Da ihm die ursprüngliche Fassung der Madonna viel zu lieblich-kitschig erschien hat sie mein Vater mit viel Beize und Seifenlauge bearbeitet und alle Farbe heruntergewaschen. Leider kam dann ein Kreidegrund zum Vorschein und alle, die schon mal versucht haben, ihn von einer Figur zu entfernen, wissen, was das für eine Arbeit ist und in kleinen Ritzen bleibt immer was zurück. Irgendwann stand sie da, die Muttergottes, mit ihrem abgeschrubbten Leib aus Lindenholz und wurde eingebaut in die Stiegensäule. Da steht sie noch heute und hält ihr zartes, eher ernstes Gesicht und ihre gefalteten Hände über uns und alle, die hier ein- und ausgehen, unsere Hausmadonna. Sie ist künstlerisch wahrscheinlich nicht besonders wertvoll, sie hat weder Heiligenschein noch sonstigen heiligen Nimbus, der besonders auffallen würde. Die Spinnen lieben sie und lassen ihre weichen Netze über ihre Gestalt gleiten. In manch einem Jahr habe ich ihr ein kleines Büschel heiliger Kräutlein über die gefalteten Händ gehängt am Hohen Frauentag. Heuer nicht, alles war in der langen Hitzeperiode vertrocknet und die paar Kräuter, die noch standen, habe ich den Bienen und sonstigen Erd-und Luftvölkern gelassen.
Ich gehe niemals durchs Haus ohne sie anzusehen und mich zu freuen, daß sie da ist und bei uns wohnt.
Der Ursprung ihrer Verehrung geht weit zurück, viel weiter als wir uns überhaupt vorstellen können und sie hat als Mutter des Himmels und der Erde schon in den Geschichten der Menschen existiert, lange , bevor es das Wort „Kirchenväter“ und eine männliche Gottheit überhaupt gab. An Mariä Himmelfahrt, am 15. August haben einst im 6. Jahrhundert die Kirchenväter beschlossen, sie auch in den Himmel hinauffahren zu lassen, weil sie ja den Gottessohn geboren hat … wie er in sie hineingekommen sein soll gehört zu den Umständen, die nicht so ganz geklärt sind …
Und sie ist heute zu einer Vermittlerin degradiert, sie soll unsere Bitten an Gott weiterleiten. Ach ja, was für ein Witz, die einst größte Göttin … egal, wer weiß schon, wie es wirklich ist, und man wird mich wieder für sehr naiv halten, aber ich liebe die Heilige Himmelsmutter oder zumindest meine Sehnsucht nach ihr.

Um mich herum sind die Alten weg und ich bin jetzt die Älteste im Dörflein. Und ich frage die Alte in mir und finde sie nicht wirklich, ich werde also nach ihr suchen müssen. Bei ihr sollen jetzt die Geschichten zusammenlaufen, die sonst von den Alten erzählt wurden. Aber wer will sie noch hören, die alten Geschichten? Es gibt keine Orte mehr für sie, in den Stuben laufen die Fernseher und auf den Hausbänken sitzt niemand mehr so wie früher. Da hatten alle die Füsse, borkig von der Feldarbeit in einem Wasserschaff … das ist schon lange her. Heute geht niemand mehr spazieren ohne Handy und auch auf dem Fahrrad hat man es in der Hand. Wo finden die Geschichten ein offenes Ohr?
Geschichten brauchen Zeit, viel Zeit zum Erzählen, zum Horchen und sie brauchen Nähe, man muß zusammenrücken. Wenn ich sie denn finde, die Alte in mir, was wird sie mir raten?
Ich bin ein extrem ängstlicher Mensch und das Fürchten vor schweren Gewittern wird eher schlimmer, so wie heute. Es wurden schlimme Voraussagen gemacht und ich hatte furchtbare Angst, daß unser Hausdach wegfliegt, aber es kam dann doch (bis jetzt) nicht so schlimm daher wie befürchtet und der Sturm hat sich beruhigt, dem Himmel sei Dank. Leider sind auch die Regentropfen schon wieder vertrocknet.
Es ist wie es ist und so wie es ist, ist es.
Sei gegrüßt meine liebe Kraulquappe aus der fernen Nähe!