24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 24: Finale

Lauwarmer Föhnsturm die ganze Nacht, das Dach des alten Hauses scheppert so stark, Angst, es könnte wegfliegen, kein Schlaf möglich. Heute schüttet es aus Kübeln, die Bäche hier im Tal laufen über, 50 Meter oberhalb schneit es in dichten Flocken … passender Einstieg in die verrückte unberechenbare Zeit der Rauhnächte. Wir versuchen, kurz vor Torschluß wie jedes Jahr, einen kleinen Christbaum verbilligt zu ergattern, irgendeine windschiefe Fichte, die liegengeblieben ist … keine Chance. Im dritten Gartencenter erfahren wir, daß überhaupt keine Fichten mehr verkauft werden, weil die Menschen sich nicht stechen lassen wollen beim Schmücken … na sowas! Es gibt nur noch Nordmanntannen, teuer, aber mit abgerundeten Nadeln! Die Christbaumverkäuferin sagt: Sucht Euch einen aus, dann schaun wir mal, wir kommen schon irgendwie zusammen! Sie verlangt nur die Hälfte und dann bleiben wir noch stehen und plötzlich erzählen wir uns aus unserem Leben und die junge Frau berichtet von ihrer Arbeit, daß sie normalerweise täglich nach München fährt (einfach 120 km)um in der Notfallambulanz zu arbeiten und nebenbei fährt sie Taxi, heute auch. Heute am Hl. Abend, ja, das sei schön, weil man da Menschen eine Freude machen kann und sie in  dieser speziellen Nacht herumfährt, eine Zeitlang, und da sei niemand allein. Aus ihren Augen kommt so ein Strahlen, es wird ganz warm hier im kalten strömenden Regen … Wir reden und reden auch über ihre Hunde, zwei Rauhaardackel, die dringend jemand bräuchten, der sie täglich mal Gassiführt. Wir reden und reden und auf einmal fallen wir uns in die Arme und sagen uns, welch ein unerwartetes Geschenk unsere Begegnung ist und dann verabschieden wir uns und gehen und dann laufen wir nochmal aufeinander zu und machen die Arme weit auf und dann seh ich es aus ihren Augen herauslächeln, dieses kleine Kind in der Krippe … wir gehen zum Auto, verwundert und glücklich, jetzt haben wir halt auch so eine Nordmanntanne, egal, wenn wir ihn schmücken, wird ein besonderes Gefühl für einen fremden Menschen, der nicht mehr fremd ist,  zwischen den Zweigen hängen und hervorleuchten.

Anschließend werde ich den traditionellen böhmischen Kartoffelsalat machen, den meine Mama in  die Familie gebracht hat. Ich bin eine Deutsche mit österreichisch/böhmisch/bayrischen Vermengungen. Die direkte Linie zum hannoveranischen Königshaus und dementsprechender Verbindung zur Königin von England pflege ich schmunzelnd in der Schatztruhe der charmanten, mütterlichen Lügengeschichten aufzubewahren, dahin , wo auch die vielfältigen Theaterklamotten lagern.

So, Ihr Lieben da draußen, jetzt gilt es, das 24 T – Projekt der Mutmaßungen zu beenden. Ich danke Euch allen sehr für Euer Mitmachen, für die wundervollen Gespräche backstage, für all die Freundlichkeit und liebenswürdige Art, mir zu begegnen, jede und jeder hat auf eigene Weise mein Leben bereichert und durch sein Wirken diese virtuelle Bühne zwischen Himmel und Erde zu einem besonderen Ort der Begegnung und des Austauschs, der Schreib- und Fabulierkunst und der Phantasie gemacht. Ich bin sehr dankbar für die Tattsache, daß, wenn ich rufe, tatsächlich Menschen kommen und gerne mitmachen bei einer Idee und den ewigen Traum eines Miteinanders auf dieser Welt zumindest für ein paar Wochen gemeinsam träumen …

Wo Ihr auch seid, da draußen, ich schicke Euch gute Gedanken, den Traurigen ein wenig Trost und die Gewissheit, daß alles vergeht, wenn es bis zu Ende gelitten ist … laßt uns die Heilige Nacht feiern, laut oder leise mit einer oder tausend Kerzen mit Rockmusik oder Glockenklang ,weinend oder lachend, üppig oder spartanisch, ganz egal, Hauptsache die Tür im Herz ist offen! Jetzt hat mal wer zu mir gesagt: Du scheinst ja jedes Gefühl schon mit Liebe zu verwechseln, oder?
Ja, aber selbstverständlich, mit was denn sonst!!

In diesem Sinne: JUBILATE!

7 Gedanken zu „24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 24: Finale

  1. Liebe Gretl, danke für dein warmes Finale, aber wie könnte es eigentlich auch anders sein, bei Einer, die die Liebe in die Welt schenkt!
    Jeden Raunachtabend tönt nun meine Trommel über das Land, möge Frieden und Liebe, Fröhlichkeit und Mitgefühl sich verbreiten und verwurzeln.
    Ich umarme dich und sage Danke für diese wunderbare, vierundzwanzigtägige Bühne – an dich und alle, die hier mitgewirkt haben und das Deutschsein ein kleines bisschen greifbarer gemacht haben.
    von Herz zu Herz – Fröhliche Weihnachten unter und mit der Nordmanntanne
    Ulli

  2. Da möchte ich mich gerne dem Dank anschließen: Ach, liebe Graugans … und wieder hast Du es geschafft, Menschen aus allen nur denkbaren Ecken unseres Landes (und weit hinaus) zusammen zu führen, um ein nun wirklich sperriges Thema zu bearbeiten … Die Unterschiedlichkeit der jeweiligen Ansätze hat mich ein ums andere mal fasziniert … und waren so ein großer Gewinn für mich.

    Von daher nochmals mein herzliches Dankeschön und irgendwie bin ich mir sicher … irgendwann mal heckst Du wieder was aus … Dass in Deinem blog so unterschiedliche Menschen zu Wort kommen können, ist nun wirklich ein ganz besonderes Charakteristikum für diesen blog.

    Ich wünsche Dich gute Raunächte !

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