# 46 Der kriechende Günsel

Vorgestern hatte es 30 Grad, heute ist es kalt. Schnell und unerwartet springen die Temperaturen von einem ins andere Extrem. Im Gartencenter quellen die Einkaufswägen über, vollbeladen mit sommerlicher Containerware, frisch geliefert aus den Massenzuchtanlagen. Auch in der Giftabteilung wird fleißig eingekauft, Ameisentod, Schneckentod, Wühlmaustod, Bemoosungstod für Gartenfliesen, Fruchtfliegentod, Silberfischtod,  Mückentod, Läusetod und was noch so alles kreucht und fleucht und vernichtet werden muß, weil es sich nicht an die jeweiligen Zucht- und Ordnungsregeln hält. Die Packung billigster Rosendünger kostet 10 EUR, das erschreckt mich anscheinend so, daß ich nicht merke, daß die kleine Stachelbeerstaude, die ich kaufe, gar keine Stacheln hat. Ich merke es erst beim Verladen ins Auto und auf dem Zettel wird beschrieben, daß man die Stacheln weggezüchtet hat. Meine Güte, jetzt haben wir also Stachelbeeren ohne Stacheln, was für eine merkwürdige Welt.

Auf der Straße liegen die ersten zerquetschten Igel und am Haus vorbei rast der Jungbauer und Großpächter mit dem vollen Güllewagen, den er über den Nachbarswiesen ausleert. Er fährt etliche Male, wieviel Gülle wird er hinterlassen … 100000 … 200000 … 300000 Liter? Man sieht auf den Wiesen die Ausbeutung, je gelber die Grasflächen sind und je mehr Löwenzahn dort wächst, umso schlimmer ist die permanente Überdüngung. Gottseidank sind unsere Wiesen bei weitem nicht so gelb, wie die umliegenden, unser Pächter hat weniger Tiere und deshalb auch nicht soviel Gülle.

Wenn diese stinkenden Transporte vorbeirasen, dann liegt bald darauf ein Geruch in der Luft, der so gottserbärmlich stinkt, daß es mich würgt.

Ums Haus herum fliegen wieder die kleinen Fledermäuse, der aufgewachte Igel schiebt den laut scheppernden leeren Katzenteller mit der feuchtglänzenden kleinen Schnauze vor sich her übers Pflaster, keine Ahnung, was er damit vorhat.

Zu meiner großen Freude reckt der kriechende Günsel bereits seine Köpfe aus der Erde und wird in den nächsten Tagen und Wochen alles ums Haus herum mit blauer Blütenpracht überziehen. Ein paar fleißige Hummeln schleppen bereits schwere Taschen mit gelbem Löwenzahnstaub und machen sich beladen und leicht torkelnd auf den Weg heim in den Bau, um die Nachkommenschaft mit süßem Kraftstoff zu füttern.

Jetzt dämmert es in die blaue Stunde hinein. Die Zeit läßt sich Zeit und bleibt bewegungslos  auf den Ästen und in den Zweigen der Birke sitzen und pflegt den Stillstand. Niemand fällt das auf, nur die weisen Katzen, die vor der Küchentüre sitzen und dösen, heben manchmal ganz langsam die Köpfe und schauen blinzelnd hinauf ins Birkengeäst.

Es wird Nacht, aber der Himmel behält sein magisches Blau, das immer heller ist  als die Dunkelheit hier unten.

Wie schön doch die Welt ist.

Und da schreibt die Kraulquappe

6 Gedanken zu „# 46 Der kriechende Günsel

  1. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, ich sei mit dir unterwegs, so schön bildlich las sich dein Beitrag. Unsere Hummel fliegt auch schon durch den Minigarten, immer nur eine Hummel, jedes Jahr …

  2. Drastischer könnten die Gegensätze nicht dargestellt werden, liebe Graugans, da all das Gift und Gezüchte, bzw. Weggezüchte, das Gestinke und Gedröhne der Riesentraktoren, dort die blaue Stunde, der kriechende Günsel, die Katzen, all das, was Frieden atmet. Ja, damit haben wir es zu tun.
    Danke und herzliche Grüße
    Ulli

  3. War auch mit Dir unterwegs. Nehme und rieche es hier ebenso wahr und freue mich über den kriechenden Günsel im Garten. Danke fürs Mitnehmen. Herzensgrüße Susanne

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