Tagesarchiv: 28. August 2026

Briefe an die nahe Ferne ( 30 )

 

Es klopft an der Haustür, so wie man halt mit einem eisernen Türklopfer umgehen sollte. Manche Leute hauen so drauf, daß man Angst haben muß, die Türe bricht auseinander, oder so leise, daß man nichts hört. Und manche wissen überhaupt nicht, wie sie damit umgehen sollen und offenbar auch rätselhafterweise nicht, daß hier eine Haustüre existiert, sie rennen ums Haus und rufen Hallo? Auf die reagiere ich, indem ich hinausrufe: Hier wohnt kein Hallo!

Diesmal steht einer draußen , ein wenig verschämt und sagt Servus, jetzt hab ich mir gedacht, heute fahr ich rauf und besuch Dich!

Mein Cousin, den ich Jahre, oder sind es schon Jahrzehnte, nicht mehr gesehen habe. Es ist die Distanz in unserer Familie so groß und es herrscht so wenig Interesse aneinander, daß wir, obwohl nur wenige Kilometer zwischen den Wohnorten liegen, die immer ferner werdende Nähe offenbar nicht mehr überbrücken wollen.  Warum auch immer.
An ihn habe ich in letzter Zeit oft gedacht, vor allem bei der Arbeit am „Wurzelbuch“, aber ich habe mich nicht getraut, einfach hinzufahren. Aber jetzt ist er plötzlich da und wir sitzen in der Stube und erzählen und erzählen alte und neue Geschichten, wir wissen beide, daß es Leichen gibt in unserer Familie  und reden sofort über über den Keller, in dem sie sich angesammelt haben.
Und als er wieder geht, fällt mir auf, daß wir stundenlang geredet haben ohne Essen und Trinken, nur reden und zuhören und sich wahnsinnig freuen, sich wieder begegnet zu sein.

Wir werden bestimmt bald wieder zusammenkommen, der Faden ist wieder verknüpft und wir werden sehr sorgsam sein und aufpassen, daß er nicht wieder abreißt.

 

Zur Zeit gibt es mancherorts ein „Erzählcafe“, geschaffen von Leuten, die versuchen, aus den Menschen bei Kaffee und Kuchen vor allem aus den noch lebenden Alten Geschichten herauszulocken, die ansonsten unrettbar verlorengehen. Besser wie nichts, denke ich, aber ob so eine künstlich erschaffene Situation  zum vertraulichen Ort werden kann, wo die Geschichten herumgehen, wo der Faden von Hand zu Hand weitergereicht wird … ist fraglich. Es ist das Geschichtenerzählen eine sehr eigene Sache und hat in unserer Welt, in der es ums schnelle Konsumieren geht, um die sofortige Befriedigung aller Arten von Gier, keine Möglichkeit, stattzufinden. Es gibt unzählige Workshops, in denen man das Erzählen lernen kann und wie man die Geschichten am effektivsten vermittelt. Es ist das alles ein weites Feld, in dem man sich ganz leicht verlieren kann, weil es da halt auch wie überall in dem grenzenlosen Warenangebot unserer Wohlstandskonsumwelt alles gibt, was man sich nur wünschen kann. Es gibt unendlich viele Bücher voll von Geschichten, die könnte man sich zumindest, wenn man sich denn Zeit nähme, gegenseitig vorlesen, dazu müssten aber Handys entfernt werden. Geplante Vorlesestunden habe ich öfters schon versucht, bin aber gescheitert.

Im Nachdenken über die Kunst des Geschichtenerzählens komme ich zu dem Schluß, daß es gar keine Kunst ist, sondern aus der Langeweile entstanden ist und einfach selbstverständlich dazu diente, sich an den Abenden zu unterhalten. Wir haben als Kinder die Alten so lang gebettelt: Bittebitte erzähl mir eine Geschichte … was soll ich denn erzählen? … die vom schwarzen Mann an dem Kreuzweg … oder die von der weißen Frau in der Burg … die Oma oder sonstwer hat dann sich lang betteln lassen und endlich erzählt, Geschichten zum Gruseln von ganz früher usw usw. Es wurde natürlich gelogen, daß sich die Balken bogen und oft war ein ziemlicher Schmarrn dabei, aber da hat man sich dann an die Oma gekuschelt bei den grusligen Geschichten. Mein Vater hat mit Vorliebe Frauen vom Basilisken in unserem Keller erzählt und was weiß ich alles.

Entstanden sind die alten Geschichten meist in der Umgebung, in der man daheim war und wenn man heute nach ihnen sucht, findet man sie auch am ehesten dort, wo man aufgewachsen ist und man die noch verbliebenen Alten befragen kann. Ich mach das schon seit Jahren und habe von alten Nachbarinnen ein paar sehr geheimnisvolle Geschichten erfahren. Und wenn man sie erzählt bekommt, muß man sie unbedingt weitererzählen. Aber das ist alles extrem mühsam geworden. Wo bitte sitzen Menschen einfach so ohne Zeitreglement zusammen, wo kommen Nachbarn einfach so zusammen, wo können Kinder einfach so egal wann zur Oma gehen, Pfannkuchen essen und Geschichten hören, wo sitzen Leute vorm Haus und plaudern bis es dunkel wird und irgendwer fängt ein Lied an und dann singen alle …

Es gibt ja eine ganz ausgeprägte Eventkultur und wenn man Geschichten möchte, dann gibt es sie auf Knopfdruck auf blauschimmernden Bildschirmen jeglicher Größe. Wir haben keine Chance mehr auf Langeweile, auch Kinder haben so volle Terminkalender, da bleibt keine Zeit mehr zum Erzählen. Ich habe im Lauf der Jahre  immer wieder auf allen möglichen Wegen versucht, Menschen der nächsten Umgebung zusammenzubringen, letztendlich bin ich gescheitert.

Mit großer Traurigkeit befürchte ich, daß dieser natürliche und selbstverständliche Raum zum Erzählen der Geschichten unwiderbringlich verloren ist und man kann ihn nicht künstlich zurückholen. Die Welt dieses gemeinsamen Erzählens oder überhaupt des ungezwungenen Zusammenkommens ist untergegangen.

„People talking without speaking
people hearing without listening…“

Eine Miliion Grüße aus der fernen Nähe an die liebe Kraulquappe!