Christrose
Am Rand des verwilderten Gartens blühen die Christrosen. Die Blüten sind weiß und manche haben zarte hellrosa Ränder und hängen groß und schwer an den Stengeln. Nein, ich mache kein Foto, das mögen sie nicht, sie wollen im Blühen nicht gestört werden.
Der Christuskopf liegt schon Jahrzehnte in einer Mauernische unserer Tenne. Irgendwann vor vielen Jahren muß er zu uns gekommen sein, woher auch immer. Er ist ziemlich ramponiert, hat Bruchstellen und abgestoßene Ecken und sieht aus, als wäre er nicht nur einmal irgendwo heruntergefallen. Jetzt liegt er schon seit Jahren immer an der gleichen Stelle und immer schaue ich ihn an, wenn ich das Haus verlasse und an ihm vorbeigehe. Dieses zarte Gesicht, wie im Schlaf, aber wahrscheinlich ist es das Gesicht des Toten. Die Dornenkrone krallt sich in seinen Kopf, aber es ist vollbracht und der Schmerz und die Qual sind vorbei. Ein trauriger Frieden liegt um seinen Mund.
Wenn ich mich neben die Christrosen setze, und ganz still bin, kann ich manchmal ihre Musik hören. Zart und leise erklingen die Töne und es ist mir, als würde sich ein Lied während des Singens erschaffen … Ton für Ton … sehr zart und dann schwebt es davon.

…und dann schwebt es davon …ja, gut so!
ein schöner, stiller text.