24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 18: Myriade

Selbstoptimierung – ein Wort, das mir so richtig zuwider ist. Also, natürlich ist mir nicht das Wort zuwider sondern das Konzept. Es soll somit eine optimale Form des Menschseins geben. Hat man diese noch nicht erreicht, so muss man heftig daran arbeiten. Wer diesen optimalen Zustand definiert hat und wie er genau aussieht, ist unbekannt, scheint auch kaum jemanden zu interessieren. Schließlich braucht die Optimiererei so viel Zeit und Einsatz, dass man sich nicht auch noch mit unnötiger Theorie beschäftigen kann.

Wenn ich die Sache richtig verstanden habe, es kann aber leicht sein, dass ich wegen mangelnden Engagements ohnehin alles falsch verstanden habe, wenn ich also alles richtig verstanden haben sollte, betrifft die Selbstoptimierung hauptsächlich wenn nicht gar ausschließlich den Körper. Jung, schlank, fit, schön, das ist das allermindeste, was man sich selbst und den Mitmenschen schuldig ist.

Keine Zeit dafür? Na, na, na, eine ganz dumme Ausrede, Prioritäten müssen gesetzt werden. Frühmorgendliches Joggen statt schlafen, vorhandenes Geld legt man am besten in Schönheitsoperationen an, nichtvorhandenes muss eben irgendwie beschafft werden. Sieht man nach einer Schönheits-OP zwanzig Jahre älter und vergrämt aus, ist das Lifting misslungen, erinnert man an einen traurigen Clown ohne Mimik, ist man ganz sicher selbst schuld. Den mentalen Faktor darf man nicht außer Acht lassen, die Lebenseinstellung ist natürlich wichtig. Positiv denken , ins Handeln kommen ! Man ist so alt wie man sich fühlt, oder etwa nicht? Jede und jeder kann die beste Version von sich selbst werden. Wie die aussieht? Wer das nicht weiß, gehört definitiv zu den Losern.

Was an mir alles nicht optimal ist, füllt eine lange Liste. Die Art Liste auf einem Papyrus, der in eingerolltem Zustand an eine barocke Marmorsäule erinnert. Nun habe ich die Freiheit der Wahl: lebenslanges Schinden in den Klauen der Selbstoptimierung oder aber …

Ich habe mich entschlossen: Erfolg hat sich nicht eingestellt, ich bin immer noch nicht jung, schlank, fit und schön und so nehme ich mein Scheitern zur Kenntnis. Es winkt mir die Freiheit mit der Schufterei fertig zu sein, kein Fitnesscenter mehr, keine Hanteln, kein Hungern, keine Schönheitsfarm und kein ultimatives Anti-Aging. Als  hoffungsloser Fall kann ich meine Freizeit  verbringen, wie immer ich will und in Gesellschaft anderer glücklich Gescheiterter.

Ein hoffnungsloser Fall zu sein, eine die die unbedingt zu erreichenden Ziele nicht annähernd schafft, bringt nach dem ersten Schock ein wunderbares Gefühl der Freiheit. Schwebend im Raum unendlicher Möglichkeiten jenseits des dornigen Pfads der Selbstoptimierung steht einem die Welt offen.

Ich gehe außen am Zaun entlang und lasse meine Finger über die Metallstäbe laufen, die die Übungswiese begrenzen. Drinnen wird marschiert und exerziert, im Gleichschritt einem unmöglichen Ideal hinterher, das sich mit fortschreitendem Alter der Marschierenden als immer unerreichbarer erweist. Erfolg ist nicht möglich. Allein das Scheitern bietet einen  möglichen Ausstieg aus den oft verzweifelten Bemühungen zur Erreichung eines unerreichbaren Ziels. Das Scheitern in die Freiheit …

Text: Myriade

8 Gedanken zu „24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 18: Myriade

  1. Ich freue mich, dass du die Selbstoptimierung hier in diesem Zusammenhang benennst. Mir ist sie ebenso verhasst wie dir, für mich ist es ein weiteres Instrument, um Menschen in ihrer Minderwertigkeit zu belassen. Dann scheitere ich doch lieber 😉

    herzliche Grüße, Ulli

    1. Bloß wer bestimmt Wertigkeit und das Gegenteil?
      Es gibt ein drängelndes Gerangel, schon an den genormten Zähnen auch der uralten Rolling Stones zu sehen, und der Sinn ist …?

    2. Vielen Menschen wird ihre angebliche Minderwertigkeit erst beigebracht, wenn man ihnen Konzepte wie Selbstoptimierung und ähnliches um die Ohren haut. Ich interpretiere „scheitern“ nicht immer negativ. Man kann es auch so sehen, dass jemand die eigenen Grenzen erkennt, zur Kenntnis nimmt und besser weiter lebt.

  2. Wunderbar, da schließe ich mich gern an. Habe jeden Tag diverse Beispiele vor Augen und am Ende zählt es doch alles nicht – das Gejammer ist groß, weil die Gesundheit doch nicht zu kaufen ist…

    …grüßt Syntaxia

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