Briefe an die nahe Ferne ( 33 )

Das, was jetzt von ihm übrigbleibt, ist im Höchstfall eine tragische Figur, schuld an einer Sauerei, die er begangen hat.  Bevor er alles zugegeben hat und jetzt auf den Prozess und auf seine Strafe wartet, war er ein hochtalentierter Musiker und einer der besten Kabarettisten Österreichs: Günther Paal, alias „Gunkl“. Viel wird geschimpft, verurteilt, mit Haß übergossen, jetzt meint die Meute, entdeckt zu haben, daß in ihm ein Monster steckt, das man hetzen muß.

Ob er selbst die Initiative ergriffen hat oder ob alles von vorneherein ein abgekartetes dreckiges Spiel war, um viel Geld aus ihm herauszupressen, ist noch unbekannt und auch ziemlich egal, seine Schuld wird durch nichts gemindert, auch dadurch nicht, daß zwei angeblich betrunkene Frauen womöglich dabei zugesehen haben, wie er sich am Kind der einen und Enkelkind der anderen vergangen hat.

Es sind jetzt viele Fragen und große Enttäuschung über einen, von dem man niemals vermutet hätte, daß er solche grausigen Abgründe in sich trägt, aber was wissen wir schon voneinander und manche wissen ja nicht mal von sich selbst, welche abartige Gier in ihnen schlummert. Es wird jetzt eine Zeitlang, da wieder mal ein Prominenter in seinen eigenen Abgrund gestürzt ist, weil er seiner Gier nicht widerstehen konnte, viel geschrieben und nach Maßnahmen geschrien.

Ich bin auch ratlos und verstört und frage mich wie schon so oft in all den Jahren meiner Sozialarbeit, was dazu führt, daß Mütter ihre Kinder nicht beschützen, sondern sie an Männergier ausliefern und nicht selten dabei zusehen oder Handlangerdienste verüben. Daß Frauen dazu bereit sind  … die Erklärung ist oft in den Elendbiografien der Frauen zu finden, die unweigerlich in die Prostitution führen  und sich wiederholen im Schicksal der Kinder.

Das kleine Mädchen, das einzige Wesen, das unschuldig ist und geopfert wurde in  diesem ganzen jämmerlichen Vorfall wird jetzt hoffentlich in Ruhe gelassen und beschützt untergebracht. Es wird aus dieser Schweinerei, die womöglich nicht zum ersten Mal an ihm begangen wurde mit der Erfahrung, daß sein Körper, vor allem sein Unterleib, eine Ware ist, per Bezahlung jederzeit konsumierbar, ins Leben entlassen. Und es wird die Schuld der anderen mit sich herumtragen und sich schämen.

Heute ist mir wieder eingefallen, daß meine Eltern mal einen Bekannten hatten, der öfters bei uns auftauchte mit seiner kleinen Tochter. Wir waren etwa gleichalte Kinder. Manchmal wurde ich mit diesen beiden stundenlang alleine gelassen, und das hat mir gar nicht gut gefallen. Der Mann verlangte von seinr Tochter und von mir, daß wir ihn beim Vornamen nennen. Er mochte es nicht, wenn seine Tochter Papa zu ihm sagte. Er erzählte grausige Geschichten, von denen ich viele Jahre Alpträume hatte, es ging um Erlebnisse mit dem Teufel und wie man ihn zu Gesicht bekommt und wie man am geschicktesten mit dem Auto ein Kaninchen überfährt. Ich spürte, daß von diesem Mann nichts Gutes ausging und vermied seine Nähe. Mir hat auch nicht gefallen, wie er seine kleine Tochter auf den Schoß zog, ich wußte nur, daß etwas komisch war, konnte es aber nicht benennen. Heute weiß ich, ich habe die Gefahr erkannt. Gottseidank verschwand er eines Tages wieder, aber Angstträume sind lange geblieben und ein Leben lang denke ich mit Widerwillen daran zurück.

Gestern Abend waren wir im Salzburger Literaturhaus, Michael Köhlmeier las aus seinem neuen Buch vor: Mein privates Glück. Das Buch ist erschienen nach dem Tod seiner Frau Monika Helfer, beide große Schreibende und gemeinsam Denkende und Lebende.  Oft ist ihr Name am Abend gefallen, auch als es um die Bilder ringsherum in seiner Ausstellung „Dämonen“ ging. Er ist nicht nur ein großer Schriftsteller, leidenschaftlicher Musiker, sondern auch Maler und ich bin in seine Bilder hineingeschlüpft und war berührt von den geheimnisvollen Welten, die er erschaffen hat und sein Gedanke, daß Dämonen keineswegs immer schlecht sein müssen und uns schädigen wollen geht mir nicht aus dem Kopf. Es sind mehrere extrem interessante Sätze gefallen, vor allem zur Arbeit an der eigenen Biografie, wie wurde ich zu dem, der ich jetzt bin … ich habe mir für die schwierige Arbeit am Wurzelbuch gemerkt, daß ein freies Laufenlassen des Erzählens an Erinnerungen entlang eine Art Lösung für die Probleme in meiner Arbeit sein könnte.
Das Gespräch zwischen ihm und Konrad Paul Liessmann, dem Philosophen, zwischen zwei klugen hochbegabten Denkern, die sich im gescheiten Diskurs und beim beidseitigen Monologisieren, redegewandt und liebevoll die Bälle zuwarfen und die Gedanken des anderen aufgreifend und weiterführend unterhielten … meine Güte, ein Gespräch auf diesem allerhöchsten Niveau, was für ein Vergnügen, zuzuhören.  Der Abend war großartig  und wundervoll gestaltet auch in der Traurigkeit um Monika Helfer. Ich mag Lesungen nicht besonders und Vernissagen schon überhaupt nicht und gehe nur in Ausstellungen, wenn es sich wie hier, nicht vermeiden läßt, weil ich sowohl Köhlmeier, Liessmann und nicht zu vergessen, das wundervolle Literaturhaus so sehr schätze. Es war bis auf den letzten Winkel vollgestopft mit Menschen, denen es wohl auch so ging, und wir alle hätten sicher noch stundenlang zugehört, wenn Köhlmeier nicht aufgehört hätte zu lesen. Er war blaß und sichtlich erschöpft und obwohl er sehr gefasst schien, die ganz große Traurigkeit über den Tod der geliebten Frau, die mit ihm durchs Leben gegangen war … wie sollte sie keine Spuren hinterlassen haben.

Am Schluß dieses Briefes möchte ich was sagen, was sehr schwierig zu sagen ist, aber trotzalledem werd ich es zumindest versuchen:
ich bin froh, daß Günther Paal sich gestellt hat, warum auch immer, das ist mir egal, und es verringert seine Schuld in keinster Weise.  Aber dadurch wird vielleicht (hoffentlich!) verhindert, daß das Mädchen und sein Bruder zukünftig weiteren Schweinereien ausgesetzt sind.
Und … mir tun Menschen leid, die im entscheidenden Augenblick die Kontrolle über sich verlieren, etwas tun, was sie selbst verabscheuen und in einen Abgrund stürzen, der über ihnen zusammenschlägt und sie gänzlich verschlingt. Und Frauen, deren abgrundtiefes Elend dazu führt, daß sie ihre Kinder verkaufen.

Sie sollen alle vor dem Gesetz verurteilt werden, egal wie hoch die Strafe ausfällt, man kann sie aussitzen oder abbezahlen, die innere Strafe des Gewissens ist es, mit der sie weiterleben müssen.

Liebe Kraulquappe, es ist mir schwer gefallen, über diese Dinge zu schreiben, wir werden doch alle von Dämonen begleitet und ganz oft sind es nicht mal unsere eigenen, gell! Ja, und es ist leicht, zu sagen: Tanz mit ihnen, ich weiß das nur zu gut, aber es ist zumindest immer einen Versuch wert! Sei lieb gegrüßt aus Apfel-Birnen-Zwetschgenland!

5 Kommentare zu „Briefe an die nahe Ferne ( 33 )

  1. Ich bin sehr froh über diesen Text über G.Paal, er ist ein Gegenstück zu dieser streckenweise fast wolllüstigen Empörung im Internet, die mich mittlerweile genauso erschreckt wie die Tat.

    ein mensch ist ein mensch ist ein mensch. denke ich, und dass wir zivilisierten uns darauf doch (eigentlich) geenigt haben.

    liebe grüße, andrea

  2. Du hast den Bericht trefflich geschrieben. Die Betroffenheit, der Schmerz und die unterschwellige Wut kommen gut rüber. Die guten Gedanken zu den Kindern, denen man alles Gute wünscht. Immer!
    Ich kannte den Mann vor deinem Bericht nicht.

    Liebe Grüsse nach Süden…

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.