24 T. – Mutmaßungen über meine Mutter, Tag 1: Margarete Helminger

Vorwort

Ja, ich habe es geahnt, dieses „Mutterthema“, wie wir es jetzt oft lapidar benennen, um einen Abstand herzustellen, den es nicht gibt … würde schwierig sein. Die anfängliche freudige Bereitschaft führte zu vielen Zusagen, von denen aber immer mehr unmöglich einzuhalten erschienen, je näher der 1. Dezember rückte. Große Verunsicherungen und manch brachliegender Schmerz aus Vergangenheit und Gegenwart tauchten auf und machten die Veröffentlichung von Texten unmöglich.

Allen, die der Einladung gefolgt sind, um hier auf meiner Bühne mit mir gemeinsam zu wagen, sich der eigenen Mutter textlich zu nähern möchte ich hiermit herzlich danken für das große Vertrauen! Und denen, die eingeknickt sind unter einer plötzlichen Schmerzüberflutung, als sie  mit der Mutter hinein in die Urgründe der Existenz geraten sind, auflodernd längst verarbeitet Geglaubtes: habt meinen Herzensdank für die anvertrauten Geschichten, egal ob ich sie hier veröffentlichen darf oder sie im Geheimarchiv meines Menschseins verschließe.

Ich freue mich unglaublich über jeden Text, der noch kommen wird, und ich halte die Türen frei für Euch, bei denen, die jetzt absagen, bleibt die Tür geschlossen … es bleibt spannend!

Mutmaßungen über meine Mutter

An der Tankstelle im Sommer sah ich eine Frau, die sich mir ins Gedächtnis gebrannt hat. Um ihren üppigen Leib mit schweren  Brüsten spannte ein schwarzes Sommerkleid, sie trug Flipflops und neben ihr liefen ein paar Kinder, als sie sehr aufrecht, leicht tänzelnd zur Kasse ging. Auf ihrer Hüfte schaukelte nicht nur ein kleines Kind, sondern die ganze Welt, so schien es mir. Wir begegneten uns für ein paar Sekunden, ich sah in müde Augen, dunkel und tief wie das Weltall, ihre Haut, dunkel und samtig, eine Ewigkeit hätte ich in der Nähe ihres Körpers bleiben mögen und ihren Geruch nach Vanille und ein wenig Schweiß einatmen wollen, das Kind, das sich an ihr festhielt, habe ich beneidet.

Das große Bergschaf Isabella hat seinen beiden Kindern gezeigt, wie das geht mit dem Zerdehnen der Zeit; es hat sie gelehrt, plötzlich stehenzubleiben und nur vor sich hinzuschauen, absolute Bewegungslosigkeit, wie Schafe das machen. Auch das Stehen um einen Baum und dabei die Stirne an seinen Stamm zu lehnen, hat es ihnen beigebracht, die Böcklein sind sehr gescheit und haben es ganz schnell gelernt.

Das Maß der Dinge bekommen die Kinder von den Müttern gezeigt, solange, bis sie es selber erkennen.

Meine Mutter ist schon lange tot, 53 Jahre. Sie kam von irgendwo in Böhmen nach irgendwo in Bayern, dabei hatte sie nichts außer verlorener Liebe, der Vater tot und der Ehemann vermisst an der Front. Und sie hatte keine Heimat verlassen als sie gekommen ist und trotz Mann und Kind und Haus und Hof keine gefunden, als sie wieder gegangen ist. Beim Kuhmelken hat sie Arien aus Tosca gesungen und sie konnte gut den Häferlkaffee kochen. Ihre Wirklichkeit hat sie sich als Operette zurechtgesungen und -gelacht. Ihr Humor war grenzenlos, abgrundtief und traurig und ihr Lachen unwiderstehlich und ansteckend. Sie hatte vor nichts Respekt oder Angst. Sie war eine kleine zarte Schönheit mit großen braunen Rehaugen und mein Vater verliebte sich unsterblich in sie und brachte sie, die Fremde, nachhause zu meinen Großeltern. Ich  kann mich nicht erinnern, daß sie mal gegessen hätte und doch wurde sie irgendwann dick. Mein Vater mochte keine dicken Menschen, er stufte sie als willenlos ein und das konnte er nicht leiden. Dann trank sie viel Weißwein, aß nichts mehr und wurde wieder dünn, dann starb sie.

Vor ein paar Nächten kam dieser Traum wieder, den ich alle paar Jahre träume … eines Tages , ich bin ein Kind, die Mama ist weg, verschwunden, der Papa weiß auch nicht, wo sie ist. Ich habe große Angst, daß sie tot ist. Und wie seit vielen Jahrzehnten wache ich irgendwann auf und bin erleichtert darüber, daß alles ein Traum war, bis ich kapiere: sie ist wirklich tot.  Damals war sie tatsächlich verschwunden, nach einem der großen Kräche ist sie abgehauen mit ihrem grünen Damenfahrrad. 50 Km ist sie geradelt bis nach Berchtesgaden, wo sie eine ziemlich verwahrloste Bergbauernfamilie kannte, dort lebte sie und half bei der Heuernte, bis mein Vater sie gefunden hat und heimholte.

Nie wurde darüber gesprochen. Sie hatte mich einfach verlassen, ohne ein Wort. Dann war sie wieder da und ein paar Jahre später lag sie tot auf dem Sofa.

Es gibt ein Foto von ihr, damals, dort bei diesen Bauern, auf der Wiese mit dem Rechen in der Hand,  sie schaut sehr glücklich aus. Auf dem Kopf hat sie einen Strohhut mit roter Quaste. Gestern beim Aufräumen ist dieser Hut plötzlich aus einem Schrank mir in die Hände gefallen und da musste ich weinen.

Eigentlich weiß ich nichts von meiner Mutter. Ich kann mich nicht erinnern, daß sie mich mal in den Arm genommen hat oder daß sie mal einfach nur lieb zu mir gewesen ist.  Wenn ich versuche, mich an sie zu erinnern, dann schleicht sich eine große Verlorenheit in mein Herz, und heute denke ich, vielleicht ist dieses Verlorensein das Bindeglied zwischen ihr und mir.

Sie lehrte mich, daß man Träumen nicht vertrauen darf, weil sie nie in Erfüllung gehen, daß Liebe schmerzt und nie hält, was sie verspricht, weil jede Geschichte schnell auserzählt ist und daß es wie in der Operette immer jemand gibt, der traurig zurückbleibt und, daß jeder alleine ist.

Ihr Lieblingslied war „O mein Papa“.

Sie sagte mal zu mir: „es stimmt nicht, was  sie sagen, daß der liebe Gott irgendwo in der Kirche ist, glaub mir Greterl, er ist in den Margeriten!“

Und sie lehrte mich :

Jetzt alle Leute einladen, alles Geld was da ist, raushauen, die Gans schlachten, Essen machen, Trinken,  alles auf eine Karte, jetzt, jetzt, jetzt, ein Fest feiern, Tanzen, Geschichten erzählen, für eine gute Pointe die Großmutter verkaufen, lügen was das Zeug hält, grenzenlos Blödeln, die Leute zum Lachen bringen, lachen bis zum Umfallen, laut singen, umarmen, küssen, egal was morgen ist …was kümmert mich morgen…

laßt uns heut ein Fest feiern!

 

Ja, so ist das wohl mit meiner Mutter.

Aber bevor ich’s vergesse:

„Patachou“ von der Knef liebte sie auch!

23 Gedanken zu „24 T. – Mutmaßungen über meine Mutter, Tag 1: Margarete Helminger

  1. Kompliment. Natürlich. Was denn sonst. Für den Text.

    Aber vorallem für deine alljährliche Idee, mit den „Mutmaßungen“.
    Vor fünf-sechs Jahren noch hatten viele Leute ein Bedürfnis nach solchen und ähnlichen Texten. In vielen Blogs konnte man diese Schätze finden und lesen. manchmal wurde man gar nicht fertig mit der Sichtung seiner Lieblingsblogs.

    Die Bloggerei kam leider zusehens aus der Mode.
    Wurde fad.
    Die Abstände zwischen den Beiträgen wuchsen sich aus, die Kommentare nahmen ab…

    Nichts bleibt, wie es war.

    Bloß gut, dass die „Mutmaßungen“ nicht auch noch verschwinden.

    Bin gespannt auf die kommenden „Fensteröffnungen“ dieses Gästehauses hier in einer der letzten Oasen in Bloggerien.

    1. Weißt Du was, das geht runter wie Öl und ich tät Dir sofort vor Freude um den Hals fallen, wennst jetzt da wärst! Vielen Dank für die sosehr lieben Worte! Schon alleine deshalb werd ich die Mutmaßungen weitermachen… kannst auch Vorschläge machen!
      Gruß!

  2. Und sie lehrte mich :

    Jetzt alle Leute einladen, alles Geld was da ist, raushauen, die Gans schlachten, Essen machen, Trinken, alles auf eine Karte, jetzt, jetzt, jetzt, ein Fest feiern, Tanzen, Geschichten erzählen, für eine gute Pointe die Großmutter verkaufen, lügen was das Zeug hält, grenzenlos Blödeln, die Leute zum Lachen bringen, lachen bis zum Umfallen, laut singen, umarmen, küssen, egal was morgen ist …was kümmert mich morgen… Liebe Gretel, du hast ganz viel Glück gehabt!!!!!!

  3. Was für ein Auftakt – und was für eine Wunde. Danke für deinen Mut, Gretel!
    Beinahe etwas unheimlich wehten mich die Margeriten an, mit denen hatte es meine Mutter auch.
    Ich quäle mich noch mit den Worten, werd‘ mich aber wohl kurz vor knapp noch durch „mein“ Türchen zwängen.
    Liebe Grüße zu dir hinüber ins Bergland!

    1. Ja, da bin ich mir ja absolut sicher und zwängen brauchst auch nix … die Tür steht offen für Dich … geh einfach eini, Du Wortzauberin!
      Bis bald dann, liebe Grüße!

    1. Liebe Elke, wie Du das schon wieder sagst … mit ein paar Deiner Worte hebst Du mich förmlich heraus aus dem Straßenstaub und läßt mich fliegen, sei herzlich bedankt!!!

  4. grandios. schonungslos, ehrlich, aber offen nach allen seiten, trotz allem. dieses kenne ich auch: „Sie lehrte mich, daß man Träumen nicht vertrauen darf, weil sie nie in Erfüllung gehen, daß … [letztlich] jeder alleine ist.“ ein text, der tiefgeht. und der versöhnlichkeit ausstrahlt. starker auftakt! liebe grüße von diana

    1. Ach liebes Nachterl, kannst mir nochmal verzeihen, hab mich nimmer gemeldet! Klar ist Deine wunderbare Post angekommen, hab mich sehr darüber gefreut und das werden sicher noch mehr FreuerInnen…paar Tage dauerts noch, bis das Türl dran is!
      Auch ganz liebe Grüße an dich!!!

  5. Ach, liebe Margarete, was für ein großartiger Text ist dir da gelungen! Über deine Mutter, über dich und über eine lange vergangene Zeit, die doch so tiefe Spuren hinterlassen hat, bis heute. „… heute denke ich, vielleicht ist dieses Verlorensein das Bindeglied zwischen ihr und mir“. – Das „Maß der Dinge…“ – wie schwer ist es, dieses Maß zu zeigen, wie soll man es andere lehren, wenn man es selbst nicht (mehr) in sich trägt? Dass du es auch so gefunden hast, zeigt dein Text auf das Allerschönste. Ganz herzlichen Dank dafür!

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