# 58 … ein Raum aus Zeit.

Schon bei der ersten Einstellung gehe ich in den Film hinein, stehe im Wald vor dieser Stange, an der die Kamera ganz langsam emporkriecht, bis zum Schild oben, auf dem zu lesen ist, daß hier der Legende nach das Haus der Großmutter gestanden hat. Keine Hintergrundberieselung, weder Musik, noch irgendeine sprachliche Erklärung. Nur die Geräusche, die halt da sind im Wald, sonst nichts.

So hat er gearbeitet, der Dokumentarfilmer Thomas Heise, der vor kurzem viel zu früh gestorben ist. Welche merkwürdigen Zusammenhänge es doch gibt, dachte ich, als ich es erfuhr. Gerade war ich wieder dabei, einen Film zu suchen, in den ich vor Jahren zufällig beim Herumschalten auf ARTE geraten war und der mich einsaugte und mich am Schichtdienst von ein paar Angestellten teilnehmen ließ, die zwischen Weihnachten und Neujahr ihren Dienst taten. In ihrem Büro gab es Kaffee und Weihnachtskekse und ein Gesteck mit Tannenzweigen und elektrischen Kerzen. Viel geredet wurde nicht, gearbeitet wurde Tag und Nacht, man begrüßte und verabschiedete sich zur Schichtablösung. Das Büro war klein und wenn die Tür aufging, dann sah man in einen großen Raum mit lauter Särgen. Ein kleines Krematorium, das Tag und Nacht in Betrieb ist. Man schaut denen zu, die hier ihre Arbeit verrichten. Ganz normaler Arbeitsalltag.

Nein, keinerlei schockierende Effekte, mit sowas hätte der Filmemacher niemals gearbeitet, er wollte auch keineswegs irgendwen durch irgendwas irgendwie beeinflussen oder seine Meinung aufzwingen, so sagte er.

Ich möchte hier niemandem raten, diesen Film anzuschauen, ich war hinterher ziemlich verstört, weil  ich noch niemals zuvor so wahrhaftig gesehen habe, was von uns übrigbleibt, wenn wir uns aus dieser Welt verabschieden. Wir erfahren hier, mehr als uns lieb ist, wer wir sind und wie wir leben, und dieses plötzliche Erkennen muß man erstmal verkraften. Ist uns die Wahrheit zumutbar?

Ich hatte mir weder den Regisseur noch den Titel gemerkt und wollte aber den Film nochmal anschauen. Erst als Thomas Heise gestorben war, habe ich es erfahren. Der Film heißt: „Gegenwart“ und man findet ihn in voller Länge im Netz.

Jetzt mit all den Nachrufen entdecke ich diesen Thomas Heise erst so nach und nach. Er war (lt. Spiegel) „ein Chronist deutsch-deutscher Umbrüche“ und hat viel Filmmaterial über die ewigen Ost/West- Streitereien hinterlassen.

Und bei den Recherchen über ihn bin ich auf seinen letzten Film aufmerksam geworden. Er hat anhand von Briefen und Dokumenten die Lebensgeschichten seiner Eltern und Großeltern aufgezeichnet, erarbeitet … aufgespürt … hingedacht … oder wie auch immer man das nennen möchte. Deutsche Geschichte über vier Generationen. Dieser Film ist, welch Wunder, auch in voller Länge im Netz zu finden bei der „Bundeszentrale für politische Bildung – bpb.de“. Er dauert fast vier Stunden, aber die Zeit in einen hervorragenden Dokumentarfilm zu investieren, lohnt sich allemal, finde ich. Ich habe schon die Hälfte gesehen, möchte aber nichts drüber erzählen, man muß sich so einen Film einfach selber anschauen. Ich werde ihn mir heute Nacht schenken, denn das sind diese Filme von Thomas Heise: Geschenke. Schade, daß er nicht mehr da ist und umso kostbarer ist seine Hinterlassenschaft.

Ich wußte sofort, daß auch Ihr  letzter ein Film für mich sein würde, als ich den Titel sah : „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ …  ich würde ihn mir auch anschauen, wenn er zehn Stunden dauern täte … Vielen Dank dafür, lieber Thomas Heise, wo immer Sie nun sind, mögen Sie in Frieden ruhen.

 

die Kraulquappe schreibt selbstverständlich auch was…

3 Gedanken zu „# 58 … ein Raum aus Zeit.

  1. Vielen Dank für den Hinweis auf die Dokumentarfilme von Thomas Heise. Welch eine schöne Übereinstimmung, denn ich habe just in meinem letzten Beitrag auf die sehr besonderen Dokumentarfilme von Volker Koepp hingewiesen, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag begeht und dem man aus diesem Grund eine Werkschau widmet.
    Es scheint, es gibt – im Fall von Thomas Heise, gab – noch Dokumentarfilmer, die Filme schaffen, die Menschen mehr als beeindrucken; sie ergreifen die Zuschauer – – –
    schöne Grüsse an den Nordrand der Alpen

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