sehr klein gewesen wäre und es hätte zum großen schwarzen Hut dunkle Kleidung getragen. Als ich merkte, daß meine Fragen nirgends hinführten, gab ich sie auf. Ein Leben lang begleitet mich diese Geschichte und heute, wo ich genauso alt bin wie er damals, ist mir, als hätte er mir eine Art Vermächtnis hinterlassen.

Der Schnee ist regenschwer und es wird Nacht. Der Wald wahrt seine Geheimnisse und ich gehe zurück. Daheim sehe ich, daß die Amaryllis aus vermeintlich roten Knospen zwei große weiße Blüten entfaltet hat, von einer Schönheit, die das Ausmaß dessen zu übersteigen scheint, was noch ohne Wehmut im Herzen zu ertragen ist …

Die Wintersonnwende hat sich vollzogen, das Licht ist uns wiedergeboren worden.

Allen, die hier zwischen Himmel und Erde ihre Spuren hinterlassen, sichtbar oder unsichtbar sage ich ein herzliches Dankeschön und wünsche Euch und uns allen Freude im Herzen, mögen die Sterne sich in unseren Augen spiegeln.

Und da wir uns die Hände nicht reichen können, laßt uns eine Kerze anzünden füreinander.

FROHE WEIHNACHTEN!

Der Marxnhans

Auf dem Grabstein aus rotem Untersberger Marmor hat der Vater ein Kreuz aus Eisen geschmiedet, kunstvoll und schlicht, und ein paar Vögel hat er eingearbeitet, sie singen mit weitgeöffnetem Schnabel. „Marxn-Familie“ hat er darunter ins Eisenblech gestanzt in seiner typischen Schrift. Im Sturmwind versuche ich, eine Kerze anzuzünden, für ihn und alle, die mal waren auf unserem Hof.

Und dann hör ich es , es klingt in meinen Ohren, seit Jahren hatte ich es vergessen, dieses „Wischperl“, das mein Vater immer auf den Lippen hatte, so eine Art geflüstertes Vorsichhinpfeifen, ein „Wischpeln“ halt. Meistens war es ein neuer Landler oder Walzer, den er sich so oft auf Platte oder Cassette anhörte, bis er ihn pfeifen konnte, dann nämlich konnte er ihn auch über kurz oder lang auf der Ziehharmonika spielen.

Mein Vater war ein Ziacherer. Er selbst hat sich nie so bezeichnet, weil er viel zu bescheiden war , um sich die für diese Bezeichnung seiner Ansicht nach nötige Virtuosität und Perfektion zuzuschreiben. Er habe sich das Ziachspielen ja selber beigebracht, Lehrer gab es keine damals und Noten auch nicht, aber die hätte er ja eh nicht lesen können. Ich spiel´ eigentlich nur für mich, weil´s mich halt freut, hat er immer gesagt.  Gelernt hat er auf einer alten Chromatischen, die hat aber dann schon schwer geschnauft, die Knöpfe haben geklappert und ein paar blieben manchmal hängen. Irgendwann eines Tages kam von irgendwoher verbilligt ein Akkordeon und der Vater spielte sich durch das ganze Repertoire der Schlager, die man halt für Geburtstage und Gartenfeste so braucht … von La Paloma über den Affenrock, den Pferdehalfter an der Wand, das alte Haus von Rocky Docky und natürlich mit Gesang „der alte Schimmel ist im Himmel“ … Aber diese Zeit ging vorüber, er konnte sich mit den Tasten nie so ganz anfreunden. Im Lauf der Jahre kamen alle möglichen meist etwas ramponierten Instrumente zu uns und wurden bespielt nach mehr oder weniger fachmännischer Reparatur. Niemals mehr werden Tangos so wunderbar schräg und verwegen klingen wie die vom Papa, gespielt auf Bandoneon und Konzertina, aus denen Töne hervorpfiffen, mit denen niemand rechnen konnte, weil sie dem Nichts im Inneren der geklebten Blasebälger entsprangen, unvermittelt  und querliegend zur gängigen Melodie …

Auch ein Harmonium tauchte auf, das aber trotz heftigen Tretens nur schweratmig schnaufte und keinen Ton entließ.

Irgendwann in seinem Leben war es soweit, der Vater hatte soviel Geld zusammen, daß er nach Graz fahren konnte um sich dort endlich seinen Traum zu erfüllen und eine diatonische Steirer Ziehharmonika zu kaufen. Viele Jahre hörte er sich tagsüber in seiner Schmiedewerkstatt die Musikstücke an, die er sich dann nach der Arbeit, meist noch im Arbeitsgewand in der Stube  auf der Zugharmonie beibrachte, oft war er so versunken, daß er gar nicht merkte, daß es darüber dunkel geworden war …

Wenn Leute ihn fragten, wie das denn möglich sei, sich ohne Noten alles selbst beibringen zu können, dann sagte er stets: ja mei, wennst ein Gehör hast, dann ist das kein Kunststück, Du brauchst ja nur hinhören und dann mußt halt fleissig sein und üben. Das einzige Problem bei der Sache ist immer, ob ich´s mir dermerken kann …

Ja, er hatte dieses  „Gehör“, vielleicht nicht direkt das absolute, aber doch ein ganz besonderes. Er konnte einfach alles nachpfeifen und nachspielen, nachsingen und ich glaube, bei entsprechender Förderung wäre er ein Multiinstrumentalist und Musiker geworden. So blieb er einer, der nur so virtuos sein konnte, wie er imstande war, sich die Lieder zu merken. Manchmal , wenn ich heimkam, dann sagte er: Ich hab ein neues Stückl, das mußt du dir anhören, das wird dir gfalln! Und meist war es dann eines mit diesen tiefen, schnarrenden Bässen, die ich so gerne mochte. Und während er spielte, hat er gelächelt und dann sagte er: schön, gell! Und seine klitzeblauen Augen glänzten, wie sie das nur bei Menschen tun, denen die Musik eine Herzensangelegenheit ist.

Wenn er irgendwo bei Freunden eingeladen wurde, verstaute er „für alle Fälle“ die Ziehharmonika im Kofferraum. Gesagt hat er nie was, aber wenn er dann im Lauf des Abends ein paarmal gefragt wurde: Hans, hast Du die Musi dabei?, dann holte er sie und spielte auf.

Ach Papa, sage ich da am Grab, wir hatten es nicht immer leicht , weil wir so verschieden waren oder womöglich so ähnlich, ich weiß es nicht mehr … wir mussten uns sehr plagen miteinander und daß wir uns so sehr liebhatten, machte nichts einfacher. Für mich bist Du der beste Ziacherer gewesen, und im ganzen Internet hab ich keinen gefunden, der den „Gföller Marsch“ so gut spielt wie Du und ich bin so dankbar für „das Gehör“, das Du mir geschenkt hast und schon wieder fällt mir das Stückl nicht ein, weißt Du, das mit diesen schnarrenden Bässen, das ich so gern mag, schad, daß du jetzt nicht die Musi in der Stube  unter der Bank rausziehen kannst und mir vorspielst. Ich habe herumgesucht und nur einen gefunden, der annähernd so gespielt hat wie Du , der Schneider Willi, Du hast ihn sehr geschätzt, gell! Es gibt nur dieses einzige alte Video von ihm, vor ein paar Jahren ist er gestorben.

Nicht nur der eiskalte Sturmwind treibt mir die Tränen in die Augen am Grab. Was ist, wenn nichts mehr ist … was ist mir denn geblieben von meinem Papa, dem Marxn Hans?

Ich höre ihn spielen.

Einen besonderen Dank an den lieben Riffmaster, der in seinem Sammelsurium der Wunder eine Zeitung über Akkordeon präsentierte und mich mich in die Erinnerung an meinen Vater, den Ziacherer, führte!

Venus …

Manchmal kommt mir das Leben vor wie die Lobby in einem kleinen schäbigen Hotel, wer gerade nichts zu tun hat, sitzt herum in knirschenden Ledersesseln vor oder hinter verkümmerten Topfpflanzen … Musikberieselung  und manchmal Stimmengewirr im Hintergrund … manchmal geht wer hinaus … manchmal kommt wer herein … manche tun so, als wären sie enorm beschäftigt … und ein paar sitzen herum, denken über verpasste Chancen nach, nippen an Drinks und schauen der Zeit beim Verstreichen zu … ich sitze da und halte in der einen Hand ein leeres Blatt Papier und in der anderen einen warmen Martini … jetzt ein Gedicht schreiben können … denke ich … aber wo sind bloß die Wörter, wenn man ihrer bedürfte?

Angeblich hatte meine Mutter ein Kind mit einem Mann, den sie im Lazarett kennenlernte und mit dem sie ein paar Tage verheiratet war, bevor er wieder an die Front musste. Kann nicht sein, sagen meine Tanten … da war doch auch noch dieser Partisan … weißt du noch, Venus hieß er …was für ein merkwürdiger Name, nicht wahr, mit dem hatte sie auch was …

Ich habe so stark abgenommen, mir ist ein wenig flau, haucht der Mond mit dünner Stimme, und beugt sich durchs offene Fenster, darf ich mich kurz in Deinen Fauteuil setzen?

Na gut, sage ich und rücke ein wenig zur Seite.

Hinterm Tresen fragt mich einer, ob ich noch einen Martini möchte und schaut mit feuchten Augen durch mich hindurch.

Dann dreht er die Musik lauter.

es ist…

„Jung, datt Leben geht weita“, hatte  Oma Frieda von Mick zwo gesagt.

Die tiefste Weisheit ist ganz einfach.

Ja, weiter gehts, die nächste Runde auf dem Karussell. Laßt die Toten die Toten begraben, heißt es irgendwo, ich glaube, in den vom Klerus ungeliebten Apokryphen. Dieser Spruch ist wie ein Koan, so einfach und doch völlig unverständlich, ein Leben reicht nicht, ihn zu entschlüsseln!

Ich weiß nur, daß es gut ist, wenn die Toten endlich begraben sind und das Loch in der Membran, die die Welten voneinander trennt, sich wieder schließen kann. Ja, endlich war die Beerdigung, fassungslos stehe ich vor der Urne und kann es nicht begreifen, wie ein Mensch so total verschwindet , und nichts mehr außer ein paar Krümel bleiben übrig. Ein letzter Blick in das lebenslang so vertraute Gesicht auf dem Foto … Du bist schon so weit weg, ich kann Dich nicht mehr spüren … hast Du gehört, Euer Pfarrer hat einen kleinen Sprachfehler, schade Joe, daß Du es bist hier in der Urne, wir hätten sonst nach der Beerdigung gewitzelt und gelacht drüber und dazu ein paar Weißbier getrunken …

Wieder daheim sehe ich, daß das rote Samtherz meines kleinen dicken Plüschkönigs , der gerade noch mit einem Bein im Bücherregal hockt, herausgerutscht ist und an einer Schnur herab baumelt…ich nehme es und stopfe es in seine Hemdenbrust, wo es hingehört.

Ich setze mich auf die Hausbank, Freundeswort im Ohr:  … „der Verlust sei Gewinn für sich“ … ja … und schaue den wilden Rosen zu, die täglich ihre Triebe bogenförmig weiterwachsen lassen und plötzlich sehe ich, daß sich überall Tore gebildet haben…unglaublich…sie wachsen zum Hollunder und sie treiben und treiben, bis sie den nächsten Rosenstrauch erreichen und die Korkenzieherweide, mit der ich ganz was anderes vorhatte, beugt sich schon wieder zur kleinen Rose hinunter und bildet mit deren zarten kleinen Fingerchen ein Tor… irgendwann werden sie beide umfallen … oder doch nicht?

Die Entscheidungen werden eigenmächtig getroffen im Großen Raum und in Freiheit.

In den verwilderten Hochbeeten wachsen Walderdbeeren, Rucola, Himbeeren, Spitzwegerich, ums alte Haus herum schleicht der kriechende Günsel.

Und die Katzen gehen von da nach da und machen, was sie wollen.

Zwei Maikäfer möchten sich partout in die heißen Pfannkuchen am Herd setzen, ein wenig angeröstet und berauscht vom Zucker torkeln sie schließlich brummend ins Freie.

Im Transformatorenhäuschen nisten Turmfalken.

Es ist was es ist  … hat doch die Liebe gesagt, oder?

 

 

 

Chris Cornell, 1964 – 2017
Ruhe in Frieden!

Amoi … Sowieso … !

Du bist gegangen.

Für immer.

Und mein Herz ist schwer.

Wir hatten die gleichen Hände, große, warme und trockene Arbeitshände. Früher als Kinder, brauchten wir uns nur anzuschauen, dann haben wir uns verstanden und wir spürten eine Verbindung, die über die Verwandtschaft im selben Clan hinausging. Weißt Du noch, als wir davon träumten, ein Floß zu bauen, mit einer Seeräuberflagge darauf? Aber Du warst 13 und ich schon 16 Jahre alt, aus diesem Vorhaben wurde nichts mehr, und weißt Du, Joe, der Weiher wäre eh viel zu klein gewesen für das große Floß!

Als wir älter wurden, haben wir uns viel erzählt, nächtelang und es gab dann auch ein paar Geheimnisse, nie haben wir zu jemandem darüber gesprochen, nicht wahr, Joe?

Dann kamen diese langen Jahre, die wie im Flug vergingen … viel Arbeit, Familie … keine ZeitkeineZeitkeineZeit … sag mal, warum nur bleibt immer so wenig Zeit für Menschen, die man liebhat? Nur ganz selten trafen wir uns, Du warst sehr seßhaft und sehr fleissig und sehr wortkarg geworden … aber manchmal haben wir wie damals als Kinder in unseren Augen gelesen und sahen die unerzählten Geschichten und auch unsere Geheimnisse .

Vor etlichen Jahren trafen wir uns an einem offenen Grab und als alles vorüber war, da standen wir alleine am Parkplatz vor Deinem Auto und wir haben solange geredet, bis es Nacht war und so kalt, daß wir uns umarmen mussten, um nicht zu erfrieren, weißt Du noch, Joe, ich sagte Dir, daß wir uns jetzt sagen müssen, was wir im Herzen füreinander empfinden, denn das Leben ist so flüchtig und alles kann so schnell vorbei sein und dann ist es zu spät.

Vor zwei Jahren haben wir uns das letzte Mal gesehen und ich habe es  gespürt, daß Du so voll mit Kummer warst, daß es Dich schier zerrissen hat … aber ich weiß nicht warum, Du warst schon kurz davor, darüber zu sprechen, aber es ging dann doch nicht, die Chance war vertan und kam nie wieder. Dann bist Du so sehr krank geworden.

Du hast mich nicht gerufen und ich bin nicht zu Dir gekommen, ich hab mich nicht getraut, wollte Dich nicht beschämen in Deiner Ehre mit diesem zerfallenden und vergehenden Körper … und jetzt sehe ich auf dieses Ende unserer Geschichte und weine darüber, daß nur diese wortlose Hilflosigkeit von uns übriggeblieben ist, lieber Herzensfreund, der Du mir warst und immer sein wirst in der weiten und fernen Nähe.

Ich lasse meine Liebe zu Dir schweben, möge sie Dich begleiten auf dem Weg … Dich wärmen, wenn Du frierst und Dich kühlen, wenn Du brennst, und Dich am Tor zur ewigen Freiheit mit einem Lächeln  Deiner neuen Bestimmung übergeben …

Es wird immer ein Licht für Dich leuchten in meinem Herzen …und … vielleicht sehn wir uns ja mal wieder, bis dahin : „Servus, Joe,  mach´s guat!“ Und Du sagst doch jetzt: „Sowieso!“ oder?

Full Moon…

Kaum über Salzburg aufgetaucht hängt er auch schon im Birnbaum und zeigt sich heute Nacht als reife, pralle Orange.

So schön ist er, der gute Mond, ich kann mich nicht sattsehen an ihm und ich laufe hinaus, um ein wenig zu „strawanzen“…so nannte man früher in der alten Sprache das Herumtreiben und Streunen…

Ich wiege mich im Tanz am Platz der wilden Frauen, ein kleines laues Vorfrühlingslüftchen verfängt sich in meinen Haaren und mein Begleiter, der weisse Kater streicht um meine Beine und spielt Verstecken in meinem langen Rock.

I Margarita I Margaro…

Ich las im Postfach den ersten Satz im Brief einer lieben Blogfreundin : „Margarete, wie geht es Dir heute?“…Ja, wie geht es mir heute? Heute, in meinem Leben, zwischen Himmel und Erde, am Weltfrauentag…

Vor einem Jahr bekam ich plötzlich aus dem OFF einen Zettel zugeworfen, auf dem wurde mir medizinisch exakt dargestellt, warum auch ich damit zu rechnen habe, sterblich zu sein. Als die Wunde verheilt, trete ich hinaus ins Freie, dort treffe ich den Tod, der auf einem Steinhaufen in der Sonne sitzt und mich anlächelt…Du schon wieder, sage ich. Verstehst du jetzt mehr, fragt er mich. Nein, nichts verstehe ich und Angst habe ich auch vor dir! Er kommt zu mir und gibt mir seine warme Hand und sagt: ich sitze gerne auf heissen Steinen und ich verwandle mich gerne, schau…und schon fliegt ein kleiner Vogel in den blauen Himmel…

Das Leben ist verwirrend, beängstigend, vielfältig, beschwerlich, magisch, zauberhaft, schillernd und immer ist alles gleichzeitig, der Schmerz und die Freude, die Not und das Glück…ich will es ausschlürfen, ich liebe es, dieses Leben, mit allem, was es dabei hat…und wenn die Reise zu beschwerlich wird, na, dann muß man halt hin und wieder mal einen Koffer am Wegesrand stehenlassen…einfach abstellen und weitergehen, ohne sich umzudrehen…

Dieser Frauentag heute kommt mir vor wie die Würdigung der Putzfrauen in den Firmen zu Weihnachten…immer die, die eigentlich gar nichts zu sagen haben, werden besonders hervorgehoben und kriegen Geschenkkörbe…aber eigentlich hab ich keine Lust auf langes Gejammere , und ich höre auf, mich zu ärgern darüber, was ich so zu hören kriege im Jahr 2017! Eine Studentin sagt mir, sie habe diese „Emanzipation“ nicht nötig, sie wisse ja, daß sie eine Frau sei…ach du Mäuschen, vor noch gar nicht langer Zeit haben sich sogenannte „Flintenweiber“ erschlagen lassen, nur weil sie gefordert haben, daß Frauen studieren dürfen…Und ein sehr freundlicher, linientreuer und intellektuell durchaus nicht minderbemittelter Katholik sagt mir: Seid doch froh ihr Frauen, daß Ihr nicht Priester werden dürft, das ist so ein mühseliger Beruf, für euch gibt es doch viel schönere Aufgaben.

Ja.

Das dazu.

Ach ja, aber ich wollte ja sagen, wie es mir geht: ich will Musik und Tanz und Fröhlichkeit und Umarmung

TROTZALLEDEM!!!

Und als ich heute beim wunderbaren Herrn Riffmaster die griechischen Lieder der Nana Mouskouri hörte, war es um mich geschehen und ich will uns allen diese große Sängerin hier schenken an diesem Tag…denn ich vermute mal, egal welches Geschlecht, alle haben wir irgendeine Sehnsucht und träumen uns weg auf das unendliche blaue Meer, in die Ferne und in die Nähe irgendeines Herzens, das auf uns wartet irgendwo…oder etwa nicht? Ja, ich habe eine wildromantische Seele und ich liebe diese griechische Musik und ich wünsche mich mit Euch allen in eine Taverne in Piräus und die Zungen werden schwer vom Ouzo und irgendwer fängt an zu tanzen…

Ich habe es beim Riffmaster schon gesagt, hier noch mal: Wenn jemand eine Taverne kennt und einen Zeitpunkt sagt…ich täte glatt hinfahren, das wäre ja ein Ding, Blogtreffen in Piräus…also…das verspricht Abenteuer, grad richtig für eine, die in paar Monaten süße 65 Jahre alt wird!

 

Aber jetzt hört zu und dann schaut gleich in Eure Kalender!

Nicht so ganz griechisch, aber macht ja nix, irgendwas ist immer…trotzdem sooo schön!

 


Aspri mera…weißer Tag

Milisse Mou

Rede mit mir
Ich habe in meinem Garten, den Brunnen
angemacht, damit die Vögel trinken können,
damit auch du kommst, morgens und abends,
wie ein kleiner Wassertropfen,
du kamst eines Abends mit dem Wind
und mein Herz seufzte,
ich sagte dir sehnsüchtig guten Abend
und du sagtest mir Lebewohl.

Rede mit mir, rede mit mir,
ich habe dich noch nie geküsst
rede mit mir, rede mit mir,
wie soll ich dich vergessen, mein Gott,
rede mit mir, rede mit mir,
ich habe dich noch nie geküsst
rede mit mir, rede mit mir,
nur in meinen Träumen küsse ich dich.

Ich habe Gras vor deine Türe gepflanzt,
damit du Schatten und Frische hast,
und ich kam bevor der Mond wechselte,
damit ich dir Wärme bringe.
Ich brachte dich zur Anhöhe der Sonne,
zu den breiten Straßen,
aber es kamen Kälte und Wind,
und du hast mir kein Feuer gemacht.

Rede mit mir…

…und weil ich ja auch eine Margarita bin, schenke ich mir und allen Margariten dieses Lied, das Mikis Theodorakis für seine kleine Tochter komponiert hat…es soll vom weiten Meer in blauen Augen handeln und von einem Schifflein…und von der Sehnsucht…vielleicht kann´s ja mal jemand übersetzen…

es ist sicher nicht die beste Aufnahme, aber es gefällt mir so, wie selbstverständlich die Leute bei diesem Fest mitsingen, alle können den Text… da wäre ich gerne dabei… also, Ihr Lieben, wir treffen uns in Piräus, ca. in einem halben Jahr, abgemacht, oder?

Mond

Endlich taucht er über Salzburg auf und kommt herangeglitten auf schwarzem Himmelsgrund. Auf dem Hügel erwarte ich ihn voller Sehnsucht.

Früher dachte ich, irgendwann kommt das Alter und dann kriege ich die Antworten zur Klärung der Dinge. Aber ohne sich groß anzukündigen hat sich das Alter längst eingeschlichen. Die Antworten bleiben aus, dafür werden die Fragen täglich mehr.

Er beugt sich ein wenig herab und malt mit Silberfingern Zeichen auf  mein nacktes Gesicht, auf der Stirne ist noch Platz, dorthin  schreibt er Liebe …ach Mond, das beantwortet doch keine meiner Fragen, oder?

Schon neigt er sich wieder über mich, aber bevor er auch noch seine Hand ausstreckt laufe  ich weg mit brennender Stirn und klopfendem Herzen und verstecke mich im Schatten des blühenden Kirschbaumes.

Am Morgen schneit es.

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