Briefe an die nahe Ferne (38 )

Ich komme vom Einkaufen aus dem Geschäft und gehe zum Auto. Der Himmel ist grau, grau, so grau, wie er allgemein nicht gewünscht wird. Das Grau hat keine gute Lobby, denn wenn es in der Vorhalle schon so grau ist, wie soll es dann weitergehen … jetzt fängt es auch noch zum Nieseln an. Ich sehe den Vögeln zu, die in großen Scharen mit ausgebreiteten Flügeln über mir kreisen, denen scheint  das alles vollkommen egal zu sein. Wo er wohl herumfliegt und ob es ihm gutgeht, dem Habicht, denke ich. Vor ein paar Tagen gab es plötzlich komische Geräusche draußen auf dem Balkon, erst eins, dann nochmal eins und dann war Stille. Als ich die Balkontüre aufmachte, sah ich den großen , leicht zitternden Flügel und machte die Tür gleich wieder zu. Kurze Zeit später sahen wir nach, was sollten wir tun, ein Habicht lag da, den Flügel merkwürdig verdreht und daneben ein kleiner Vogel, tot.  Wahrscheinlich war der große dem kleinen nachgejagt und in der Aufregung sind dann beide an das Dachfenster geflogen und abgestürzt.
Und dann schaut uns der Habicht an, aus großen gelben und scharfsichtigen Augen, erhebt sich zur Brüstung und fliegt weg, den kleinen toten Vogel hat er liegengelassen, denn wenn er jagt, dann muß er seine Beute im Flug packen.

Lang schau ich hinauf zum Himmel und schicke seinem Grau meine solidarische Zustimmung.

„Solidarität ist der Zusammenhalt von Menschen und das gegenseitige Einstehen füreinander, auch wenn es eigene Nachteile bringt.“ So steht es bei Wikipedia.

Derzeit denke ich viel über Solidarität nach und ob ich sie selber schon verschenkt habe oder ob ich sie denn erlebt habe. Ja, ganz oft habe ich hauptsächlich ihr Fehlen und ihren Mangel erlebt und die Enttäuschung darüber und wie oft ich schon auch bei besten FreundInnen letztendlich alleine dastand, dann, wenns drauf angekommen wäre, füreinander einzustehen.

Alice Schwarzer hört mit der „EMMA“ auf. Sie ist alt und müde geworden, die Kraft reicht nicht mehr. Natürlich kriechen jetzt von allen Seiten die heraus, die gerne und hämisch nachtreten und sie wird von den einen als Ikone verehrt und von den anderen bespuckt , so wie es halt schon immer war. Ich mag sie sehr, jaja, auch mit ihren Fehlern, meine Güte! Ich verdanke ihr viel, sie hat Unglaubliches geleistet und ist dafür verprügelt worden, nein, keine Diskussionen über Feminismus, auch ich bin müde der Rechtfertigungen über ein Leben lang, heute noch oder wieder erklären zu müssen, was Gleichberechtigung bedeutet und, daß die Frau auch in der Sprache die Rede wert ist und heute, 2026 hören zu müssen: ich weiß doch, daß ich eine Frau bin, was brauch ich irgendein „Ge-gendere“ … das macht müde.

Ich habe viele Jahre mit großem Interesse die „EMMA“ gelesen. Durch ihre Lektüre habe ich zum ersten Mal im Leben Solidarität unter Frauen gespürt, das hat leider später wieder nachgelassen, aber mir wurde klar, daß es unter Frauen eine Schwesternschaft geben könnte, so wurden wir nicht erzogen und ich fürchte, auch heute ist der Wunsch, einer anderen Frau Schwester zu sein und dadurch solidarisch, statt Rivalin und Konkurrentin im patriarchalen Gemetzel nach wie vor sehr selten und rar, weil wir ja sowieso immer mehr in dieser Vereinzelungstendenz leben und arbeiten.

Aber damals hat sich mir eine völlig neue Welt erschlossen und ich bin zwar traurig über das Ende der Zeitschrift, aber sie hat ihre Arbeit getan und jetzt wird sich irgendwann zeigen, ob es junge Frauen gibt, die ihre eigene Weise einbringen und den Feminismus, der ja noch nie eine festgelegte und abgegrenzte Tatsache war, neu gestalten und weiterentwickeln, so wie es ihnen richtig erscheint.

Alice Schwarzer und ihrem Team wünsche ich eine etwas sturmberuhigtere Segelpartie zu neuen Ufern und Abenteuern und ich verneige mich dankbar vor der Arbeit, die sie in all diesen Jahren geleistet haben.

Noch eine, die ich sofort mochte, als ich sie zum ersten Mal am Bildschirm sah: Bärbel Bas. Auch sie ist gegangen, weil sie nicht mehr für oder gegen was auch immer kämpfen konnte, weil sie gedemütigt und geschwächt in großer Traurigkeit über den Verlust eines geliebten Menschen aufgegeben hat. Sie ist sicher keine leicht zu handhabende Frau, aber auch die Reserven von den sogenannten „starken Frauen“ sind irgendwann aufgebraucht. Für mich ist sie eine solidarische Frau, ich schätze sie sehr und hoffe, daß ihr Lebensweg sie dorthin führt, wo ihre Arbeit geschätzt wird, sie wird ihre Entscheidungen treffen.

Irgendwo im Universum meiner Zettelwirtschaft habe ich ein Zitat einer Schriftstellerin aufgeschrieben, das ich jetzt nicht finde, es geht darum,  daß offenbar Frauen immer noch nicht begriffen haben, daß Frauen unbedingt Frauen brauchen. Wie soll das gehen ohne Solidarität?  „Das gegenseitige Einstehen füreinander, auch wenn es eigene Nachteile bringt“… ja. darum geht es.

Vor ein paar Jahren habe ich wie soviele andere Frauen auch, im Supermarkt meinen Wagen geschoben, als plötzlich ein schlimmes Geplärre zu hören war. Ein offenbar Vorgesetzter schrie eine junge Mitarbeiterin vor der versammelten Kundschaft an, fuchtelte mit den Armen vor ihrem Gesicht herum und schimpfte und schrie bis die junge Frau völlig eingeschüchtert und zitternd dastand. Und das Allerschlimmste: keine der vielen Frauen, die einkauften, eilte ihr zur Hilfe und untersagte diesem unverschämten Kerl dieses mit nichts in der Welt zu rechtfertigende Gebrüll. Auch ich nicht. Bis heute schäme ich mich dafür in Grund und Boden. Ich stand da und bewegte mich nicht, und als sie verschwunden waren , wusste ich, ich hätte ihr beistehen müssen, wir hätten alle zusammen in einer Reihe ganz nah hingehen müssen, unbedingt, das hätte schon genügt. Keine hatte den Mut den ersten Schritt zu tun. Und am meisten schäme ich mich dafür, daß ich kurz, aber wahrnehmbar, dieses blöde Gefühl hatte, froh zu sein, daß es mal nicht mir passiert ist , meine Güte!

Man kriegt die Solidarität nicht geschenkt, sie besteht immer daraus, wieviel Mut man hat, trotz Angst, man muß sie immer neu erobern, wie die Demokratie. Einstehen füreinander, auch wenn es eigene Nachteile bringt. Für was soll das die Zauberformel sein? Ich weiß auch nicht, ob uns das in Einsamkeit, Schwermut und dem übrigen Schrecken der Welt hilft … aber es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung und ein Kurs in Liebe, da bin ich absolut sicher.

An die Frau Kraulquappe ein großer lieber Gruß aus der nächtlich nieselnden fernen Nähe mit grippal erhitztem Kopf und kalten Füssen.

P.S. Meine Blogroll ist als unsicheres Plugin im Zuge der Bewältigung dieser aktuellen Sicherheitslückengeschichte zum Opfer gefallen

 

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