Am Grab gieße ich die fleißigen Lieserln und bring es nicht übers Herz, die wild wuchernden kleinblütigen Weidenröslein auszureißen, sie gelten in der Volksmedizin als sehr starkes Heilkraut bei Prostatabeschwerden. Das sagte zumindest Maria Treben, die Kräuterkundige. Maria Treben, die wissende Alte sagte auch immer wieder, daß Kräuter da wachsen, wo sie gebraucht werden. Hier wachsen sie nur deshalb aus dem Tod heraus, weil das Leben dazu da ist es zu leben. Brauchen tut sie hier im Gottesacker niemand mehr, die Altvorderen im Grab sind befreit von aller irdischen Mühsal.
Beim Heimfahren seh ich vor mir am Feldweg glitzernde Steine … das ist das Glück, denke ich, es liegt wie glänzendes Gold immer vor uns, wenn wir es nicht sehen, liegt es nur daran, daß wir nicht hinschauen.
Im Wald sehe ich den abgebrochenen Stamm heute als König mit gezackter Krone und einem Stab in der Hand und an seiner linken Seite sitzt deutlich erkennbar eine Löwin und schmiegt liebevoll ihren Kopf an sein Bein, wie Katzen es halt so machen.
Ein Greifvogel läßt sich mit ausgebreiteten Schwingen von der Luft tragen in einer göttlichen Schwerelosigkeit, es treibt mir die Tränen in die Augen vor Glück, ihm zusehen zu dürfen beim Schweben im grenzenlosen Sein … und es fällt mir wieder ein, daß ich schon mal auf einem Adler gesessen bin, der mich über das bewaldete Tal unter mir am Rücken getragen hat, ich spüre noch die Federn an seinem Hals und rieche diesen speziellen Geruch seines Gefieders. Es war eine Art Traumgeschichte, erlebt an einer Stelle neben einer Höhle am Fuß eines Felsens, dort wo die Sage erzählt von drei Fräulein, die hier vor langer Zeit gelebt haben sollen … ich habe mich auf einen kleinen Felsvorsprung gesetzt und dann wurde es immer leiser in mir und als ich die Augen wieder geöffnet habe, wußte ich, wohin ich mit ihm, dem König der Lüfte geflogen bin und bedankte mich bei ihm. Im Weggehen hab ich mich nochmal umgedreht und der Felsen sah aus wie ein Adlerkopf … ja, ich spüre heute noch die Federn an seinem Hals.
Am Himmel über den Apfelbäumen segelt eine Wolke, die immer länger wird und dann schaut sie plötzlich für kurze Zeit aus wie eine riesige Gestalt, ein kräftiger Kerl mit breiten Schultern zieht über mir nach Osten, dahin, wo es einige Dörfer gibt, die seinen Namen tragen: Abfalter, der Riese. Es gibt im Berchtesgadener Land mehrere Sagen von ihm und wir können uns aussuchen, welche Variante uns grad gefällt oder gleich was dazu erfinden. Mir gefällt am besten die Geschichte von seiner riesigen Liebe zum Riesenfräulein Adhara, die wohl, wie der Name schon sagt, so wahnsinnig schön war, daß ihr Leuchten dem hellen Stern im Sternbild vom Großen Hund gleichkam. Der Abfalter hat sie auf seine starken Arme genommen und über die Salzach getragen … was vorher und nachher so alles passierte, kann irgendwo am Feuer oder in der Stube weitererzählt, weitergesponnen werden …

Es gibt auch Decodierungsversuche von diesen alten Geschichten, aber da besteht meiner Meinung nach immer die Gefahr, daß mit Seziermessern an den Rätseln, Geheimnissen und auch der Poesie so lange herumgeschnitten wird, daß vor lauter Deutung die Geschichte verlorengeht .
Als ich daheim auf die blutrot leuchtenden Hagebutten schaue, fällt mir die Geschichte vom Hagebuttenweiblein wieder ein wie jedes Jahr zu dieser Zeit. Eigentlich ist es ja keine Geschichte, sondern nur eine Erinnerung und ich hab sie in all den Blogjahren schon öfters erwähnt. Wenn ich manche Geschichten immer wieder erzähle, berufe ich mich auf die Erzähltradition nicht nur meiner Familie, wo in der Stube durch die Generationen immer wieder die gleichen Geschichten weitergereicht wurden, aber je nach Talent und Fabulierkunst immer ein wenig verändert, dazugedichtet oder abgewandelt und auch je nach Talent dazugelogen wurde wie es das Zeug hielt und das Geheimnis guter Geschichten ist, daß sie immer besser werden, je öfter man sie erzählt.
Das Hagebuttenweiblein kam jedes Jahr frühmorgens mit dem Fahrrad aus der Kreisstadt, 25 km hin und zurück angefahren. Der große Rucksack und viele Taschen und Stoffbeutel waren leer, wenn sie ankam. Dann stellte sie ihr Fahrrad, das eigentlich viel zu groß für sie war irgendwo ab und stieg den steilen Hügel hinauf bis dorthin, wo die vielen dornigen Wildrosensträucher wuchsen und dort blieb sie den ganzen Tag. Wir wollten sie als Kinder oft besuchen, aber nie haben wir sie gefunden, sie verschwand in den Büschen und wurde unsichtbar … so, als wäre sie eine von ihnen … Am späten Nachmittag kam sie wieder herunter, schwer beladen mit Hagebutten und verstaute sie auf dem Rücken, am Fahrradlenker und auf dem Gepäckträger. Ihr Rad hatte natürlich keine Gangschaltung, es ist mir bis heute ein Rätsel, wie sie den Rückweg in die Kreisstadt überhaupt geschafft hat, denn auf ihrer Heimfahrt ging es ja fast nur bergauf.
Ich kann mich so gut an dieses verhutzelte Gesicht mit den kleinen dunklen Augen und einem immer lächelnden Mund erinnern und an diesen winzigen und schmächtigen Körper. Auf die Frage, was sie denn mit so vielen Hagebutten anfangen würde, denn sie kam ja mehrmals, sagte sie nur, daß sie Hagebuttenwein ansetzt, da müssten in einer gewissen Zeit in einer gewissen Reihenfolge die Hagebutten im Ballon auf- und wieder absteigen, dann wäre er fertig. Mehr hat sie nicht gesagt, denn sie sprang aufs Rad und war verschwunden. Wer schon mal „in den Hagebutten“ war, weiß, wie scharf die Dornen sind, die durch alle Handschuhe hindurch stechen. Beim Hagebuttenweiblein war nie auch nur ein Kratzer zu sehen, kein Blutstropfen in Gesicht oder an den Armen. Sie trug nie Handschuhe … da fällt mir ein, daß ich sie deshalb mal gefragt habe, wie sie das schaffen konnte bei diesen Mengen. Da hat etwas in ihren Augen aufgeleuchtet und sie sagte:
„Die kommen ja freiwillig zu mir, da stechen sie nicht.“
Und als ich auf der Hausbank sitze, fährt hupend und winkend unser Freund, der Punkte – Paul vorbei auf einem seiner alten Motorräder, auf dem Kopf einen roten Sturzhelm mit weißen Punkten. Der Pauli ist ein Schrauber, wie man so sagt von einem, der mit größter Leidenschaft und Können immer gleichzeitig mehrere Oldtimer herrichtet. Er verteilt kleine Marienkäfer, als Glücksbringer , er ist ein sehr liebenswürdiger Mensch und er hat vor vielen Jahren von jemandem die Punkte in sein Leben übernommen. Aber das ist eine andere Geschichte und muß wann anders erzählt werden.
Liebe Grüße an die Kraulquappe in der Stadt, die bald so wunderbar nach gebrannten Mandeln riecht und das Orchestrion spielt und beim Schichtl die Hinrichtung täglich zelebriert wird…