Briefe an die nahe Ferne ( 4 )

 

Baby steig auf, laß uns nach Las Vegas reiten, die Sonne putzen…

Aus dem poetischen Kosmos der Mützenfalterin steigt ein Satz auf, der mir nicht mehr von der Seite weicht: „Wir können uns nicht aussuchen, an was wir uns erinnern“ …
Ja, die Erinnerungen kommen und gehen, wie es ihnen beliebt und mit ihnen die Gefühle, die schönen sind leicht, umschmeicheln mich und ziehen weiter, die schmerzhaften sind schwer und fallen mir vor die Füsse und manchmal sind sie leicht und schwer zugleich und immer öfter zeigen sie mit dem Finger auf mich und sagen mir: du bist gescheitert.
Udo Lindenberg wird 80 Jahre alt und damals, als der Song rauskam, wollten wir alle die Sonne putzen in Las Vegas. Meine Güte, um die 2o Jahre war ich alt, das Leben lag  unendlich groß und weit vor mir und ich wollte es durchtanzen und in Glück baden und alle Menschen umarmen…

Vor paar Tagen habe ich endlich einen Film gesehen, den ich im Kino verpasst hatte und der jetzt auf ARTE in der Mediathek läuft: „Fallende Blätter“  von Aki Kaurismäki. Er führt Regie und hat auch das Drehbuch geschrieben, denn wer außer ihm könnte es sonst schreiben? Ich liebe all seine Filme und werde mir wahrscheinlich auch diesen Film unendlich oft anschauen. Die Filme von Kaurismäki kann man nur lieben oder man kann gar nichts mit ihnen anfangen, dazwischen gibt es nichts, glaube ich.

Im Film „Fallende Blätter“ (Kuollet lehdet) wird nicht viel geredet, die Bilder zeigen einen kleinen Ausschnitt im Leben von Menschen im ärmeren Stadtteil von Helsinki, die ihrer Arbeit nachgehen, scheitern, neu beginnen, wieder scheitern und in den Pausen daheim am Tisch oder im Wirtshaus am Tisch sitzen, trinken, rauchen, im Radio Nachrichten hören vom Krieg in der Ukraine und manchmal in der Karaokebar singen. Dort sehen sich eines Abends zwei Verlorene an und ihre Augen füllen sich mit Sehnsucht. Der launische kleine Wind des Lebens treibt sie aufeinander zu und wieder weg, sie suchen sich und verfehlen einander und lassen es geschehen und ergeben sich kampflos ihrem Schicksal, das nochmal einen Versuch startet und Zufälle auf den Weg streut wie kleine Blumen in der Wüste … und  … von einem Happy End zu sprechen wäre die falsche Formulierung, aber das Ende ist wie der ganze Film zärtlich und voller Liebe zu seinen Mitwirkenden, den Verlorenen auf dieser Welt.

Großartig in der Rolle der Ansa:  Alma Pöysti
Großartig in der Rolle des Holappa: Jussi Vatanen

Wunderbare Musik, u.a. alte Schlager auf finnisch, Tango und eine Band, die eine Entdeckung ist: „Maustetytöt“ mit dem Lied: „Syntynyt suruunja puettu pettymyksin“

Wie Aki Kaurismäki aus einer wortkargen, minimalistischen Handlung, wo außer Scheitern und Verlorenheit und Trostlosigkeit nichts wirklich passiert, eine Geschichte der Zärtlichkeit, Liebe und menschlicher Nähe zaubern kann? Wie schafft er es, daß aus allen Augen im Film so eine große Sehnsucht heraustropft … und die Tatsache, daß das Leben schön ist, trotzalledem … nach dem Film seh ich im Badezimmerspiegel in meinen Augen auch so einen Glanz, den der Film hinterlassen hat.
Auf ARTE kann man ihn noch eine Weile anschauen.

Unsere wilden Schneeglöckerln sind wieder in ihrem Roadmovie als fahrendes Volk herumgewandert. Inzwischen wundere ich mich nicht mehr darüber, daß ein ganzes Büschel plötzlich hinterm Haus wächst, wo sie noch nie waren. Kein Mensch konnte bisher herausfinden, wie sie das machen, daß sie plötzlich 10, 20 Meter weiter weg auftauchen. Aber ich vermute, daß es eh niemanden interessiert, weil in den robotergemähten Rasen sowieso kein einziges wildes Schneeglöckerl mehr wächst.

 

Liebe Brieffreundin, ich grüß dich herzlich aus der fernen Nähe.

 

 

15 Gedanken zu „Briefe an die nahe Ferne ( 4 )

  1. Wie er das macht? Ganz einfach: Er entzieht sich zu hundert Prozent der hollywoodschen Verpflichtung zum Happy End. Korrektur: zum, zum kitschigen und unmenschlich-unerreichbaren Happy End. Er zeigt das, was Leben zu zeigen hat. Und das ist nicht ein Weg, der unweigerlich aufwärts zu einem Ziel führt, sondern mit Auf und Abs durchs Leben mäandert. Jeder, der ehrlich zu sich ist, wird vom eigenen Leben das Gleiche sagen. Wer hat schon ein letztendliches Happy End vorzuweisen? Doch niemand. Aber alle tun so, als ob am Ende des Lebens oder eben am Ende einer guten Geschichte ein eindeutiges, großes, allumfassendes Happy End wäre. Das ist aber (fast) niemandem vergönnt, nur den Fassaden, die wir um uns herum aufbauen um hinter den Fassaden höchst vereinzelt zu sein. Aber jeder glaubt, bei den anderen wäre das glückliche Happy End. Bei Kaurismäki gibt’s ein Happy End, weil keiner dran glaubt und das Leben trotzdem weitergeht. So empfinde ich das zumindest.

    1. Geht mir genauso, er zeigt, was Leben zu zeigen hat und ich habe das Gefühl, daß er am Schluß für alle noch ein kleines zartes Streicherl hat für die Mitwirkenden und uns, die wir hungrig und bedürftig zuschauen.

  2. Der launische kleine Wind des Lebens … Danke für den Filmtipp, auch ich mag solche stillen, augenbefeuchtende Filme, hart am eigenen Leben.

    Die Sonne putzen. Habe nochmal nachgeschaut, Release vom „Cowboy Rocker“ war 1974. Ich war 12 und der Junge im Kino.

    Danke und Grüße 👋

  3. ‚Fallende Blätter‘ habe ich auch mit Begeisterung angeschaut. Ein großartiger Film, ohne künstliche Effekte, zutiefst menschlich. Die Schlagertexte zum Schmunzeln. Ja, ich werde ihn mir bestimmt nochmal anschauen.

    Scheitern ist ein großes Thema, letztlich zu groß, um es hier abzuhandeln. Ich glaube, dass es immer darum geht das große Ganze zu sehen, um zu verstehen, warum sich manches so ergeben hat und anderes nicht geklappt hat.

    1. Ja, liebe Ulli, selbstverständlich sollte man immer das große Ganze sehen, da hast Du vollkommen Recht … aber die Erinnerungen halten sich da überhaupt nicht dran und bestehen auf ihre ganz eigene Sprache.

    1. An der Myrmekochorie kommt man selbstverständlich nicht vorbei beim Erforschen der Reiselust der wilden Schneeglöckerln, die ja nur bei uns so heißen, üblicherweise werden sie Frühlingsknotenblumen genannt, was mir beinahe mal auf FB einen Shitstorm eingebracht hat, weil ich auf unserem Namen bestand. Aber das nur nebenbei. Das Geheimnis der Wanderung ist leider durch die Myrmek. nicht ganz gelöst, es bleiben Rätsel, was aber gar nix macht, es gibt ja zwischen Himmel und Erde noch mehr, was wir nicht kapieren.
      Auffallend ist, daß die kultivierten Schneeglöckerln, also angeblich die echten ihrer Art, gar nicht wandern, die bleiben seit vielen Jahren an ihrem Platz, genauso Veilchen, Narzissen, Buschwindröschen etc. Und auffallen tut mir das auch erst seit etlichen Jahren und je genauer ich diese wilden Wesen beobachte, umso rätselhafter werden sie und genau das liebe ich so an ihnen.

  4. Wundervoll ge- und beschrieben. Ich habe den Film auch gesehen, und wie alle Filme von Aki Kaurismäki, die ich kenne, hat er mich sehr beeindruckt. Ich finde auch die Filme von Mika, seinem Bruder sehenswert.

    In unserem Garten wandern auch die Sonnenhüte 😉

    Beste Grüsse
    Robert

    1. Lieber Robert, ich mag die Filme von Mika Kaurismäki auch, am liebsten : „Helsinki – Napoli“! Leider ist dieser Film seit Jahren nicht aufzutreiben, ich suche ihn solange schon, kann ihn aber nirgends finden, deutsch synchronisiert und preislich annehmbar. Liebe Grüße!

      1. Das ist bei diesen Filmen nicht einfach. Ich suche seit Jahren „Highway Society (Sehnsucht nach Jack“ von Mika Kaurismäki…
        Dran bleiben! 😉

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