Archiv für den Tag: 9. Dezember 2018

24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 9 #Christian Nürnberger

Mutmaßungen über das Deutschsein

Ich war sieben, als ich meinen Vater zum ersten Mal in meinem Leben habe weinen sehen. Es war im Wohnzimmer des Dorffriseurs, der zu jener Zeit in Bayern noch Bader genannt wurde. Im Sommer 1958 zählte er zu den ganz wenigen im Dorf, die schon einen Fernseher hatten. Davor versammelten sich rund ein Dutzend Männer – Arbeiter, Bauern, Handwerker und ich – um das Spiel der Deutschen im Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft in Göteborg zu sehen. Wir verloren 3:1 gegen Schweden, schieden aus, und da kamen meinem Vater die Tränen. 

Zwei Jahre später saßen wir wieder beim Dorfbader. Diesmal spielte Eintracht Frankfurt gegen Real Madrid im Endspiel um den Europapokal. Die Frankfurter gaben alles, verloren trotzdem spektakulär 7:3. Mein Vater weinte. Und diesmal auch ich. Damals beschloss ich, Nationalspieler zu werden und für meinen Vater den Europapokal und den Weltmeistertitel zu holen.
Das Schicksal führte mich dann, mangels fußballerischem Talent, auf andere Pfade, aber seit diesen Erlebnissen beim Dorfbader vermute ich: Damals muss es begonnen haben, mein Deutschsein. Fußball spielt offenbar eine ganz wichtige Rolle bei der Entstehung von Heimatliebe, Patriotismus, Zusammengehörigkeitsgefühl. 

Das wilde Geschrei der sonst vernünftigen Arbeiter, Bauern und Handwerker im Wohnzimmer des Dorfbaders, der Jubel und das Stöhnen und zuletzt die Tränen des eigenen Vaters, das alles war nötig, um in dem siebenjährigen Jungen etwas zum Keimen zu bringen und im Lauf der Jahre reifen zu lassen, was mit dem geschundenen Wort Patriotismus gemeint ist: der Glaube an die Existenz einer Gemeinsamkeit, die dich mit den anderen verbindet. This land is your land, this land is my land …

Der Glaube an so etwas wie eine nationale Gemeinsamkeit ist natürlich problematisch, das ist mir wohl bewusst. Die Gemeinsamkeit eines deutschen Managers oben in der Vorstandsetage der Deutschen Bank in Frankfurt mit einem deutschen Penner, der unten vor dem Gebäude auf dem Boden sitzend die Hand aufhält, dürfte ungefähr gleich Null sein. Mehr als mit dem Bankvorstand verbindet den Frankfurter Penner mit einem Penner in New York. Und mehr als mit dem Frankfurter Penner verbindet den Frankfurter Bankvorstand mit einem Banker in der Wall Street. Der Riss durch die Menschheit verläuft nicht zwischen Völkern und Nationen, sondern zwischen oben und unten.

Die Mehrheit unseres Landes teilt die Ansicht, dass dieser Riss nicht zu tief, die Kuft zwischen oben und unten nicht zu groß werden darf. Bank-Söldnern, die ihre Loyalität an den jeweils höchsten Boni ausrichten, mag der Gedanke fremd sein, dass es über die Gegensätze von Nationen, Klassen, Rassen und Geschlechtern hinweg etwas alle Menschen Verbindendes gibt, das sich auf das Leben und den Alltag jedes einzelnen spürbar auswirken sollte – genau dieser Gedanke ist einer der zentralen Ideen unserer westlichen Wertegemeinschaft.
Das ist eine abstrakte Idee, die nicht dadurch real wird, dass man sie Kindern als Lehrstoff einbläut oder die Welt damit bepredigt, sondern nur durch eigenes Erleben. Kinder müssen die Idee in ihrem Leben erfahren, und ich habe sie als Kind erstmals erfahren vor dem Fernseher beim Dorfbader.

Und so fragte ich mich natürlich später, ob das bei meinen Kindern heute wohl auch noch so funktioniert? Das war in jenen Tagen, die in unserer Geschichte unter „Deutschland, ein Sommermärchen“ firmieren, gemeint ist die Fußballweltmeisterschaft 2006. Da saß ich mit Ehefrau, 13-jährigem Sohn und 16-jähriger Tochter zu Hause vor dem Fernseher und wunderte mich. Meine Kinder hatten sich zuvor noch nie für Fußball interessiert. Jetzt auf einmal sahen sie zu und nur wenige Spiele später guckten sie nicht mehr daheim mit ihren alten Eltern, sondern mit ihren Freunden beim Public Viewing.

Heute bin ich überzeugt, dass diese Weltmeisterschaft 2006 für meine Kinder und vielleicht für deren ganze Generation gerade zur rechten Zeit kam, denn wir politisch korrekten Eltern haben ihnen – was unser Land betrifft – nichts erspart. Jeden Kinofilm über Hitler, jede Fernsehdokumentation über das Dritte Reich mussten sie mit uns ansehen, immer wieder drehten sich Gespräche um jene zwölf Jahre deutscher Geschichte, die alles veränderten und die ganze Geschichte davor zu negieren schienen.

Ihr seid nicht schuld, sagten wir ihnen. Wir, eure Eltern, auch nicht. Aber eure Großeltern und Urgrußeltern, die sich zwar nicht aktiv an den Schikanen gegen Juden beteiligt, jedoch geschwiegen hatten, die waren mitschuldig. Daher haben wir, wenn wir auch keine Mitschuld tragen, aber doch eine Verantwortung dafür, dass diese zwölf Jahre nie vergessen werden, damit sie sich niemals mehr wiederholen können. Wir haben unseren Kindern von Anfang an viel erzählt von diesen schlimmsten zwölf Jahren unserer Geschichte, vielleicht zu viel.
Wir hatten ihnen auch „Das Leben ist schön“ gezeigt. In diesem von manchen als verharmlosend gescholtenen Film spielt Roberto Benigni einen italienischen Juden, der mit seinem fünfjährigen Sohn von den einmarschierenden Deutschen in ein KZ gebracht wird. Um seinem Sohn den Schrecken zu nehmen, gaukelt der Vater ihm während der ganzen Zeit vor, es handle sich dabei nur um ein Spiel, bei dem es am Ende einen Panzer zu gewinnen gebe. Der kleine Junge erlebt die Befreiung des KZ, überlebt, der Vater wird kurz zuvor erschossen. Dies war der Augenblick, in dem meine Kinder ihren Vater zum ersten Mal weinen sahen.
Darum verstand ich die Begeisterung meiner Tochter über das Leben in den Fanmeilen. Dort traf sie auf Engländer, Schweden, Holländer, Franzosen, die ihr nicht die deutsche Vergangenheit vorhalten, sondern mit ihr eine große Party feiern wollten. Es war auch das erste Mal, dass englische Zeitungen in ihren Berichten über die Spiele fast ganz ohne die Wörter „Nazi“, „Blitzkrieg“, „Panzer“ auskamen. Auch holländische, italienische und französische Kommentatoren schrieben über die Deutschen freundlich wie noch nie.
Endlich mal von Italienern und Franzosen so geliebt werden, wie wir sie lieben; endlich mal von Engländern und Holländern nicht mehr die Nazikeule übergebraten zu bekommen – war das jetzt die Zeit, in der sich diese Sehnsucht erfüllen würde? Vielleicht hatte ja diese WM tatsächlich eine ähnliche Wirkung wie das „Wunder von Bern“, der Sieg der Deutschen bei der Weltmeisterschaft 1954, der als unsere Rückkehr in die internationale Völkerfamilie interpretiert wurde.

Noch einmal nahe dran an so einem Moment, an dem die Deutschen in der Welt nicht mehr gefürchtet und auch nicht mehr gehasst werden, waren wir im Jahr der sogenannten Flüchtlingskrise. Die Ankunft der Flüchtlinge aus den Notstands- und Kriegsgebieten in Deutschland war zwar etwas anderes als der Fall der Mauer in Berlin, in seiner historischen Größe geringer und weniger bedeutend, aber doch auch ein großer Moment in der Geschichte der Bundesrepublik.

Da kamen täglich zu Hunderten und zu Tausenden völlig erschöpfte, verarmte, vom Krieg gezeichnete Menschen im Münchner Hauptbahnhof an und wurden von den Münchnern freundlich empfangen, versorgt, untergebracht. Polizisten beugten sich zu Kindern und schenkten ihnen Spielzeug, Plüschtiere, Süßigkeiten. Zu Hunderten meldeten sich freiwillige Helfer, die Beamten der Stadt München machten Überstunden, Turnhallen wurden umfunktioniert, Zelte aufgebaut, medizinische Versorgungsstationen eingerichtet, ehrenamtliche Helfer arbeiteten bis zur Erschöpfung, und kurze Zeit später war das in ganz Bayern und ganz Deutschland so. Tausende ehrenamtlicher Helfer und die Verwaltungen arbeiteten am Limit. SPD-Wähler arbeiteten mit CSU-Wählern Hand in Hand. CSU-Bürgermeister und SPD-Landräte packten gemeinsam an, um die ungeheure Herausforderung zu bestehen.

Aber über allem schwebte schon von Anfang an die bange Frage, wie das weitergehen soll. Welche Probleme werden wir uns damit einhandeln, werden wir so viele Menschen, die kein Wort Deutsch sprechen, integrieren können? Haben wir nicht schon jetzt genügend Probleme mit misslungener Integration? Wer kommt da eigentlich zu uns?

Und darauf antwortete für alle überraschend die Kanzlerin: „Wir schaffen das“ – die deutsche Antwort auf Obamas „Yes, we can.“ Die Deutschen bekamen damit ein neues Bild von ihrer Kanzlerin, die Welt ein neues Bild von den Deutschen und diese ein neues Bild von sich selbst.

Es habe „uns die Tränen in die Augen getrieben vor Dankbarkeit, dass Deutschland jetzt dieses andere Gesicht zeigt“, sagten Christine und Rainer Roth, ein bayerisches Anwaltspaar, das damals Urlaub machte in Frankreich, nicht weit entfernt von Oradour, dem Dorf, dessen Bewohner 1944 von einer Einheit der Waffen-SS massakriert wurden, und daher besonders sensibilisiert war für die deutsche Willkommenskultur. So las man das damals in der SZ. „Man kann in Europa in fast kein Land fahren, wo nicht in deutschem Namen ungeheures Leid verursacht worden ist“, sagte Christine Roth. Damit beschrieben sie eine Stimmung, von der damals die Willkommenskultur getragen wurde in Deutschland.

Wir wissen, was daraus geworden ist …

Und wir kennen es schon. Wiederum vom Fußball. Zwei Jahre nach der Weltmeisterschaft 2006 wurde in Deutschland die Europameisterschaft ausgetragen. Besonders erinnere ich mich an das Spiel der Deutschen gegen die Türkei. Vielen war ein wenig bang. Manche malten sich aus, dass es zu Schlägereien zwischen deutschen Neonazis und türkischen Fans kommen könnte.

Die Medien nährten solche Befürchtungen mit entsprechenden Berichten. Türkische Zeitungen schrieben von „deutschen Panzern“. Faruk Sen, der Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen, hatte die gut fünf Millionen Türken in der EU als „die neuen Juden Europas“ bezeichnet. In Berlin-Kreuzberg wurden vor dem Spiel die Reifen von Autos mit türkischer Flagge zerstochen.

Dann begann das Spiel und endete mit einem 3:2-Sieg der Deutschen, im Stadion weinten die Türken, aber kurz danach feierten sie auf den Straßen mit den Deutschen ein Fest. Viele Autos, die hupend durch deutsche Städte fuhren, hatten sich die deutsche und die türkische Flagge an die Fenster geklemmt. Das war auch schon bei der WM 2006 so, an der die Türkei gar nicht teilnahm. Da flatterten an vielen Kebab-Läden und Dönerbuden schwarz-rot-goldene Fähnchen.

Und ich dachte: Wir haben es geschafft. Das Zusammenleben der Biodeutschen mit den vielen Minderheiten ist auf einem guten Weg. Dann betraten jene Pegidioten das Feld, die sich „patriotische Europäer“ nennen und doch nichts weiter sind als die Nachfahren jener falschen Patrioten, die unter ihren SA- und SS-Stiefeln das Ansehen der deutschen Kulturnation so gründlich zertrampelten, dass sich Deutschland noch heute nicht erholt hat davon. Und nun trampeln sie wieder.
Den Fußball sollte man also nicht überbewerten. Wie unangemessen die gerne konstruierten Parallelen zwischen Fußball und nationalem Schicksal sind, lehrt ein Blick zurück in die Zeit, als ich meinen Vater weinen sah. Nach dem vorzeitigen Ausscheiden der Deutschen 1958 in Schweden herrschte zwar Katzenjammer im ganzen Land, aber für das weitere Schicksal der Nation hatte die Episode keinerlei Bedeutung.

Der Wirtschaftswundermotor war gerade angesprungen, drehte sich unbeeindruckt von den Ereignissen in Schweden immer schneller und mit immer mehr Kraft, was im Lauf der Jahre einen stetig wachsenden Wohlstand schuf, obwohl wir auch 1962, 1966 und 1970 nicht Weltmeister wurden. Nur Export-Weltmeister wurden wir immer und immer wieder und sind es bis heute.

Andererseits: Komisch ist es schon, dass der Abstieg der bayerischen Staatspartei CSU zur Regionalpartei einhergeht mit dem Niedergang des FC Bayern München, und Seehofer und Hoeneß sich fast zeitgleich zu peinlichen Figuren entwickelt haben, deren Zeit vorbei ist. Und ist es nicht geradezu tragisch, dass auf die vergeigte Fußball-WM unserer Nationalmannschaft die Kanzlerindämmerung folgte und wir Löw und Merkel auf einen Schlag verlieren?

Schade eigentlich.

Text: Christian Nürnberger